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J. F. Dam

Brennende Zedern

Kriminalroman

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 GRAFIT in der Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, D-50667 Köln

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Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Umschlagmotiv: Evelina Kremsdorf/Trevillion Images,

shutterstock.com/Goran Jakus

Lektorat: Nadine Buranaseda, typo18, Bornheim

Druck und Bindearbeiten: CPI – Clausen & Bosse, Leck

E-Book-Produktion: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-89425-777-4

1. Auflage 2021

J. F. Dam, geboren 1963, studierte in Wien Literatur, Sanskrit und indische Philosophie. Nach zahlreichen Auslandsaufenthalten in den USA, Indien und Südostasien lebt er heute mit seiner Familie in Salzburg. »Brennende Zedern« ist sein dritter Roman.

Für C., T. und J., vielleicht gefällt ihnen diese Geschichte

Alle Dinge, o Mönche, brennen …
Und wodurch brennen sie?
Sie brennen mit dem Feuer der Leidenschaft,
mit dem des Hasses und des Wahns.

Gautama Buddha, Adittapariyayasutta

… oder ein Muslim würde sich im Karneval hochsprengen, das wäre auch gut.
Christian Lüth, damals AfD

… und das macht mittelfristig einen Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich.
Heinz-Christian Strache, damals FPÖ

Prolog

Wie riesige Finger ragen zwei bleiche Holzstücke aus einem See aus Beton. Kräne stehen an den Baugruben weiter hinten. Gerüste und halb fertige Gebäude sind in der Dunkelheit zu erahnen, als die Stille von zwei Wagen durchschnitten wird, die, nach Hin- und Hergeschweife ihrer Scheinwerfer, vor dem kleinen Betonsee halten.

Wanderer, Michael Hanck und drei von Wanderers Leuten steigen aus.

»Da drüben, Kommissar«, ruft Hanck, worauf sie ihm alle zu dem frisch gegossenen Betonfundament folgen.

Es hat die Größe eines Volleyballfelds. Dort angekommen, nickt Hanck aufgeregt. Wanderer wischt sich den Schweiß von der Stirn, zückt seine Stabtaschenlampe, lässt den Lichtkegel die Holzfinger suchen. Als er sie entdeckt hat, schweigen sie alle sekundenlang und starren auf die graue Fläche hinaus.

Am späten Montagabend hat sich Hanck bei Wanderer gemeldet. Er und sein Kumpel Jossi hätten den Auftrag erhalten, erzählte er Wanderer am Telefon, am Sonntagmorgen hundertzwanzig Kubikmeter Beton der Konsistenzklasse F6, also fast flüssig, auf die Baustelle der Ausländersiedlung zu fahren und das abgetreppte Fundament damit zu füllen. Niemand war da außer so ’n dunkler Junge mit so ’nem Akzent, der habe sie eingewiesen.

»Glauben Sie mir, Herr Kommissar, ich dachte einfach, Architekturstudent aus dem Ausland, Praktikant. Und Auftrag war ganz offiziell. Meine Kollegen beim Betonwerk mussten deshalb auch arbeiten Sonntag.«

Warum er Wanderer anrufe?

Na, der Junge, sagte Hanck, weil, den habe er einmal gesehen, sei ihm erst später zu Bewusstsein … An so einer Araberklitsche, am Marienhof, er sei damals gerade mit ’nem Kumpel unterwegs gewesen. »Feierabendtour, Prämie, Sie wissen schon, Herr Kommissar. Hat mich stutzig … Ja und außerdem war keiner an der Rüttelmaschine gewesen. Niemand da außer dem Jungen. Alles eine ganze Länge sonderbarst.«

Worauf Wanderer, zunächst zögernd, nach ein paar Stunden Schlaf alarmiert hochgeschreckt war und Hanck um vier Uhr aus den Federn geholt hat.

»Kann man dorthin?«, fragt Wanderer, dessen Hand zu zittern beginnt. Er wirft jetzt einen strengen Blick auf Hanck, der sich auf die zerfurchte Erde gekniet hat, um ihn herumwuselt, schließlich vor Wanderer steht und ihm die Sicht nimmt.

Zaghaftes Morgenlicht zieht langsam über die Baustelle des zweiten Teils der »Mittellandsiedlung für Neue Bürger und Anwärter«, genannt »MilaNBA II«.

»Mit einer Bohle, ja, und mit einer gelben Schalungstafel d-d-drunter«, sagt Hanck.

Hanck ist gestern noch einmal rausgefahren zur MilaNBA, deren erster schon seit Jahren von Syrern bewohnter Bauabschnitt in Achenburg richtigen Wirbel verursacht hat. Ausgerechnet er, Hanck, dem diese Leute alle den Buckel runterrutschen könnten, müsse hier arbeiten. Und dabei habe er die Holzstücke gesehen. Und eine zertretene Sonnenbrille an der Grube, dazu Spuren von Autoreifen, die dort bestimmt nicht hingehörten. Seither habe er keine Sekunde Ruhe gehabt.

»Dann her damit.« Wanderer legt sein Leinenjackett ab und geht mitsamt Taschenlampe auf einem dicken Brett, das zwei seiner Leute auf eine Schalungstafel gelegt haben, hinaus auf die schon angesteifte, aber noch nicht tragfähige Betonfläche.

An den bleichen Bohlenstücken kniet sich Wanderer hin, legt die Lampe beiseite, schiebt einen Hemdsärmel hoch und gräbt mit der Hand entlang der herausstehenden Holzteile nach unten. Eine Handbreit unter der Oberfläche wird aus den zwei Holzstücken eine einzige dicke Bohle. Jetzt muss Werkzeug her.

Jemand reicht Wanderer eine Schaufel, mithilfe derer er einen Trichter um das schon erzeugte Loch freilegt. Daraufhin kniet er sich wieder hin und schiebt die Hand weiter hinab in den Beton.

Unten dreht Wanderer die Handfläche, als er auf eine Rundung trifft. Und fährt zurück, als hätte er in eine Stromleitung gegriffen. Mit seinem schönen Hemd legt er sich der Länge nach hin und gräbt mit den Fingern an der Vorderseite der Rundung weiter. Noch einmal zuckt er zurück.

»Höllenbrut«, murmelt Wanderer, als er sich ächzend wieder aufrichtet.

Er ist sich seines Funds sicher. Diesen Kopf kennt er.

»Her mit der ganzen Truppe«, sagt er mit heiserer Stimme zu seinen Leuten, die am Grubenrand stehen. »Dreißig, vierzig Meter Absperrung. Scheinwerfer nicht vergessen.«

Eine halbe Stunde später sind sämtliche Leute von der Spurensicherung, die Feuerwehr und eine Menge unnötiger Gesellen da, die Wanderer einen ganzen Zipfel des Tatorts zertrampeln. Die Spurenspezialisten machen mit ihrem Laser Panoramaaufnahmen der Umgebung des Betonfundaments. Feuerwehrmänner kriechen auf Platten hinaus zu der Bohle. Sie legen einen großen Trichter um die Bohle frei und befestigen mehrere Haken daran. Schalöl wird in den Betontrichter gegossen. »Damit es flutscht«, sagt der Kommandant der Feuerwehr zu Wanderer.

Die Sonne ist mittlerweile hinter den Hügeln aufgegangen. Die Hitze beginnt. Die Scheinwerfer in Wanderers Rücken sind noch an. Seine rechte Hand flattert wieder. Unwillkürlich macht er einen Schritt beiseite, als langsam der Leichnam aus der Grube hervortaucht. Zweiter Bürgermeister Johann Per Westgart. Das Gesicht und die ganze Gestalt betonfarben. Das Kinn hängt auf der Brust. Westgart erscheint noch größer, als er es ohnehin gewesen ist. Er ist beleibt und mausetot. Beton tropft zäh aus seinem Mund und Schalölschlieren rinnen als braunes Blut an ihm hinab.

Der gekreuzigte Westgart, denkt Wanderer und wankt wie ein knorriger Baum, in dessen Ästen sich der Wind zu schaffen macht.

Johann Per Westgart ist an eine zweieinhalb Meter lange, massive Holzbohle gebunden, deren oberes Ende einer zweizinkigen Gabel gleicht. Westgart hat die Schultern zurückgedrückt, die Arme sind über ein kleines, höchstens anderthalb Meter langes Querbrett, das man unter Schulterhöhe aufgenagelt hat, nach hinten geschlauft. Die Hände sind in Westgarts Rücken an der Hauptbohle fixiert und ein Strick ist um seinen Leib gewunden.

Wanderer zieht eine Zigarette aus der Packung Benson & Hedges in seiner Hosentasche, steckt sie an und macht drei tiefe Züge.

»Jeder hier vergisst eine Woche lang, was Schlaf ist!«, schreit er daraufhin all die erstarrten Gestalten um ihn herum an. »Ich will einen ganzen verfluchten Lastwagen voll mit Hinweisen. Und wer ein einziges Wort an irgendjemanden verliert, der mit einem von der Presse einmal vor zwanzig Jahren auf dem Klo gepinkelt hat, den verfrachte ich eigenhändig …«

Wanderers letzte Worte zerstieben in flatternden Luftmolekülen. Triebwerkslärm eines Airbus 320. Dreihundert Meter über dem Betongrab des gekreuzigten Bürgermeisters der Stadt Achenburg dreht der Airbus nach Norden ab. Frühflug nach Berlin.

I

Das fliegende Mädchen

Über mir trieft das Morgenlicht langsam durch die Blätteretagen eines großen Walnussbaums.

Ich stehe an meinem Wagen, fördere ein Gummistoffband zutage, lege den Kopf in den Nacken und wuchte einen Haarschwall von der Farbe nasser Baumrinde durch das Band hindurch. Bevor ich alles wieder in Normalposition bringe und den Blick auf das fliegende Mädchen und die Polizisten vor mir lege.

Die spätsommerliche Morgenhitze ist verblüffend. Und der pralle Milchhimmel, der über alles gezogen ist, wird sich demnächst als ein tiefblauer, gleißender Schmetterling entpuppen.

Ich winke den Polizisten zu. Vor ihnen stehen zwei Männer mit Schnauzbärten, Bauchansatz und Kurzarmhemden. Sie rauchen. Achenburger Kriminalpolizei. Wieso sehen die alle immer so aus? Und wo ist Wanderer, der alte Knurrzopf?

Hinter dem Absperrband, nur wenige Meter von den Männern entfernt, ist am Boden des Parkplatzes eine blutig hingemalte Silhouette mit der Andeutung von ausgebreiteten Armen zu sehen. Als hätte ein zehntausend Grad heißes Feuer die Umrisse eines Körpers dunkelrot in den Asphalt gebrannt. Und den Körper, der sich bloß Sekunden zuvor im Fliegen versucht hat, verdampft.

»Sie mailen mir eine Kurzfassung des Protokolls?«, frage ich eines der Kurzarmhemden. Sein Name ist Mandl.

Er zögert.

»Sollte kein großes Problem sein«, sagt Mandl doch noch rasch. Dazu streicht er sich verschämt über den Schnauzbart, die farblosen Augen flackern.

Wie mancher Beamter von Polizei oder Kripo fühlt er sich von mir sofort in die Ecke gedrängt. Es fällt ihnen allen schwer, mir etwas auszuschlagen: Frau, arabisch, nicht gerade hässlich, Ausrufezeichen, nicht gerade dumm, Ausrufezeichen, fordernder Blick. Obwohl nicht muslimisch, kann da so manches in die Hose gehen. Also besser nicken. Dazu kommt der Ehemann, wenn man auch hört, sie leben getrennt.

»Danke«, sage ich und bin froh, dass die Worte noch funktionieren und das ganze verdammte Leben noch da ist.

Die Szene vor mir ertrage ich nur, weil ich eine halbe Stunde zu spät gekommen bin. Der Krankenwagen mit der Leiche hinten drin ist schon weg. Gesine Wildung ist ihr Name. Einundzwanzig Jahre alt. Spektakulärer Suizid? Mord? Von der Loggia da oben im zweiten Stock, an der jetzt ein uniformierter Polizist steht. In der Hand hält er ein langes Maßband, das man hinunter zu den Abdrücken des Körpers auf dem Asphalt gezogen hat. Ist dort hinter ihm etwa die Fensterscheibe zerbrochen?

Während Mandls Kollege die Entfernung notiert, gehe ich zum Eingang des Wohnblocks und die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Dabei bemerke ich, dass meine Jeans an den Oberschenkeln schlackern. Ich muss aufpassen, zwei oder drei Pfund zunehmen, denke ich und versuche einen Augenblick in der Normalität dieses Gedankens zu verharren.

Die Tür zu Gesine Wildungs Wohnung steht halb offen. Eine mollige Frau von der Spurensicherung ist gerade dabei, ihren Koffer zu ordnen und die kleinen Fundstückcontainer zu schließen. Ein Sack mit der Kleidung der Toten liegt neben ihr.

Ich sehe sie fragend an.

»Guten Morgen«, sagt sie, sie heißt Elisabeth Kramer, »nichts Interessantes für Sie, Laya. Tabletten auf dem Boden. Die war bestimmt unter Drogen. Fast leere Wodkaflasche, Bierdosen. Wie zu erwarten. Und rein können Sie jetzt nicht. Wir versiegeln das gleich.«

»Und sonst?«

»Sonst?«

»Wie fühlt es sich an?«

»Sie müssten sich das ansehen«, sagt Elisabeth Kramer und hebt die Hand. »Ist abartig weit gesprungen, die Arme. War Schwimmerin. Wir haben ein großes Set von Schwimmbrillen gefunden und Schwimmanzüge.«

Ich mache zwei kleine Schritte in die Wohnung. Da ist aber ohnehin nichts zu sehen. Brennstellen auf dem abgewetzten Boden. Sofa, Matratze mitten im Raum, ein schmaler Schreibtisch. Daneben ein 3D-Streifenlichtscanner auf seinem spinnenartigen Stativ. Er ist bereits abgeschaltet.

Ich stelle mir vor: Gesine Wildung sitzt auf dem Sofa, ihr Blick schweift zu der leeren Wodkaflasche vor ihr. Sie fängt an zu zittern, wirft ihre brennende Zigarette auf das alte Parkett, klatscht sich die Hand mit den letzten Tabletten vor den Mund, ein paar fallen dabei auf den Boden, und schüttet mit der anderen eine halbe Dose Bier in sich hinein. Schließlich springt sie auf, rennt hinaus auf die nächtliche Loggia und macht, was wir alle vor zwei Stunden noch für unmöglich gehalten haben: Sie überspringt die Brüstung mit ausgebreiteten Armen und schlägt mit dem Gesicht voran auf dem Asphalt auf. Mich schaudert. Ich mag den Tod nicht. Und schon gar nicht diesen.

Und die Mordversion? Wie sollte die gehen?

»Mord möglich?«, frage ich Elisabeth Kramer, die sich mit ihrem Metallkoffer an mir vorbei aus der Wohnung schiebt und mir freundlich auf die Schulter tapst.

»Nein, würde ich sagen, nein.«

Ich rühre mich nicht von der Stelle. Das Einzige, was ich verstehe, das bin nur ich selbst. Seit damals hinter dem Flughafen von Beirut gehe ich an Leid nicht mehr mit der gleichen Distanz heran.

Der Polizist in Uniform kommt von der Loggia, nickt mir als Begrüßung wortlos lächelnd zu, händigt Elisabeth Kramer, die noch hinter mir auf dem Gang steht, das Maßband aus, wobei er fast meine Schulter berührt, und fängt an, das Scannerstativ zusammenzuklappen. Ich drehe mich weg von der Wohnung. Ordne in meinen Gedanken, was zu ordnen übrig geblieben ist. Ein paar Meter hinter der Frau von der Spurensicherung trotte ich die Treppe schweigend wieder hinunter.

»Grüßen Sie Wanderer«, sage ich am Hauseingang leise und so heiter wie möglich zu Mandl, als ich an ihm vorbei zu meinem MINI gehe. Dabei ist mir ganz nach Düsternis.

***

»Unreal City, drip drip drop«, surrt ein Lied im Radio und ich bin nicht fähig, es abzustellen.

Dieser Tag geht mir an die Nieren. Es ist ein trauriger Song und die Harfe im Hintergrund fasziniert mich. Meine kleinen Ohren und die oft bewunderte Nase halten die einen nicht davon ab, besonders differenziert zu hören, und die andere nicht, der Welt mit kleinlicher Skepsis zu begegnen. Als gäbe sie unpassende Gerüche von sich. In Gesine Wildungs Wohnung hat es nach Verzweiflung gerochen. Und muffigem Gummi.

Ich halte kurz an, schreibe Gesine Wildungs Namen und ein paar Worte über ihre Wohnung in die Notiz-App meines Telefons und trage blassrosa Lippenstift auf. Dazu einen Hauch Puder, um die Konturen meiner zwei Handvoll Sommersprossen zu verwischen. Wieder ein Versuch des normalen Seins, das man dem Tod entgegensetzt. Ich glaube, das ist ein Satz von Wanderer. Der Blick in den Kosmetikspiegel lässt mich noch mehr an diesem Morgen zweifeln. Die Wangen zu hoch, die grünbraunen Augen zu hohl. Die Modelagentur, die mit neunzehn hinter mir her war, würde sie mir heute Morgen einen Vertrag anbieten? Kleidermodel mit Augenfalten und Kalamitäten im Blick für reifere Kundinnen? Ich löse das Haar wieder aus dem Band, blecke kurz die Zähne, alles weiß, und fahre los.

Ich muss wenigstens so tun, als begegnete ich der Welt so wie sie mir: abgeklärt, widerspenstig, ohne Blöße.

Schon nach der großen Ampel in der Primgartenallee bremse ich ab und wende bei der nächsten Gelegenheit.

***

Zwanzig Minuten darauf sind von dem zermatschten Gesicht vor mir streng genommen nur noch zwei Piercings aus chirurgischem Edelstahl erkennbar. Unter den Lippen, links und rechts. Sonst regieren die Farben Rot, Rotschwarz, Hautfetzenbeige und ein paar Höcker Knochenweiß. Dazu rötlich braun gefärbte Haare. Und keine Einstiche an den Armen.

Übelkeit kommt, obwohl ich heute noch nichts gegessen habe. Ich sehe mich nach einer Möglichkeit zum Festhalten um. Geruch nach Formaldehyd. Doch da gibt es nur den Arzt und einen jungen Kripobeamten. Die Obduktion ist bereits vorüber. Der Stahltisch, auf dem Gesine Wildung liegt, kommt schon aus Pietätsgründen nicht infrage. Ihr Gesicht ist monströs in seiner rohen Nacktheit. Ich schiebe ein Bein etwas nach rechts, um eine größere Standfläche zu bekommen. Der Gedanke an das blutige Gesicht meiner Mutter drängt herein. Ich kenne den Gedanken genau, weiß um seine Schwächen und diesen Kampf gewinne ich.

»Und ein Wahnsinnscocktail im Magen«, sagt der Arzt. Er hat vorhin meinen Blick auf die möglichen Einstichzonen an den Unterarmen bemerkt. »Frau Niering?«

Der Rechtsmediziner, sein Name ist Wirsheim, glaube ich, wundert sich über meine Unkonzentriertheit. Wir haben uns schon einmal gesehen. Meine skeptisch gespitzten Lippen dürften ihm vertraut sein, denn er nimmt sie einfach hin, selbst dann, als ich dazu ungläubig den Kopf schüttle.

»Sie geben mir die Auflistung des Drogencocktails?«, frage ich konziliant.

»Können Sie ausnahmsweise haben, Frau Niering.« Wirsheim wirft dem Polizisten einen Blick zu.

»Aber keinesfalls vergessen.« Das kommt ziemlich streng. Für Feinheiten fehlt mir gerade die Kraft.

»Die wäre auch ohne Sprung in vier oder fünf Stunden hinüber gewesen«, sagt der Arzt ungerührt.

»Und warum?«, frage ich und sehe Wirsheim an.

»Warum was?«

»Warum Suizid durch Hechtsprung, noch dazu auf diese Weise, wenn Drogen und Alkohol das ein ganzes Stück angenehmer erledigt hätten?«

»Zugedröhnt bis oben. Alles möglich dann. Zuerst kommt der Rausch, dann die Verzweiflung und am Ende hätten die Drogen sie getötet. Darauf hat sie nicht gewartet, ist eben gesprungen.«

Wirsheim ist ein großer, schwerer, melancholischer Mann mit öligem Haar, ein Arzt, wie man ihn auf Krankenhausfluren nicht zu sehen bekommt. Mein Blick wandert wieder langsam zu Gesine Wildung zurück. Die Sache schmeckt mir ganz und gar nicht. Und wie ist das mit dem Blut?

»Blut schon analysiert?«, frage ich.

»Nein. Nur Mageninhalt. Blut kommt in ein paar Stunden. Ich schicke Ihnen das mit.«

Als wir die Kühlhalle verlassen haben und der Kriminalpolizist in seinem BMW verschwunden ist, überlege ich kurz und gehe über den glühenden Parkplatz noch einmal zurück. Die mediterrane Hitze und der Rest von Gesicht in dem Gebäude, auf das ich erneut zusteuere, vermengen sich unvorteilhaft. Ich bin jetzt fast wehrlos. Die Luft fängt an zu tanzen, meine Ohren surren, als nähmen sie den Anflug der israelischen Drohnen auf Beirut wahr.

Es war unser ganz normaler Feriensommer im Jahr 2006, den wir immer in der alten Heimat meiner Eltern verbracht haben. Für Abu endete eine lange Reise, die seiner Ehe, in dem halb zerstörten Land, das er, der melkitische Christ, fünfundzwanzig Jahre zuvor verlassen hatte, um sich ein Leben als Ingenieur in Almanja zu schaffen. Denn irgendjemand in Jerusalem war damals spontan auf die Idee verfallen, das Sommerloch doch mal wieder für das Libanon-in-Schutt-und-Asche-legen-Spiel zu nutzen. Und wir mittendrin.

Als ich um die Ecke biege, sehe ich Wirsheim vor dem Hintereingang der Prosektur in der sengenden Hitze stehen und Gauloises rauchen.

Noch bevor ich ihn erreiche, kommt unweigerlich der Satz, den ich ausgestoßen habe wie einen Zauberspruch: »Halt durch, Mama.« Immer wieder. Der Arm meiner Mutter hing wie ein kaputtes Puppenglied an ihr, ihr Gesicht war mit Blut vollgespritzt. Und der Splitter der Drohne hatte sich tief in den Autositz gebohrt.

Der Blick des Rechtsmediziners hebt sich mir schwerfällig entgegen.

»Wie war die Menge im Magen?«, frage ich und unterdrücke den Wunsch, ihn um eine Zigarette zu bitten. Ich hätte das jetzt nötig.

»’ne ganze Menge, das ist sicher.«

»Und wie ist das, wenn man ordentlich zugedröhnt ist?«

»Sie haben recht. Tja.« Er denkt nach. Hätte er schon vorher machen können, dieses Plattgesicht. »Wenn das also alles ins Blut geht«, sagt er, »ist im Magen nicht mehr viel vorhanden. Wenn Frau Wildung vorher nicht viel mehr geschluckt hat, war sie nicht besonders high. Alles noch im Magen.«

»Dachte ich mir’s doch. Drogen nur zur Irreführung«, sage ich. Ich drehe mich um und werfe Wirsheim zum Abschied eine Art von kollegialem Blick zu. »Die hat das in vollem Bewusstsein durchgezogen.«

***

Kaum habe ich die Wiedengatter Straße erreicht, die bogenförmig in den Westen der Stadt führt, ruft Wanderer an. Ich drücke auf die grüne Taste auf dem eingebauten Bildschirm meines MINI und beachte den dreckig orangefarbenen Opel Kadett kaum, der schon eine Weile hinter mir herfährt. In die Wiedengatter Straße fahren nicht viele. Und dieses uralte Ding von Auto hat es offenbar ganz eilig mit der Wiedengatter Straße.

»Ich muss Sie sprechen, Laya«, sagt Wanderer. »Persönlich.«

»Ich Sie wohl auch.«

»Wenn das so ist, schlage ich übermorgen vor. Ich schicke Ihnen noch eine Nachricht betreffend Ort und Zeit, in Ordnung?«

»Und warum nicht heute?«

»Muss erst der ein oder andere Tag vergehen. Es handelt sich um ein gewagtes Unternehmen.«

»Wie das?«

»Da haben eine Menge Leute ihre Finger im Spiel und es ist nicht schön.«

»Sie klingen so anders, Wanderer.«

»Es ist auch alles ganz anders, Laya, als es noch vor fünf Stunden war.« Damit unterbricht Wanderer das Gespräch.

Mein Kopf ist in Bewegung. Ich will mich von Wanderer nicht irremachen lassen, drehe das Radio lauter und nehme einen ruhigen Umweg am Stadtrand entlang, einfach nur, um mir Zeit zu geben. Die Redaktion verkrafte ich in meinem Zustand noch nicht.

Inzwischen ist der Opel Kadett ungeduldig geworden. Er setzt zum Überholen an, schafft es jedoch nicht. Am Ende hupt er. Geradezu hemmungslos. Lange und laut. Ich gebe Gas. Der stinkt ja zum Himmel. Jetzt bremst der Kadett scharf, kommt ins Schlingern und rutscht ein Stück auf einen Seitenstreifen aus Gras. Zwischen zwei Reihenhaussiedlungen gibt es an dieser Stelle hundert Meter lang nur Wiese und ein Wäldchen mit Weiden und Erlen. Der Abhang zu den Bäumen ist nur anderthalb Meter tief, aber abrupt. Und genau danach scheint es den Opel zu verlangen, eine Rutschpartie. Ich halte an und setze fünfzig Meter zurück. Ich steige aus meinem MINI und nähere mich dem Opel, der jetzt auf seiner Bodenplatte liegt. Ein Rad rotiert in der Luft, es dampft aus dem Kühler. Die Vordertür des Kadett springt auf und ein strohblondes Haarbüschel erscheint. Nach dem Büschel taucht eine Hornbrille hoch, unsagbares Gestell. Und darunter ein großer blutiger Fleck, der als Nase und angeschwollene Oberlippe durchgehen soll.

»Dachte schon, ich erwische Sie nicht mehr«, sagt die blutige Hornbrille. »Was nicht alles nötig ist, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Na? Jetzt schauen Sie sich diesen Wagen an. Alles nur wegen diesem blöden Ding da.« Hornbrille greift in seine Hosentasche. »Wo hab ich ihn denn nur gleich? Verdammt. Ach, da isser ja. Hat mich meine letzten funktionierenden Neuronen gekostet. Irgendwann kriegen die mich so oder so. Und dann ist Schluss mit traurig, he, aber ich seh schon, Sie haben wohl nicht vor, mir zu glauben. Nein?«

Hornbrille hält mir einen Speicherstick vor die Nase. Die Sonne knallt mir auf den Kopf.

»Was, zum Teufel, soll ich glauben?« Ich schaue ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

Der Mann vor mir ist mittelgroß, schlaksig, abscheulich dunkelgraues T-Shirt. Kaum älter als ich, Mitte dreißig.

»Jetzt rufen wir mal schön die Feuerwehr«, sage ich und es soll mies gelaunt klingen, »danach die Nervenheilanstalt und für die totgefahrenen Frösche die Tierschützer. Die knüpfen Sie dann sowieso auf.«

»Da«, sagt Hornbrille und meint damit den Speicherstick, den er mir immer noch hoffnungsvoll entgegenstreckt. »War ein paar Tage richtig harte Arbeit. Ist keine Säurebombe oder so was.«

Ich zögere einen Augenblick und nehme den USB-Stick in Empfang.

»Und was soll ich damit?«, frage ich, stecke den Stick in eine Gesäßtasche meiner Jeans und ziehe für Hornbrille ein Taschentuch hervor.

»Ich hab das durchgezogen. Die sind in meine Bude, heute Morgen … – Danke.« Hornbrille versagt für einen Moment die Stimme, während das Taschentuch unbenutzt in seinen Fingern baumelt. »Drei Pakistanis, vielleicht auch Türken oder Araber, wer weiß das schon so genau? Die Typen wussten, ich bin da an etwas dran. Den Stick haben sie aber nicht gefunden.« Er sieht durch mich hindurch, dorthin, wo ich den Speicherstick verstaut habe. »Der lag bei mir im Wagen unter dem Sitz. Und am Computer fanden sie keine Spur.«

Ich ziehe mein Telefon aus der Tasche und tippe die Notrufnummer der Feuerwehr.

»War gerade für so ’nen Typen ein paar Sachen auf der Spur, wetten, Sie wollen nichts Genaueres drüber wissen«, fährt Hornbrille fort. »Und was, glauben Sie, seh ich dann vor ein paar Tagen auf meinem PC?«

»Wieso kommen Sie mit alldem zu einer Journalistin von der Bergenpost?«, unterbreche ich ihn barsch, als sich jemand meldet.

***

Drei Minuten später stehen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Schatten einer Linde, nachdem ich der Frau vom Notruf unsere Position durchgegeben habe und wir auf den Abschleppwagen warten.

»Stinkt alles geradezu nach Tod«, sagt Hornbrille. »’ne Menge auf Arabisch und auf Deutsch und supersicher versteckt. In diesem Darknet? Wo zwielichtige Leute unbeobachtet ihre Sachen abziehen? Sind die gefährlichsten Typen auf dem Planeten, sag ich mir. Da denke ich an Sie …«

»Dieser Auftrag hat …?«, frage ich.

»Ja, ganz zufällig. Hab die Sicherheitsverschlüsselung geknackt.«

»Und das befindet sich alles auf dem Speicherstick?« Ich taste in meiner Jeans danach. Woher wusste der, wo ich mich diesen Morgen aufhalte? Davon haben doch nur die Leute in der Redaktion Kenntnis.

Hornbrille nickt. Seine Telefonnummer schreibt er auf meine Bitte hin auf einen Zipfel des Taschentuchs. Dazu seinen Namen. Ich sehe nicht hin, was er schreibt, mustere ihn stattdessen. Jetzt verwendet er zögerlich das restliche Tuch, um sich Blutreste aus dem Gesicht zu wischen. Ich lasse ihn machen. Es gibt etwas, das mir an ihm nicht behagt. Vielleicht das Zucken seiner Mundwinkel? Die zu flinken Blicke? Am Ende ein harmloser Typ, von dem man allerdings nicht weiß, was ihn wirklich antreibt.

Der Fahrer des Abschleppwagens lässt Hornbrilles Opel auf die Ladefläche ziehen, während ich meine smaragdgrüne Jil-Sander-Bluse zurechtzupfe. Ich fühle mich ausgesprochen unwohl. Hornbrille will im Abschleppwagen in die Stadt mitfahren, was ihm der Fahrer widerwillig erlaubt. Will wohl Abstand von mir, denn mich hat er gar nicht um eine Mitfahrgelegenheit gebeten. Der Fahrer hantiert mit einer Fernsteuerung und beglotzt mich die ganze Zeit von oben bis unten.

Weiß nicht, was es da zu sehen gibt, will ich ihm um die Ohren hauen.

Hornbrille sind die Blicke des Fahrers unangenehm. Er stiehlt sich davon, indem er gleich in das Führerhaus des Wagens steigt und das Fenster herunterlässt. Eine schöne Frau hat in dieser Männerwelt keine Sekunde Ruhe. Es ist wie ein Freiluftgefängnis aus Blicken. Wenn nicht Schlimmeres. Auch deshalb habe ich keine Fotos von mir auf meinem Facebook-Profil, das ich beruflich brauche, und Instagram meide ich wie die Hölle. Ich frage mich, wann das aufhört. Wenn ich fünfzig bin? Daher diese Abwehrreflexe, die man sich antrainiert, seit man dreizehn ist, und die frechen Erwiderungen.

Der Fahrer ist fast fertig, Hornbrilles Kadett ist schon auf die Ladefläche hochgezogen, unterdessen habe ich vorgegeben, auf meinem Handy wichtige Nachrichten zu schreiben. Ich stehe ja nur rum, hier im Schatten, um ganz sicherzugehen, dass er Hornbrille auch tatsächlich mitnimmt. Ich sehe kurz auf. Ins Leere hinein. Auch das lernt eine Frau, die als schön gilt: Augen ins Nirgendwo, deren Blicke absolut niemals einen Mann treffen.

Die Räder des Opel werden fixiert. Hornbrille kauert eichhörnchenhaft auf dem Beifahrersitz und schaut gebannt durch die Windschutzscheibe.

»Alles klar, Frau Niering«, sagt der Fahrer und grinst reichlich unsicher.

Ich ignoriere ihn und winke Hornbrille zu.

Der Abschleppwagen brummt in meinem Rücken, als ich zu meinem Wagen gehe, und zieht auf die Straße. Eigentlich wäre die Ehe der Ort gewesen, um mich vor jenen Männern zu schützen, die ich nicht will. Hat nicht funktioniert. Ehe in Trümmern, Gatte starrt auf seine Auflagenzahlen wie Hornbrille gerade noch aus dem Fenster. Und das nicht so nüchtern. Ich öffne die Autotür. Ein Schwall Hitze schlägt mir entgegen. Die Ledersitze würden glühen, wenn sie könnten. Ich lasse den Motor an, das Leder brennt unter mir. Verflucht, denke ich, wo ist Hornbrilles Telefonnummer? Ich suche meine Jeans ab, kann das Fitzelchen Taschentuch jedoch nicht finden. Draußen auf der Straße liegt nichts Weißes. Ich steige aus, schaue am MINI entlang. Der Papierfetzen liegt am Vorderreifen. Ich pflücke ihn darunter hervor, stelle fest, dass Hornbrille Manfred Koller heißt, steige wieder ein und fahre los.

Ich bin heute komplett von der Rolle. Was hast du dir nur gedacht, Gesine?

***

»Hey, Laya«, sagt Marina, die rechts am Newsdesk der Bergenpost sitzt. Sie sieht mich aber kaum an. Dafür hat sie gerade keine Zeit. Eigentlich hat sie die nie.

»Durchhalten, Leute«, sage ich.

Mark, dessen Platz links von Marina ist und der in dieser Vier-Stunden-Schicht den Chef vom Dienst geben muss, zeigt mir ein halbes Lächeln unter seinem dunklen Vollbart und den Daumen nach oben.

»Schaffen das schon«, sagt er. »Wie jeden verdammten Tag.« Dazu noch eine Art von dankbarem Seitenblick. Endlich ein Mensch, der nichts von ihm will und ihn nicht unter Druck setzt.

Vor zwei Minuten bin ich im vierten Stock aus dem Fahrstuhl gekommen. Gefilterte, klimatisierte Luft hat mich empfangen, der stets etwas Unwirkliches anhaftet. Dann die Aufgewühltheit einer stürmischen See. Unvorstellbar, dass der riesige Raum vor mir jemals einen Augenblick Stille erfahren hätte. Der Newsroom der Bergenpost, Deutschlands erster und größter reiner Onlinezeitung, quillt über von zwei Dingen: dieser physisch greifbaren, gallertartigen inneren Unruhe, die den ganzen Raum ausfüllt, sich hochtürmt wie Wellen, dazu mit unerträglichem Lärm. Stimmen, die einander zurufen, die telefonieren, die sich in Gesprächen zu zweit oder dritt befinden. Sechzig Leute, manchmal achtzig.

Bei Mark und Marina stehend, werfe ich einen Blick hinüber zur zweiten Stehung der Ressortleiter. Ich bin zu spät dran dafür. Ist mir aber schnuppe, ich bin nicht verpflichtet, daran teilzunehmen. Eigentlich ist es ein von Hermann Martinger gewährtes Privileg, teilnehmen zu dürfen, denn sonst sind nur die Ressortleiter oder ihre Stellvertreter eingeladen. Stehungen haben in modernen Newsrooms die Rolle von Sitzungen übernommen und das sagt bereits alles über den Büroalltag von Onlineredaktionen aus. Jede Stehung maximal eine halbe Stunde.

Ich streiche Marina über die Schulter und werfe einen Blick auf die Inhalte der Homepage und auf die Zahlen auf den Bildschirmen vor uns. Weniger, weil sie mich interessieren, einfach nur um Anteilnahme am panischen Alltag meiner Freunde zu zeigen.

Ich entkomme allem hier nur, weil Chefredakteur Martinger keine andere Wahl hatte, als mich zur Chefreporterin für Deutschland und im Grunde auch für den Rest des Globus zu machen. Falls sich die Bergenpost diesen Rest hin und wieder leisten will.

Der CIVIS-Medienpreis, den ich für meine Syrien-Reportage im MDR während der Flüchtlingskrise erhalten habe, zusammen mit Flora und dem Kameramann Edgar, hat geholfen, mir diese Freiheit zu verschaffen, der Name »Niering« ebenso, dazu mein Arsch, auf den Martinger von Anfang an ein Auge geworfen hat.

Der Newsdesk ist das Herz der Zeitung. Mark telefoniert inzwischen, mit der Mischung aus Widerwillen, Härte und Kooperation in der Stimme, die seine Rolle ausmacht. Albert, zu Marks Linker sitzend, zwinkert mir zu. Mark ist seit zehn Uhr der Chef vom Dienst, er muss die Homepage der Bergenpost komponieren. Muss die Wünsche der Ressortleiter nach besserer Platzierung moderieren, muss eine Menge Kollegen enttäuschen, kann nur wenige glücklich machen. Er nimmt aufgeregte Anrufe im Minutentakt an, geht nicht mehr dran, wenn jemand zu lästig wird.

Die Leiter der Ressorts »Nachrichten«, »Gesundheit und Wissenschaft«, »Wirtschaft«, »Sport und Auto« wollen nicht nur ihre Artikel mit mehr Traffic, also mit Klickzahlen und Visits, versorgen, wozu sie eine prominente Position auf der Homepage brauchen. Sie haben auch Verträge mit wichtigen Inserenten zu erfüllen, denen eine bestimmte Besucherzahl zu den von ihnen bezahlten Anzeigen, Specials und Inhalten in einem vereinbarten Zeitraum versprochen worden ist. Vertragsbruch bei Nichterfüllung, der Ressortleiter ist dafür verantwortlich, seine Karriere in Gefahr. Mark hat zwar nur eine Vier-Stunden-Schicht am Schaltpult des Wahnsinns zu absolvieren, aber in der wird er von nichts anderem als der Angst um seinen Job und von den Zahlen der Onlinenachrichtenseite auf den Bildschirmen an der Wand vor ihm beherrscht. Da können ihm auch Albert, der Suchmaschinenoptimierer, und die Social-Media-Spezialistin Marina nicht beistehen. Dazu kommen der glatzköpfige Videoredakteur, ein Neuer, dessen Namen ich nicht kenne, und zwei blonde Texteditorinnen, die die Meldungen von Nachrichtenagenturen aufmotzen und sogleich zur Publikation vorbereiten. Sie alle stehen unter der Schreckensherrschaft der serifenlosen, glatten Monster vor ihnen, der Zahlen, die ich gerade unter die Lupe nehme. Diese Zahlen hängen über der Zeitung, den Ressortleitern, den Chefs vom Dienst und daher über uns allen wie ein Damoklesschwert.

»Die haben’s!«, ruft Marina und wirft ihr Haar wütend nach hinten. »Scheiße, die haben’s wirklich.«

Ich weiß nicht, wovon genau sie spricht. Irgendeine andere Zeitung hat irgendeine Neuigkeit vor der Bergenpost gebracht. Dieses Wort sollte es im Zusammenhang mit den Konkurrenzseiten nicht geben: »vor«. Mehr muss ich nicht wissen. Niemand darf vor der Bergenpost etwas bringen. Das ist der Sinn des Lebens in der Redaktion. Denn sind nicht wir, sondern andere vor, werden wir bei der Suche nach einer Nachricht nicht gefunden oder nach hinten gereiht, was sich auf Klicks und Visits auswirkt. Mit einem Wort, wir haben gerade Geld verloren. Viel Geld.

Scheiße, denke ich. Jede Nachricht und die Schnelligkeit, mit der sie gebracht wird, hat ein verdammtes Preisschild um den Hals. Ich verdränge den Gedanken gleich wieder, den Gedanken an den wahren Feind des Journalismus, die Werbeeinnahmen. Ich will ja leben. Scheiße.

»Gib mir ein paar Sekunden«, ruft Connie, eine der blonden Editorinnen. »Gleich.«

Kaum bin ich hier, fange ich an zu fluchen. Ich konzentriere mich solidarisch auf den zentralen Bildschirm. Der zeigt sämtliche Artikel auf der Homepage mit den dazugehörigen Abrufzahlen.

Minutenaktuell sind die Unique-User-Zahlen und Visits von heute zu sehen. Sie zeigen an, wie viele Besucher gerade auf der Seite sind und wie häufig sie die einzelnen Inhalte wie Artikel, Bilder, Videos nutzen. Unique User sind Seitenbesucher, die in der Regel nur einmal am Tag gezählt werden. Kommt derselbe Besucher wieder, ist das nur ein Visit, und da dieser Besucher ihre Werbeflächen ja wahrscheinlich schon gesehen hat, sind die zweiten oder dritten Besuche für die Inserenten von nachrangigem Wert.

All diese Werte zeigen dem Chef vom Dienst, ob er die Seite erfolgreich arrangiert hat. Er prüft jede Minute, wie sich ein Artikel mit welcher Platzierung verhält. Rufen ihn nicht genug User ab, schiebt der CvD einen anderen Artikel nach oben. Dabei berücksichtigt er auch, wie viele Werbeeinnahmen er erzielt. Artikel über Gesundheit beispielsweise sind besonders wichtig, weil die Pharmafirmen teure Inserate schalten. Inserenten nehmen dadurch Einfluss auf die Nachrichten und ihre Platzierung, auf eine Weise, die keinem Nachrichtenleser jemals bewusst ist.

»Schon da!«, schreit Connie. »Mark!«

Mark hebt den Daumen und schiebt die Nachricht, die Connie gerade auf dem Server abgelegt hat, auf Platz eins. Unglück bei Wahlkampfrally in Houston, lese ich. Zwei Tote.

Wessen Wahlkampfrally?, denke ich und werfe noch einen Blick auf die anderen Monitore, bevor ich gehe. Es handelt sich um konkurrierende Onlinezeitungen im Netz. Es ist wichtig zu wissen, was sie bringen und auf welchem Rang eine Meldung beim SPIEGEL, bei der Süddeutschen, der ZEIT, der WELT oder der FAZ liegt. Wobei die BILD-Zeitung der wichtigste Maßstab ist. Und auf den restlichen drei Monitoren läuft der Facebook-Auftritt der Bergenpost, von Google News und ntv.

Mir schwindelt. Ich preise mein Schicksal.

»Ciao«, sage ich, »schaut gut aus. Love you all, guys.«

Marina nimmt meine Hand und drückt sie für eine Sekunde. Mark und Albert nicken. Ich kann nicht sagen, man mag mich in der Redaktion nicht. Allein die Tatsache, dass ich die Leute am Newsdesk nicht um Artikelplatzierungen anbettle oder bei Verschiebung eines Artikels nach unten mit der Apokalypse drohe, verschafft mir gegenüber sämtlichen Redakteuren einen enormen Vorsprung auf der Beliebtheitsskala.

Als ich meine Tasche auf den Schreibtisch plumpsen lasse, taucht vor mir eine Hand hinter einem großen Bildschirm auf.

»Das alte Polizeidepot, Darling«, sagt Walter. Außer der Hand ist von ihm nur der Haarschopf zu sehen. »Schicke es dir rüber.«

Ich verziehe keine Miene. Walter ist groß, trägt gute Hemden, sein Haar stammt aus Italien, seine Geburtsurkunde aus Leipzig, sein Name, er heißt Nietsch, auch, und er gefällt mir. Eigentlich.

»Sensationeller Einbruch, sind mit Lastwagen am Depot vorgefahren. Völlig verrückt. Gibt dort nur ausrangiertes Zeug. Dachte, das könnte dich interessieren, Laya.«

Ich winke Walter, dessen Augen jetzt erscheinen, zur Begrüßung bloß zu und setze mich hin. Wie so oft hat Walter seinen kleinen Kontrollstress drauf. Er will ein Mindestmaß von dem wissen, was ich treibe, und wenn er mir zu diesem Zweck ein paar Dinge vorsortiert.

Ich werfe einen Blick auf meine Post, öffne aber nichts. Ich weiß immer noch nicht, was dieser Tag heute von mir will, außer mich richtig ranzunehmen.

»Danke, Walter. Und was haben die dann gestohlen?«, sage ich und wähle Hornbrilles Nummer.

»Ich frage Plank, wenn du willst.« Walter steht auf.

Wie ich erwartet hatte: Die Telefonnummer gibt es nicht. Hat mich reingelegt, der Kerl. Und Koller heißt er sicher auch nicht. Ich werfe das Handy wütend auf den Schreibtisch.

»Autsch«, sagt Walter und da er schon steht, denkt er sich jetzt einen fürsorglichen Grund dafür aus. »Kaffee? Doppelt?«

Plank ist der einzige Kontakt bei der Polizei, den Walter mir voraushat. Stellvertretender Polizeipräsident. Walter und ich hatten eine kurze Affäre. Aus uns hätte vielleicht etwas werden können. In diesem Punkt sind wir uns grundsätzlich einig. Es war unmittelbar nach der Trennung von Christian vor fast einem Jahr. Und das ist kein guter Zeitpunkt für etwas Neues, denke ich, denkt Walter aber nicht.

Ich nippe an meinem Kaffee, den Walter vor mich hingestellt hat, blende den Lärm um mich herum aus, lehne mich zurück, starre auf meinen Bildschirm, schiebe ein paar hereinstürmende Gedanken an Gesine Wildung weg, ziehe Hornbrilles Speicherstick hervor. Doch bevor ich ihn in einen USB-Ausgang an meinem Computer stecken kann, kommt die E-Mail von Wirsheim aus der Rechtsmedizin. Mit der Analyse von Gesine Wildungs Mageninhalt und ein paar Sätzen zum Blut.

Barbiturate habe man noch festgestellt, schreibt Wirsheim. Keine Amphetamine, aber LSD ist dabei. Ansonsten nur Alkohol. Und nicht einmal davon außerordentlich viel. Was mich in meiner Vermutung bestätigt und mit einem Grund versorgt, es ein paarmal vergeblich bei Mandl zu versuchen. Mandl ist jetzt für den Fall Wildung zuständig.

Am Ende ist es wohl etwas wie Intuition oder auch bloße Verzweiflung, denn Gesine Wildungs Tod scheint mir mit jeder Minute mehr zu entgleiten, etwas, das sie nicht verdient hat, dass ich am Nachmittag die Nummer von Heller wähle. Bei einem späten Lunch hatte ich Walter von Gesine Wildung erzählt. Walter war es auch, der Hellers Namen fallen ließ. Ich habe Heller nicht bei Gesines Wohnblock gesehen. Und deshalb sagt mir mein Gefühl, einer von der Bodentruppe der Kripo wie Heller – und nicht Wanderer oder Mandl – könnte etwas Genaueres von der Sache beim Polizeidepot wissen.

»Heller«, sagt er.

Walter, der ahnt, wer in der Leitung ist, guckt zu mir rüber und nickt.

»Beim Einbruch, Depot, Sie wissen schon«, sage ich, »da waren draußen bestimmt Kameras. Könnte man da vielleicht ’nen Blick …?«

Ich gebe mir Mühe, nicht zu nett zu klingen. Das riechen die. Du musst den Eindruck erwecken, es wäre dir nicht gar so wichtig.

»Leider nicht«, sagt Heller schnell. Er weiß genau, wovon ich spreche, war bestimmt vor Ort. Und dass ich frech nach den Überwachungsaufzeichnungen frage, haut ihn nicht um. »Da ist aber auch nichts Besonderes drauf. Ein paar Vermummte, ein Laster, zwei Frauen dabei.«

»Ach ja, und?«, frage ich.

»Von einer kann man das Gesicht sehen. Anfangs war die Maske noch drauf, beim Rauskommen war sie weg.«

»Einen Augenblick.«

Abu ruft an. Ich drücke Abu weg und sende ihm eine vorgefertigte Nachricht, ich sei in einer Besprechung. Ich habe Abu seit letzten Donnerstag nicht mehr angerufen, was ziemlich lang ist für eine libanesische Tochter.

»Sind Sie noch dran, Frau Niering?«

»Entschuldigen Sie, Heller. Geht schon wieder. Also, eine der Frauen hat die Maske während des Einbruchs runtergenommen?«

»Muss wohl so sein.«

»Und was sagt die Gesichtserkennungssoftware? Ihr müsst ja einen Datensatz haben. Mindestens von einer Demo.«

»Weiß nicht«, sagt Heller. »Verfassungsschutz jetzt.«

»Was? Wie heißt die Frau?«

»Wie gesagt, keine Ahnung. Vielleicht kein Datensatz. Und außerdem Verfassungsschutz. Abteilung zwei.« Heller wird ein kleines bisschen nervös.

»Verstehe«, sage ich.

Das ist superheiß. In Gedanken umarme ich Walter für den Tipp mit dem Depot. Denn Abteilung zwei, das sind die Herren, die sich bei Rechtsextremismus für zuständig halten. Walter steht auf und winkt mir zu. Er geht mit Albert noch einen trinken heute.

Bis morgen, mache ich mit den Lippen.

»Und die Haarfarbe?«, will ich von Heller noch wissen. Wieder mehr Intuition als Verdacht.

»Moment mal«, sagt Heller, so viel scheint zu gehen. »Rot oder rotbraun, sieht gefärbt aus. Und unter den Lippen Vampirstecker.«

»Was?«

»Vampirstecker«, wiederholt er, »so verrückte Piercings, die aussehen wie Vampirzähne, Edelstahlknöpfe, links und rechts gleich unter der Lippe.«

»Danke«, sage ich und zittere vor Aufregung.

Zum Glück ist Walter schon weg. Rotbraunes Haar, Vampirstecker. Gleiche Haarfarbe, gleiche Piercings. Gesine Wildung ist beim Depot dabei gewesen, daran scheint mir in diesem Moment wenig Zweifel möglich. Und der Verfassungsschutz mag den Namen der Frau auf den Kamerabildern kennen oder auch nicht. Daher der sonderbare Gummigeruch. Es war nicht nur Gummi, es war der Geruch einer Lagerhalle, von Staub, Muff, Plastik. Vielleicht ein Schuss Maschinenöl. Das alles musste an Gesine Wildungs Kleidung gehaftet haben.

Ich nehme meine Tasche, laufe zu meinem MINI in die Tiefgarage, lasse mich in den Sitz fallen, atme ein paarmal ganz heftig durch und fahre hinauf auf die Straße. Warum also wollte Gesine Wildung, dass ihr Gesicht wegkommt? Dafür kann es nur einen rationalen Grund geben: weil sie verschwinden wollte, ohne mit den Bildern auf den Depotkameras in Verbindung gebracht zu werden. Tote wie sie werden fotografiert. Es mag Datensätze von Demos geben, die man zu ihr zurückverfolgen könnte. Jetzt wohl nicht mehr. Oder wollte jemand anders, dass sie derart vollständig verschwindet? Damit das eine nicht so leicht das andere ergibt? Eine andere Möglichkeit ist, sie war psychisch angeschlagen, wollte ihre Existenz so radikal wie möglich ausradieren. Halte ich das für möglich? Kaum.

Als ich über eine Stunde später, nach einem Stau auf der Stadtautobahn, im Fräsinger Viertel ankomme, ist es schon dunkel. Zutritt zu Gesine Wildungs Haus verschaffe ich mir, indem ich bei Nachbarn läute. Geht in einer solchen Gegend, da vergessen Leute zu Dutzenden ihre Schlüssel, wenn sie nachts besoffen nach Hause schlingern. Die Wohnung von Gesine im zweiten Stock ist noch versiegelt.

Ich gehe wieder hinunter, stelle mich auf den Parkplatz und nehme die Loggia ins Visier, von der sich Gesine Wildung gestürzt hat. Wie konnte das nur gehen? Ich wechsle die Position, ziehe mit dem Zoom der Kamerafunktion meines Handys die Loggia heran. Tatsächlich, ein großer Teil der Fensterscheibe ist weg, da habe ich mich am Morgen nicht getäuscht, und nur ein kleiner Teil an der Seite steckt noch in der Glasfugendichtung. Wie ist die zu Bruch gegangen? Hat die so gewohnt?

Ich gehe zu meinem Wagen und steige in meine Sportschuhe, die ich immer im Kofferraum dabeihabe. Dann klettere ich auf eine Loggia im Erdgeschoss, von dort an einem Badezimmerfensterbrett und am Blitzableiter hoch bis zur nächsten Loggiabrüstung, schließlich zu ihrer Wohnung. Das geht alles nur, weil die Loggien zwanzig Zentimeter aus der Fassade rausspringen und große Schlitze den Übergang von der Deckenplatte zur Brüstung durchziehen. Schlitze, in denen meine Finger und meine Fußspitzen Halt finden.

Niemand kriegt von meiner Kletterei etwas mit. Überall laufen laut die Fernsehapparate hinter den geöffneten Glastüren, die Bierdosen sind leer und die Schnapsflaschen offen. Klettern habe ich immer gemocht. Nur ist mir das in den Bergen zu gefährlich.

Auf Gesine Wildungs Loggia hat man offenbar aufgeräumt. Alles steht sorgsam in eine Ecke sortiert: ein Klappstuhl, zwei Bananenkisten mit Plastikteilen, eine größere Hantel. In diesem Augenblick stocke ich mitten in der Bewegung. Gerade habe ich mich dem eingeschlagenen Fenster zuwenden wollen. Doch da war ein Geräusch, das all diese Fernsehapparate übertönt hat. Ist in der Wohnung jemand gestolpert?

Ich drücke mich ganz an die schmutzige Seitenwand der Loggia und halte den Atem flach. Da bewegt sich einer durch das Zimmer, und das ohne Taschenlampe. Wie eine Katze. Nur hin und wieder höre ich ein Schnaufen. Ich rutsche an der Wand hinunter und ducke mich unter die Fensterbrüstung. Dann schleiche ich hinüber zu dem Klappstuhl und den Kisten. Ein zusammengeklappter Werktisch lehnt an der Wand. Ich drücke mich in die Ecke neben dem Tisch und warte.

Zwei Minuten später springt eine lange, ganz in Schwarz gekleidete Gestalt aus dem Fenster und ritzt sich an einem Glassplitter die Hand auf. Der Mann wispert einen Fluch in die Dunkelheit, hievt sich jedoch sofort über die Loggiabrüstung und huscht aus meinem Blickfeld. Er klettert wohl hinunter, aber die Bewegung ist so schnell gewesen, dass ich an Springen denken muss. Als ich es wage, den Kopf über die Brüstung zu schieben, ist die Gestalt dort unten bereits verschwunden.

Viel kann der lange Kerl nicht gefunden haben, er scheint nichts mitgenommen zu haben. Ich klettere durch das Fenster in die Wohnung, passe dabei auf, mich nicht ebenfalls an den Glasscheibenresten zu schneiden, und mache drinnen Gebrauch von der Taschenlampenfunktion meines Handys. In diesem Lichtschein besehe ich mir das leer geräumte einzige Zimmer. Die Matratze liegt noch so auf dem Boden wie am Morgen, sonst gibt es nur eine Kommode, ein hüfthohes Regal, den schmalen Schreibtisch und das Minisofa mit Rissen in den Bezügen. Schnitte? Die Laden der Kommode sind leer, das Regal ebenso. Der Kühlschrank ist fast leer. In der Küchenecke nur ein wenig Geschirr, das Schimmel ansetzt. Mandl und seine Leute müssen sonst alles mitgenommen haben.

Ich wende mich dem Schreibtisch zu. Heute Morgen ist mir eine Menge Gekritzel an der Wand darüber aufgefallen. Auch auf dem Tisch selbst sehe ich jetzt Notizen, aber keine Namen, keine Wörter, nur Ziffern. Es handelt sich um Telefonnummern, die Gesine mit einem Stift einfach auf die Schreibtischplatte und auf die Wand darüber geschrieben hat. Ich schieße Fotos von den Nummern.

Im Licht des Fotoblitzes fällt mir etwas auf. Ein paar Sekunden lang stehe ich da und versuche, darauf zu kommen. Eine Disharmonie. Irgendetwas stört das Bild, das die Taschenlampe erhellt. Doch ich habe keine Ahnung, was es ist.

Dann ist da noch etwas. Brandgeruch. Ich laufe zur Kochnische, danach ins Bad. Kein Kurzschluss, keine schwelende Kochplatte, nichts als schmutzstarrende Leere. Raus auf die Loggia. Von unten am Eingang lodern in dem Moment, als ich ins Freie komme, bereits hohe Flammen in mein Gesichtsfeld hinein. Die Leute reißen die Fenster ihrer Wohnungen auf oder stehen an den Loggiabrüstungen. Ein schwerer Typ um die fünfzig will aus dem zweiten Stock springen, ist jedoch so betrunken, dass er das vielleicht nicht überleben würde. Hände halten ihn am Hosenbund fest, er schreit und schlägt panisch um sich.

Wenn ich nicht schnell mache, sitze ich in der Falle. Die Flammen kriechen schon die gedämmte Fassade hoch. Sie sind nur drei Meter von der rechten Seite meiner Loggia entfernt. Ich renne hinein und lasse mich zweimal mit aller Kraft gegen die Wohnungstür krachen. Sie springt nicht auf und der Hauseingang liegt praktisch im Feuer. Daher klettere ich auf der dem Feuer abgewandten Seite der Loggia über Brüstung, Blitzableiter und Vorsprünge die Fassade hinunter, was in dieser Geschwindigkeit nicht ungefährlich ist.