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Christiane Bogenstahl & Reinhard Junge

Seelenamt

Kriminalroman

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© 2018 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: http://www.grafit.de
E-Mail: info@grafit.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagfoto: shutterstock/Vladimir Sazonov
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-745-3

Über dieses Buch

Jahre nach ihrer Vergewaltigung fühlt sich Lea Bennsdorf plötzlich wieder verfolgt. Niemand nimmt ihre Ängste ernst – denn ihr einstiger Peiniger Paul Kehlmann sitzt noch im Knast.

Dennoch engagiert ein Freund des Opfers Kalle Mager von der Detektei PEGASUS als Bodyguard. Lea soll sich sicher fühlen. Während die aber bereits an ihrem Verstand zweifelt, kommt Kalle trotz anfänglicher Bedenken ins Grübeln. Denn über dem Dortmunder Phönixsee stürzt ein Flugzeug ab. Mit an Bord: ein Ex-Doktorand und Feind Kehlmanns. Kann das wirklich Zufall sein?

Christiane Bogenstahl und Reinhard Junge ist kaum eine (berufliche) Tätigkeit fremd: Stargastbetreuerin und Sargträger, Schaufenstergestalterin und Autobauer, Fallschirmspringerin und Reiseleiter, IT-Spezialistin und Lateinlehrer – und bald gemeinsam mit Rucksack um die Welt.

Für ihren zweiten gemeinsamen PEGASUS-Krimi nutzen sie sogar noch ihre Erfahrungen im Beichtstuhl, beim Therapeuten und bei Polizeiverhören. Der Stoff, aus dem die Krimis sind.

www.reinhard-junge.de

www.toedliche-texte.de

In memoriam Herma Karsten
Kurz vor ihrem Tod hat sie sich noch über das Datengrab gefreut.

Die Personen

Uni Duisburg-Essen:

Paul Kehlmann (52) hat Pläne

Lea Bennsdorf (30) steht auf einer Liste

Tim Hoppe (38) hat Hoffnung

Robert Mertens (28) steht auf Flugzeuge

Dr. Ole Rasmusson (30) macht den Abflug

Adele Klawitter (47) macht den Abgang

MitarbeiterInnen der Gemeinschaftspraxis Tanzbein & Teufel:

Sina Spiering (29) ist PiA in einem ›Seelenamt‹

Peer Tanzbein (48) ist ein schlechter Chef

Martin Schenck (35) ist ein guter Zuhörer

Kripo Dortmund:

Herta Kasten (60) weiß, wo der Hammer hängt

Christoph Waliszczek (32) weiß, wie man mit Frauen umgeht

Florian Kuba (38) weiß, was andere auf die Palme bringt

Weitere Beteiligte:

Annemarie Schäfer (49) hat Erinnerungen

›Cookie‹ Makiol (35) hat Talente

›Kralle‹ Krupka (50) hat Druck

und das PEGASUS-Team samt Anhang:

Dr. Kalle Mager (40) hat Mumm

Simone Olsok (40) hat Zweifel

Klaus-Ulrich Mager (63) hat Allüren

Karin Jacobmayer (50) hat Nerven

Theo Mager (15) ist respektlos

Mechthild Mager (59) ist selbstlos

1

»Kokain!«, brüllte die Fremde mit der Löwenmähne und sprang so heftig auf, dass der Barhocker umzukippen drohte.

Renni, der Kneipenwirt, hielt für einen Moment die Luft an. Wenn die im Bett so überdreht ist wie hier, dachte er, dann beneide ich den Kerl nicht, der nachts unter ihr liegt. Aber sie hatte recht mit ihrem Aufschrei. »Korrekt«, sagte er ins Mikro. »Aber es fehlen noch der Interpret und das Jahr.«

Neben der hochgewachsenen Schönen saß eine sehr zierliche, ebenfalls blond gelockte Frau. Sie sprach so leise, dass er sie kaum verstand. »Das ist Cocaine von Eric Clapton, 1977.«

Wenn man die anpustet, kippt sie um, dachte Renni. Er räusperte sich und verkündete mit übertriebenem Bedauern: »Das stimmt leider nicht ganz. Das Erscheinungsjahr ist falsch. Kennt jemand …«

»1977 ist richtig!«, unterbrach ihn die Zierliche. »Ich hab das Album zu Hause. Es heißt Slowhand.«

»Boah, Renni!«, spöttelte ein Glatzkopf an einem der Tische nahe dem Ausgang. »Du verwechselst dat mit der späteren Singleauskopplung aus Just One Night. Schäm dich wat.«

Die Löwenmähne sprang einen Schritt vor. »Punkt für uns«, triumphierte sie mit kreisenden Hüften und hochgereckten Armen.

René Platzmann, den kaum jemand in Wattenscheid mit seinem Taufnamen rief, hob die Arme. Ein paar weiße Haare lösten sich aus dem dünnen Zopf und wehten um sein gerötetes Gesicht. »Ja, ja, immer drauf auf die Wehrlosen.«

Gelächter hallte von den Wänden des Lokals. Der Kneipier rollte die Augen in Richtung Decke, deren rotbraune Farbe sich unter einer dicken Raucherpatina verbarg. »Okay, der Punkt geht an die hübschen Damen am Tresen.«

Er reichte einen Spielchip an seine Frau, die ihn an die Blondinen weitergab. Die Gäste applaudierten. Die Löwin erklomm wieder ihren Barhocker und lachte ausgelassen.

Auch wenn die zwei offenbar unterschiedliche Temperamente hatten, mussten sie Schwestern sein. Die Zierliche hatte zwar nur kinnlanges Haar und insgesamt feinere Gesichtszüge, aber die Ähnlichkeit war deutlich. So hübsche Frauen fanden nicht häufig den Weg in Rennis Whiskykneipe. Das fiel auf. Nicht nur ihm.

Am anderen Ende des Tresens saß Carlo, einer seiner treuesten Kunden, und grinste. Der breitschultrige Motorradfahrer äugte schon seit seiner Ankunft immer wieder zu den Schwestern hinüber. Er sollte sein Glück ruhig probieren.

Renni hob wieder das Mikro. »Ihr habt bestimmt Durst. Unser Plattenquiz geht in fünfzehn Minuten weiter.«

Carlo winkte ihm als einer der Ersten. Rennis Frau Rosi und eine studentische Aushilfskraft waren bereits im vollen Einsatz am Zapfhahn und mit dem Tablett. Doch Carlo war Chefsache, denn er war nicht wegen des Plattenquiz hier, sondern wegen der hervorragenden Whiskyauswahl.

»Was kann ich dir Gutes tun?«

»Für mich einen Islay. Den Bruichladdich, den du neulich beim Tasting hattest.«

»Noch was anderes dazu?«

»Ja, hast du einen schönen Mädchenwhisky?«

»Etwa für dich?«

»Nee, für die beiden Süßen da drüben.« Carlo wies mit einem seiner beringten Finger auf die Schwestern, die eifrig quasselten und immer wieder lachten.

»Sicher? Die haben den ganzen Abend nur Bier getrunken. Whisky ist nicht jedermanns Sache …«

Der Biker lachte. »Doch, doch, ich bin ziemlich sicher, dass ich die Kleine vor Jahren auf der Whisky-’n-More-Messe in Bochum gesehen habe.« Er beugte sich vor. »Ne echte Schönheit, oder?«

»Und? Hast du deinen Charme nicht spielen lassen?«

»Nö, passte nicht. Da war so ’n Fettsack an ihrer Seite.« Carlo grinste. »Aber das ist heute ja zum Glück anders.«

Christina Bennsdorf kam gerade zum Höhepunkt ihrer Geschichte und legte eine kunstvolle Pause ein, um die Spannung zu steigern. Ihre Schwester Lea schaute sie breit grinsend und erwartungsvoll an.

»Da pampt mich mein Chef an.« Sie sprach mit verstellter Stimme weiter: »›Das ist nun schon das dritte Mal in einer Stunde, dass Sie nicht an ihrem Platz sind.‹ Da frage ich ihn: ›Entschuldigen Sie, was machen Sie denn, wenn sie aufs Klo müssen?‹ Und da sagt der – halt dich fest: ›Dann mach ich mir einen Knoten rein.‹« Lea prustete schon los, aber Christina hob die Hand. »Neee, das Beste kommt noch. Weißt du, was mir rausgeplatzt ist?«

Die Jüngere kicherte.

Christina bemühte sich um eine ernste Miene, um die Szene glaubhaft darzustellen. »›Das ist doch wohl Wunschdenken, oder?‹«

Renni kam just in dem Moment mit dem Whisky zu den beiden Frauen, als diese sich die Tränen aus den Augen wischten. Er hielt ihnen die eleganten Stielgläser hin. »Bitte schön. Zwei Glenmorangie Sherry Wood Finish.«

Die Ältere fasste sich zuerst. »Was? Die haben wir doch gar nicht bestellt.«

Der Wirt grinste und machte eine Kopfbewegung zum anderen Ende der Bar. »Mit freundlichen Grüßen von Carlo.«

Christina blickte hinüber. Genau wie ihre Schwester nahm sie eines der Nosing-Gläser mit dem rötlich schimmernden Inhalt entgegen. »Danke sehr.« Sie prostete dem Mann in den Lederklamotten zu. Ohne sich umzudrehen, sagte sie: »Du, ich glaube, der steht auf dich, Lea. Guck mal, wie der dich anstarrt.« Sie trank ein Schlückchen. »Hui, der ist aber intensiv.« Sie lächelte dem Biker zu. Der runzelte aber nur die Stirn und blickte an ihr vorbei. Erst jetzt fiel Christina die Stille neben ihr auf. Sie wandte sich ihrer Schwester zu und erschrak.

Lea stand neben ihrem Hocker, bleich wie ein Gespenst, den Mund verzerrt. Das Whiskyglas rutschte aus ihrer Hand und zerschellte auf dem Boden. So hatte Christina ihre Schwester schon einmal erlebt. Vor fast vier Jahren …

Ihr eigenes Glas kippte fast, als sie es eilig abstellte und vom Hocker sprang. »Lea! Was ist denn?«

Keine Antwort. Ihre Schwester schien sie nicht einmal zu hören.

Renni hatte sich in der Zwischenzeit mit Kehrblech und Aufnehmer bewaffnet und eilte zu den beiden Frauen, um die Sauerei zu beseitigen. Er stoppte abrupt, als er den Gesichtsausdruck der Dünnen sah. Ach, du Scheiße, war die auf Droge? So was konnte er hier nicht gebrauchen. Er trat zwischen die beiden. »Kann ich dir irgendwie …«

Weiter kam der Wirt nicht. Denn als er die Schulter der jungen Frau berührte, löste er etwas aus. Was dann geschah, würde Renni und seinen Gästen noch lange im Gedächtnis bleiben.

2

Paul saß auf dem Fußboden und zitterte. Der kleine, fensterlose Raum befand sich im Keller des Waisenhauses St. Jophiel, das sein Vater leitete. Kalt war es hier. Wie in der Dorfkirche, die er jeden Sonntag mit seinen Eltern besuchen musste. Der widerliche Pfaffe mit den gelben Zähnen spuckte nur Worthülsen von der Kanzel, erzählte von Liebe, Demut, Schuld, Vergebung und Erlösung. Dabei war der Schwarzkittel der größte Heuchler von allen. Wie Paul ihn verachtete! Genau wie die dummen Schafe, die das hölzerne Kreuz anstarrten oder zur Jungfrau Maria beteten.

Auch er selbst war ein Heuchler. Weil er nicht aussprach, was er dachte. Weil er mitmachte bei diesem mittelalterlichen Ritual. Immerhin wusste er, wer er wirklich war. Und was er wollte. Heute sah Paul zum ersten Mal so klar, als hätte ein Optiker seine Linsen geschliffen.

Die Anspannung war kaum auszuhalten. Seine Muskeln vibrierten, als bestünden sie aus straff gespannten Gitarrensaiten. Aber er musste auf dem Boden sitzen bleiben. »Rühr dich bloß nicht!«, hatte sein Vater ihn gewarnt. Paul hatte gelernt, dass es besser war, ihm zu gehorchen.

Diese ›Vater-und-Sohn-Zeit‹ musste er schon zwei Jahre ertragen. Doch heute sollte eine Premiere stattfinden. Zum ersten Mal war Paul in diesem Raum nur Zuschauer. Sein Vater hatte ihn geweckt und in das Verlies geschleppt. »Pass genau auf!«, hatte er gezischt. »Du lernst jetzt, was einen Kerl von einem Knaben unterscheidet.«

Das Mädchen, das der Vater geholt hatte, trug noch ein Nachthemd. Knielang. Hellblau. Die Kleine war noch keine zwölf Jahre alt. Sie verstand, was gleich mit ihr passieren würde. Es wurde viel geflüstert nachts in den Schlafsälen.

Sie weinte, blickte Paul mit großen, feuchten Augen an. Begriff sie denn nicht, dass in diesem Keller keine Hilfe zu erwarten war?

Der Junge prägte sich jede Einzelheit der Inszenierung ein. Die alte Matratze, deren Stockflecken von einem schwarzen Laken verdeckt wurden. Seinen Vater, der das Mädchen nach vorn stieß, sodass es auf allen vieren vor ihm hockte. Die Waise wehrte sich nicht länger. Ein kräftiger Schlag auf den Mund hatte gereicht. Paul sah die Platzwunde auf ihrer Lippe. Sie leuchtete rot wie der Klatschmohn, der an Feldrainen wuchs.

Nun schoben die behaarten Finger seines Vaters den blauen Stoff hoch, als wollten sie den Vorhang für den letzten Akt lüften. Das Mädchen zitterte. Noch immer war sein Kopf zur Seite geneigt. In Pauls Richtung. »Bitte«, schien es zu flüstern. »Bitte …«

Doch er blieb auf seiner dünnen Decke sitzen, schauderte nur. Eine Hundert-Watt-Birne unter der Zimmerdecke verlieh der Szenerie Kontrast und Schärfe. Hier wohnte kein Gott. Hier gab es nur Ungeheuer. Seinen Vater und ihn – und ein wehrloses Mädchen, ihr Opfer.

Sie war nun nackt. Zum ersten Mal sah Paul sie so. Oft hatte er versucht sich vorzustellen, wie ihre kleinen Brüste aussahen. Wie sich ihre Haut anfühlte. Er hatte diese Gedanken stets verdrängt.

Sein Vater packte die Kleine an den Hüften und zog sie zu sich. Dann grinste er seinen Sohn kurz an, als wollte er sagen: »Nur Geduld! Du darfst auch noch.«

Paul sah zu. Er hielt die Luft an, wagte nicht zu blinzeln. Seine Muskeln waren so angespannt, dass es schmerzte. Zwischen seinen Schenkeln wurde es hart. Er blickte mit geweiteten Augen an sich hinunter. Dann schrie das Mädchen.

Paul Kehlmann erwachte jäh und fuhr hoch. Schon wieder der Traum. Und immer brach er an dieser Stelle ab. Nass geschwitzt saß Kehlmann da und rieb sich das ergraute Haar, das wie Unkraut aus dem Kragen seines Pyjamas quoll. Im ersten Tageslicht brauchte er ein paar Sekunden, um den Sprung vom Traum in die Wirklichkeit zu realisieren. Noch immer spürte er seine Erektion und ein quälendes Verlangen, sich Erleichterung zu verschaffen.

›Dampf ablassen‹ nannte das Kralle, einer seiner fünf Mitgefangenen in der alten Zelle. Und das hatte er oft getan und niemals dezent. Draußen hatte er eingeworfen und geschnupft, was er gerade auftreiben konnte. Trotz einer Entziehungskur hatte er sich stets nach einem Schuss gesehnt. Die Selbstbefriedigung half ihm wohl, die Sucht zu kompensieren.

Paul ekelte sich vor Kralle. Typen wie der hatten keine Selbstachtung. Zum Glück musste er sich mit ihm nicht mehr abgeben. Die Verlegung in den offenen Vollzug hatte durchaus ihre Vorteile.

»Was ist los, Professor?«, tönte es neben ihm. Aus der Dunkelheit schälte sich ein schmales Gesicht. Cookie war aus seiner Koje gekrochen. »Wieder Albträume? Gut, dass ich bald durchpennen kann.«

»Weiß nicht«, murmelte Paul. Obwohl Cookie einer der angenehmsten Mithäftlinge war, hatte er keine Lust, ihn so tief in seine Seele blicken zu lassen. Stattdessen fragte er: »Und du? Schon aufgeregt?«

Obwohl der Mann fast nichts tat, wovon er sich keinen Vorteil versprach, fühlte Kehlmann eine gewisse Verbundenheit mit ihm. Der Gedanke, dass er seinen Zellengenossen in wenigen Stunden verlieren würde, gefiel ihm nicht.

»Aufgeregt? Nein! Aber ich werde auch nicht heulen, wenn ich hier raus bin. Sobald ich Kohle habe, geht das richtige Leben wieder los.«

»Das wird nicht lange dauern.«

»Ich weiß.« Cookie schien nachzudenken. »Vier Wochen sind’s bei dir noch, oder?«

»Ja.«

»Und wann steht dein nächster Ausgang an?«

»In acht Tagen.«

»Vergeig es nicht.«

»Bestimmt nicht. Wird aber ’ne lange Zeit ohne dich.«

Cookie schien ihn anzustarren. Solche Geständnisse waren selten im Knast. Echte Freundschaften gab es hier nicht. An der Tagesordnung waren Mobbing, Erpressung und Bandenkriege.

Aber auch wenn es Cookie an Emotionen mangelte, war er auf seine Art in Ordnung. Er war clever und hatte das Talent, ›Dinge zu organisieren‹, wie er es nannte.

Draußen hatte er eine Weile an der Börse gezockt. Ziemlich erfolgreich sogar. Dann hatte ihn jemand wegen Insiderhandels verpfiffen. Der Informant der Bullen, so munkelte man, sei noch während der Ermittlungen spurlos verschwunden. Beweise, dass Cookie damit etwas zu tun hatte, gab es nicht – aber die Gerüchte und Spekulationen in der Bochumer Vollzugsanstalt taten ihre Wirkung. Die meisten Knackis in der Krümmede respektierten ihn. Manche fanden ihn sogar unheimlich.

»War gut, dich zu treffen, Prof«, flüsterte Cookie und deutete mit dem Kopf in Richtung Flur. »Wir sind zwei Homines superiores zwischen all den Troglodyten hier.«

›Hier‹, das war der offene Bereich für die Entlassungskandidaten, in dem es nur noch Zwei-Mann-Zellen gab. Cookie und Paul hatten seit ihrer Verlegung nicht nur Schach gespielt, sondern auch aufgeteilt, wer welche Bittgesuche und Anträge für Mithäftlinge verfasste. Gelegentlich hatte einer der beiden Computer- oder Börsenzeitschriften besorgt, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

»Stimmt«, sagte Paul. »Viel Erfolg da draußen!«

»Werde ich haben! Aber jetzt muss ich erst mal pissen.«

Der Professor wandte sich höflich ab und lockerte seine Muskeln. Schlank war er geworden. Durchtrainiert. Wo früher ein riesiger Fettberg geschwabbelt hatte, befand sich nun ein flacher Bauch. Die Waage im Arztzimmer zeigte fünfunddreißig Kilo weniger als früher. Das ehemals rötliche Stoppelhaar hatte sich in eine graue Lockenpracht verwandelt. Was er sah, wenn er beim Rasieren in einen Spiegel blickte, gefiel ihm. Engelshaar, aber ein klarer Blick und ein markantes Kinn. Ob ihn noch jemand erkennen würde?

In der Ferne erklang metallischer Lärm, der langsam näher kam. Der Aufschluss stand bevor. Um halb sieben würde Cookie außer der Reihe unter die Dusche gehen, um sich landfein zu machen, während Paul mit einem Trupp anderer Gefangener zu seinem Arbeitsplatz in der Druckerei geführt würde.

Paul schwang die Beine aus dem Bett und reckte sich. Bald würde es wieder Whisky statt Kräutertee geben. Vor allem aber würde er endlich ein paar Rechnungen begleichen können. Fast vier Jahre Knast hatten ihren Preis.

Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie es sein würde. Ein Bild fesselte ihn besonders. Der falsche blonde Engel. Die Schlange. Ob sie auch manchmal an ihn dachte? Er hoffte es.

3

»… Industriekapitän baut dem Vorsitzenden einer Großen Strafkammer in Frankreich ein Landhaus. Willst du die Story haben?«

»Einen Richter abschießen? Immer!«

Kalle Mager klappte das Buch zu und starrte wehmütig durch das Fenster seines Ladenlokals. Solche Angebote bekamen nur Journalisten. Und meist nur im Roman. Er hingegen saß in einer ehemaligen Änderungsschneiderei am Wattenscheider Hellweg und wartete oft tagelang vergebens darauf, dass sich die Tür öffnete.

Immerhin hatte er Zeit zu lesen und den Höntroper Verkehr zu beobachten. Die alte Linie 310 ratterte meist pünktlich um die Kurve der Kreuzung vor dem Laden. Einmal war Kalle sogar Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden. Aber von dem Zeugengeld vor Gericht hatte er die Miete leider auch nicht bezahlen können.

Seufzend stand er auf und goss den kalten Kaffee weg. Woran lag es? War die Polizei bei ihren Ermittlungen zu gut? Hatte er den falschen Standort gewählt? Oder konnten die Leute sich einfach keinen Detektiv leisten?

Plötzlich öffnete jemand die Ladentür. Das Klingeln des Glöckchens ging im hereinbrechenden Straßenlärm unter. In den klassischen Krimis wäre jetzt eine atemberaubende Blondine hereingeschwebt, mit Designerkostüm, Chanel-Wolke und einem dicken Scheckbuch im Handtäschchen. Aber Wattenscheid war nicht Los Angeles. Vor Mager stand ein älterer Herr: Stirnglatze, Goldrandbrille und Hamsterbäckchen. Zum bunten Printhemd über der Hose trug er, ganz germanisch, weiße Baumwollsöckchen und Birkenstock-Sandalen. Kalle tippte auf den Ex-Filialleiter einer Sparkasse oder den Inhaber eines Sanitärgeschäftes.

»Guten Tag«, half der Privatdetektiv dem stummen Besucher weiter und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Dr. Mager. Bitte setzen Sie sich. Was kann ich für Sie tun?«

Der Mann wischte sich den Schweiß von der Stirn, zögerte einen Moment und sagte dann: »Guten Tag, Konrad mein Name. Ich bin hier, weil … Irgendwer lässt jede Nacht seinen Hund vor meine Haustür scheißen. Solche Haufen!« Seine Hände formten ein Oval von der Größe eines Handballs. »Die Polizei meint, ich solle Anzeige gegen Unbekannt erstatten, aber …«, sein Atem ging nun schneller, »… die kriegen doch sowieso nichts raus. Können Sie mir Hoffnung machen?«

Kalle konnte.

Später am Tag schloss er die Tür zu seiner und Simones Wohnung auf und blickte verstört auf ein Chaos, das vom Korridor ins Wohnzimmer führte. Kartons und Verpackungsmüll, Kabel und Elektrogeräte in allen Größen bedeckten den Boden und die Sitzmöbel. Es sah aus, als ob ein Hurrikan durch das Gemäuer gezogen wäre. Mittendrin saß die Hausherrin und grinste ihn an wie ein Dingo nach erfolgreicher Jagd.

»Bist du sicher, dass wir das alles brauchen?«

Simone lachte. »Nee, ganz sicher bin ich nicht. Brauchst aber keine Angst haben. Das meiste Zeug schicke ich wieder zurück.«

»Aha. Und wofür ist der Krempel?«

»Ich teste was für den CCC.«

»Sieht eher aus, als wolltest du zur Hausfrau umschulen.« Kalle scannte das Durcheinander: Kaffeemaschine, Wasserkocher, Toaster, Saugroboter sowie einige Kleingeräte in Würfel- oder Zylinderform, deren Daseinsberechtigung sich ihm nicht erschlossen.

»Und was willst du testen? Ob du noch Kaffee kochen kannst?«

»Sehr witzig. Nee, ich schaue gerade, wie gesprächig diese Teile sind.« Sim hielt ihr Handy in die Höhe, als würde das alles erklären.

»Okay, du telefonierst mit einem Toaster. Ich mache mir Sorgen.«

Simone rollte mit den Augen. »Nein, natürlich nicht. Das sind alles Geräte, die mit WLAN ausgestattet sind. Vom ›Internet der Dinge‹ hast du bestimmt schon mal gehört. Ich teste, wie leicht man sich als Hacker Zugriff auf die Teile verschaffen kann und was sie einem so alles verraten, wenn sie an ein Heimnetz angedockt sind.«

»O je. Hast du nicht genug Arbeit an der Uni?«

»Doch, schon, aber wir Haecksen brauchen doch immer was zum Spielen! Aktuell messe ich die elektromagnetischen Felder.« Sie hielt wieder ihr Smartphone in die Höhe. Auf dem Display war ein grünes Zickzackmuster ähnlich dem auf einem medizinischen Monitor zu erkennen. »Mit dieser App hier zum Beispiel kann man …«

Kalle unterbrach seine Freundin, bevor sie sich noch mehr begeisterte. »Gibt es auch eine App zum Auffinden eines Plätzchens, an dem ich mich ein bisschen ausruhen kann?«

Statt verbal zu antworten, klimperte Sim mit den Augen und malte mit beiden Händen ein großes Herz in die Luft. »Du armer Kerl. Nichtstun macht müde. Los, setz dich auf den Balkon. Ich mach uns einen Cappu!«

Der Vierzigjährige nickte schicksalsergeben. Er war einiges gewöhnt. Fast vier Jahren war es her, dass er mit Simone Olsok die gemeinsame Wohnung im Einsteinweg bezogen hatte. Sie war nicht nur die Frau, die ihn liebte, sondern auch eine geniale Sicherheitsexpertin und Mitglied bei den Haecksen, eine Untergruppe des Chaos Computer Clubs, einem Hackerverein, der sich mit allen Fragen rund um Computersicherheit beschäftigte. Heute war wohl ein Tag, an dem das Chaos vom Club ins heimische Wohnzimmer gezogen war. Da musste er durch.

Kurze Zeit später saßen die beiden auf ihren Korbstühlen, je einen dampfenden Becher vor sich auf dem kleinen Balkontisch. Simone rückte den Stuhl zurecht, um die Füße gegen das noch warme Mäuerchen stemmen zu können, und lehnte sich dann zurück »Hmm, so kann man es aushalten. Wie war dein Tag?«

»Ich habe einen Wahnsinnsauftrag erhalten!«, meinte er sarkastisch und schilderte den Besuch des Sandalenträgers. »Ich habe ihm empfohlen, eine Infrarotkamera anzubringen.«

»Damit verdienst du keinen Cent.«

»Doch. Sobald das Ding hängt, kann ich bequem vom Büro aus überwachen, wann der Kackteufel wieder zuschlägt. Mit den Bildern finde ich bestimmt schnell raus, wer der Hundehalter ist.«

»Genial. Und was verdienst du pro Nacht?«

»Wenn ich Glück habe, zweihundert Euro für Technikmiete und Aufwandspauschale. Und noch mal zweihundert als Erfolgsprämie, wenn ich einen Namen und Beweise liefern kann.«

»Wieso hast du dich darauf eingelassen, nur bei Erfolg bezahlt zu werden?«

»Die ganze Aktion ist ihm eigentlich zu teuer. Er überlegt es sich noch.«

»Mensch, Kalle, zum Reichwerden taugt das nicht. Kannst du die Kamera überhaupt einrichten?«

»Habe ich eine Haeckse im Haus?«

»Hörst du meinen Begeisterungsschrei?«

Er stellte die Tasse ab und zündete sich eine Zigarette an. »Danke. Sehr aufbauend. Darf ich dich erinnern, dass die Detektei eigentlich unser gemeinsames Baby war?«

»Ach, Kalle. Einer von uns braucht ein regelmäßiges Einkommen.«

»Ich weiß, trotzdem ist es frustrierend. Nix läuft so, wie wir uns das vorgestellt haben. Und ich habe nur Scheiße am Bein.« Er zählte auf: »Für einen Supermarktfritzen herausfinden, ob die häufig ausfallende Kassiererin wirklich ein krankes Kind hat. Für einen Baumarktfuzzi ermitteln, ob seine Frau mit dem Nachhilfelehrer des Sohnes vögelt. Für den Getränkemarkt ein paar arme Schweine einfangen, die eine Cola klauen. Ich habe auf so was keinen Bock mehr. Das ist … ekelhaft. Und für die paar Kröten, die ich verdiene, muss ich meine Selbstachtung stückchenweise das Klo runterspülen.«

Kalle starrte finster über seinen Tassenrand und die Balkonbrüstung hinweg auf Höntrops grünen Süden. Eine Weile schwiegen beide. Dann griff er erneut nach seinen Zigaretten.

»Du rauchst zu …«

Er kannte den Rest. Simone war seit vier Jahren clean. Ein Unbekannter hatte sie, vermutlich im Auftrag eines betrügerischen Professors, attackiert. Nach dem daraus resultierenden Kieferbruch rauchte sie gar nicht mehr – und Kalle nicht mehr in der Wohnung.

»Und wenn du deinen Alten mal fragst, ob er eine Idee hat, wie man das Geschäft ankurbeln kann?«, überlegte Simone laut.

Kalle blickte sie überrascht an. »Ich weiß nicht. Es ist Monate her, dass er sich zum letzten Mal für PEGASUS interessiert hat!«

Sein Erzeuger, einst Kameramann des Videoteams PEGASUS, war nach Auflösung der Firma verbittert in Frührente gegangen. Seitdem hütete er das alte Zechenhaus, in dem er mit seiner zweiten Frau Karin und ihrem gemeinsamen Sohn Theo, Kalles Halbbruder, wohnte.

Seinen verwaisten Arbeitsplatz hatte der Alte aber vor Augen, sobald er den Hinterhof betrat: Er lag, nur durch eine schmale Hofeinfahrt getrennt, im Erdgeschoss des Nachbarhauses. Die beiden Räume auf der Straßenseite nutzte Ex-PEGASUS-Chefin Susanne noch immer als Arbeitszimmer, und Klaus-Ulrich Magers umfangreiches Filmarchiv lag auf der Hofseite und staubte langsam vor sich hin – der Alte hatte es nach der Kündigung nie wieder betreten. Aber sobald er sich im Hof befand, schaute ihn das schmutzblinde Fenster mit stummem Vorwurf an.

»Na ja, als Hausmann und Oberaufseher für Theo ist er ja auch ganz schön eingespannt«, meinte Simone.

»Blödsinn. Theo wird bald sechzehn, der kommt gut alleine klar. Ich denke eher, dass mein Vater in Selbstmitleid badet und von den vergangenen Heldentaten träumt.«

»Das wäre doch ein prima Anknüpfungspunkt für ein schönes Vater-Sohn-Gespräch. Eure soziale Lage ist völlig identisch. Ohne eure Frauen wärt ihr beide auf Sozialhilfe oder Hartz IV angewiesen.«

»Danke, Sim, du findest immer die richtigen Worte.«

4

Kurz vor Feierabend kam die Sozialarbeiterin in die Druckerei. Als Kehlmann sie erblickte, ging sein Puls schneller. Nicht weil sie eine Frau war. Mit ihrer stämmigen Figur und den dunkelblonden Fransen passte sie nicht in sein Beuteschema. Aber sie kam, das war klar, im Auftrag der Chefin.

»Tag, Herr Kehlmann. Haben Sie einen Moment Zeit?«

Den hatte er. Bereitwillig folgte er ihr in die kleine Meisterbude.

»Ich habe gerade mit Frau Dr. König den Wochenplan abgestimmt. Mittwoch bekommen Sie Ihren letzten freien Ausgang. Haben Sie besondere Wünsche?«

Das war was ganz Neues. Bei den beiden ersten Malen hatten sie ihn mit Verbotsanweisungen vollgestopft. Und jetzt …

»Ich würde gerne nach Dortmund fahren. Mein Rechtsanwalt hat mir dort eine Wohnung besorgt. Es wäre schön, mir die Ecke angucken zu können, in der ich wohnen werde.«

»Warum in Dortmund?«

»Weil ich mich da noch etwas auskenne. Früher habe ich dort studiert.«

Die Sozialarbeiterin sah ihm in die Augen und er wandte seinen Blick nicht ab. Sie kannte seine Akte – und Paul wusste, dass sie alles wusste. Dortmund lag weit genug weg vom Schauplatz seiner größten Sünden – und darauf kam es ihr an.

»Das dürfte klargehen.«

»Danke. Ein schönes Wochenende!«

»Ihnen auch.«

Die Zellen der Entlassungskandidaten waren tagsüber offen und die Gefangenen hatten viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Lesen, Sport, Quatschen, Fernsehen. Manche kochten sogar zusammen. Ein Hauch von Normalität und der Freiheit, in die sie bald entlassen würden – wenn nichts mehr schiefging.

Paul kramte sein Schreibzeug heraus und setzte sich mit einem Instantkaffee an den Tisch in der Zelle.

Liebe Annemarie,

zuerst möchte mich bei dir entschuldigen. Du hast lange nichts von mir gehört und ich hoffe wirklich sehr, dass es dir gut geht. Es ist schwierig für mich, dir zu schreiben. Ich habe bereits etliche Briefe an dich wieder zerrissen. Das sollst du wissen. Ich schäme mich für die Situation, in der ich bin.

Möglicherweise hast du schon versucht, mich zu kontaktieren, nachdem die jährliche Spende für St. Jophiel ausgeblieben ist. Ja, ganz sicher hast du das getan. Und ich habe große Angst, dass du glaubst, was man dir vielleicht erzählt hat. Ich weiß genau, dass unsere Freundschaft dann beendet wäre. Ich würde es im umgekehrten Fall nicht anders tun, wenn wahr wäre, was man behauptet.

Wie du an der Absenderadresse siehst, schreibe ich dir aus der JVA. Fast vier Jahre meines Lebens habe ich hier verbracht. Meine (Ex-)Frau Gaby und die Kinder möchten keinen Kontakt mehr zu mir. Die einzigen Menschen, die ich hin und wieder sehe, sind mein Anwalt und Roman Witzler, den ich noch aus meinen Burschenschaftszeiten an der Uni kenne.

Vor einiger Zeit hat mich eine gute Nachricht erreicht. Mein Antrag auf vorzeitige Entlassung ist durch. Am 26. September ist es so weit. Eine Wohnung habe ich auch schon. Roman hat sie organisiert und sich darum gekümmert, dass etwas Mobiliar und einige persönliche Dinge auf mich warten. Aber was ich mir am meisten wünsche, kann und will Roman nicht sein: ein Freund, der offen zu mir steht.

Sein ›guter Ruf steht auf dem Spiel‹, so hat er es formuliert. Das war hart nach all den Jahren, die wir uns kennen. Aber ich erwarte kein Mitleid von dir oder irgendjemandem. Im Gegenteil: Ich bin dankbar für die Hilfe, die ich bekomme, und außerdem nicht in der Position, um Erwartungen an jemanden zu richten.

Aber hoffen darf ich. Dass du mir wegen unserer langen Freundschaft die Chance gibst, dich zu sehen. Das ist zurzeit alles, was ich mir wünsche. Meine Verurteilung basierte nicht auf Beweisen, sondern auf Indizien. Mir wurde übel mitgespielt. Bitte hör mich an. Ich möchte dir erklären, was wirklich passiert ist. Es würde mir sehr viel bedeuten.

In alter Freundschaft

liebe Grüße

Paul

Er legte den Stift zur Seite und las den Brief noch einmal. Dann tütete er ihn ein, ohne den Umschlag zu verschließen. Das war üblich, denn die Post wurde stichprobenartig kontrolliert. Aber er hatte keinen Grund zur Sorge, sein Brief war unverfänglich. Die Adresse kannte Paul auswendig. In drei Tagen würde sein Schreiben vielleicht schon Freiburg erreichen. Jetzt musste er geduldig abwarten.

5

»Wie geil ist das denn?«

Simone Olsok, Sicherheitsexpertin an der Uni Duisburg-Essen, unterbrach ihre Arbeit und schaute ihren Freund und Kollegen Tim Hoppe an. Solche Ausbrüche waren nicht üblich für den Systemadministrator. »Was denn? Gibt es Sagrotan im Zehnerpack günstiger?« Simone kicherte. Auch nach zwei gemeinsamen Jahren in einem Büro liebte sie es, den Admin aufzuziehen. Sein Reinlichtkeitsfimmel und ihre chaotische Ader passten wirklich nicht zusammen.

Tim parierte: »Nee, damit käme ich wohl kaum aus. Auf deiner Seite bräuchten wir einen Kammerjäger.«

Simones Blick wanderte über die beiden Arbeitsplätze. Der Kontrast war unübersehbar. Tims Schreibtisch könnte direkt aus der Büromöbel-Seite des IKEA-Katalogs stammen. Sogar die Tasse Kaffee neben seiner Tastatur stand auf einem Untersetzer!

Ihr eigener Tisch war übersät mit Kaffeeringen, Überraschungseifiguren und Zetteln. Sicher, man könnte mal wieder drüberwischen. Man musste es aber auch nicht übertreiben …

»Was ist denn nun so geil? Lass dir nicht jeden Wurm aus der Nase ziehen.«

»Ole ist jetzt Professor.«

»Ole Rasmusson? Das ist ja krass.«

Ole war wie Tim vor vier Jahren am Kopula-Institut der Uni Duisburg-Essen unter Prof. Paul Kehlmann beschäftigt gewesen. Tim hatte damals gemeinsam mit Simone, Ole und der leitenden Angestellten Adele den Chef zu Fall gebracht. Für die Vergewaltigung Lea Bennsdorfs war Kehlmann hinter Gitter gewandert. Der Fall hatte damals alle schwer erschüttert, vor allem Tim, der mehr als nur Freundschaft für Lea empfunden hatte.

»Ole ist ein Genie. Paul hat ihn ewig hingehalten und jetzt schafft er in vier Jahren seinen Doktor und die Habilitation. Das dürfte ein neuer Rekord sein.«

Sim lachte. »Ich gönn es ihm. Er ist ein feiner Kerl.«

»Ich auch. Wäre er hiergeblieben, dann würde der Arme vermutlich immer noch an seiner Dissertation schrauben.«

Simone lachte. »Wahre Worte. Hat er dir gemailt? Ich habe keine Post von ihm.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund.

»Keine Sorge, ich auch nicht. Ich sehe es gerade auf Facebook.«

»Zeig mal.« Sie stand auf und betrat die sterile Zone, in der Tim thronte wie eine Edelpraline in der Glasvitrine. Sie stützte sich auf seinem Schreibtisch ab, um besser auf dem Hauptmonitor lesen zu können.

Das Facebook-Profil zeigte das Porträt eines Mannes mit feinem kurzem Haar, einem Dreitagebart und Brille. Sanfte, aber wache Augen schauten direkt in die Kamera. Es gab zwei neue Posts. Der erste bestand aus einem Foto, das jemand wohl nach der Verteidigung der Doktorarbeit geschossen hatte. Ole trug einen dunkelgrauen Anzug. In der Hand hielt er ein Glas Sekt. Seit Tim und Simone ihn das letzte Mal gesehen hatten, hatte er mindestens fünfzehn Kilo abgespeckt.

Der Text zu dem Foto enthielt einen Abriss seines akademischen Werdegangs und endete mit einer Danksagung an alle Menschen, die an ihn geglaubt und die ihn unterstützt hatten. My success is your success! Das war das Fazit der rührseligen Nachricht.

Der zweite Post zeigte ein kleines Flugzeug vor wolkigem Himmel. Der Status lautete: Ole Rasmusson erfreut. Back to the roots. Bald geht es ins Ruhrgebiet. Mit Robert Mertens über die Wolken und mit allen Kopula-Kollegen, die mich noch kennen, in den Finkenkrug.

Simone war gerührt. »Gratuliere Ole mal in unser beider Namen, ja?«

»Nicht nur das. Ich schreibe direkt, dass wir beim Treffen dabei sind, oder?«

»Na klar!«

Kaum hatte Tim seine Kommentare unter die beiden Posts gesetzt, erschien ein neuer Beitrag. Er zeigte eine Seite aus Oles Habilitationsarbeit – eine formelle Danksagung. Der Text zum Foto lautete: Oh yes, I did it!

Was genau meinte Ole? Dann fiel ihr etwas auf. Sie runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. »Hat der etwa …?«

Sie brach in schallendes Gelächter aus.

Tim war verwirrt. »Habe ich was verpasst?«

»Ja. Schau dir mal die Anfangsbuchstaben auf der linken Seite an.«

Der Admin konzentrierte sich auf den Textausschnitt. Dann hellte sich auch sein Gesicht auf. »Ich liebe Oles Humor!«

Von oben nach unten gelesen, ergaben die Anfangsbuchstaben einen Satz: Fuck you Paul!

6

Da war jemand hinter ihr. Sie sah niemanden, aber sie fühlte es. Ihre Schritte beschleunigten sich.

Die Abenddämmerung hatte noch nicht eingesetzt, als Lea Bennsdorf mit ihren Einkäufen aus dem Supermarkt kam. Mit gebeugtem Rücken hastete sie den Sachsenring hinunter. Tiefe Schatten unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf in zu vielen Nächten.

Ein Blick über die rechte Schulter. Nichts. Nur ein paar spielende Kinder, die zwischen den hohen Häusern auf einer Mauer balancierten. Stand da jemand hinter dem Busch?

Ihr Herz klopfte und sie ging noch schneller. Ein Geräusch direkt hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Lea fuhr herum. Die Einkaufstasche mit den Flaschen prallte gegen ihr Knie. Sie biss sich auf die Lippe und stöhnte. Hinter ihr war niemand.

Ein Blick nach links. Die Parkplätze der Plattensiedlung. Ein Mann beugte sich über die aufgeklappte Motorhaube eines altersschwachen Fords, eine alte Frau trippelte mit ihrem Rollator mühsam bergauf. Keine Gefahr. Scheinbar. Auch in den Hauseingängen oder auf der Straße konnte Lea keinen Verdächtigen entdecken. Aber sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Sie wusste es!

Ihr Shirt war unter den Achseln durchgeschwitzt. Der Geruch war unangenehm und sie hoffte, im Hausflur niemanden zu treffen. Wenn sie nur endlich da wäre! Sie atmete flach und stoßweise. Nach Hause. Schnell. Sie bekam kaum noch Luft und ihr wurde schwindelig.

›Frau Bennsdorf, wenn Sie merken, dass Sie in Panik geraten, dann müssen Sie innehalten.‹

Das hatte ihr die Therapeutin geraten. Damals. Nachdem er ihr … Lea schüttelte sich. Nein, nicht daran denken!

›Sie dürfen sich nicht von Ihren Ängsten beherrschen lassen.‹

Noch dreihundert Meter. Fast hatte sie die rettende Haustür erreicht.

›Sie müssen ruhig und konzentriert atmen.‹

Das wollte sie, aber es ging nicht. Ihr Hals fühlte sich an, als wäre er ein Schrumpfschlauch. Er schmerzte.

Ein breitschultriger Glatzkopf kam ihr entgegen. War das ein Nachbar? Warum starrte er sie so an? Die Andeutung eines Kopfnickens, dann war sie an ihm vorbei.

Als sie endlich in der Kühle des marmorierten Hausflurs stand, zitterte sie am ganzen Leib. Sie war allein. Der Fahrstuhl wartete bereits auf sie. Lea stolperte hinein und fuhr in den sechsten Stock. Dort ließ sie ihre Einkaufstaschen auf die Fußmatte fallen, entriegelte den Panzerriegel und das Sicherheitsschloss.

So schnell sie konnte, zerrte Lea ihre Einkäufe in die Wohnung und warf die Tür hinter sich zu. Zweimal drehte sie den Schlüssel um. Der lange Sicherheitsriegel rutschte in die Halterung, die fest im Mauerwerk verankert war. Jetzt war sie in Sicherheit.

Lea ließ sich auf den Teppich vor der Küche fallen. Atmete langsam ein, lang aus. Der Schwindel ließ nach. Endlich schob sie sich wie in Zeitlupe auf die Einkaufsbeutel zu. Dort fand sie, was sie suchte. Eine Glasflasche mit bernsteinfarbenem Inhalt.

In der Küche fand sie das Wasserglas, das noch vom Vorabend auf der Spüle stand. Sie füllte es bis zur Hälfte mit spanischem Brandy, nahm einen ersten Schluck und schleppte sich ins Wohnzimmer. In der Mitte lag ein dicker Wollteppich, dahinter lockte eine große blaue Polstergarnitur, die mit mehr Kissen bestückt war als die Sessel einer Shisha Lounge. Lea streifte die Schuhe ab, lehnte sich zurück und nahm einen großen Schluck. Der Alkohol brannte in der Kehle, nahm ihr aber das Gefühl der Enge in Brust und Hals.

Seit dem Vorfall in der Whisky-Kneipe vor einer Woche war alles anders. Dort konnte sie sich nie wieder blicken lassen. Ihre Erinnerung daran war auch jetzt noch bruchstückhaft. Irgendjemand hatte ihr und ihrer Schwester Christina einen Single Malt spendiert. Damit hatte es begonnen. Mit dem widerlichen Whiskydunst. Schwere Süße. Ein Geruch nach Verwesung und morschem Holz. Genau wie in der Nacht, als Paul …

Lea nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas. Was dann passiert war, hatte sie erst später von Christina erfahren. Sie selbst war im Taxi wieder zu sich gekommen, mit schmerzender Hüfte und feuchter Hose.

»Du hast geschrien. Ziemlich laut.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Der Wirt hat dich am Arm gefasst. Du warst totenbleich. Da bist du nach hinten gestolpert und gestürzt. Dann bist du in die Ecke gekrochen und hast geweint. Ganz eigenartig, als ob du drei wärst oder so.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, du hast nach Papa gerufen. Das war echt schräg. Lea, du brauchst Hilfe.«

Das wusste sie selbst. Aber eine Frage hatte sie noch gehabt: »Meine Hose war nass. Habe ich …?«

Christina hatte nicht antworten müssen. Das Mitleid in ihrem Gesicht hatte alles gesagt.

Seit dem Vorfall war sie wieder da, die Angst. Sie kam ohne Anmeldung und hatte immer einen Fuß in der Tür. Sie war wie schwarze Tinte, die sich über Buchstaben, Wörter und schließlich ganze Buchseiten ausbreitete.

Und nun waren Leas Erinnerungen ebenfalls zurück. Ganz nah, wie Zombies, die sich ihren Weg an die Oberfläche gruben und ihre Knochen nach ihr ausstreckten.

Ich hätte nicht mit ihm gehen dürfen.

Ein Zittern schüttelte ihren Körper und sie drückte sich tiefer in die Kissen. Allein. Christina hatte nicht länger bleiben können. Auf zwei volle Wochen hatte sie ihren Urlaub verlängert, aber ihr Arbeitgeber brauchte sie. In Japan – zehntausend Kilometer entfernt – sollte sie den Aufbau einer Filiale begleiten. Zu weit weg, um bei ihrer Schwester sein zu können.

Lea dachte kurz an ihre Eltern, die beide nicht mehr lebten. Ihre Mutter war bereits bei ihrer Geburt gestorben, ihr Vater vor einigen Jahren. Sie war allein. Aber selbst wenn nicht, wem hätte sie von all dem Schmutz und Grauen aus ihrer Vergangenheit erzählen wollen? Am liebsten würde sie ihre Erinnerungen löschen. Alles hinter sich lassen …

Paul im Sessel, den Blick auf sie gerichtet. Bedauernd.

Die Teppichfasern unter ihren Fingern.

Wieder trank sie einen großen Schluck und zwang ihren Blick zurück in die Realität.

»Du hast echt mehr Glück als Verstand, dass du so schnell an einen Therapieplatz gekommen bist, weißt du das? Andere warten bis zu einem Jahr«, hatte Christina gesagt. »Und freu dich auch über deine schöne Wohnung.«

Doch der Blick auf die grünen und gelben Felder jenseits der Balkonfront konnten Lea nicht mehr beruhigen.

Ihr Smartphone piepste. Wo war’s? Auf der Fensterbank. Lea raffte sich auf. Eine Mail von ihrer Schwester. Am Anfang ein kurzer Bericht über ihren Job. Und dann stand da: Es gefällt mir gar nicht, dass ich dich zurücklassen musste. Denke oft an dich. Hoffe sehr, dass du klarkommst!

Nein, das tat sie nicht. Aber das durfte Lea nicht schreiben. Es fehlte noch, dass ihre Schwester sich verrückt machte. Ein neuer Schluck Brandy, dann tippte sie die Antwort: Mach dir bitte keine Sorgen. Mir geht es wieder gut. Trotzdem gehe ich nächste Woche natürlich zu dem Termin. Ich hab dich lieb!

Abgeschickt. Noch ein Schlückchen. Das nächste unerwünschte Bild erschien in ihrem Kopf. Das Whiskyglas in Pauls Hand.

Lea blinzelte. Atmete. So wie Frau Dr. Braun es sie gelehrt hatte. Brust und Schultern passten sich an, hoben und senkten sich in gleichmäßigem Takt.

Der süße Geruch.

Sie versuchte, sich auf die Felder draußen zu konzentrieren. Kein Grün und kein Gelb mehr. Stattdessen färbte die untergehende Sonne alles in ein helles Rot. Rot wie Blut. Ihr Blut.

Noch vier Tage, bis sie ihre neue Therapeutin treffen würde. Der Praxisleiter Dr. Tanzbein hatte mit den Schultern gezuckt und gesagt: »Frau Braun praktiziert leider nicht mehr. Frau Spiering hätte aber Zeit für Sie. Sie ist zwar noch in der Ausbildung, aber fast fertig und sehr gut. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht, Sie so kurzfristig zu vermitteln.«

Hoffentlich konnte die Neue ihr helfen.

Paul sah sie an.

Im Hausflur hörte sie Schritte. Die Härchen auf ihrem Arm stellten sich auf.

Er lächelte.

Mehr Brandy. Die Geräusche waren verklungen. Aber konnte Lea sicher sein, dass nichts im Dunkeln lauerte? Sie stand auf, schlich zur Wohnungstür und drückte ihr Ohr ans Holz. Lauschte. Atmete da jemand? Erschrocken wich sie zurück. Mit trommelndem Herzen eilte sie zurück ins Wohnzimmer. Lea hielt es nicht mehr aus und griff sich ihr Handy. Ein letzter Blick zu dem Foto ihrer Schwester. Aber sie rief nicht Christina an, sondern eine andere Nummer. Eine, die sie nie gelöscht hatte.

Es tutete. Einmal, zweimal …

Bitte, dachte sie, geh ran.

Endlich hob am anderen Ende jemand ab.

»Tim Hoppe.«

Ihre Erleichterung entlud sich in einem Satz. »Tim, ich bin’s, Lea.«

Stille. Dann, ungläubig: »Lea? Wie geht es dir?« Die Stimme klang sanft und besorgt. Als ob sie seine Zuwendung verdiente.

»Ich … Nicht gut.« Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen. »Es tut mir so leid, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe.«

»Ich habe mir Sorgen gemacht.«

Sie begann zu weinen.

»Hey, ist schon gut, ich bin dir nicht böse.«

»Sind wir noch Freunde, Tim?«

»Ja. Natürlich. Hör doch bitte auf zu weinen. Was ist denn passiert?«

»Ich habe solche Angst.«

»Wovor denn?«

»Vor Paul. Ich glaube, er ist wieder da.«

7

»Trink nicht so viel!«, flüsterte Karin Jacobmayer, während sie ihren Gatten scheinbar liebevoll umarmte. »Und drei Stücke Fleisch müssten eigentlich reichen!«

Klaus-Ulrich Mager stöhnte auf und schob ihre Hände zurück. Dann deutete er auf den Grill, dessen Glut fast erloschen war. »Sei froh, dass ich mich opfere! Das letzte Steak wäre glatt verkohlt!«

»Du opferst dich in letzter Zeit verdammt oft!«, konstatierte sie nun ebenso laut wie er. »Wann warst du zum letzten Mal auf der Waage?«

Seine Antwort ging im Lärm der S-Bahn unter, die hinter der ehemaligen PEGASUS-Festung auf einem Damm Richtung Dortmund rauschte. Kaum einer gönnte den roten Waggons noch einen Blick – sie gehörten einfach zu diesem gediegenen Ensemble. Im Süden, an der Straße, lagen das ehemalige Hauptquartier der Filmfirma und das Reihenhaus, in dem Mager mit seiner Familie residierte – beide nur durch eine Pkw-Durchfahrt getrennt. Der nördliche Teil des Anwesens war direkt am Bahndamm zur Hälfte von dem Hinterhaus belegt, in dem Mager viele Jahre mit Kalles Mutter Mechthild eine Art Nahkampfehe geführt hatte. Nach der Scheidung hatte seine Ex sich geweigert auszuziehen und den freien Platz vor der Böschung in einen argwöhnisch behüteten Kräutergarten verwandelt.

Dass überhaupt noch einer der Beteiligten lebte, lag wohl daran, dass niemand diesen verwunschenen Ort gegen eine Gefängniszelle hatte eintauschen wollen. Doch vor vier Jahren hatte Karin es gewagt, ihre vereinsamte Vorgängerin mit einem Kuchen zu überraschen, und damit das Ende der Eiszeit eingeläutet. Der Hof, in dem an diesem Abend das kleine Grillfest stattfand, hatte sich von einem Minenfeld in eine entmilitarisierte Zone verwandelt.

»Was hast du gesagt?«, hakte Karin nach, als die S-Bahn vorübergedonnert war.

»Deine Gesundheitsgebete gehen mir auf die Nerven!«, sagte Mager. »Könnte so ’n schöner Abend sein.«

»Finde ich auch!« Karin knallte ein paar schmutzige Teller aufeinander und verschwand in Richtung Küche.

Bis gerade war es ein friedlicher Grillabend gewesen. Heute war vielleicht die letzte Gelegenheit in diesem Jahr, um abends noch ohne Jacke draußen sitzen zu können.

So taten alle, als hätten sie nichts gehört. Susanne Ledig, mit der Mager dreißig Jahre für den WDR gedreht hatte, starrte auf ihr Smartphone. Simone erkundigte sich bei Magers Ex-Frau Mechthild nach dem Rezept für den veganen Kartoffelsalat und Kalle ließ sich von seinem Halbbruder Theo erklären, wie dieser am Nachmittag die Altherrengarde des Schachvereins Eichlinghofen beim Blitzturnier abgekocht hatte.

Klaus-Ulrich griff zu seinen Zigaretten und ließ das Feuerzeug schnippen. Noch bevor der Sargnagel richtig brannte, unterbrach Theo das Gespräch mit seinem Bruder: »Ekelhaft. Ich möchte nicht, dass du am Tisch rauchst!«

Mager gönnte seinem Jüngsten einen Blick, der nicht unbedingt von Vaterliebe zeugte. »Halt mal die Luft an. Ich rauche schon seit Jahren wegen euch nicht mehr im Haus, sondern stehe bei jedem Scheißwetter hier draußen.«

»Der Qualm stört mich!«

»Dann setz dich in Mechthilds Kräutergarten, da ist die Luft besser!«

»So was Rücksichtsloses!«, maulte der jüngere Sohn, blieb aber am Tisch sitzen. »Und Mama so anzumeckern …«

Kalle stand auf. »Komm, Vadder, lass uns eine Verdauungsrunde drehen.«

»Wenn ich das Bier aufhabe.«

»Nimm die Flasche mit!«

Zögernd stand der Alte auf und hielt sich für einen Augenblick an der Tischkante fest. Dann vertrat er sich ein wenig die Beine, um den Kreislauf wieder in Gang zu bringen.

Mann, er wird alt, dachte sein älterer Sohn.

Auf der Straße wandte sich Mager nach links, in Richtung Marten.

»Sach ma, Vadder, was ist mit dir los?«

»Karins Gesundheitstour geht mir auf den Keks. Und Theo ist schon auf demselben Trip.«

Es war das erste Mal, dass Kalle von seinem Vater ein negatives Wort über seine Stiefmutter hörte.

»Sie liebt dich und möchte, dass du noch ein paar Jahre fit bist. Aber das meine ich nicht. Irgendwie wirkst du in letzter Zeit so … frustriert.«

Mager schwieg und stellte seine leere Bierflasche vor einem Einfamilienhaus ab, das lange nach dem goldenen Kohlezeitalter gebaut worden war. Schweigend folgte er dem Sohn zur Brücke, die im rechten Winkel über die Bahngleise führte. Auf das Geländer gelehnt, starrten sie auf die Gleise hinunter, die im Mondlicht glänzten.

»Mir fehlt die Arbeit.«

Mir auch, schoss es Kalle durch den Kopf, aber er zögerte, von seinem Problem zu erzählen. Den Alten schien noch mehr zu belasten.