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eISBN 978-3-89425-804-7

Inhalt

Der Autor

Prolog

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Glossar

Der Autor

Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Nach der Matur schrieb er sich in Zürich für Psychologie und Germanistik ein. Beide Studien brach er erfolgreich ab. Zurzeit ist er als Flugbegleiter tätig, ein Job, der ihm genügend Zeit zum Schreiben lässt. Für seine Kurzgeschichten hat er bereits zahlreiche Preise gewonnen. Fangschuss ist sein Romandebüt.

Mehr Informationen unter www.sunilmann.ch

Prolog

»Es war eine verdammte Falle.«

Er hielt den Kopf gesenkt und sprach mit gepresster Stimme, leise und schnell. Die Finger seiner linken Hand spielten nervös am Henkel der Kaffeetasse herum, während er mit der rechten immer noch das daumennagelgroße Glas umklammerte, in dem der Kirsch gewesen war. Er hatte ihn rasch hinuntergestürzt und der Bedienung mit einer weltmännisch gemeinten Handbewegung zu verstehen gegeben, dass das keinesfalls reichte. Nach dem dritten hatte sie die Flasche wortlos auf dem Tisch stehen lassen, doch jetzt bediente er sich nicht mehr davon. Sein zuvor leichenblasses Gesicht hatte durch den Schnaps etwas Farbe bekommen, ein an Cocktailkirschen erinnerndes Rot überzog nun fleckig seine jungenhaften Züge, die er seinem Alter entsprechend mit einer betont männlichen Mimik zu überspielen versuchte. Er zuckte mit den Mundwinkeln, schob das Kinn vor und zog den Rotz hoch, bis ich ihm ungeduldig zu verstehen gab, dass wir unter uns seien und er auf das Grimassenschneiden bis auf Weiteres verzichten dürfe. Worauf er unsicher grinste und sich etwas zurücklehnte. Die Baseballmütze, die er verkehrt herum trug, das darunter hervorquellende, leuchtend orange gefärbte Haar und die willkürlich sprießenden Bartstoppeln ließen ihn im gedämpften Licht des Lokals jünger erscheinen, als er war. Ness hatte gesagt, dass er vierundzwanzig sei, doch im Moment wirkte er wie achtzehn. Wie ein Achtzehnjähriger, der gerade Todesangst ausgestanden hatte.

 

Der dunkle Holzboden knarrte verhalten, als die Bedienung, eine robuste, aber hübsche Frau mit breiten Wangenknochen und slawischem Akzent, erneut an den Tisch trat und sich nach weiteren Wünschen erkundigte. Er winkte ab und brachte dabei sogar ein angedeutetes Lächeln zustande. Ich fragte mich, ob sie seine scharfen Körperausdünstungen auch wahrnahm. Ungelüftete Fußballergarderobe trifft auf Schlachthaus. Er hatte zwar nur eine Woche in einer abgelegenen Alphütte verbracht, doch mir verschlug es noch immer den Atem, wenn er eine hastige Bewegung machte und ein Luftzug aus seiner Richtung herüberwehte. Aber wahrscheinlich war die Kellnerin stark erkältet oder ihr Mann roch ähnlich. Sie ließ sich jedenfalls nichts anmerken, lächelte nur und verzog sich wieder hinter den Tresen.

Zu Beginn hatte ich befürchtet, gar nichts aus ihm herauszubekommen. Nervös zappelnd wie ein überzuckertes Schulkind war er auf dem Stuhl gesessen und hatte herumgedruckst. Doch dann hatte er plötzlich tief Luft geholt und erzählt.

»Wir gingen hinein und legten unsere Ware auf den Tisch, danach wurden wir mit Getränken und Sandwiches versorgt. Bis dahin war alles cool, alles voll easy. Ich wartete auf die Kohle und wollte danach so rasch wie möglich abhauen.«

Ich beobachtete ihn, während er sich auf seine Geschichte konzentrierte und das Licht der Lampe dunkle Schatten in sein Gesicht kerbte.

»Doch plötzlich veränderte sich die Stimmung, und ich dachte noch, aber hallo, was für eine abgefahrene Sache ist denn das. Die Spannung stieg spürbar, es war, als rückten sie näher, und sie hatten alle diesen merkwürdigen Blick drauf. Drohend, gefährlich und irgendwie auch gierig. Lüstern. War echt krass, Mann.«

Wir waren mittlerweile beinahe allein im Lokal. Die Stunde derjenigen, die vor dem Abendessen noch schnell auf ein Glas oder zwei reingeschaut hatten, um sich Mut für den ehelichen Samstagabend anzutrinken, war vorbei, die Wanderer und Wochenendausflügler hatten sich längst auf den Weg ins Tal begeben. Die Kellnerin räumte Tische ab, wischte mit einem Lappen nach und trug dann das volle Tablett zur Anrichte, wo sie alles in eine Spülmaschine füllte. Die rot-weiß karierten Tischtücher und die dazu passenden Vorhänge gaukelten genau jene Heimeligkeit der heilen Schweiz vor, die bei Touristen so beliebt war, das dunkle, beinahe schwarze Holz, aus dem Wände, Decke und sogar die Bodendielen gefertig waren, ließ den Raum kleiner erscheinen, als er war. Kunstvoll geschmiedete Hängelampen aus Gusseisen spendeten ein warmes, sanftes Licht.

Der Junge räusperte sich, blickte kurz über die Schulter zur Theke und schien zu zögern. Seine Finger spielten am Tischreiter herum. Coupe Nesselrode, 8.50 Franken, stand auf der eingeschobenen Karte, dazu ein Foto: Vanilleeis im Glas, darüber Kastanienpüree, eine Sahnehaube und zuoberst die obligatorische rot glänzende Kirsche. Ein Klassiker im Herbst. Seine Finger bogen die Karte unsanft um und rissen sie langsam in Stücke.

»Und dann ließ der dicke Chinese plötzlich sein Glas fallen. Es war, als wäre der Bann gebrochen. Alle zuckten zusammen, und ich sprang, ohne zu überlegen, zur Tür, riss sie auf und rannte, wie ich noch nie in meinem Leben gerannt bin.«

Montag

Sechs Tage zuvor beobachtete ich, wie sich eine Kakerlake vergeblich anstrengte, mein brandneues Handy zu besteigen. Das Telefon war mir von einem äußerst freundlichen Verkäufer mit gelgetränkter Igelfrisur aufgeschwatzt worden und verfügte über unvorstellbar viele Funktionen, die dem durchschnittlichen Benutzer das Gefühl geben sollten, dass es sich hierbei mindestens um die Fernsteuerung eines Raumschiffes handelte. Die Kakerlake versuchte hartnäckig, mit ihren dürren Beinchen Halt auf der glatten Oberfläche zu finden, bis ich sie zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte, mich kurz an ihrem verzweifelten Gezappel ergötzte und daran dachte, dass sie in gewissen Ländern als Delikatesse gehandelt wurde, den darauf folgenden Gedanken trotz meines knurrenden Magens im Keim erstickte und sie aus dem Fenster hinter mir warf, das der ungewohnten Hitze wegen weit offen stand. Ein Jahrhundertherbst, unkten die Meteorologen im Fernsehen, aber da das Wort ›Jahrhundert‹ in den letzten Jahren im Zusammenhang mit ungewöhnlichem Wetterverhalten beinahe inflationär benutzt wurde, war man allgemein wenig beeindruckt und genoss die warmen Septembertage, ohne sich allzu viele Gedanken dazu zu machen. Jedenfalls ich. Ich hatte ganz andere Probleme.

Vorsichtig hob ich das Telefon hoch und drückte die grüne Taste. Der Signalton erklang auf der Stelle, das Telefon schien tadellos zu funktionieren. Drei Tage waren jetzt vergangen, und es hatte keinen einzigen eingehenden Anruf vermeldet. Diejenigen meiner Mutter ausgenommen. Ich seufzte, lehnte mich in meinem im Brockenhaus erstandenen Bürosessel zurück und starrte an die Decke. Sie war übersät von bräunlichen Wasserflecken und erinnerte an ein T-Shirt aus dem Anfängerkurs für Batik. Seit sechs Jahren wohnte ich jetzt schon in dieser Wohnung an der Dienerstrasse in Zürichs Kreis 4 und hatte mich längst an ihre Mängel, die damals in der Anzeige mit charmanter Altbau im Originalzustand umschrieben worden waren, gewöhnt. Dafür war die Miete akzeptabel und meine Nachbarschaft störte sich nicht daran, wenn ich nachts lautstark Musik laufen ließ. Vielleicht auch deshalb, weil sie sie in dem ganzen Lärm, den sie selbst veranstaltete, gar nicht hörte.

 

Nachdem ich endlich im Besitz meiner Lizenz war, hatte ich mein Wohnzimmer stilsicher in eine Art Büro umgewandelt. Das heißt, das abgewetzte Sofa stand jetzt direkt neben der Wohnungstür, falls ein unvorhergesehener Andrang meine Klienten zwingen würde zu warten. Davor ein niedriger Tisch mit ein paar zerfledderten Illustrierten. Den Fernseher hatte ich ins Schlafzimmer verbannt, das sich im zweiten Raum meiner Zweizimmerwohnung befand, er schuf Platz für einen großen, dunklen Schreibtisch, denn ein großer, dunkler Schreibtisch ist zusammen mit schräg gestellten Jalousien das A und O jedes Detektivbüros, das weiß jeder, der ab und zu fernsieht. Dazu gab es einen Gummibaum und irgendeine Pflanze mit elliptischen Blättern, die gelb umrandet waren. Ich fand sie hübsch und sie war billig gewesen − was absolut nichts mit meinem Frauengeschmack zu tun hatte.

Direkt gegenüber dem Sofa stand eine indische Truhe, dunkles Tropenholz mit verschnörkelten Schnitzereien, Kolonialkitsch, aber ich konnte mir vorstellen, dass gewisse Leute darauf abfuhren. Ein paar Halter für Räucherstäbchen vervollständigten zusammen mit einer handgroßen, rosafarbenen Ganesha-Statue, dem hinduistischen Gott mit dem hässlichen Elefantenkopf, die Ethnoecke. Ich wollte es nicht übertreiben, aber schließlich muss man sich irgendwie von der Konkurrenz abheben.

Am meisten mit Stolz erfüllte mich aber mein Namensschild, das unten bei der Klingel neben dem Hauseingang hing und dann noch einmal im dritten Stock an der Wohnungstür. V. J. Kumar, Privatermittlungen, stand da in schwarzen Lettern auf einer brandneuen, blank polierten Messingplakette eingraviert, die sich wie ein Goldfisch im Haifischbecken von den anderen Namensschildern und den dazugehörigen Klingelknöpfen abhob, die geschwärzt von den Abgasen des Durchgangsverkehrs und dem häufigen Gebrauch durch denselben beinahe unleserlich geworden waren. Meinen etwas umständlichen, aber typisch indischen Vornamen Vijay hatte ich zum international verständlichen Kürzel V. J. zusammengeschrumpft, etwas, das enorm wichtig war in einer von exotischen Namen dominierten Nachbarschaft, die hauptsächlich aus Prostituierten und Dealern bestand. Meiner potenziellen Kundschaft.

»Hai rabba!«, hatte meine Mutter händeringend gejammert. »Mein Sohn ist nicht nur unnütz, sondern offensichtlich auch noch komplett verrückt geworden. Pagal ho gaya. Hätte ich doch an seiner Stelle eine sanftmütige und folgsame Tochter geboren! Ohne Widerrede hätte die ihre alte Mutter im Haushalt und im Geschäft unterstützt und nach ihrem Schulabschluss hätte man sie dank der soliden Schweizer Ausbildung und ihrer Jungfräulichkeit gewinnbringend mit einem jungen Mann aus Mumbais besseren Kreisen verheiraten können. Das wäre dann der ganzen Familie zugutegekommen. Aber der! Da zahlt sich keine einzige investierte Rupie aus!«

Sie fixierte mich mit diesem Blick, den sie indischen Frauen schon im Kindesalter beibringen und den jede von ihnen perfekt beherrscht: eine Mischung aus Vorwurf, unbeschreiblichem Seelenleid und einer üppigen Portion Melodramatik. Ich kriegte auf der Stelle ein schlechtes Gewissen, dieser Blick verfehlte seine Wirkung nie.

Vijay bedeutete ›der Sieger‹, und ein Sieger wollte ich auch sein. Ich war gerade dreißig geworden, hatte ein wenig studiert, war ein wenig herumgereist und hatte meinen Vater und meine Mutter, die vor mehr als drei Jahrzehnten in die Schweiz gekommen waren und sich mühsam eine eigene Existenz aufgebaut hatten, damit beinahe zur Verzweiflung getrieben. Doch jetzt hatte ich nach dem erfolgreich absolvierten Fernkurs immerhin eine abgeschlossene Ausbildung als Privatdetektiv vorzuweisen und war selbstständig.

Zumindest momentan.

Noch war ich nicht ganz so erfolgreich, wie mein Businessplan es vorsah, doch wenn ich auf mein Bankkonto schielte, würde ich noch mindestens zwei Wochen auf eigenen Beinen stehen können, wenn ich eine Mahlzeit am Tag ausließ und eine andere in flüssiger Form zu mir nahm. Und ich war bereit, noch viel mehr tun, damit das Geld länger reichte. Denn das Letzte, was ich wollte, war, zurück in den Laden meiner Mutter zu gehen, um dort hinter dem Tresen zu stehen und im Dunst der ständig brodelnden Pfannen ihre selbst gebackenen Samosas zu verkaufen.

 

Ich schlug die Zeitung auf, die ich vor mir auf dem Tisch liegen hatte. Es war eine dieser Gratiszeitungen, wie sie einem am Bahnhof von bereits frühmorgens beängstigend gut gelaunten Studenten aufgedrängt wurden. Auf die Titelseite hatte es ein junger Mann geschafft, besser gesagt seine übel zugerichtete Leiche, die man in der Limmat gefunden hatte. Noch stand die Polizei vor einem Rätsel, weder Identität noch Todesursache waren geklärt. Das Foto über dem kurzen Bericht zeigte eine wenig geglückte Aufnahme eines Mitarbeiters des Elektrizitätswerks Letten, der mit betrübter Miene und ausgestrecktem Arm auf die Rechenanlage zeigte, wo die Leiche zusammen mit benutzten Kondomen und leeren PET-Flaschen angeschwemmt worden war. Rasch blätterte ich weiter und betrachtete im Anzeigenteil nicht ohne Stolz das Inserat. V. J. Kumar, Privatermittlungen, stand da, darunter meine Telefonnummer, meine E-Mail- und Internetadresse.

Seitdem ich meine Homepage vor drei Tagen online gestellt hatte, zeigte der Zähler schon vier Besucher an. Zweimal war ich selbst es gewesen, um zu überprüfen, wie die von meinem Kumpel José gestaltete Seite wirkte. Er arbeitete als Journalist bei eben diesem Gratisblatt und dank ihm wurde die Anzeige auch nicht ganz so teuer. Dafür hatte ich versprochen, mit ihm einen Abend in der Centralbar beim Helvetiaplatz zu verbringen, wo der gesamte Abend auf mich gehen sollte. Was mich bei seiner Trinkfestigkeit letztendlich wohl mehr kosten würde als eine reguläre Anzeige.

Einmal hatte sich meine Mutter die Seite angesehen, als tüchtige und erfolgreiche Ladeninhaberin kannte sie sich gut mit Computern aus. Lediglich mit dem Internet hatte sie manchmal ihre liebe Mühe. Schon mehr als einmal musste ich ihren Bildschirm von Myriaden wild blinkender Sites mit unzweideutigen Inhalten befreien.

»Keine Ahnung«, war die übliche, kurz angebundene Antwort auf die Frage, wie sie denn dahin gekommen sei, während sie angestrengt und mit geröteten Wangen in einem Topf rührte oder tief gebückt ein Gestell auffüllte, um meinem spöttischen Blick auszuweichen.

»Das ist alles, Beta, mein Sohn?«, fragte sie zweifelnd, als sie sich meine spartanisch, aber meines Erachtens stilvoll gehaltene Homepage anschaute. Ob sich ihre Skepsis auf die Gestaltung der Seite bezog oder meinen Geisteszustand, war nicht genau zu eruieren.

»Da sollten mehr Farben sein, Muster und Ornamente, die Leute mögen es fröhlich«, bemängelte sie. »So was erwarten die Schweizer von uns Indern! Sonst wirst du nie erfolgreich!«

»Ma, ich bin kein Teppichhändler auf dem Basar in Agra, sondern ein Privatdetektiv!«, erwiderte ich entsetzt.

Sie zuckte mit den Schultern. »Acha. Gut. Wenn du meinst.«

Den vierten Besucher meiner Homepage kannte ich nicht, folgerichtig war er der erste potenzielle Kunde. Es bestand Hoffnung.

Flüchtig las ich die Anzeigenseite. Ein Inserat von Madame Bonheur, gleich unter meinem, versprach Glück in Liebe und Beruf, Madame pendelte, legte Karten und las Kaffeesatz, auch am Telefon, darüber drohte Domina Paulina härteste Bestrafung für den diskreten Geschäftsmann, ab siebzehn Uhr, an. Ich befand mich wieder mal in bester Gesellschaft.

 

Ich musste kurz eingenickt sein, denn als ich erwachte, erfüllte goldenes Nachmittagslicht den Raum. Ganesha lächelte selig und irgendwie ein wenig beduselt vor sich hin, Staub tanzte in der Luft, und es roch nach gebratenem Lammfleisch und Zwiebeln, was auf das immer noch offen stehende Fenster und die tausendundeinen Kebabstände der nahe gelegenen Langstrasse zurückzuführen war. Irgendwoher erklang ein summendes Geräusch, und der Tisch vibrierte leicht. Es dauerte dennoch zwei oder drei weitere Sekunden, bis ich begriff. Mein Telefon klingelte! Ich sprang auf, und während ich es zum Ohr führte, dachte ich einmal mehr daran, den Klingelton zu ändern, dieses halbseidene Gesumme war ziemlich uncool für einen richtigen Detektiv.

»Herr Kummer?«

Ich bejahte, ohne zu korrigieren.

»Ich brauche Sie dringend!«

»Natürlich«, erwiderte ich und grübelte darüber nach, wer aus meinem Bekanntenkreis sich da einen Scherz mit mir erlaubte. Es war eine hohe, weinerliche Stimme, die einer etwa fünfundvierzigjährigen Frau gehörte, so schätzte ich. Ich kannte keine Frauen in dem Alter, jedenfalls nicht näher und schon gar nicht solche, die akzentfrei Deutsch sprachen. »Was kann ich für Sie tun?«

»Das kann ich Ihnen nicht am Telefon mitteilen. Wären Sie so nett und würden kurz zu mir rausfahren?«

Ich brummte abwägend, raschelte mit der Zeitung und hoffte, dass das wenigstens ein bisschen nach übervoller Agenda klang. Dann war ich so nett. Sie gab mir die Adresse. Beste Wohnlage auf der linken Seeseite, noch in der Stadt. Ein guter Anfang, dachte ich.

Ich hatte ja nicht den Hauch einer Ahnung.

 

Auf der Suche nach einem Parkplatz fuhr ich im Schritttempo durchs Quartier. Einmal mehr stellte ich fest, wie provinziell und reizlos Wollishofen war mit seiner konzeptfreien Mischung aus abgehalfterten Mietblöcken aus den Sechzigerjahren, den dörflich wirkenden Wohnhäusern mit Kleingewerbe im Erdgeschoss und den unzähligen gesichtslosen Geschäftsgebäuden, die sich entlang der Seestrasse dicht aneinanderdrängten − und wie hübsch und gepflegt oberhalb der Tramlinie, wo der Hügelzug sanft anstieg und schmale Einbahnsträßchen zu umzäunten und schmuck bepflanzten Grundstücken führten, wo meist im Hintergrund von Bäumen gut getarnt eine Villa lauerte. Ich parkierte meinen hellblauen Volkswagen, einen klapprigen Käfer, den ich von meinen Eltern zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, vorschriftswidrig auf dem Gehsteig, denn ein regulärer Parkplatz war nicht auszumachen.

Sofort fiel mir die Stille auf, die hier herrschte. Weit unten glitzerte unverdrossen der Zürichsee und spielte mit seinen Schiffchen und den von Sonnenhungrigen dicht besiedelten Ufern weiterhin Sommer. Irgendwoher aus der Ferne drang verhalten das einlullende Rauschen der Straße. Ansonsten war nur das zögernde Tschilpen einer Amsel zu hören. Es schien, als hätten die Bewohner des Viertels beim Bingo gestern Abend allesamt eine Kreuzfahrt gewonnen oder zumindest so viel getrunken, dass sie vor lauter Kopfschmerzen nur auf Zehenspitzen herumliefen. Andererseits war das nicht die Gegend, in der man es nötig hatte, Bingo zu spielen, und getrunken wurde auch nie zu viel. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Ich betrachtete das Haus, das mir meine allererste Klientin als Adresse angegeben hatte. Es wirkte im Gegensatz zu den umliegenden Protzvillen eher bescheiden und lag etwas nach hinten versetzt und geduckt am Ende eines gewundenen Kieswegs. Die Fassade bröckelte stellenweise, Risse zogen sich durch den Verputz, und auf den ehemals rostroten Dachziegeln wucherte Moos, aber das betonte den Charme und den Stil des zweistöckigen Gebäudes eher noch. Es war umgeben von einem dicht bewachsenen Garten, den man dringend wieder einmal hätte jäten müssen. Wobei roden oder abfackeln wohl sinnvoller gewesen wäre.

Heckenrosen säumten den Kiesweg, ihre roten Früchte glühten in der Abendsonne, leuchtend orange Kürbisse lagen herum wie übrig gebliebene Luftballons von einer Party für Riesenkinder, ansonsten war aber deutlich zu sehen, dass der Herbst nahe war und das Anwesen verwahrloste. Vertrocknete Blütenstände überall, geplatzte Samenschoten, abgestorbenes, zum Teil verfaultes Gemüse, ein Meer aus Braun und Algengrün und Schwarz.

Ich drückte mit der Hand das schmiedeeiserne Gartentor auf, worauf es klagend wimmerte. Ein aufgeschrecktes Rascheln ließ mich nach oben blicken, in die Äste einer Linde. Neugierig spähte ich in das goldgelbe Blattwerk, doch das Rascheln war verstummt und nichts regte sich mehr.

Voller Elan sprang ich die drei Stufen zur Haustür hinauf, überflog das Namensschild und drückte beherzt auf die Klingel. Aus dem Innern des Hauses war gedämpft der verspielte Klang eines Glockenspiels zu hören. Während ich wartete, las ich das Namensschild erneut. Barbara Georget, stand darauf, und irgendwie erinnerte mich der Name an etwas − etwas, das mir schon seit ihrem Anruf im Kopf herumgeschwirrt war. Ich kam nur nicht darauf. Doch ich hatte keine Zeit zum Überlegen, denn die Tür schwang auf und der üppigste Schmetterling, den ich je gesehen hatte, stand vor mir. Mit gespreizten Flügeln hing er im Türrahmen. Feinster, beinahe transparenter Stoff floss in Ocker und Orange an ihm herunter, verziert mit goldfarbenen und schwarzen Ornamenten, die offensichtlich ein von epileptischen Anfällen geschütteltes Kind aufgemalt hatte. Mitten in dieser wilden Pracht kauerte ein teigiges, rundes Gesicht in einem Nest von goldenen Halsketten und beäugte mich argwöhnisch. Ich lächelte vorsichtig.

Der Schmetterling wackelte mit dem Kopf, und die silbergrau getönte Krystle-Carrington-Frisur erschauderte. Dann lächelte er auch.

»Herr Kummer, nehme ich an?«, flötete er mit gespitzten Lippen, und jetzt erkannte ich die Stimme wieder. Fünfundvierzig war eine wohlwollende Schätzung gewesen.

»Frau Georget?«

»Babsi, für Sie.«

Irgendetwas rastete in meinem Kopf ein. Sie lächelte erneut, und ihr Doppelkinn vervielfachte sich, als sie mir zunickte, dann senkte sie die Arme, mit denen sie sich beidseitig am Türrahmen abgestützt hatte. Mit einem leisen Seufzen fiel das bunte Seidenkleid in sich zusammen und blieb schlaff über ihren Rundungen hängen. Damit war auch die Illusion des Schmetterlings verpufft, übrig blieb eine dickliche, überkandidelt angezogene Raupe.

»Kommen Sie.«

Der sandelholzschwere Duft von Räucherstäbchen schlug mir entgegen, als ich ihr ins Haus folgte. Während sie vor mir her durch den Flur ging, rasselte es aus ihrem kaftanartigen Kleid andauernd, als versteckte sich die Percussiontruppe von Earth, Wind and Fire darunter. Wie ein zerschlissener Vorhang flatterte es um ihren Körper, und ich war nicht unglücklich, dass der Stoff nur beinahe transparent war. In diesem Moment wandte sie den Kopf und lächelte mich über die Schulter hinweg an. Ich lächelte zurück und stellte überrascht fest, dass sie dabei unglaublich sexy wirkte. Erst jetzt bemerkte ich, wie elegant, ja beinahe tänzelnd sie sich trotz ihrer körperlichen Fülle bewegte. Das Haar hüpfte fröhlich auf ihren Schultern, die Hüften wogten nach links, dann nach rechts, sodass ich ein bisschen um die Vasen und Götterstatuen fürchtete, die den Korridor zum Wohnzimmer säumten.

Dort angelangt, drehte sie erst mal eine schwungvolle Pirouette. Ihr Kleid bauschte sich auf, und Earth, Wind and Fire rasselten einen Tusch. Sie breitete die Arme aus wie ein Zirkusdirektor, der gerade eine Sensation ankündigt, und sah mich Beifall heischend an. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und augenblicklich wurde mir schwindlig. Als ich mich einigermaßen gefasst hatte, fixierte ich einen hüfthohen handgeschnitzten Elefanten aus Teakholz und Stoßzähnen aus wahrscheinlich echtem Elfenbein und machte ein beeindrucktes Gesicht. Das Wohnzimmer sah aus, als hätte sie einen Souvenirladen in Mumbais Touristenmeile komplett ausgeraubt und das Diebesgut auf der Flucht vor der Geschmackspolizei eiligst in ihrem Wohnzimmer verstauen müssen. Auf dem Boden überlappten sich Orientteppiche in wilden Farbmischungen, darauf lagen massenweise verzierte Kissen, Seidentücher mit goldbestickten Borten hingen an den Wänden, in einer Ecke thronte im Schein flackernder Kerzen eine Nachbildung des Taj Mahal aus weißem Marmor, Statuen von mindestens dreitausend indischen Gottheiten aus Holz und Stein, und ein paar besonders farbenfrohe aus Plastik türmten sich auf einem dunklen Gestell zu meiner Linken, daneben befand sich ein buddhistischer Altar samt bronzenem Gong.

Ich schloss kurz die Augen, doch hinter meinen Lidern tanzten die Farben weiter, eine Orgie aus Gold, Orange, Hellblau, Safrangelb, Tannengrün und Purpurrot.

Räucherstäbchen qualmten mir die Atemluft weg und tauchten den ganzen Raum in ein nebliges Licht, als fände gleich ein Auftritt von Siegfried & Roy statt. Vor den raumhohen Fenstern standen Tablas in drei verschiedenen Größen, daneben lag ein Sitar. Das Einzige, was fehlte, war ein umtriebiger Verkäufer mit betelroten Zähnen und einem halbblinden Auge, der händereibend um mich herumscharwenzelte. Vorsichtig blickte ich mich um, ob nicht doch noch einer hinter einem bestickten Lederhocker hervorhüpfte.

»Sind Sie Türke?«, fragte Babsi.

»Inder.«

»Ach sooo!« Sie dehnte das ›o‹ so lange, bis es in einem heiseren Knurren versickerte.

»Namaste!«, sagte sie und sah mich dabei erwartungsvoll an, als erwarte sie, dass ich jetzt aufspränge und im Bollywoodstil zu tanzen begänne, mit dem Kopf wackeln oder ein paar lustige Grimassen schneiden würde. Ich tat ihr den Gefallen nicht. Sie starrte mich weiterhin an.

»Sie sind groß für einen Inder«, sagte sie nach einer Weile und ihr Blick glitt unverschämt langsam über meinen Körper.

»Das Schweizer Essen wahrscheinlich.« Ich grinste und hoffte, dass sie das lustig fände. Tat sie nicht. Sie hielt inne und legte den Kopf schief, als wäre da noch ein Rest Badewasser in ihrem Ohr. Die Stille wurde drückend. »Ich hätte immer gern indisch kochen gelernt«, sagte sie plötzlich im weinerlichen Tonfall eines Schulmädchens, dem man das ausdrücklich verboten hatte.

»Sie mögen Indien«, bemerkte ich wenig einfallsreich. Babsi blickte sich in dem Raum um, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

»Alles aus Colaba!«, sagte sie dann stolz.

»Hätte ich nicht gedacht.«

»Indien ist mein zweites Zuhause.« Sie nickte zur Bekräftigung. »Eigentlich mein erstes. Nur dort kann ich sein, wer ich wirklich bin.«

Ich lächelte diplomatisch und versuchte, die Bilder von meinem letzten Zwischenstopp in Goa zu verdrängen. Doch die Diashow in meinem Kopf lief bereits, und sie tauchten wieder vor mir auf, die mittelalten, mittelwohlhabenden, mittelfrustrierten, mittelausgebrannten, mitteleuropäischen Frauen und Männer, die sich in quietschbunter Piratenkleidung, die sie aus irgendeinem irrigen Grund für indisch hielten, am Strand die Ödnis aus der Seele trommelten, tanzten, rauchten. Die fasteten, sangen, meditierten, sich Darm und Stirnhöhlen mit heißem Öl ausspülen ließen und nachts auf harten Pritschen schliefen, nur um zurück im Büro ihrem Chef den Kaffee mit ein wenig mehr Selbstachtung bringen zu können.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

Ich knipste die Diashow aus und bejahte. Während sie in der Küche verschwand, um irgendwelche Yogitees aufzugießen, sah ich mich nach einem Sofa um. Ich fand keins. Vielleicht entdeckte ich es aber in dem ganzen Kram auch einfach nicht. Was mir hingegen auffiel, war eine schwere Truhe aus dunklem Holz, die mit filigranen Schnitzereien verziert war. Auf dem Deckel ausgebreitet lag ein Seidentuch in leuchtenden Rottönen, darauf standen etliche Fotorahmen, goldene Schallplattenauszeichnungen, Preise, die sie für ihr Schaffen erhalten hatte in Form von Urkunden und Trophäen. Endlich wusste ich, weshalb sie mir auf Anhieb so bekannt vorgekommen war. Ich griff nach einem Foto. Obwohl es schwarz-weiß war und die Jahre im Räucherstäbchendunst mehr schlecht als recht überstanden hatte, war es unübersehbar: Sie war einmal wirklich schön gewesen. Eine Frau mit Stil. Babsi National, so ihr Übername, das wohl berühmteste Schweizer Fotomodell. Daneben war sie ein bisschen Sängerin gewesen, mit einem einzigen großen Hit, den selbst heute noch jedes Kind nachträllern konnte, und hatte sich als Schauspielerin, Schriftstellerin, die es auf ein gutes halbes Dutzend Autobiografien, Diätbücher und Lebensratgeber brachte, und Bardame versucht. Letzteres allerdings nicht zeitgleich mit dem Rest. Sie war immerhin beinahe ein Weltstar, an den sich heute leider nur noch wenige erinnerten. Nur ab und zu tauchte sie noch in der Klatschpresse auf, meist wegen eines neuen wesentlich jüngeren Mannes an ihrer Seite.

»Das ist lange her.« Geräuschlos hatte sie den Raum betreten. »Ich lebe jetzt und hier, die Vergangenheit ist nichts anderes mehr als Dekoration auf einer Mahagonitruhe.« Sie kicherte, als hätte sie soeben jemandem einen besonders lustigen Streich gespielt. »Kommen Sie.«

In den Händen hielt sie ein Tablett mit Gläsern und einer kunstvoll geformten Flasche eitergelben Inhalts. Also doch kein Yogitee. Das Exmodel, das mehr Ex war als Model, begann, mir allmählich sympathisch zu werden.

Sie wies mit dem Kinn zu einem Haufen Kissen, ich blickte mich um und klemmte mir dann beherzt einen bestickten, dunkelblauen Lederhocker zwischen die Beine, der sofort auf der einen Seite nachgab, sodass ich schräg auf ihm saß. Ich platzierte meine Füße breit auseinander und war stolz, dass ich noch nicht am Boden lag. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich elegant im Schneidersitz auf einem der Teppiche niederließ.

»Eierlikör?«

Ich sah keine Alternative und sie nicht danach aus, als ob sie sich demnächst wieder erheben wollte. Also nickte ich.

»Weshalb haben Sie mich angerufen?«

Ohne auf meine Frage einzugehen, schenkte sie die beiden Gläschen voll und streckte mir dann eines davon entgegen.

»Zum Wohl, Herr Kummer, auf eine gute Zusammenarbeit!«

Ihr Kopf kippte nach hinten und gab den Blick frei auf einen faltigen Schildkrötenhals, in den die Goldketten Jahresringe gestanzt hatten. Sie leerte das Glas in einem Zug und schenkte sich gleich wieder nach. Vorsichtig nippte ich an dem Likör, versuchte, das Gesicht nicht zu verziehen, und tat es ihr gleich. Auch bei mir war das Glas sofort wieder voll. Gebannt verfolgte ich, wie sie das zweite Glas in ihren Schlund schüttete, und als die empörten Ketten um ihren Hals aufgehört hatten zu rasseln, wiederholte ich meine Frage.

»Marie Antoinette!«, erwiderte sie, als sei damit alles geklärt.

»Ach so!«

»Musik?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang sie auf, behände wie ein junges Zicklein, ihre Bewegungen schienen die Gravität außer Kraft zu setzen. Der Saum ihres Kleides strich wie ein Lufthauch über meine Schulter, als sie an mir vorbeischoss. Sie nestelte in einer Ecke des Raumes herum, eine CD-Hülle wurde auf- und zugeklappt, worauf wildes Tablagetrommel erklang, ein Sitar stimmte mit ein und ließ den Raum vibrieren, und schließlich setzte eine unnatürlich hohe Frauenstimme dazu an, an der Grenze zur Hysterie etwas zu beklagen. Nahm ich mal an. Oder vielleicht freute sie sich auch. Man weiß das bei Inderinnen nie so genau.

»Ich mag große orientalische Männer«, gurrte Babsi in einer plötzlich viel tieferen Stimmlage. Ich wandte mich zu ihr um und schluckte leer.

»Marie Antoinette?«, versuchte ich, den hauchdünnen Faden wieder aufzunehmen. Babsi hatte sich nicht wieder gesetzt, sie wiegte sich mit geschlossenen Augen im Takt der Musik und schien mich komplett vergessen zu haben.

»Frau Georget. Babsi. Ich werde Ihnen diese Zeit berechnen.«

Sie schlug die Augen auf und bedachte mich mit einem mitleidigen Blick. »So korrumpiert hat Sie die westliche Welt bereits. Also wirklich, Sie sollten sich was schämen. Atman, Karma, Samsara. Bedeutet Ihnen das alles nichts mehr?«

Wieder so eine, die glaubte, mit dem Runterbeten einiger Begriffe in Sanskrit sei das Gröbste erledigt und ewiges Seelenheil garantiert. Ich seufzte verhalten, und sie warf mir einen strafenden Blick zu. »Es gibt Wichtigeres als Geld und Profit, Ihre Ahnen haben das noch gewusst.«

Ich wollte gerade erwidern, dass sie das bitte schön meinem Vermieter und dem Steueramt mitteilen solle, doch sie hatte die Augen bereits wieder geschlossen und summte die wilden Melodiebögen mit.

»Marie Antoinette!«, versuchte ich es erneut. Langsam war ich genervt.

»Ist meine Perserkatze. Sie ist verschwunden. Und Sie sollen sie wiederfinden.« Sie starrte mich herausfordernd an. Ebenso gut hätte sie mich ohrfeigen können. Mein erster Fall sollte also die Suche nach einer dämlichen Katze sein. Ich sah mich bereits auf Bäume steigen, Nachbarn befragen, in Straßengräben rumstochern und Tierheime abklappern.

»Wann …?«

»Wann ich sie zum letzten Mal gesehen habe?« Sie musterte mich kühl, als traute sie mir plötzlich nicht mehr zu, das Viech zu finden.

»Genau.«

Sie setzte sich wieder und schenkte sich einen weiteren Likör ein, den sie wie die vorherigen unverzüglich ihrem Körper zuführte. Dann drückte sie Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand gegen ihre Stirn und schien zu überlegen. Ich wartete. Die hysterische Inderin war zum Schweigen gebracht worden, jetzt waren nur noch Tablas zu hören, leise und in einem scheinbar willkürlich geschlagenen, einlullenden Rhythmus. Sie senkte die Hand und starrte wie in Trance vor sich hin. Die Zeit schien den Atem anzuhalten. Staubpartikel tanzten im bronzefarbenen Licht der letzten Sonnenstrahlen. Ich räusperte mich, sie verharrte reglos, und in Schanghai wurden zwei Wolkenkratzer gebaut. Draußen fuhr irgendwann ein Auto vorbei. Meine Geduld neigte sich ihrem Ende zu. »Wann haben Sie Ihre Katze zuletzt gesehen, Frau Georget?«

Unvermittelt hob sie den Kopf und blickte mich direkt an. Ihre Augen verzogen sich wohlig zu schmalen Schlitzen, wie bei einer Mieze auf der warmen Ofenbank. Dann wanderte ihre Hand zielstrebig unter eine der unzähligen Falten ihres Kleides, und plötzlich lag ein Teil ihres Schenkels frei. Die Hand glitt aufreizend langsam über das schlaffe Fleisch. Ich musste unwillkürlich an Hefeteig denken. Sie seufzte lasziv und streichelte ihre großen, weinschlauchartigen Brüste. Ich griff zum Glas und kippte es auf ex. »Ihre Pussy … ehm … Katze!«

Sie zuckte zusammen, bedeckte ihren Oberschenkel mit einem Stoffzipfel und warf mir einen giftigen Blick zu. »Sie ist weg.«

»Seit wann?«

»Heute Morgen.«

»Passiert das oft?«

»Zum ersten Mal.«

Ich nannte meinen Preis, bat um ein Foto von Marie Antoinette, erhob mich und wandte mich zur Tür.

»Finden Sie sie, bitte! Sie ist alles, was ich habe.« Sie warf sich in dramatische Pose. Exmodel, das Beinaheschauspielerin gewesen war. Dem Beinahe machte sie alle Ehre. Immerhin brachte sie eine Träne zustande, die ihr jetzt über die Pausbacke kullerte und die Schminke verschmierte.

Ich wischte ihr die Träne mit dem Daumen weg und tätschelte ihre Wange. »Keine Sorge, Marie Antoinette ist bald wieder bei Frauchen.«

Sie lächelte ein wenig, dann sackte ihr Gesicht in sich zusammen wie ein Käsesoufflé in der Kälte. »Wann kommen Sie wieder?«

»Sobald ich die Mieze habe.«

»Ich werde Samosas für Sie backen.«

Ich lächelte diplomatisch und machte, dass ich rauskam.