Umschlag

Sunil Mann

Das Gebot

Kriminalroman

 
 

 

 

Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren und gilt als einer der renommiertesten und vielfältigsten Autoren der Schweiz. Zwanzig Jahre lang hat er als Flugbegleiter gearbeitet, seit einigen Jahren ist er freischaffender Autor. Er schreibt Kriminalromane, Hörspiele, Kolumnen, Kinder- und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet.
www.sunilmann.ch

1

»Allahu akbar!«

Er schreckt aus fiebrigem Dämmerschlaf hoch, zerschlagen nach dieser halb durchwachten Nacht. Hängt einen Atemzug lang zwischen Traum und Wirklichkeit fest. Bevor ihn die Realität wie ein Faustschlag trifft und der Schmerz ihm fast den Verstand raubt. Er reißt die Augen auf. Dunkelheit.

»Allahu akbar!« Das halblaute Flüstern ist ganz nah, direkt neben ihm. Eine Männerstimme, gedämpft und brüchig vor Angst, sie wiederholt die Worte immer und immer wieder. »Allahu akbar!«

Er kann nichts sehen, dreht den Kopf, blinzelt in die Finsternis, die ihn umgibt. Die kleinste Bewegung bereitet Höllenqualen. Sie haben ihn auf einen Stuhl gebunden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt und taub, das raue Seil hat die Gelenke aufgescheuert, auch seine Beine sind eng zusammengeschnürt. Das rechte Auge ist angeschwollen, der Herzschlag jagt eine Schmerzwelle nach der anderen durch seinen Schädel. Blut verklebt sein Gesicht, die Ohren, den Hals. Die Nase ist vermutlich gebrochen. Das Schlimmste aber ist der Rücken. Das Auspeitschen mit dem Plastikkabel hat die Haut aufgerissen und zerfetzt, das splitterige Holz der Stuhllehne schabt bei jeder Bewegung über die wunden Stellen.

Weit entfernt fällt eine Tür krachend ins Schloss, er zuckt zusammen. Polternde Schritte im Korridor und aufgeregte Rufe. Sie sind auf dem Weg.

Der Mann neben ihm beginnt zu weinen, seine Füße scharren über den Boden. Keuchend schnappt er nach Luft, zieht den Rotz hoch.

»Allahu akbar!« Gott ist am größten, nichts ist größer als Gott. Immer wieder, endlos, ein Mantra. Wie oft hat er mitgeschrien, meist lauter als alle anderen.

Der schwarze Stoffsack, den sie ihm über den Kopf gestülpt haben, riecht sauer, nach eingetrocknetem Speichel und Erbrochenem, nach Blut und Schweiß. Und vor allem nach Angst. Nach Todesangst.

»Allahu akbar!«, schluchzt der Mann neben ihm, brüllen die Männer draußen im Korridor.

Ihre Stimmen sind jetzt nah, er kann das Klacken der umgehängten Gewehre hören, die harten Absätze auf dem Beton.

»Allahu akbar!« Die Tür springt auf und sie stürmen herein, noch ganz euphorisiert vom gemeinsamen Freitagsgebet, beseelt von den Worten des Imam. Er hat sie aufgestachelt, die Wut auf die Ungläubigen befeuert, die Abtrünnigen, die Schande, derer sie ihn bezichtigen. Er weiß nicht, wie viele es sind, sechs vielleicht oder acht, er kann nur mutmaßen.

Er hat versucht, sich zu wehren, hat sie beschworen, hat geweint und auf Knien um Gnade gebettelt, doch es war vergebens, er weiß, wie sie sind. Tiere, blutrünstige Tiere, die kein Erbarmen kennen, kein Mitleid. Und er war eines von ihnen, womöglich das blutrünstigste Tier von allen.

»Allahu akbar!« Mit schnellen Schnitten zerschneiden sie seine Fußfesseln und halten ihn fest, ihre Stimmen hallen viel zu laut in dem niedrigen Gewölbe.

Panik packt ihn, sein Verstand setzt aus, das Gehirn kappt alle Verbindungen. Rot glühender Nebel trübt seinen Blick, er hört sich aufheulen, ist außer sich, wie von Sinnen wirft er seinen malträtierten Körper herum. Die Ohrfeigen treffen ihn mitten ins Gesicht, schmerzhaft trotz des Stoffsacks, und lassen ihn verstummen, mutlos zusammensacken, während sie ihn gewaltsam hochzerren. Noch einmal fleht er sie an, beteuert inbrünstig, dass sie sich irrten, dass sie den Falschen verurteilten. Dass er unschuldig sei, einer von ihnen. Aber sie beschimpfen ihn bloß, spucken ihn voller Verachtung an. Fausthiebe prasseln auf ihn ein, jemand versetzt ihm mit einem Gewehrkolben einen Schlag in die Nieren. Tränen strömen über seine Wangen, er wimmert wie ein kleines Kind.

Das wieder zirkulierende Blut lässt seine Beine unvermittelt einknicken, lähmt ihn, sie schleppen ihn trotzdem zur Tür, die wenigen Stufen hoch in den Gang und dann eine Treppe hinauf. Seine nackten Füße schleifen über den Steinboden, schlagen hart gegen jede einzelne Stufe.

Hinter sich hört er den anderen Mann aufkreischen, ein hoher, unmenschlicher Schrei, der ihm durch Mark und Bein geht. Auch er wehrt sich, obschon das keinen Sinn mehr macht, obschon sie beide wissen, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Wieder treffen Fäuste auf Fleisch, das Geräusch, das Orangen verursachen, wenn sie auf dem Asphalt aufplatzen.

Ihm ist, als schmeckte er plötzlich ihr Aroma auf seiner Zunge, süßer Saft, der ihm über die Finger rinnt, und dieser unvergleichlich betörende Duft, der nichts zu tun hat mit den Früchten aus dem Supermarkt zu Hause. Zu Hause. Ein heftiger Schmerz durchzuckt seine Brust bei der Erinnerung an seine Eltern. Sie werden das alles sehen, denkt er entsetzt und seine Kehle wird eng.

Das gehört dazu. Propaganda, damit die Ungläubigen weltweit schockiert mitverfolgen können, wie groß die Zustimmung bei der lokalen Bevölkerung nach wie vor ist, trotz allem, wie gnadenlos man gegen Verräter und Sünder vorgeht. Wie gewaltig ihre Macht, wie unbesiegbar die Bewegung ist. Und dass dies ein Anfang ist, obwohl die gesamte Welt das Ende bejubelt.

Man wird alles mit Handys filmen, filmt womöglich schon jetzt, da man ihn die Stufen hinaufbugsiert. Die Dunkelheit um ihn herum bleibt, nur hin und wieder glimmt etwas Licht am unteren Ende des Stoffsacks auf und er erhascht einen Blick auf einen Treppenabsatz, seine zerschundenen Füße.

»Allahu akbar!« Ununterbrochen, ohrenbetäubend. Männerstimmen, Knabenstimmen. Viele sind jung, zu jung für das alles. Dumme, verblendete Jungs, fast noch Kinder. So wie er.

»Allahu akbar!« Triumphierend rufen sie sich die Worte zu, peitschen sich damit gegenseitig auf, während sie ihn weiterzerren, ein Stockwerk nach dem anderen, ihn grob vor sich her stoßen, wenn er stolpert. Dann setzt es erneut Fausthiebe, in die Seiten, gegen den Rücken. Blutgetränkt klebt der Stoff seines T-Shirts an ihm, die Haut schweißnass. Er schreit bei jedem Schlag auf, doch es kommt ihm immer mehr so vor, als schreie jemand anders, als würde er sich mit jedem Hieb ein Stück von seinem Dasein lösen und ihnen seinen Körper überlassen, eine leere Hülle.

Endlich halten sie an, keuchend vor Anstrengung und Eifer. Ein Schloss wird entriegelt, jemand reißt die Luke auf und staubiger Wüstenwind weht ihm entgegen. Er schnappt nach Luft, die Sonne knallt vom Himmel, die Hitze ist unerträglich. Irgendwo in der Ferne jubeln Menschen. Sie schieben ihn vorwärts, behutsam beinahe, kurz darauf legt sich ein eiserner Griff um seinen Oberarm. Grelles Licht, kurz nur, geblendet schließt er die Augen.

Schlagartig herrscht Stille. Er kann den schweren Atem der Männer hören, die hinter ihm stehen, ihren Schweiß riechen, spürt ihre Anspannung, die Euphorie.

»Allahu akbar!«, ruft jemand direkt neben ihm, der Stimme nach ein älterer Mann. Der qadi vermutlich, der Richter.

Arabisch klingt in seinen Ohren längst nicht mehr abgehackt und aggressiv. Mittlerweile kann er die Zwischentöne heraushören, den warmen Klang, die Sinnlichkeit der Sprache. Zwar hat er ein paar Begriffe gelernt, seine Kenntnisse reichen jedoch bei Weitem nicht aus, um zu verstehen, was der qadi sagt. Dem eindringlichen Tonfall nach zitiert er Suren aus dem Koran oder vielleicht Hadithe, mündlich überlieferte Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed.

Den Koran hat er auch nicht gelesen, jetzt wünschte er, er hätte sich die Zeit genommen. Vielleicht fände sich dort Trost, Worte, die ihm die Angst nähmen vor dem, was unweigerlich folgen wird.

Aber da ist so viel anderes gewesen. Wichtigeres. Die Flucht von zu Hause und die abenteuerliche Reise nach Syrien, die Ausbildung, die ersten Einsätze an der Front. Die Gebete, die Gemeinschaft, all die neuen Freunde, seine Bestimmung schließlich. Gotteskrieger. Wie großartig das geklungen hat, damals. Teil eines Ganzen zu werden, eine Aufgabe zu haben, akzeptiert zu sein. Die Macht zu haben über Leben und Tod.

»Allahu akbar!« Der Ruf lässt ihn zusammenzucken, der Richter hat seine Rede beendet.

»Laut den Gesetzen der Scharia wirst du beschuldigt, das Verbrechen von Lots Volk begangen zu haben«, übersetzt der qadi auf Englisch. »Liwat. Der Tod wird dich von deinen Sünden reinwaschen.«

»Allahu akbar!« Die Menge applaudiert frenetisch, Pfiffe und anspornendes Gejohle sind zu hören. Ein Volksfest.

Was er längst weiß und ihm jetzt trotzdem einen eisigen Schauer über den Rücken jagt: Nicht in der Ferne jubeln sie. Sondern in der Tiefe.

Er ringt nach Luft, doch es ist, als hätte seine Atmung ausgesetzt. Das Gefühl zu ersticken, er schwankt. Der Griff um seinen Oberarm verstärkt sich, Hände schieben ihn unerbittlich vorwärts. Unter seinen Zehen spürt er die Kante. Ruckartig reißen sie seine Arme hoch und sekundenlang steht er da wie ein Gekreuzigter ohne Kreuz. Die Menge tobt.

Der sengende Wind fährt unter den Stoff, der Sack bläht sich und gewährt ihm einen kurzen Blick auf den Platz zwölf Stockwerke unter ihm, den staubbedeckten Asphalt, die spielzeuggroßen Autos, die am Straßenrand geparkt sind. Die erwartungsvoll heraufschauenden Gesichter. Männer, Jugendliche, Kinder. Keine Frauen. Sie haben Steine zu einem knöchelhohen Damm aufgehäuft, manche haben sich bereits damit bewaffnet.

»Allahu akbar!«, ruft der qadi und ein begeisterter Aufschrei geht durch das Publikum.

»Allahu akbar! Allahu akbar!«, skandieren sie und klatschen dazu rhythmisch in die Hände.

Alles in ihm kommt zum Stillstand. Sie haben ihm ein Leben gegeben, das sie ihm nun wieder nehmen, haben ihn benutzt und verraten. Tief in seinem Herzen hat er immer geahnt, dass es nicht gut enden wird, aber das hat er ausgeblendet. So verlockend, so aufregend war das, was sie ihm dafür angeboten haben, dass er alles hinter sich gelassen hat, was er je gewesen ist. Gierig hat er mit beiden Händen zugegriffen, ist eingetaucht in diesen zerstörerischen Sog, hat sich vom Rausch mitreißen lassen, ohne nur eine Sekunde lang innezuhalten, ohne sich Gedanken zu machen. Den Preis dafür zahlt er jetzt.

Er atmet tief ein. So fühlt sich das also an, das Ende. Er ist ruhig, so ruhig wie noch nie in seinem ganzen Leben.

»Allahu akbar!«, brüllen die Männer hinter ihm und jemand versetzt ihm einen Stoß.

Ein überraschter Schrei entfährt ihm, als er das Gleichgewicht verliert. Und dann ist da nur noch Leere.

2

Wütend trommelt der Eisregen auf das Dach des resedagrünen BMW E30, der seit drei Stunden vor dem schäbigen Wohnblock in Wiedikon steht, ohne dass jemand ausgestiegen wäre. Kurz nach zwei Uhr nachmittags, die Straße menschenleer und der Himmel so wolkenverhangen, dass der Tag nie über ein schiefergraues Dämmerlicht hinauskommen wird.

Hinter der Windschutzscheibe eine schemenhafte Gestalt, verschmolzen mit dem Halbdunkel im Wagen. Militärisch kurzer Haarschnitt, Dreitagebart, gletscherblaue Augen und eine Narbe, die sich quer über die linke Wange zieht.

Musik klingt aus dem Radio, düster und geheimnisvoll. Rachmaninow, Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll. Schwebend bewegt Bashir Berisha die Finger über die unsichtbaren Tasten auf seinen Oberschenkeln, obwohl er nie ein Instrument erlernt hat. In seiner Familie gilt Derartiges seit jeher als elitäre Zeitverschwendung, abgesehen davon hätten sich seine Eltern eine solch kostspielige Anschaffung wie ein Klavier gar nicht leisten können.

Doch das ist lange her. Diese Musik aber berührt etwas ganz tief in ihm drin, macht ihn weich, wo er sonst hart ist, die virtuosen Läufe erinnern ihn an die ineinanderfließenden Bewegungen des Aikido. Die japanische Kampfkunst hilft ihm, ausgeglichen zu bleiben und seine Wut zu kanalisieren. Meistens jedenfalls.

Bashir lehnt sich vor und dreht den Ton lauter. Im Inneren des BMW hört sich der prasselnde Regen wie ein Schwarm Vögel an, der zornig auf das Blech einhackt, Wasserkaskaden ergießen sich über die Windschutzscheibe. Ein Blitz zerreißt die Düsternis, grelles Licht zuckt über die umliegenden Wohnhäuser, ein überbelichteter Schnappschuss, das darauffolgende Donnergrollen lässt die Fenster des Wagens vibrieren.

Als wäre die Welt im Begriff unterzugehen, denkt Bashir, dabei ist sie das bereits. Wenigstes ein Stück weit.

Dass keine absoluten Sicherheiten existieren, haben die Menschen im letzten Jahr auf die harte Tour gelernt. Seither versucht man verzweifelt, zu einer Normalität zurückzufinden, Zürich ist wieder bevölkert, Geschäfte und Restaurants sind geöffnet. Man gibt sich unbeschwert und bemüht sich, so zu tun, als wäre alles beim Alten. Doch dieses Urvertrauen – so naiv und kindlich es sein mag –, dass eine wie auch immer geartete Macht ihre schützende Hand über die Menschen in den wohlhabendsten Ecken der Welt hält und sie vor Katastrophen schützt, ist für alle Zeiten zerstört. Denn die ins kollektive Bewusstsein eingebrannten Bilder gespenstisch leerer Städte, überfüllter Notfallstationen und endlos langer Leichentransporte lassen sich nicht so leicht verdrängen. Nach wie vor wanken manche Leute unsicher durch die Stadt, als wären sie gerade aus dem Tiefschlaf gerissen worden, als fürchteten sie, der Boden unter ihren Füßen könnte jeden Moment einbrechen. Ängstlich dagegen andere, die mit schnellen Schritten von Zuflucht zu Zuflucht wieseln wie gehetzte Tiere, hinter jeder Ecke Unheil witternd. Die verstörende Stille der Krise, sie bleibt hinter den Alltagsgeräuschen hörbar.

Schwierige Zeiten, gerade für Kleinunternehmer wie Bashir. Die Auftragslage der Agentur für unliebsame Angelegenheiten, die er erst kürzlich mit seiner Geschäftspartnerin Marisa Greco gegründet hat, sah noch im März des letzten Jahres vielversprechend aus. Zwei Wochen später waren sämtliche Verpflichtungen sistiert, neue Anfragen sind bis im Spätherbst ausgeblieben und selbst jetzt weist ihre Agenda beunruhigend viele Leerstellen auf. Während des monatelangen Ausharrens auf das Ende des Ausnahmezustands scheint sich ihre potenzielle Kundschaft darauf zurückbesonnen zu haben, dass sich viele Dinge, für die sie früher jemand anderen beauftragt hat, durchaus selbst erledigen lassen. Und hat damit Bashirs und Marisas Konzept, ihrer Kundschaft unangenehme Aufgaben abzunehmen, in den Luxusbereich verbannt.

Wo die Agentur streng genommen schon immer hingehört hat, wie sich Bashir eingesteht.

Auch sein Nebenjob als Türsteher war mit der Schließung des Klubs hinfällig geworden. Die als »schnell und unkompliziert« angepriesene Staatshilfe ließ lange auf sich warten und als sie endlich eintraf, reichte der Betrag kaum für eine Monatsmiete. Und mit einem Kredit wollten sie beide ihre von Aufträgen abhängigen und entsprechend unregelmäßigen Einnahmen nicht belasten.

Sie haben irgendwie überlebt, Marisa und er, indem sie sich aufs Wesentliche beschränkt und die Ausgaben so niedrig wie möglich gehalten haben. Was keinen großen Unterschied zu ihrem Leben vor der Krise gemacht hat, sie sind es gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Marisa als alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Jungen, er mit zwei Jobs, die gerade genug eingebracht hatten, um ihn nicht unter das Existenzminimum fallen zu lassen.

Ruckartig richtet sich Bashir auf, schaltet das Radio aus und fokussiert seinen Blick auf den Eingang des Wohnblocks. Gerade ist die Lampe unter dem Vordach angesprungen und wirft ihren schummrigen Schein auf die Briefkästen neben der Haustür. Nummer 43. Irgendwann muss die Fassade ockergelb gewesen sein, doch im Lauf der Jahre ist die Farbe zu einem mit schmutzig grauen Schattierungen versetzten Pastellton ausgeblichen. Selbst wenn das unter den herrschenden Bedingungen kaum zu unterscheiden ist, Bashir kennt den Farbton, kennt die Geschichten, die berührenden und die schrecklichen, die sich im dritten Stock dieses Hauses abgespielt haben. Und sich noch immer abspielen, obwohl er schon vor einer Ewigkeit ausgezogen ist.

Rausgeworfen, denkt er, trifft es eher.

Er hat mit seinem gefürchteten Gürtel blindlings auf seinen Sohn eingedroschen und ihn dann auf die Straße gesetzt. Und sie hat gellend um Hilfe geschrien, hat ihn weinend angefleht, ihn beschworen, mit sachlicher Stimme zur Vernunft bringen wollen. Alles vergebens. Bashir sieht sie immer noch dort in der Küche liegen, den Körper gekrümmt, die Hände an den Heizkörper gefesselt. Ihr Gesicht geschwollen von den Tränen und den Schlägen, während ihr das Blut aus der Nase quoll. Der Blick, den sie ihm zuwarf, als er aus der Wohnung gezerrt wurde, verfolgt ihn noch heute.

Mit den Fingern der linken Hand fährt Bashir über die Narbe auf seiner Wange, eine unbewusste Geste.

Wie ein Versager hat er sich gefühlt, als er da draußen vor dem Wohnhaus gestanden hat, mit nichts als einem schwarzen Eastpak-Rucksack unter dem Arm, in den er heulend ein paar Kleider gestopft hatte, all sein Erspartes und den Pass.

Fünfzehn war Bashir da. Zwei Jahre schlug er sich auf der Straße durch, lebte von dem, was er sich erbettelte oder zusammenklaute, schloss in der Zeit trotzdem die Schule ab und begann eine Lehre. Er weiß heute nicht mehr, wie er das geschafft hat. Wie raffiniert er vorgegangen sein musste, damit weder Mitschüler noch Lehrer etwas von seiner beschissenen Lage mitbekommen haben.

Die Tür des Wohnblocks schwingt auf und sofort spannt sich Bashir an. Ein Mann tritt aus dem Hauseingang, er bleibt kurz stehen, um den Kragen seines Mantels hochzuschlagen. Nachdem er sich eine Zigarette angezündet hat, zieht er den Hut tief ins Gesicht. Im strömenden Regen ist er kaum zu identifizieren, doch Bashir erkennt die leicht buckelige Haltung auf der Stelle wieder. Er erinnert sich an den einst lässigen Gang, die bei jedem Schritt nach außen schlenkernden Beine. Früher ging er wie jemand, der überzeugt ist, dass die ganze Welt auf ihn wartet, jetzt ist sein Körper in sich zusammengesunken, die Schritte kleiner und unsicherer, er schlurft beinahe. Ein alter Mann.

Bashir startet den Motor, lenkt den BMW aus der Parklücke und folgt der Gestalt, die sich bereits nach wenigen Metern in der Düsternis aufzulösen droht.

Wie lange er ihn nicht mehr gesehen hat? Siebzehn, achtzehn Jahre, vielleicht länger, er weiß es nicht. Eigentlich wollte er nie wieder mit ihm zu tun haben. Er hat ihn aus seinem Leben gestrichen, ihn aus seinen Gedanken verbannt. Ihn aus seinem Herzen geätzt. Der heimtückische alte Mann schleicht sich jedoch immer wieder zurück, findet einen Weg, um sich erneut in seinem Kopf einzunisten, sich breitzumachen, wo Bashir ihm strikt keinen Platz einräumen will.

Ein Blick nach oben in den dritten Stock, in der Wohnung brennt Licht, ein Schatten hinter den Vorhängen. Schaut sie ihm hinterher?

Bashir weiß nicht, was er von ihr denken soll, er weiß nur, dass er sie trotz allem liebt. Seit damals leidet sie unter Kopfschmerzen, der alte Mann hat sie schwer verletzt, als sie zu ihm zurückgekehrt ist. Weil sie die Einsamkeit in der eigenen kleinen Wohnung nicht ausgehalten hat, weil sie nicht wusste, was sie mit sich anfangen sollte, sich nicht daran gewöhnen konnte, allein zu leben. Ein Leben im Dienst ihres Mannes, etwas anderes ist für sie nicht vorstellbar.

Sie lag mehrere Wochen im Spital, nachdem er sie mit einer Weinflasche brutal niedergeschlagen hatte, und erzählte den Ärzten beharrlich, sie sei unglücklich gestolpert und die Treppe zur Waschküche hinuntergestürzt. Was allein die Art der Verletzungen widerlegte, man zog ungläubig Brauen hoch und schüttelte mitfühlend Köpfe. Doch am Ende war niemand der Sache nachgegangen. Genauso wenig wie all die anderen Male davor.

Bashir fährt dem alten Mann im Schritttempo hinterher, die Scheinwerfer ausgeschaltet. Er muss irgendwo in der Nähe einen Unterschlupf gefunden haben, denn er ist wie sie. Ohneeinander können sie nicht leben, miteinander schon gar nicht.

An den Abend, als ihn die Notfallärztin angerufen hat, kann sich Bashir nur bruchstückhaft erinnern. Bilder seiner Mutter im eisigen Neonlicht, wie sie in den Operationssaal geschoben wird, ihr Gesicht beängstigend blass und von den vertrauten lilafarbenen Flecken verunstaltet, das Haar strähnig und blutverklebt. Sekundenaufnahmen der Treppe, die er hochrennt, rasend vor Wut, wie er in die Wohnung stürmt, brüllend, die Hände zu Fäusten geballt. Die umgefallenen Stühle sieht, den zerbrochenen Salontisch, ein Büschel ausgerissener Haare im Durchgang zur Küche, auf dem Boden Scherben, Wein und Blut. Der blanke Hass, der alles andere wegfegt. Hätte er den alten Mann in diesem Moment angetroffen, er hätte ihn vermutlich umgebracht. Doch der Alte war verschwunden.

Und blieb es. Bashir lauerte tagelang in der leeren Wohnung auf seine Rückkehr, unterbrochen nur von den Besuchen im Spital, wo die Mutter auf der Intensivstation um ihr Leben rang. Er war entschlossen, sich endlich für all die Brutalität und das Unrecht zu rächen, das der Tyrann seiner Mutter, der Schwester und ihm angetan hatte. Der alte Mann tauchte jedoch nicht auf, auch später nicht, nachdem Bashir die Mutter längst wieder nach Hause gebracht und eine Zeit lang bei ihr gewohnt hatte, bis sie sich so weit erholt hatte, dass sie sich ohne fremde Hilfe versorgen konnte.

Bis sie mich gebeten hat zu gehen, korrigiert sich Bashir in Gedanken. Weil sie meine Fragen nicht mehr ertragen hat.

Vor allem die eine Frage, mit der er sie beide gequält hat, mit der er sich immer noch herumschlägt und auf die er wohl nie eine Antwort erhalten wird: Warum?

Warum kehrt eine Frau zu ihrem gewalttätigen Mann zurück? Einem Mann, der sie beinahe getötet und im Verlauf der Jahre immer wieder krankenhausreif geprügelt hat. Der keine Rücksicht kennt und seine ungehemmte Wut an ihr auslässt. Der sich zwar reumütig und liebevoll gibt, bei der nächsten Gelegenheit aber wieder zuschlägt.

Bashir spürt den Hass erneut aufwallen. Allein der Gedanke an die Gewalt, die der alte Mann seiner Mutter in ihrem Leben angetan hat, lässt ihn am ganzen Leib zittern.

Ich könnte aufs Gas drücken, jetzt, fährt es ihm durch den Kopf. Es gäbe keine Zeugen. Sein Puls schnellt augenblicklich hoch, doch Bashir atmet die Aufregung weg, auch das hat er beim Aikido gelernt, und die Vorstellung ist so schnell verflogen, wie sie aufgetaucht ist.

Wäre er aufmerksamer gewesen, hätte er die Anzeichen viel früher bemerkt. Sie waren die ganze Zeit über da gewesen, direkt vor seiner Nase, dennoch waren sie ihm entgangen. Weil er es schlicht für unmöglich gehalten hatte, dass jemand so dreist sein konnte.

Der kaum wahrnehmbare Zigarettengeruch in der Wohnung ist ihm erst vor ein paar Tagen aufgefallen. Er hätte sich fragen müssen, weshalb seine nicht rauchende Mutter dauernd lüftete, wenn er sie besuchte, hätte erkennen sollen, wie ertappt sie ihn anlächelte, wenn er sie in der Küche antraf, wie hastig sie dann die Tür der Spülmaschine zuklappte.

Nachdem er den Rauchgeruch festgestellt hatte, durchwühlte Bashir als Erstes den Abfalleimer und kam sich dabei wie ein drittklassiger Privatdetektiv in einer Vorabendserie vor. Er musste ziemlich tief stochern, bis er auf die Zigarettenstummel stieß, seine Mutter hatte sie unter dem restlichen Müll begraben.

Und plötzlich hatte er alles andere auch gesehen: die zweite Zahnbürste im Glas, die hinter ihren Schuhen versteckten Pantoffeln in der Diele, Herrenhemden in der Schmutzwäsche, Bier im Kühlschrank.

Offenbar kommt und geht der alte Mann, wie es ihm passt. Nur wenn Bashir auftaucht, löst er sich in Luft auf.

Dass ihn seine eigene Mutter belügt und hintergeht, enttäuscht Bashir bitter, doch noch größer ist sein Unverständnis. Weshalb lässt sie den Mann, der ihr so viel Leid zugefügt hat, erneut in ihr Leben? Warum setzt sie sich wissentlich einer lebensgefährlichen Bedrohung aus? Fragen, die sie ihm wohl nie beantworten wird. Deshalb wird er die Angelegenheit selbst regeln. Ein für alle Mal.

3

Das konstante Rauschen, das die Reifen auf dem nassen Asphalt verursachen, beruhigt sie, es lindert die Unrast, die sie schon seit Tagen umtreibt.

Marisa Greco fährt sich durch die Locken, die ihr in kupferroten Wellen über die Schultern fallen. Ihr Herz klopft hart und schnell, ihre Empfindungen changieren im Minutentakt zwischen Angst und Entschlossenheit. Doch sie hat sich entschieden und jetzt wird sie ihren Plan durchziehen.

Sie hat die Musik leiser gedreht, Come è profondo il mare läuft gerade. Lucio Dalla. Wie tief ist das Meer, ein düsterer Text, auch wenn das Arrangement des Songs unbeschwert daherkommt. Marisa hört nur mit einem Ohr hin, während sie sich auf die kurvenreiche Bergstraße konzentriert, die von Chur nach Arosa führt.

In der Zwischenzeit hat es aufgehört zu schneien, die Wolken hängen jedoch immer noch tief, schmutzig graue Schneeschlieren kleben am Straßenrand. Der weiße Flaum auf Wiesen und Tannen wird vermutlich im Verlauf des Nachmittags wegschmelzen.

Eben hat sie ein lang gezogenes Dorf passiert, bloß ein paar verstreut stehende Holzchalets, ein Schulhaus, ein Gasthof, die obligatorische Kirche, daneben ein kleiner Lebensmittelladen. Gegen den Berg hin ist die Straße mit Steinmauern befestigt, auf der Talseite fällt das Gelände steil in die Tiefe. Sie ist zügig unterwegs, aus Erfahrung weiß sie allerdings, dass ihr aus jeder der unübersichtlichen Straßenbiegungen ein Einheimischer mit seinem Auto entgegenschießen könnte. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden in dieser Gegend bestenfalls als Empfehlungen interpretiert, als bedeutungslose Zahlen auf rot umrandeten Temposchildern.

Dreihunderteinundsechzig Kurven, eine davon hat er nicht erwischt.

Das schlichte Holzkreuz ist leicht zu übersehen, es steht zurückversetzt von der Straße unter einer Fichte und ist bereits etwas verwittert, gleich dahinter der Abhang. Als Marisa daran vorbeifährt, zieht sich ihr Herz schmerzlich zusammen und sie drückt aufs Gaspedal.

Ihre Erinnerungen an jenen eisigen Morgen im März sind verschwommen. Monate nach dem Unfall war das gewesen. Endlich hatte sie die Kraft aufgebracht, ins Bündnerland zu fahren und sich die Stelle anzuschauen, wo er mit dem Wagen von der Straße abgekommen und gegen den Baum geknallt war. Weinend legte sie einen Strauß Narzissen vor das Kreuz, das jemand, den sie nicht kannte, errichtet hatte, sprach ein flüchtiges Gebet. Vage Gedanken an Antonio, weil sie nicht gewusst hatte, was sie denken sollte, weil sie immer noch verwirrt gewesen war und nicht hatte begreifen können, dass er weg war und sie mit so vielen offenen Fragen zurückgelassen hatte.

Luca schläft auf dem Rücksitz, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, sein Mund steht spaltbreit offen. Neun Jahre alt ist er kürzlich geworden und während Marisa ihn im Rückspiegel betrachtet, wird ihr Herz vor Liebe und Stolz ganz weit und warm. Er hat für den Ausflug eine lilafarbene Latzhose ausgewählt, dazu ein weißes Kapuzenshirt mit einem Tweetie-Aufdruck, das einen Tick zu flauschig aussieht. Sie hat ihn gewähren lassen, er soll das anziehen, was sich für ihn richtig anfühlt. Nur auf dem warmen Anorak hat sie bestanden, es ist empfindlich kühl in den Bergen, und murrend hat er schließlich nachgegeben.

Insgeheim ist sie erleichtert, dass er heute keinen Rock oder einen dieser knielangen Pullover anhat, die er so gern mit einem Gürtel über der Taille kombiniert und die ihn wie eine Kreuzung aus Robin Hood und Galeriebesitzerin aussehen lassen. Denn mittlerweile bringt Marisa die Geduld nicht mehr auf, wildfremden und in der Regel empörten Menschen zu erklären, weshalb ihr Sohn an manchen Tagen gern Mädchenkleidung trägt und warum sie keinen Anlass sieht, ihm dies auszureden oder gar zu verbieten.

Ohnehin hat sie in den letzten Monaten festgestellt, dass sie deutlich weniger nachsichtig gegenüber Leuten geworden ist, die – meist ungefragt – absurde, um nicht zu sagen einfältige Gedanken von sich geben oder sich permanent über Dinge aufregen, die nicht in ihr Weltbild passen. Vielleicht ist es ihr Alter, die drohende Menopause oder diese verdammte Krise, sie hat bislang nicht herausgefunden, wo der Ursprung für diese Gereiztheit liegt.

Die ausbleibenden Aufträge für die Agentur für unliebsame Angelegenheiten haben sie nur haarscharf am Konkurs vorbeischrammen lassen. Doch obwohl Marisa zusammen mit Luca wochenlang zur Isolation in ihrer Dreizimmerwohnung verdammt gewesen war, war es ihr nie langweilig geworden. Denn der Staat, der sie einerseits mit Almosen abspeiste, hatte andererseits bestimmt, dass sie ab sofort Lehrerin war, die ihren Jungen im Homeschooling zu unterrichten hatte. Was sie als alleinerziehende Mutter effektiv daran hinderte, irgendeinen Nebenjob anzunehmen, um wenigstens auf diesem Weg ihre prekäre Finanzlage aufzubessern. Und während Großkonzerne mit Milliardenbeträgen unterstützt wurden, gab es für diese anspruchsvolle und zeitaufwendige Aufgabe genau das, womit Marisa von Anfang an gerechnet hatte: nichts.

Es war während dieser zäh fließenden Wochen, in denen sich Marisa trotz quälender Geldsorgen und des abendlichen Studiums von Dreisätzen, chemischen Stoffumwandlungen und deutscher Grammatik Gedanken über ihr Leben machte und was sie davon erwartete. Wenn alles andere wegfällt, wird man wohl oder übel auf sich selbst zurückgeworfen.

An einem späten Abend kam sie nach dem Leeren einer Flasche Rotwein mit sich überein, dass sie lange genug getrauert hatte und sich robust genug fühlte, um sich den vermutlich wenig erfreulichen Tatsachen zu stellen. Sie wollte nicht länger auf das Resultat einer zögerlichen Polizeiermittlung warten, sondern der Sache auf eigene Faust nachgehen. Was sie braucht, ist Klarheit, nur so kann sie endlich mit Antonios Tod abschließen.

Gleichzeitig kämpft sie gegen ihre dunklen Ahnungen an. Sie hat von Anfang an gewusst, dass irgendetwas an den Umständen des Unfalls nicht stimmt, auch wenn die Ermittler bis auf die Fußspuren, die vom beinahe komplett zerstörten Wagen wegführten, nichts Ungewöhnliches festgestellt hatten.

Vereiste Kurve, kurz vor Mitternacht, er muss die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren haben, rapportierten sie, zu den Stiefelabdrücken Größe sechsunddreißig sagten sie zuerst nichts. Die Befürchtung, in etwas hineinzugeraten, dem sie nicht gewachsen war, und womöglich Dinge herauszufinden, mit denen sie nicht umgehen konnte, hatte ihr nächtelang den Schlaf geraubt.

Ob Antonio sie betrogen hat, ist für Marisa mittlerweile zweitrangig, ihre Ehe war schon vor seinem Tod zerrüttet.

So viele Probleme, über die wir nie gesprochen haben, ergänzt sie in Gedanken, die wir einfach ignoriert haben. Weitergemacht haben wir, als wäre das alles normal, die Leere und das Schweigen, das nächtelange Fortbleiben. Das Gefühl, sich nichts mehr zu sagen zu haben. Nun werden wir uns niemals aussprechen, niemals versöhnen. Keine Absolution, für keinen von uns, Zeit heilt keine Wunden, wir müssen damit klarkommen, ich im Leben und du im Tod.

Doch das ist es nicht, was Marisa am Ende bewogen hat, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Es sind die offenen Fragen, auf die sie endlich eine Antwort will. Mit etwas Glück und weiblicher Intuition wird ihr vielleicht gelingen, was die Polizei bisher nicht geschafft hat, nämlich herauszufinden, wer die Frau ist, die mit ihrem Ehemann im Hotel Kulm in Arosa gesehen wurde. Und was genau geschehen ist, als er an jenem Abend vor fast zweieinhalb Jahren von der Straße abgekommen ist, während die Fremde neben ihm im Wagen gesessen hat.

4

Tief in seine Überlegungen versunken, verpasst Bashir beinahe, dass der alte Mann unvermittelt abbiegt, seine Gestalt ist im undurchdringlichen Regengrau kaum zu erkennen. Bashir drückt aufs Gaspedal und sieht den Alten in der Einfahrt zu einem Hinterhof stehen, er schüttelt das Wasser von seinem Mantel und zieht an der Zigarette. Bashir fährt ein paar Meter weiter und lenkt den BMW auf den Gehsteig, springt aus dem Wagen und eilt zum Durchgang zurück. Der alte Mann ist mittlerweile in den Innenhof getreten, in dessen Mitte eine mächtige Linde steht. Das Gesicht im Profil, die Fluppe klebt in seinem Mundwinkel, er reibt sich die Hände. Es ist kühl, Mitte April und keine Spur von Frühling. Die Schneefallgrenze ist über Nacht auf unter sechshundert Meter gesunken.

Und nächste Woche feiern sie Sechseläuten, fällt Bashir ein.

Zürichs Frühlingsfest, bei dem der Böögg verbrannt wird, ein drei Meter vierzig großer, mit Holzwolle und Knallkörpern gefüllter Schneemann aus Styropor, der symbolisierte Winter, der auf der Spitze eines Scheiterhaufens thront. Nach einem Umzug durch die Stadt folgt der Höhepunkt des Festes, zu dem in altertümliche Uniformen gekleidete Zünftler im Kreis um den brennenden Holzstoß reiten, bis der Böögg explodiert. Anhand der Brenndauer bis zum Knall behaupten selbst ernannte Experten, Länge und Qualität des nächsten Sommers bestimmen zu können.

Der alte Mann schnippt die Zigarette weg und blickt in den verhangenen Himmel, als wollte er überprüfen, wie viel Regen noch fallen wird, bevor er den Hof überquert und auf eine lotterige Holztür zusteuert.

Bashir lässt einige Sekunden verstreichen, ehe er dem Alten folgt. Der Asphaltboden rund um die Linde wirft rissige Wellen, vierstöckige Wohnhäuser mit von Witterung und Abgasen gezeichneten Fassaden, Graffiti überall, auf Augenhöhe hängen zerschlissene Plakate längst vergangener Veranstaltungen.

Von der Tür, hinter der der Alte gerade verschwunden ist, blättert die hellblaue Farbe, der untere Bereich ist von Schimmel überzogen und morsch. Behutsam drückt Bashir auf die Klinke, doch die Tür ist bloß angelehnt. Dahinter ein winziger Vorraum, ein Besen und eine erdverkrustete Schaufel in der Ecke, in einer grauen Kunststoffkiste liegt eine nachlässig zusammengerollte Lichterkette. Am anderen Ende des Raums eine Tür, die Treppe dahinter führt steil nach unten. Geräuschlos steigt Bashir die Stufen hinab und gelangt in einen Gang, der nur von vereinzelten Leuchtbirnen erhellt wird. Ein Dutzend Kellerabteile reihen sich in beiden Richtungen aneinander, hölzerne Lattenverschläge, hinter denen uralte Skier, ausrangierte Fahrräder und Umzugskartons zu erkennen sind. Es riecht muffig nach Fäulnis und Staub. Am hintersten Ende des Korridors eine offen stehende Panzertür, sie gehört zu einem Luftschutzkeller, wie er in jedem Schweizer Wohnhaus aus dieser Epoche zu finden ist. Als Obligatorium kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eingeführt, dienen diese Schutzräume als Zufluchtsort für die Bevölkerung im Fall einer Naturkatastrophe, bei einem Reaktorunfall oder im Krieg. Noch heute ist ein Schutzraum bei Neubauten ab einer gewissen Größe vorgeschrieben, obschon die Bunker gerade in Einfamilienhäusern meist als Lagerraum für selbst eingemachte Konfitüren und Notvorräte benutzt werden.

Vorsichtig nähert sich Bashir der massiven Stahlbetontür, sie gibt den Blick frei auf einen kargen Raum, der beinahe gänzlich im Halbdunkeln liegt. Einzig eine Bürolampe spendet etwas Licht, ein Feldbett und ein Tisch mit Stuhl werfen Schatten auf die unverputzten Wände.

Bashir tritt ein. Fast gleichzeitig schlingt sich ein Arm von hinten um seinen Hals. Kaltes Metall drückt gegen seine Halsschlagader, ein Messer, vermutet er.

»Pse po teshtitesh nga vetja?«, zischt ihm der alte Mann auf Albanisch ins Ohr, sein Atem riecht nach Zigarettenrauch und Raki. Was schleichst du dich an?

Sie klingt immer noch gleich, leicht brüchig zwar, den harten, mitleidlosen Ton hat sie jedoch nicht verloren.

»Hast du gemeint, ich hätte dich nicht bemerkt?«

Bashir atmet tief ein.

»Was ist? Verstehst du unsere Sprache nicht mehr? Oder hat es …?«

Weiter kommt er nicht. Bashir packt das Handgelenk, befreit sich aus dem Würgegriff seines Gegners und reißt ihn zu sich hin, während er dem verblüfft vorwärtsstolpernden Alten ausweicht, mit einer geschmeidigen Körperdrehung schleift er ihn ein Stück mit und schleudert ihn dann mit Schwung zu Boden. Mühelos, ein sanfter Tanz, Bashirs Puls hat sich kaum erhöht. Ushiro katate dori kubi shime. Das Kräfteverhältnis hat sich seit jenem Tag deutlich verschoben.

Stöhnend bleibt der alte Mann mit dem Gesicht nach unten liegen. Das Messer ist ihm aus der Hand gerutscht und klirrend über den Beton geschlittert, jetzt ist es außer Reichweite. Ganz kurz verspürt Bashir Mitleid. Einer, der es nicht geschafft hat. Wie so viele hat er sich eine goldene Zukunft in dem fremden Land erhofft und ist gescheitert. Traurig ist er darüber geworden, erst, danach trotzig, bitter und schließlich wütend. Eine tief sitzende Wut, mit der er nirgendwo hinzugehen weiß und die er deswegen an seiner Frau auslässt, früher auch an seiner Tochter, dem Sohn, und damit alles zerstört hat, was ihm Rettung und Trost hätte sein können: die Familie. Die Liebe seiner Kinder.

Ungelenk dreht sich der alte Mann auf den Rücken, stützt sich auf die Ellenbogen und starrt Bashir verächtlich an.

»Und jetzt?« Er spricht nun Deutsch.

»Lass sie in Ruhe«, sagt Bashir ruhig.

»Wer, glaubst du, dass du bist? Was zwischen deiner Mutter und mir läuft, geht dich einen Scheiß an!«

»Du hast sie beinahe umgebracht!«

»Sie ist wohlauf, es geht ihr gut. Oder etwa nicht?«

Noch immer hat er diesen schweren Zungenschlag, den albanischen Akzent ist er nie ganz losgeworden.

»Lass dich nie mehr bei ihr blicken.«

»Verbietest du mir etwa, in meine eigene Wohnung zu gehen?«

»Ich will, dass sie ohne Angst leben kann.«

Schwer atmend rappelt sich der alte Mann auf. Als er endlich aufrecht steht, verschränkt er die Arme vor der Brust und etwas Verschlagenes schleicht sich in seinen Blick.

»Von einem wie dir lasse ich mir nichts sagen«, stößt er hervor.

Fragend hebt Bashir eine Braue.

»Du weißt, wovon ich spreche.«

Der Alte lacht auf, als Bashir schweigt.

»Man hat mir berichtet, wie du damals dein Geld verdient hast.«

Unmerklich zuckt Bashir zusammen. Erinnerungsfetzen jagen durch seinen Kopf. Geschlossene Toilettentüren, stickig enge Kabinen und dieser moschusartige Geruch, von dem ihm noch heute übel wird. Es gibt Dinge, die verbannt man in die hinterste Ecke seines Bewusstseins.

Er hat alles getan, um auf der Straße zu überleben. Betteleien, kleinere Raubdiebstähle, Einbrüche, Botengänge für Drogenhändler, zeitweise dealte er selbst, Gras und Shit. Fast immer fand Bashir einen Weg, um an Geld zu kommen, in den wenigsten Fällen war es ein legaler. Doch es gab auch diese anderen Tage, wo einfach nichts ging, wo er beinahe verzweifelte, bis ihn schließlich der Hunger zum Bahnhof trieb. In den Toiletten im Zwischengeschoss hat sich ein attraktiver Junge wie Bashir schnell einen Fünfziger verdienen können.

»Es stimmt also.« Der alte Mann nickt. »Weißt du, wir Albaner halten zusammen, gerade hier, in diesem Land. Wir sehen und hören alles.« Er schüttelt den Kopf. »Mein Sohn, eine Schwuchtel.«

Innerhalb von Sekundenbruchteilen kocht in Bashir eine glühende Wut hoch. »Ich bin nicht dein Sohn!«

Der Alte lächelt mitleidig, was Bashir endgültig zur Weißglut bringt.

»Ich habe an dem Tag aufgehört, dein Sohn zu sein, als du mich rausgeworfen hast.«

»Eine Tunte wie du hat unter meinem Dach nichts verloren.«

Bashir macht ein paar schnelle Schritte auf den alten Mann zu, die erhobene Hand zur Faust geballt.

»Was ist? Willst du etwa einen Greis schlagen? Nur zu. Oder fehlt dir der Mut?«

»Ich bin nicht dein Sohn!«

»Du kannst mich so oft verleugnen, wie du willst. Aber du bist wie ich«, flüstert der alte Mann, während er Bashirs Gesicht studiert. »Ich erkenne es in deinen Augen, du hast es auch in dir.«

»Bloß bin ich kein Schwächling«, zischt Bashir, »der seine Frau verprügeln muss, damit er sich wie ein ganzer Mann fühlt.«

Der Blick des Alten wird starr, seine Stimme ist eiskalt, als er fortfährt. »Eines Tages wird es dich genauso besiegen, es wird aus dir herausbrechen mit aller Macht. Und du wirst nichts dagegen tun können. Denk an meine Worte. Dann bist du genau wie ich.«

Voller Abscheu sehen sie sich an. Bashir holt tief Luft, atmet den Hass aus, die glühend heiße Wut, die ihn vorhin fast verbrannt hätte.

Aikido setzt sich aus drei japanischen Zeichen zusammen. »Ai« steht für die »Verbindung mit Liebe«, »Ki« für die »unendliche Energie, die das Universum aufrechterhält«, »Do« bezeichnet den »Weg«.

»Der wahre Sieg ist der Sieg über das Selbst«, sagt Ueshiba Morihei, der Begründer der friedlichen Kampfkunst, im Aikido gibt es kein Gewinnen und keinen Gegner, es ist nicht nur der Weg des Kriegers, es ist auch der Weg der Vergebung und der Erleuchtung. Bashir hat die Weisheiten des Meisters immer wieder gelesen, so lange, bis er sie verinnerlicht hat, bis sie zu einem Teil seines Geistes geworden sind. Langsam lässt er die erhobene Faust sinken. Er will nicht so sein wie er.

»Du hast keine Ahnung, wie sehr du mich anwiderst.« Bashir wendet sich ab.

»Weil du dich selbst verachtest. Wir beide sind von demselben Dämon besessen, wir sind gleich, du und ich. Ich werde immer ein Teil von dir sein, bir

Sohn. Das Wort bohrt sich wie ein Pfeil durch Bashirs Herz, es verschlägt ihm den Atem. Er hält inne, doch dann verlässt er den Luftschutzkeller, ohne sich noch einmal nach dem alten Mann umzudrehen, den er vor mehr als zwei Jahrzehnten zum letzten Mal »Vater« genannt hat.

5

Lucio Dalla besingt voller Hoffnung L’anno che verrà, das Jahr, das kommen wird, denn in dem »redet man wochenlang nichts und wenn man nichts zu sagen weiß, bleibt einem viel Zeit«.

Zu viel Zeit, denkt Marisa. Um nachzudenken, um sich immer wieder mit demselben Thema auseinanderzusetzen und dabei keinen einzigen Schritt weiterzukommen.

Zwar geht Luca zur grenzenlosen Erleichterung von Mutter und Sohn wieder regulär zur Schule, doch seit sie ihn nicht mehr unterrichten muss, setzt Marisa die Untätigkeit zu, ohne Arbeit fühlt sie sich nutzlos. Sie hat sich sogar überlegt, wieder bei der Airline anzuheuern, für die sie jahrelang als Flugbegleiterin tätig gewesen ist. Einfach, damit sie beschäftigt ist und wenigstens etwas Geld verdient. Auf ihre telefonische Anfrage hin hat die Personalchefin allerdings sofort abgewinkt, momentan bestehe kein Personalmangel, im Gegenteil.

Marisa steuert ihren verbeulten knallroten Renault Modus durch das Dorfzentrum von Arosa. Sportläden und Hotels überall, links das futuristische Sport- und Kulturzentrum, gleich danach der idyllische Obersee mit seiner Promenade auf der rechten Seite. Selbst wenn hier oben nach wie vor Schnee liegt, neigt sich die Saison ihrem Ende zu, nur noch vereinzelt schlendern Touristen durch den Wintersportort. Die Straße führt weiter bergaufwärts, Splitt prasselt gegen die Unterseite ihres Wagens, an den Schattenstellen lauern vereiste Pfützen.

Kurze Zeit später hat Marisa das Hotel erreicht, sie erkennt es auf Anhieb, obwohl sie noch nie hier gewesen ist. Sie setzt den Blinker und schwenkt auf den hoteleigenen Parkplatz ein.

Mit zittrigen Fingern schaltet sie den Motor aus und lässt die Musik laufen. Ein paar Atemzüge lang lehnt sie sich mit geschlossenen Augen zurück. Dann öffnet sie die Lider, rückt die Brille mit dem grünen Gestell gerade, das so gut zu ihrer Haarfarbe passt, und starrt auf das Armaturenbrett, als müsste dort gleich eine Anleitung für das weitere Vorgehen aufleuchten. Ihr Herz trommelt, die Handflächen sind feucht.

Endlich ist es so weit. Zwar hat sich Marisa ein paar Strategien zurechtgelegt, um den Namen der unbekannten Frau herauszufinden. Keine dieser Taktiken überzeugt sie jedoch vollends. Schließlich hat die Polizei bereits damals nach ihr geforscht, als mögliche Spuren noch frisch waren und sich die Belegschaft des Hotels problemlos an Antonio und seine Begleiterin erinnern konnte. Trotzdem blieb die Frau unauffindbar, ein Mysterium.

Sie wünscht sich, Bashir wäre jetzt hier. Allein seine Anwesenheit würde ihr Mut machen. Er würde ihre Zweifel zerstreuen und sie darin bestärken, die Angelegenheit zu einem Ende zu bringen. Ganz egal, was dabei herauskommt.

Kurz erwägt sie, ihn anzurufen, holt sogar das Handy aus ihrer Handtasche – und zögert. Sie hat ihm bloß erzählt, dass Antonio bei einem Autounfall gestorben ist. Von den Stiefelabdrücken im Schnee weiß er nichts und auch nicht, wie schlecht es um ihre Ehe bestellt gewesen ist. Und dass sie jetzt auf eigene Faust ermittelt, erst recht nicht. Vermutlich würde er es verstehen, aber sie will sich auf keinen Test einlassen. Einwände oder Bedenken sind das Letzte, was sie jetzt gebrauchen kann, sie ist sich ihrer Sache schon so nicht sicher. Marisa lässt das Mobiltelefon in die Tasche zurückgleiten.

Ihr Geschäftspartner fehlt ihr, sie vermisst seine trockene Art, den verhaltenen Humor, selbst die für einen Türsteher untypische Sammlung an kompliziert klingenden Teemischungen in seiner Küche. Ihm hat sie diesen Job zu verdanken, in dem sie endlich keinem Vorgesetzten mehr unterstellt ist. Seither ist es ihr nicht einen Tag langweilig gewesen, sie fühlt sich ernst genommen und kann auf ganz praktische Weise ihre siebenundvierzig Jahre Lebenserfahrung einbringen.

Stimmt nicht, korrigiert sie sich in Gedanken und lächelt. Den Job habe ich mir selbst verschafft.

Tatsächlich ist es Marisas Idee gewesen, die Agentur für unliebsame Angelegenheiten zu gründen. Weil sie der Ansicht war und immer noch ist, dass es bereits mehr als genügend Detektivbüros auf dieser Welt gibt.

Nicht nur Bashir vermisst sie, sie vermisst auch die Arbeit. Die teilweise seltsamen und sogar gefährlichen Einsätze fordern Marisas ganze Aufmerksamkeit. Alles andere spielt in diesen Momenten keine Rolle mehr, wird in den Hintergrund gedrängt. Doch seit bald einem Jahr ist alles anders, sie hat unendlich viel Zeit zur Verfügung und kaum etwas zu tun. Ohne Ablenkung gibt es kein Entkommen mehr.

Deswegen ist sie hier.

Zur Vergangenheitsbewältigung, denkt Marisa, für meinen Seelenfrieden. Und damit ich nicht völlig durchdrehe.

»Vedi caro amico cosa si deve inventare, per poter riderci sopra. Per continuare a sperare«, singt Dalla. Sieh, lieber Freund, was man sich einfallen lassen muss, um darüber lachen zu können und weiterhin hoffen zu dürfen.

Sie hört den Song zu Ende, ehe sie den Autoschlüssel abzieht, dann steigt sie aus und weckt ihren Sohn.

Vom Parkplatz sind es nur wenige Schritte bis zum Eingang des Arosa Kulm Hotel. Frontal betrachtet, erinnern die beiden versetzt platzierten Gebäude mit ihrer Kastenform an Wohnblocks aus den Sechzigern, wäre da nicht die dunkle Holzverschalung der Fassade, die dem Fünfsternehaus den gemütlichen Charme eines Chalets verleiht. Marisa weiß jedoch vom Anbau, von den luxuriösen Wellnessanlagen, den diversen Restaurants. Im nächsten Jahr ist es hundertvierzig Jahre her, seit ein einheimischer Konditor das Gebäude neben seinem Bauernhaus erstanden und die beiden mit einem dritten, einem Neubau, verbunden und so den Grundstein für das heutige Kulm gelegt hat.

Nach dem Unfall hat sich Marisa die Website des Hotels immer wieder angesehen, hat manisch die von Antonio gebuchte Zimmerkategorie studiert und sich dabei jedes Detail eingeprägt. Einzelzimmer Nord, mit Aussicht auf das Weisshorn, ein schmales Bett mit kariertem Überwurf, ein kleiner Schreibtisch gegenüber, die gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie irgendeiner Bergspitze an der Wand. Einfach und bescheiden, hat sie beim ersten Blick verwundert festgestellt. Angesichts der Junior-, Deluxe- und Penthousesuiten, die Antonios Arbeitgeber seinen Kadermitarbeitern üblicherweise spendiert, war die Zimmerwahl ziemlich ungewöhnlich gewesen. Beziehungsweise sehr gewöhnlich. In der Nebensaison ist das Hotel selten ausgebucht, Marisa hat sich schlaugemacht. Aber die nicht standesgemäße Zimmerwahl ist nur eine von vielen Fragen, die ihr im Kopf herumschwirren.

Sie betritt den Eingangsbereich des Hotels und greift nach Lucas Hand, der ihr schlaftrunken hinterherstolpert. Normalerweise protestiert er gegen diese Geste, heute lässt er sie erstaunlicherweise zu.