Umschlag

Silke Ziegler

Im Schatten des Sommers

Spurensuche im Roussillon

Kriminalroman

 
 

Die Autorin

Silke Ziegler, Jahrgang 1975, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Weinheim an der Bergstraße. Die gelernte Finanzassistentin arbeitet nach Anstellungen in diversen Kreditinstituten inzwischen an der Universität Heidelberg.

Die Reisen, die Silke Ziegler mit ihrer Familie unternimmt, inspirieren sie immer wieder zu neuen Geschichten.

 

 

Für die beste Familie, die es gibt

Inhalt

Die Autorin

Widmung

Prolog

1 – Sonntag, 29. Mai 2016

2 – Argelès-sur-Mer

3 – An der Steilküste

4 – An der Route Nationale

5 – Argelès-sur-Mer

6 – Montag, 30. Mai

7 – Perpignan

8 – Weinheim

9 – Perpignan

10 – Weinheim

11 – Perpignan

12 – Argelès-sur-Mer

13 – Perpignan

14 – Dienstag, 31. Mai

15 – Perpignan

16 – Argelès-sur-Mer

17 – Argelès-sur-Mer

18 – Argelès-sur-Mer

19 – Perpignan

20 – Perpignan

21 – Argelès-sur-Mer

22 – Mittwoch, 1. Juni

23 – Auf dem Weg in die Pyrenäen

24 – Perpignan

25 – Croiselles-en-Haut

26 – Argelès-sur-Mer

27 – Perpignan

28 – Argelès-sur-Mer

29 – Donnerstag, 2. Juni

30 – Pyrenäen

31 – Perpignan

32 – Pyrenäen

33 – Perpignan

34 – Argelès-sur-Mer

35 – Perpignan

36 – Argelès-sur-Mer

37 – Freitag, 3. Juni

38 – Argelès-sur-Mer

39 – Pyrenäen

40 – Pflegeheim Les Pyrénées

41 – Argèles-sur-Mer

42 – Argelès-sur-Mer

43 – Argelès-sur-Mer

44 – Pyrenäen

45 – In der Nähe von Argelès-sur-Mer

46 – Samstag, 4. Juni

47 – Pyrenäen

48 – Croiselles-en-Haut

49 – Perpignan

50 – Pyrenäen

51 – Perpignan

52 – Pyrenäen

53 – Argelès-sur-Mer

54 – Sonntag, 5. Juni

55 – Pyrenäen

56 – Argelès-sur-Mer

57 – Perpignan

58 – Argelès-sur-Mer

59 – Pflegeheim Les Pyrénées

60 – Argelès-sur-Mer

61 – Perpignan

62 – Montag, 6. Juni

63 – Perpignan

64 – Argelès-sur-Mer

65 – Perpignan

66 – Argelès-sur-Mer

67 – Perpignan

68 – Argelès-sur-Mer

69 – Dienstag, 7. Juni

70

71 – Argelès-sur-Mer

72

73 – Argelès-sur-Mer

74 – Mittwoch, 8. Juni

75 – Freitag, 23. September

Epilog

Danksagung

Leseprobe: Im Angesicht der Wahrheit

Prolog

Freitag, 7. August 1992
Argelès-sur-Mer

»Bitte, Sophia!« Carine Mildner öffnete die hintere Autotür und blickte ihre Tochter flehentlich an.

Doch Sophia wandte demonstrativ den Kopf ab, während sie ihre Lippen fest aufeinanderpresste. Unschlüssig stand ihre Mutter neben dem Wagen und schien nachzudenken. Schließlich öffnete sie erneut den Mund, um ihre Überredungskünste einzusetzen.

»Carine, kommst du?« In einiger Entfernung drehte sich Sophias Vater um und sah seine Frau abwartend an. Diese ließ ihren Blick unsicher zwischen Mann und Tochter hin- und herwandern.

»Na schön«, seufzte sie letztlich, drückte den Verriegelungsknopf auf Sophias Seite herunter und schlug enttäuscht die Autotür zu.

Nach einem weiteren kurzen Zögern wandte sie sich ab, um ihrem Mann und Sohn in den Intermarché zu folgen.

Langsam drehte Sophia den Kopf und schaute ihrer Mutter wütend hinterher, die schweren Schrittes auf den Supermarkt zusteuerte. Da die hinteren Scheiben des Wagens getönt waren, durfte sie sicher sein, dass ihre Mutter den Blick nicht erkennen konnte. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Sophia, wie ihr zweijähriger Bruder Frederick sich immer wieder von der Hand seines Vaters losriss und davonrennen wollte. Zögernd folgte ihre Mutter den beiden in etwa zwanzig Meter Entfernung.

Mürrisch ließ Sophia den Blick über den weitläufigen Parkplatz schweifen. Kaum ein halbes Dutzend Fahrzeuge stand vor dem Einkaufszentrum. Kein Wunder, dachte Sophia genervt, während sie auf ihre Uhr blickte. Kurz vor acht. Wer sonst stand in den Sommerferien um diese Zeit auf?

Gelangweilt verfolgte sie, wie ihre Mutter nur wenige Sekunden nach ihrem Vater und Frederick an einem grünen Transporter vorbeiging und aus dem Blickfeld verschwand. Verärgert kaute Sophia auf ihrer Unterlippe. Warum mussten sie unbedingt heute nach Perpignan fahren?

Nachdem ihre Mutter gestern Nachmittag einiges erledigen wollte, während Sophia mit Papa und Frederick den Strand von Argelès näher in Augenschein genommen hatte, war sie abends relativ spät in das Ferienhaus zurückgekehrt, um freudestrahlend zu verkünden, morgen mit der ganzen Familie einen Ausflug nach Perpignan unternehmen zu wollen.

Obwohl Sophia sie mehrmals eindringlich gebeten hatte, den Ausflug zu verschieben, und auch ihr Vater sie unterstützte, da er meinte, die Stadt liefe schließlich nicht davon und der Urlaub habe doch gerade erst begonnen, war Mama nicht von ihrem Plan abzubringen gewesen. Natürlich hatte Sophia ihr nicht den wahren Grund genannt, warum sie heute unbedingt wieder an denselben Strand wie gestern wollte. Der ging schließlich weder ihre Mutter noch ihren Vater etwas an. Immerhin war sie schon elf Jahre alt! Ihre Eltern mussten nicht alles wissen.

Sie dachte an den braun gebrannten Jungen, der sie gestern angesprochen hatte, als sie mit Frederick am Wasser spielte. Ganz fasziniert hatte er sie angestarrt, bevor er sie schließlich fragte, was sie mit ihren Haaren angestellt hätte. Irritiert hatte Sophia den Jungen gemustert, da sie nicht gleich verstand, was er überhaupt meinte. Er hatte rabenschwarze, lockige Haare und ebenso dunkle Augen. Als er sie anlachte, blitzten seine weißen Zähne auf, die die dunkle Haut noch stärker betonten. Verunsichert fasste sie sich an ihr Haar und fragte ihn, was er meine.

»Sie sehen aus, als ob sie brennen«, antwortete er grinsend.

Genervt verzog sie das Gesicht, während sie Frederick betrachtete, der gerade dabei war, seine selbst gebaute Sandburg zu zerstören.

»Sie sind rot«, entgegnete sie schnippisch. Was sollte die blöde Frage? Okay, in ihrer Klasse war Sophia die Einzige mit dieser Haarfarbe. Aber Ralf aus der 7a, der hatte auch rote Haare. Na ja, vielleicht eher orange. Seine ähnelten der Farbe von Karotten, während ihre tatsächlich den züngelnden Flammen eines Lagerfeuers glichen.

»Sie sind schön. Ich habe noch nie solche Haare gesehen«, erwiderte der Junge verlegen.

Geschmeichelt von seinen Worten, musste Sophia dann gegen ihren Willen doch lächeln. Irgendwie hatte er eine nette Art an sich. Danach zeigte er Frederick, wie man einen einigermaßen funktionierenden Staudamm baut, bevor er sich schließlich nach einer halben Ewigkeit von ihnen verabschiedete, weil er nach Hause musste. Nachdem er ihr die Münze geschenkt hatte.

Nachdenklich betrachtete Sophia ihren Daumennagel und zupfte unruhig an einem Stück Haut. Zum Abschied hatte der Junge ihr zugewinkt und gefragt, ob sie am nächsten Tag wieder an den Strand käme. Ihre erste Verabredung. Abwesend blickte Sophia aus dem Fenster. Obwohl sie ihn nicht gefragt hatte, schätzte sie, dass er zwei oder drei Jahre älter als sie war. Immerhin durfte er bereits allein an den Strand. Davon konnte sie nur träumen. Verächtlich stieß Sophia den Atem aus.

Ein Ausflug nach Perpignan! Frederick war noch viel zu klein, als dass ihn irgendetwas anderes als Burgenbauen und das Herumtollen im Wasser interessieren würde. Auch ihr Vater schien sich eher auf einige ruhige Tage am Meer eingestellt zu haben, an denen er endlich mal dazu käme, ein gutes Buch zu lesen, anstatt bei diesen Temperaturen die heißeste Stadt Frankreichs zu besuchen. Doch ihre Mutter hatte eben mal wieder ihre eigenen Pläne. Wütend lehnte Sophia den Kopf an die kühle Scheibe und überlegte. Gestern Abend hatte sie beschlossen, kein Wort mehr mit Mama zu reden. Geschah ihr ganz recht. Schließlich war sie kein kleines Kind mehr, das sich immer dem Willen seiner Eltern beugen musste. Sollte ihre Mutter doch allein nach Perpignan fahren.

Sobald sie zurückkäme, würde Sophia ihr mitteilen, dass sie ins Ferienhaus zurückwollte. Ihre Mutter konnte nicht einfach über sie bestimmen, wie es ihr gefiel, schließlich war sie schon fast erwachsen, anders als Frederick. Bestimmt ließ sich der Junge vom Strand auch nichts mehr von seinen Eltern sagen.

Mit ihrem Finger verfolgte sie eine Fliege, die außen an der Scheibe entlanglief.

Eigentlich hatte sich Sophia riesig gefreut, als Mama vor einigen Tagen ganz überraschend den Vorschlag machte, nach Südfrankreich zu fahren, in ihre Heimat, um der Familie zu zeigen, wo sie herkam. Immerhin war es das allererste Mal überhaupt, dass sie in den Süden fuhren.

Karla, Sophias beste Freundin, fuhr in den Sommerferien immer mit ihren Eltern auf einen Bauernhof irgendwo in Bayern. Obwohl sie ihnen bereits mehrmals gesagt hatte, dass sie sich nicht mehr für die Kühe und Schweine dort interessierte, wichen die Eltern nicht von ihren Urlaubsplänen ab. Und Silvia, ihre zweitbeste Freundin? Nun, die fuhr mit ihrer Familie dreimal im Jahr zum Wandern in die Berge. Sophia seufzte. Nein, da war Südfrankreich schon was ganz anderes. Das Land gefiel ihr. Da ihre Mutter auch zu Hause in Deutschland mit ihr oft Französisch sprach, hatte Sophia keinerlei Verständigungsprobleme. Obwohl sie erst seit drei Tagen hier waren, fühlte sie sich sehr wohl.

Genervt blickte Sophia auf die Uhr. Wo blieben ihre Eltern nur? Sie wollten doch nur ein paar Brötchen und Baguette für die Autofahrt holen. Müde legte sie ihren Kopf zurück und schloss die Augen. Ob der Junge auf sie warten würde? Sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. Toll, Sophia.

Sobald sie ihn wieder am Strand traf, würde sie ihn danach fragen. Vielleicht hieß er Jean. Oder Laurent. Oder Luc. Sie musste schmunzeln. Bestimmt hatte er einen schönen Namen, der gut zu seinem hübschen Gesicht passte.

Gereizt betrachtete sie die weiße Haut ihres Unterarms, auf der sich unzählige Sommersprossen tummelten. Niemals würde sie so braun wie er werden. Wenn sie sich zu lange in der Sonne aufhielt, bekam sie lediglich einen Sonnenbrand. Aber vielleicht gefiel ihm ja ihre helle Haut, so wie sie seine dunkle mochte.

Langsam wurde es warm im Wagen. Sophia spürte, wie sich die Hitze in dem kleinen, abgeschlossenen Raum staute. Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne bereits unerbittlich von dem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel.

Während sie fieberhaft überlegte, warum ihre Eltern so lange beim Bäcker benötigten, beobachtete Sophia aus dem Augenwinkel, wie andere Fahrzeuge auf den Parkplatz einbogen und kurze Zeit später wieder wegfuhren.

Die können mich mal, dachte sie wenige Minuten später und löste wütend den Verriegelungsknopf. Unsicher öffnete sie die Tür und genoss für einen kurzen Moment den leichten Windstoß, der die Hitze etwas erträglicher machte. Nach einem weiteren Augenblick stieg sie schließlich entschlossen aus dem Wagen, drückte den Knopf gewissenhaft wieder hinunter und schlug die Tür zu. Während sie mit ihren Augen prüfend das Gelände absuchte, steuerte sie langsam auf den Eingang des Einkaufszentrums zu. Mittlerweile war es kurz vor neun. Immer mehr Kunden strömten in die Geschäfte im Inneren.

Da sie gestern Morgen schon hier eingekauft hatten, wusste Sophia bereits, wo sich der Bäcker befand. Nervös trat sie durch die gläserne Eingangstür und wandte sich nach rechts.

An der Theke stand nur eine einzige Kundin. Verwirrt blickte Sophia sich suchend um, während sie sich langsam um ihre eigene Achse drehte. Gab es hier etwa noch einen anderen Bäcker? Argwöhnisch näherte sie sich der Auslage und wartete, bis die Kundin ihren Einkauf beendet hatte.

»Was möchtest du haben, Mademoiselle?« Fragend beugte sich die Verkäuferin zu ihr hinab.

Aufgeregt biss Sophia sich auf die Lippe. »Meine Eltern …«, stammelte sie. »Ich suche meine Eltern. Sie wollten hier vor über einer Stunde einkaufen.«

Irritiert blickte die Verkäuferin sie an. »Wie sehen deine Eltern denn aus? Da ich seit sieben Uhr hier bin, müssten sie eigentlich bei mir gewesen sein.«

Mit stockenden Worten beschrieb Sophia der Frau die Haarfarbe und Größe ihrer Eltern. Schließlich erwähnte sie noch ihren kleinen Bruder, an den sich die Frau doch auf jeden Fall erinnern müsste.

Doch die Verkäuferin verzog ihr Gesicht zu einer merkwürdigen Grimasse und schüttelte den Kopf. »Nein, bei mir waren deine Eltern nicht. Tut mir leid.« Als sie Sophias panischen Blick bemerkte, fuhr sie hastig fort: »Vielleicht kaufen sie ja stattdessen im Intermarché ein. Warte doch einfach hier bei mir auf sie.« Sie deutete den Gang entlang. »Da drüben befindet sich der Kassenbereich. Wenn sie im Supermarkt sind, müssen sie dort auf jeden Fall durch. Wir können sie also gar nicht verpassen.«

Doch auch eine gute halbe Stunde später, die Sophia nervös auf einem Stuhl sitzend bei der Bäckereiverkäuferin verbracht hatte, waren ihre Eltern noch immer nicht wieder aufgetaucht.

Ängstlich bemerkte sie, wie die ältere Frau ihr in unregelmäßigen Abständen mehrmals besorgte Blicke zuwarf.

Als ihre Eltern auch nicht erschienen, nachdem sie namentlich über Lautsprecher aufgefordert wurden, sich umgehend an der Information des Intermarchés zu melden, entschied der Marktleiter schließlich ohne weitere Verzögerung, die Polizei zu verständigen.

1

Sonntag, 29. Mai 2016
In der Nähe von Argelès-sur-Mer

Genervt drehte sich Heike Hohlmann zu ihren Kindern um und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Wir sind vor zehn Minuten losgefahren. Das bedeutet, dass wir noch etwa elf Stunden Fahrt vor uns haben. Daher braucht ihr nicht alle zwei Minuten fragen, wann wir endlich da sind.«

Da sie sich vorsichtig wieder zurücksetzte, während sie sich müde mit der Hand über ihre Stirn fuhr, bemerkte sie den verschwörerischen Blick ihres siebenjährigen Sohns Christoph nicht, den dieser seiner Zwillingsschwester Samira zuwarf.

»Was für eine Hitze«, stöhnte Heike.

»Vielleicht hätten wir doch schon gestern Nacht losfahren sollen«, pflichtete ihr Mann ihr bei, während er konzentriert auf die Fahrbahn blickte.

»Ja, vielleicht. Aber eigentlich sind wir doch zu dem Schluss gekommen, nicht übermüdet in die Nacht zu fahren.«

»Nicht mehr lange, bis wir die Autobahn erreicht haben«, erklärte Frank Hohlmann seiner Frau, während er einen roten Renault überholte, der mit Tempo fünfzig über die Nationalstraße ruckelte.

Heike lehnte ihren Kopf an die kühle Scheibe der Beifahrertür. Noch ein Tag, bevor ihr nervenaufreibender Alltag wieder begann. Nach einem äußerst entspannten Südfrankreichurlaub endeten heute die Pfingstferien.

Sie seufzte leise, während die Zwillinge auf dem Rücksitz erneut begannen, sich um ein Buch zu streiten, das Christoph gestern angeblich seiner Schwester geschenkt hatte. Natürlich konnte er sich heute nicht mehr daran erinnern, insbesondere, da Samira gerade damit beginnen wollte, es zu lesen. Unauffällig warf

Heike ihrem Mann einen kurzen Blick zu. Auch Frank hatte sich die letzten Tage erholen können, sein Gesicht war sonnengebräunt, die Sorgenfalten, die sich im Laufe der Jahre auf seiner Stirn gebildet hatten, schienen wie ausgebügelt. Es war ihr erster Urlaub seit fünf Jahren gewesen. Und sie hatten ihn bitter benötigt.

Als der Lärm abermals auf ein unerträgliches Maß anschwoll, drehte sie sich erneut genervt nach hinten, um die Zwillinge zu ermahnen. Mit Unschuldsmienen erwiderten die beiden den wütenden Blick ihrer Mutter und verzogen gleichzeitig ihre kleinen Münder zu einem harmlosen Lächeln.

Als Heike gerade ansetzen wollte, die Kinder zu etwas Ruhe anzuhalten, ertönte plötzlich ein lauter Schlag, der den ganzen Wagen zum Erzittern brachte.

»Scheiße!« Die entsetzte Stimme ihres Mannes wurde nur vom unangenehm schrillen Quietschen der Bremsen übertönt. Die Zwillinge verstummten schlagartig, während Heike durch das abrupte Anhalten in ihrem Sitz herumgerissen wurde. Der Sicherheitsgurt schnitt tief in die Haut ihres Halses und schnürte ihr für einen kurzen Moment die Luft ab.

Während sie hastig den Gurt lockerte, drehte sie sich entsetzt zu ihrem Mann. »War das ein Tier?« Ihre Stimme zitterte.

Endlich kam der Wagen am Straßenrand zum Stehen. Die Stille, die sich nach dem Abschalten des Motors ausbreitete, wirkte gespenstisch.

Frank Hohlmann war leichenblass und saß für einen Augenblick wie erstarrt in seinem Sitz.

»War das ein Tier?«, wiederholte Heike ihre Frage eindringlich. Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie in den Seitenspiegel. Doch sie erkannte nur schemenhaft etwas am rechten Rand der Route Nationale liegen, etwa hundert Meter hinter ihnen.

Mit reglosem Blick schüttelte Frank seinen Kopf.

»Was war das, Frank?«, flüsterte Heike heiser.

»Ein … Mensch«, stammelte er leise. »Ein Mann.«

»Du hast einen Mann überfahren?«, erwiderte sie schrill.

»Er …«, Frank versagte die Stimme, »… er war plötzlich da. Ich habe ihn nicht gesehen.« Er brach ab. »Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Die Kinder, der Krach, verdammt!« Ein lauter Knall ertönte, als er mit seiner Faust auf das Lenkrad schlug.

Während er sich die Augen rieb, wandte Frank sich an seine Frau. »Ruf die Polizei und den Notarzt. Ich gehe nachschauen, was mit …« Nach einem Blick über die Schulter auf die Kinder verstummte er. »Ich sehe nach, was ich tun kann.«

Nachdem Frank den Wagen verlassen hatte, öffnete Heike mit zitternden Händen das Handschuhfach, in dem sie den Reiseführer vermutete. Erleichtert holte sie ihn heraus und begann zu blättern. Wie erhofft, war sowohl die Nummer des Notarztes als auch der Polizeinotruf aufgeführt. Nachdem sie die Kinder erneut ermahnt hatte, sich ruhig zu verhalten, wählte sie nervös und suchte in Gedanken verzweifelt nach den verbliebenen Brocken Französisch, die aus dem Jahrzehnte zurückliegenden Schulunterricht in irgendeiner hinteren Gehirnwindung auf ihre Wiederbelebung warteten.

Frank Hohlmann lief hastig zu der reglosen Person am Rand der Straße. Als er sich dem Verletzten näherte, erkannte er, dass der Mann auf dem Bauch lag, den Kopf auf merkwürdige Weise zur Seite verdreht. Seine blaue Jeans war blutverschmiert.

Vorsichtig beugte er sich über den Fremden und musterte das blasse Gesicht des Unfallopfers. Sein letzter Erste-Hilfe-Kurs lag Jahre zurück, doch auch ohne größere medizinische Kenntnisse konnte er erkennen, dass der Mann schwer verletzt war. Hoffentlich traf der Notarzt bald ein. Frank streckte seine rechte Hand aus und berührte leicht den Hals des Fremden. Als er schwach den Puls der Halsschlagader spürte, atmete er erleichtert auf. Der Mann lebte. Zweifelsfrei hatte er schwere Verletzungen erlitten, aber immerhin lebte er.

Frank ging in die Hocke, um den Verletzten näher zu betrachten. Ihn umzudrehen, traute er sich nicht, denn er wollte die Situation nicht noch schlimmer machen, als sie schon war. Vielleicht hatte der Fremde innere Verletzungen oder Knochenbrüche, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen waren.

»Ist er …?« Schockiert beugte Heike sich zu ihm hinab.

»Er lebt«, entgegnete Frank leise.

»Gott sei Dank.«

»Wo sind die Kinder?«, wollte er wissen.

»Im Wagen. Ich habe ihnen gesagt, dass sie das Auto nicht verlassen dürfen.«

Frank nickte, während er weiter den Verletzten vor ihnen musterte.

»Sollen wir ihn umdrehen? Die Polizei und der Arzt sind auf dem Weg.«

»Drehen wir ihn vorsichtig auf die Seite«, schlug Frank vor, da er den Mann nicht länger untätig anstarren wollte.

Gemeinsam packten sie ihn vorsichtig an den Schultern und schoben ihn zentimeterweise auf seine linke Seite. Das linke Bein winkelten sie langsam etwas ab, sodass er einigermaßen stabil lag und nicht zurückrollen konnte.

Als sie den Oberkörper des Mannes erblickten, fuhren beide erschrocken zurück. In dem Moment fiel Frank schlagartig wieder ein, was mit dem Fremden nicht gestimmt hatte. Als er auf die Straße getaumelt war, hatte er direkt in die Richtung des sich nähernden Autos geblickt. Trotzdem war er nicht zurückgewichen, sondern stattdessen weiter auf die Straße getreten. Zumindest erklärten die Verletzungen, die sich ihnen darboten, zum Teil das merkwürdige Verhalten des Opfers.

2

Argelès-sur-Mer

»Bonjour, Papa!« Freudestrahlend stürmte Lisa in das Zimmer. Als Nicolas Rousseau hinter seiner Schwester eintrat, erblickte auch er seinen Vater, zusammengesunken auf einem Stuhl in der linken Ecke des Raumes, die von der Morgensonne hell erleuchtet wurde. Trotz der frühen Stunde war die aufsteigende Wärme schon zu spüren.

»Bonjour.« Nicolas nickte seinem Vater leicht zu, während Lisa bereits die Arme um den Nacken des älteren Mannes geschlungen hatte und ihn liebevoll an sich drückte. Schweigend beobachtete Nicolas die Szene, die ihm einen leichten Stich versetzte. Nach all den Jahren schaffte Lisa es immer noch, ihn mit ihren unregelmäßig auftretenden Gefühlsausbrüchen zu überraschen. Wehmütig beobachtete er das kleine schwarzhaarige Energiebündel, das ihrem Vater mit der Hand gerade zärtlich über die Wange fuhr.

»Komm, Nici, gib ihm die Hand«, forderte sie ihren Bruder mit vorwurfsvoller Miene auf.

Seufzend näherte er sich den beiden und berührte seinen Vater vorsichtig am Oberarm. »Wie geht es dir, Papa?« Abwartend sah Nicolas ihn an. Er hatte den Eindruck, dass der rechte Mundwinkel des älteren Mannes heute noch weiter als sonst herunterhing. Oder bildete er sich das nur ein?

Mit der linken Hand kratzte ihr Vater sich vorsichtig an seinem Kinn. Aufmerksam verfolgte Lisa jede seiner Bewegungen. Da die Augen von Jacques Mareaux sich unablässig hin und her bewegten und nicht eine Sekunde verharrten, beschlich Nicolas das ungute Gefühl, er sei heute noch unruhiger als gewöhnlich.

»Möchtest du draußen essen?« Er hob die Tüte mit den Croissants hoch und sah seinen Vater fragend an.

»Ah«, brummte dieser, während er mit dem Kopf auf und ab wippte.

Lisa, die halb auf die Stuhllehne neben ihrem Vater rutschte, lächelte glückselig, während Nicolas die Tür zum Balkon öffnete und kurz durchatmete, als er ins Freie trat. Obwohl sich ihre Besuche am frühen Sonntagmorgen zu einer Art Ritual eingebürgert hatten, fühlte er sich in den ersten Minuten immer wieder aufs Neue beklommen. Lisa dagegen schien die Situation nicht im Geringsten zu beunruhigen. Obwohl seine Schwester wesentlich stärker an ihrem Vater hing als er, zeigten Nicolas ihre unterschiedlichen Reaktionen doch, dass sie erheblich besser mit den schwierigen Umständen zurechtkam als er. Vielleicht lag es auch einfach an ihrer unbekümmerten Art, die Dinge so zu nehmen, wie sie waren. Nicht immer zu grübeln, zu hinterfragen, vom Schlimmsten auszugehen.

Während er die Ausläufer der Pyrenäen betrachtete, die sich bis kurz vor das Pflegeheim ausdehnten, spürte er, wie er langsam zur Ruhe kam. Nicolas atmete tief durch und genoss für einen kurzen Moment die Wärme, die sein Innerstes so selten erreichte.

Schon immer war Lisa die Gefühlsbetontere der Geschwister gewesen, was sicher auch an ihrer Besonderheit lag. ›Besonderheit‹, so nannte Nicolas heimlich die Behinderung seiner Schwester. Für ihn wurde sie nämlich durch ihr Downsyndrom tatsächlich zu etwas ganz Kostbarem. Ihre liebenswürdige Art, ihr herzliches Verhalten anderen gegenüber, das war eine Gabe. Lisa war ein kostbares Gut, das es ein Leben lang zu beschützen galt, auch wenn sie nur acht Jahre jünger war als er.

Die Tatsache, dass ihr Vater nach einem Schlaganfall, der nunmehr schon länger als zwanzig Jahre zurücklag, nicht mehr für seine Tochter sorgen konnte, machte das Leben für Nicolas und seine Mutter nicht eben einfacher. Doch er wollte sich nicht beklagen. Schließlich hatte er schon mehr als genug gescheiterte Existenzen, zerstörte Lebensträume und kaputte Hoffnungen gesehen, das brachte die jahrelange Erfahrung als Polizeibeamter mit sich.

»Nici.« Die Stimme seiner Schwester riss ihn aus seinen Grübeleien.

Eilig drehte er sich um und beobachtete seinen Vater, der mit kleinen, wackligen Schritten ins Freie trat. Lisa folgte ihm, in den Händen ein silbernes Tablett mit einer Kaffeekanne und drei Tassen.

Hastig rückte Nicolas für seinen Vater einen Stuhl zurecht, bevor seine Schwester sich ebenfalls setzte und die Croissanttüte öffnete.

»Was ist?« Sie blickte ihn unter ihren langen Wimpern hervor an.

Doch er schüttelte nur leicht den Kopf und zog sich den dritten Stuhl heran.

»Nächste Woche spielen wir gegen Elne«, sprudelte Lisa los, während sie zerstreut ein Croissant zerpflückte.

Ihr Vater drehte sein Gebäckstück mehrmals um die eigene Achse und betrachtete es aus zusammengekniffenen Augen. Während Nicolas ihn beobachtete, spürte er Ungeduld in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er seinem Vater das Croissant aus der Hand genommen. Doch er riss sich zusammen und konzentrierte sich stattdessen auf seine Schwester, die gerade stolz von ihrem Fußballtraining erzählte. Gegen seinen Willen musste er schmunzeln. Seit fünf Jahren schon trainierte er Lisa und ihre Teamkollegen, die erste Mannschaft in der Region, die komplett aus Menschen bestand, die das Downsyndrom hatten. Seit einiger Zeit hatten sich in den umliegenden Städten ähnliche Vereine gebildet, sodass es hin und wieder zu Freundschaftsspielen zwischen den Teams kam. Ein solches stand in der nächsten Woche an. Lisa zog aus diesem Kräftemessen jedes Mal ein solches Selbstvertrauen, dass Nicolas immer wieder überrascht war, welche immensen Auswirkungen der Sport und der damit einhergehende Wettkampf haben konnten.

Sein Vater nickte während Lisas Ausführungen ununterbrochen mit dem Kopf. Nicolas musterte ihn verstohlen. Jacques Mareaux war erst siebenundsechzig Jahre alt. Als er damals den Schlaganfall erlitt, hatten die Ärzte ihnen erklärt, dass unter anderem auch das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen worden war. Außer ein paar unverständlichen Silben konnte der ältere Mann sich nicht mehr mitteilen. Früher hatte er genauso dunkle Haare wie seine Kinder gehabt, doch während der Jahre im Pflegeheim war er zusehends ergraut. Wenn Nicolas Fotos aus dieser Zeit betrachtete, konnte er anhand der Grauabstufungen im Haar seines Vaters genau erkennen, in welchem Stadium sich dieser gerade befunden hatte. Fast schien es, als ob sich mit der verschwindenden Haarfarbe auch sein Gesundheitszustand immer weiter verschlechterte.

Obwohl sie sich nicht beschweren durften. Direkt nach dem Vorfall vor zweiundzwanzig Jahren hatten die Ärzte Hélène Rousseau mitgeteilt, dass ihr Mann wohl nur ein Pflegeheim benötigte, um dort in Ruhe sterben zu können. Aus dieser Phase waren mittlerweile immerhin mehr als zwei Jahrzehnte geworden.

»Ik…ah…«, begann der Ältere und deutete mit dem Kinn auf seinen Sohn.

Der hob die Achseln und verzog sein Gesicht. »Nichts Besonderes im Moment. Außer einigen Einbrüchen und Diebstählen ist es merkwürdig ruhig für diese Jahreszeit.« Er stockte. »Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm.«

Sein Vater nickte beruhigt, während er unbeholfen die Wange seiner Tochter tätschelte.

»E…he…?«, fuhr er angestrengt fort.

»Maman geht es gut. Sie kommt dich morgen nach der Arbeit besuchen«, erwiderte Lisa gut gelaunt.

Nicolas legte die Hand an seinen schmerzenden Nacken und bewegte seinen Kopf von rechts nach links.

»Verspannt, Bruderherz?«

Schmunzelnd schüttelte er seinen Kopf. Seiner Schwester entging aber auch wirklich nichts.

»Vielleicht solltest du auch mal wieder etwas Sport treiben.« Sie blickte ihn tadelnd an.

»Nicht nur vielleicht. Aber dieser ganze Papierkram erledigt sich leider nicht von allein«, erwiderte er lächelnd.

»Capitaine Rousseau, auch Chefs müssen irgendwann mal Feierabend haben.« Lisa verzog genervt ihren Mund.

Feierabend, was war das? Wenn er tatsächlich mal nicht im Dienst war, kümmerte er sich entweder um den Fußballverein seiner Schwester, unterstützte seine Mutter, indem er seinen Vater besuchte, oder nutzte die Zeit zum Schlafen. Er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wann er das letzte Mal am Strand gewesen war, geschweige denn, wann er sich zuletzt mit einer Frau verabredet hatte. Bis jetzt war noch jede seiner Beziehungen, sollten sie diese Bezeichnung überhaupt verdient haben, früher oder später an seinem Job oder seiner komplizierten familiären Situation gescheitert. Nein, er eignete sich wohl nicht zum Ehemann, noch weniger konnte er sich vorstellen, jemals eine eigene Familie zu gründen. Meist war er daher dankbar, einen Job zu haben, der ihn so forderte, dass er gar nicht erst darüber nachzudenken brauchte, wie jämmerlich und trostlos sein Privatleben war. Nicolas streckte sich vorsichtig und ließ seinen Blick über die Berge wandern.

Lisa, die ihn beobachtete, beugte sich vor: »Du solltest Urlaub machen, wieder wandern gehen, Nici. Du musst hier mal raus.«

Sein Vater nickte zustimmend, während er undeutliche Laute vor sich hin brummte.

Stirnrunzelnd schüttelte Nicolas den Kopf: »Es ist alles okay, Lisa. Ich brauche keinen Urlaub. Schließlich war es meine Entscheidung, den Posten anzunehmen. Manchmal ist es nur …« Er brach ab, denn er wollte seine Schwester nicht mit seinen Gedanken beunruhigen.

»Du bist schon zu lange allein«, folgerte Lisa mit trauriger Stimme.

Überrascht sah Nicolas sie an. Für ihn war sie seine kleine Schwester, auf die er aufpassen musste. Dass sie sich umgekehrt ebenfalls Sorgen um ihn machte, war ihm nicht bewusst gewesen. Er legte seine Hand auf ihren Unterarm und drückte leicht zu. »Alles gut, Lisa. Wirklich. Vielleicht bin ich heute auch nur ein wenig melancholisch.«

Jacques Mareaux wippte immer noch mit dem Kopf, während seine Augen wieder blitzschnell zwischen seinen beiden Kindern hin- und herwanderten.

Schweigend aßen sie zu Ende. Nach dem Frühstück berichtete Nicolas von einem schwierigen Fall aus der Nachbarschaft, da er hoffte, sein Vater erinnere sich noch an die Leute. Niemand wusste so genau, was sich in dem Kopf des älteren Mannes abspielte. Auch die Ärzte konnten nicht einschätzen, inwieweit seine geistige Leistungsfähigkeit noch erhalten war.

Gerade als Nicolas das Tablett wegräumen wollte, klingelte sein Handy. Nach einem Blick auf das Display zog er eine Grimasse. »Marie, bonjour, was gibt es? Familiäre Streitigkeiten am Sonntagmorgen oder sind wieder dreiste Stranddiebe unterwegs?« Er schmunzelte. Marie Noir war eine seiner Mitarbeiterinnen, die erst im letzten Jahr frisch von der Polizeischule gekommen war und direkt bei ihnen in Argelès angefangen hatte.

»Bonjour, Nicolas, weder noch, aber du solltest dir das hier auf jeden Fall ansehen«, entgegnete sie mit einem seltsamen Unterton.

Alarmiert erhob er sich, während er seiner Schwester bedeutete, dass er kurz ins Zimmer ging, um in Ruhe telefonieren zu können. »Was ist denn los? Wo ist Fabien?« Fabien Armand war Maries Partner und teilte sich heute mit ihr die Schicht.

»Er ist auch hier. Nic, es gab einen heftigen Verkehrsunfall auf der Route Nationale. Ein Schwerverletzter. Eine deutsche Familie hat den Mann angefahren.«

So schlimm das Gehörte sich darstellte, letztendlich waren Verkehrsunfälle, leider auch mit Verletzten und Schlimmerem, in ihrem Beruf an der Tagesordnung.

»Was noch?«, fragte er instinktiv, da ihm klar war, dass das nicht alles sein konnte.

»Es ist …« Sie stockte, bevor betretenes Schweigen einsetzte.

»Marie?« Genervt verzog Nicolas die Lippen. »Was ist los?«

»Der Verletzte hatte ein Foto bei sich und einen Papierfetzen …« Wieder brach sie ab.

»Ja, und?« Was war denn nur heute mit ihr los? Normalerweise war sie eine knallharte Polizistin, die so leicht nichts aus der Bahn warf.

»Nic, es wird dir nicht gefallen«, warnte sie ihn, bevor sie genauer beschrieb, was sie bei dem Schwerverletzten gefunden hatten.

Während ihrer Ausführungen riss es Nicolas schlagartig den Boden unter den Füßen weg. Ihn beschlich das beklemmende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Entsetzt warf er einen Blick nach draußen, wo sein Vater immer noch in der Sonne saß und die Augen geschlossen hatte. »Ich komme sofort«, erwiderte er schließlich mit belegter Stimme und beendete fassungslos das Gespräch.

3

An der Steilküste in der Nähe von Argelès-sur-Mer

Antoine legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment seine Augen. Das Zittern ebbte langsam ab, während er tief ein- und ausatmete. Nervös ließ er den Rucksack von seinen Schultern gleiten und setzte sich auf einen Felsvorsprung. Es ging wieder los. Mehr als deutlich spürte er, dass er sich bald nicht mehr dagegen wehren könnte.

Er hatte so sehr gehofft, diese furchtbaren Attacken überstanden und hinter sich gelassen zu haben, nachdem ihn wochenlang keiner seiner Anfälle mehr heimgesucht hatte. Doch er hatte sich getäuscht. Wieder einmal. Seit wenigen Tagen befiel ihn immer wieder diese Unruhe, deren Ursache ihm bis heute unerklärlich war.

Morgen stand der nächste Termin bei Docteur Sotard an. Vielleicht sollte er ihm endlich von seinem Problem erzählen. Waren diese Unruhezustände, diese aggressiven Phasen nicht überhaupt erst der Grund für seine Besuche bei dem Psychologen? Oder war vielmehr Emma das ausschlaggebende Argument dafür gewesen, dass er seit einigen Monaten einmal wöchentlich zu dem Seelenklempner ging? So genau wusste Antoine es nicht. Was er allerdings sicher wusste, war, dass er Emma weder verärgern noch beunruhigen wollte. Ihm war klar, dass sie ihn sofort und auf der Stelle verlassen würde, wenn sie jemals herausfände, was mit ihm nicht stimmte. Und das wäre wohl noch die beste, weil für ihn folgenlose Variante. Er konnte sich durchaus auch ein wesentlich schlimmeres Szenario vorstellen, in dem er mit Zwangsjacke irgendwo in der Psychiatrie landen würde. Nein, niemals durfte Emma sein düsteres Geheimnis erfahren. Allein schon bei dem Gedanken an eine mögliche Entdeckung durchfuhr es ihn eiskalt.

Aber war er nicht vielleicht eh schon auf dem Weg der Besserung, wo er sein Handeln doch selbst einzuschätzen und einzuordnen wusste? War das nicht ein vorsichtiger Anfang, ein erstes, zartes Anzeichen, dass noch nicht alles verloren war? Verunsichert schüttelte Antoine den Kopf. Nein, er wusste es einfach nicht. Und da er mit niemandem darüber reden konnte, würde er es auch nicht herausfinden. Sollte er vielleicht doch mit dem Docteur …? Er verwarf den Gedanken sofort wieder, denn er war sich nicht sicher, ob die ärztliche Schweigepflicht auch dann galt, wenn ein Arzt den Verdacht hegte, seinen Patienten vor sich selbst schützen zu müssen. Vielleicht sollte er erst einmal versuchen, dies bei Docteur Sotard in Erfahrung zu bringen. Natürlich beiläufig, unauffällig, ohne mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als nötig.

Fieberhaft hatte Antoine in den letzten Jahren immer wieder versucht, zur Ruhe zu kommen. Daher auch dieser einsame Ausflug.

Obwohl Emma ihn gestern Abend mit wehmütigem Blick gemustert hatte, als Antoine ihr von seinem Plan erzählte, hatte sie ihn gehen lassen. Hatte ihm weder Vorwürfe gemacht noch versucht, ihn an seinem Vorhaben zu hindern. Emma. Wenn er an seine Freundin dachte, befiel ihn eine tiefe Traurigkeit. Auf keinen Fall wollte er sie verlieren. Doch er wusste, dass er ihr niemals der Partner sein konnte, den sie sich wünschte, den sie sich erträumte und den sie seiner Ansicht nach auch verdiente. Er würde alles dafür tun, um mit Emma ein normales Leben führen zu können. Doch Antoine wusste, dass sein Wunsch niemals in Erfüllung gehen konnte. Seine dunkle Seite verhinderte jede Normalität in seinem Leben, jeden kleinsten Hauch von Alltag. Obwohl er sich nichts mehr ersehnte, als ein unauffälliges Leben zu führen, nicht aus der Masse der Anonymität herauszustechen. In dem die Düsternis in seinem Inneren nicht existierte. In dem Antoine seinem schrecklichen Verlangen nicht mehr nachgeben müsste.

4

An der Route Nationale bei Argelès-sur-Mer

Hastig parkte Nicolas seinen Wagen am Straßenrand, während er bemerkte, wie der Krankenwagen davonfuhr. Als er ausstieg, hatte Marie ihn bereits entdeckt und eilte auf ihn zu.

»Wo wird er hingebracht?« Nicolas deutete mit dem Kinn in die Richtung, in der der Krankentransport verschwunden war.

»Ins Saint Christophe nach Perpignan. Sieht nicht gut aus«, entgegnete Marie sichtlich geschockt.

Nicolas blickte sich um und sah, dass Fabien Armand bei einer weinenden Frau stand. »Ist das die Fahrerin des Wagens?«, wollte er von seiner Mitarbeiterin wissen.

Die schlanke, hochgewachsene Polizistin nickte und deutete mit ihrem Zeigefinger auf die aufgelöste Frau. »Die Beifahrerin. Ihr Mann saß am Steuer. Frank Hohlmann.« Suchend sah sie sich um. »Er steht dort drüben.«

Nicolas folgte ihrem Blick und entdeckte einen blonden Mann, der gerade erfolglos versuchte, seine weinenden Kinder zu beruhigen. »Gut, du übernimmst für einen Moment die Kleinen und ich rede mit ihm. Hohlmann, ja?«, vergewisserte er sich bei Marie, während er auf den Mann zuging.

Sie nickte und folgte ihm.

»Monsieur Hohlmann, bonjour. Ich bin Capitaine Rousseau von der Police Nationale in Argelès. Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen. Meine Kollegin, Officier Noir, kümmert sich derweil um Ihre Kinder.«

Der Unfallfahrer sah Nicolas einen Moment überrascht an, bevor er seinen Kindern schließlich auf Deutsch zu erklären schien, dass sie kurz bei der jungen Frau bleiben soll-ten. Während er sich nervös über die Stirn fuhr, erhob er sich.

»Frank Hohlmann«, wiederholte er langsam seinen Namen. »Ich …«, fassungslos schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Der Mann tauchte plötzlich am Straßenrand auf und …« Er sprach in gebrochenem Englisch und war immer noch sichtlich aufgewühlt von den Ereignissen. Hilflos hob er seine Hand, während Nicolas schwei-gend wartete. »Er hat mich gesehen, ich meine, er hat den Wagen gesehen.« Hohlmann stockte. »Er muss ihn gesehen haben. Er hat genau in unsere Richtung geschaut.« Wieder schüttelte er seinen Kopf.

»Haben Sie den Mann erst am Straßenrand entdeckt oder bereits vorher?«, hakte Nicolas nach. Direkt an der Nationalstraße erstreckte sich ein weitläufiges Feld, das am anderen Ende an die ersten Häuser von Argelès grenzte.

Angestrengt dachte der Deutsche nach, bevor er verzweifelt sein Gesicht verzog. »Es tut mir leid, Capitaine. Aber ich weiß es nicht. Meine Kinder haben gestritten, meine Frau hat mit ihnen geschimpft. Ich war abgelenkt. Auf einmal habe ich ihn gesehen.« Wieder brach er ab. »Und dann war es auch schon zu spät.«

Verständnisvoll nickte Nicolas. »Kein Problem, Monsieur. Sie haben mir schon sehr geholfen. Vielen Dank. Sie können wieder zu Ihren Kindern gehen. Leider müssen wir Ihre Aussage noch in Argelès aufnehmen. Doch wir werden uns um eine schnelle Bearbeitung bemühen. Meine Kollegin teilte mir mit, dass Sie sich bereits auf dem Nachhauseweg Richtung Deutschland befanden.«

Der Mann schwieg einen Moment lang, bevor er antwortete: »Ich muss morgen wieder arbeiten. Wir haben noch zehn Stunden Fahrt vor uns.« Frustriert zog er die Augenbrauen zusammen.

»Ihr Wagen muss leider noch untersucht werden, wegen der Unfallspuren. Aber wie gesagt, wir bemühen uns um eine schnelle Bearbeitung. Vielleicht können Sie bereits heute Abend heimfahren.«

»Heute Abend«, seufzte Hohlmann enttäuscht.

Nicolas wusste, dass es dem Mann nicht passte. Aber er hatte einen Unfall aufzuklären und musste alle Spuren sichern lassen. Es würde schwierig genug werden, heute am Sonntag einen entsprechenden Experten für den Wagen zu finden.

»Danke, Monsieur.« Mit diesen Worten wandte Nicolas sich in Richtung von Fabien Armand, der noch immer versuchte, die völlig aufgelöste Frau zu beruhigen.

»Madame Hohlmann?«, sprach Nicolas sie vorsichtig an, während er Fabien kurz zunickte. Die Frau putzte sich die Nase, bevor sie ihre Brille wieder aufsetzte und ihn aus verquollenen Augen ansah. Er stellte sich kurz vor und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, beantwortete sie ihm seine Fragen und bestätigte die Aussagen ihres Mannes. Doch Nicolas hatte bereits vermutet, dass es sich hier nicht um eine Straftat im eigentlichen Sinne handelte. Die Familie war schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. So banal stellten sich die Umstände manchmal dar.

»Was …?« Die Frau suchte nach Worten. »Was war mit dem Mann?« Mit der Hand deutete sie auf ihren Oberkörper. »Das Blut …«

»Wir werden das untersuchen, Madame«, erklärte Nicolas, während er sich über ihre Bemerkung wunderte, und bedankte sich auch bei ihr für die Unterstützung.

Nachdenklich wandte er sich ab und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Rechts der Straße erstreckte sich nur das Feld. Wo war das Unfallopfer hergekommen?

Nachdem Fabien die Familie an Marie übergeben hatte, die in Argelès die Aussagen aufnehmen würde, kehrte er zu seinem Chef zurück. »Seltsame Sache, oder?«

Nicolas zuckte mit den Achseln. »Wo ist das Bild?«

Fabien zog schweigend eine durchsichtige Tüte aus einem schwarzen Beutel.

Nervös nahm Nicolas sie entgegen. Sein Puls beschleunigte sich, während er die attraktive schwarzhaarige Frau auf dem Schwarz-Weiß-Foto betrachtete, die ein Mädchen von etwa zwei oder drei Jahren im Arm hielt. Plötzlich beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl, als zögen sich seine Eingeweide zusammen.

»Alles in Ordnung, Nic?« Besorgt musterte ihn Fabien.

Abwehrend hob Nicolas seine Hand und schloss für einen Moment die Augen. »Nein, nichts ist in Ordnung. Verflucht! Was hat das zu bedeuten?«, erwiderte er schließlich leise.

»Diesen Zettel trug das Opfer ebenfalls bei sich.« Fabien streckte ihm eine weitere Beweistüte entgegen.

»Sieht aus wie eine deutsche Adresse«, murmelte Nicolas.

»Es ist die Adresse der Mildners«, bestätigte Fabien. »Das habe ich bereits überprüfen können. Zumindest war sie das zum Zeitpunkt ihres Verschwindens.«

Noch immer fassungslos starrte Nicolas auf den vergilbten Papierfetzen, der offensichtlich irgendwo abgerissen worden war. »Vielleicht ein Brief?«

»Ja, vielleicht. Wir werden das überprüfen, Nic.« Fabien versuchte, zuversichtlich zu klingen, obwohl ihm offensichtlich alles andere als wohl bei der Sache war.

»Carine und Sophia Mildner«, las Nicolas die Worte auf der Rückseite des Fotos. Nachdenklich hob er den Kopf und starrte auf die Straße. »Wer ist der Mann?«

Natürlich drängte sich ein Gedanke unweigerlich auf.

»Er hatte keine weiteren Papiere bei sich«, erwiderte Fabien. »Aber sicher wird er irgendwo vermisst.«

»Hoffentlich«, stimmte Nicolas zu. »Wie geht es ihm? Was sagt der Arzt? Marie meinte, es sähe nicht gut aus.«

»Nein«, bestätigte Fabien ernst. »Er ist sehr schwer verletzt. Der Arzt war nicht besonders optimistisch.«

»Ist der Deutsche denn so schnell gefahren?«, wollte Nicolas verwundert wissen. Immerhin hatte der Mann seine beiden Kinder dabei, da sollte man doch annehmen, dass er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten hatte.

»Hat Marie dir noch nichts gesagt?«, fragte Fabien unsicher.

Alarmiert sah Nicolas seinen Mitarbeiter an. Fabien Armand war mit seinen fünfundvierzig Jahren etwas älter als Nicolas. Er brachte bestimmt dreißig Kilo mehr auf die Waage und war einen halben Kopf kleiner. Allerdings war er ein äußerst gründlicher Ermittler, der seine körperlichen Defizite durch seine herausragenden geistigen Leistungen mehr als wettmachte. Nicolas kannte ihn schon eine halbe Ewigkeit. Seit er vor fünf Jahren zum Capitaine befördert worden war, schätzte er Fabiens Unterstützung und fachliche Fähigkeiten umso mehr.

»Was soll sie mir gesagt haben?«, fragte Nicolas angespannt.

Fabien schnaufte tief durch. »Der Mann war bereits schwer verwundet, als er auf die Straße getaumelt ist.«

Stirnrunzelnd lauschte Nicolas seinem Mitarbeiter.

»Sein Oberkörper war durch mehrere Messerstiche verletzt.«

»Messerstiche?«, widerholte Nicolas ungläubig. »Du meinst, er rannte schwer verletzt vor den Wagen?«

Doch so abwegig kamen ihm die Umstände gar nicht vor. Der Fahrer hatte schließlich ausgesagt, der Mann sei trotz Sichtkontakt auf die Fahrbahn gelaufen. Wahrscheinlich stand er aufgrund des Blutverlusts unter Schock und hatte den heranfahrenden Wagen überhaupt nicht wahrgenommen. Oder war vor seinem Angreifer geflohen.

»Ja, der Arzt hat eindeutige Verletzungen festgestellt, die nicht von dem Unfall herrühren«, erklärte Fabien.

Müde fuhr sich Nicolas über das Gesicht. Hatte er nicht noch vor knapp zwei Stunden seinem Vater erzählt, es gäbe momentan außer ein paar Lappalien nur Schreibkram zu erledigen? Hätte er doch bloß seinen Mund gehalten!

»Ist es der Vater?«, presste er zwischen aufeinandergepressten Lippen hervor.

Fabien zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung.« Da er sah, wie sein Chef sichtlich um Fassung rang, berührte er leicht dessen Arm. »Nic, wir werden das untersuchen. Vielleicht können wir die Sache endlich aufklären. Ich kann mir zwar nicht annähernd vorstellen, was dieser Vorfall in dir auslösen muss, aber wir werden alles daransetzen, endlich Licht in die Sache zu bringen.«

Nicolas nickte grimmig. Nein, niemand konnte sich vorstellen, welche Gedanken ihm bei der Erwähnung des Namens ›Mildner‹ durch den Kopf gingen. Niemand konnte den Hass verstehen, der gerade wieder in ihm entfacht worden war. Dieser verdammte Fall! Obwohl die Ereignisse fast fünfundzwanzig Jahre zurücklagen, spürte er die Folgen bis heute. Schließlich hatten die damaligen Ermittlungen seine komplette Existenz auf den Kopf gestellt. Zu jenem Zeitpunkt, als die Mildners damals auf mysteriöse Weise verschwanden, hörte auch seine Familie auf, in der Art zu existieren, wie er sie gekannt und geliebt hatte.

Entschlossen wandte er sich an Fabien: »Ich fahre ins Krankenhaus. Ich möchte mir das Opfer selbst anschauen. Unterstütze du bitte Marie auf dem Revier.«

Aus dem Augenwinkel nahm er noch die Spurensicherung wahr, die gerade die Bremsspuren vermaß und den Unfallhergang nachstellte, bevor er sich auf den Weg nach Perpignan machte.

5

Argelès-sur-Mer

Stunden später betrat Nicolas erschöpft das Revier in Argelès. Er kam direkt aus dem Zentralarchiv in Perpignan und hatte über eine Stunde nach der alten Akte gesucht. Der staubige, modrig riechende Raum hatte ihm den Rest gegeben. Offensichtlich gab es keine nachvollziehbare Ordnung, er musste Hunderte von Akten in die Hand nehmen, bis er endlich fündig wurde. Die Warterei im Krankenhaus war nicht weniger nervtötend gewesen. Der perfekte Sonntag also! Obwohl Nicolas unter normalen Umständen seinen Job liebte, gab es Tage wie heute, an denen er seinen kompletten Berufsstand verfluchte.

Im Vorraum erblickte er die deutsche Familie, die noch immer ungeduldig auf die Freigabe ihres Wagens wartete. Doch im Augenblick war er nicht in der Lage, die Deutschen zu vertrösten und ihnen Mut zuzusprechen. Daher nickte er ihnen im Vorbeigehen nur kurz zu und öffnete eilig die Tür, die den Wartebereich von den Büros trennte. Unter der Woche war der Vorraum der Herrschaftsbereich ihrer Sekretärin, Catherine Roloit. Doch da heute Sonntag war und Catherine zwei kleine Kinder hatte, bemühten die Polizisten sich stets, ihre Wochenenddienste ohne die Sekretärin zu organisieren.

Als Nicolas das Großraumbüro betrat, in dem seine drei Mitarbeiter normalerweise saßen, entdeckte er Marie dösend vor ihrem Schreibtisch. Die Nachmittagssonne schien ihr ins Gesicht, doch sie hatte die Augen geschlossen.

Nicolas räusperte sich verlegen, bevor er sich ihr langsam näherte.

Überrascht blinzelte sie und verzog ihre Lippen zu einem Lächeln, als sie ihn bemerkte. »Nicolas«, begrüßte sie ihn, während sie erschrocken auf ihre Uhr sah.

»Wo ist Fabien?«, wollte Nicolas wissen.

»Ich habe ihn nach Hause geschickt.« Nochmals sah sie auf die Uhr. »Immerhin haben wir seit zwei Stunden Feierabend. Außerdem hat seine Frau heute Geburtstag.«

Er nickte zustimmend.

»Ich fürchte, die Woche wird noch lang genug. Und schließlich reicht es, wenn einer von uns mit der Familie auf ihren Wagen wartet«, meinte sie.

Mit einer Hand zog Nicolas sich einen Stuhl vom Nachbarschreibtisch heran und setzte sich Marie gegenüber.

»Was ist das?« Sie deutete auf die dicke Akte, die er gerade auf ihrem Tisch ablegte.

»Die Akte Mildner«, erwiderte er bitter.

Schweigend nickte Marie, während sie ihn abwartend musterte.

Nicolas bewegte seinen Kopf nach rechts und links und rieb sich seufzend den Nacken.

»Verspannungen?«, fragte Marie mitfühlend.

Achselzuckend erwiderte er: »Schließlich bin ich keine Zwanzig mehr.«

»Aber auch keine Fünfzig. Du arbeitest zu viel, Nic.«

Hatte er das heute nicht schon mal gehört? Seit wann sorgte sich plötzlich alle Welt um sein Wohlergehen?

»Sag das mal Morphes«, entgegnete er müde. Laurent Morphes war der Directeur der Police Nationale und Nicolas’ direkter Vorgesetzter. Er hatte sein Büro auf dem zentralen Polizeirevier in Perpignan, wo Nicolas gerade herkam.

»Arbeitet er heute auch?«, fragte Marie verwundert.

»Nein, Morphes hat einen Acht-bis-fünf-Job. Überstunden und Wochenenddienste sind bei dem doch nur im Ausnahmefall drin.«

»Was ist mit dem Verletzten?«, wechselte Marie das Thema.