Umschlag

Christiane Bogenstahl & Reinhard Junge

Datengrab

Kriminalroman

Autorin und Autor

Christiane Bogenstahl wurde 1973 in Wattenscheid geboren. Nach dem 1. Staatsexamen für das Lehramt schulte sie zur Informatikerin um und arbeitet nun als IT-Projektleiterin in Essen. Zusammen mit Reinhard Junge schrieb sie für die Grafit-Anthologie Lies oder stirb die Story Tödliche Texte. Datengrab ist ihr Debütroman.

Reinhard Junge, geboren 1946 in Dortmund, arbeitete vierunddreißig Jahre als Lehrer für Deutsch, Russisch und Latein in Hattingen und Wattenscheid. Seit 2012 ist er Rentner. Er gilt als Urgestein des Ruhrgebietskrimis und schrieb vor Datengrab – zum Teil zusammen mit Leo P. Ard – unter anderem neun Krimis um das Fernsehteam PEGASUS.

www.reinhard-junge.de

www.toedliche-texte.de

Die Hauptpersonen

Lea Bennsdorf, 26spurlos verschwunden
Doktorandin
 
Prof. Paul Kehlmann, 48von Versagern umzingelt
Leiter des Kopula-Instituts
 
Dr. Adele Klawitter, 43entdeckt ihr Gewissen
Kehlmanns rechte Hand
 
Ole Rasmusson, 26verfolgt ein Ziel
Doktorand
 
Tim Hoppe, 34verachtet seinen Chef
Systemadmin
 
Matthias Kestermann, 40gräbt etwas aus
Archivar
 
Hulda Grote, 89beerdigt zwei Männer
Vermieterin
 
Anja Hermann, 53liebt nur die Sanften
Lehrerin
 
Erika Langmann, 71kennt nur das Grobe
Hausdrache
 
sowie die Kriminalpolizisten:
 
Herta Kasten, 56Dogge auf zwei Beinen
 
Christoph Waliszczek, 28Kater auf zwei Pfoten
 
Kevin Kopitzki, 32ausdauernd wie ein Pferd
 
Rolf Echternach, 47geduldig wie ein Elefant
 
Heiko Müller, 44der Fuchs im Team
 

und das Fernsehteam PEGASUS samt Anhang:

 
Simone ›Sim‹ Olsok, 36sucht einen Trojaner
 
Dr. Kalle Mager, 36findet eine Ausfahrt
 
Klaus-Ulrich Mager, 59stürzt in eine Krise
 
Karin Jacobmayer, 46ringt um Luft
 
Mechthild Mager, 55wittert Gefahr
 
Theo Mager, 11schockt seinen Vater
 
Susanne Ledig, 55zieht die Notbremse

Statt eines Vorworts

Für den Wahrheitsgehalt dieses Kriminalromans übernehmen Autorin und Autor keinerlei Gewähr. Man darf ja nicht alles glauben, was die Zeitungen schreiben und die Leute erzählen. Aber manchmal kann man aus diesen Gerüchten eine schöne Story stricken.

Unser Dank für Tipps und Hilfe gebührt:

Sibylle Banaschak (Köln), Charlotte Junge (Duisburg), Kai Kinscher (Essen), Hans-Jürgen Müller (Bochum), Dr. Ovis Mufflon (Essen), Florian Kuba (Marl), Dr. Andreas Möller (Duisburg), Herbert Nagel (Bochum), Volker Schütte und seinem Team (Polizei Bochum), Volker Schulze (Duisburg), Thomas Schweres (Essen) für einige Leiharbeiter sowie A. wie Anonymous für die fabelhafte Arbeit vor Ort.

Prolog

 

Es gab Regeln, die zu befolgen waren.

Die junge Frau, die vor ihm auf dem Teppich lag, hatte dieses Gesetz missachtet. Es hätte nicht so kommen müssen.

Während er sich erhob, schüttelte er bedauernd den Kopf. Dann passierte er das Schauspiel vor seinen Füßen und strebte zu der gläsernen Vitrine rechts neben der Tür, die eine Auswahl an erlesenen Whiskys barg. Sie alle buhlten um seine Aufmerksamkeit.

Er entschied sich für etwas Süßes. Ein Adelphi Aultmore von 1974. Das Etikett verkündete in bescheidenen Lettern, dass es sich um eine von hundertundeins Flaschen eines Fasses mit der Nummer 999 handelte. Ein hervorragendes Tröpfchen, das dem Anlass angemessen war.

Bedächtig griff er eines der Nosing-Gläser, die ordentlich aufgereiht auf dem zweiten Regalbrett standen, und füllte es zu einem Viertel mit dem Whisky seiner Wahl. Er schwenkte den Inhalt sanft in freudiger Erwartung. Mit einem anerkennenden Nicken verfolgte er die ölige Spur der dunklen Flüssigkeit und senkte seine Nase ins Glas. Nahm einen tiefen Atemzug. Wundervoll.

Der kräftige Mann hätte den Inhalt gern mit der kleinen Blonden geteilt. Auch sie wusste einen guten Single Malt zu schätzen, wie er mehrfach beobachtet hatte. Doch dazu hätte man das rosa Hemdchen entfernen müssen, das ihren Mund verstopfte. Zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee. Und das falsche Signal. Zuerst musste sie ihre Lektion lernen.

Als vernünftiger Mensch wusste er, dass er nicht jede Aufgabe selbst erledigen konnte. Manchmal musste man sich im Hintergrund halten. Dies hier war solch ein Moment.

So kehrte er, ohne den Teppich zu berühren, beinahe vergnügt zu dem bequemen Sessel zurück. Seine massige Gestalt versank fast darin, während das Leder seufzte wie eine gebrochene Witwe.

Der Blick auf die Szenerie vor ihm war unverstellt und der Whiskytrinker nahm jede Einzelheit in sich auf. Es war, als sammelte er Schnappschüsse, die er später noch mal in Ruhe betrachten wollte.

Soeben erhob sich der muskulöse Mann, dessen Körper die junge Frau auf den Teppich gezwungen hatte, und gab den Blick auf sie frei. So nackt und so hilflos. Ihre Brust hob sich, als sie gequält durchatmete. Sie versuchte, den Mann im Sessel anzusehen. In ihrem Blick lagen Panik und Schmerz, vermischt mit einem Funken Hoffnung.

Genießerisch nippte der Zuschauer an seinem Drink, während der Peiniger sich zu ihm umwandte. Sein Gesicht wurde von einer Strumpfmaske verdeckt, aber die Frage in seinen Augen war deutlich.

Mit einem fast unsichtbaren Lächeln nickte der Mann im Sessel.

Der Maskierte packte die Beine der Frau, drehte sie grob auf den Bauch und zog sie so nah heran, dass ihre Pobacken hochragten. Sie musste ahnen, was passieren sollte, und versuchte mit aller Kraft, sich zu wehren.

Dummes, dummes Mädchen, dachte der Voyeur und senkte seine Nase in das Whiskyglas. Die Süße betäubte fast seine Sinne, als das Schauspiel sich seinem Höhepunkt näherte.

Der Maskierte versetzte der Frau einen Fausthieb gegen den Hinterkopf – zu schwach, um ihr das Bewusstsein zu nehmen, aber stark genug, um sie gefügig zu machen. Er packte sie grob an der Taille und riss ihren Po weiter nach oben. Dann rammte er seinen Schwanz in ihren Anus. Wieder und wieder, als würde er vom Stöhnen seines Opfers angefeuert.

Der Mann im Sessel bemerkte, dass er eine Erektion bekam. Mit halb geschlossenen Augen hob er nun das Glas an die Lippen, kostete von dem exquisiten Nektar und lauschte dem erstickten Aufschrei der Frau. Genuss mit allen Sinnen.

Die Blonde wimmerte. Sie drehte ihren Kopf, tränennasse Augen starrten ihn bettelnd an. Wie grotesk der rosafarbene Knebel aussah! Wie dümmlich sie auf einmal wirkte! Und so hilflos, wie er es liebte.

Ein Seufzer des Bedauerns entfuhr ihm. Sein falscher blonder Engel. Von der Wolke geholt und entzaubert. Schade auch. Es war eine gute Zeit gewesen. Noch vor einer Woche hätte er jeden getötet, der sie angefasst hätte. Aber jetzt hatte er sie freigegeben.

Der Maskierte grunzte und stoppte seine Bewegungen. Verharrte. Kostete selbst noch einmal aus, was ihn befriedigt hatte. Die Frau gab keinen Laut mehr von sich.

Der Whiskymann leckte sich einen Tropfen aus dem Mundwinkel und erhob sich.

Sie hatte ihre Lektion wohl gelernt.

Montag

1

»Fleißiger Mann!«

Ächzend richtete sich Matthias Kestermann zu seiner vollen Größe von eins dreiundneunzig auf, rieb sich den schmerzenden Rücken und sah seiner Frau entgegen, die über den Gemeinschaftsrasen des Vierfamilienhauses zu ihm heranstiefelte.

In der schmalen Furche, die das heilige Grün hinter der Pulverstraße 13 vom privaten Grabeland trennte, blieb sie stehen und begutachtete sein Zerstörungswerk. Zwischen den Obstbäumen, an denen sich zögernd die ersten Blättchen entfalteten, türmten sich die Reste einer altersschwachen Laube. Hier stapelten sich schiefe Gartenmöbel aus Holz, Draht und Plastik, dort sah man zwei Regale, die noch auf die Säge warteten, ein Stückchen weiter häuften sich alte Zeitungen aus den Sechzigern und Siebzigern. Gleich daneben gab es rostige Spatenblätter und Harken, die an morschen Stielen hingen, halb verrottete Arbeitsschuhe und lehmige Stiefel. Behalten würde er lediglich die drei alten Ölfässer, in denen bereits die Vorgänger das vom Dach tropfende Regenwasser gesammelt hatten.

Den größten Stapel bildeten die Bretter, Latten und Balken des Daches und der Seitenwände, aus denen Kestermann noch jede Menge verbogene Nägel ziehen musste. Und daneben ruhten ein ausgedienter Toilettentopf aus Porzellan und etliche Streifen geteerter Dachpappe.

»Mein lieber Scholli«, sagte Caro. »Da hat morgen aber jemand einen richtigen Muskelkater. Möchtest du ein Bier?«

Zögernd musterte Kestermann die dargebotene Flasche. Das würde ganz schön zischen. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Lieber nicht. Nach dem ersten Schluck falle ich tot um. Und das da muss ich noch schaffen, bevor es dunkel wird.« Er deutete auf ein leicht buckliges Rechteck, das von mehreren Schichten Linoleum bedeckt war. »Dadrunter liegt noch der alte Bretterboden. Jede Menge morsches Holz. Mit einem Brecheisen ist das aber ein Klacks!«

»Was ist mit den Fliederbüschen?«

»Die bleiben stehen. Die Obstbäume natürlich auch. Sind kerngesund und tragen noch.«

Nachdenklich blickten die Eheleute auf den Garten. Die Bretterbude war die Flickschusterei eines ungeübten Handwerkers, aber Bäume, Büsche und Beete zeugten von einer gärtnerisch durchdachten Anlage.

»Meine Güte«, sagte Caro. »Wie viele Tausend Stunden Arbeit stecken wohl in diesem Stückchen Land?«

Matthias Kestermann nickte, drehte sich zu dem Wohnhaus um und musterte den Balkon im ersten Stock, der nun ihnen gehörte, genau wie der Garten, in dem sie standen. Das Ehepaar, das über vierzig Jahre dort gewohnt und fast die ganze Zeit über diesen Boden bearbeitet hatte, war tot – und sie selbst hatten das Glück gehabt, die Wohnung mieten und den Garten pachten zu können.

Ob die wirklich von oben zusehen können, was wir heute mit ihren Hinterlassenschaften anfangen?

Er lächelte und deutete auf die anderen Parzellen Grabeland, die sich nach Süden bis zur Hauptstraße und nach Norden bis zu einem alten Bauernfriedhof aneinanderreihten. In einigen von ihnen sah man die gebeugten Rücken mehrerer Hobbygärtner, die wie er bei den ersten schönen Tagen des Jahres 2012 mit der Frühjahrsarbeit begonnen hatten. Hin und wieder hatten sie neugierige Blicke herübergeworfen und sein Tun verfolgt.

»Wie auch immer«, sagte er. »Die Nachbarn passen schon auf, dass der Garten nicht verwildert. Und in einer Stunde ist es dunkel.«

»Ich koche uns was Schönes«, sagte sie, küsste leicht seinen kurzen schwarzen Urlaubsbart und ging zum Haus zurück.

Sein Blick folgte ihr, bis erst ihre immer noch schlanken Beine, danach ihre etwas fülligeren Hüften und zum Schluss ihre braunen Locken auf der Treppe zum hinteren Kellereingang verschwunden waren. Seine Frau! Ein tolles Weib.

Dann spuckte Kestermann in die Hände und nahm den Fußboden in Angriff. Mit einem Teppichmesser zerlegte er das brüchige Linoleum in annähernd gleich große Stücke, die er dann von der nächsten Schicht des Belags und endlich vom Fußboden abreißen und zur Seite werfen konnte.

Die Bretter bestanden, wie erwartet, aus morschem Holz verschiedener Sorten, Längen und Stärken. Flickwerk wie der gesamte Bau.

Endlich griff er zum Brecheisen und löste die Dielen von den fünf, nein sechs Querbalken, auf denen die gesamte Hütte geruht hatte. Die lehmige Erde in den Hohlräumen war mit einer Unzahl von Mäusekötteln überzogen, zwischen denen ein paar Kieselsteine glänzten. Die Katzen aus den nahen Wohnhäusern verloren gerade eines ihrer schönsten Jagdreviere.

Schon wollte er sich abwenden, als ihm etwas auffiel: Die Kieselsteine lagen insgesamt zwar wie zufällig ausgestreut auf dem lehmigen Boden, bildeten aber bei genauerer Betrachtung zwischen den mittleren Balken ein schmales, fast zwei Meter langes Rechteck. Eine düstere Vision schlich sich in seinen Kopf. »O nein, bitte nicht!«

Sein Ausruf lockte eine betagte Frau aus dem Nachbargarten herbei. Der gekrümmte Rücken und die Falten in ihrem Gesicht deuteten auf ein Leben voller Arbeit hin, das schmantige Weißhaar auf mangelnde Pflege. Doch geistig war sie immer noch hellwach. Aufmerksam sah sie zu, wie der junge Nachbar den Kies zur Seite schaufelte. Nach und nach tauchten die Reste eines Müllsacks und ein paar Stofffetzen auf. Und dann 

Vorsichtig stieg die Frau über die Balken und schaute in das Loch. »Ach, du lieber Gott«, rief sie aus und presste erschrocken die Hand aufs Herz. »Wenn das mal nicht die Silke ist!«

2

Es war jetzt zwei Tage her, aber Simone Olsok war noch immer sauer.

Sie hatte im Kellergang gestanden und den nassen Aufnehmer zurück in den Wischeimer geklatscht. »Frau Langmann. Ihnen auch einen wunderschönen guten Tag. Was habe ich diesmal Schlimmes verbrochen?«

Vor ihr stand eine der Nachbarinnen aus dem Erdgeschoss und hielt ihr ein kleines Holzschild mit der Aufschrift Schneeräumdienst vor die Augen. »Frau Olsok, können Sie lesen?«

»Sogar in Ihrem Gesicht, Frau Langmann. Sie sind mal wieder zornig, stimmt’s?«

»Wütend bin ich. Sehr wütend sogar! Wie können Sie es wagen, mir jetzt schon dieses Schild an die Tür zu hängen?«

Grundgütiger, dachte Simone, spinnt die? Sie fragte zur Sicherheit noch einmal nach: »Hätte ich bis zum Mittag warten sollen?«

Eine Sekunde rang die Xanthippe um ihre Fassung, aber dann spuckte sie ihr Anliegen aus: »Sie haben weder gestern noch heute Schnee geräumt!«

»Stimmt. Ich habe gestern vor der Arbeit und heute an meinem freien Tag jeweils um sieben Uhr morgens Salz gestreut, weil der Weg vor diesem schönen Haus mit einer dünnen Eisschicht …«

»Sie geben es also zu!«, triumphierte die Alte. »Es war gar kein Schnee da. Sie haben auch nichts geräumt, sondern nur gestreut! Das reicht aber nicht!«

Sim war nun ernsthaft verwirrt. »Nicht?«

»Nein. Das könnte Ihnen wohl so passen, wenn Sie mit fünf Minuten Salzstreuen davonkämen. Und wir sollen dann Ihren Schnee wegschippen, wenn es wieder richtig schneit, stimmt’s? Eine Unverschämtheit ist das. Eine Unverschämtheit!«

»Verstehe ich Sie richtig: Wenn es mal einen ganzen Winter lang nicht schneit, sondern immer nur etwas Eis vor der Tür liegt, soll ich jeden Morgen raus – bis es endlich mal …?«

Die Alte ließ sie gar nicht ausreden, sondern stemmte, ihre vom Ohnsorg-Theater abgeschaute Lieblingspose, die knochigen Arme in ihre Hüften. »Hören Sie, Frau Olsok: Wir alle hier im Haus haben viel, nein, sehr viel Geduld mit Ihnen gehabt. So geht das nicht. Jeder Mieter hat seinen Anteil an Pflichten zu erledigen. Auch Sie!« Die Alte stach ihren knochigen Zeigefinger in Simones Brust. »Sie, Sie sind …«

Sim trat einen Schritt zurück, doch die Gegnerin ging wie mit einem Florett zur Attacke über. Ihr war, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen. Im Reflex schlug sie die Hand der Hexe von ihrem Busen weg. Dabei flog das Holzschildchen, das die Angreiferin noch in den Fingern hielt, gegen eine Wand und landete mit einem vorwurfsvollen Klappern auf dem grauen Beton.

»Geht’s noch?«, schrie Simone. »Fassen Sie mich nicht noch einmal an. Sonst hacke ich Ihnen die Hand ab!«

Schockiert wich die Alte zurück. Das hatte es in diesem Haus noch nicht gegeben. Sie flüchtete zu ihrer Wohnungstür und rief mit zeternder Stimme durch den Hausflur: »Das hat ein Nachspiel! Das sag ich alles dem Gregor!«

Dann schlug die Tür mit einem Krachen zu.

Simone hatte einen Puls von zweihundert und zitterte vor Wut. Die können mich alle mal, dachte sie. Dann kippte sie entschlossen das Wischwasser in den Ausguss. Es reichte.

Das war nun gerade zwei Tage her – aber so ähnlich waren schon die letzten sechs Jahre verlaufen, die Simone in diesem ehrenwerten Haus wohnte. Keine Woche verging, ohne dass eines der vertrockneten Weiber ihr das Leben schwer machte. Und seitdem Kalle häufig bei ihr übernachtete, verspritzten sie ihr Gift fast täglich.

Anfangs war es noch halbwegs witzig gewesen, über diese unfruchtbaren Ziegen zu lästern oder sie mit einer ironischen Bemerkung geistig zu überfordern. Doch es war, als ob Simone und Kalle gegen Windmühlen kämpften, und der anfängliche Spaß war dem Frust gewichen. Denn im Hintergrund lauerte Gregor, der Hauswirt, der seinen Kampfhunden jede Unterstützung gab.

Als Simone von der Arbeit nach Hause kam, steckte ein neuer Brief von Gregor im Kasten. Sie widerstand der Versuchung, ihn sofort zu lesen, sondern packte erst die Einkäufe in den Kühlschrank, setzte Teewasser auf, zog sich etwas Bequemes an und gönnte sich ein Schlückchen feinsten Portweins. Nun war sie bereit.

 

Sehr geehrte Frau Olsok,

ich wende mich in einer unangenehmen Sache an Sie: In den vergangenen Tagen und Wochen sind erneut Beschwerden über Sie und Ihren Partner bei uns eingegangen. Unsere Mieter klagen darüber, dass die Hausordnung mehrfach nicht eingehalten worden sei (z. B. Flur- und Kellerdienst), insbesondere wurde auch Ihre Angewohnheit kritisiert, den Trockenkeller zu heizen und Wäsche übermäßig lange dort hängen zu lassen.

Am 02. 03. haben Sie sich zudem, wie Frau Langmann berichtete, geweigert, Ihrem Schneeräumdienst nachzukommen, und sie grob behandelt, als diese Sie an Ihre Pflichten erinnerte. Mit diesem Schreiben möchte ich Sie dringlichst darauf hinweisen, dass Sie, sollte es zu einem durch Glatteis oder Schnee verursachten Unfall vor dem Haus kommen, persönlich haftbar sind.

Im Übrigen habe ich keinen Zweifel an Frau Langmanns Meldung dieser Missstände. Seit achtundzwanzig Jahren ist sie eine zuverlässige Mieterin, die die Interessen der Hausgemeinschaft wahrt und mit den anderen Mietparteien harmoniert.

Bitte beachten Sie zukünftig auch, Ihre Wäsche nicht länger als nötig im Trockenkeller hängen zu lassen und die Heizung nicht aufzudrehen. Die Wäscheleinen müssen sich derzeit drei Nutzer teilen, alle anderen benutzen Elektrotrockner. Das Aufdrehen der Trockenkellerheizung ist nicht nötig, weil die Wäsche das ganze Jahr über praktisch binnen Stunden durch Durchzug trocknet, wenn Sie die Kellerfenster und die Trockenkellertür geöffnet halten.

Ich möchte Sie letztmalig bitten, diese seit Jahrzehnten bewährten Regeln in unserem Haus einzuhalten. Frau Langmann steht Ihnen bei Fragen gerne zur Verfügung.

Noch ein letztes Wort zu Ihrem Partner: Frau Wellner beklagte sich, dass er sie unwirsch angesprochen habe. Frau Langmann bestätigte dies und erweiterte den Vorwurf auf Ihre Person. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass Herr Mager kein Mieter dieses Hauses ist. Er besitzt also keinerlei Rechte, mit Mieterinnen über die Hausordnung oder die Regeln der Hausgemeinschaft zu diskutieren. Zu meinem eigenen Schutz weise ich darauf hin, dass er nicht versichert ist, während er den Flur putzt oder andere Arbeiten erledigt.

Falls Sie nicht bereit sind, sich anzupassen, oder Sie sich in meinem Haus nicht wohlfühlen, würde ich einen Auszug begrüßen.

Ich hoffe, dass Sie und Ihr Schlafgast mit den anderen Mietern bis zu Ihrem eventuellen Auszug gut miteinander auskommen.

Hochachtungsvoll

Gregor Bitterholz

Als Kalle eine Stunde später die Wohnung betrat, fielen ihm sofort Simones gerötete Augen auf.

»Was ist?«, fragte er.

Seine Freundin schob ihm den Brief über den Tisch.

»Von Arschloch Gregor?«

Sie nickte.

Er überflog das Blatt, dachte kurz nach, seufzte und sagte dann: »Ich glaube, dass das der richtige Zeitpunkt ist.«

Sie sah ihn aufmerksam an.

Theatralisch wie ein Zirkusdirektor öffnete er seine Arme und kniete vor ihr nieder.

»Bist du bereit …«, begann er pathetisch und baute eine bedeutungsvolle Pause in den Satz ein, »… all das zurückzulassen … und mit mir in eine gemeinsame Wohnung ohne Hausdrachen zu ziehen?«

Simone lachte erleichtert auf. »Meine Fresse! Hast du mir einen Schrecken eingejagt!«

»Hä, warum?«

»Ich dachte schon, du wolltest mir einen Heiratsantrag machen.«

3

Zehn Minuten später und der Kriminaldauerdienst hätte ausrücken müssen. Aber dafür kam der verdammte Anruf zu früh. Wochen, die so begannen, konnten nur beschissen enden.

Still vor sich hin fluchend, zwängte sich Hauptkommissarin Herta Kasten in ihre gelbe Windjacke, drückte ihre Dienstpistole etwas tiefer in die ausgebeulte Seitentasche und baute sich voller Schadenfreude vor der Herrentoilette auf. Genau dorthin hatte sich bereits vor dreizehn Minuten ihr engster Mitarbeiter Christoph Waliszczek verzogen, um mit einer Dauersitzung die Zeit bis zum Feierabend zu überbrücken. Der Mann war mit achtundzwanzig gerade mal Kriminalkommissar und damit noch lange nicht zu solchen Verpissungsmanövern befugt. Na, warte.

»Was ist, Hertalein?«

Schüppe kam vorbei, einen Dienstgrad höher als sie, einst Chef der Mördertruppe, aber inzwischen so etwas wie der freischaffende Künstler für das Besondere. Zudem kam er sich als Fan des königsblauen Fußballvereins im Dortmunder Präsidium manchmal vor wie ein schwuler schwarzer Jude im Visier des Ku-Klux-Klans.

»Ich warte«, sagte sie lakonisch.

Mit einem flüchtigen Blick auf ihre gelbe Jacke lästerte er: »Hässliche Farbe. Und falls du’s noch nicht bemerkt hast: Du stehst nicht nur auf den falschen Verein, sondern auch vor der verkehrten Tür.«

»Schüppe-Schätzchen«, entgegnete sie, »es gibt drei Themen, bei denen ich mich nie irre: Fußball, Männer und Türen. Und jetzt mach. Sonst kommst du mit zu unserer neuen Leiche.«

Schüppe verzog den Mund und schüttelte den Kopf – ganz so, als hätte er die Kollegin gerade dabei erwischt, wie sie einen ihrer stinkenden Zigarillos an der Türzarge ausdrückte. Herta, bei dieser Frau ist der Name Programm, dachte er.

»Also?«

Statt einer Erwiderung zuckte er nur mit den Schultern und hinkte von dannen. Dabei zog er seine Packung mit Schmerzpillen aus der Tasche, ohne die er offenbar nicht mehr leben konnte.

Kasten blickte ihm nach. Ein guter Bulle – aber offenbar zu feige, um sich operieren zu lassen. Oder gab es andere Gründe, warum er die Pillen bevorzugte?

Endlich öffnete sich die Toilettentür, vor der die rustikale Beamtin Wache bezogen hatte, und ihr junger Kollege trat heraus. Die schwarzen Haare frisch gestylt, der elegante Mantel für die Vorfrühlingskühle etwas zu lässig über den Arm geworfen, die spitzen Schuhe mit Klopapier auf Hochglanz poliert.

»Tut mir ja leid, Jungchen«, tönte ihre Reibeisenstimme. »Aber deine Holde muss auf ihren Prinzen noch etwas warten.«

Gehetzt steuerte der junge Kommissar den Dienstwagen über die Stockumer Straße in Richtung Westen. Seine Chefin informierte ihn während der Fahrt über den Leichenfund im Kleingarten, unterbrach sich aber zu Beginn einer langen Rechtskurve: »Mann, pass auf! Der Starenkasten!«

Waliszczek nahm den Fuß vom Gas, aber es war zu spät. Zwei Blitze zuckten auf.

»Blindfisch!«, sagte sie mit unverhohlener Schadenfreude. »Die Knolle bezahlst du privat!«

»Ich dachte, der funktioniert nicht.«

»Das Ding steht da seit der Kreidezeit«, erklärte sie. »Und natürlich blitzt es nur bei Flugsauriern und Leuten, die so denken wie du.« Sie zeigte über die Ackerfläche hinweg nach rechts. »Vor den Schrebergärten in den Feldweg!«

»Das ist aber nicht …«

»Ich weiß. Aber das ist die beste Route. Vertrau mir!«

Waliszczek gehorchte. Links eine lange Ligusterhecke, hinter der sich eine Kompanie von Schrebergärtnern versteckte, rechts das Feld des letzten Bauern von Renninghausen. Einige Hundert Meter weiter bogen sie ab. Der Weg führte zwischen hohen Hecken hindurch zu dem mit Gras bewachsenen Wendeplatz vor dem Eingang eines kleinen Friedhofs.

»Hier?«

»Jungchen, lass die überflüssigen Fragen! Komm mit!«

Gegenüber dem Eingang zum Gottesacker führte ein schmaler Pfad zwischen zwei Reihen von Gärten zurück in Richtung Stockumer Straße. Ziemlich in der Mitte wurden sie fündig: Rechts lag die einzige Parzelle ohne eine Laube, aber dafür mit Bergen von Abfall. Ein paar Schaulustige, die den Weg hierher gefunden hatten, standen brav in den Furchen, die diesen Garten umgrenzten – sorgsam bewacht von einer Kollegin und einem Kollegen in Uniform.

»Gut gemacht«, lobte Herta, nachdem sie ihren Dienstausweis gezeigt hatte. »Und wo liegt der arme Mensch?«

Die Polizistin deutete zu der ebenen Fläche zwischen den Müllhügeln. Der Rasen, neben dem die Laube gestanden hatte, sah aus wie nach einer Pokalschlacht zwischen Hombruch 09 und Rot-Weiß Barop. Die Hauptkommissarin rümpfte die Nase, doch die junge Kollegin beruhigte sie: »Da waren schon vorher keine Spuren mehr!«

Kasten gönnte ihr einen zweifelnden Blick, aber die Verwüstungen waren wirklich nicht mehr frisch.

Die Querbalken nutzend, auf denen der Hüttenboden geruht hatte, näherte sich die Hauptkommissarin der Leiche. Die Szenerie war gespenstisch. Selbst in der Dämmerung konnte sie erkennen, dass an dem verrotteten Müllsack zahlreiche Zähne genagt hatten. Nur Dreck, Moder und ein Skelett, an dessen Knöcheln ein paar Kleidungsfetzen hingen.

»Das war bestimmt die Silke!«, ereiferte sich eine Altweiberstimme hinter ihr.

»Wer?«

Die Hauptkommissarin musterte die Weißhaarige mit dem krummen Rücken, die in der Furche zwischen dem Garten und dem Rasen des Vorderhauses stand. Hände, Hose und Stiefel waren mit lehmiger Erde bedeckt, die Haare ungepflegt, ein faltiges Gesicht. In den grünen Augen glühte Sensationslust.

»Die ist vor zwanzig oder dreißig Jahren verschwunden. Und nie gefunden worden.«

Der Wind ließ die zerfransten Ränder des Müllsacks flattern.

Kasten fröstelte und wickelte ihre Jacke fester um die nicht vorhandene Taille. »Und wie heißt Ihre Silke weiter?«

»Weiß ich nicht. Aber die hat im Sommer oft da drüben auf dem Rasen gelegen.«

Die Alte zeigte mit dem Kopf nach hinten. Neben dem Vierfamilienhaus, in dem die Kestermanns wohnten, stand noch ein Bau mit wesentlich mehr Balkonen – offenbar gab es da nur Appartements.

»Ich komme gleich mal zu Ihnen!«, versprach die Hauptkommissarin. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf das Grab und betrachtete die Knochengestalt mit professionellem Interesse. Angesichts der geringen Größe und des schmalen Körperbaus tippte sie auf eine Frau, aber das behielt sie lieber für sich.

Sie trat einen Schritt näher heran und ging ächzend in die Hocke. Aufmerksam musterte sie das Gebiss des Skeletts. Der obere mittlere Schneidezahn schien ihr deutlich breiter zu sein als die Eckzähne – auch das sprach dafür, dass hier kein Mann, sondern eine Frau verscharrt worden war.

Kasten seufzte unwillkürlich und musste ihr Kopfkino ausschalten. Suchte weiter. Sah nichts. Wie lange lag die Leiche schon in dem dunklen Loch?

Schnaufend richtete sie sich wieder auf. »Okay. Los, Wali, ruf an: Frag, wo die Technik bleibt.«

Ihr Kollege war skeptisch. »Bis die hier sind, ist es schon zu dunkel.«

»Ja.«

Sie musterte die Umgebung. Würde eine Menge Arbeit erfordern, hier für ordentliche Beleuchtung zu sorgen. »Die müssen zumindest ein Zelt über das Grab stellen. Die Rechtsmedizin muss auch noch her. Und fordere ein paar Leute von der Bereitschaft an, die bis zum Morgen Wache halten.« Dann wandte sich Kasten den beiden Uniformierten zu. »Schreiben Sie bitte die Namen aller Anwesenden und ihre Adressen auf. Ist der Gartenbesitzer anwesend?«

»Hier!«, rief Kestermann.

Sie drehte sich zu dem Rufer um. »Wie lange haben Sie den Garten schon?«

»Seit Oktober.«

Nun gut, dachte Kasten. Diese Leiche geht wohl nicht auf sein Konto.

»Sie bleiben bitte hier. Ich habe gleich noch ein paar Fragen an Sie.«

Zwei weitere Kollegen aus dem Kriminalkommissariat 11 stiefelten heran – Kopitzki, lang und hager wie ein Marathonläufer, und Echternach mit dem Boxergesicht. Ihre Blicke verrieten, dass sie nicht darüber begeistert waren, Überstunden zu schieben.

»Was können wir tun?«

»Übernehmt die Leute hier. Wir müssen wissen, wer in den letzten dreißig Jahren diese Gärten bewirtschaftet hat – und wo wir notfalls eine Namensliste herkriegen.«

Nun zog sie ihr Handy, tippte auf die Kurzwahltaste und wandte sich ein wenig ab. »Herr Staatsanwalt, tut mir ja so leid, dass ich Ihren Feierabend störe. Aber wir haben einen neuen Leichenfund. Und als Herr der Ermittlungen …«

Die Antwort konnte Wali nicht verstehen, aber Kastens Augen leuchteten plötzlich auf. »Natürlich können wir auch ohne Sie anfangen. Aber dieser Fall ist etwas … speziell.«

Sie drückte das Gespräch weg. »Ist ja klar, dass er kommen muss. Aber bei seinem Gehalt scheuche ich ihn besonders gerne von der Couch.«

Was für ein Aas, dachte Waliszczek.

4

»Bist du sicher, dass du es mit mir in einer Wohnung aushältst, Kalle? Du lebst jetzt seit über fünfzehn Jahren allein.«

»Lag ja nicht nur an mir. Manchmal wollten auch die Damen nicht.«

Sie grinste schief. »Ob das nun besser ist, weiß ich noch nicht.«

Sie saßen beim Italiener im S-Bahnhof Höntrop. Eigentlich war das gar kein richtiger Bahnhof, sondern ein öder Haltepunkt: keine Bahnhofshalle, kein Fahrkartenschalter, nur zwei nackte Bahnsteige mit einer Uhr, einer Lautsprecheranlage und Rauchverbotsschildern.

Der Italiener passte in diese Gegend, aus der sich die betuchten Leute weitgehend zurückgezogen hatten. Ein sauberes Lokal mit zwei gemütlichen Räumen, einer unspektakulären Speisekarte, aber einer brauchbaren Küche und zivilen Preisen. Das überdurchschnittlich freundliche Team machte den Nachteil wett, dass es nur einen einzigen trinkbaren Rotwein gab. Dafür konnte man aber beim Chef den ›Grappa für gute Freunde‹ bestellen. Der passende Ort also für ein unverwöhntes Paar, das keine Lust hatte, abends noch selbst zu kochen – oder einmal etwas gründlich diskutieren wollte. So wie jetzt.

»Hm, mit dir hat es ja auch keiner lange ausgehalten«, erwiderte Kalle schließlich und kramte seine Zigaretten heraus.

»Stimmt. Keiner – und keine.«

Kalle sah sie scheinbar gelassen an. Dann stand er auf und bedeutete ihr mit einer Zigarette in der Hand, ihm nach draußen vor die Tür zu folgen.

Über die kurze lesbische Phase in ihren Berliner Jahren hatte sich Simone bisher ausgeschwiegen, ihn aber umgekehrt auch nicht mit der Aufforderung zu einer eigenen Generalbeichte genervt. Sie spielte an ihrem überdimensionalen Ohrschmuck. Es handelte sich um einen Plug, den sie vor etwa einem Jahr hatte einsetzen lassen, nachdem sie fast sechs Monate gebraucht hatte, um das Loch im Ohrläppchen ausreichend zu dehnen.

Kalles Geschmack entsprach das auffällige Schmuckstück immer noch nicht, aber das behielt er für sich. Immerhin hatte er viele Jahre Zeit gehabt, um aus der Kriegsehe seines Vaters Klaus-Ulrich Mager mit Mechthild zumindest eines zu lernen: Manchmal war’s besser, die Klappe zu halten. Vor allem, wenn man das Glück hatte, mit einer so vielseitigen Frau wie Simone zusammen zu sein.

Vorm Eingang schnippten ihre Feuerzeuge. Sim ließ ihren Blick erst in Richtung der Höntroper Straße wandern, dann zurück zu Kalle. Schließlich holte sie tief Luft.

»Ich sag es mal geradeheraus. Es ist nicht ganz einfach mit mir. Ich habe etwas gegen Gitter vor den Fenstern und Metalltüren, die nur von außen aufgeschlossen werden. Ich mag es, meine Zeit frei zu bestimmen und meine Ruhe zu haben, wenn ich sie brauche. Was gar nicht geht, ist, dass sich deshalb jemand verletzt fühlt oder mir Vorwürfe macht.«

»Puh! So schlimme Erfahrungen?«

Sie zuckte mit den Schultern und schaute ihn mit halb gesenkten Lidern lächelnd an. »In den letzten sechs Jahren nicht. Aber wir haben ja auch nicht so eng aufeinandergehockt. Bisher …«

»Hast du Angst, dass sich bei uns was ändern könnte?«

»Du nicht?«

»Ich habe zuerst gefragt!«

»Lass uns drinnen weiterreden. Hier friert man sich den Hintern ab.«

Er nickte. Beide drückten ihre Zigaretten in dem Aschenbecher aus, der draußen aufgestellt war, und kehrten zurück ins Warme.

Das Essen ersparte beiden eine schnelle Antwort. Sie gabelte versonnen ihre Penne auf, er zersäbelte seine Pizza.

Sim dachte an Sophie, die Berliner Exfreundin. Sie wollte am Ende nur noch gemütliche Abende zu Hause verbringen und gluten-, histamin- und laktosefrei kochen. Dass Simone abends trotzdem gerne geräuschvoll Kartoffelchips aß und lieber etwas unternehmen wollte, hatte erst zu vorwurfsvollen Blicken und dann zu immer mehr Streit geführt.

Kalle hingegen erinnerte sich kauend an Rosa Pawlak, seine erste richtige Freundin. Mit ihr wäre er gerne länger zusammengeblieben. Aber sie hatte irgendwann den dringenden Wunsch nach Heirat und Kindern verspürt, den er nicht zu teilen vermochte. So machten sich Träume vom gemeinsamen Glück schleichend aus dem Staub.

Schließlich seufzten beide und sahen sich an. Keiner hätte sagen können, ob die Arrabiata oder die Pizza Spinaci so gut geschmeckt hatte wie sonst auch. Aber das Funkeln in den Augen des anderen übersahen sie nicht.

»Diese Rosa«, fragte Sim schließlich, »hast du sie geliebt?«

Kalle schrak auf. Wie konnte sie wissen, dass Rosas Bild gerade vor seinem inneren Auge aufgeflackert war?

Sims Augen funkelten. »Ertappt?«

»Nein. Ja. Okay, ein bisschen.«

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. »Liebe? Ich denke schon. Damals habe ich von einer Zukunft mit ihr geträumt. Wie wir gemeinsam dieses heuchlerische Gute Deutsche Kreuz in Datteln aufgemischt haben – nicht schlecht. Aber Nestbau?«

»Kenne ich. Einer will ein Nest bauen, aber der andere will viel lieber fliegen.«

Kalle spielte mit der Gabel. »Eigentlich hatten wir über unsere gemeinsame Wohnung reden wollen.«

»Tun wir doch.«

»Ach ja?«

»Ein Wohnschlafzimmer, kein Kinderzimmer, aber für jeden einen Raum, in dem er seinen Schreibtisch und sein eigenes Bett aufbauen kann. Und wenn einer allein schlafen will, hat es der andere zu akzeptieren.«

»Kommt mir bekannt vor«, sagte Kalle und legte die Gabel weg. »So eine russische Sozialutopie aus dem 19. Jahrhundert. Da verabreden zwei Leute sogar, dass sie anklopfen, bevor sie das Zimmer des anderen betreten dürfen.«

»Gefällt mir. Wie heißt das Buch?«

»Was tun?«

»Von Lenin?«

»Nein. Tschernyschewskij. Lenin fand den Roman so gut, dass er später eine politische Schrift danach benannt hat.«

»Immer wieder erstaunlich, was so ein Philosoph alles weiß.«

»Tja, in mir schlummern eben viele Talente.«

»Die deine Professoren nicht gewürdigt haben. Ein summa cum laude haben sie dir ja nicht gegeben.«

»Ein rite reicht, wie der Name schon sagt, tatsächlich. Und auf der Visitenkarte macht sich die Abkürzung ausgesprochen hübsch.«

»Ja, Herr Doktor Mager. Aber viel kaufen kannst du dir davon nicht.«

Er nickte und seine Miene wurde ernster.

»Was ist?«

»Wir haben noch nicht über Geld geredet. Du hast dich ja beruflich gut stabilisiert. Aber ich kann als Hilfskeule bei PEGASUS nicht viel zu unserem Haushalt beisteuern.«

Sie sah ihn fest an. »Spinnst du? Wir leben im 21. Jahrhundert! Da dürfen auch Frauen mal mehr verdienen als die Männer.«

Kalles Begeisterung hielt sich in Grenzen. »Weiß nicht. Außerdem: Mein Alter ist bald sechzig und geht irgendwann in Rente. Was dann aus PEGASUS wird, ist völlig offen.«

»Blöd«, sagte sie. »Darüber müssen wir noch mal reden.« Eine nachdenkliche Pause trat ein. Kalle schien sich wirklich Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft zu machen.

»Hey.« Sie legte ihre Hand auf seine. »Uns fällt schon noch was ein. Vielleicht können wir ja was Gemeinsames aufziehen?«

Kalle sah sie überrascht an.

Ihre Augen strahlten optimistisch. »Du weißt doch: Hinterm Horizont geht’s weiter. Ein neuer Tag «

Er schluckte und sagte: »Klingt kitschig.«

»Finde ich nicht. Eher romantisch.«

Er streichelte ihre Hand. »Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?«

»Ich habe da so eine leise Ahnung«, sagte sie und strahlte.

»Gut. Wann fangen wir also mit der Wohnungssuche an?«

»Gestern«, erwiderte Simone. Und zum hübschen Kellner rief sie: »Zwei Prosecco bitte, Aytaç!«

Dienstag

5

Klaus-Ulrich Mager war diesmal schon am Morgen sauer. Wie an jedem Tag war er vor dem Frühstück mit einem Pott Kaffee vor die Tür getreten, um sich die erste Zigarette des Tages zu gönnen. Missmutig stellte er fest, dass der Basketball seines Sohnes Theo mal wieder mitten im Hof lag – genau an der tiefsten Stelle über dem Gully, der an schlechten Tagen das Regenwasser aufsaugte.

Mit einem gequälten Seufzer ging er los, den Ball zu holen. Abschätzend blickte er zu dem Basketballkorb hoch, den er zusammen mit seinem Erstgeborenen Kalle über dem vergitterten Treppenhaus an der Hauswand angebracht hatte. Der Wurf misslang – und der Ball rollte zu dem Gully zurück. Mager gab auf.

Danach wäre der Sportteil der Dortmunder Rundschau an der Reihe gewesen, doch der war bei der Rückkehr an den Küchentisch nicht aufzufinden. Und der Rest der Zeitung lag nicht griffbereit auf dem vierten Stuhl, sondern bestand aus einem Haufen auf dem Boden verstreuter Blätter.

»Karin, wo …?«

»Nix Karin«, beschied ihm seine Gattin. »Dein Sohn …«

»Wieso meiner?«, fragte Mager. Er sprang auf und öffnete die Tür zum Hausflur. »Kal…«

»Nix Kalle«, unterbrach ihn Karin. »Der wohnt schon rund fünfzehn Jahre nicht mehr im selben Haus wie du!«

Mager verdrehte die Augen. Sein Irrtum war ihm auch schon nach der ersten Silbe aufgefallen, aber er fand es unfair, an sein schwächer werdendes Gedächtnis erinnert zu werden.

»Theo?!«

Oben im Haus rauschte die Klospülung, direkt danach schlug die Gastherme an. Und erst als er seine Hände abgetrocknet hatte, öffnete Sohn Nummer zwei die Tür. »Ja?«

»Wo ist …?«

»Den Sportteil habe ich hier. Kannst du dir schenken. Nur Aufgewärmtes von gestern. Nichts Neues über Götzes Zukunft. Aber der BVB liegt immer noch sieben Punkte vor den Weißwurstfressern …«

»Du sollst die Zeitung nicht auf dem Klo lesen.«

»Tust du doch auch. Und da Väter Vorbilder …«

Mager stöhnte auf.

Theo war inzwischen elf, kannte alle Ausreden dieser Welt, hatte eine Grundschulklasse übersprungen und gehörte trotz seiner Faulheit zu den Top Drei einer siebten Klasse des Gymnasiums in Dorstfeld – eine Platzierung, die sein Vater nie erreicht und deshalb irgendwann nicht mehr angestrebt hatte.

»Aber höchstens nach dem Frühstück. Ich halte es nicht für hygienisch, eine Zeitung vom Klo mit an den Tisch zu bringen.«

Theo war inzwischen die Treppe heruntergepoltert und hielt ihm die Zeitung hin. »Hier. Völlig sauber. Außerdem: Manchmal bist du wie dieser Nörgelpapa aus dieser alten Fernsehserie. Der tat auch immer so, als wäre er der Lehrer der Familie.«

»Welche Serie?«

»Irgendwas mit ›Herz und Seele‹. Aber der Titel passte gar nicht.«

Dem Kindsvater stockte der Atem. Aber Karin rettete den Morgen – jedoch nur vorerst, wie sich vier Minuten später herausstellen sollte. »Siehst du, Klaus. Er ist wirklich dein Sohn. Er sagt, was er denkt. Wie du. Und eifert dir nach.«

»Nein, Mami, das stimmt nicht.«

»Wieso?«

»Ich will bestimmt nicht Kameramann werden. Schon gar nicht bei so einer kleinen Privatfirma. Viel zu stressig.«

»Und was willst du werden?«

»Leuchtturmwärter. Da knipst du morgens das Licht aus und abends an. Ansonsten kannst du den ganzen Tag aufs Meer gucken oder spannende Bücher lesen.«

»Habe ich auch mal gedacht«, meinte Mager amüsiert. »Aber es gibt keine Leuchtturmwärter mehr. Die Dinger werden jetzt alle automatisch betrieben und kontrolliert.«

»Dann werde ich Rentner!«

»Guter Plan«, meinte Mager und verkniff sich für dieses Mal weitere Belehrungen. So kehrte für zwei oder drei Minuten Ruhe ein – ein scheinbar harmonisches Frühstück einer glücklichen Familie. Bis Mager plötzlich seine Kaffeetasse auf den Tisch knallte und fragte: »Wo hast du eigentlich Ein Herz und eine Seele gesehen, Theo? Wir haben die Serie doch gar nicht.«

»Drüben. Bei Tante Mechthild. Die hat doch …«

Die Sache mit den alten Videokassetten und dem noch älteren VHS-Gerät hörte Mager schon gar nicht mehr. ›Drüben‹ – das war das Hinterhaus. Der Schauplatz seiner missratenen ersten Ehe. Das Haus des Schreckens. Und Mechthild, das war Kalles Mutter und Magers erste Ehefrau, die sich störrisch weigerte, dort endlich auszuziehen. Eigentlich keine Frau, sondern ein Drache, der Feuer spuckte und dafür nicht einmal Spiritus brauchte. Und sein kleiner Sohn saß dort, ganz allein mit dieser Schabracke, guckte alte Videos und wurde wahrscheinlich mit Streuseltalern und Apfelpfannkuchen vollgestopft! Unfassbar!

»Die ist richtig nett, Papa. Gestern hat sie mir sogar eine Nerf geschenkt.«

»Eine was

»Mann! Du kennst auch nix. Das sind diese coolen Pistolen mit den Schaumstoffpfeilen und …«

»Das wird ja immer schöner«, polterte Mager und warf seiner Gattin einen vielsagenden Blick zu. Er wusste, wie die Rote zum Thema Kriegsspielzeug stand.

Aber Theo war mit seiner Verteidigung noch nicht fertig. »Mensch, Papa, stell dir mal vor, ich wäre tot und Mama wäre abgehauen. Dann wüsstest du, wie es Tante Mechthild geht. Aurelius’ Tod hat sie bis heute nicht verkraftet. Sie hat jetzt doch sonst niemanden mehr.«

Mager verkniff sich den pietätlosen Satz, der ihm durch den Kopf ging, und sagte stattdessen: »Sie hat Kalle.«

»Aber der kommt doch auch fast nie zu Besuch. Entweder ist er mit euch beim Drehen oder beim Training oder bei Simone …«

Dem Kameramann war, als wäre sein ganzes Blut in den Unterschenkel gesackt. Was ging hier eigentlich vor? Sein eigener Sohn paktierte mit dem Feind. Hilflos sah er Karin an.

Gattin Nummer zwei seufzte. Dann blickte sie ihrem Mann in die Augen. »Mir tut sie auch leid. Ich habe ihr Samstag, als du im Stadion warst, einen Kuchen gebacken und bin mit Theo drüben gewesen. Sie … sie hat sich wirklich gefreut.«

Gab es eine Katastrophe, die noch schlimmer war? Mager war sprachlos. So fassungslos wie in jener Nacht, als man die DDR-Fahne vom Brandenburger Tor holte, besoffene Berliner auf der Mauer Freudentänze aufführten und Kohl sein fettes Siegergrinsen in die Fernsehkameras hielt. Aber das hier – das schmerzte ihn noch mehr.

»Alles okay, Klaus?«, fragte die Rothaarige und legte ihre Hand auf seine. »Ich wollte noch was anderes mit dir besprechen. Es ist wegen …«

Bevor sie den Satz beenden konnte, klopfte jemand heftig an die Haustür. Theo lief los, um zu öffnen, dann stürmte sein großer Bruder ins Haus. »Morgen auch. Vatta, hasse den Polizeibericht gelesen?«

Mager schrak auf.

»Sie haben eine Leiche gefunden. In der Pulverstraße. Hinter Nummer 13. Unter einer alten Holzhütte.«

Der Kameramann brauchte einige Sekunden, bis sein Gehirn auf Jetztzeit umschaltete. »In Ommas altem Garten?«

Kalle Mager nickte.

»Verdammt, wir müssen los! Karin, bringst du Theo zur Schule?«

»Mache ich doch sowieso jeden Morgen!«

»Okay!« Er sprang auf, schwang sich in seine speckige Lederjacke, küsste seine Frau auf die Stirn und nahm zum Abschied den Kleinen kurz in den Arm. »Mach nicht so ein Gesicht. Alles okay. Bist ein guter Sohn!«

6

Herta Kasten und Christoph Waliszczek trafen noch vor den Technikern in der Pulverstraße 13 ein. Rechts und links des Vierfamilienhauses war die Straße zugebaut – kein Durchkommen.

»Doch hintenherum am Friedhof vorbei?«, fragte Wali.

»Geht schon«, sagte die Hauptkommissarin und drückte auf die zweite Schelle von oben, bei Kestermann. Sekunden später wurde die Tür aufgedrückt und sie kletterten in die erste Etage, wo sie der Pächter des Gartens in Schlafanzug und Bademantel empfing. »Sorry, aber ich habe Urlaub.«

Kasten lächelte. »Verstehe. Tut mir leid, dass wir Sie beim Frühstück stören. Können Sie uns den Hintereingang aufschließen?«

»Klar.«

Kestermann griff nach dem Hausschlüssel und ging voran. Im Keller mussten sie eine düstere Waschküche durchqueren, von der aus man in den Garten gelangte. Die Parzelle war ringsum von Flatterband eingerahmt, das illegale Grab war sorgfältig abgeschirmt und auf einem Holzstapel in der Nähe saßen zwei frierende Polizisten in Uniform.

Kasten überquerte die struppige Wiese zwischen Haus und Garten. Das Gras war nass und streifte unangenehm an ihren Knöcheln entlang.

»Habt ihr etwa die ganze Nacht hier gesessen?«

»Erst seit sechs Uhr. Aber wenn man nichts zu tun hat …«

Kasten ließ amüsiert ein paar Zähne aufblitzen. »Wenn die Techniker da sind, kann einer von euch ja Kaffee und Brötchen holen.«

Die Mienen der beiden hellten sich etwas auf und Kasten wandte sich an den Kleingärtner, der fröstelnd an der Absperrung wartete. »Danke. Sagen Sie mir nur noch, wer mir etwas über die Geschichte des Gartens erzählen kann.«

Kestermann deutete auf eine gepflegte ältere Dame, die, fertig angekleidet, auf einem der unteren Balkone stand und gedankenverloren eine dicke schwarze Katze streichelte. »Frau Grote, die Hauswirtin. Sie wohnt am längsten von allen hier.«

Die Kommissarin lief durch das nasse Gras auf die Frau zu und stellte sich und ihren jungen Kollegen vor. »Haben Sie ein paar Minuten Zeit für uns?«

»Gern.« Die Dame nickte und setzte die Katze ab. »Geh, Mäuschen. Aber stör die Leute im Garten nicht.«

Es dauerte etwas, bis Frau Grote die Wohnungstür öffnete. »Tut mir leid, aber ich bin nicht mehr so gut zu Fuß.«

Ihre Stimme klang etwas brüchig und ihre Lippen bebten ein wenig. Nervös, dachte Kasten. Würde mir genauso gehen, wenn ich mit neunzig zum ersten Mal die Polizei im Haus hätte.

Frau Grote ging mit etwas unsicheren Schritten voraus und führte die beiden ins Wohnzimmer. Deutsche Standardeinrichtung, Gelsenkirchener Barock, Häkeldeckchen. Aber statt des röhrenden Hirsches und der vollbusigen Zigeunerin blickten von den Wänden Kinder und Erwachsene in Kreide und sogar in Öl herab.

»Ihre Familie?«, fragte Kasten.

Grotes Gesicht zeigte eine Wärme, wie man sie nur von Müttern und Großmüttern kennt. »Ja. Mein Schwiegersohn ist Künstler. Das da hat er nach einem Foto gemalt.«

Sie deutete auf das Bildnis einer jungen hübschen Frau mit braunen Augen und einem weißen Schleier über dunklen Locken.

»Sie?«, fragte die Polizistin.

»Ja. Aber viel zu lange her.«

»Wie lange?«

»Fast siebzig Jahre. Aber setzen Sie sich doch.«

Ihre Finger zitterten, als sie auf das Highlight des Raumes zeigte. An der Trennwand zwischen den benachbarten Wohnungen hatte der Architekt auf beiden Etagen die langen Balkone verkürzt und eine Art Erker geschaffen – eine Sitzecke mit breiten Fenstern, die bis auf Kniehöhe hinabreichten und einen unverstellten Ausblick auf die Gärten boten.

Als die Polizistin sich niederließ, entdeckte sie auf dem Tisch ein braunes Fläschchen mit einem roten Herzen auf dem Etikett. Daneben einen Teelöffel, auf dem es noch klebrig schimmerte.

»Darf ich Ihnen einen Kaffee einschenken?«, fragte die Hausherrin. Waliszczek wollte schon nicken, aber seine Chefin lehnte höflich ab: »Danke. Wir haben leider nur wenig Zeit.« Sie deutete auf den Garten, an dessen Ende sich bereits ein paar Schaulustige an der Absperrung versammelten. »Die Frau aus dem Nachbargarten der Kestermanns hat gestern etwas von einer Silke gerufen, die hier gewohnt haben soll …«

»Ja, Silke.« Frau Grote seufzte, während ihre Hände die Armlehnen ihres Sessels etwas fester umklammerten. »Wir haben unter dem Dach zwei möblierte Zimmer für Studentinnen. Und eine unserer Mieterinnen ist spurlos verschwunden und nie mehr aufgetaucht.«

»Wie lange ist das her?«, fragte Waliszczek und zückte Notizblock und Kugelschreiber.

»Ach, schon über zwanzig Jahre.«

»Und wie hieß die Studentin genau? Silke – und weiter?«

Hulda Grote grübelte. »Irgendwas mit Nau… oder Neu … Naumann? Neumann? … Ich komme nicht drauf. Diese Aufregung. All die Jahre habe ich da auf dem Balkon gesessen und auf ein Grab geguckt. Und jetzt die vielen Menschen hinter dem Haus …«

»Verstehe ich«, sagte Kasten und legte ihre Hand auf die der Greisin. »Bald ist alles geklärt und es wird wieder ruhiger hier.«

»Hoffentlich« sagte Hulda Grote. »Aber wie Silke hieß – ich kann meinen Sohn fragen. Der hat alle Unterlagen, bestimmt auch die alten.«

»Das wäre nett. Aber ich habe noch eine Frage: Wem hat Kestermanns Garten in den letzten dreißig Jahren gehört?«

»Ursprünglich meinem zweiten Mann. Aber der bekam es mit einundfünfzig so heftig an der Bandscheibe, dass er nicht mehr im Garten wühlen konnte.«

»Und wer hat das Land dann gepachtet?«

»Familie Mager. Sind auch schon tot. Er war ja ein begnadeter Gärtner – aber er hat auch ewig an der Hütte herumgebastelt. Gut, dass diese Bruchbude jetzt weg ist.«

Jeder Mensch hatte seine eigenen Sorgen, dachte Kasten. »Noch was: Können Sie mir etwas über die Leute in Nummer 11 und Nummer 15 sagen? Wer hat da schon vor zwanzig oder dreißig Jahren gewohnt?«

»Ach«, meinte die alte Dame. »Niemand. Die Studenten aus Nummer 15 sind längst ausgeflogen. Und nebenan, in Nummer 11, sieht heute alles ganz anders aus.«

»Wieso?«

»Da haben früher zwei alte Frauen gewohnt. Die hatten bestimmt noch zehn Jahre mehr auf dem Buckel als ich. Ein kleines Haus, nach dem Krieg aus Trümmerresten gebaut.«

Sie dachte einen Moment nach.

»Die beiden sind vor zehn oder zwölf Jahren gestorben. Der neue Besitzer hat alles umgemodelt. Die hohen Hofmauern und den hässlichen Taubenschlag am hinteren Ende hat er abgerissen und ein neues Stockwerk aufs Haus gesetzt. Jetzt toben da bis in den Abend seine wilden Kinder herum und nerven alle Leute hier im Haus. Respekt und Rücksicht – das kennen diese Leute nicht.«

7

»Herzlich willkommen!« Mit breitem Lächeln und ausgestreckter Pranke begrüßte der Direktor und Gründer des Kopula-Instituts seine neue Sekretärin.