Umschlag

Christiane Höhmann

Der stille Zeuge

Kriminalroman

 
 

Die Autorin

Christiane Höhmann arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium fünfundzwanzig Jahre lang als Gymnasiallehrerin. Sie hat Sachbücher, Kurzgeschichten, Essays und Romane veröffentlicht und erhielt 2007 den ›Akademiepreis Wolfenbüttel‹ in der Sparte Literatur. Heute ist sie als Autorin, Dozentin und Coach in Paderborn tätig.

 

 

Kaiser Wu von Liang fragte den großen Meister Bodhidharma:
»Was ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?«

Bodhidharma sagte: »Leer, nichts Heiliges.«

Biyan Lu

 

 

Die Stimme des Großen Geistes ist im Gesang der Vögel zu hören, im Rauschen der Bäche und im süßen Atem der Blumen. Wenn ihr das heidnisch nennt, dann bin ich eine Heidin.

Dakota Sioux

Dienstag, 25. März

Prolog

Die ganze Nacht das Sausen auf dem Beton. Ein Fahrzeug jault auf, wieder eins, viele. Wenn sie in Höhe des Hauses sind, kreischt und dröhnt es in ihrem Kopf.

Ein Streifen Licht hinter den Augenlidern, ein Blinzeln. Nicht aufwachen, noch ein bisschen dösen. Schlaf gibt es kaum noch, und wenn, dann nur oberflächlich, für ein paar Stunden.

Jetzt übertönt ein Zwitschern den Autolärm, pocht spitz an die Stirn. Die Meise sitzt auf dem Zweig vor dem Fenster, über dem der Knödel hängt. Von hier wird sie gleich zum Vogelbad in den Hof fliegen und Wasser zu allen Seiten spritzen.

Maria richtet sich auf, mit Stöhnen wegen der Rückensteife und den Knien, morgens ist es schlimm. Angelt nach den Pantoffeln, versucht, sich auf die wackligen Beine zu stellen.

Es hilft nichts, man muss ja.

Märzwind stößt kühl ins Zimmer, als sie das Fenster öffnet, der Fensterrahmen erzittert für einen Augenblick von einem schweren Fahrzeug. Was soll das? Sie steht doch nicht dort drüben, auf der Brücke, die ächzende Geräusche von sich gibt und mitschwingt, wenn die Autos darüber rasen.

Maria lässt ihren Blick schweifen. Noch erstrecken sich die Felder bräunlich und leer vom Autobahnparkplatz bis zum kahlen Wald. Aber, Gott sei Dank, es ist Ende März. Lange dauert es nicht mehr, bis die Kälte nicht mehr durch die Beine fährt und der Wind alle angenehmen Gedanken wegfegt.

Eine kurze Pause tritt ein, dann nähert sich wieder ein Fahrzeug. Sie hört eine leise Melodie und möchte sie einordnen. Sind das Simon and Garfunkel?

Jedenfalls die Zeit ist es, ja, tatsächlich Bridge over Troubled Water, gibt es das noch? Es ruft Erinnerungen hervor an Lagerfeuer im Zeltlager, an ein gelbes Sommerkleid aus Jersey im Charleston-Stil, das sie trug, als sie mit einem Jungen am Landwehrkanal spazieren ging und später auf einer Wiese im Löwenzahn lag. Dieser Typ, dessen Name ihr kaum mehr einfallen will, ging nie ohne Gettoblaster in die Wiesen oder in den Wald.

Sie war so daran gewöhnt, dass sie später immer Musik hören musste, wenn sie in einem fremden Bett lag. Im Takt, entrückt von Musik und Lust.

Maria lächelt unwillkürlich, lässt für einen Augenblick die Fensterbank los und richtet sich auf. Dann knickt sie ein, sinkt nach vorne und stützt sich wieder ab. Sie reibt sich die Handgelenke. Im Alter bedauert man einiges, o ja, denkt sie, aber niemals bedauert man die Dinge, die man getan hat, immer nur die, die man verschoben oder aus anderen Gründen nicht erlebt hat.

Die Musik wird lauter und lässt sie wieder auf die Fahrbahnen sehen. Ein Auto, ganz nahe. Trotz der Morgenkälte sind die Fenster heruntergekurbelt. Ein Junge schläft auf dem Beifahrersitz.

Das von dem Jungen wird sie erst später wissen, so weit kann sie ja nicht gucken. Er rührt sich nicht, als es in diesem Moment furchtbar kracht und das alte Haus erzittert. Es knallt, als sei ein Flugzeug abgestürzt und würden sich die Teile auf dem Hof verteilen. Die Welt geht unter, die Musik spielt weiter.

Als Simon and Garfunkel ihr Lied beendet haben, ist es schrecklich still.

Bis das Rauschen des Verkehrs wieder einsetzt.

Man möchte nicht der Notarzt oder die Sanitäter sein, die man gerufen hat. Als sie das Kind geborgen haben, fahren sie immer noch nicht ab. Ein Rettungssanitäter übersteigt den eingedrückten Aufprallschutz der Leitplanke und sucht etwas. Später wird Maria wissen, dass er nach dem Fahrer gesucht hat, der hier irgendwo zu finden sein muss, im Graben, im Wald.

Und wirklich: Die Mutter des Kleinen, die Unfallfahrerin, hatte wohl ihre Tür aufgestoßen, die Richtungsfahrbahn Bielefeld überquert und war im Unterholz verschwunden.

Es dauert nur wenige Minuten, bis der Sanitäter sie zu ihrem Jungen in den Rettungswagen verfrachtet.

Tatütata. Daran gewöhnt man sich nicht.

Maria fummelt mit beiden Händen am Reißverschluss ihres Rockes, dreht das Kleidungsstück schließlich mit einem Ruck nach vorne und zieht den Verschluss zu. Sie seufzt und greift nach Hassos Leine.

Der Golden Retriever steht schon an der Tür, wendet ihr seine bettelnden Augen zu und ahnt nichts von ihren Kopfschmerzen.

Erst tut die frische Luft gut, dann löst Hassos haltloses Bellen ein neues Dröhnen in ihrem Hinterkopf aus.

»Still, Hasso!«

Aber er hört nicht auf, bis Maria das blutige Messer hochnimmt, das mitten auf dem Weg liegt.

Mittwoch, 26. März

1

Sie hatten ihm ein Riesenpflaster auf den Hals geklebt. So ein braunes Klebeding, das man nicht wieder abkriegt. Trotzdem wollten sie ihn nicht weglassen. Noch mehr Untersuchungen. Zur Sicherheit. Er schüttelte nur den Kopf, weil – er war okay, voll in Ordnung. Es blutete nicht mehr. Und er musste noch wohin. Schnell. Keine Zeit zu verlieren.

Dann kam endlich Opa. Mats atmete auf. Der alte Mann war okay, auch wenn er heute müde aussah und ein Gesicht hatte wie ein Stein. Ein alter Stein. Sein Mund ein Strich von rechts nach links. Oder von links nach rechts, je nachdem, wie man guckte. Wenn er lächelte, wurden seine Augen dunkel und warm. Mats kannte ihn noch nicht lange. Aber Opa war cool.

»Du kommst jetzt mit zu mir«, sagte er.

Nein, dachte Mats. Das geht nicht. Also, das geht wirklich nicht. Ich muss nach Hause, in den Garzweg, sofort. Er sah Opa an, die Bitte in den Augen.

»Zuerst holen wir ein paar Sachen für dich aus eurer Wohnung«, fuhr Opa fort.

Nein, nein, ich muss alleine in unsere Wohnung. Alleine. Bitte.

Aber dagegen kam man nicht an.

Mats konnte nichts erklären. Wer redet, muss erzählen, was passiert ist. Und das ging nicht. Außerdem wusste er nicht, was er erzählen sollte.

Er starrte Opa an, dann senkte er den Blick und trottete hinter ihm her durch den Krankenhausflur.

Türen öffneten sich vor ihnen und schlossen sich wieder, nachdem sie durchgegangen waren.

Als sie nach ihrem Marsch durch endlose Gänge draußen standen, fiel ihm ein, dass er Mutti nicht Tschüss gesagt hatte. Ihm wurde heiß. Er drehte sich um. Die Tür sauste auf.

»Mutti schläft«, sagte Opa. Er hatte Mats Blick durch den Flur bemerkt. »Sie kommt wieder in Ordnung.«

Wenn der das sagt. Aber Mats hatte Angst. Er hatte nur noch Mutti.

Am Bahnhof in Vlotho raus aus dem Zug. Die Weserbrücke überqueren, in die Fußgängerzone. Dann den Berg hoch. Mats lief diesen steilen Weg normalerweise nicht. Er fuhr ihn immer. Mutti lief immer, wenn sie den Opa besuchte. Runter und wieder hoch zur Wohnung, alles zu Fuß. Deshalb war Mats nicht oft mitgekommen. Er fuhr mit dem Rad kreuz und quer, sogar bis ganz oben, zur Burg. Und weite Strecken an der Weser entlang. Allein. Aber laufen – nein. Und warum wollte Mutti zum Opa nicht mit dem Auto fahren?

Und jetzt musste er schon wieder hier rauf.

Opa fiel das Laufen schwer. Total schwer. Bei jedem Schritt stampfte er mit dem Stock auf und schnaufte.

Früher war Mats mit den Eltern nie in Vlotho gewesen, das war nicht erlaubt. Also – von Hohenfelde nach Vlotho zum Opa fahren war nicht erlaubt. Vater wollte das nicht und auch der Heilige Führer nicht.

Andreas, wie Mats ihn bei sich nannte. Kein Heiliger Führer mehr. Gar keiner. Es war vorbei. Ganz einfach Andreas. Falls man noch mal mit ihm reden musste. Hoffentlich nicht.

Endlich waren sie oben. Der Opa schnaufte und griff in die Manteltasche.

An dem Haus, in dem Mats seit ein paar Wochen mit der Mutter wohnte, war der Putz abgeblättert. Der Balkon oben hatte Risse, deshalb durfte keiner drauf. Aber das war okay. Mats war sowieso immer unterwegs. Und Mutti hatte jetzt Arbeit.

Endlich zog der Opa die Hand aus der Tasche. Darin hielt er ein zerknittertes Tabakpäckchen. Er drehte sich eine und zündete sie an.

Mats betrachtete Opas Finger. Gelb vom Nikotin. Es störte ihn nicht. Nicht sehr. Nur vielleicht der Geruch. Faul, scharf. Er drehte sich ab und trat einen Schritt zurück.

Für die Wohnung brauchte er den Schlüssel. Opa hatte einen. Wahrscheinlich in der anderen Manteltasche.

Mats trat wieder vor und hielt Opa die Hand hin, bis der hineingriff und den Schlüssel herauszog.

Jetzt schnell. Wie ein Pfeil schoss Mats die Stufen hoch zu ihrer Wohnung.

Die Tür war nur zugezogen, nicht abgeschlossen. Es roch, als seien sie schon lange von hier weg.

Und so sah es aus: In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr auf der Spüle. Eine Pappschachtel auf dem vollen Mülleimer in der Ecke. Sie hatten am Sonntag Pizza geholt. Eine Schranktür stand offen, ein Stuhl mitten im Raum.

Plötzlich kam alles wieder. Fast alles. Gestern. Gestern. Gestern.

O nein. Fuck! Er ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und stützte den Kopf in die Hände.

Und das war passiert: Er hatte geschlafen. Es war ja noch dunkle Nacht. Und er brauchte nicht zur Schule. Das war cool, er musste da nicht mehr hin. In die alte Schule. Natürlich bald in eine neue. Hier in Vlotho. Aber alles würde anders werden. Im Traum malte er es sich aus. Er hat normale Klamotten an. T-Shirts mit Popstars drauf. Er kannte nicht viele. Nur Xavier Naidoo. Den hatte er manchmal gehört. Und Silbermond. An alle Krieger des Lichts. Die CD hatte er haben dürfen, weil die Eltern den Text gut fanden.

Aber bald wird er mehr kennen. Dann kennt er sie alle. Die Stars und die Wichtigen, die man draufhaben muss. Niemand wird auf ihn zeigen und Sektie zu ihm sagen. Oder so was. Er wird vielleicht nicht total cool sein, aber auch nicht mehr total uncool. Er wird einen Freund haben. Oder wenigstens einen Kumpel, den er kennt und manchmal trifft. Sie werden mit den Bikes zur Schule fahren. Den Weg weiß er schon. Er hat ihn ausprobiert.

Gestern, dachte er wieder. Das war gestern. Ich hab das alles gestern geträumt. Aber dann hab ich nicht mehr geträumt.

Auf einmal hatte es geklingelt. Er war einfach im Bett liegen geblieben. Mutti rührte sich erst nach einer Weile. Sie schläft immer lange, wenn es geht. Manchmal stand er an ihrem Bett und schaute sie an. Sah sie aus wie eine Mutter? So dünn und klein. So hilflos.

Ihre leisen Schritte zur Tür. Sie hatte keine Schuhe angehabt. Auch keine Hausschuhe. Und er musste immer was an den Füßen haben. Hausschuhe oder Schlappen. Nie barfuß laufen. Voll krass.

Dann die Stimme, ein Schreien. Lautes Poltern auf der Treppe, die Tür knallte. Im Garten wieder Schreie. Mats war ans Fenster gestürzt. Aber er hatte nichts sehen können. Der Garten war zugewachsen, selbst wenn es hell war, sah man von oben nur grüne Büsche, nicht mal den Weg. Den, der zur Kellertreppe führte. Den musste man schon kennen, um ihn zu finden.

Auf einmal war es still gewesen und er hatte sich wieder ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen.

Als er gerade wieder anfing zu träumen, stand Mutti in der Tür. »Trink das«, hatte sie gesagt. Es war ein Glas voll irgendwas. Trüb. Er wollte nicht. Schlafen wollte er, nicht irgendwas trinken mitten in der Nacht. Und nicht sich anziehen und mitkommen. Aber er hatte ihren Blick gesehen. Voll irre. Er kannte solche Blicke. Es war besser, zu tun, was sie wollte.

Er trank, dann zog er sich an. Dann Mutti und er im Auto. Schnell, schnell, schnell.

Und jetzt waren sie im Krankenhaus und er bei Opa. Also eigentlich war er jetzt wieder zu Hause. Im Garzweg, in der Wohnung. Aber er hatte keine Zeit. Opa war unten und wartete.

Mats ging in die Kammer, drückte sich an seinem Bett vorbei zum Kleiderschrank. Der schwankte jedes Mal, wenn man ihn öffnete und etwas herausholen wollte. Mats stützte sich so an den Schrank, dass er an die Wand gedrückt wurde. Mit der freien Hand fing er an, ein paar Sachen in seinen Rucksack zu stopfen.

Auf dem Weg zur Wohnungstür fiel ihm noch etwas ein. Er kehrte um und nahm einen Schlafanzug, zwei Pullis und eine Hose für Mutti aus dem Schrank. Und noch Unterwäsche. Unter dem Bett lag die alte Reisetasche. Einen anderen Platz hatten sie nicht dafür gefunden. In dieser Wohnung war alles eng. Er verstaute die Sachen in der Reisetasche. Voll bepackt ging er zur Tür und die Treppe hinunter.

Der Opa stand draußen und qualmte immer noch. Er hatte seinen Fernblick aufgesetzt. Man wusste nicht, wo er war, wenn er so guckte. Jedenfalls nicht hier.

Mats ließ die Tasche fallen und versuchte, sich an ihm vorbeizudrücken, in den Garten. Von da in den Keller.

Eigentlich konnte man vom Haus aus in den Keller. Aber die Wohnung im Erdgeschoss war abgeschlossen. Die alte Frau war ausgezogen. Ins Altersheim. Die Kellertreppe befand sich in ihrer Wohnung.

Früher war dies ein ganzes Haus gewesen, ohne Unterteilungen, in dem die Familie von der alten Frau gelebt hatte. Sie hatten es selbst gebaut. 1950.

Das hatte sie erzählt, als Mutti und er eingezogen waren. Mutti hatte kein Ohr gehabt für die Geschichte der alten Frau, das sah man, aber Mats hatte zugehört.

Weil – die alte Frau hätte es sowieso erzählt. Und er war froh gewesen, dass sie gleich eine Wohnung bekommen hatten.

Jedenfalls musste er immer durch den zugewachsenen Garten, um in den Keller runterzugehen.

Er brauchte noch sein Fahrrad. Und er wollte unbedingt nachsehen.

Opa guckte plötzlich auf und sah Mats so erstaunt an, als habe er vergessen, wer der Junge war. Er hatte wohl das Quietschen der Gartentür gehört. »Wohin?«, fragte er.

Mats deutete in den Garten.

Opa schüttelte den Kopf. »Heute nicht. Wir müssen noch was erledigen.«

Er drückte die Zigarette aus und griff nach Mats’ Hand, aber Mats wich einen Schritt zurück.

»Komm, wir haben’s eilig. Müssen zur Polizei«, sagte Opa laut. »Mit der Obrigkeit ist nicht zu spaßen. Was willst du im Garten? Dein Fahrrad kannst du morgen holen.«

Aber warum, dachte Mats. Was sollten sie schon wieder mit der Polizei quatschen? So lange, bis er mal kurz im Keller gewesen war, konnte Opa jetzt auch noch warten.

Er schob das Gartentor wieder auf.

Der Opa drehte sich um und ging die Straße hinunter. Sein Stock klackte laut auf dem Asphalt.

Mats ließ die Gartentür los und folgte ihm zögernd. Einmal guckte er zurück und überlegte, wie er heute doch noch an sein Rad kommen konnte. Vielleicht später.

Man muss machen, was sie sagen.

2

Anne Schall hielt ihr Gesicht in die Sonne. Endlich. Der Winter ging zu Ende und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihre Hütte im Wald beziehen konnte. Heute hatte sie dort nach dem Rechten geschaut und vor allem die Wasser- und Elektroleitungen überprüft.

Meistens musste sie im Frühjahr erst mal den Klempner kommen lassen. Immer wieder erlitten die maroden Leitungen Frostschäden oder wurden von irgendwelchen Kleintieren angenagt, über deren Leben unter dem Häuschen sie lieber nicht nachdenken wollte.

Aber diesmal war alles in Ordnung gewesen.

Sie fuhr mit dem Rad nach Vlotho und genehmigte sich ein Lesestündchen vor dem Marktcafé.

Während sie ihren Kaffee trank und im neuen Stern blätterte, schaute sie immer wieder in die friedliche Fußgängerzone. Einzelne Leute saßen vor dem Cortina schräg gegenüber, löffelten Eis und froren. Hin und wieder ging ein Kunde in den Verkaufsraum der Bäckerei, vor der Anne saß, und kaufte ein Brot. Die meisten konnten den leckeren, selbst gebackenen Kuchen der Bäckerin nicht widerstehen und kamen, beide Arme beladen, wieder nach draußen. Mohnstreusel, Apfelkuchen vom Blech, Sachertorte.

Es roch aus der Backstube, wie es früher in Bäckereien immer geduftet hatte, als noch keine Rohlinge und Fertigkuchen aufgebacken wurden.

Anne legte die Zeitschrift weg.

In der Buchhandlung am Roseneck hatte sie ein Buch erstanden, das von der Sorte war, die einem den Tag retteten: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb.

Wer das schafft, sich ins Bett zu legen und auf unbestimmte Zeit nicht mehr aufzustehen, der zieht danach bestimmt alles durch, was er sich vornimmt, dachte Anne, nachdem sie ein paar Seiten gelesen hatte. Natürlich erst, wenn die Muskulatur wieder aufgebaut ist.

Sie lachte halblaut. Und diese Frau im Bett hatte keine besseren Lebensbedingungen als andere. Auch in ihrer Umgebung gab es niemanden, der daran gewöhnt war, diejenige zu versorgen, die immer für Dienstleistungen in der Familie zuständig gewesen war und nun streikte. Die Frau im Bett, die nicht einen Fuß mehr auf den Boden setzte, war von einem Tag zum anderen komplett von der Versorgung ihrer Mitmenschen abhängig, dabei gesund und munter. Anne lachte wieder.

Eine Passantin lächelte ihr zu.

Wer so was schafft, dachte Anne. Sie selbst hatte es noch nicht mal fertiggebracht, nach ihrer Pensionierung ganz mit der Arbeit aufzuhören. Immerhin war es ihr gelungen, sich aus dem Dienst im Polizeikommissariat Bielefeld zurückzuziehen und nach ihrer schweren Erkrankung frühzeitig in Pension zu gehen. Das war ihr nicht leichtgefallen.

»Hallo«, sagte eine bekannte Stimme und sie schlug das Buch zu wie ertappt, legte es auf den Tisch und sah hoch.

Der alte Mann, der sie angesprochen hatte, war Paul. Eigentlich hieß er anders, aber er nannte sich schon Paul, seitdem sie ihn kannte. Seinen komplizierten Vornamen hatte sich keiner merken können oder wollen. Hamadi oder Hamoudi. Der Gesegnete oder der Gelobte, Anne wusste es nicht mehr.

Paul trug einen Wintermantel, der eindeutig zu warm war für die heutigen Temperaturen. Der Saum war an einer Stelle leicht ausgefranst. Anne freute sich, Paul zu sehen. In dem kleinen Lebensmittelgeschäft, das er viele Jahre in der Langen Straße betrieben hatte, war er immer eine imposante Erscheinung gewesen.

Wie viele andere türkische Männer sah er im Alter fast noch schöner aus als in jüngeren Jahren, mit seinen kräftigen, weißen Haaren und den dunkelbraunen, meist melancholisch blickenden Augen.

An der Hand führte er heute einen Jungen, der den Blick gesenkt hielt.

Der Kleine war auffallend hellblond, sein Pony war mit Gel an die Stirn geklebt, so als könnte man ihn dadurch verlängern, sein Nacken fast kahl rasiert.

»Hallo ihr zwei. Seid ihr auf dem Weg zum Brückenmarkt?«

Paul sah kurz hoch, der Junge nicht.

»Der Rummel?«, fragte der alte Mann. »Der ist doch erst im April.«

»Natürlich.« Anne lachte. »Bei den Temperaturen könnte man denken, wir sind schon einen Monat weiter. Dein Enkel?«

»Mats, ja.« Pauls Gesicht hatte sich aufgehellt, er nickte stolz.

Anne wandte sich dem Jungen zu. »Wir sind uns noch nicht begegnet. Ich heiße Anne.«

Mats reagierte nicht. An seinem Hals klebte ein großes braunes Pflaster, an dem er mit dem Zeigefinger knibbelte.

Paul schüttelte die Hand des Jungen ein bisschen, als könnte er ihn so zum Reden bewegen. »Mats wohnt jetzt in Vlotho.« Pauls Stimme klang belegt. »Er geht auch bald hier zur Schule.«

»Alles gut bei euch?«, fragte Anne.

Ihre Blicke trafen sich.

»Bist du wieder hier in deiner Hütte? Wollen wir mal einen Tee trinken?«

»Setzt euch doch.«

Paul schüttelte den Kopf. »Wir müssen nach Bielefeld.«

Anne nickte und sah wieder den Jungen an, für den sie nicht vorhanden war. Sie schätzte ihn auf zwölf, aber vielleicht war er jünger.

Paul zog ihn weiter. »Bis bald, Anne.«

»Ja, macht’s gut, ihr beiden.« Sie sah ihnen nach.

Seltsam, sie hatte diesen Mats noch nie bei Paul gesehen. Und Pauls Tochter auch nicht. Wie hieß die noch gleich? Selina, erinnerte sie sich plötzlich. Paul hatte vor einiger Zeit ihren Namen erwähnt.

Anne fiel wieder ein, was Paul erzählt hatte. Er war immer wortkarg gewesen, aber kurz bevor er seinen Gemüseladen endgültig geschlossen hatte, war es ihr mal gelungen, ihn zum Reden zu bringen.

»Was wirst du machen, wenn du nicht mehr arbeitest?«, hatte sie gefragt.

Er hatte mit den Achseln gezuckt.

»Deine Familie freut sich bestimmt schon darauf.«

»Die Frau ist gestorben, schon lange.«

Wie peinlich, dass Anne das schon wieder vergessen hatte. Pauls Frau hatte bis vor einigen Jahren manchmal im Laden ausgeholfen. Sie war eine auffallend dünne, blonde Person gewesen, die sich immer gerade gehalten hatte. Irgendwann hatte man sie nicht mehr gesehen.

Es war wohl besser, wenn sie keine weitere Frage nach Pauls Familie stellte.

Aber Paul hatte von sich aus weitererzählt. Die einzige Tochter habe vor Jahren den Kontakt zu ihm abgebrochen. Und das Schlimme dabei: Er wusste nicht, was dazu geführt hatte, dass Selina sich nicht mehr meldete. Überhaupt nicht. Keine Ahnung.

Aber da muss doch irgendwas schiefgelaufen sein, hatte Anne gedacht. Paul musste sich an einen Konflikt erinnern oder an Meinungsverschiedenheiten.

»Hat dir ihr Mann nicht gefallen? Ihr Umgang, die Freunde, die Berufswahl?« Sie hatte versucht, die Worte leicht klingen zu lassen, so, als sei das nichts Besonderes, was Paul da erzählte, als sei es etwas Normales, über das man sich beim Gemüsekauf locker unterhalten konnte. In diesem Moment war Paul an die Kasse gerufen worden und hatte nicht mehr antworten können.

Als Anne am darauffolgenden Freitag vor seinem appetitlichen Gemüse stand, um sich für das Wochenende zu versorgen, sagte er plötzlich: »Nein, ich war nicht mit allem einverstanden, was Selina gemacht hat. Man sieht doch manches anders als Vater. Geht dir das nicht so?«

Anne hatte genickt. »Natürlich.«

»Aber man findet sich damit ab, dass die Kinder ihre eigenen Wege gehen.«

Wieder hatte Anne genickt und geseufzt. Sie hatte an ihren Sohn Niklas gedacht, den sie kaum noch sah und selten sprach. Viel wusste sie nicht mehr über ihn.

Erst lange Jahre so eng verbunden und dann endgültig weit weg. Das war fast so unerträglich wie die Tatsache, dass man älter wurde, hässlich und krank, um schließlich abzutreten. Toll. Wozu hatte man sich dann immerzu angestrengt, das ganze Leben lang? Es hatte sich nicht gelohnt.

Doch, hatte sie plötzlich gedacht, während sie zusah, wie Paul eine Tüte mit kleinen, aromatischen Tomaten füllte, den einzigen, die sie aß. Es hat sich gelohnt.

Immer noch hatte sie jede Menge Spaß mit ihren Nachkommen, vor allem mit Katharina. Obwohl die Tochter seit fast zwanzig Jahren weit entfernt von zu Hause wohnte, konnten sie so gut über Persönliches reden, als wäre Katha nie ausgezogen. Und endlos über Bücher.

Mit ihrer Tochter gab es immer wieder lustige Situationen, wie zum Beispiel, dass sie in einer fremden Stadt instinktiv auf dieselben Läden, im Kaufhaus auf dieselbe Kosmetikmarke zusteuerten und sich am gleichen Einkaufsstand wiederfanden, ohne sich dort verabredet zu haben. Wie Freundinnen, die sich ständig miteinander austauschen. Ein Glück, dachte Anne. Was für ein Glück ich habe.

Sie hatte hochgesehen und Paul angelächelt.

Er war immer noch dabei gewesen, die Tomaten einzeln in die Tüte zu legen wie rohe Eier. Als er den Gesprächsfaden wieder aufnahm, zeigte sein Gesicht einen verzweifelten Ausdruck. »Ich habe Selina geschrieben, aber keine Antwort bekommen.«

Bevor sie etwas entgegnen konnte, hatte er wieder sein freundliches Lächeln aufgesetzt, die Tomaten ausgewogen und anschließend noch ein paar mehr in die Tüte gesteckt.

Anne konnte sich gut vorstellen, wie schlecht es ihm mit dem Verlust der Tochter ging. Paul stammte aus einem Kulturkreis, in dem die Familienzusammengehörigkeit deutlich wichtiger war als jedes individuelle Leben. Außerdem hatte er nur diese eine Tochter.

Seinen Enkel hat Paul gerade an der Hand geführt wie ein kleines Kind, dachte Anne jetzt. So beschützend.

Sie blinzelte wieder in die Frühlingssonne. Aber nach einer glücklichen Wendung der Familiengeschichte sahen die beiden nicht aus. Der Junge wirkte verschlossen und teilnahmslos.

Ob Opa und Enkel sich nicht gut verstanden? Ach was, wird schon, dachte sie. Hauptsache die Familie ist zusammen.

Selina musste also wieder in Pauls Leben aufgetaucht sein. Das war gut.

Anne seufzte und vertiefte sich in ihr Buch.

3

Bielefeld war eine große Stadt. Eigentlich ja nicht. Aber wenn man daran dachte, wie lange er nicht mehr in einer großen Stadt gewesen war. In Hannover oder so.

Mats stand mit Opa vor einem Haus, einem Neubau. Beide guckten, als ob sie zum ersten Mal ein großes Gebäude sähen.

Man wusste zuerst nicht, wo was war, also der Eingang und so. Endlich sah er die Tür und zog Opa dorthin.

Der musste aber erst vor dem Eingang rauchen. Er war nervös, seine Finger zitterten.

Mats trat von einem Bein auf das andere. Seit ein paar Tagen war alles unübersichtlich. Also – eigentlich war er daran gewöhnt, dass vieles auf einmal passierte. Zu viel. Aber normalerweise hatte er nicht die Zeit, darüber nachzudenken.

Sie fuhren nicht mit dem Lift. »Ich fahr nie mit dem Aufzug. Du etwa?«, hatte Opa gesagt.

Also liefen sie mal wieder. Nach oben.

Es dauerte lange, bis sie das Büro gefunden hatten, wo sie hinsollten. Mats wollte sofort rein, ohne zu klopfen. Opa zog ihn zurück und klopfte.

Dieselben Polizeibeamten. Sie waren schon im Krankenhaus bei ihm gewesen. Aber Mats hatte erst die Augen aufgemacht, als sie weg waren.

Sofort setzten sich die Polizisten nebeneinander hinter den Schreibtisch und jemand schloss die Tür. Dann fingen sie an mit ihren Fragen.

»Was ist passiert?«

Mats:

»Ihr hattet einen Unfall, daran erinnerst du dich doch, oder?«

Mats:

»Er hat geschlafen, als der Unfall passiert ist«, sagte Opa. »Er weiß nichts.«

Der erste Polizist, sehr geduldig: »Ihr seid in Vlotho-West auf die Autobahn gefahren. Richtung Bielefeld. Deine Mutter und du. Stimmt’s?« Er fing an, auf den Tisch zu trommeln.

Mats schaute seinen Fingern zu. Sein eigener Blick war leer, das wusste er. Er hatte diesen Blick geübt. So einen brauchte man. Er stellte sich ein Gehirnödem vor, das ihm die Augen hinausdrückte. Als niemand etwas sagte, ließ er den Kopf sinken und starrte auf den Fußboden.

»Plötzlich gab es einen Riesenknall. Dann ist deine Mutter mit dem Messer auf dich losgegangen und hat …« Die Hand des Polizisten fuhr an seinen Hals über dem Kragen.

Mats hob den Kopf und starrte den Mann an.

»Nicht mit einem Messer?«, fragte der Polizist.

Das glaubt man nicht! Der da erzählte was Falsches, damit man ihm sagte, was richtig war. Wie es stimmte. Mats schüttelte verzweifelt den Kopf.

Der Typ hörte aber nicht auf. »Erzählst du uns bitte, was passiert ist?«

Vergiss es.

»Hör mal, Mats, das ist wichtig. Sehr wichtig sogar. Wir versuchen herauszufinden, wie alles abgelaufen ist. Also: Deine Mutter und du, ihr seid ganz früh losgefahren. Wohin wolltet ihr denn?« Der Polizist wartete einen Augenblick.

Mats sah ihn nicht an. Plötzlich stand der andere Beamte auf und kam um den Schreibtisch herum, ging an Opa vorbei und blieb direkt vor Mats stehen. Der wieder den Kopf gesenkt hielt und an das Gehirnödem dachte, das darin wuchs. Wie ein Hohlraum stellte er sich das vor. Eine Lufthöhle. Langsam traten die Augen heraus. In diesem Moment schob der Bulle seine Hand vor, hob Mats Kinn an und versuchte, ihm in die Augen zu sehen.

Mats drehte seinen Kopf abrupt aus der Hand, sprang auf und lief zur Tür. Der Großvater folgte.

»Herr Yilmaz. Hallo, Herr Yilmaz. Wir müssen noch einmal mit dem Jungen reden«, rief der erste Polizist. »Es ist wichtig.«

Mats fand das nicht. Es war ihm egal. Total egal.

Und Opa war es auch egal.

Auf dem Weg zum Bahnhof nahm er Mats’ Hand. Eigentlich war Mats zu alt dafür. Aber wenn niemand hinschaute.

Die Hand fühlte sich gut an. Hart und warm.

4

Mats hatte den Abwasch fast fertig. Der Opa schlief. Auf dem Sofa, im Sitzen, die Zeitung hing halb auf dem Boden.

Mats wischte die nassen Hände an der Hose ab, zog den Schlüssel aus dem schwarzen Mantel und ging los. Es war schon dämmrig.

Wieder lief er bergauf, minutenlang. Zu Fuß.

Das Haus mit dem abgeblätterten Putz war still. Überhaupt, die ganze Straße war ruhig.

Während der Schlüssel das Schloss suchte, warf Mats einen Blick auf die Fenster der unteren Wohnung. Dort hauste niemand mehr. Das sah man auch von außen. Eine graue Gardine über zwei verdorrten Grünpflanzen, die zackige Schatten warfen.

Er öffnete die Tür und warf einen Blick in den leeren Hausflur. Er war allein hier. Er würde ganz still sein.

Schnell zog er die Tür wieder zu und drückte sich über den schmalen Pfad zwischen den Büschen in den verwilderten Garten. Zweige streiften sein Gesicht, er hob vorsichtig die Füße.

Er hatte schon einen Weg gebahnt. Für das Rad. Und Mutti hatte ihm geholfen, den Platz vor der Treppe ein bisschen freizuschneiden.

Aber wer nicht wusste, wo die Steinstufen waren, konnte leicht danebentreten.

Vor der Kellertreppe stand er und dachte nach. Aber er musste nach unten, Mutti hatte ihm nie erlaubt, das Fahrrad im Garten oder vor dem Haus stehen zu lassen. Immer hatte er es runterschleifen müssen. Es war schwer und schlug ihm an die Beine.

Er atmete durch. Auf der Kellertreppe war fast gar nichts zu sehen. Nur ein paar Blätter und noch was. Er ging in die Knie. Ein Abdruck im Staub. Und eine Spur. Dunkel, trocken. Mats richtete sich wieder auf. Er musste da runter. In seinem Bauch war plötzlich eine Faust.

Aber er musste.

Noch einmal holte er tief Luft. Dann fing er an, die Füße auf die Stufen zu setzen. Einen vor den anderen.

Eine dünne, dunkle Linie führte hinunter. Wie eine Spur beim Geländespiel. Aber Sägespäne waren das nicht. Getrocknet und dunkel. Es roch nach Eisen, aber etwas anderes stank schlimmer. Er hatte die Tür unten nicht abgeschlossen. Obwohl das seine Aufgabe war.

Er hatte sie offen gelassen. Weil – es war schrecklich, das Rad die Treppe hinunterzuschleifen. Das schwere Ding zog einen runter, bis in den Raum hinein, wo er es endlich loslassen konnte. Aber nur, wenn er die Tür nicht zugezogen hatte. Sonst knallte das Rad dagegen. Und er auch.

Also stand die Tür halb auf. Wie immer. Er schob sie weiter in den Raum hinein. Sie schrappte am Boden. Es stank. Er zuckte zurück. Wie in einem Klohäuschen. Nur schlimmer.

Verderbnis und Finsternis gehören zusammen, dachte er. Wir sind Kinder des Lichts.

Das hatte der Heilige Führer gesagt und sie mussten es wiederholen in der Kindergruppe. Wer die Sprüche am besten lernte, bekam Fleißkärtchen. Mats hatte nie eins bekommen. Aber alle Sprüche behalten. Auf dem Weg zum Licht schreiten wir voran. Mutig mit festem Tritt.

Der Gestank nahm zu. Fuck! Er wollte nicht hier sein. Trotzdem strengte er sich an, etwas zu erkennen.

Das Dunkle dort hinten waren die beiden Waschmaschinen. Die rechte war schon ganz verrostet und ging nicht mehr. Die andere hatte Mutti im Secondhandladen gekauft. Sie lief oft. Heute stand sie still.

Mats knipste das Licht an.

Er lag da. Am Ende der Spur. Er stank. Dreckige Sachen, eine halb heruntergerutschte Hose, man sah die graue Unterhose. Mats spürte die Faust in seinem Bauch. Seine Knie wollten nachgeben. Er knallte die Hand auf den Lichtschalter.

Er wollte nicht hier sein. Aber er war es. Und der auch. Wieder knipste er das Licht an. Wieder fiel sein Blick auf die graue Unterhose. Ein Stück graue Unterhose. In Hohenfelde wurden keine Weißmacher benutzt. Die Unterwäsche der Bewohner war nur einmal weiß, dann grau. Ein ehemals blauer Pulli. Darunter nacktes Fleisch. Mats hielt sich die Nase zu. Am liebsten hätte er die Hand über die Augen gelegt.

Das da, das, was da lag, war Vati. Auf dem Bauch, schmutzig, blutig, er rührte sich nicht. Eine dunkle Stelle am Kopf. Ein Arm halb auf dem Rücken. Die Hand. Mats blieb stehen. Lange.

Dann ergab er sich. Er atmete durch den offenen Mund und setzte sich in Bewegung, in den Raum hinein. Neben Vati plumpste er auf den Boden.

Gestern. Gestern. Gestern. Das Gepolter im Treppenhaus. Vatis Stimme. Im Garten das Schreien. Dann das Krachen. Eine Tür war zugeschlagen.

Vati musste die Kellertreppe heruntergestürzt sein, bis hierhin, wo er jetzt lag.

Ich hab die Tür nicht zugemacht. Ich hab die Tür nicht zugemacht. Vorsichtig fasste er den kalten Arm auf dem Rücken. Der Körper regte sich nicht.

Mats legte sich auf den Boden, sein Gesicht neben den blutigen Kopf.

Vati war tot.

Es war nicht das erste Mal, dass er einen Toten sah. Aber die anderen waren erst krank gewesen.

Wir heilen mit der Heilkraft des Geistes. Das hatte Andreas, der Heilige Führer gesagt. Wir meditieren, wir beten zur universalen Weisheit, der wir dienen. Eine Krankheit ist ein Fehler in deinem System. Wo hast du gefehlt?

Am Ende verkündete er noch: Gehe in dich. Bringe Licht in dein Dunkel.

Und da hatte Mats Muttis Augen gesehen. Und er hatte gedacht: Meine Familie ist in Ordnung. Meine Familie war sogar mal glücklich. Und er hatte auch gedacht, wie schön es damals gewesen war, als sie noch in ihrem alten Haus gewohnt hatten. Er hatte ein eigenes Zimmer gehabt. Und hinter dem Haus hatte es einen Garten gegeben, in dem er gespielt hatte. Aber dann war Hohenfelde gekommen.

Vater war tot nicht schöner als lebendig. Er war dreckig. Und blutig. Er war so, dass man ihn weit von sich wegschieben wollte.

Mats rutschte ein Stück rückwärts auf dem kalten Kellerboden. Dann beugte er sich wieder zu dem Gesicht vor.

Woher kam das Blut? Am Kopf lief es entlang. Dunkel. Wenn bloß der Gestank nicht wäre. Er würgte. Also sprang er auf. Er musste weg. Raus, die Treppe hoch, in den Garten, in die Luft.

Draußen würgte er wieder. Tief atmen. Langsam durch den Garten gehen, sich links und rechts an den Büschen festhalten.

Manchmal, da wollte man eigentlich nirgendwo sein. Oder in China. Oder in Honolulu. Aber auf keinen Fall da, wo man war.

Gegenüber, in dem alten Haus, das besser aussah als ihr eigenes, schaute jemand aus dem Fenster. Umgekehrt konnte die Frau ihn nicht sehen. Zu viel Wacholder und zur Straße zu viele Fichten. Immergrün. Und außerdem war es fast schon dunkel.

Ein Auto fuhr zu schnell vorbei, Mats machte einen Schritt zurück in den Garten. Unschlüssig stand er unter einem Baum, dessen Namen er nicht kannte, die Hände in den Taschen.

Dann fiel es ihm wieder ein. Also: sein Rad. Das Mountainbike, das Opa ihm vor fünf Wochen gekauft hatte. In Hohenfelde hatte er keins haben dürfen. Niemand durfte in Hohenfelde irgendwas haben.

Wir brauchen nichts, das uns an die Erde bindet. Besitz führt in die Irre. Wer nicht teilen will, gehört nicht zu den Auserwählten.

Der Opa hatte das Mountainbike sofort gekauft, als Mutti und Mats nach Vlotho gezogen waren, ohne dass er überhaupt darum bitten musste. Aber wenn Mats es benutzen wollte, musste er es aus dem Keller holen. Jetzt.

Er musste wieder runter, in den Raum hinein, bis hinten in die Ecke, wo es stand. Neben der Tür, die zu der Wohnung der alten Frau führte. Vom Keller bis in ihre Wohnung. Aber da war alles abgeschlossen.

Wieder blieb er an der Treppe im Garten stehen und rührte sich nicht. Wenn man nicht hinunterging, sah man auch nichts. Na gut, fast nichts. Das Bild war da, in seinem Kopf.

Zögernd lief er los. Von Stufe zu Stufe, bis unten. Rein in den Raum.

Wieder wurde ihm schlecht von dem Gestank. Am liebsten hätte er gespuckt. Nasenklammer. Er hielt sich die Nase zu und atmete durch den Mund. Nicht gucken, bloß nicht hinschauen. Sein Herz klopfte so laut, als täte er etwas Verbotenes.