Umschlag

Sunil Mann

Schattenschnitt

Kriminalroman

 
 

Der Autor

Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Er ist als Flugbegleiter tätig, ein Job, der ihm genügend Zeit zum Schreiben lässt. Viele seiner Kurzgeschichten wurden ausgezeichnet. Mit seinem Romandebüt Fangschuss, dem ersten Krimi mit Vijay Kumar, gewann er den ›Zürcher Krimipreis‹. Die Fangemeinde seines liebenswerten Detektivs wächst von Buch zu Buch.

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Samstag

»Das ist das Ende!« Erschüttert starrte ich in den kreisrunden Toilettenspiegel, um dessen Rahmen sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen ein beiger Ledergürtel spannte.

Das Tor zur Hölle, das Miranda unablässig beschwor, hatte sich spaltweit geöffnet! Ich beugte mich vor und besah mein Ebenbild von Nahem.

Schmeichelhaft heruntergedimmtes Licht wischte jegliche Anzeichen unseriösen Lebenswandels aus meinem Gesicht, während aus den Lautsprechern dieselbe Loungemusik wie oben im Restaurant plätscherte. Aus der Kabine, in der sich eben zwei Jungs verschanzt hatten, drang ein verdächtiges Schniefen und übertönte kurzzeitig den Klangteppich. Ich bezweifelte stark, dass es sich dabei um ein rein erkältungsbedingtes Leiden handelte.

Besorgt fuhr ich durch meine Frisur. Ich hatte mich nicht getäuscht. Wie eine Eins stand es da, ragte drahtig und trotzig und vor allem unübersehbar hoch. Die hämische Ankündigung des beginnenden Zerfalls, ein Symbol für meine unweigerlich ablaufende Lebenszeit, der Hauch des Todes: ein weißes Haar!

Mit Daumen und Zeigefinger packte ich den Boten der Apokalypse und war erstaunt, wie widerstandslos er sich auszupfen ließ. Noch hatte ich die Oberhand. Dennoch musterte ich mein Haupt eingehend und erst als ich hundertprozentig sicher war, dass nichts Weißes mehr aufblitzte, stellte ich mich ans Pissoir.

Ich zog gerade den Reißverschluss meiner Jeans hoch, als die Kabinentür mit einem Knall aufsprang und die beiden Jungs kichernd aus ihrem Kabäuschen taumelten. Am Waschbecken blieben sie kurz stehen und überprüften ihre Nasen auf verdächtige Spuren, bevor sie abzogen. Ich wusch mir die Hände und vergewisserte mich erneut, dass wirklich kein weiteres weißes Haar auf meinem Kopf spross. Der Gedankenblitz traf mich erst, als ich bereits im Korridor stand. Kurz entschlossen machte ich kehrt.

Ein Blick in die eben benutzte WC-Kabine bestätigte meine Vermutung. Es wäre ein Verbrechen gewesen, das Zeugs einfach der Putzfrau zu überlassen. Mit sanftem Druck strich ich mit der Fingerspitze über den Deckel des Spülkastens und rieb mir die daran kleben gebliebenen Kokainbröckchen ins Zahnfleisch.

Man hatte die Tische zur Seite geschoben, die tagsüber zum Essen einluden. Am Kopfende des Raumes stand stattdessen ein DJ-Pult, an dem eine zierliche Frau mit blonden Haaren auf einem iPod herumtippte. Eine riesige, sich drehende Discokugel warf Lichteffekte auf die Wände und durch die meterhohen Fenster konnte man auf die schick gekleidete Menschenmenge auf der Terrasse sowie den dahinterliegenden Gustav-Gull-Platz blicken.

Noch vor wenigen Monaten hätte ich wohl gnadenlos über ein so offensichtlich auf angesagt getrimmtes Restaurant wie das NEO vom Leder gezogen, doch mit leiser Verwunderung stellte ich fest, dass mir dieser Stil neuerdings zusagte. Ein luftiger Raum, Separees auf der Galerie und schräg gestellte Jalousien entlang der beiden Treppen, durch die man von der langen Bar aus die hinauf- oder herabsteigenden Gäste beobachten konnte – ein Lokal, wie es die erst kürzlich aus dem Boden gestampfte Europaallee nicht nötiger haben konnte. Ein trügerischer Name ohnehin, denn natürlich führte der bloß wenige Hundert Meter lange Straßenabschnitt genauso wenig Richtung Europa wie die Schweizer Politik. Aber in der Margrit-Rainer-Strasse traf man ja auch nicht auf die Volksschauspielerin und Schnulzen waren an der Engelbertstrasse garantiert keine zu hören. Doch während der Rest der Allee entgegen dem Trenddiktat häufig verwaist und ähnlich unpersönlich wie die sterilen Einkaufsstraßen anderswo daherkam, empfand zumindest ich das NEO als ein Glanzlicht dieser Gegend.

Vermutlich hatte das mit meinem Alter zu tun. Das eben entdeckte weiße Haar war leider nicht das einzige Anzeichen für das Ende meiner blühenden Jugend. In letzter Zeit guckte ich leidenschaftlich gern Kochsendungen im Fernsehen und schämte mich nicht einmal mehr bei Bauer, ledig, sucht … fremd. In Bekleidungsgeschäften steuerte ich automatisch die Ecke mit den gedeckten Farben an und machte einen weiten Bogen um Oberteile mit knalligen Schriftzügen und hauteng geschnittene Hosen. Neulich war eine junge Frau im Tram aufgestanden, um mir mit einem mitfühlenden Lächeln ihren Platz anzubieten. Auch hatte ich mich schon dabei ertappt, wie ich zur Berieselungsmusik im Einkaufszentrum mitgesummt hatte, und einmal hatte ich sogar in einem Aufzug spontan mit den Fingern geschnippt, bloß ein Reflex, ausgelöst durch den mitreißenden Rhythmus des gerade laufenden Songs von Chris de Burgh. Die versteinerte Miene meiner Freundin Manju werde ich so schnell nicht vergessen.

»Du hast das Haar ausgerissen!«, brüllte es von hinten in mein Ohr und ich fuhr herum.

Miranda stand in der offenen Terrassentür, eine Zigarette in der erhobenen und gleichzeitig abgeknickten Hand, die andere hatte sie in die Seite gestützt.

Die ›Teekanne‹, ein Klassiker in ihrem an affektierten Posen nicht armen Repertoire.

»Welches Haar?«

»Du weißt genau, wovon ich spreche.«

»Das ist dir aufgefallen?«

Sie lachte. »Jedem ist es aufgefallen! Da draußen reden sie von nichts anderem mehr.«

Ich wusste zwar, dass sie gerne übertrieb, dennoch konnte ich nicht umhin, beunruhigt zur Menschentraube hinter ihr zu äugen.

»Ich habe es dir immer gesagt, vierzig ist das Tor zur Hölle. Der steinige Abstieg ins Tal des Jammers und der Tränen, wo du als geisterhafter Abklatsch deiner selbst jahrelang über ausgedorrten, von Schlangen besiedelten Grund wandeln wirst, ein allmählich verrottender Untoter, der für die Jugend unsichtbar ist. Altern ist das wahre Fegefeuer und es findet im Diesseits statt, eine unerbittliche Abwärtsspirale, die dich in die Tiefe und die Einsamkeit zieht und an deren Ende einzig das Grab auf dich wartet.«

»Schöne Aussichten.«

»Sag nie, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Miranda neigte nicht nur zur Übertreibung, sie hatte auch ein Flair für Dramatik. Vom Pathos ganz zu schweigen.

»Ich bin aber erst neununddreißig«, verteidigte ich mich lahm.

Entsprechend unbeeindruckt zeigte sie sich. »Neununddreißig, vierzig. Wo ist da der Unterschied?«

»Und das aus dem Mund von jemandem, der längst …«

»… neunundzwanzig ist. Neunundzwanzig, mein Lieber, falls du das vergessen hast.« Ein drohender Unterton schwang in ihrer Stimme mit und grinsend gab ich mich geschlagen.

»Wenn du es sagst.«

»Das tue ich«, bestätigte sie mit Nachdruck. »So lange, bis es alle glauben. Mich eingeschlossen.«

Sie zwinkerte mir zu und schwebte mit wiegenden Hüften auf die Terrasse hinaus. Für den heutigen Abend hatte sie sich einen roten Punkt – das dritte Auge – mitten auf die Stirn gemalt und trug einen gelben Sari mit rotgoldenen Stickereien, für den meine Mutter keine Verwendung mehr gehabt hatte.

Erwartungsgemäß hatte Miranda beim Styling wenig Sinn für die keusche indische Tradition gezeigt und trug das Seidentuch so lose am Körper, dass ihr Busen bei jeder unachtsamen Bewegung ins Freie zu hüpfen drohte. Erstaunlicherweise reichte der Saum ihres Kleides bis zu den Absätzen ihrer ebenfalls gelben Louboutins, doch irgendwie hatte sie es geschafft, sich so raffiniert in den Sari einzuwickeln, dass der wallende Stoff bei jedem Schritt ihre langen Beine enthüllte.

Miranda und ich waren uns um die Jahrtausendwende immer wieder in schummrigen Klubs und auf abgefahrenen Partys in ungenutzten Industriegebäuden über den Weg gelaufen und hatten uns schnell angefreundet. Sie war zu der Zeit noch als Gustavo unterwegs gewesen, doch kurz nach unserem Kennenlernen ließ sie ihr Haar wachsen und färbte es karamellfarben, rasierte sich zweimal täglich und spendete ihre Männerhosen der Altkleidersammlung. Ihr Umgang mit Make-up wurde zunehmend professioneller und während eines Brasilienurlaubs tauschte sie schließlich den mit Socken gestopften Büstenhalter gegen ein formidables Paar strammer Brüste ein.

Etwas wehmütig dachte ich an jene großartige Zeit zurück, an unsere gemeinsamen und meist deliriösen Nächte in der Dachkantine oder im Labyrinth, und fragte mich, ob es solche Klubs überhaupt noch gab. Und falls ja, ob ich mir dort nicht wie der anrüchige Onkel auf einem Kindergeburtstag vorkäme.

Ich verscheuchte den erniedrigenden Gedanken und machte mich auf, an der Bar einen weiteren Drink zu ordern. Mein bester Freund José hatte mich zu diesem Anlass mitgeschleppt, der in der Szenesprache als ›Launch‹ bezeichnet wurde. ›Produkteinführung‹ hätte zugegebenermaßen auch bescheuert geklungen und kaum das erwünschte Publikum angezogen. Genau betrachtet, handelte es sich dabei um einen etwas ausgedehnten Umtrunk, an dem irgendein trendiges Erzeugnis vorgestellt wurde und ein paar handverlesene Blogger mit ihren Handys blindwütig alles fotografierten, was in ihren Augen etwas hergab. Das hieß, die an solchen Events stets herumlungernde C-Prominenz, die zu bewerbenden Artikel und besonders gern sich selbst. Gewöhnlich wurden auch Gratisgetränke und von Spitzenköchen zubereitete Häppchen gereicht.

Vor allem die letzten beiden Punkte waren ausschlaggebend dafür gewesen, dass ich mich nach anfänglichem Sträuben doch hatte überzeugen lassen, José zu begleiten. Miranda, die stets bestens darüber informiert war, was in dieser Stadt abging, hatte sich bereits mit den üblichen Verdächtigen an der Bar gedrängelt, als wir eintrafen.

Da sich heute alles um eine neue Ginsorte drehte, die in Zürich destilliert und mit Zutaten aus der Region hergestellt wurde, mixten die Barkeeper ausschließlich Drinks, denen Turicum als Basis diente.

Während ich darauf wartete, bedient zu werden, sah ich mich nach José um. Trotz der homöopathischen Dosis hatte mich das Koks hellwach gemacht, jegliche Anzeichen von Trunkenheit waren wie weggewischt. Ich entdeckte meinen Kumpel am anderen Ende der Bar, wo eine etwa fünfzigjährige Frau eifrig auf ihn einredete. Sie trug ein edel aussehendes Wollkleid in Grau über schwarzen Leggins, um den Hals hatte sie lose einen dunkelgrünen Foulard drapiert. Das eben falls graue Haar war streng zur linken Seite gekämmt und stand dort buschartig von ihrem Kopf ab, sodass sie aussah, als stünde sie in einem permanenten Sturmtief. Zur Sicherheit wurde das Konstrukt von einem auffälligen Kamm in Bernsteinoptik fixiert. In der Hand hielt sie eine silbern glitzernde Clutch, eine dieser geldbeutelgroßen Handtaschen ohne Henkel.

Nachdem ich meinen Drink in Empfang genommen hatte, schlenderte ich zu den beiden hinüber.

José winkte mich sofort heran und stellte mich seiner Gesprächspartnerin vor: »Pina, du musst unbedingt meinen besten Freund kennenlernen: Vijay Kumar, seines Zeichens Privatdetektiv.«

Vertraulich legte er mir die Hand auf die Schulter und guckte die Frau erwartungsvoll an. Diese checkte mich kurz ab und entschied wohl aufgrund meiner Erscheinung und meines Tätigkeitsfelds, dass ich ihren Zwecken wenig nützlich war. Sie schenkte mir ein aufgesetztes Lächeln und wandte sich unverzüglich wieder José zu, um ihre Ausführungen zu beenden.

»Ich maile dir das Material gleich morgen«, rief sie ihm schließlich zum Abschied zu, doch da befand sie sich bereits auf halbem Weg zur Terrasse.

»Pina Gilardi«, erklärte José und machte sich gar nicht erst die Mühe, sich für ihr Verhalten zu entschuldigen.

»Die Filmemacherin?«

»Genau die«, stöhnte er verhalten. »Wie sie leibt und lebt.«

»Wo haben sie die denn rausgelassen? Die hat doch seit Ewigkeiten keinen Film mehr produziert.«

»Zehn Jahre ist es her, um genau zu sein. Das Werk hat zwar damals einige wichtige Preise gewonnen, aber seither hat sie tatsächlich nichts mehr auf die Reihe gebracht. Was die Kulturszene nicht daran hindert, sie als ›Grande Dame‹ des Schweizer Dokumentarfilms zu betiteln und ihr den roten Teppich auszurollen, wo auch immer sie auftaucht.«

»Was wollte sie von dir?«

»Sie arbeitet offenbar an einem neuen Projekt.«

»Ein Projekt, oje!« Ich schnitt eine angewiderte Grimasse. »Das schwammige Argument all dieser stets gut sichtbar platzierten, sich immer wahnsinnig beschäftigt gebenden Kulturheinis, Freelancer und Start-up-Unternehmer dafür, dass sie mit ihren aufgeklappten MacBooks nicht bloß die Cafés dieser Stadt besetzen, sondern tatsächlich etwas erschaffen. Dabei bedeutet ›an einem Projekt arbeiten‹ in den meisten Fällen nichts anderes, als die eigene Mittelmäßigkeit mit vermeintlicher Wichtigkeit aufzuladen. Es gibt Leute, die den Kauf eines Eierkochers als ›bahnbrechendes Projekt zur Optimierung des Frühstückskonzepts‹ umschreiben, ein hundsgewöhnlicher Gang zur Toilette wird bei denen zum ›Pressure Induced Bowel Evacuation Project‹.«

Wie immer unter Kokseinfluss hielt ich mich für wahnsinnig witzig und außerordentlich scharfsinnig, ohne dabei meine Geschwätzigkeit zu realisieren.

José grinste denn auch schief. »Dem Anschein nach arbeitet die Gilardi aber tatsächlich an einem neuen Film. Sie ist eben von einer Recherchereise zurückgekehrt und wollte mich überreden, einen Artikel über sie zu verfassen.«

»Was hast du erwidert?«

»Ich würde mir die Sache ansehen.«

»Die Standardantwort.«

»Ist ja nicht so, dass ich keine anderen Projekte in der Pipeline hätte.« José zwinkerte mir zu und griff nach seinem Glas, das auf dem Tresen stand.

Seit er seinen Job als stellvertretender Chefredakteur einer Gratiszeitung gekündigt hatte und sich seine Brötchen als freischaffender Journalist verdiente, war José deutlich lockerer drauf als zuvor.

Womöglich hatte dieser Zustand aber auch mit Fiona zu tun, von der er sich nach jahrelang kriselnder Beziehung erst kürzlich getrennt hatte. Den gemeinsamen Sohn Miguel Antonio, mittlerweile bereits drei Jahre alt, durfte er so oft sehen, wie er wollte, und seit dem Ende ihrer Partnerschaft gestaltete sich der Umgang zwischen ihm und seiner Ex wesentlich unverkrampfter, wenn auch nicht gänzlich frei von Spannungen.

»Und? Schon an was herangepirscht?«, wollte ich wissen.

»Ich hatte etwas ganz Apartes am Haken, doch die Gilardi hat sie mit ihrem kratzbürstigen Auftreten vertrieben.«

»Vielleicht wartet sie ja draußen.«

»Da wollte ich sowieso gleich nachsehen.«

Mit unseren Drinks bewaffnet, traten wir auf die Terrasse hinaus. Ein lauer Septemberabend in Zürich. Der Regen der letzten Tage war glücklicherweise abgeflaut, doch die Luft war noch drückend schwer. Die Kellner steuerten mit Tabletts durch die Gästeschar und boten erlesene Speisen in mikroskopisch kleinen Gläschen oder auf Porzellanlöffeln angerichtet an.

Ich schnappte mir eine mit Gin flambierte Jakobsmuschel an Limettenschaum, während José Stielaugen machte und unvermittelt einer groß gewachsenen, in einem blütenweißen Kostüm steckenden Blondine zuwinkte. Sie war umringt von einer Schar ebenfalls weiß gekleideter Damen und gemeinsam sahen sie aus, als wären sie im Begriff, die Raffaello-Werbung nachzuspielen. Sie stieß einen spitzen Wiedererkennungsschrei aus, als er sich zu ihr gesellte, und ich verdrehte die Augen.

Seit er wieder Single war, legte José ein unermüdliches Balzverhalten an den Tag. Als hätte man ihn von der Leine gelassen, war ihm alles Jagdgrund – egal ob Barbesuch oder Filmvorführung, Einkaufszentrum oder Fitnessklub. Seine Bemühungen waren sogar relativ häufig von Erfolg gekrönt. Was kein Wunder war, denn sein mediterranes Aussehen kombiniert mit dem Dreitagebart löste bei vielen Frauen akute Paarungsbereitschaft aus. Dass er sich oft kaum auf ein Gespräch konzentrieren konnte, weil sein Blick auf der Suche nach dem nächsten Opfer ununterbrochen umherwanderte, nervte mich manchmal gewaltig. Und dennoch – irgendwo tief in mir drin gab es einen dunklen Winkel. Und dort brodelte der pure Neid.

Unsanft schob mich jemand zur Seite und ich wandte mich verärgert um. Pina Gilardi rauschte mit energisch vorgerecktem Kinn an mir vorbei. Natürlich tat sie, als würde sie mich nicht wiedererkennen, und steuerte den Rand der Terrasse an. Sie blieb vor den mannshohen Behältern stehen, in denen Pflanzen wuchsen, und zündete sich eine Zigarette an. Mit einem Mal wirkte sie müde, ihre eben noch beharrliche Haltung verflog, sie sackte in sich zusammen und die Gesichtszüge verdüsterten sich. Als hätte jemand die Scheinwerfer ausgeknipst.

Beinahe hätte ich mich abgewandt, doch dann löste sich plötzlich eine Gestalt aus dem Schatten der Pflanzenkisten. In ihrem weinroten, ausgebeulten Trainingsanzug erinnerte sie an einen Boxer auf nächtlicher Joggingtour, wegen der Lichtverhältnisse und der über den Kopf gezogenen Kapuze war ihr Gesicht nicht zu erkennen. Erschrocken zuckte Pina Gilardi zusammen, als der Typ sie ansprach. Im nächsten Moment jedoch wirkte sie erbost und sah sich alarmiert um. Als wäre es ihr peinlich, in der Öffentlichkeit mit einem Faustkämpfer gesehen zu werden.

Bei genauerem Hinsehen offenbarte sich der hagere Körperbau des Mannes. Die Hose schlabberte ihm um Hintern und Oberschenkel, die Arme zeichneten sich dünn unter dem Trainingsanzug ab. Es schien sich eher um einen Obdachlosen zu handeln als um einen Sportler.

Der Kerl begann jetzt, eindringlich auf die Filmerin einzureden. Doch die schüttelte bloß bestimmt den Kopf. Als er sie unvermittelt am Ärmel ihres Wollkleids packte, riss sie sich los und wies ihn harsch zurecht. Leider verstand ich wegen der Distanz, der Musik und dem Stimmengewirr um mich herum kein Wort von dem, was dort drüben gesprochen wurde. Der Pennbruder bedrängte sie weiter, bis es Pina Gilardi reichte und sie wütend Richtung Bar davonstapfte. Ihr Kontrahent folgte ihr erst noch, gab dann aber auf halber Strecke auf. Mit hängenden Schultern sank er gegen einen der Blumenkästen. Er schaute sich kurz auf der Terrasse um und glitt anschließend geschmeidig wie eine Katze in die Dunkelheit zurück.

Unverzüglich steuerte ich auf die Kästen zu. Doch die Gestalt war verschwunden. Irritiert leerte ich meinen Drink. Ich hatte nicht viel von seinem Gesicht erkennen können, der obere Teil war im Schatten der Kapuze verborgen geblieben. Trotzdem war mir sein dunkler Teint und die schlechte Rasur aufgefallen. Was mich allerdings wirklich verblüfft hatte, waren seine karmesinrot geschminkten Lippen gewesen.

Es war weit nach Mitternacht, als Miranda und ich die Militärstrasse entlangschlenderten. Im matten Schein der Straßenbeleuchtung kam uns ein Nachtbus entgegen. Zischend öffneten sich an der Haltestelle die Türen, doch niemand stieg aus. In der Ferne schrie eine Frau und aus dem Tanzlokal ganz in der Nähe drangen dumpf Latinorhythmen. Schatten glitten durch einen Hinterhof, zischelnd wurde verhandelt, dann wechselten Drogen in vermutlich grottenschlechter Qualität den Besitzer. Die Geräusche der Zürcher Nacht.

Bevor wir die Party verließen, hatten wir vergeblich nach José Ausschau gehalten, doch der war wohl mit seiner Raffaello-Blondine auf Tuchfühlung gegangen.

Wir bogen um die wohl belebteste Ecke der Stadt. Vor dem rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelladen torkelten Halbstarke durch die Gegend und reichten grölend Wodkaflaschen herum, während drinnen Kids vor der Kasse Schlange standen, um sich mit Zigaretten und Energydrinks einzudecken.

Auch entlang der Langstrasse herrschte Aufruhr. Vor manchen Lokalen hatten sich Menschentrauben gebildet, Musik plärrte aus den Bars und Nachtklubs und über die Trottoirs schoben sich die endlosen Massen Ausgehwütiger, die Samstag für Samstag wie die Heuschrecken ins Quartier einfielen.

Lachen und Schwatzen erfüllte die Luft, Gläser klirrten und Zigarettenrauch schwebte wie Nebelschwaden über den Köpfen. Die Stimmung war überschäumend, knapp vor dem Siedepunkt, und ich wusste aus Erfahrung, wie blitzartig diese Ausgelassenheit in Aggression umschlagen konnte. Beinahe glaubte ich, Testosteron in der Luft zu riechen, das wie so oft einherging mit dem sauren Mief von Frust und Wut.

Auf den Sitzbänken vor dem Longstreet hockten tränenüberströmte Mädchen mit übers ganze Gesicht verschmierter Schminke. Ihre Röckchen waren allesamt zwei Fingerbreit zu kurz und enthüllten mehr als gut war für ihre Trägerinnen. Reglos lagen Jungs auf dem Asphalt und sahen aus der Ferne wie niedergestreckt aus. Aus der Nähe erst recht. Jemand kotzte gerade neben den Eingang des Happy Becks, einer Bäckerei, die ebenfalls die ganze Nacht geöffnet hatte, und gleich darauf stürmte ein nach einer Yolanda schreiender Halbnackter an uns vorbei, die Augen im Drogenrausch weit aufgerissen.

Da ich selbst gleich ums Eck wohnte, wusste ich aus erster Hand, was hier Wochenende um Wochenende abging. Ich konnte nachfühlen, dass sich manche Anwohner mit diesem Chaos schwertaten. Andererseits war dies vermutlich der einzige Ort schweizweit, wo das Nachtleben noch nicht bis zur absoluten Leblosigkeit durchreglementiert war.

»Ein Schlummertrunk?«, schlug Miranda vor.

Ich warf einen Blick zum schäbigen Wohnhaus an der Dienerstrasse. Knapp hundert Meter trennten mich von meinem Bett, meiner Detektei und meiner Freundin. Der Gedanke an unsere momentan ziemlich angespannte Wohnsituation ließ mich sofort auf Mirandas Angebot eingehen. Wobei ich dem Vorschlag erfahrungsgemäß auch sonst zugestimmt hätte.

Wir überlegten gerade, wo wir um diese Zeit noch ein Gläschen kippen konnten, ohne Eintritt bezahlen zu müssen oder vom Partyvolk zerquetscht zu werden, als ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite Pina Gilardi entdeckte. Im Stechschritt marschierte die Filmemacherin Richtung Helvetiaplatz. Erstaunt erkannte ich die Gestalt im weinroten Trainingsanzug, die mit tänzelnden Schritten neben ihr herlief. Noch immer hatte sie die Kapuze hochgeschlagen. Nichts deutete auf weiteren Streit hin, vielmehr schienen sich die beiden ausgesöhnt zu haben. Angeregt diskutierend, verschwanden sie in der Menge.

Sekunden später war weiter vorn eine unruhige Bewegung auszumachen, ein kleiner Wirbel im ansonsten mehr oder weniger gleichmäßig fließenden Strom der Amüsierwilligen.

»Um zu dieser Zeit in die Bar 3000 zu kommen, muss man erst durch den Klub Zukunft. Aufs Anstehen habe ich allerdings nicht die geringste Lust«, erklärte Miranda dezidiert, doch ich hörte nur noch mit einem Ohr zu.

Denn in diesem Moment kam die Gestalt im weinroten Trainingsanzug zurückgehastet. Den Kopf gesenkt, schob sie sich zielstrebig an den ihr entgegenkommenden Leuten vorbei.

Ein junger Kerl versperrte ihr mit betrunkenem Grinsen den Weg, doch sie wich ihm behände aus, worauf er sie grob am Handgelenk packte. Sie wand sich und versuchte freizukommen, aber er hielt sie mit eisernem Griff fest. Der Kapuzenträger hob die Faust, im nächsten Augenblick schrie der Bursche jaulend auf, Blut spritzte aus seiner Nase. Pina Gilardis seltsamer Begleiter sprintete geduckt davon, schwenkte bei der Lambada Bar um die Ecke und verschwand aus meinem Sichtfeld.

Eigenartiges Verhalten, dachte ich und trat auf die Straße, um zu sehen, wo Pina Gilardi abgeblieben war. Ein entgegenkommendes Taxi hupte und ich sprang zur Seite, doch ich hatte sie entdeckt. Die Dokumentarfilmerin war direkt vor dem Bagatelle stehen geblieben und stemmte eine Faust in die Seite.

Irgendetwas stimmte da nicht.

Ich lief erneut auf die Straße, um die Flaneure zu überholen. Als ich mich der Bar mit der offenen Fensterfront näherte, sah ich, wie die Gilardi sich an einer der türkisblau gestrichenen Säulen vor dem Eingang abstützte und wie unter Schmerzen krümmte.

Unvermittelt torkelte sie vorwärts und riss den Mund auf, als wollte sie um Hilfe rufen, während die Passanten weiterhin johlend an ihr vorbeizogen. Ein rothaariger Bursche schlug ihr auf die Schulter und schrie ihr etwas ins Ohr, wahrscheinlich hielt er sie für besoffen. Kein abwegiger Gedanke, denn sie verhielt sich tatsächlich so, als hätte sie einen über den Durst getrunken.

Wankend tat sie einen weiteren Schritt nach vorn, bevor sie auf die Knie sank. Jetzt erst sah ich das Blut, das ihr Wollkleid dunkel färbte und auf den Boden tropfte. Jemand schrie auf, die Passanten wichen erschrocken zurück und einen quälend langen Moment kniete Pina Gilardi dort ganz alleine.

Ich spurtete zwischen zwei im Schritttempo fahrenden Wagen über die Straße, als sich endlich jemand zu ihr hinunterbeugte.

Die Filmemacherin hielt sich am Arm der jungen Frau fest, in ihren Augen spiegelte sich Todesangst. Innerhalb von Sekunden scharten sich Gaffer um die beiden und versperrten mir die Sicht. Schon zückten die ersten Zuschauer ihre Handys und filmten das Geschehen. Das Letzte, was ich erkennen konnte, bevor sich die Reihen vor mir endgültig schlossen, war das beängstigend blasse Gesicht Pina Gilardis und das Neonlicht, das sich in der dunkelrot um sie herum ausbreitenden Lache spiegelte.

»Mitkommen!«, brüllte ich Miranda zu, die mir blindlings gefolgt war.

Ich zerrte sie hinter mir her, zurück zu dem jungen Kerl, der mittlerweile an einer Hauswand lehnte und sich mit einem Taschentuch Blut und Rotz aus dem Gesicht wischte. Der Fausthieb des Kapuzenträgers hatte anscheinend gesessen. Sein Kumpel – oder vielleicht war es auch nur ein zufälliger Passant – stand mit glasigem Blick vor ihm und starrte ihn mit offenem Mund an.

»Alarmiere sicherheitshalber die Ambulanz und gib acht, dass er nicht abhaut!«, wies ich Miranda barsch an.

»Aber die telefonieren eh schon alle …«

»Vermutlich mit ihren Kumpels, damit die auch herkommen und sich das Spektakel von Nahem ansehen!«

»Ich bin aber ganz schlecht mit offiziellen Stellen …«

»Miranda, bitte tu für einmal, was ich dir sage!« Damit spurtete ich um die Ecke, wo ich den Kapuzenträger hatte verschwinden sehen.

Dieses Teilstück der Kernstrasse war bloß ein schmales Gässchen, knapp fünfzig Meter lang, bevor es in der nächsten Querstraße endete.

Der bläuliche Schein der Barschriftzüge fiel auf ein paar grimmig aussehende Gestalten, die vor einem Lokaleingang Wache standen. Auch in den schattigen Hauseingängen und vor den vergitterten Hinterhöfen lungerten Kerle herum und rauchten, während sie misstrauisch jede meiner Bewegungen verfolgten. Dunkelhäutige Frauen flanierten lasziv an mir vorbei. Sie steckten in Kleidern, in die nicht einmal ihre Töchter gepasst hätten, und ließen schmatzende Lippengeräusche hören.

»Habt ihr eben diesen Typen gesehen? Roter Trainingsanzug, hochgeschlagene Kapuze?«

Schlagartig verschwand alles Lockende und Bezirzende aus den Blicken der Damen und sie glotzten mich bloß noch ausdruckslos an, während sie stoisch auf ihren Kaugummis kauten.

»Er war auf der Flucht«, präzisierte ich, wohl wissend, dass ihnen nicht einmal ein nackter Chinese mit kreischender Motorsäge aufgefallen wäre, so lange jemand wie ich danach fragte.

Ich zückte einen Zwanziger. Eine der Frauen schnappte ihn sich mit abschätziger Miene und wies vage zum Ende des Gässchens.

Ich verdrehte die Augen ob der präzisen Angabe. »Wie heißt du denn?«

»Nenn mich, wie du willst, Schätzchen. Aber diejenigen, denen es an Fantasie mangelt, rufen mich ›Latisha‹.«

»Okay, Latisha, ich brauche eine etwas konkretere Auskunft.«

»Ich weiß genau, was du brauchst, mein Kleiner.« Sie griff nach meiner Hand und führte sie zu ihrem beeindruckenden Dekolleté. Latisha war älter, als sie auf den ersten Blick gewirkt hatte, doch mit ihrer extravaganten Rastafrisur, einem geradezu clownesken Make-up und der üppigen Figur lenkte sie gekonnt davon ab.

»Wohin ist er gerannt?«, fragte ich.

Sie zuckte mit den Schultern und streckte die Hand erneut aus. Doch das konnte ich mir nicht leisten. Stattdessen lief ich die Gasse entlang bis zur nächsten Querstraße. Zu meiner Linken tobte das Nachtleben auf der Langstrasse, dort lag auch die schwer verletzte Pina Gilardi. Die stetig wachsende Menschentraube war unübersehbar. Geradeaus befanden sich zwei Schwulenbars, rechts führte die Straße in ein verwinkeltes und spärlich beleuchtetes Wohnquartier.

Vermutlich hatte der Kapuzenträger diesen Fluchtweg gewählt. Doch inzwischen hatte er das Viertel natürlich längst durchquert und war durch die Bäckeranlage entkommen oder Richtung Altstetten verschwunden. Keine Chance, ihn jetzt noch dingfest zu machen, sein Vorsprung war viel zu groß. Das hätte mir eigentlich von Anfang an klar sein müssen.

»Baby, komm zu Mama!«, rief mir Latisha zu, als ich umkehrte, und ihre Kolleginnen gackerten.

»Baby hat leider zu tun«, erwiderte ich und ließ die Gasse hinter mir.

Polizeisirenen heulten auf, als ich in die Langstrasse zurückkehrte, und vom Helvetiaplatz her bahnte sich eine Ambulanz ihren Weg durch die Menschenmassen. Auch wenn Pina Gilardi auf mich einen wenig sympathischen Eindruck gemacht hatte, hoffte ich aufrichtig, dass der Rettungsdienst nicht zu spät kam. Allein schon wegen der kitschtriefenden Rückblicke und Hommagen, die sonst in den kommenden Tagen das Programm des Schweizer Fernsehens und den Feuilleton beherrschen würden.

Ich erkannte schon von Weitem, dass Miranda und der junge Mann die Zeit wenig sinnvoll genutzt hatten. Aus irgendeinem Grund hing ihm sein T-Shirt in Fetzen vom Leib, die Hose war beinahe bis zu den Knien hinuntergerissen und offenbarte eine Boxershorts im Karomuster. Eng um seinen Hals lag ein gelber Stoffstreifen, offenbar ein Stück Sari, an dessen anderem Ende sich Miranda verzweifelt gegen seine Fluchtversuche stemmte. Ein bizarres Bild, das Szenen aus Ben Hur heraufbeschwor. Die Augäpfel des Burschen quollen hervor, die Zunge hing ihm aus dem Mund und sein Gesicht hatte eine leicht violette Färbung angenommen.

»Er wollte abhauen!«, keuchte Miranda. »Als er die Polizeisirenen gehört hat, ist er losgerannt. Ich hab ihn mit allen Mitteln zurückgehalten.«

»Das sehe ich«, erwiderte ich und befreite den Jungen von seinem Halsband, worauf er hustend gegen die Hauswand sank und sich den Hals rieb.

Sein blondes Haar war an den Seiten raspelkurz rasiert, den Rest trug er wesentlich länger und auf dem Scheitel zu einem perfekten Dutt gebunden. Hitlerjugend trifft auf Charleys Tante. Womöglich funktionierte diese Art von Frisur als Verhütungsmittel. Kaum war er wieder bei Atem, fragte ich den Jungen, wie er hieß.

»Torben«, antwortete er.

Auch das noch, dachte ich, ließ mir aber nichts anmerken. »Okay, Torben. Wie hat der Typ ausgesehen, der dich vermö belt hat?«

»Leck mich!«, war seine Antwort. Er spuckte auf den Boden.

»Weshalb hast du ihn überhaupt festgehalten?«

Wahrscheinlich versuchte Torben gerade, verschlagen zu wirken, doch auf mich wirkte sein Grinsen allenfalls dümmlich. Ohnehin hatte ich weder Zeit noch Nerven für solche Mätzchen, daher packte ich Torben an den Schultern und rammte ihn hart gegen die Hausmauer. »Wie sah der Typ aus?«

»Geht dich einen Scheiß an!«

»Beantworte meine Frage!«, knurrte ich.

»Stehst wohl auf solche, was?«

Ich ergriff seine Kieferknochen und drückte zu.

»Ey Alter, geh’s locker an!«, rief ein junger Schwarzer, der an uns vorbeiging, und seine Kumpels lachten.

»Wie sah er aus?«, fragte ich erneut, worauf Torben hervor stieß: »Fick dich!«

Mit entschlossener Miene trat Miranda neben mich. Ihre Hand langte nach unten, zeitgleich lief Torben puterrot an und begann zu keuchen.

»Verdammt, lass los!«

Miranda presste die Lippen zusammen und der Junge begann zu quieken wie ein Meerschweinchen auf Helium.

»Okay, okay.« Er schnappte nach Luft. »Dunkle Haut, ein verdammter Tamile oder so, schlecht rasiert.«

»Geht doch«, flötete Miranda und ließ los.

»Was noch?«, drängte ich Torben.

»Nichts mehr.«

»Das war alles?«

»Wenn ich es sage.«

»Streng dich gefälligst an! Du warst nur Zentimeter von ihm entfernt!«, fuhr ihn Miranda an.

»Halt die Klappe, Miststück! Wer ist die Alte überhaupt?«, wandte sich Torben an mich.

»Alte? Du nennst mich Alte?« Sie langte wieder nach unten und Torben winselte.

»Ist ja gut!«, keuchte der Bursche und Miranda trat einen Schritt zurück. »Knallroter Lippenstift! Der Psycho trug knallroten Lippenstift.«

Enttäuscht lockerte ich meinen Griff. Torben hatte mir nichts wirklich Neues mitteilen können. Bislang hatte ich ziemlich dasselbe bemerkt und ob der Flüchtige wirklich Tamile war, musste sich erst noch herausstellen.

»Ihr seid doch nicht ganz dicht!«, wimmerte Torben und krümmte sich, die Hände im Schritt.

»Zisch ab!«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er streckte uns den Mittelfinger entgegen und humpelte dann über die Straße, wo er in der Menschentraube vor dem Longstreet abtauchte.

Pina Gilardi wurde gerade auf einer Bahre in die Ambulanz verladen, als Miranda und ich den Tatort erreichten. Einige Polizisten versuchten, die Gaffer auf Distanz zu halten. Wohin ich auch blickte, überall wurden Handys in die Höhe gehalten. Wahrscheinlich würden schon morgen mehr Leute die Mitschnitte auf Internetportalen angeklickt haben, als Pina Gilardis preisgekrönter Dokumentarfilm Zuschauer gehabt hatte.

»Vijay?«

Ich sah mich nach der Stimme um und entdeckte eine Polizistin mit kurzen blonden Haaren, die zielstrebig auf mich zusteuerte. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

»Fiona, du hier?«, entfuhr es mir. Im selben Moment wurde mir bewusst, wie bescheuert meine Frage war.

Fiona war Polizistin, es war also kein Bisschen ungewöhnlich, dass sie sich am Ort eines Verbrechens einfand.

»Die Frage ist eher: du hier?«

Sie schien ihre Lektion gelernt zu haben, nachdem wir uns bei meinem letzten größeren Fall andauernd ins Gehege ge kommen waren.

»Ich war zufällig in der Gegend.«

»Zufällig?«

»Du kennst mich doch. Ich ziehe solche Dinge an wie der Bachelor Frauen mit einem IQ, der kleiner ist als ihre Schuh größe, so rein numerisch gesehen …«

»Erspar mir den Quatsch!« Sie stemmte die Fäuste in die Seiten. »Was weißt du?«

Ich fasste meinen Wissensstand knapp zusammen, ließ aber das kurze Intermezzo mit Torben weg.

»Und das hast du alles ebenfalls ›zufällig‹ in Erfahrung gebracht?«

»Mehr oder weniger. Ich war auf dieser Party mit José …« Ich brach ab und biss mir auf die Lippen.

Sofort zeichnete sich ein säuerlicher Zug um ihren Mund ab. Fiona war nicht nur bei der Polizei, sie war auch Josés Ex.

»Weiter?«

»Da ist mir der Kapuzenträger zum ersten Mal aufgefallen, als er mit Pina Gilardi reden wollte. Sie haben sich kurz gestritten, dann hat sie ihn aber stehen lassen.«

»Hat er sie mit einem Messer angegriffen?«

»Hat man die Tatwaffe gefunden?«, hielt ich sofort dagegen.

»Ich habe zwar zuerst gefragt, aber nein, keine Tatwaffe. Und dass jemand etwas gesehen hat, bezweifle ich, bis jetzt hat sich jedenfalls niemand gemeldet. Aber die Kollegen werden gleich mit den Befragungen beginnen. Jetzt du.«

Ich zögerte. »Ich konnte die Tat nicht beobachten, dazu waren die beiden zu weit weg. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der Kapuzenträger der Angreifer war. Die beiden haben zwar auf der Party gestritten, doch kurz vor der Attacke sah ich die Gilardi und den Typen gemeinsam die Langstrasse entlanglaufen. Da unterhielten sie sich angeregt, kein Anzeichen von schlechter Stimmung. Kurz danach kam der Kapuzenmann alleine zurückgerannt. Ich habe ihn verfolgt, doch er war zu schnell.«

Konzentriert hörte Fiona zu und machte sich Notizen.

Ich wollte gerade erleichtert aufatmen, als sie sich nochmals an mich wandte: »Wo ist José?«

»Nach Hause gegangen, nehme ich an«, sagte ich vage und Miranda, die sich bislang aus der Befragung rausgehalten hatte, bestätigte dies eifrig.

Fiona sah uns beide angewidert an. »Klar.«

»Wird sie’s schaffen? Die Gilardi?«, wechselte ich rasch das Thema.

»Ihr Zustand ist kritisch, sie hat viel Blut verloren. Genaueres können aber erst die behandelnden Ärzte sagen.«

»Hältst du mich auf dem Laufenden?«

Fiona warf einen wachsamen Blick zu den anderen Polizisten, dann schüttelte sie bestimmt den Kopf. »Vijay, ich kann das nicht mehr. Ich hätte es schon beim letzten Mal nicht tun sollen, das weißt du ganz genau.«

»Ich verstehe.«

»Du wirst es aus der Zeitung erfahren. So oder so.«

Da hatte sie natürlich recht. Ich würde auch ohne ihre Hilfe herausfinden, ob es die Gilardi geschafft hatte – oder nicht. Und ob die Polizei den Täter dingfest machte. Eigentlich ging mich das Ganze überhaupt nichts an.

»Na dann, viel Glück bei der Mörderjagd«, verabschiedete ich mich und Fiona lächelte müde.

»Was ist jetzt mit diesem Schlummertrunk?«, wollte Miranda wissen, sobald wir außer Hörweite waren, und ich forderte sie mit einer Kinnbewegung auf, mir zu folgen.

Sonntag

»Wo warst du die ganze Nacht?«, fuhr mich Manju an, kaum hatte ich unsere Zweizimmerwohnung an der Dienerstrasse betreten.

Sie lehnte am Schreibtisch, der seit sechs Jahren das Kernstück meines Detektivbüros bildete, und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie schien ziemlich angesäuert.

»Ich warte jetzt schon über eine Stunde hier, der Picknickkorb ist längst gepackt, nur von dir keine Spur! Ans Telefon gehst du auch nicht …« Sie riss die Hände in die Luft und schnaufte gereizt.

Großartig, dachte ich, das wird sicher ein toller Ausflug. Wir hatten noch nicht einmal die Wohnung verlassen und gerieten schon aneinander.

Ich rechtfertigte mich matt, ich hätte schon mal den Wagen getankt und sei dabei in den üblichen Stau an der Langstrasse geraten. Was natürlich nicht stimmte. Nach einem Seitenblick wurde mir klar, dass sie mir auch kein Wort glaubte. Am Sonntagmorgen herrschte nie Stau in diesem Quartier, das wusste auch Manju.

Ich kam nicht umhin, ihr zu beichten, dass aus dem einen Schlummertrunk gestern Abend ein halbes Dutzend geworden und Miranda und ich im Anschluss in meinem hellblauen Käfer noch ins Hive, einen angesagten Klub im Industriequartier, gefahren waren.

Verpeilt wie ich nach der kurzen Nacht auf Mirandas Sofa immer noch war, hatte mir vorhin einfach nicht mehr einfallen wollen, wo im Quartier ich den Wagen nach unserer Rückkehr hatte stehen lassen. Zudem hatte ich mein Handy darin vergessen, weshalb ich das halbe Dutzend verpasster Anrufe viel zu spät entdeckt hatte.

»Es tut mir leid«, murmelte ich zerknirscht, denn das entspannte erfahrungsgemäß kritische Situationen wie diese.

Tatsächlich lockerte sich Manjus Haltung auf meine deutlich zur Schau gestellte Reue hin ein wenig, ihre Mundwinkel zuckten versöhnlich. Doch nachdem ich schon erleichtert aufgeatmet hatte und mich freute, unseren gemeinsamen Tag nicht versaut zu haben, machte ich einen weiteren gravierenden Fehler.

»Aber lass doch die Fressalien hier, die haben dort ein wun derbares Restaurant«, bemerkte ich unbedacht, als sie nach dem Korb griff.

Einen Wimpernschlag später knallte das Teil auf den Boden, sodass das darin verstaute Geschirr empört klirrte. Manju funkelte mich aufgebracht an. Fressalien? Ob ich eigentlich noch bei Trost sei? Sie sei doch nicht in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um in ihrer Restaurantküche frische Samosas und Pakoras zu backen, Chapatiwraps mit Tandoorihühnchen und Joghurtsoße zu füllen und Chai aufzubrühen, nur damit wir jetzt alles hier stehen ließen. Da hätte sie die Zutaten ja gleich in den Mülleimer kippen und sich damit den ganzen Aufwand sparen können.

»Das habe ich nicht bedacht«, meinte ich zerknirscht.

Sie schnaubte. »Das ist genau das Problem! Du siehst nur deine Aufträge, wenn dein Gehirn nicht gerade von einem Alkoholexzess vernebelt ist. Alles andere ist dir egal!«

»Du bist mir nicht egal«, verteidigte ich mich.

»Leere Worte!«

»Ich wollte dich zum Essen einladen!«

»Der Korb kommt mit!«

Wenn sie den Unterkiefer so entschlossen vorschob wie jetzt, wusste ich, dass jeder Einwand zwecklos war. Obschon ich selbst Inder war – mit Schweizer Pass zwar, aber einer eindeutig indisch geprägten Erziehung –, hatte ich nie verstanden, weshalb meine Landsleute stets taschenweise Proviant mit sich herumschleppten, egal, wie kurz die Reise war und wie viele Verpflegungsmöglichkeiten es vor Ort gab. Vor Schulausflügen hatte mir meine Mutter den Rucksack stets bis obenhin mit Stullen und Naschereien vollgestopft – als hätte die Klasse vor, die Wüste Sinai zu durchqueren und anschließend das Rote Meer. Und Manju verhielt sich gerade, als ob man an einem Sonntagnachmittag in der Umgebung Zürichs jederzeit in eine Situation geraten könnte, in der man, komplett von der Umwelt abgeschnitten, ums nackte Überleben kämpfen musste und uns einzig der vermaledeite Picknickkorb davor bewahren würde, ausgehungert über unsere Mitmenschen herzufallen. Aber ich hielt die Klappe, die Stimmung war eh schon im Arsch.

Es wurde eine schweigsame Reise. Während wir über die Auto bahn nordwärts fuhren, trollten sich die allerletzten Regenwolken und herbstlicher Sonnenschein überzog die Felder mit einem goldenen Leuchten. Eine Wohltat nach dem miserablen Wetter der letzten Tage. Kurz nach Glattfelden las Manju mir ein paar Informationen zum Rheinfall vor, die sie im Internet recherchiert hatte, danach herrschte wieder ange spannte Stille im Wagen.

Obschon wir seit geraumer Zeit eine größere und gleichwohl bezahlbare Wohnung suchten, waren wir bislang nicht fündig geworden. Die ›Aufwertung‹ unseres Quartiers, wie man in scheinbar fürsorglichem Ton den gezielten Umbau von billigem Wohnraum zu schicken und entsprechend pro fitableren Appartements nannte, schritt unaufhaltsam voran und mittlerweile war es beinahe unmöglich, eine Unterkunft zu einem vernünftigen Preis in zentraler Lage zu finden. Noch war ich nicht bereit, aufs Land zu ziehen, doch angesichts der sich zuspitzenden Situation entsetzte mich der Gedanke nicht mehr ganz so sehr wie noch vor einigen Monaten.

Unmöglich konnten wir dauerhaft in meiner alten Zweizimmerwohnung bleiben, die mir gleichzeitig als Büro diente und wo Manju ebenfalls viel Planungsarbeit für ihr Restaurant und den Cateringbetrieb erledigte. Seit wir zusammenlebten, rieben wir uns tagtäglich aneinander auf, unser Umgangston war oft gereizt, manchmal sogar verletzend, und wir regten uns über Kleinigkeiten wie falsch eingeräumtes Besteck oder herumliegende Socken auf. Winzigste Fehler des anderen brachten uns jäh zur Weißglut, lächerliche Dinge zum Teil, über die wir früher großzügig hinweggesehen hätten. Wir zofften uns auch häufiger und vor allem heftiger. In den letzten Wochen hatte ich sogar einige Nächte auf dem Sofa verbracht, weil ich Manjus Nähe im Schlafzimmer nicht mehr ausgehalten hatte. Oder sie meine. Die Unterkunft war schlicht zu eng für zwei Menschen. Wenn wir nicht bald etwas an unserer Wohnsituation änderten, brachten wir unsere Beziehung ernsthaft in Gefahr.

Doch noch waren wir kompromissbereit und nach einigem Hin und Her einigten wir uns darauf, erst einen Kaffee im Restaurant des Schloss Laufen zu trinken, uns dann, wie geplant, die Rheinfälle anzusehen und anschließend ein indisches Picknick an einem lauschigen Plätzchen am Ufer des Flusses zu veranstalten.

Meine Stimmung hellte sich zunehmend auf. Weiße Tisch decken und ein offener Kamin sorgten im Castello für ein gemütliches Ambiente und nach etwas Überzeugungsarbeit meinerseits stimmte Manju sogar zu, ein Stück Apfelstrudel mit Vanillesoße zum Espresso zu bestellen. Wir plauderten entspannt und zum ersten Mal seit Wochen hatte ich den Eindruck, dass wir uns wirklich aufeinander einließen und uns gegenseitig zuhörten. Mirandas Tipp mit den gemeinsamen Unternehmungen zwecks Beziehungsfestigung funktionierte tatsächlich. Zumindest dachte ich das zu dem Zeitpunkt noch.

»… und um einen hysterischen Anfall Madames abzuwenden, habe ich im Globus unverzüglich weißen Trüffel besorgt und über den Pilaw gehobelt. Die Gänseleber gab’s kurz angebraten zu einem roten Zwiebelchutney aus Südindien. Madame war entzückt und konnte so vor ihren Konkurrentinnen demonstrieren, dass sie für den Wohltätigkeitsempfang keine Kosten gescheut hat.« Verständnislos schüttelte Manju den Kopf.

Während sie von den Herausforderungen mit ihrer teilweise komplizierten Kundschaft berichtete, wurde mir klar, dass wir uns mit ganz ähnlichen Problemen herumschlugen. Auch meine Klientel konnte sehr anspruchsvoll sein. Alles sollte möglichst unverzüglich geschehen und selbstverständlich durfte es nichts kosten. Doch mein Job als Privatdetektiv gewährte mir auch immer wieder seltsame Einblicke in die Psyche der Menschen. Ich erzählte ihr die Geschichte von der Frau, die ihren untreuen Ehemann von mir hatte beschatten lassen, um ihm dann – sobald sie von mir erfahren hatte, wer sie war – die Geliebte auszuspannen. Eine besonders hinterhältige Art der Rache.

Manju lachte auf. Es tat gut, sie endlich wieder einmal so gelöst zu sehen. In letzter Zeit hatte sie oft abgekämpft gewirkt, ihr Gesicht war schmaler geworden, die Züge traten schärfer hervor. Die Arbeit hatte ihr aber auch Selbstbewusst sein verliehen und wenn es erforderlich war, konnte sie sehr bestimmt auftreten. Längst war sie nicht mehr das schüchterne Mädchen, das mir meine Mutter vor sechs Jahren zwecks Heirat und Nachwuchsproduktion vorgestellt hatte, sondern eine Frau, die wusste, was sie wollte und was sie wert war. Eine Frau, die mir auf Augenhöhe begegnete und in keiner Form von mir abhängig war.

Während ich sie jetzt so musterte, wurde mir bewusst, wie viel sie mir gerade deswegen trotz unserer Querelen bedeutete.

»Entschuldige«, sagte Manju nach einem kurzen Blick auf ihr vibrierendes Mobiltelefon. »Den Anruf muss ich annehmen.«

Ich bedeutete ihr, dass das kein Problem sei, und griff nach der Sonntagszeitung, die auf dem Nebentisch lag. Flüchtig blätterte ich sie durch, doch noch stand kein Wort über die Attacke auf Pina Gilardi drin. Der Vorfall hatte sich deutlich nach Redaktionsschluss ereignet. Dafür entdeckte ich auf der vierten Seite ganz unten einen kleinen Bericht über eine Demonstration in Mumbai. Vor wenigen Tagen war erneut eine junge Frau Opfer einer Vergewaltigung geworden. Erste Untersuchungen hatten ergeben, dass man sie nach der Tat mit einem Wagen überfahren und danach in einen Straßengraben geworfen hatte. Der oder die Täter konnten bislang nicht gefasst werden und die hauptsächlich weiblichen Demonstranten forderten von der untätig wirkenden Regierung einen besseren Schutz für Frauen und rigorose Strafen für die Täter.

Ein paar Wortfetzen auf Hindi lenkten mich von der Lektüre ab. Gerade nahm eine vierköpfige indische Familie umständlich am Nebentisch Platz. Die Rheinfälle waren ein beliebtes Ausflugsziel für Asiaten auf Europareise. Das Familienoberhaupt hatte sich kaum gesetzt, als es schon nach der Bedienung rief, und weil diese nicht unverzüglich alles fallen ließ und herbeieilte, schnippte der Mann ungeduldig mit den Fingern, bis sie ihn endlich bemerkte.

Unauffällig feixend beendete Manju ihr Gespräch.

Der Typ trug ein kariertes Hemd und eine bordeauxrote Anzughose, das Haar war schütter und notdürftig über die beginnende Glatze gekämmt. Seine Frau war so unauffällig, dass sie beinahe unsichtbar wirkte, der dickliche Junge im Teenageralter versteckte sich hinter einem iPad und die aus nehmend hübsche Tochter um die zwanzig blickte blasiert zum Fenster hinaus.

Der Mann schnippte erneut, worauf ihm die Kellnerin leicht ungehalten zu verstehen gab, dass sie noch mit anderen Gästen beschäftigt sei. Das schien ihm nicht einzuleuchten. Kopfschüttelnd wandte er sich ab. Sein Blick blieb an Manju und mir hängen. »Sind Sie aus Indien?«, gab er sich mit einem Mal leutselig.

Manju, die auf derselben Tischseite saß wie er, verdrehte die Augen, worauf ich lachen musste und der Mann mich irritiert fixierte.

»Was ist daran so witzig?«

»Nichts«, bemühte ich mich um Ernsthaftigkeit. »Und ja, wir sind aus Indien, allerdings leben wir in der Schweiz.«

»Tipptopp! Gehen Sie ab und zu nach Hause?«

»Jeden Abend nach getaner Arbeit.«

Verärgert runzelte er die Stirn. »Ich rede von Indien.«

»Sie haben ›nach Hause‹ gesagt und das ist für mich hier«, erwiderte ich, worauf er mich verständnislos anguckte.

»Aber Sie sind doch Inder.« Als suche er bei ihr die Bestätigung für meine Aussage, wandte sich der Mann Manju zu.

Doch von dieser Seite war auch keine Unterstützung zu erwarten, denn meine Freundin spielte gerade unterwürfige indische Hausfrau und starrte mich mit einem wie leer gewisch ten Gesichtsausdruck und großen Augen an, als brächte sie ohne meine ausdrückliche Erlaubnis keinen einzigen eigenen Gedanken zustande. Dazu wackelte sie unablässig mit dem Kopf, als sei sie nicht ganz bei Sinnen. Das beste Mittel, um Diskussionen wie dieser aus dem Weg zu gehen. Wie ich sie in diesem Moment beneidete!

»Das ist sicher Ihre Frau? Tipptopp!«

»Nein, meine Freundin.«

»Ach, Sie sind nicht …?«

»Nein.«

»Aber sicher werden Sie beide bald …?«

»Nein.«

»Und Ihre Eltern?«

»Haben sich damit abgefunden.«

»Kinder?«, fragte er mit dünner werdender Stimme.

»Um Gottes Willen!«