Umschlag

Lucie Flebbe

Das fünfte Foto

Kriminalroman

Die Autorin

Lucie Flebbe kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief (noch unter dem Namen Lucie Klassen) mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als beste Newcomerin in der Sparte ›Romandebüt‹ ausgezeichnet. Es folgten: Hämatom, Fliege machen und 77 Tage.

www.lucieflebbe.de

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Ich danke herzlich …

 

Sämtliche Personen und Geschehnisse sind frei erfunden.

 

Klick.

Was für ein Kiefer! Messerscharf und stark genug, ein menschliches Bein durchzubeißen, verengt er sich zu einem gewaltigen, moosbewachsenen Schnabel.

Ein Ungeheuer aus der Urzeit. Bis heute hat es unentdeckt überlebt. Seine kleinen, kalten Augen starren direkt in die Linse. Welch außergewöhnliches Motiv!

Ein herausragendes, ein einzigartiges Bild!

Eine Sensation!

1.

»Ich bin mir sicher, dass sie tot ist.«

Die geflüsterten Worte waren garantiert nicht für meine Ohren bestimmt. Trotzdem wanden sie sich zwischen Gemurmel und Schlagermusik hindurch in mein Bewusstsein.

»Das sagt mir mein Bauchgefühl, Lenny. Sie ist tot.«

Das Gekicher von Lena, Karo und Franzi verschwamm mit den Hintergrundgeräuschen, während das Gespräch am Nebentisch meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Kriminalkommissar Lennart Staschek saß Rücken an Rücken mit Lena, die zufällig nicht nur seine Tochter, sondern auch meine beste Freundin war. Von meinem Platz aus hatte ich ihn im Blick. Der Tisch, an dem er saß, stand direkt vor der blank polierten Theke aus dunklem Holz, hinter der Molle Biergläser abspülte. Nicht weit genug weg, wenn das Gespräch, das der Kommissar führte, ungehört in der Geräuschkulisse der Kneipe versickern sollte.

Ich jedenfalls konnte problemlos mithören, während meine Freundinnen aufgeregt diskutierten, ob es sich bei einem Rempler in der U-Bahn um eine Anmache handeln könne. Gedankenverloren nippte ich an meinem Sektglas, die Unterhaltung am Nebentisch schien die interessantere zu sein.

»Ich nenn das mal ein Gerücht«, antwortete Staschek jetzt skeptisch. »Ein ziemlich gewagtes, denn einen Beweis sehe ich nicht. Für mich klingt das nach ein paar gelangweilten Hausfrauen, die Miss Marple spielen, um ein bisschen Abwechslung vom Kochen und Putzen zu bekommen, Matze.«

Der Spott in seiner samtweichen Stimme war nicht zu überhören. Der Leiter der Mordkommission strich durch seine dicken, kastanienbraunen Haare, lehnte sich mit seinem Bier in der Hand zurück und streckte die langen Beine unter dem Tisch aus. Sein zerknautschter Mantel verlieh ihm den Charme eines Siebzigerjahreermittlers. Mit seinem Aussehen und seinem leicht verstaubten Sexappeal hätte Lennart Staschek eher in eine entsprechende Fernsehserie gepasst als in eine schmuddelige Kneipe im Bochumer Stadtteil Stahlhausen.

»Verrenn dich nicht, Matze.« Staschek platzierte sein Bierglas zwischen grinsenden Osterhasen, bunten Plastikeiern und dem giftgrünen Ziergras, das Molle eigentlich schon vor einer Woche hätte wegräumen können.

»Ich bin nicht bescheuert, Lenny. Zuerst hab ich auch gedacht, es wird Zeit, dass Katrin wieder arbeiten geht, damit sie aufhört, anderen Leuten hinterherzuspionieren«, gestand der Fremde schulterzuckend. »Aber mittlerweile ist unsere Nachbarin seit drei Wochen verschwunden. Der Ehemann weicht allen Fragen aus. Und es stimmt schon, was Katrin sagt. Dass es in letzter Zeit heftig Zoff gab bei denen. In den alten Reihenhäusern kriegt man ja immer mit, was nebenan los ist. Ich habe ein ganz mieses Gefühl bei der Sache.«

Stascheks Begleiter saß dem Kriminalkommissar gegenüber, ich konnte ihn in Ruhe betrachten. Er war ein kantiger Kerl in Jeans, ein dunkler, an den Enden nach oben gezwirbelter Schnurrbart teilte sein Gesicht in zwei gleich große Hälften: oben Augenpartie samt einer kurzen Nase, unten ein lang gezogenes Kinn. Seine kräftigen Hände fummelten an den Fransen von Molles rot karierter Tischdecke.

»Ich will mich nicht lächerlich machen, Lenny …«

Der Typ war auch ein Bulle, mutmaßte ich spaßeshalber.

Zwar genoss ich es, neuerdings Freudinnen zu haben, mit denen ich Hühnertreffen wie dieses veranstalten konnte. Doch begriff ich nicht, warum ein Grobmotoriker, der in der U-Bahn Frauen umrannte, ein Grund für eine halbstündige Diskussion sein konnte. Lag wohl daran, dass ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens eine Außenseiterin mit lila Haaren gewesen war und mir in Frauengesprächen einfach die Übung fehlte.

»Dabei hatte ich diese Jeans an, in der mein Hintern aussieht, als gehört er zu einem Nilpferd«, zweifelte Franzi.

Lena und Karo widersprachen prompt. Mein Blick wanderte kurz über die Mädchen. Lena war groß und schmal, mit den schönen Augen, dem dicken Kastanienhaar und der unaufdringlichen Eleganz ihres Vaters. Karo trug zu ihrem blonden Pferdeschwanz und dem grellgrünen Minirock ein T-Shirt mit Stinkefingeraufdruck. Zwischen den beiden wirkte Franzi pummeliger, als sie tatsächlich war.

Ich hatte eine vage Ahnung, dass mir die wahre Bedeutung des U-Bahn-Rowdys verborgen bleiben würde. Meine Gedanken fokussierten sich wieder auf Stascheks Begleiter. Möglicherweise handelte es sich um einen Kollegen, den der Kommissar auf ein Feierabendbierchen mitgebracht hatte.

»Ich will keiner der Idioten sein, die erstaunt herumstottern, wenn die seit Monaten tote Nachbarin halb verwest in der Wohnung gefunden wird. Dazu bin ich schon zu oft zu solchen Fällen gerufen worden.«

Bingo, ein Bulle. Ich schnalzte mit der Zunge.

Staschek sah sich über die Schulter nach mir um.

Rasch griff ich mein Sektglas und nickte zu irgendwas, was Franzi mit geröteten Pausbacken über den U-Bahn-Schubser erzählte.

Der Kriminalkommissar wandte sich wieder an seinen Gesprächspartner. »Die Kripo wird jedenfalls nicht deinem Bauchgefühl hinterherermitteln, Matze. Verschwundene Erwachsene suchen wir nur, wenn eine begründete Gefahr für Leib und Leben besteht. Das weißt du selbst. Aber bedroht wurde deine Nachbarin anscheinend nicht und eine Suizidabsicht hat sie auch nicht geäußert.«

Der Mann namens Matze schüttelte den Kopf.

»Eine Möglichkeit gibt es allerdings, wenn eure Nachbarin deiner Frau und dir so am Herzen liegt«, fuhr Staschek fort.

Sein Begleiter ließ sein Glas sinken.

»Drück der jungen Dame da drüben ein Bündel Scheine in die Hand. Dann findet sie die Verschwundene für dich.« Staschek rückte mit seinem Stuhl ein Stück herum und deutete mit dem Kopf auf mich. »Sie lebt zufällig davon.«

Ups.

Der Fremde sah erstaunt zu mir herüber.

»Das ist Lila Ziegler von der Detektei Danner und Ziegler«, stellte Staschek mich gleich vor.

»Ben Danners neue Partnerin?«, hakte der andere Polizist gleich nach. Offenbar war er über mich besser informiert, als ich über ihn.

Staschek nickte. »Ich gehe davon aus, dass sie schon mitbekommen hat, worum es geht.« Der Kriminalkommissar winkte mir zu. »Komm kurz mal rüber, Lila.«

Ich? Ich sollte mit einem möglichen Auftraggeber sprechen? Seit wann war ich dafür zuständig?

Meine Augen flitzten durch das Lokal in der Hoffnung, dass sich mein Freund und Boss Ben Danner mithilfe einer futuristischen Beamtechnik in der Mitte des Raumes materialisierte.

Was natürlich nicht passierte, denn er war noch keine halbe Stunde weg und die Runde um den Stadtpark joggte er präzise in der immer gleichen Zeit von sechsundvierzig Minuten.

Sollte etwa ich mit dem potenziellen Klienten verhandeln? Noch dazu mit einem Polizisten? Einem Spezialisten in Sachen Ermittlungsarbeit?

Zögernd stand ich auf. Dabei begegnete mein Blick meinem Spiegelbild hinter den Spirituosen im Regal über dem Tresen. Eine echtblonde Gerade-mal-Zwanzigjährige blinzelte mit erschrocken aufgerissenen, blauen Augen zurück. Meine kurzen Haarfransen hatte ich hinter meine Ohren geklemmt, was mein Kindergesicht mit dem spitzen Kinn und der noch spitzeren Nase viel zu jung wirken ließ. Der lila Wollpulli schlabberte bis an die Knie meines schmalen Körpers. Mein Name ist Lila, ich bin zwanzig Jahre alt und wünschte, ich wäre schon vierzig.

»Lila, nun komm!« Staschek ruderte mit den Armen, als wollte er einen Ozeanriesen in eine Parklücke in der Innenstadt lotsen.

Seufzend stellte ich mein Glas auf den Tisch und setzte ein ahnungsloses Gesicht auf.

Zwanzig Minuten später betrat Ben Danner die Kneipe. Er zog die dunkle Mütze von seiner Glatze und stopfte sie in die Tasche. Zur schwarzen Jogginghose trug der Boss unserer gemeinsamen Detektei ein gleichfarbiges T-Shirt, dessen Ärmel an seinen Oberarmen spannten.

Lena, Karo und Franzi waren mittlerweile reichlich angeheitert, ich selbst hingegen ziemlich ernüchtert.

Danner trat verschwitzt, aber nicht außer Atem hinter mich an den Tisch von Staschek und seinem Kollegen, der sich inzwischen als Matthias Hesskamp vorgestellt hatte. Ich spürte die Wärme von Danners Körper in meinem Rücken, noch bevor er mir eine Hand auf die Schulter legte. Bemerkte die Geruchsmischung von Schweiß und Aftershave. Passend zu Dreitagebart und Bizeps. Ein halbes Jahr dauerte meine heftige Affäre mit meinem deutlich älteren Chef bereits an. Und sein schmuddeliger Hafenarbeitercharme zeigte noch immer prompt seine Wirkung.

Während Danners linker Daumen unter den Kragen meines Pullis fuhr und ein in diesem Moment unangebrachtes Herzklopfen verursachte, schüttelte er mit der Rechten Hesskamp die Hand.

»Matthias«, begrüßte er den Polizisten, der ihm offensichtlich keineswegs fremd war. Das war keine Überraschung, schließlich war Danner früher selbst Polizist gewesen und ging noch heute im Präsidium ein und aus.

»Hab gehört, du bist jetzt Dorfpolizist in Gerthe.« Danner zog sich einen Stuhl heran. »Da kannst du ja mit deinen Kindern zu Mittag essen. Was treibt dich hierher?«

Hesskamp deutete auf Staschek: »Lenny.«

Ich kochte vor Wut, weil Danner vollkommen selbstverständlich das Gespräch übernahm. Obwohl bis vor zwei Sekunden doch ich für unsere Detektei gesprochen hatte. Und ich ließ mich auch noch selbst von ihm ablenken. Ich war kein bisschen besser als die Hühner am Nebentisch.

Danner gab Staschek eine Kopfnuss: »Wenn deine Frau mitkriegt, dass du Lila anbaggerst, wird die Scheidung teuer, Alter.«

»Deine Sprüche waren schon mal besser«, rempelte Staschek bereitwillig zurück.

Ich kam mir vor, als wäre ich zwischen ein paar U-Bahn-Drängler geraten. Aber eins war klar: Von mir gab es kein schüchternes Lächeln zur Belohnung. Stattdessen drückte ich Staschek einen Kuss auf die babyarschglatt rasierte Wange.

»Wenn du nicht petzt, gibt es keine Zeugen«, erklärte ich Danner.

Hesskamp zog die Brauen hoch, Staschek grinste dümmlich, Danner schnaufte verächtlich. Ich hatte die Aufmerksamkeit der Herren zurückerobert. »Lenny hat Arbeit für uns«, sprach ich weiter, bevor sich das erneut ändern konnte.

Danner musterte Staschek mit zusammengekniffenen Augen: »Sind die Exkollegen so schnarchnasig geworden, dass du jetzt schon Privatdetektive engagieren musst, um mal wieder einen Ermittlungserfolg vorweisen zu können?«

Nachdem er das ausgesprochen hatte, fiel ihm anscheinend ein, dass auch Matthias Hesskamp zu den Schnarchnasen gehörte. Er ergänzte: »Sorry, Matze. Du scheinst ja heute wach zu sein.«

»Genauer gesagt, will Herr Hesskamp uns beauftragen«, grinste ich. »Er vermisst seit drei Wochen eine Freundin aus der Nachbarschaft und fürchtet, ihr könnte etwas zugestoßen sein.«

Danners Blick wurde scharf: »Gibt es einen konkreten Grund für die Befürchtung?«

Hesskamp zuckte hilflos die Schultern: »Meine Frau glaubt, ja.«

Danner verzog keine Miene.

»Weil die Kripo nicht grundlos unbescholtenen Bürgern hinterherschnüffelt, sollt ihr das übernehmen«, brachte Staschek die Sache auf den Punkt.

»Meine Frau macht sich Sorgen«, rechtfertigte sich Hesskamp eilig.

Danner lehnte sich amüsiert zurück. »Dann bist du quasi gezwungen worden, uns zu beauftragen.«

 

Klick.

Sie liegt auf dem Küchentisch. Nackt. Zwischen den Schälchen, in denen noch die Frühstücksflakes der Kinder schwimmen. Die Beine streckt sie in die Luft, ihre Füße in sein Gesicht, während er es ihr besorgt.

Schöner Schnappschuss.

2.

Danner lenkte seinen riesengroßen und uralten Geländewagen am Rewirpower-Stadion und der JVA vorbei, von der Castroper Straße auf den Castroper Hellweg in Richtung des Bochumer Stadtteils Gerthe, wo Polizeiobermeister Matthias Hesskamp mit seiner Frau Katrin und zwei Teenagertöchtern lebte.

Während ich aus dem Fenster sah, überlegte ich, ob in Molles Kaffee versehentlich ein paar fröhlichbunte Pillen geraten sein konnten. Seit über einem halben Jahr lebte ich in Bochum, aber die Wörter ›grün‹ oder ›bunt‹ zur Beschreibung meiner Wahlheimat zu verwenden, war mir bisher nicht in den Sinn gekommen.

Bis heute.

Die sonst mindestens vierstöckigen Wohnblöcke der Innenstadt waren im Laufe der Fahrt zusehends niedriger geworden. Jetzt rollte die Schrottschüssel an einem alten Fachwerkgehöft vorbei, das genauso gut in einem Dreihundert-Seelen-Dorf vor Hannover hätte stehen können. Und dahinter – ich traute meinen Augen kaum – graste ein Pferd. Auf einer mit weißem Elektroband eingezäunten Weide.

An einem Schulzentrum bogen wir in die Schwerinstraße ein. Reihenhäuser säumten die Straße. Bunte Gebäudefronten mit Vorgärten so winzig, dass gerade eine Bank darin Platz fand. Sonnengelb, grün, blau, sogar vor einem schmutzigen Rot war man nicht zurückgeschreckt, um das eigene Reich kenntlich zu machen. Das Altrosa des Eckhauses war ebenfalls ein Hingucker. Den Asphalt der Fahrbahn hatten Kinder mit Straßenmalkreide verschönert.

Zumindest gab es hier kein Parkplatzproblem. Dank der überlangen Ladefläche, die Danners Schrottkiste anstelle eines Kofferraumes besaß, war in der Innenstadt kaum ein legaler Parkplatz zu finden – mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass beim Bau der Karre vor neunzehn Jahren von Umweltzonen noch keine Rede gewesen war.

Ich rumste die Tür mit aller Kraft zu, damit sie auch wirklich ins Schloss schnappte.

Dann hielt ich inne. Das allgegenwärtige Brummen der Stadt hatte sich entfernt und ich hörte – Vogelgezwitscher?!

Den ganzen langen Winter über war mir Bochum eng, verregnet und grau vorgekommen. Jetzt schien plötzlich die Sonne, für Mitte April war es ungewöhnlich warm.

Ich entdeckte frisch gestrichene Gartenbänke, farbig glasierte Keramikdeko und buntes Spielzeug. Eine junge Mutter legte ein Baby in den Kinderwagen und deckte es zu. Zwei andere Frauen unterhielten sich über ein niedriges Gartenzäunchen hinweg.

Idyllisch.

Danner war ein Stück vorausgegangen. Er steuerte auf die beiden Frauen zu. Ich beeilte mich, ihn einzuholen.

»Guten Morgen. Wir suchen Katrin Hesskamp«, sprach der Detektiv die beiden Frauen im Vorgarten an.

»Die haben Sie gefunden«, lächelte die Jüngere, die im vorletzten Garten vor einem blauen Stück Haus stand. Sie war Anfang vierzig, sportlich-schlank in Jeans und Turnschuhen, mit schulterlangen, dunklen Haaren und einem verschmitzten Lächeln, bei dem ihre Wangen nach oben rutschten. Sie hatte als Sekretärin im Polizeipräsidium gearbeitet, hatten wir von ihrem Mann erfahren. Seit der Geburt der ersten ihrer beiden Töchter vor mittlerweile vierzehn Jahren widmete sie sich allerdings ganz deren Erziehung.

Über den niedrigen Stahlzaun mit speerartig nach oben gerichteten Spitzen hinweg reichte Katrin Hesskamp Danner die Hand: »Dann müssen Sie Herr Danner und Frau Ziegler sein.«

Sie schüttelte auch meine Hand mit kräftigem Druck. Die Polizistenfrau war mir auf Anhieb sympathisch.

»Das ist meine Nachbarin Silvia Fromm«, stellte sie die Frau im Nachbargarten vor. »Sie ist ebenfalls eine gute Freundin der Vermissten. Wir haben uns überlegt, Sie gemeinsam zu beauftragen.«

Gute Idee, dann konnten sie sich unsere Rechnung teilen.

»Eigentlich war es auch Silvia, die der Sache auf die Spur gekommen ist«, fügte Katrin Hesskamp geheimnisvoll hinzu.

Die große Frau im Vorgarten des altrosafarbenen Hausteils war deutlich älter, wahrscheinlich über siebzig. Ihre weiße Bluse trug sie in den Hosenbund gestopft, wodurch die Speckrolle an ihrem Bauch gut zur Geltung kam. Einen Kontrast zu ihrer ergrauten Dauerwelle bildeten die roten Wangen, die sie erhitzt wirken ließen. Vermutlich litt sie unter erhöhtem Blutdruck.

Ich überlegte, was wohl ›der Sache auf die Spur gekommen‹ bedeutete. Klang nach einer Verschwörung mit den Ausmaßen der amerikanischen Ufo-Landungsvertuschung in der Area 51.

Katrin Hesskamp öffnete das Tor im Zaun und ließ Danner und mich in den Vorgarten. Den Weg zum Haus ebneten schicke, gelbe Sandsteinplatten in naturbelassener Form mit unregelmäßigen Kanten. Wir passierten einen Deko-Leuchtturm und einen plätschernden Feng-Shui-Brunnen, der wohl positive Energie verströmen sollte.

Die Nachbarin Silvia Fromm kletterte ungelenkig über das niedrige Gartenzäunchen, um uns zu folgen.

 

Klick.

Die Alte steht vornübergebeugt. Aufgestützt auf ihre Gehhilfe, weil sie sonst den Halt verliert. Ihre Haare sind so weiß wie ihr Nachthemd. Sie geifert und schreit. Auf dem Asphalt neben ihren Füßen blitzt die Klinge eines Messers im Licht der Straßenlaterne.

Die andere verschwindet in der Dunkelheit.

3.

Beim Reihenhaus der Hesskamps handelte es sich um eine optische Täuschung. Von außen war es nur eine schmale, hellblaue Häuserfront mit weißen Fenstern, eingeklemmt zwischen dem Altrosa der ungelenkigen Frau Fromm am Reihenende und dem Sonnengelb, hinter dem bis vor drei Wochen die nun vermisste Nachbarin gelebt hatte.

Doch im Haus der Hesskamps stieß ich auf deutlich mehr Wohnfläche, als ich erwartet hatte. Die untere Etage bestand aus einem einzigen Raum, einer Wohnküche. Eine offene Fachwerkattrappe trennte die Kochnische von der Wohnecke mit sandfarbenem Sofa und Esstisch. Hinter einer zweiflügeligen Terrassentür erweiterte ein Wintergarten mit Strandkorb den Raum optisch.

Einen Sekundenbruchteil lang blitzte in meiner Erinnerung ein anderes Wohnzimmer auf. Polierter Boden aus schwarz-weißem Marmor, eine Empore mit geschnitztem Geländer, die den Raum auf Höhe des ersten Stockwerks umrahmte, ein schwarz glänzender Flügel vor der zweiflügeligen Terrassentür.

Rasch lenkte ich meine Gedanken in die Gegenwart zurück, auf das Walross, das auf einem Holzbalken des Fachwerks saß. Genau gesagt, handelte es sich um ein grinsendes Walross, etwa zehn Zentimeter hoch. Aus Porzellan vermutlich. Im Wintergarten dahinter entdeckte ich eine Versammlung hässlicher, kleiner Ungeheuer. Sie sahen aus wie schrumpelnde Knollengewächse mit Fischschwänzen. Nach genauer Betrachtung kam ich zu dem Schluss, dass es sich höchstwahrscheinlich um Seehunde handelte, die ein Hobbybastler aus Blumenzwiebeln kreiert hatte. Auf der Rückenlehne des sandfarbenen Sofas lag – lang ausgestreckt, wie eine schlafende Schlange – ein Wal. Ein Modell aus Stoff, mit winzigen Flossen und so prall mit Schaumstoff vollgestopft, dass es an eine blaue Bockwurst erinnerte. Der Form nach zu urteilen, sollte es wohl den unter Türritzen hindurchpfeifenden Wind stoppen. Hier am Nordseestrand diente das Ding jedoch als Nackenrolle.

Auf dem Couchtisch bemerkte ich eine Meereslandschaft mit Muscheln. Katrin Hesskamp schien eine Frau mit viel Freizeit zu sein.

»Seit drei Wochen ist Bine jetzt schon weg. Oder nicht?«, erklärte uns Silvia Fromm bereits, während die Fischfreundin noch Kaffeetassen auf dem Couchtisch verteilte.

»Zweieinhalb würde ich sagen.«

»Eher drei. Aber sicher bin ich nicht. Ich schreibe mir ja nicht auf, ob ich meinen Nachbarn heute schon begegnet bin. Normalerweise sind wir uns mehrmals am Tag über den Weg gelaufen.«

»Hier. Das ist sie.« Katrin Hesskamp schob Danner und mir ein Foto hin.

Ein Schnappschuss von ihr selbst und einer Frau Anfang fünfzig, mit einem schmalen Gesicht und müde herunterhängendem, grauem Haar.

»Und man hört ja auch, ob jemand zu Hause ist«, fuhr die Fromm unbeirrt fort. »Die Wände sind so was von hellhörig. Lärmschutz war noch ein Fremdwort, als diese Zechensiedlung in den Fünfzigern gebaut wurde. Selbst zwei Häuser weiter bekommt man mit, wenn sich Bine und Alwin in den Haaren haben.«

»Gibt es oft Streit nebenan?« Danner steckte das Foto ein.

»Täglich«, nickte Silvia Fromm eifrig.

»Was heißt Streit?«, wandte Katrin Hesskamp ein. »Eigentlich hört man nur Alwin brüllen. Bine widerspricht kaum. Darüber regt er sich dann noch mehr auf.«

»Kann es nicht sein, dass Bine Kopelski ihren Mann verlassen hat?«, erkundigte ich mich.

»Das wüssten wir doch!« Die Wangen der Älteren leuchteten empört auf.

Wahrscheinlich war Silvia Fromm sogar über die Beischlafhäufigkeit der Nachbarin informiert. Womöglich sogar besser als deren Mann.

»Das dachten wir auch erst«, erklärte Katrin Hesskamp. »Aber jetzt trägt sie auch die Zeitungen nicht mehr aus. Dabei ist Arbeitslosigkeit ihre größte Angst.«

»Sie und Alwin waren bei Nokia, bis die dichtgemacht haben«, übernahm Silvia Fromm wieder das Wort. »Und Bine ist mittlerweile vierundfünfzig. Sie war froh, den Zustellerjob bekommen zu haben. Den Fall in die Sozialhilfe will sie um jeden Preis verhindern.«

Katrin Hesskamp löste einen mit Magneten am Kühlschrank befestigten Zeitungsausschnitt, um ihn uns als Beweis vorzulegen. »Am Wochenende stand das drin.«

Die Kleinanzeigen: Zusteller gesucht, Bochum-Gerthe. Eine Telefonnummer daneben.

»Erst war nur von einer Urlaubsvertretung die Rede, sagt der junge Mann, der übergangsweise für Bine eingesprungen ist.« Silvia Fromm hatte offenbar schon selbst nachgeforscht. Ihre Wangen glühten nun. »Aber Anfang der Woche hieß es dann plötzlich, Bine käme nicht mehr zurück. Da haben wir angefangen, uns wirklich Sorgen zu machen.«

Ich nahm den Zeitungsausschnitt in die Hand, um ihn genau zu betrachten.

»Auch, weil Alwin seit Wochen stramm ist«, beeilte sich Katrin Hesskamp einzuwerfen.

»Was ja nicht gegen eine Trennung sprechen muss«, fand Danner.

»Morgens schleppt er eine Kiste Bier in den Schrebergarten rüber, abends kommt er zurückgetorkelt. Es kommt mir vor, als wollte er nicht in der Wohnung sein«, Katrin Hesskamps Stimme zitterte.

Mir kam so viel Sorge um die Nachbarin ein wenig übertrieben vor. Trotzdem ließ ich den Zettel mit dem Jobangebot in meiner Hosentasche verschwinden.

»Was, wenn Bine seit Tagen tot in der Wohnung liegt?«, schwadronierte die Fromm. »Wir wollen nicht zu den Leuten gehören, die so etwas gar nicht mitbekommen.«

»Deshalb …« Katrin Hesskamp suchte nach Worten.

»Deshalb wollen Sie uns engagieren?!«, half Danner ihr weiter.

»Nee«, schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll, Silvia.«

»Wir hatten doch gar keine Wahl, Liebes«, schnaufte Silvia Fromm.

Danners Blick traf meinen. Er zuckte unmerklich die Schultern.

»Wir haben nachgesehen. Drüben«, gestand Katrin Hesskamp zerknirscht. »Ich hab einen Schlüssel, für Notfälle. Und weil ich die Fische füttere, wenn sie übers Wochenende ihre Mutter besuchen.«

»Sie sind bei den Kopelskis eingebrochen?«, brachte ich die Sache auf den Punkt.

Katrin Hesskamp nickte. »Und in der Küche …«

»Es war alles voller Blut!«, platzte die Fromm heraus.

»Nein«, korrigierte ihre Einbrecher-Kollegin hastig. »Es sah aus, als wäre alles voll Blut gewesen. Jemand hat gewischt, aber nicht besonders ordentlich. Überall waren getrocknete, rote Schmierspuren. Auf dem Tisch, dem Boden, an den Küchenmöbeln, in der Spüle.«

Oh.

»Man kann spüren, dass dort drüben etwas nicht stimmt«, flüsterte die Fromm. »Das ganze Haus hat eine unheilvolle Aura. Ich bin mir sicher, Alwin hat Bine umgebracht.«

»Haben Sie Ihrem Mann davon erzählt?«, wollte Danner wissen.

»Ja. Ich wollte gleich die Polizei verständigen«, erklärte Katrin Hesskamp. »Aber Matthias hat Fragen gestellt. Ob es nicht auch Ketchup gewesen sein könnte. Oder Rotwein, Tomatensoße oder rote Farbe. Solche Verwechslungen passieren häufig. Da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher. Für Matthias könnte das ziemlich peinlich werden.«

»Deshalb hat Ihr Mann versucht, Lennard Staschek für eine Ermittlung zu begeistern?«, erriet Danner.

»Es war meine Idee, mit so einer Lampe, die Blutspuren sichtbar macht, noch mal in die Küche zu gehen. Dann wüssten wir sicher, ob es sich um Blut handelt.«

»Sie meinen eine UV-Lampe«, nickte Danner. »Aber statt so ein Ding rauszurücken, hat Lenny Ihren Mann zu uns geschickt.«

Katrin Hesskamp zuckte betrübt die Schultern: »Und ohne UV-Lampe können auch Sie nicht beweisen, dass die Küche der Kopelskis tatsächlich voller Blut gewesen ist.«

Danner kratzte sich die Glatze: »Wer sagt, dass wir keine UV-Lampe haben?«

 

Klick.

Die Pizzafrau. Ein Rasseweib. Mitte zwanzig, aber schon eine erwachsene Frau. Lange, dunkle Locken, rote Lippen, üppige Rundungen.

Die Autoscheinwerfer beleuchten die Haustür, an der sie klingelt. Wieder eine Nummer 68 für Haus Nummer 68. Artischocken und Pepperoni.

4.

Mein Herz klopfte nervös. Ich konnte nicht glauben, dass wir das wirklich taten, als wir vor der Haustür Nummer 82 standen.

Nach dem Gespräch mit unseren Auftraggeberinnen waren Danner und ich erst mal zurück zur Detektei gefahren. Im Keller kramte Danner hinter Molles Konservendosen einen Kasten, der einer Autobatterie ähnelte, hervor. Daran befestigt war ein Kabel mit einer Stabtaschenlampe.

»Die neue Superlicht 400. Die findet jede noch so winzige Spur. Lenny hat damit geprotzt, als die Kripo die Dinger eingeführt hat. Hab wohl vergessen, ihm das Ding zurückzugeben.«

Gangster.

Als wir das zweite Mal an diesem Tag vor Kathrin Hesskamps Tür standen, wusste sie zu berichten, dass Alwin Kopelski inzwischen mit einer Kiste Bier in Richtung Schrebergarten verschwunden war. Sie stattete uns mit ihrem Ersatzschlüssel, Gefrierbeuteln und Spülhandschuhen aus gelbem Gummi aus.

Jetzt galt es, Detektivregel Nummer drei einzuhalten. Die lautete: Lass dich nicht erwischen.

Die beiden Hilfsschnüfflerinnen standen derweil vermutlich mit dem Ohr an der dünnen Zwischenwand, die das hellblaue Haus der Hesskamps von dem gelben der Kopelskis trennte.

Leise schloss Danner die Tür auf. Das Schloss klackte, die Angeln quietschten. So unauffällig es in einer Reihenhaussiedlung an einem Vormittag unter der Woche möglich war, schlüpften wir hinein.

Es dauerte einige Sekunden, bis sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten. Der Unterschied zum weitläufigen Nordseestrand der Hesskamps konnte nicht drastischer sein. Wir standen in einem düsteren Flur. Es roch muffig, nach altem Holz, Erde und nasser Kleidung. Fenster gab es nicht.

Danner drückte rasch die Haustür hinter uns zu und sperrte damit das letzte Licht aus.

Es war still.

Totenstill? Befanden wir uns am Ort eines Verbrechens? Einen Augenblick lang ahnte ich, was Silvia Fromm mit der unheilvollen Aura des Hauses gemeint hatte. Ich trat einen Schritt ins Dunkel und stieß mit der Schulter gegen etwas Kaltes, Weiches und Feuchtes, das raschelnd zu Boden rauschte.

»Scheiße, was ist das?«, zischte ich.

Mit einem Quietschen, das mir ohrenbetäubend laut vorkam, öffnete sich links von mir eine Tür. Tageslicht flutete den Flur und fiel auf eine Garderobe. Ein Berg aus Jacken, Mänteln und Taschen füllte den halben Gang. Ich war mit der Schulter dagegengestoßen und einige schmutzige Regenjacken hatten der Schwerkraft nicht länger widerstehen können.

Rasch hängte ich die durchnässten Klamotten wieder auf. Danner trat unterdessen durch die geöffnete Tür. An gleicher Stelle befand sich im liebevoll restaurierten Haus der Hesskamps die offene Kochecke.

Die Kopelskis hingegen hatten die Raumaufteilung beibehalten, wie sie vor Jahrzehnten für die Arbeiter der Zechen angelegt worden war. Die Küche war winzig, höchstens drei mal drei Meter groß. Eine alte Küchenzeile mit Gasherd nahm eine Wand ein, klobige Hängeschränke die zweite, unter dem einzigen Fenster mit Blick auf den Vorgarten stand ein Tisch, der zwei Personen Platz bot. Mir fiel die Tischdecke aus Plastik auf, die ausssah, als wäre sie neu.

Danner ging in die Knie.

Mein Blick wanderte ebenfalls zum Boden. Das PVC schien genauso alt zu sein wie das Haus. Schmutzig und abgelatscht war das gelbliche Fliesenmuster kaum noch zu erkennen. Wohl aber die dunklen Schmierspuren, die jemand halbherzig weggewischt hatte. Auch auf dem schmuddeligen Weiß der Küchenschränke entdeckte ich rotbraune Wischreste.

Ich schluckte. Schwer zu sagen, worum es sich bei dem verschmierten Zeug handelte. Es konnte alter Ketchup, Rotwein oder Erde sein.

Danner hatte sich wieder erhoben. Er zog die schweren, staubigen Gardinen zu. Dann richtete er die Stablampe auf den Boden und drückte einen Knopf am Gerät.

Mir stockte der Atem. Meine Nackenhaare richteten sich auf, die Haut zwischen meinen Schulterblättern zog sich fast schmerzhaft zusammen. Ich trat einen Schritt dichter an Danner heran, tastete nach seinem Arm, als wollte ich mich vergewissern, dass er noch da war, während mein Blick im Halbdunkel über den Fußboden glitt.

Der Boden leuchtete. Der gesamte Boden, wohin Danner die Lampe auch richtete.

»Scheiße«, staunte der Detektiv.

Am hellsten fluoreszierte das UV-Licht unter dem kleinen Küchentisch. Von dort zogen die Spuren durch den Raum, an der Küchenzeile hoch, bis in die Spüle. Erst oberhalb der alten steinernen Arbeitsplatte, an Wänden und Decke, gab es keine Blutreste mehr, die das blauweiße Licht hervorriefen.

Danner löste seinen Oberarm aus meiner Umklammerung und zog die Gardinen wieder auf. Die Frühlingssonne beendete den Spuk.

Ich stand immer noch wie erstarrt in der Küche.

»Unsere Auftraggeberinnen sind doch nicht unzurechnungsfähig«, bemerkte Danner sachlich.

»Was ist hier passiert?« Unbewusst flüsterte ich.

»Das herauszufinden ist unser Job.« Danner streifte sich Katrin Hesskamps Spülhandschuhe über, zog ein Taschentuch hervor und wischte damit über den Boden unter dem Küchentisch. Das Tuch färbte sich dunkel. Danner verstaute es in einem Gefrierbeutel.

»Wir sehen uns auch den Rest des Hauses an«, entschied er. »Nicht, dass die Leiche der Gesuchten im Keller liegt.«

Der Detektiv verschwand zielstrebig im Flur. Ich brauchte einen Augenblick länger, um mich aus meiner Erstarrung zu befreien. Obwohl ich mittlerweile ein halbes Jahr in dem Job arbeitete, war ich von Danners Kaltblütigkeit noch weit entfernt. Meine Knie wackelten ein wenig, als ich ihm folgte. Danner hatte sich bereits an dem Jackenberg vorbeigequetscht.

Ich hielt an der Garderobe inne. Sie war an der Holzverkleidung einer schmalen und sehr steilen Treppe befestigt, die in den ersten Stock hinaufführte. Doch mein Blick hing an der Schuhreihe unter der Kleidung. An mehreren Paaren klebte Erde. Sie verströmte den modrigen Geruch im Haus. Als hätte jemand im Matsch gestanden.

Danner lockerte durch einen kurzen Schlag mit dem Handballen den verklemmten Riegel einer schmalen Kellertür.

»Du wartest hier oben«, informierte er mich, während er am krümeligen Putz der Wand nach dem Lichtschalter tastete. Eine verstaubte Glühbirne flammte auf und beleuchtete eine steil in die Tiefe führende Holztreppe.

Der glaubte doch wohl nicht im Ernst, dass ich vor der Kellertür Sitz machte wie ein gut erzogenes Hündchen?

Danner hielt inne.

»Besser andersrum«, entschied er. »Du gehst runter, ich warte.«

Die wackligen Stufen der Kellertreppe knarrten bedenklich unter meinen Turnschuhen. Spinnweben bewegten sich sacht im gelben Schummerlicht der alten Glühbirne. Mit jeder Stufe schien der modrige Geruch stärker zu werden. Erde und Rost glaubte ich herauszuschmecken. Und den stockigen Geruch nasser Wäsche, die man seit guten zwei Wochen in der Waschmaschine vergessen hatte. Gammel.

War es wirklich nur die Feuchtigkeit, die ich wahrnahm? Oder noch etwas anderes? Der metallische Geruch ließ mich schaudern.

Am Ende der Treppe stand ich wieder in einem Gang mit zwei Holztüren. Ich öffnete die erste. Die rostigen Angeln kreischten. In der Finsternis erfühlte ich den Lichtschalter. Ich knipste eine weitere Birne an und – fuhr erschrocken zurück. Mein Herz machte einen Satz – vor mir stand ein Mann!

Ein großer, bärtiger Kerl mit buschigen Brauen und Haarfransen undefinierbarer Farbe. Seinem breiten Grinsen fehlte ein Schneidezahn. In der Lederweste sah er aus wie Grizzly Adams, der fröhliche Einsiedler aus den Schnulzenwesternfilmen der frühen Siebziger, nach einem ziemlich fiesen Winter.

Im Arm hielt Grizzly Adams eine magere, blasse Frau. Ich erkannte Bine Kopelski auf den ersten Blick. Die Ähnlichkeit mit dem Foto, das Katrin Hesskamp uns gegeben hatte, war offensichtlich. Das graue Haar der Frau hing von ihrem Mittelscheitel aus auf die Schultern hinab. Eine Frisur, die dazu diente, das Gesicht zu verbergen. Darunter bleckte die Frau eine Reihe großer Schneidezähne. Sah aus, als grinste mich ein Pferd an. Um den dünnen Hals trug sie eine altmodische Kette aus ungewöhnlich dunkel schimmernden Perlen.

Beide Gesichter waren leicht verschwommen und glänzten unnatürlich. Das lag an der Folie, auf die man die vergrößerten Fotos gedruckt hatte, um sie dann auf die Pappfiguren zu kleben. Bines Bild war nicht das Vorteilhafteste. Vermutlich das Produkt einer lustig gemeinten Aktion netter Freunde. In der Hand hielt das Papp-Paar ein Straßenschild mit rotem Rand und einer dicken schwarzen Fünfzig in der Mitte. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich tippte das Schild mit dem Finger an. Metall. Das Ding war echt. Dummerweise hinterließ mein Zeigefinger einen Abdruck in der dicken Staubschicht.

Mist.

Dank Katrin Hesskamps Spülhandschuh war es zwar kein eindeutig identifizierbarer Fingerabdruck, aber trotzdem schon mein zweiter Fehler nach dem zu Boden gestürzten Jackenberg. Als Einbrecherin war ich eine Fehlbesetzung. Daran musste ich arbeiten. Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken, das ganze Schild abzuwischen. Allerdings erregte ein blitzsauberes Straßenschild in dem dreckigen Keller womöglich weit mehr Aufmerksamkeit als nur ein Fingerabdruck.

Also ließ ich es bleiben.

Mein Blick schweifte durch den Gerümpelkeller. Stapelweise zerfledderte Kartons, aus denen Schallplatten und Videokassetten ragten, kaputte Gartenmöbel und geblümte Sitzauflagen. Videorekorder, Radios, Fernseher, ausrangierte Computer, Kabel und eine Mikrowelle – Technikschrott.

Keine Leiche.

Nichts wie raus hier. Schließlich gab es noch einen Kellerraum. Die zweite Tür öffnete sich mit einem Knarzen. Ein Schwall modrig-metallischen Gestanks schwappte mir entgegen.

Zweifellos befand sich die Quelle des Geruchs in diesem Raum! Mein Herzschlag wummerte wie die Bassbeats durch die Disco, als ich nach dem Lichtschalter tastete. Ich versuchte, mein angespanntes Nervenkostüm zu ignorieren. Ich hätte ja auch im Erdgeschoss warten können.

Als das Licht aufflammte, stand ich vor einem Wäscheberg. Hüfthoch erhob sich die Kleidung vor Waschmaschine und Trockner. Auf einer aufklappbaren Wäschespinne baumelten mehrere Handtücher und in der Ecke brummte die Gasheizung neben einer Kühltruhe.

Die Wäsche stank.

Ich schluckte trocken. Die obersten Handtücher waren dunkelrot-schwarz verkrustet. Blutdurchtränkt: Die Handtücher, mit denen die Küche gereinigt worden war.

Hinter mir klackte es. Nervös fuhr ich herum.

Doch es war nur die Gefriertruhe, die summend zu kühlen begann. Eine bemerkenswert geräumige Kühltruhe. Von den Ausmaßen einer Badewanne. Mindestens. Ein Mensch konnte sich bequem hineinlümmeln, um sich Abkühlung zu verschaffen. Oder hineingelegt werden. Um unfreiwillig abgekühlt zu werden.

Na schön. Ich hatte mich unbedingt im Keller umsehen wollen.