Umschlag

Rainer Wittkamp

Schneckenkönig

Kriminalroman

Der Autor

Rainer Wittkamp wurde in Münster/Westfalen geboren. Bereits während des Studiums der Kunstgeschichte, Soziologie und Theaterwissenschaft an der FU Berlin wirkte er als Regieassistent bei zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit. Danach arbeitete er als Producer, Dramaturg, Headwriter und Stoffentwickler für namhafte Produktionsfirmen, führte Regie bei Dokumentarfilmen und mehreren Fernsehserien. Seit Mitte der Neunzigerjahre schreibt er Drehbücher für Familienserien wie ›Unser Charly‹ und immer wieder Kriminelles (›Die Wache‹, ›SOKO Leipzig‹, ›SOKO Wismar‹). Schneckenkönig ist Wittkamps erster Kriminalroman.

Meiner Mutter Elisabeth Wittkamp gewidmet

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Ein letztes Wort des Autors

Vignette

»Du bist etwas Besonderes, etwas ganz Seltenes. Du bist ein Schneckenkönig.«

Er war fünf Jahre alt, als er diese Worte von der Oberschwester hörte. Doch er verstand sie nicht. Niemand schien die Worte zu verstehen. Auch nicht der Mann und die Frau, zu denen er Vater und Mutter sagte.

Der Assistenzarzt versuchte, ein EKG zu erstellen, bekam aber keine Daten. Er klopfte auf die Elektroden, zog an den Kabeln, vergeblich. Er zögerte, wusste nicht, was er machen sollte.

Die Pflegeeltern schauten sich an, wütend, ungeduldig. Immer Probleme mit dem Jungen.

Die Oberschwester nahm den Assistenzarzt beiseite. Er war überrascht, erlebte so etwas zum ersten Mal. Hantierte umständlich am Elektrokardiografen, diagnostizierte schließlich einen Situs inversus. Eine seltene anatomische Besonderheit, bei der sich die Organe auf der falschen Körperseite befinden. Herz, Leber, Milz, alles spiegelverkehrt.

Seine Pflegeeltern waren geschockt. Spiegelverkehrt? Der Junge ein Monster?

Die Oberschwester wehrte ab. Nein, nein, alles in Ordnung, nichts Krankhaftes. Lieben Sie Ihren Sohn wie bisher.

Doch für die Pflegeeltern stand fest, dass er nicht normal war. Sie hängten ihm ein Schild um den Hals, ein Blechtäfelchen an einer kratzigen Kordel: Situs inversus – Achtung! Spezielle Behandlung! Von da an war ihm in jeder Sekunde bewusst, dass ihn etwas von den anderen Menschen unterschied. In jeder Sekunde, in der das Blechtäfelchen unter dem Hemd auf seiner Brust scheuerte. Situs inversus. Eine Anomalität, die ihn in den Augen der anderen zu einem Monster machte, zu einem menschlichen Schneckenkönig. Das Haus eines Schneckenkönigs ist nach links gewunden, andersherum als bei gewöhnlichen Schnecken. Ihm jedoch konnte man seine Anomalie nicht ansehen, bei ihm fand alles im Inneren statt. Das Regelwidrige war versteckt.

Aber seine Pflegeeltern wussten es, fanden ihn unheimlich, ließen ihn seine umgedrehte Lage, sein Anderssein, jeden Tag spüren. Bis er bereit war, es selbst zu akzeptieren – er war der Schneckenkönig.

1

Die Hände des Toten waren an seine Brust gepresst, der Mund weit geöffnet. Die Baggerschaufel hatte das rechte Bein fast aus dem Hüftgelenk gerissen. In bizarrer Verrenkung deutete es zum Ostbahnhof, dessen Lichter an dem trüben Aprilmorgen schwach leuchteten.

Die Leiche lag vielleicht drei oder vier Tage im Schlamm des Abwasserkanals, während wenige Meter entfernt die Nutten Nacht für Nacht die Kondome ihrer Kunden entsorgt hatten.

Der Regen ließ langsam nach und zwei uniformierte Polizisten versuchten, die Gaffer davon abzuhalten, die letzte noch nicht bebaute Fläche in Bahnhofsnähe zu betreten.

Ein schlaksiger junger Mann mit rotblonden Locken und hunderttausend Sommersprossen kam über den von Reifenspuren durchpflügten Boden und ging zu zwei Einsatzfahrzeugen. Mit seiner rostfarbenen Chino, dem verwaschenen T-Shirt und der lichtgrünen Kunstlederjacke hätte er besser in einen abgeranzten Friedrichshainer Club gepasst als an den Schauplatz eines Kapitalverbrechens.

In einem der Einsatzfahrzeuge saß der Baggerfahrer, der die Leiche entdeckt hatte. Sein dunkelblauer Overall war mit Erbrochenem bekleckert.

Der Rotblonde beugte sich in den Mercedes-Sprinter, lächelte den Baggerfahrer an.

»Wilbert Täubner, Landeskriminalamt. Echte Scheiße, was?«

Der Baggerfahrer nickte, bemühte sich um Haltung. »Hab alles ausgekotzt. Ist mir noch nie passiert so was.« Erneut begann der Mann zu würgen.

»Ging mir beim ersten Mal genauso«, Täubner reichte ihm ein paar Papiertaschentücher. »Werd ich mich auch nie dran gewöhnen.«

Der Baggerfahrer würgte heftiger, Papiertaschentücher waren keine Lösung. Der Kriminalkommissar nahm den Mann an den Schultern und bugsierte ihn nach draußen, damit er sich außerhalb des Polizeifahrzeuges übergeben konnte.

Täubner befürchtete, dass diese Art von Einsätzen ihn in den kommenden dreißig Jahren seines Polizistendaseins begleiten würde. Das war nicht sehr verlockend. Vielleicht sollte er doch besser in die Heimat fliehen und Winzer werden. Statt Großstadtzombies zu jagen, lieber Rhombenspanner und Traubenwickler an den Moselhängen killen.

Eine stämmige Mittvierzigerin kletterte die Böschung hinab. Sie trug ein Glencheck-Kostüm und dem Wetter angepasste Schnürschuhe. Ihre Haare waren dunkel getönt und mit hellen Strähnchen versetzt. In der bodenständigen Aufmachung wäre Kriminalrätin Jutta Koschke ohne Weiteres als Direktorin einer oberfränkischen Polizeiinspektion durchgegangen. Die Leiterin des Dezernats Delikte am Menschen ging zu den Einsatzfahrzeugen, wo Täubner gerade die Kollegen der KTU instruieren wollte.

Koschke baute sich vor den Männern auf, wühlte in ihrer Handtasche, wurde offensichtlich aber nicht fündig. »Morgen. Wer ist hier der leitende Beamte?«

»Im Moment ich«, erwiderte Täubner.

»Sie?«

Täubner nickte.

»Na super. Kommissar Täubner, richtig? Wie lange sind Sie schon bei uns? Zwei Monate?«

»Genau genommen drei – nächste Woche«, erwiderte Täubner.

»Und wo ist der Kollege Buchwald?«

»Ist heute Morgen nach Dublin geflogen. Nimmt an einem Seminar teil.«

»Was für ein Seminar?«, fragte Koschke entgeistert.

»Internationale Zusammenarbeit in der Kriminalitätskontrolle und die damit verbundenen rechtlichen Problemstellungen«, erklärte Täubner. »Oder so ähnlich.«

»Und wann kommt er zurück?«

»In neun Tagen.«

»Und wieso erfahre ich das erst jetzt?«

Täubner zuckte die Achseln.

Koschke fand endlich ihr Smartphone und wählte. »Roger, guten Morgen. Jutta hier. Ihr könnt doch nicht einfach Paul Buchwald abziehen, ohne mir Bescheid zu sagen. – Und wer hat seine Teilnahme bewilligt? Ich war das nicht! – In der Woche hatte ich Urlaub, das wusstet ihr doch! Wieso hat mir kein Mensch was gesagt? – Super, ihr seid vielleicht Teamplayer, alle Achtung! – Und woher kriege ich jetzt einen Ersatzmann? – Ja, der Tote am Ostbahnhof.«

Alles hätte ganz anders kommen können. Erheblich schlimmer. Der Polizeipräsident hätte ihn in die Polizeischule abschieben können. Zu den Diensthundeführern, ins Polizeimuseum, selbst in den Verkehrskindergarten, wie er sich in besonders trüben Momenten ausmalte. Sogar seine fristlose Entlassung wäre drin gewesen. Er wusste nicht, ob das der Korpsgeist verhindert hatte oder seine berufliche Erfolgsbilanz.

Stattdessen wurde er zur Zentralen Serviceeinheit versetzt, zum ZSE. Ins Dezernat Dienstleistung, als stellvertretender Leiter des Referats ZSE II C – Versorgung. Das Referat war zuständig für die Beschaffung von Ausrüstung, Dienstbekleidung, Einsatzgeräten, Waffen und Munition. Wobei er für den Unterbereich ZSE II C 1 verantwortlich war, die Versorgung der Berliner Polizei mit Bürobedarf. Seit dem Tag der Versetzung bestand seine Welt ausschließlich aus Stempelkissen, Kugelschreibern, Hängeregistraturen, Klebestiften und Heftzangen. Eben alles, was in den Büros des Polizeivollzugsdienstes benötigt wurde.

Die Tätigkeit war noch langweiliger, als er vorher befürchtet hatte. Druckereinheiten mit Multifunktionspapier auszustatten, Briefumschläge nach ISO 269 oder DIN 678 zu unterscheiden, Bleistifte nach einundzwanzig Härtegraden sortiert zu ordern, von 9B über HB bis zu 9H – zweifellos das Grauen, der Gipfel an Langeweile. Konnte es etwas Öderes geben? Besonders für einen Kriminalbeamten, der für seinen beispielhaften Einsatz bei einer United-Nations-Mission im Kosovo mehrfach ausgezeichnet wurde? Der den Ruf hatte, die kompliziertesten Fälle zu lösen? Der unmittelbar vor seiner Ernennung zum Kriminalrat stand?

Nettelbeck hätte den Arbeitsplatz natürlich ablehnen, mit Ende dreißig noch einmal ganz von vorn anfangen können. Etwas völlig Neues machen. Aber erstens hatte er nicht die geringste Idee, was er stattdessen hätte tun sollen. Mit seinem Posaunenspiel hätte er sich niemals über Wasser halten können. Ausgeschlossen. Und zweitens war er immer davon überzeugt gewesen, dass man ihn schon bald rehabilitieren würde. Zurückholen zur Mordkommission des Landeskriminalamtes Berlin, ins Dezernat Delikte am Menschen.

Doch nach zwei Jahren beim ZSE II C 1 hatte er seinen Optimismus verloren. Weder seine Rehabilitation, noch seine Rückkehr ins Dezernat D. a. M. waren auch nur einen Millimeter näher gerückt. Im Gegenteil: Die Chancen darauf verblassten mit jedem Tag mehr. Martin Nettelbeck fühlte sich nicht nur auf dem Abstellgleis, er fühlte sich nach Sibirien verbannt, in den Kriminalisten-Gulag, endgültig zum Polizeikasper degradiert. Für jetzt und in alle Ewigkeit.

Jutta Koschke sah zu, wie die beiden Kriminaltechniker den Leichnam aus dem Abwasserkanal hoben. Der Tote war männlich und schlammverschmutzt. Und er war schwarz. Seine Schuhe fehlten, er trug lediglich Hemd und Jackett. Die Strümpfe hingen an seinen Fersen, waren völlig verdreckt. Im Genitalbereich gingen etliche Stichverletzungen ineinander über, bildeten ein Wundgeflecht.

Die Kriminaltechniker legten den Toten auf eine Isoliermatte. Leschke, der ältere der beiden, deutete ins Innere der aufgerissenen Kanalröhre, wo einige Kleidungsstücke zu erkennen waren. »Müssten seine Klamotten sein.«

Koschke beugte sich hinunter, schaute kurz in die Röhre. »Lasst es bitte noch liegen, Ingo. Sichert zuerst die Außenfläche.«

»Könnte ein Ami sein, oder?«, sagte der jüngere KTUler. »Vielleicht aus dem Backpacker-Hostel hinterm Ostbahnhof.«

»Möglich.«

Während der Regen wieder heftiger wurde, kam Kommissar Täubner die Stufen des Baucontainers herunter, zwei Kaffeebecher balancierend, die er mit der freien Hand vor dem Regen schützte.

»Die Rechtsmediziner stehen im Stau. An der Jannowitzbrücke«, Täubner reichte Koschke einen der Becher. »Müssten aber jeden Moment hier sein.«

»Gut. Danke.«

Es klingelte und die Kriminalrätin gab Täubner den Kaffeebecher zurück. Umständlich fischte sie ihr Smartphone aus der Handtasche.

»Koschke.«

»Roger hier. Ich habe deinen Ersatzmann. Martin Nettelbeck springt für Paul ein.«

»Du nimmst mich auf den Arm …«

»Nein. Martin ist perfekt. Du weißt, wie viele Fälle er gelöst hat.«

Koschke schnaubte: »Früher mal. Da spielte er auch noch nicht mit Buntstiften. Muss ich dich daran erinnern, welchen Mist dein Kumpel gebaut hat, Roger? Er hätte fast einen Kollegen erschossen.«

»Übertreib nicht. Es war eine Fleischwunde an der Wade. Völlig harmlos.«

»Harmlos? Der Kollege war fünf Monate krankgeschrieben.«

»Das Disziplinarverfahren gegen Martin ist eingestellt worden. Seine Versetzung war doch nur für die Galerie.«

In Koschkes Mimik arbeitete es. Dann machte sie einen neuen Ansatz. »Vielleicht sollten wir das erst mal mit dem Chef besprechen.«

»Schon passiert. Er ist einverstanden.«

Martin Nettelbeck stand in einem der besseren Büros des Landeskriminalamts am Tempelhofer Damm und schaute auf die Landebahnen des stillgelegten Flughafens, der inzwischen als Tempelhofer Freiheit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war.

Ein Halbwüchsiger versuchte, einen Trapezdrachen per Propeller-Spin zu wenden, und hatte Probleme, die Höhe zu halten. Das Fluggerät brach immer wieder aus und drohte, mit einem schlangenförmigen Chinadrachen zu kollidieren. Der Trapezdrachen erinnerte den Kommissar an eine überdimensionierte Vagina, der Chinadrachen an einen schlaffen Phallus.

Was für bescheuerte Vergleiche, rief sich Nettelbeck zur Räson. Seit wann hast du einen Hang zu klebriger Sexualmetaphorik? Waren es vielleicht doch zu viele Bleistifte und Anspitzmaschinen, mit denen er sich in den letzten Jahren beschäftigt hatte? Er nahm sich vor, an seinen Fantasien zu arbeiten. Intensiv daran zu arbeiten.

Roger Delbrück räumte unterdessen seinen Schreibtisch ein. Der Kriminaldirektor trug einen gut geschnittenen dunklen Anzug, der sein leichtes Übergewicht geschickt kaschierte. Das graublonde Haar trug er für einen Polizeibeamten ungewöhnlich lang.

»Ich hätte mich schon eher gemeldet, aber der Umzugsstress. Du weißt ja.«

Nettelbeck nickte und stieg über einen der Umzugskartons, die überall im Raum standen.

»Und Christa? Die Kinder?«

»Kommen in den Osterferien nach. Ich bin jedenfalls froh, wieder hier zu sein. Münster ist ja ganz nett, aber an der Hochschule der Polizei gibt es nichts als Bullen. Egal wohin du guckst: Bullen, Bullen, Bullen. Das nervt auf Dauer.«

»Ich dachte, du wolltest es mindestens bis zum Vizepräsidenten bringen«, stichelte Nettelbeck.

»Leitender Kriminaldirektor des LKA ist doch auch nicht schlecht, oder?«, entgegnete Delbrück grinsend. Er betrachtete seinen alten Partner, verglich ihn mit dem Mann, den er in Erinnerung hatte.

Nettelbeck war etwas größer als er selbst und hatte kein Gramm Fett zu viel. Seine Haare waren immer noch dicht und dunkelbraun, zeigten keine Spur von Grau. Ein Anzug von der Stange, Hemd ohne Krawatte. In Delbrücks Augen sah er unauffällig aus, wäre da nicht die Narbe am Hals gewesen. Obwohl er seinen Freund über drei Jahre nicht mehr gesehen hatte, leuchtete sie immer noch hellrot, war kaum verblichen. Wie ein Mahnmal erinnerte sie Delbrück daran, dass es sein Partner gewesen war, der ihm bei einem Einsatz das Leben gerettet hatte. Und dabei selbst am Hals lebensgefährlich verletzt worden war.

»Du möchtest also wieder ermitteln, Martin?«

»Unbedingt.«

»Gut. Du kannst sofort einen Fall übernehmen. Der Chef hat sein Okay gegeben.«

»Was habt ihr für mich?«

»Heute Morgen wurde eine Leiche gefunden. In der Nähe des Ostbahnhofs. Ein nicht identifizierter Schwarzer.«

»Gewaltdelikt?«

»Ja, ziemlich übel. Allerdings arbeitest du nicht mit mir zusammen, sondern mit der Kollegin Koschke.«

»Jutta …«

»Ist die Bedingung. Kommst du damit klar?«

»Selbstverständlich.«

»Umso besser. Du machst die Vertretung für Paul Buchwald. Er kommt in neun Tagen zurück, bis dahin solltest du etwas vorweisen können.«

Nettelbecks Narbe pochte und er blickte auf die Tempelhofer Freiheit. Die Zeit seiner Verbannung war vorbei. Endlich.

»Martin, noch was: Halt dich bei den Kollegen ein bisschen zurück. Du musst ja nicht jeden spüren lassen, dass er im Gegensatz zu dir bloß in der Kreisliga spielt.«

Der Chinadrachen auf dem Flugfeld kam ins Trudeln und krachte unkontrolliert zu Boden.

»Verstehe – keine Kreisliga.« Nettelbeck drehte sich zu seinem Expartner herum und nickte schicksalsergeben.

»Jahrgangsbester in Lichtenberg. Sehr gut!«, Jutta Koschke saß an ihrem Schreibtisch und schaute auf den Monitor, der die Personaldaten von Wilbert Täubner anzeigte. »Ich werde übrigens im kommenden Semester auch ein Seminar an der Hochschule für Wirtschaft und Recht geben: Kooperative Führung in der polizeilichen Praxis. Ist quasi mein Steckenpferd.«

Täubner sah sich im Büro um. Auf einem Sideboard neben dem Schreibtisch standen zwei Fotografien. Eine zeigte einen untersetzten Polizeihauptmeister um die fünfzig mit Schnauzbart und Stirnglatze auf einem Dienstboot der Berliner Wasserschutzpolizei. Stolz wie Oskar. Offensichtlich ihr Ehemann, denn auf dem anderen Foto sah Täubner ihn und Jutta Koschke beim Fischen an einem Wildbach, irgendwo in Skandinavien.

»Mein Mann. Auch ein Kollege«, die Kriminalrätin hatte Täubners Blick bemerkt. »Wir sind Sportfischer. Fliegenfischer. Haben Sie das schon mal versucht?«

»Hatte noch keine Gelegenheit.«

»Schade, ein wirklich schöner Sport. Sie werden vorläufig mit dem Kollegen Nettelbeck zusammenarbeiten. Daher würde ich Ihnen gerne ein paar Dinge mit auf den Weg geben.« Jutta Koschke nahm eine Schachtel vom Schreibtisch und öffnete sie. Darin lagen mehrere gelbgrüne Fliegenfischköder. Nur ein einziger fiel aus der Reihe, schillerte in einem satten Violett.

»Bei der Polizeiarbeit sind keine Einzelgänger gefragt«, erklärte Koschke und schob die geöffnete Schachtel in Täubners Richtung, »sondern Menschen mit Teamgeist. Teamgeist ist das A und O, das versuche ich jedem Neuling mitzugeben.«

Täubner warf einen Blick in die Schachtel. Dann lehnte er sich zurück, lächelte die Kriminalrätin aufmerksam an. Ganz konzentriert auf das, was jetzt kommen würde.

»Es ist nur so, dass hin und wieder jemand dabei ist, der … Na ja, dem der Teamgedanke fremd ist. Der nicht bereit ist, mit seinen Kollegen zusammenzuarbeiten, sondern zu Alleingängen neigt. Alleingänge auf Kosten der anderen.«

Sie legte eine Pause ein und schaute Täubner an – so weit alles verstanden?

Der lächelte zurück – selbstverständlich.

»Der Kollege Nettelbeck ist ein hervorragender Kriminalist. Exzellent sogar. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber er neigt zu Alleingängen, bei denen er auf seine Mitspieler keine Rücksicht nimmt.«

Koschke nahm den violett schillernden Köder aus der Schachtel. »Manche Kollegen behaupten sogar, er neige zum Mobbing. Was ich allerdings nicht so ohne Weiteres unterschreiben würde.«

Mit spitzen Fingern ließ Koschke den violetten Fliegenfischköder über den Schreibtisch schweben, sehr langsam, als wäre er auf der Jagd nach einer Beute. »Um aus meinem Sport zu zitieren: Kollege Nettelbeck ist gewissermaßen der Hecht unter lauter Forellen.«

Täubner hatte seine entspannte Haltung aufgegeben, saß kerzengerade auf seinem Stuhl. »Ich weiß mich zu wehren.«

»Das wird auch nötig sein. Aber seien Sie vorsichtig, der Kollege hat einflussreiche Freunde. Wussten Sie, dass unser neuer Kriminaldirektor Delbrück früher Nettelbecks Partner war?«

Täubner zuckte die Achseln.

»Egal, machen Sie sich keine unnötigen Gedanken, mit Ihrer Qualifikation werden Sie schon zurechtkommen. Sie können mich natürlich jederzeit kontaktieren. Und damit meine ich wirklich jederzeit. Rund um die Uhr. Auch am Wochenende.« Jutta Koschke stand auf und der Kommissar tat es ihr gleich.

»Das wäre so weit alles. Also, Herr Täubner: einen guten Start. Toi, toi, toi und willkommen in meinem Team.« Bedeutungsvoll lächelnd drückte sie Täubner den violetten Fliegenfischköder in die Hand, der verführerisch schillerte.

Nettelbecks Büro befand sich nicht im Hauptgebäude des Landeskriminalamtes am Tempelhofer Damm, sondern in der untergeordneten Dienststelle in der Keithstraße.

Der Raum, den man ihm zugeteilt hatte, war doppelt so groß wie sein bisheriger. Zwei Schreibtische, eine Mediawand und eine kleine Besprechungsecke. Nicht gerade topmodern, aber funktional und gepflegt. Die Wandregale waren fast leer – bis auf ein paar Aktenordner und mehrere Pakete Schreibpapier. Er hatte die Sorte im letzten Jahr selbst ausgesucht – Recyclingpapier RAL-ZU 14, besonders schadstoffarm, 80 g/m2, matt, Trend White, Beständigkeit DIN 6738, das hieß circa hundert Jahre.

Nettelbeck blickte zur Straße. Seine Bürofenster lagen unterhalb der Baumgrenze, aber das war ihm egal. Einen Trapezdrachen würde er in der Keithstraße sowieso nie zu sehen bekommen. Immerhin hatte man ihn nicht in ein Großraumbüro gepfercht. Und so düster wie das alte Büro ist es auch nicht, dachte Nettelbeck, während er dem Techniker zusah, der unter den Schreibtischen die Computer anschloss.

Nettelbeck war unschlüssig, welchen Arbeitsplatz er wählen sollte. Den linken Schreibtisch an der Seitenwand, etwas dunkel zwar, aber geschützt durch die Besprechungsecke – oder besser den rechten Arbeitsplatz im hellen Licht der Fensterfront, dafür allerdings mit der Bürotür im Rücken?

Es klopfte und Nettelbeck drehte sich herum. Ein schlaksiger, rothaariger Typ kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.

»Herr Nettelbeck? Ich bin Ihr neuer Kollege, Wilbert Täubner.«

Nettelbeck zögerte einen Moment, ehe er die Hand ergriff. Machte sich schnell einen Eindruck von seinem Gegenüber, taxierte ihn, wie er es sonst bei Verdächtigen tat.

»Wir duzen uns hier. Martin reicht.«

Nettelbeck legte sein Jackett auf den Schreibtisch an der Seitenwand und deutete auf den vorderen Arbeitsplatz. »Du kannst den da nehmen.«

Der Techniker stand auf. »Müsste jetzt alles laufen. Sonst einfach anrufen.« Nettelbeck nickte und der Mann verließ den Raum.

Täubner stellte einen Karton mit persönlichen Sachen, den er unter dem Arm geklemmt hatte, auf seinem Schreibtisch ab. »Soll ich mich kurz vorstellen?«

Nettelbeck macht eine vage Geste, die Täubner aber nicht abschreckte.

»Ich bin Jahrgang 1987 und habe bis zum Abi in Rheinland-Pfalz gewohnt, in Traben-Trarbach. Vor drei Jahren bin ich für die Kommissarsausbildung nach Berlin gezogen.«

Täubner wartete auf eine Reaktion von Nettelbeck, doch da kam nichts.

»Ich freue mich, mit dir zusammenzuarbeiten. Da kann ich bestimmt eine Menge lernen.«

Nettelbeck schwieg weiter, dachte nicht daran, irgendwelche Interna über sich preiszugeben. »Pack später aus. Wir haben einen Termin mit unserem Toten.« Er warf Täubner einen Schlüssel zu. »Du fährst.«

Nettelbeck nahm sein Jackett und verließ den Raum.

Täubner blickte zur Decke hoch und sandte ein Stoßgebet zum Erzengel Michael, dem Schutzpatron aller Kriminalbeamten. Dann folgte er seinem neuen Partner. Auf alles gefasst.

Das Institut für Rechtsmedizin der Charité befand sich auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses Moabit, im Haus N, einem hässlichen Flachdachbau mit einer gequaderten Schmuckfassade. So hatte man sich in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts moderne architektonische Gestaltung vorgestellt. Als man offenbar noch nicht wusste, wie hässlich Hässlichkeit sein kann und wie unbeschreiblich schön Schönheit.

Nettelbeck und Täubner mussten einige Minuten warten, ehe sie in den Sektionsbereich eingelassen wurden.

Die Rechtsmedizinerin Katharina Sprengel stand an einem der fünf Obduktionstische. Vor ihr lag ein Toter, dessen Öffnung über der Herzgegend sie gerade zugenäht hatte.

Sorgfältig begutachtete sie ihre Arbeit. Dann legte die Rechtsmedizinerin die Instrumente beiseite, zog ihre Handschuhe aus, strich mit beiden Händen ihre roten Locken zurück und sah Nettelbeck spöttisch an.

»Gibt’s dich auch noch?«

»Wie du siehst …«

»Du hättest dich mal melden können.«

Nettelbeck nickte. Er schien etwas erwidern zu wollen, doch dann verzichtete er darauf.

Katharina Sprengel wandte sich Täubner zu. »Schau an, ein Glaubensbruder.«

Täubner runzelte die Stirn und versuchte, die rätselhafte Botschaft der Rechtsmedizinerin zu entschlüsseln. Diese zupfte schließlich demonstrativ an ihrer Lockenmähne.

Täubner begriff, dass sie auf seine roten Haare anspielte und grinste. »Ich bin neu bei der Mordkommission. Wilbert Täubner.«

»Dann werden wir uns ja öfter sehen«, erwiderte Sprengel und drehte sich zu Nettelbeck, ohne Täubners Antwort abzuwarten.

»Er hat dreizehn Stichwunden. Bis auf eine befinden sich alle im Unterleib«, verdeutlichte die Gerichtsmedizinerin dem Kommissar. »Sowohl im Bereich des Anus als auch neben dem Skrotum und oberhalb des Penis. Die tödliche Wunde war allerdings ein Stich ins Herz. Der Täter stand vermutlich hinter ihm …« Sprengel trat hinter Nettelbeck, legte eine Hand auf seine rechte Brust und stach plötzlich mit einem imaginären Messer von der anderen Seite aus in Nettelbecks linke Brust, direkt ins Herz. »… und hat das Messer mit der linken Hand geführt. Darauf lässt der Einstichwinkel schließen.«

»Vermutlich hatte der Täter Anatomiekenntnisse, oder?«, unangenehm berührt wandte sich Nettelbeck aus Sprengels Umklammerung.

»Kannst du sagen, ob der Herzstich zuerst ausgeführt wurde?«

»Schwierig.«

»Und wenn du einen Tipp abgeben müsstest?«

Die Rechtsmedizinerin zögerte. »Ich denke, dass die Unterleibsverletzungen erst hinterher erfolgten. Aber nagel mich nicht fest, Martin. Ist rein instinktmäßig.«

»Danke. Und der Tatzeitpunkt?«

»Vor drei Tagen. Montagmorgen kurz vor Sonnenaufgang. Zwischen 5 : 20 Uhr und 6 : 15 Uhr schätze ich.«

»Wie alt mag er sein?«, fragte Täubner und beugte sich über den Toten.

»Dreißig, einunddreißig, allerhöchstens fünfunddreißig«, erwiderte Sprengel.

»Können Sie sagen, woher er vermutlich stammt?«

Die Rechtsmedizinerin schüttelte den Kopf. »Afrikaner, US-Amerikaner. Kann auch in Deutschland geboren sein. Bei anthropologischen Zuordnungen muss ich passen.«

In der Kulmer Straße versuchte Täubner, sich mit dem Dienstwagen auf den Linksabbieger Richtung Kreuzberg einzufädeln. Auch Ortsansässige schafften es nicht immer auf Anhieb, die unübersichtliche Stelle zu passieren. Täubner hatte ebenfalls Schwierigkeiten, doch Nettelbeck dachte nicht daran, ihm Hilfestellung zu geben. Er wollte sehen, welche Fahrerqualitäten sein junger Kollege besaß. Täubner gelang schließlich das Manöver und der BMW wechselte auf die andere Fahrspur. Nettelbeck ließ ein leises Grunzen hören, das sein Kollege als Anerkennung interpretierte.

Während sie unter den Yorckbrücken hindurchfuhren, brachte Täubner das Gespräch auf den Fall.

»Ist sie gut, unsere Rechtsmedizinerin?«

»Das ist sie.«

»Du hast schon häufiger mit ihr zusammengearbeitet?«

»Einige Male.«

»Das merkt man.«

»Ja?«

»Sie schien sich zu freuen, dich wiederzusehen.«

»Möchtest du wissen, ob ich mal was mit ihr hatte? Dann frag mich doch einfach.«

Täubner musste das Tempo drosseln, da der Verkehr ins Stocken kam. »Das geht mich ja nun wirklich nichts an.«

»Erste Lektion begriffen. Aber damit du dir nicht weiter den Kopf zerbrichst: Wir waren mal zusammen. Mit Betonung auf ›waren‹.«

Täubner schluckte eine Erwiderung herunter und hupte stattdessen seinen Vordermann an. Eine Weile herrschte Schweigen, bis Täubner sich wieder in ungefährlichere Gefilde vortastete.

»Glaubst du, es war ein Sexualdelikt?«

»Wieso?«

»Stichwunden im Intimbereich. Slip und Hose fehlen. Das Opfer könnte ein Stricher gewesen sein. Der Bauplatz wird nicht nur von heterosexuellen Freiern aufgesucht.«

»War unser Mann dafür nicht zu alt? In dem Job geht man doch spätestens mit fünfundzwanzig in Rente.«

»Vielleicht hat er ausgefallene Praktiken angeboten. Kinky Sex, Leder-SM, Golden Shower, was weiß ich. Oder er war extrem billig.«

»Wäre eine Möglichkeit. Aber du solltest in so einem frühen Stadium eine Festlegung möglichst vermeiden. Das ist das A und O unserer Arbeit, das ich jedem Neuling rate.«

Täubner lachte. »Den Satz habe ich heute schon mal gehört. Zumindest so ähnlich.«

Nettelbeck warf ihm einen Blick zu. »Nicht zufällig von der Kollegin Koschke?«

Täubner zuckte die Achseln und unterdrückte ein Grinsen.

Nettelbeck blickte auf den Mehringdamm und sah das Finanzamt Friedrichshain-Kreuzberg vorbeiziehen. Wie immer amüsierte ihn die ehemalige Kavalleriekaserne mit ihren pappmascheehaften Wehrtürmen. Erinnerte ihn an die Ritterburg, die ihm seine Eltern zu seinem zehnten Geburtstag geschenkt hatten. Er wartete jedes Mal darauf, dass sich das Haupttor öffnete, eine Schwadron des 1. Garde-Dragoner-Regiments herausgaloppiert kam und gegen ihn eine Attacke ritt. Dann würde er seine Dienstwaffe ziehen und die Angreifer mit der Sig Sauer P6, 9 mm Parabellum, zur Stecke bringen. Einen nach dem anderen. Nettelbeck überlegte kurz, ob er seinem neuen Partner diese Gedanken mitteilen sollte, unterließ es dann aber. Man darf die Menschen schließlich nicht gleich am ersten Tag überfordern.

Täubner griff in seine Jacke und reichte Nettelbeck ein zusammengefaltetes Formular. »Der vorläufige Bericht der KTU.«

Nettelbeck überflog den Text, runzelte die Stirn. »Ein Slip, eine Hose, ein Paar Schuhe. Ist das alles, was die KTUler zu bieten haben?«

»Hat die ganze Zeit geregnet.«

»Na und? Ist ja nicht das erste Mal, dass sie im Schlamm wühlen mussten.«

Nettelbeck las die Anmerkungen zu den sichergestellten Kleidungsstücken. Weder auf der Hose noch auf dem Slip waren Blutspuren festgestellt worden. Die kriminaltechnische Laboruntersuchung stand allerdings noch aus. Und auch die daktyloskopische Analyse. Der Kommissar drehte das Formular herum, entzifferte die schlecht lesbare Unterschrift.

»Ingo Leschke … War ja klar. Altes Fascho-Arschloch.«

»Wieso Fascho?«

»Wenn ein Toter keinen deutschen Stammbaum hat, der mindestens bis ins Mittelalter reicht, ist Leschke sein Job scheißegal. Dann kackt der auf die Ermittlung.«

Die Arbeiten auf der Baufläche ruhten immer noch, nur die Zufahrt war jetzt mit Bauzäunen verschlossen. Ein uniformierter Polizist öffnete die Absperrung einen Spalt, sodass Nettelbeck das Gelände betreten konnte. Er stapfte durch den Matsch in Richtung des Abwasserkanals.

Täubner hatte inzwischen den Wagen geparkt und ging zur Imbissbude auf der Straßenseite gegenüber, wo sich zwei minderjährige Jungs eine Portion Pommes frites teilten, Pommes ohne alles. Sie waren etwa fünfzehn bis sechzehn und fixierten Täubner mit professionellem Blick.

Der Kommissar ignorierte die beiden, ging zur Verkaufstheke. »Zweimal Currywurst. Mit Darm und mit Brötchen. Und ein Wasser.«

Die Jungen verloren das Interesse an Täubner. »Hoffentlich verpissen sich die Bullen bald. Hält doch keine Sau an, wenn da so ’n Scheißsheriff rumsteht. Ich hab kaum noch Asche.«

»Ich bin auch blank. Sollen wir’s am Zoo probieren?«

»Hast du den Arsch auf, Tomek? Ich paddel doch für ’n Fünfer keinen runter.«

Täubner nahm sein Mineralwasser und stellte sich zu den beiden. »Hallo. Ihr könnt mir vielleicht helfen.«

Die Jungen starrten Täubner misstrauisch an und er zeigte ihnen seinen Dienstausweis. »Wir haben heute Morgen einen Toten gefunden. Da vorne auf dem Bauplatz.« Täubner holte das Foto des unbekannten Schwarzen hervor. »Kennt ihr den?«

Die Jungen wechselten einen Blick.

»Habt ihr ihn hier vielleicht schon mal gesehen?«

»Nee. Du, Danilo?«

»Ich hab noch nie ’nen schwarzen Freier gesehen.«

»Hat er vielleicht angeschafft«, hakte Täubner nach.

Danilo und Tomek lachten. »Der Typ ist doch ’n Greis. Den nimmt doch keiner.«

Täubner steckte das Foto wieder ein. »Okay. Danke.« Er trat zur Verkaufstheke, zahlte und nahm seine Bestellung entgegen. Dann wandte er sich erneut an die Stricher, stellte die Currywürste vor den beiden ab.

»Die gehen auf mich. Morgen früh sind wir weg. Dann habt ihr wieder freie Bahn.«

»Ey, klasse. Danke«, erwiderte Tomek, stürzte sich hungrig auf seine Wurst.

»Wenn du mal Bock auf ’nen geilen Dreier hast … Kriegst ’nen Sonderpreis«, fügte Danilo laut schmatzend hinzu.

Täubner machte eine wegwerfende Handbewegung und ging über die Straße zum Baugelände.

Nettelbeck stand in dem Abwasserkanal, betrachtete die Stelle, an der der Baggerfahrer den Toten entdeckt hatte. Alles war verschlammt und glitschig, er musste aufpassen, nicht auszurutschen.

Der Kommissar überlegte, wie der Mann in die Kanalröhre gekommen war. War er angezogen oder bereits ohne Slip und Hose? Die Röhre war ziemlich eng, hatte einen Durchmesser von maximal einem Meter fünfundsechzig. Man konnte nur gebückt stehen. Kein idealer Ort, um sich Hose und Slip auszuziehen, für was auch immer. Da dem Schwarzen die Verletzungen im Intimbereich erst nach dem Ausziehen seiner Kleidung zugefügt worden waren, schien es unwahrscheinlich, dass er im Abwasserkanal getötet wurde. Die Kriminaltechniker hatten in der Röhre auch keine Blutspuren festgestellt. Also hatten sie es hier nicht mit dem Tatort zu tun, dachte Nettelbeck. Doch wo war der Mann dann ermordet worden?

»Martin?«

Nettelbeck drehte sich reflexartig um. Er glitt aus, versuchte sich zu fangen, doch zu spät. Er konnte sich gerade noch mit den Händen auf dem schlammigen Boden abstützen. »Scheiße!«

Täubner sprang in die Kanalröhre und half seinem Partner hoch. »Tut mir leid.«

Von Nettelbeck kam nur ein Grunzen. Dann blickte er nach unten, nahm seine rechte Hand hoch und hielt sie Täubner hin – auf der Handfläche lag ein dreckverschmiertes Silberkettchen mit einem runden Anhänger.

»Leschke ist nicht nur ein minderbemittelter Fascho, er ist auch noch stinkfaul.«

Täubner nahm das Fundstück und begutachtete es. »Die Kette ist zerrissen.«

Er wischte den Anhänger mit einem Taschentuch ab und hielt ihn näher ans Gesicht, um die Details besser erkennen zu können. In einem Kreis waren drei senkrechte Silberstäbchen nebeneinander angeordnet. Von oben gingen jeweils weitere Stäbchen schräg nach rechts abwärts. »Sieht aus wie eine stilisierte Häuserzeile.«

Nettelbeck nickte und nestelte an seinen erdig-durchnässten Hosenbeinen. Scheißgewalttaten außerhalb geschlossener Räume, dachte er. Doch noch schlimmer waren Scheißgewalttaten außerhalb geschlossener Räume in nassen, verdreckten Sifflöchern.

Nettelbeck hatte sich von Täubner am Alexanderplatz absetzen lassen und dann die S-Bahn genommen. Als er am Stuttgarter Platz ausstieg, war seine Hose zwar wieder trocken, sah aber noch immer fürchterlich aus. Der Kommissar kaufte sich im russischen Imbiss eine Portion Pelmeni. Wie üblich bot ihm der Verkäufer einen Wodka an, wie üblich lehnte Nettelbeck ab.

Dann ging er durch die Leonhardtstraße, überquerte den Amtsgerichtsplatz und erreichte nach drei Minuten seine Wohnung am Lietzenseeufer. Sie lag in einem lang gestreckten Mietshaus aus den späten Zwanzigerjahren, im gemäßigten Bauhausstil. Er hatte Glück gehabt, hier eine Wohnung zu finden. Der Lietzensee war sehr begehrt.

Seine Wohnung befand sich in der zweiten Etage. Vom Wohnzimmer aus konnte er den See in der Abendsonne glitzern sehen. Ein Anblick, den er liebte, der aber schon bald beendet sein dürfte. In den nächsten Tagen würde das junge Grün der Bäume herausschießen und vor seinem Haus eine Blätterwand bilden. Im Wohnzimmer würde es dunkel werden. Monatelang. Bis im Herbst endlich die Blätter fielen und der Winter sich heranschleichen und alles wieder grau werden würde. Und dunkler. Bis dann im Frühjahr das junge Grün … Es war ein Kreuz.

Nettelbeck erhitzte die Pelmeni in der Mikrowelle und aß sie im Stehen. Trank dazu ein Bier. Dann suchte er eine CD aus seiner Music-minus-one-Sammlung heraus. Spezielle Aufnahmen zu Übungszwecken, bei denen der Posaunenpart fehlte. Er entschied sich für eine Einspielung des Illinois-Brass-Quintets – Baroque Brass & Beyond. Nettelbeck hatte die CD oft genug gehört, um mit seiner Posaune punktgenau in den Begleitpart des fünften Stückes einzusteigen: Ricercar del Primo Tuono von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Die Ricercari gehörten zu den zweifelhaften Werken Palestrinas, von denen es keinen Originaldruck, geschweige denn ein Autograf gab. Aber das war ihm egal. Völlig egal. Während er sich auf sein Posaunenspiel konzentrierte, durchströmte ihn das erste Mal an diesem Tag ein Gefühl, das seiner Definition von Frieden ziemlich nah kam.

Vignette

Vor Kälte zitternd trat er aus dem Waschraum, in seinem dünnen Unterzeug. Ging mit den anderen Kindern durch den Flur, geschlossen, alle in Reih und Glied. Hinein in den abgedunkelten Saal, wo die Erzieher die Klappbettchen aufgestellt hatten. Verordneter Mittagsschlaf.

Er versuchte, in sein Bettchen zu klettern, war aber nicht flink genug.

Der Erzieher riss ihn hoch auf die Matratze, packte ihn grob unter die Decke. Die Kante des Blechtäfelchens ritzte über seine Brust, tat ihm weh, hinterließ eine Schramme.

Tränen stiegen ihm in die Augen und er drehte den Kopf zur Seite, damit der Erzieher es bloß nicht sehen konnte. Nicht noch böser wurde.

»Leg dich richtig hin!«

Gehorsam nahm er die vorgeschriebene Schlafposition ein. Wie alle Kinder im Saal. Auf dem Rücken liegend, die Arme fest an die Seite gepresst. Kleine NVA-Soldaten, gehorsame Spielzeugsoldaten aus Plaste.