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Georg Wilsberg und sein Kollege Koslowski sollen Affen bewachen, die für medizinische Experimente bestimmt sind.

Aus dem scheinbaren Routinejob erwächst eine Bedrohung, denn militante Veganer wollen die Tiere um jeden Preis vor dem Tod im Labor bewahren.

Eine Katastrophe bahnt sich an ...

Jürgen Kehrer

 

 

 

Das Schapdetten-Virus

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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© 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

Nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung korrigierte Fassung des Kriminalromans

Jürgen Kehrer: Das Schapdetten-Virus

© 1997 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-893-1

Der Autor

 

 

Jürgen Kehrer, geboren 1956 in Essen, lebt in Münster. Er ist der geistige Vater des Buch- und Fernsehdetektivs Georg Wilsberg. Neben bisher achtzehn Wilsberg-Krimis (zuletzt zus. mit Petra Würth: Todeszauber), verfasste er mehrere Wilsberg-Drehbücher, veröffentlichte historische Kriminalromane, Sachbücher zu realen Verbrechen, den Thriller Fürchte dich nicht! sowie zahlreiche Kurzgeschichten mit und ohne Wilsberg, von denen viele in Wilsbergs Welt nachzulesen sind.

www.juergen-kehrer.de

»Furcht vor euch und Schrecken sei bei allen Erdentieren, bei allen Himmelsvögeln, bei allem, was auf dem Erdboden kriecht, und bei allen Fischen des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben.«

(Genesis)

Vorbemerkung

 

 

Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Dies ist nur ein Roman.

I

 

 

Alles hat seinen Rhythmus. Es gibt Biokurven und Mondzyklen, Tage, an denen einem überhaupt nichts gelingt, und Tage, an denen man garantiert Streit bekommt. Und es gibt Tage, an denen ein Säufer seine Exfrau verprügeln möchte.

Bei Norbert Weiduschat war es bald wieder so weit. Seit zwei Stunden hockte er in dem Eichenstübchen auf der anderen Straßenseite und soff sich die nötige Wut an. Weiduschat kam regelmäßig hierher, bevor er durch den Tunnel unter der Eisenbahnstrecke marschierte und dann nach rechts einbog, in das Siedlungsgebiet am Kappenberger Damm, wo er und seine Frau früher ein Einfamilienhaus bewohnt hatten. Seine Exfrau wohnte noch immer dort, zusammen mit den Kindern. Weiduschat hauste inzwischen in einem Einzimmerapartment mit Koch- und Nasszelle auf der Hammer Straße. Die Unterhaltszahlungen erlaubten dem Versicherungsvertreter keine großen Sprünge.

Zweimal hatte Frau Weiduschat ihren Exmann schon angezeigt, nachdem er vor dem Haus randaliert, Fenster eingeschlagen und, als sie ihm die Stirn bieten wollte, ihr dieselbe blutig geschlagen hatte. Weiduschat war verurteilt worden – wegen erheblich verminderter Schuldfähigkeit aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums zu Geldstrafen und sozialer Arbeit. Außerdem war ihm auferlegt worden, sich vom Haus seiner Exfrau fernzuhalten.

Ein Verbot, das er häufig missachtete. Allerdings wurde er nicht immer gewalttätig. Meistens begnügte er sich damit, die Blumen im Vorgarten zu zertrampeln und herumzubrüllen.

Frau Weiduschat hatte, was man ihr nicht verdenken konnte, auch davon die Nase voll. Sie war es leid, die Kinder zu beruhigen, die Polizei anzurufen und zusehen zu müssen, wie die Polizisten den Tobenden einfingen und mittels sanftem Druck und gutem Zureden nach Hause führten. Sie wollte – das hatte sie zwar nicht offen gesagt, aber doch mehr oder weniger unverblümt angedeutet –, dass wir ihm eine gehörige Abreibung verpassten, damit ihm die Besuche bei ihr endgültig vergällt wurden.

»Nun könnte er endlich kommen«, sagte Koslowski und starrte auf die leere Straße. Etwa hundert Meter hinter der Eisenbahnunterführung stand das Ortsschild von Münster, und danach kam nur noch eine Orchideenzucht und die Weite der Landschaft.

»Ja.« Ich streckte meine Glieder, soweit das in dem engen Auto möglich war. Jemanden zu observieren, der sich in einer Kneipe einen Rausch ansoff, gehörte zu den langweiligeren Seiten der Detektivarbeit. Koslowski und ich hatten ausführlich den letzten Bundesligaspieltag aufgearbeitet, anschließend hatten wir uns mit dem bevorstehenden Karriereende einiger deutscher Tennisstars beschäftigt. Aber fast zwangsläufig war uns irgendwann der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich schaute auf meine Armbanduhr. Es war zwanzig nach zehn.

Das Eichenstübchen lebte von den Gewohnheitstrinkern des Viertels, Männern mit Bäuchen und abgetragenen Klamotten, die ihren Stammplatz an der Theke verteidigten, bis sie die notwendige Bettschwere erreicht hatten. Durch die bunt verglasten Fenster sah man funzelige Deckenlampen, die das Elend in ein mildes Licht tauchten.

»Da ist er«, sagte ich.

Weiduschat schaute sich um, als suche er sein Auto. Doch dann nahm er den gewohnten Weg zum Tunnel.

Koslowski grunzte. Mein Partner sah nicht nur aus wie ein Kleiderschrank, er hatte auch genügend Kraft, um in Schlüters Boxbude auf dem Send jeden Preisboxer in Verlegenheit zu bringen. Bei Security Check gab es niemanden, der für körperliche Abschreckung geeigneter gewesen wäre.

Wir warteten, bis Weiduschat die Stichstraße der Siedlung erreicht hatte. Wenn er uns bemerkte, bevor er richtig losgelegt hatte, würde er sein Vorhaben vielleicht verschieben. Und das bedeutete weitere langweilige Abende.

Als ich den Wagen um die Ecke lenkte, stand Weiduschat vor dem Haus seiner Ex und starrte zur ersten Etage hinauf. Ich ließ den Wagen ausrollen und schaltete die Lampen aus. In einigen Häusern glomm bläuliches Fernsehlicht. Ansonsten war es still. Keine Menschenseele, mit Ausnahme von Weiduschat.

»Was macht der da?«, fragte Koslowski.

Tatsächlich, einen Brüller und Tober hatte ich mir anders vorgestellt. Nahezu andächtig stand der Mann da, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf den Fußspitzen wippend. Fast schien es so, als warte er auf jemanden.

Plötzlich ging die Tür auf, und Frau Weiduschat, bekleidet mit einem rosaroten Bademantel, wurde in der hellen Öffnung sichtbar. Der Anblick riss ihren Verflossenen aus seiner Lethargie. Mit schnellen Bewegungen näherte er sich der Tür.

»Scheiße«, sagte Koslowski.

Blitzschnell waren wir aus dem Auto.

»Gehen Sie ins Haus!«, schrie ich. Aber die Frau blieb wie hypnotisiert stehen. Jetzt war Weiduschat nur noch zwei Meter von ihr entfernt.

Koslowski nahm die Abkürzung über zwei Jägerzäune, ich sprintete den Bürgersteig entlang.

Weiduschat hatte sie erreicht, hob die Fäuste. Im nächsten Moment würde er zuschlagen.

Dass es nicht dazu kam, lag an Koslowski, der ihn einfach über den Haufen rannte. Mit der Wucht seiner hundertzehn Kilo rammte er den einen Kopf kleineren Frauenquäler in das Geranienbeet. Bevor Weiduschat wusste, wie ihm geschah, hockte Koslowski schon über ihm und verpasste ihm einen Faustschlag in den Magen.

Frau Weiduschat schrie auf.

»Es ist alles in Ordnung«, rief ich ihr atemlos zu. »Sie können völlig unbesorgt sein. Wir haben die Situation unter Kontrolle.«

Ein trockenes Klatschen, das eine gurgelnde Antwort hervorrief, bestätigte die Richtigkeit meiner Annahme.

»Idioten!« Ihr Gesicht verzerrte sich. »Was soll denn das? Seid ihr verrückt?«

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Weiduschat mit halb verdautem Bier die Geranien düngte.

»Er hat mich um Verzeihung gebeten. Ihr habt alles kaputt gemacht.«

»Was?«

Ihre Oberlippe zitterte, aus den Augen sprühte Wut. Zu spät bemerkte ich den spitzen schwarzen Schuh, der hochschnellte und mich zwischen den Beinen traf. Ein wahnsinniger Schmerz, der allein Männern vorbehalten ist, explodierte in meinem Körper und paralysierte mich. Ohne zu wissen, wie ich dort hingekommen war, lag ich neben Weiduschat. Außerdem befanden sich in meinem Blickfeld zwei nackte Beine und der Saum eines rosaroten Bademantels. Ich spürte zwar nichts, doch das knackende Geräusch, das der Tritt in meiner linken Brustseite verursachte, verhieß nichts Gutes. Durch eine dicke Watte aus Schmerz hörte ich eine Frauenstimme »Norbert, Norbert« jammern.

II

 

 

Eigentlich hätte ich ein paar Tage krankfeiern sollen. Die Rippe war zwar nicht gebrochen, sondern, wie eine Röntgenaufnahme ergab, nur angebrochen, trotzdem schmerzte meine ganze linke Seite, und mit dem engen Verband, den man in der Uni-Klinik um meine Brust gewickelt hatte, fühlte ich mich wie eine halb fertige Mumie.

Auf der anderen Seite hatte Sigi Bach, die Chefin und Alleinbesitzerin der Security Check GmbH, für heute eine Betriebsversammlung angesetzt. Die Geschäfte der Sec Check liefen in letzter Zeit nicht besonders. Die Aufträge nahmen ab, viele Unternehmen sparten, wo sie nur konnten. Und da war es, bilanzmäßig gesehen, unter Umständen günstiger, einem Angestellten kleine Diebstähle durchgehen zu lassen als eine aufwendige detektivische Untersuchung zu finanzieren. Auch schien es die Leute immer weniger zu interessieren, was ihre Ehepartner trieben, wenn diese, soweit weiblich, angeblich nur mit einer Freundin im Kino waren, oder, männliche Variante, mit den Kumpels ein paar Biere schluckten. Entweder ein Ausdruck sinkender Moral oder mangelnder Zahlungsfähigkeit. Letztere wiederum bescherte uns den einzigen Geschäftsbereich, der Zuwächse zu verzeichnen hatte: Liquiditätsprüfungen und Suche nach versteckten Vermögenswerten. Gar mancher Bauunternehmer und Anwalt, der auf einer fünf- oder sechsstelligen Forderung saß, hätte zu gern von der verschwiegenen Ferienwohnung in Holland oder dem beim Onkel geparkten Luxusschlitten eines Schuldners erfahren.

Insgesamt aber waren die Aussichten trübe, und ich wollte die schlechten Nachrichten lieber aus erster Hand erfahren als mir zu Hause eine mittelschwere Depression einfangen. Also schleppte ich mich mit zusammengebissenen Zähnen zum Konferenzraum der Sec Check am Prinzipalmarkt.

 

Nach und nach trudelten rund zwanzig Detektivinnen und Detektive ein. Auch von den Außenstellen in Coesfeld, Burgsteinfurt und Borken waren die meisten der dort Beschäftigten angereist.

Die Stimmung war, wie nicht anders zu erwarten, ziemlich gedrückt. Hinter vorgehaltener Hand wurde von betriebsbedingten Kündigungen geredet. Natürlich fielen keine Namen, aber die skeptischen Blicke, mit denen mich einige Kollegen musterten, gaben mir zu denken.

Als Max von Liebstock-Blumenberg hereinhumpelte, verstummten die Gespräche. Bei einer missglückten Aktion in einem Landbordell hatte er sich einen Beinschuss eingefangen, und seitdem trug er eine Prothese. Da er sich im Außendienst sowieso als Niete erwiesen hatte, war es kein großer Verlust, dass er sich jetzt nur noch um Finanzen und Organisation kümmerte.

Der zwergenwüchsige Adelige nahm am Kopfende des Tisches Platz und entnahm einer eleganten schwarzen Aktentasche einen Stapel Papiere, den er vor sich aufschichtete. Max war die rechte Hand von Sigi, die, zu meinem Leidwesen, große Stücke auf den graduierten Betriebswirt hielt.

Kurz darauf rauschte Sigi Bach herein. Obwohl sie seit einigen Jahren auf die Vierzig zuging, sah sie immer noch ausgesprochen gut aus. Immerhin verbrachte sie eine Menge Zeit auf der Sonnenbank, sonst hätte das schlichte schwarze Kleid, das sie trug, nicht so blendend mit der gebräunten Haut harmoniert.

»Einen schönen guten Morgen«, sie ließ ihren Blick in die Runde schweifen, »bevor ich zum hauptsächlichen Anlass unseres Treffens komme, muss ich leider ein Ereignis des gestrigen Abends erwähnen.«

Ich setzte mich aufrechter hin.

»Georg und Hjalmar, was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht, diesen Weiduschat krankenhausreif zu schlagen?«

Koslowski zog den Kopf zwischen die Schultern. »Ich dachte, sie, ich meine Frau Weiduschat, hat das so gewollt.«

»Außerdem«, beeilte ich mich hinzuzufügen, »sah es für uns so aus, als würde Herr Weiduschat eine bedrohliche Haltung einnehmen. Um unsere Mandantin zu schützen, mussten wir improvisieren.«

»Soso, improvisieren.« Sigi funkelte uns durch ihre Fensterglasbrille wütend an. »Heute Morgen habe ich einen Anruf von Weiduschats Anwalt erhalten. Sein Mandant liegt noch im Krankenhaus, mit diversen Prellungen und Blutergüssen sowie einem angebrochenen Nasenbein. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass da eine saftige Schadensersatzklage auf uns zukommt. Ganz abgesehen davon, dass wir das Honorar von Frau Weiduschat in den Wind schreiben können.«

»Sind wir nicht gegen so was versichert?«, fragte ich schüchtern. »Durch die Berufsvereinigung?«

»Natürlich können wir Rechtsschutz in Anspruch nehmen«, sagte Sigi kalt. »Unabhängig von den finanziellen Fragen ist für mich viel gravierender, welchen Imageschaden wir durch diese Aktion davontragen. Ich möchte nicht, dass Security Check in den Ruf gerät, wild gewordene Schläger zu beschäftigen.« Sie wendete ihren hübsch frisierten Kopf in meine Richtung. »Gerade von dir, Georg, hätte ich mehr Einfühlungsvermögen in die Situation erwartet.«

»Ihr habt euch ohne Ende blamiert«, setzte Liebstock-Blumenberg überflüssigerweise hinzu. Er kam sich besonders cool vor, wenn er diesen Sprachmüll absonderte.

»Was ist eigentlich mit dem Schaden, den ich davongetragen habe?«, entgegnete ich. »Durch mehrere Fußtritte hat Frau Weiduschat meine Fortpflanzungsfähigkeit aufs Spiel gesetzt und mir außerdem eine Rippe angebrochen. Ich könnte mit ihrem Alki-Exmann das Krankenhauszimmer teilen, wenn mich die verdammte Pflicht nicht hierher geprügelt hätte.«

Eine junge, sommersprossige Kollegin aus der Coesfelder Filiale kicherte.

»Und das ist überhaupt nicht witzig«, blaffte ich hinüber.

Die Sommersprossen verschwanden in einem satten Rosa.

»Na und?«, konterte die Chefin. »Frau Weiduschat hat offensichtlich in Notwehr gehandelt. Ihr Mann hatte sein Erscheinen telefonisch angekündigt. Er beabsichtigte, den Streit beizulegen und um Verzeihung zu bitten. Und kaum steht er vor ihr, wird er von zwei brutalen Gestalten überfallen. Jeder Richter wird verstehen, dass die arme Frau ihren Mann retten wollte. Tut mir leid, Georg, du hast null Anspruch auf gar nichts. Wärt ihr beiden nicht langjährige, verdiente Mitarbeiter …« Sie ließ den Satz in der Schwebe. »Nun, beim Tagesordnungspunkt zwei kommen wir noch auf Konsequenzen zu sprechen.« Sie räusperte sich. »Womit wir beim Hauptthema des heutigen Vormittags wären. Wie ihr alle wisst oder doch zumindest vermuten konntet, ist die Geschäftsentwicklung nicht gerade positiv. Max, bitte!«

Der Blaublütige verteilte die Papiere und rasselte Zahlenkolonnen herunter, Jahresbilanzen, Erlöse, Gewinne vor und nach Steuer, Entwicklungen der nachgefragten Dienstleistungen, diversifiziert und akkumuliert. Am Ende waren wir nicht schlauer als vorher.

»Und das heißt?«, fragte ein vorwitziger Milchbart.

»Das heißt«, sagte Max mit wichtiger Stimme, »dass es nicht so weitergehen kann wie bisher.«

Betretenes Schweigen in der Runde.

»Das war die schlechte Nachricht«, verkündete Sigi. »Jetzt kommt die gute. Vor die Alternative gestellt, entweder radikal die Kosten zu senken und einen Teil der Belegschaft zu entlassen oder neue Wege zu gehen, haben wir uns für die zweite Möglichkeit entschieden.« Sie machte eine Pause. »Ich weiß, dass einigen von euch die Sache nicht schmecken wird. Aber es steht jedem frei, zu kündigen und sich einen neuen Job zu suchen.«

Das Niesen eines heuschnupfengeplagten Kollegen klang in der Stille wie der Lockruf eines Elefantenbullen.

»Ich habe beschlossen«, fuhr Sigi fort, wobei ich registrierte, dass sie vom Plural in den Singular wechselte, »den Gebäudeschutz als neue Geschäftssparte in unser Dienstleistungsangebot aufzunehmen.« Mit einer Handbewegung stoppte sie das aufkommende Gemurmel. »Ausschlaggebend war, dass ich über einen befreundeten Geschäftsmann an einen lukrativen, langfristigen Auftrag herankommen konnte. Es handelt sich um ein Gelände bei Schapdetten, das ist ein Dorf in der Nähe von Nottuln im Kreis Coesfeld. Wir haben die Aufgabe, den Komplex gegen Eindringlinge abzusichern. Es wird rund um die Uhr in Schichten gearbeitet.« Sigi holte Luft.

Von mehreren Ecken des Tisches kam halblauter Protest.

»Ich bin Detektiv und nicht Nachtwächter«, maulte Michalke, ein in Ehren ergrauter Schnüffler, der früher mal eine eigene Agentur besessen hatte.

»Gilt das auch für Frauen?«, fragte die Coesfelder Jungdetektivin.

»Wir in Borken sind viel zu weit von Nottuln entfernt«, meckerte ein anderer.

Sigi nickte. »Zunächst werden die Mitarbeiter aus Münster und Coesfeld eingesetzt. Max kümmert sich um die Schichteneinteilung. Körperliche Voraussetzungen und die Entbehrlichkeit der Kollegen in unseren klassischen Aufgabengebieten sind Kriterien, die Berücksichtigung finden. Denn selbstverständlich werden wir weiterhin als Detektei auf dem Markt sein.« Sigi lächelte großmütig. »Mir ist klar, dass ich euch einiges abverlange. Ihr könnt mir ruhig glauben, dass mir die Entscheidung nicht leicht gefallen ist. Ich hänge mit Herz und Seele an der Detektiv-Agentur. Nicht um alles in der Welt möchte ich Chefin eines reinen Wachdienstes sein. Aber ich denke, dass es sich nur um eine vorübergehende Umstellung handelt. Sobald sich die Auftragslage in unseren traditionellen Feldern, Versicherungsbetrug, familiäre Überwachung und so weiter, erholt, werde ich für den Wachdienst zusätzliche Aushilfskräfte einstellen, und ihr könnt wieder eurer eigentlichen Arbeit nachgehen.«

»Müssen wir Uniform tragen?«, fragte der Milchbart.

»Wie steht’s mit der Bekleidung?«, wandte sich Sigi an ihren anderthalbbeinigen Organisationschef.

»Wir haben zwanzig schwarze Uniformen, komplett mit Hemd, in verschiedenen Größen geordert«, meldete Liebstock-Blumenberg.

Der verletzte Berufsstolz machte sich in einem gemeinsamen Stöhnen Luft. Schwarze Uniformen! Hatten wir nicht stets mit Verachtung auf die schwarzen Sheriffs herabgeblickt?

»Es ist okay, wenn ihr bei Temperaturen über fünfundzwanzig Grad die Uniformjacken auszieht«, gab sich Max aufreizend großzügig. »Auf dem Firmengelände dürft ihr offen Schusswaffen tragen. Ich betone: auf dem Firmengelände. Bei den Hin- und Rückfahrten sind die Pistolen im Handschuhfach einzuschließen.«

Ich hob meine Hand, und Sigi nickte mir zu.

»Eine Frage: Bis jetzt hast du nur von Gelände und Gebäude gesprochen. Was ist eigentlich so wertvoll an oder in diesem Schapdettener Areal, das einen Wachdienst notwendig macht?«

»Nun, es handelt sich …« Sigi druckste herum. »Es ist eine Unterkunft – oder sagt man Stall? Jedenfalls sollt ihr Käfige mit Affen bewachen.«

»Affen? Hast du Affen gesagt?«

»Die Affen an sich sind nicht wertvoll«, referierte Max, der die Verlegenheit seiner Chefin mitbekommen hatte. »Es geht darum, dass Teile der Bevölkerung sensibel auf einige Aspekte der modernen Tierforschung reagieren. Kurz gesagt, die Firma Arilson, die das Affenhaus unterhält, befürchtet Anschläge von sogenannten Tierfreunden.«

»Was für Anschläge denn?«, fragte einer.

»Alle möglichen Arten von Anschlägen. Denkbar sind Beschädigungen der Zäune, Schmierereien, Würfe mit Farbbeuteln oder Molotowcocktails. Schlimmstenfalls – auch das ist in der Vergangenheit vorgekommen – könnten radikalisierte Fanatiker versuchen, Tiere zu entführen.«

»Und was machen wir bei einer solchen Attacke?«, erkundigte ich mich. »Sollen wir die Angreifer erschießen?«

»Spar dir deinen Zynismus, Georg!«, wies mich Max zurecht. »Eure Aufgabe besteht darin, die Außenanlagen zu sichern. Personen, die sich in der Nähe der Zäune aufhalten, sind aufzufordern, sich zu entfernen. Bei einem gewaltsamen Angriff verständigt ihr sofort die Polizei. Die Pistolen dienen ausschließlich zur Selbstverteidigung. Also bitte nur in Notwehr schießen! Sonst noch Fragen?«

»Wann geht der Job los?«, fragte Koslowski, der mehr in praktischen Kategorien dachte.

»Gut, dass du darauf zu sprechen kommst, Hjalmar«, antwortete der kümmerliche Adelsspross. »Unser Einsatz beginnt heute Abend um achtzehn Uhr. Ich dachte, dass du zusammen mit Wilsberg die ersten fünf Nachtschichten übernimmst. Damit könnt ihr euch für das Desaster von gestern Abend rehabilitieren.«

»Habilitieren?«, fragte Koslowski.

»Einspruch«, sagte ich. »Aufgrund meiner Verletzungen bin ich körperlich nicht voll einsatzbereit. Ich möchte ein paar Tage Freizeitausgleich beantragen.«

»Abgelehnt«, sagte Sigi. »Ich wüsste nicht, dass dir noch irgendwelcher Freizeitausgleich zusteht.«

 

Auf der Promenade führten Tierbesitzer ihre Hunde, Schlangen und Warane spazieren. Inlineskater und Fahrradfahrer verursachten Verkehrsstaus. Vor jeder Kneipe, Imbissbude und Eisdiele standen ein paar Tische und Stühle auf dem Bürgersteig. Alle verfügbaren Hinterhöfe und Garagenvorplätze hießen jetzt Biergarten. Greise und Teenies trugen nur noch die allernotwendigsten Kleidungsstücke. Münster war, ähnlich wie Castrop-Rauxel oder Herne-Eickel, im Frühsommer am schönsten.

Besonders ausgeprägt war das südländische Lebensgefühl im Kreuzviertel. Hier lebte die Toskana-Fraktion der münsterschen Bevölkerung: Studienräte, Ärzte, Richter und ihre zeitweiligen Lebensgefährten. Rund um die Kreuzkirche bestellte man den Cappuccino und die Spaghetti alla vongole in fließendem Italienisch, auch wenn die Kellner in den Pizzerien und Osterias meist aus Kroatien oder Griechenland stammten.

Im Moment konnte mich der Flair meiner engeren Wahlheimat wenig erfreuen. Meinen desillusionierten Gesichtsausdruck hinter einer Sonnenbrille versteckend, schlurfte ich an der eiskaffeetrinkenden Halbtagsschickeria vorbei. Nüchtern betrachtet, und seit dem Ende der Betriebsversammlung betrachtete ich meine Situation sehr nüchtern, befand ich mich an einem Tiefpunkt meiner Karriere. Vom ehrgeizigen Rechtsanwalt zum Nachtwächter, vom selbstbewussten Besitzer eines Briefmarkenladens und Secondhandkaufhauses zum devoten Befehlsempfänger, der um einen Tag Erholung bettelt – das musste mir erst mal jemand nachmachen.

Ich verspürte große Lust, den Job zu schmeißen, einfach zu kündigen. Noch einmal ganz von vorne anzufangen, als Kaufhausdetektiv oder Inhaber einer eigenen, kleinen Agentur. Sobald ich den Kopf frei und ein bisschen Luft auf dem Konto hatte, würde ich konkretere Pläne entwerfen. Vielleicht ließ sich Koslowski überreden, bei mir einzusteigen. Mit dem blonden Hünen an meiner Seite konnte ich auch heiklere Aufträge übernehmen, überfällige Rechnungen eintreiben, zum Beispiel, oder säumigen Ratenzahlern die Videorekorder und Autos wieder abnehmen, Jobs, vor denen sich die meisten meiner Berufskollegen drückten.

Meine Wohnung lag etwas abseits vom Kreuzviertel-Kiez, in einer ruhigen Nebenstraße. Ich hatte sie zusammen mit Imke gemietet, meiner inzwischen rechtmäßig von mir geschiedenen Ehefrau. Imke und unsere Tochter Sarah lebten jetzt bei ihren Eltern in Ascheberg, und da ich mir allein keine vier Zimmer in bester Wohnlage leisten konnte, hatte ich ein Zimmer an einen Studenten untervermietet.

Ächzend schleppte ich mich die Haustreppe hinauf. Langsam machte mir auch das Alter zu schaffen. Früher hatte ich kleinere Blessuren leichter weggesteckt.

Ich schloss die Wohnungstür auf. Drinnen war es ruhig. Im Leben meines Untermieters hatte sich ein einschneidender Wandel vollzogen, als sein Vater ihm die Übernahme der familieneigenen Fensterrahmenfabrik im heimischen Seppenrade angeboten hatte. Vorbei die vor- und nachmittäglichen Orgien, vorbei aller Müßiggang und alle Faulenzerei. Jan war monogam geworden, wechselte von Pädagogik zu Betriebswirtschaft, kleidete sich nicht mehr im Stil der späten Flower-Power-Zeit, sondern wie ein Handy-Halter auf Kundenfang. Mit anderen Worten: Er hatte sich zu einem elenden Streber entwickelt.

Ich ging in die Küche, um mir ein Butterbrot zu schmieren.

Die Margarinedose war neu, und ich entfernte die Alufolie. Dann überlegte ich, ob der grüne Punkt auch für die Folie galt oder nur für die äußere Schachtel. Vor einigen Monaten hatte uns die strikte Mülltrennung erreicht: Biotonne, Papiertonne, Restmülltonne und gelber Sack. Anfangs nahmen wir die Sache nicht so ernst, aber Frau Gerstenkamp, die in der Wohnung unten links wohnte, erwischte uns ein paar Mal, wie wir Recyclingverpackungen in die Restmülltonne werfen wollten. Ich hatte sie sogar im Verdacht, dass sie nachts die Mülltonnen inspizierte.

»Hallo Georg!« Jan zeigte sich in der Küchentür. Er trug einen leicht verknitterten Leinenanzug und ein Hawaiihemd.

»Sag mal: Gehört die Alufolie der Margarinedose in den gelben Sack oder in den Restmüll?«

»Ich denke, der grüne Punkt gilt auch für die Folie. Aber wenn du dir nicht sicher bist, schau doch mal im Verzeichnis der Stadtwerke nach! Es liegt im Küchenschrank.«

»Danke.«

»Ich geh zur Uni.« Er wollte sich schon abwenden, da fiel ihm noch etwas ein: »Ach, übrigens, deine Ex hat angerufen. Du sollst sie zurückrufen. Es ist irgendwas mit Sarah.«

Die Erwähnung des Namens versetzte mir einen kleinen Stich. Bei der Scheidung hatte ich zwar ein dauerhaftes Besuchsrecht erkämpft, doch die zunehmende Entfremdung zwischen mir und meiner Tochter war nicht zu übersehen.

 

Imke war nicht da.

Hubert, ihr Vater, behauptete, nichts Näheres zu wissen. An seiner Stimme hörte ich, dass er sehr wohl Bescheid wusste, sich aber wieder mal drückte. Ich erzählte ihm, dass ich nur bis siebzehn Uhr zu erreichen sei, weil ich in der Nacht arbeiten müsse.

»Auf Leitern steigen, um Fotos von irgendwelchem intimen Schweinkram zu machen?«

»Nein, Hubert, neuerdings benutze ich einen Hebekran.«

Seine Stimme wurde einen Ton schriller: »Nennen Sie mich bitte nicht Hubert! Wir sind nicht mehr verwandt.«

Der alte Sack.

III

 

 

»Was hältst du davon?«, fragte ich Koslowski.

»Na ja«, brummte der Hüne, der mindestens einen Kopf größer und zwei Oberarme breiter war als Arnold Schwarzenegger. »Du hast schon einiges in den Sand gesetzt.«