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In Münster geht ein Serienkiller um. Auch die grüne Stadtkämmerin Jutta Rausch fürchtet um ihr Leben – und engagiert Georg Wilsberg als Leibwächter.

Haben die Morde mit dem ›Kappenstein-Projekt‹ zu tun, einem geplanten riesigen Vergnügungspark?

Jürgen Kehrer

 

 

 

Das Kappenstein-Projekt

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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© 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

Nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung korrigierte Fassung
des Kriminalromans

Jürgen Kehrer: Das Kappenstein-Projekt

© 1997 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-892-4

Der Autor

 

 

Jürgen Kehrer, geboren 1956 in Essen, lebt in Münster. Er ist der geistige Vater des Buch- und Fernsehdetektivs Georg Wilsberg. Neben bisher achtzehn Wilsberg-Krimis (zuletzt zus. mit Petra Würth: Todeszauber), verfasste er mehrere Wilsberg-Drehbücher, veröffentlichte historische Kriminalromane, Sachbücher zu realen Verbrechen, den Thriller Fürchte dich nicht! sowie zahlreiche Kurzgeschichten mit und ohne Wilsberg, von denen viele in Wilsbergs Welt nachzulesen sind.

www.juergen-kehrer.de

 

Vorbemerkung

 

 

Da jetzt wieder der eine oder die andere behaupten wird, ich hätte von der Wirklichkeit abgekupfert, möchte ich betonen, dass alles, aber auch fast alles in diesem Roman erfunden ist, insbesondere die Personen und die Handlung. Nur Münster in Westfalen habe ich nicht erfunden, das hat schon jemand 1200 Jahre vor mir getan.

Für das Team von PEGASUS und den Privatdetektiv Schröder danke ich den Kollegen Reinhard Junge und Conny Lens.

»Dein Fehler, Martin, ist, dass du den falschen Beruf hast. Zur falschen Zeit. Im falschen Teil der Welt. Im falschen System.«

»Das wäre alles?«

»Ungefähr. Ich fange an. Dann sage ich X. X wie in Marx.«

(Sjöwall/Wahlöö: Die Terroristen)

Grüner Ratsherr brutal ermordet – Zweiter Gewaltakt innerhalb von einer Woche

 

(Münstersche Nachrichten – Eigener Bericht) Gestern Abend wurde der 43-jährige Studienrat und ehrenamtliche Stadtrat Martin Hennekamp auf dem ehemaligen britischen Militärgelände an der Loddenheide ermordet aufgefunden. Hennekamp hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Er ist bereits der zweite Grünenpolitiker, der einem Mordanschlag zum Opfer fiel, nachdem vor acht Tagen das Planungsausschussmitglied Berthold Dietzelbach ermordet wurde. Vermutungen, zwischen den beiden Gewalttaten könnte ein Zusammenhang bestehen, wurden vom Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Klaus Stürzenbecher, bestätigt: »Wir gehen davon aus, dass es sich um den selben Täter handelt.« Näheres wollte Stürzenbecher nicht sagen: »Im Hinblick auf die laufenden Ermittlungen ist es noch zu früh, über den genauen Tathergang zu sprechen.«

Stürzenbecher verriet jedoch, dass Hennekamp mit »einem Messer oder einem messerähnlichen Gegenstand« erstochen worden ist.

Der Planungsexperte Dietzelbach war vor einer Woche auf der Uferpromenade des Dortmund-Ems-Kanals mit einer Schnur erwürgt worden. Anschließend hatte der Täter die Leiche in den Kanal geworfen. Einziges erkennbares Verbindungsglied zwischen den beiden Opfern ist ihre Mitgliedschaft in der Grünen Partei und ihre ehrenamtliche Mitarbeit in der kommunalen Selbstverwaltung. Hauptkommissar Stürzenbecher zu unserer Zeitung: »Die Parteizugehörigkeit ist nur ein Indiz unter mehreren.«

Die Suche nach dem Täter gestaltet sich indes äußerst schwierig. Ähnlich wie im Fall Dietzelbach, gab es auch bei dem gestrigen Mord keine Augenzeugen. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat wollte die Polizei weder bestätigen noch dementieren. Stürzenbecher: »Bis jetzt sind keine Bekennerschreiben oder -anrufe eingegangen.« Der Hauptkommissar hofft darauf, dass sich noch Zeugen melden werden. Insbesondere möchte die Polizei wissen: »Wer hat gestern Abend zwischen 19 und 21 Uhr einen blauen Opel Vectra in der Nähe der Loddenheide gesehen?«

Im Hinblick auf einen möglichen politischen Hintergrund der Taten ist damit zu rechnen, dass die münstersche Mordkommission bald Unterstützung bekommen wird. Wie aus unterrichteten Kreisen zu erfahren war, hat sich das Landeskriminalamt bereits in die Ermittlungen eingeschaltet.

Direkt nach dem zweiten Mord wurden auch Befürchtungen laut, in Münster könnte ein Serienkiller sein Unwesen treiben. Hauptkommissar Stürzenbecher: »Es besteht kein Grund zur Panik. Allerdings raten wir der Bevölkerung, übertriebene Risiken zu meiden und beispielsweise auf nächtliche Spaziergänge in abgelegenem oder unüberschaubarem Gelände zu verzichten.«

I

 

 

Ich legte die Zeitung beiseite und goss mir eine Tasse Kaffee ein. Es war bereits die vierte, aber das leichte Kribbeln im Bauch konnte auch von dem Umstand herrühren, dass mir Martin Hennekamp kein Unbekannter war. In meinem früheren Leben als Rechtsanwalt hatte ich ihn vor Gericht verteidigt. Als Gegendemonstrant bei einer Versammlung von Rechtsradikalen war er den um das leibliche Wohl der Neonazis besorgten Polizeikräften dadurch aufgefallen, dass er einen Erdklumpen in Richtung der specknackigen Hitlerjünger geworfen hatte. Der Staatsanwalt hielt dies seinerzeit für eine versuchte Körperverletzung. Mit einem fulminanten Plädoyer schaffte ich es, die von der Staatsanwaltschaft geforderte Geldstrafe von 3000 DM auf 2500 DM zu reduzieren. Als ich jedoch die Bezahlung des Anwaltshonorars anmahnte, appellierte Hennekamp an meine politische Solidarität. Das dämpfte damals meine Begeisterung, eine Karriere als politischer Anwalt einzuschlagen. Kurz darauf erledigten sich meine Überlegungen von selbst, weil man mir die Anwaltslizenz entzog. Martin Hennekamp hatte ich in den letzten Jahren gelegentlich in der Innenstadt gesehen. Wir nickten uns zu und gingen weiter, wie man das bei Leuten macht, deren Gesicht einem irgendwie bekannt vorkommt. Trotzdem berührte es mich, dass jemand »ein Messer oder einen messerähnlichen Gegenstand« in ihn hineingestoßen hatte.

Im Zimmer nebenan stieß Corinna einen Schrei aus. Ein unbefangener Zuhörer hätte ihn für einen Schmerzensschrei halten können. Ich war jedoch alles andere als unbefangen. Seitdem ich ein Zimmer meiner geräumigen Kreuzviertel-Wohnung an den Publizistikstudenten Jan vermietet hatte, untermalten Geräusche dieser Art meinen Alltag.

Seine Zeit mit Corinna ging bereits in die dritte Woche, aber noch immer verbrauchten die beiden mehr Kraft im Bett als zur Bewältigung ihrer sicherlich nicht allzu schweren Aufgaben an der Uni. Streng genommen verließen sie die IKEA-Spielwiese nur zur Nahrungsaufnahme, zum Duschen und für ihre abendlichen Streifzüge durch Münsters Unterhaltungsgastronomie. Vielleicht hätte ich das Lotterleben als hormonelle Krise namens »frisch verliebt« entschuldigt, wenn mich meine dreimonatige Erfahrung als Jans Zimmervermieter nicht gelehrt hätte, dass ein studierender Schönling es durchaus als Dauerzustand mit wechselnden Partnerinnen führen kann.

Zwei kurze Schreie hintereinander, der letzte mit einem kleinen Kiekser, erinnerten an ein Tennisspiel zwischen Monica Seles und Anke Huber kurz vor dem Matchball. Hinzu kam jetzt ein brummendes Röhren. Der zweite Geschlechtsverkehr an diesem Vormittag näherte sich seinem Höhepunkt. Mit dem Kaffeelöffel dirigierte ich bis zum finalen Duo-Keuchen. Jenseits der vierzig kann man sich auch an kleinen Dingen erfreuen.

Kurz darauf öffnete sich eine Tür, und Jan schlenderte in Boxershorts in die Küche.

»Bringst du mir einen O-Saft mit, Schnuffi!«, rief Corinna ihm nach.

»Mach ich, Bärchen!«, brüllte er zurück. Und zu mir: »Du bist ja immer noch da.«

Seine schweißnassen Füße klebten an den Bodenfliesen und lösten sich bei jedem Schritt mit einem quietschenden Plop.

»Der Mittelteil war etwas monoton, aber gegen Ende kam wieder Drive rein«, sagte ich.

Er beugte sich in den Kühlschrank. »Du redest wie ein Tattergreis.«

»Ich bin ein Tattergreis«, korrigierte ich ihn.

»Rubbish.« Er zog einen Karton mit Orangensaft heraus. »Nur weil dir deine Frau weggelaufen ist, ist das Leben nicht zu Ende. Es gibt genügend fesche Ladys im mittleren Alter.«

»Die sind bis zur Unkenntlichkeit verheiratet.«

»Oder schon wieder geschieden.«

»Dann haben sie drei Kinder.«

»Na und? Einen kleinen Haken gibt’s überall.«

»Schnuffi, was machst du so lange?«, tönte Corinnas Stimme aus den Tiefen der Wohnung.

»Schnuffi.« Ich ließ den Namen auf der Zunge zergehen.

Jan schüttelte seine goldblonde Mähne. »Klingt scheiße, ich weiß. Aber sie findet’s geil. Musst du heute nicht arbeiten?«

»Erst heute Nachmittag.«

Saugend, quietschend und ploppend machte sich Schnuffi auf den Weg zu Bärchen.

Der überraschende Auszug meiner Ehefrau Imke und die Unterhaltszahlungen für meine Tochter Sarah hatten mich gezwungen, ein Zimmer zu vermieten. Allein konnte ich mir die Miete für die Vierzimmerwohnung nicht mehr leisten. Jan bezahlte 500 Mark und durfte dafür die Küche und das Bad mitbenutzen. Er nannte das Mietwucher, aber immerhin bot ich ihm beste Kreuzviertel-Lage, ein Erkerzimmer, das doppelt so groß war wie eine normale Studentenbutze, und einen toleranten Privatdetektiv als Vermieter.

 

In Gedanken überschlug ich meinen Tagesplan. Er bestand aus einem einzigen Punkt. Am Nachmittag wollte ich zu der Computerfirma Network & Co an der Siemensstraße, um unter den Angestellten den Dieb ausfindig zu machen, der regelmäßig Computerplatinen klaute. Die auf den Platinen befindlichen Chips ließen sich auf dem Schwarzmarkt teuer verkaufen. Ein Job, den ich im Auftrag des Detektivbüros Security Check erledigte. Nichts Aufregendes, keine intellektuelle Herausforderung, eben ganz normale, langweilige Detektivarbeit.

Bis dahin blieben mir noch ein paar Stunden, und ich hatte mich gerade zu einem Spaziergang in die Innenstadt entschlossen, als das Telefon klingelte.

Eine dunkle, selbstbewusste Frauenstimme sagte: »Mein Name ist Jutta Rausch.« Sie sagte das in einem Ton, der die Überzeugung verriet, dass jede weitere Erklärung überflüssig sei. So wie sich auch Helmut Kohl kaum mit dem Satz melden würde: »Mein Name ist Helmut Kohl, und ich bin von Beruf Bundeskanzler.«

»Und mein Name ist Georg Wilsberg«, antwortete ich.

Sie lachte. »Entschuldigen Sie, Herr Wilsberg, vielleicht kennen Sie mich nicht.« Das klang schon ein bisschen weniger überheblich.

»So ist es«, bestätigte ich.

»Nun, ich bin die Kämmerin der Stadt Münster. Sagt Ihnen das etwas?«

»Die Finanzministerin unserer kleinen, netten Stadt. Prüfung bestanden?«

»Bestanden«, lobte sie mich. »Weswegen ich anrufe …«

»Das wäre meine nächste Frage gewesen«, verriet ich ihr.

»Ich möchte wissen, ob Sie heute Abend schon etwas vorhaben.«

Eine gute Frage, die ich mir fast jeden Tag stellte. Ich war zu alkoholgefährdet, um in Kneipen herumzustehen, zu alt, um mich in Discos herumzutreiben, und nicht reich und berühmt genug, um sexuell ausschweifende Partys auf einer Jacht im Mittelmeer zu feiern. Also hatte ich abends meistens nichts vor.

»Nein«, sagte ich.

»Dann würde ich Sie gerne zum Essen einladen. Im Tempel von Kyoto. Passt Ihnen zwanzig Uhr?«

»Sie zahlen?«

»Selbstverständlich.« Wieder dieses kurze, eigentlich ganz sympathische Lachen.

»Dann komme ich.«

 

Die Siemensstraße im Gewerbegebiet Süd würde nie in einem Reiseführer erwähnt werden, obwohl es hier eine ganze Reihe von zweckmäßigen Bauten und viele weitflächige Parkplätze gab. Das Gebäude von Network & Co und sein davor gelegener Parkplatz machten da keine Ausnahme. Ich stellte meinen Wagen ab, nickte Herrn Juventrup, dem Pförtner, zu und fuhr mit dem Aufzug in die vierte Etage, wo die Geschäftsführung residierte.

Leider hatte ich Dr. Kaminsky, einem der beiden Geschäftsführer, wenig Erfreuliches zu berichten. Er trug Jeans und Turnschuhe, wahrscheinlich weil er dachte, dass sich das für einen Computermanager so gehört. Ansonsten besaß er so viel Ähnlichkeit mit Bill Gates wie ein Abakus mit einem Pentium-Prozessor.

Kaminsky kraulte seinen grauen Bart: »Gestern sind schon wieder drei Platinen verschwunden. Wenn das so weitergeht …«

»Es wird nicht so weitergehen«, beruhigte ich ihn.

Kaminsky bewegte seinen Oberkörper nach vorne. Es sah aus, als hätte er Probleme mit der Bandscheibe. »Was bringt Sie zu der Überzeugung?«

»Ich fühle es.«

»Aha. Berufliche Intuition also.«

»So könnte man es ausdrücken, Herr Doktor.«

Er zuckte. »Nur Kaminsky, bitte! Wir sind eine moderne Firma.«

»Okay. Also, dann mach ich mich mal an die Arbeit.«

»Was haben Sie heute vor?«

»Ich werde die Mitarbeiter kontrollieren, wenn sie das Gebäude verlassen.«

»Das haben Sie doch schon vorgestern getan.«

»Und trotzdem sind zwei Platinen gestohlen worden. Folglich werde ich heute auf Verstecke achten, die ich vorgestern übersehen habe.«

Man konnte sehen, wie die Schaltkreise in seinem Gehirn arbeiteten. Und auch das Ergebnis war vorhersehbar: ein Anruf bei meiner Chefin mit einer gepfefferten Beschwerde über die laxe Arbeitshaltung ihres Angestellten Wilsberg.

Es sei denn – ich würde heute Erfolg haben.

 

Ich machte einen kurzen Rundgang durch die Fertigungshalle und sah zu, wie die Kult- und Statusobjekte unserer http://-@www-Gesellschaft aus billigen Metallteilen zusammengeschraubt wurden. Dann ging ich langsam zum Personalausgang. Bei einem Turnschuh-Geschäftsführer verstand es sich von selbst, dass die Mitarbeiter gleitende Arbeitszeiten hatten. Ab fünfzehn Uhr gaben die ersten ihren persönlichen Abgangscode in den Time-Controlling-Computer ein.

Seit dem Beginn des Platinenklaus hatte sich das lockere, kreative Betriebsklima allerdings ein wenig verdüstert. Der gute Dr. Kaminsky sah sich gezwungen, auf einen geradezu archaischen kapitalistischen Brauch zurückzugreifen: er hatte zwei Sicherheitsleute eingestellt, die in ihren schwarzen Uniformen vor allem abschreckend wirken sollten.

Ich seufzte, als ich sah, dass sich der dümmere von beiden am Ausgang postiert hatte. Sein Intelligenzquotient lag nur knapp über der Demenzgrenze, und ein Gespräch mit ihm war so interessant wie eine Dressurnummer mit Stofftieren.

»Hallo!«, begrüßte ich ihn.

Er warf mir einen giftigen Blick zu. »Wat wollen Sie denn hier?«

»Was glauben Sie wohl? Den Platinendieb ausfindig machen.«

Er stellte die Beine breit und schob den Bauch nach vorne. »Die Taschen kontrolliere ich.«

»Keine Angst, ich mach Ihnen Ihren Job nicht streitig.«

»Das will ich meinen.« Der rechte Daumen hakte sich in den Gürtel. Die perfekte Sheriff-Imitation.

Da ich inzwischen sicher war, dass niemand etwas in Tragetaschen nach draußen schmuggelte, suchte ich nach raffinierteren Verstecken. Während der schwarze Sheriff mit leeren Augen die Tascheninhalte abrasterte, bat ich um das Lüften von Jacken oder tastete bauschige Hosen ab. Den Leuten auf die Pelle zu rücken, entsprach nicht meiner Idealvorstellung von Detektivarbeit, zumal ich eine Menge hämischer Bemerkungen gratis kassierte, aber, wie Jimmy Connors seinerzeit nach dem Gewinn der US-Open sagte: Der Job musste getan werden.

Nach anderthalb Stunden kam es zu einem kleinen Fachgespräch mit meinem Kollegen.

»Da kommt nix bei rum«, fasste er unsere Bemühungen zusammen.

»Und was schlagen Sie vor?«, erkundigte ich mich.

»Sie müssen dat irgendwie anders anpacken.«

»Ach.«

Ein deutscher Rasta mit Zottelbart und einer übergroßen Wollmütze, unter der er seine Locken versteckte, schlenderte heran. Mit breitem Grinsen hielt er uns seine hanfblattbedruckte Leinentasche unter die Nasen.

»Würden Sie bitte Ihre Mütze abnehmen!«, sagte ich.

»Wozu, Mann?«

»Ich möchte sehen, was drunter ist.«

»Haare, Mann. Was glaubst du?« Er wollte an mir vorbei.

Der schwarze Sheriff nestelte bereits an seinem Pistolenhalfter.

»Lassen Sie die Pistole stecken!«, sagte ich scharf und riss dem Rasta die Mütze vom Kopf. Außer dicken, fetten Zöpfen rieselten auch zwei Platinen zu Boden.

»Scheiße, Mann«, sagte der Rasta.

 

Der Tempel von Kyoto war eins von zwei japanischen Restaurants in Münster. Ich war erst einmal dort gewesen, nicht, weil das Essen so schlecht geschmeckt hatte, sondern weil ein Menü im Tempel preislich ungefähr fünfzehn Hauptgerichten bei Ali Baba’s Grill, meiner bevorzugten Imbissbude, entsprach.

Wir hatten kein Erkennungszeichen ausgemacht, allerdings war der Gastraum des Tempels nur so groß wie ein gutbürgerliches Wohnzimmer, und ich traute mir zu, eine Stadtkämmerin ohne Begleitung auf Anhieb zu identifizieren. Ich schaute mich suchend um.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine lächelnde japanische Kellnerin.

»Ich bin verabredet – mit einer Dame.«

»Frau Rausch?« Sie betonte das »R«. So wie Niederrheiner manchmal beweisen wollen, dass sie ein »ch« aussprechen können.

Ich nickte.

»Hier, bitte!« Sie geleitete mich zu einem Tischchen in der Ecke. »Frau Rausch hat angerufen. Sie möchten sie entschuldigen. Sie wird durch einen dringenden Termin aufgehalten.«

Das fing ja gut an. Erst tat sie geheimnisvoll, dann ließ sie mich sitzen. Das hatte ich davon, dass ich mich mit einer Politikerin einließ. Ich bestellte einen grünen Tee und schaute dem Koch zu, der mit einem riesigen Messer Kunststückchen vollbrachte. Er arbeitete an zwei großen Herdplatten in der Mitte des Raumes. Links und rechts davon erhob sich jeweils eine Art Podest. Die Gäste, die dort oben saßen, konnten ihrem Essen beim Garen zusehen.

Zehn Minuten später betrat Frau Rausch den Tempel. Sie trug ein schwarzes, flatterhaftes Kleid. Trotz ihrer hell- bis dunkelgrau changierenden Haare, die mit Ausnahme von zwei Schläfensträhnen am Hinterkopf hochgesteckt waren, schätzte ich sie auf Anfang vierzig. Zielstrebig steuerte sie auf meinen Tisch zu.

»Herr Wilsberg, nehme ich an.«

»Richtig.« Ich erhob mich. Ihr längliches, eher schmales Gesicht wurde dominiert von einer kräftigen, leicht nach unten gebogenen Nase. Rund um die grauen Augen und den breiten Mund zeigten sich scharfe Falten, die von dem dezenten Make-up nicht verdeckt wurden. Auf den Lippen schimmerte es dunkelrot bis violett. Sie sah aus wie eine Frau, die sich gut hinter einer spöttischen Souveränität verbergen konnte.

»Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Die Sitzung des Finanzausschusses hat sich unerwartet in die Länge gezogen. Sie glauben gar nicht, was diesen Rathauspolitikern alles einfällt, um sich zu profilieren.«

»Ich kann’s mir vorstellen«, sagte ich, stellte es mir aber lieber nicht vor.

Schon hatte uns die lächelnde Kellnerin zwei Speisekarten untergeschoben.

Die Auswahl fiel nicht besonders schwer. Es gab nur drei verschiedene Menüs, und die wiederum waren größtenteils identisch. Die günstige Gelegenheit beim Schopfe ergreifend, bestellte ich das teuerste. Meine Einladerin schloss sich kommentarlos an und gönnte sich zusätzlich eine Steingutkaraffe Reiswein.

»Sie trinken keinen Alkohol?«, fragte sie mit Blick auf meine Teekanne.

»Nein, nicht mehr.«

»Schlechte Erfahrungen?«

»Man könnte es so nennen.«

Genauso wie man unsere Unterhaltung ohne Umschweife als zäh bezeichnen konnte, aber schließlich war das ihre Party, und ich fand, dass sie mich lang genug hatte zappeln lassen.

Die Kellnerin stellte zwei wunderschön geformte Tellerchen mit frischem Meerrettich und anderen Leckereien ab.

»Sushimi«, kommentierte Frau Rausch. Menschen ihrer Gehaltsklasse gingen sicher einmal in der Woche zum Japaner.

Sie drehte sich um. »Am liebsten sitze ich ja auf dem Tatami.«

»Tatami?«

»Die Sitzfläche neben dem Herd. Allerdings nicht so geeignet für ein Gespräch unter vier Ohren.«

»Aha.« Mit einem Spritzer Sojasoße schmeckte der Meerrettich ausgezeichnet. »Lassen Sie mich raten! Sie hatten heute Langeweile, und da haben Sie mit geschlossenen Augen ins Telefonbuch gegriffen. Zufällig blieb Ihr Zeigefinger auf meinem Namen liegen.«

Sie stieß das bekannte, kehlige Lachen aus. »Ganz so war es nicht. Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen. Sie waren einmal ein stadtbekannter linker Anwalt.«

»Vor dem Vietnamkrieg.«

»Sie übertreiben. Haben Sie nicht sogar Martin Hennekamp verteidigt?«

»Das ist richtig«, gab ich zu. »Er hatte mit einem Grasbüschel nach einem Rechtsradikalen geworfen. Der Staatsanwalt hielt das für versuchte Körperverletzung. Trotzdem muss ich Sie enttäuschen. Falls Sie einen Anwalt suchen, kann ich Ihnen nicht dienen. Man hat mir die Lizenz entzogen.«

»Auch das ist mir bekannt. Sie haben Mandantengelder unterschlagen, nicht wahr?«

Die Kellnerin ersetzte die leeren Tellerchen durch neue Schalen, auf denen mit Reis gefüllte Röllchen lagen. Mein kulinarisches Halbwissen langte diesmal, um in ihnen die beliebte japanische Vorspeise Sushi zu erkennen.

»Ihr Informant versteht seine Arbeit.«

Die Kämmerin angelte sich ein Röllchen aus der Schale. »Warum haben Sie das getan?«

»Soll das ein Bewerbungsgespräch werden?«

»So etwas Ähnliches, ja.«

»Dann wüsste ich gerne, um welchen Job es sich handelt.«

»Ich suche einen Leibwächter.«

Ich verschluckte mich und bekam einen Hustenanfall.

»Lachen Sie nicht! Das ist mein Ernst. Und ich möchte keinen muskelbepackten Bodyguard mit Spatzenhirn. Ich brauche einen Leibwächter, mit dem ich auch mal über Kultur und Politik reden kann. Sie sind Privatdetektiv und haben sich früher politisch engagiert. Mit anderen Worten: der ideale Anwärter für den Job.«

Ich wackelte skeptisch mit dem Kopf. »Mein politisches Engagement ist so verbraucht wie die SPD-Kanzlerkandidaten. Je älter ich werde, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es sich beim politischen Geschäft im eigentlichen Sinn um Volksbetrug handelt.«

Sie zog ihre schwarz gefärbten Augenbrauen in die Höhe. »Sie wollen mich nicht verstehen. Sie sollen mir ja nicht nach dem Mund reden. Es reicht mir, wenn Sie in der Lage sind, einen ZEIT-Artikel zu verstehen.«

»Ich hab’s schon lange nicht mehr versucht. In der ZEIT gibt’s nämlich keine Sportseiten. Wozu brauchen Sie eigentlich einen Leibwächter? Haben Sie Ihren Ehemann betrogen? Sinnt er auf Rache?«

»Ich bin Mitglied der Partei der Grünen.«

»Seit wann ist das lebensgefährlich?«

»Sie lesen wohl wirklich keine Zeitung?«

»Falls Sie auf die beiden Morde anspielen – das habe ich mitgekriegt. Die Opfer waren zufällig Grüne, na und? Das heißt doch nicht, dass in Münster ein Killer herumläuft, der alle Grünen umbringen will.«

»Nicht alle. Einige.«

Ich forschte in ihrem Gesicht nach einer Regung. Bis jetzt hatte ich das Ganze für einen Scherz gehalten. Aber in ihren Augen war Besorgnis zu lesen, vielleicht sogar eine Spur Angst. Sie wusste etwas, das nicht in der Zeitung gestanden hatte.

»Sagt Ihnen das Kappenstein-Projekt etwas?«

Ich überlegte. »Der geplante Vergnügungspark im Norden Münsters.«

»Der amerikanische Medienkonzern Global Artists möchte einen Themenpark auf die grüne Wiese setzen, ungefähr in der Mitte zwischen den münsterschen Stadtteilen Sprakel und Gelmer. Die zehn Häuser, die dort im Weg stehen, nennen sich Kappenstein. Kappenstein hat weder eine Kirche noch einen Lebensmittelladen, aber die Leute hängen natürlich an ihrer Scholle. Wie bei allen Großprojekten dieser Art gibt es Befürworter und Gegner. Das Kappenstein-Projekt ist eine gewaltige Investition, die Hunderte von Arbeitsplätzen bringt, aber auch mit mehr Verkehr, Lärm und Umweltbelastung verbunden ist. Zum Glück gibt es kein Wasserreservoir in der Nähe, und auch das Vogelschutzgebiet ist weit weg. Trotzdem sind die Umweltschützer dagegen, die Anwohner sowieso. Zu den Befürwortern zählen die CDU, die SPD, die Industrie- und Handelskammer und die Gewerkschaften.«

»Bleiben noch die Grünen«, sagte ich. Die Kellnerin hatte inzwischen rohen Fisch aufgetischt, und meinen Teil nahmen bereits die Magensäfte in Angriff. »Lassen Sie Ihren Fisch nicht alt werden!«

Die Kämmerin erwies sich als geschickte Stäbchenesserin, fischte einen Brocken aus der Schale und kaute unkonzentriert darauf herum. »Genau. Die Grünen sind gespalten. Einerseits können wir die Umweltschützer nicht vergraulen, andererseits ergibt sich nur alle zehn Jahre die Chance für eine solche Investition. Als Stadtkämmerin müsste ich ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn ich das Projekt in Bausch und Bogen ablehnen würde. Einige in der Fraktion sehen das ähnlich.« Sie schluckte. »Langer Rede kurzer Sinn: Dietzelbach und Hennekamp haben sich für das Kappenstein-Projekt starkgemacht. Glauben Sie immer noch an einen Zufall?«

»Sie meinen also, dass ein politisches Motiv hinter den Morden steckt?«

»Das steht für mich fest.«

»Haben Sie Hauptkommissar Stürzenbecher Ihre Überlegungen mitgeteilt?«

»Er weiß es. Deshalb ist ja das Landeskriminalamt eingeschaltet. Ich hatte das Gefühl, die Sache wächst ihm über den Kopf.«

Während ich an Stürzenbechers Magengeschwüre dachte, servierte die Kellnerin Hummer und Gemüse.

Rausch schaute mich erwartungsvoll an. »Nehmen Sie den Auftrag an?«

»Falls sich wirklich ein paar eiskalte Killer auf Münsters Straßen tummeln, sind Sie mit einem muskelbepackten Spatzenhirn besser bedient. Es gibt da nämlich ein Problem.«

»Und das wäre?«

»Ich weiß nicht, ob ich mein Leben für Sie aufs Spiel setzen würde. Von einem guten Leibwächter kann man das verlangen. Außerdem beherrsche ich weder Karate noch besitze ich eine Schusswaffe, geschweige denn einen Waffenschein.«

»Was das Letztere angeht, habe ich schon alles arrangiert.«

Sie fing an, mich zu verblüffen. »Sie haben was?«

»Sie bekommen vom Polizeipräsidium einen zeitlich begrenzten Waffenschein, eine Pistole und ein Kurztraining im Schusswaffengebrauch.«

Die Verblüffung schlug in Ärger um. »Der Gedanke, dass ich ablehnen könnte, ist Ihnen wohl nicht gekommen?«

»Ich habe Ihren Namen nicht erwähnt.« Sie lächelte. »Vergessen Sie nicht, dass ich eine kommunale Spitzenbeamtin bin. Eine solche Position ist mit einigen Privilegien verbunden.«

Ich dachte nach. Rechtmäßig standen mir noch drei Wochen Jahresurlaub bei der Security Check GmbH zu. Der Network-Fall war gelöst, ansonsten hatte ich nur noch ein paar Routineaufträge, die auch eine von Sigis Nachwuchskräften erledigen konnte. Da ich sowieso nicht in Urlaub fahren wollte, war der Leibwächter-Job eine günstige Gelegenheit, mein Konto aufzubessern.

»Lassen Sie uns ein paar Bedingungen klären«, begann ich. »Dreihundert Mark am Tag plus Spesen.«

»In Ordnung.«

»Schwarz.«

»Nein.« Rausch beugte sich vor und zischte: »Sind Sie wahnsinnig? Ich bin die Stadtkämmerin. Wenn ich jemanden schwarz beschäftige, ist das ungefähr so, als ob der Papst Unzucht mit Abhängigen treibt.«

»Quatsch. Amerikanische Justizministerinnen leisten sich auch puertoricanische Hausangestellte ohne Sozialversicherung.«

»Die Frau ist gar nicht erst ernannt worden.«

»Leibwächter zählen zu Luxusausgaben, die nicht versteuert werden müssen.«

»Ich sagte: Nein.«

»Dann vergessen Sie’s.«

Sie schnaufte. »Okay. Ich akzeptiere. Haben Sie noch eine Bedingung?«

»Ja. Meine Tätigkeit beschränkt sich nicht darauf, neben Ihnen herzulaufen. Ich stelle eigene Ermittlungen an, um den Mörder zu finden.«

»Wozu das?«

»Das andere wäre mir zu langweilig. Wenn Sie in Ihrem Büro sind, muss ich ja nicht auf Ihrem Schoß sitzen. Sobald Sie das Stadthaus verlassen, bin ich an Ihrer Seite. Ansonsten habe ich freie Hand. Kriminalwissenschaftlich könnte man es als präventive Leibwächterarbeit bezeichnen.«

Widerwillig schob die Kämmerin ihren angeknabberten Hummer zur Seite. »Mal angenommen, ich erkläre mich auch dazu bereit: Sagen Sie dann zu?«

»Ich verspreche, dass ich darüber nachdenken werde.«

»Und wann kriege ich Ihre Entscheidung?«

»Morgen früh.«

»Wünschen Sie jetzt Ihr Dessert?«, fragte die lächelnde Kellnerin.

Wir wünschten. Es gab Obstsalat mit Eis.

»Wissen Sie, dass Sie ganz schön schwierig sind?«, maulte Rausch mit vollem Mund.

»Sie haben mich gewollt, und ich bin nun mal nicht billig. Übrigens, vielen Dank für das vorzügliche Essen.«

»Gern geschehen. Sie haben mir übrigens immer noch nicht verraten, warum Sie die Unterschlagung begangen haben.«

»Ich brauchte dringend Geld, und mein Mandant hatte reichlich davon. Dummerweise sind die reichsten Menschen auch die geizigsten. Ich schlug ihm vor, die Summe drei Monate später zurückzuzahlen. Er wollte nicht warten und zeigte mich an. Das war mein Ende als Rechtsanwalt.«

»Das war sehr dumm von Ihnen.«

»Ja, damals habe ich es auch bereut. Das Kapitel gehört nicht zu den glücklichsten in meinem Leben. Aber heute bin ich froh, dass ich nichts mehr mit Paragrafen zu tun habe.«

»Sie sind zufrieden mit Ihrem Leben als Privatdetektiv?«

»Im Großen und Ganzen. Es ist ein Beruf, bei dem man im Trockenen sitzt, sich körperlich nicht allzu sehr anstrengen muss und viel Zeit zum Nachdenken hat.«

Wir nahmen italienischen Espresso. Die Japaner wissen, dass sie den Italienern beim Kaffee nichts vormachen können. Anschließend packte ich einen Zigarillo mit Cherry Flavour aus und steckte ihn genüsslich in Brand.

Die große grauhaarige Frau schnüffelte. »Rauchen Sie auch bei der Arbeit?«

»Da richte ich mich völlig nach meinen Auftraggebern.«

»Schön zu erfahren, dass selbst Sie zu Kompromissen bereit sind.«

Wir lächelten uns an. Sie war eine interessante Frau, aber nicht unbedingt mein Typ.

Nachdem sie mit einer vergoldeten Kreditkarte bezahlt hatte, standen wir auf der Straße.

»Ich erwarte Ihren Anruf«, sagte die Kämmerin zum Abschied.

»Passen Sie auf sich auf!«, zitierte ich einen deutschen Fernsehpfarrer. Irgendwie wäre ich mir schuldig vorgekommen, wenn ihr in dieser Nacht jemand aufgelauert hätte.

II

 

 

Die Security Check GmbH residierte in einem der Patrizierhäuser an Münsters Prachtstraße Prinzipalmarkt. Meine frühere Sekretärin Sigi Bach war Alleingesellschafterin der Detektei, und sie führte den Laden erfolgreicher, als er unter meiner Ägide je gelaufen war. Inzwischen gab es sogar Filialen in so netten münsterländischen Marktflecken wie Coesfeld, Burgsteinfurt und Borken.

Mit dem Abschlussbericht im Fall Network & Co in der Hand betrat ich die Büroräume. Aische, die Sekretärin, nickte mir zu. »Hallo, Georg! Wie geht's deiner Tochter?«

Seitdem ich Sarah mal bei ihr vergessen hatte, interessierte sich Aische für das Wohlergehen meiner Erstgeborenen.

»Gut«, antwortete ich, da ich nicht in der Stimmung war, meine Familienprobleme auszubreiten.

»Sigi telefoniert gerade. Du musst dich einen Moment gedulden.«

Also nahm ich auf einem der Besuchersessel Platz und wartete darauf, dass mir die Chefin der Sec Check, wie wir einfachen Angestellten den Laden nannten, eine Audienz gewährte.

Nach fünf Minuten war es soweit.

»Herzlichen Glückwunsch, Georg!«, strahlte Sigi. »Wie ich hörte, hast du den Network-Fall gelöst.«

»Habe ich.« Ich überreichte ihr den Abschlussbericht. »Letztlich war es gar nicht so schwierig.«

»Seit wann bist du so bescheiden? Der Geschäftsführer, dieser Dr. Kaminsky, war von dir äußerst angetan.«

»Nur Kaminsky, bitte!«

»Was?«

»Network & Co ist eine moderne Firma. Kaminsky besteht darauf, mit Herr Kaminsky angeredet zu werden.«

»Ach ja?« Sigi ging zu ihrem Schreibtisch und suchte nach einem bestimmten Papier. »Hier habe ich etwas Ähnliches. In Emsdetten. Eine Firma, die landwirtschaftliche Geräte herstellt. Es verschwinden immer wieder Ersatzteile. Natürlich ein Angestellter.«

»Sigi«, sagte ich.

»Genau das Richtige für dich, wenn ich an deine finanziellen Verpflichtungen denke. Es sitzt nämlich eine saftige Prämie drin, und bei deiner Erfahrung …«

»Sigi!«, unterbrach ich sie sanft. »Ich will nicht nach Emsdetten.«

»Warum nicht?«

»Weil es ein langweiliges Kaff ist. Und weil mich landwirtschaftliche Geräte nicht interessieren.«

»Aber …«

»Ich mache dir einen anderen Vorschlag: Mir stehen noch drei Wochen Urlaub zu, und die würde gerne ab heute antreten.«

Sigi guckte mich entgeistert an. »Du willst Urlaub machen?«

»Ich weiß, es passt nicht in die heutige sozialpolitische Landschaft. Aber bevor die Bundesregierung den Jahresurlaub auf drei Wochen kürzt, nutze ich noch mal schnell den alten Tarifvertrag.«

»Red keinen Quark, Georg! Selbstverständlich hast du Anspruch auf sechs Wochen. Doch im Moment kommt mir das äußerst ungelegen. Ich habe Riesenbeck, dem Besitzer der Firma in Emsdetten, versprochen, dass ich einen erfahrenen Mann schicke. Und außer dir ist zurzeit niemand verfügbar.«

»Das ist Pech.«

»Georg, du kannst mich nicht so hängen lassen! Und wo willst du überhaupt hin?«

»Ich weiß noch nicht. Ich muss einfach mal ausspannen.«

»Jetzt im Herbst? Willst du nicht lieber in den Weihnachtsferien wegfahren?«

»Dann machen die Familien die Preise kaputt. Nein, ich denke, ich werde mich nach einem Last-Minute-Angebot umschauen.«

Wir stritten noch eine Weile herum, aber schließlich gab Sigi nach. Der alten Zeiten wegen, wie sie sagte. Ich schluckte die Bemerkung hinunter, dass ich es in den alten Zeiten nicht nötig gehabt hätte, um ein paar Wochen Urlaub zu betteln.

 

Zwischen dem Büro der Security Check und dem Büro der Stadtkämmerin lagen nur ungefähr hundert Meter Luftlinie. Ich überquerte den Prinzipalmarkt, bog um zwei Ecken, stieg die luftige Treppe des im quadratisch-praktisch-langweiligen 60er-Jahre-Stils erbauten Stadthauses hoch – und schon stand ich in ihrem Vorzimmer.

»Frau Rausch hat eine Besprechung mit ihrem Referenten«, eröffnete mir die Sekretärin.