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Eine junge Frau, die eines natürlichen Todes gestorben ist, eine Drogenabhängige als Auftraggeberin und ein Mordverdächtiger, der schließlich die Rechnung bezahlt – an dem neuen Fall für Privatdetektiv Georg Wilsberg ist von Beginn an alles merkwürdig.

Richtig beängstigend wird die Sache, als er den ›Todesengel‹ kennenlernt ...

Jürgen Kehrer

 

 

 

Wilsberg isst vietnamesisch

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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E-Book © 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

Printausgabe © 2001 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

www.grafit.de, info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-897-9

Der Autor

 

 

Jürgen Kehrer wurde 1956 in Essen geboren. 1974 von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze nach Münster geschickt, fand er das Leben in dieser Stadt bald so angenehm, dass er noch heute dort wohnt.

1990 erschien sein erster Kriminalroman Und die Toten lässt man ruhen. Damit nahm die beeindruckende Karriere des sympathischen, unter chronischem Geldmangel leidenden, münsterschen Privatdetektivs Georg Wilsberg ihren Anfang. Bis heute sind siebzehn weitere Wilsberg-Romane erschienen. 1995 wurde Wilsberg für das Fernsehen entdeckt und ermittelt seitdem auch regelmäßig in der Samstagabendkrimireihe im ZDF.

Neben den Wilsberg-Krimis schreibt Jürgen Kehrer historische und in der Gegenwart angesiedelte Kriminalromane, Drehbücher fürs Fernsehen und Sachbücher.

www.juergen-kehrer.de

 

 

 

Wenn auf den Gräbern aller Ermordeten ein Lichtlein stünde, wären die Friedhöfe hell erleuchtet.

Kriminalistenweisheit

 

 

 

 

 

Die Einwohner von Sankt Mauritz mögen mir verzeihen, dass ihr Stadtteil so oft in diesem Roman genannt wird. Sie können sich aber damit trösten, dass alle Personen und Geschehnisse fiktiv sind. Im echten Sankt Mauritz dürfte so etwas nie passieren. Vermutlich.

I

 

 

Vor dem Bürofenster glitten riesige Schneeflocken wie Surfbretter durch die Luft. Einige retteten sich auf einen kahlen Baum, die meisten starben den schnellen Wärmetod auf der Straße. Einige Monate früher hätte ich dem Anblick vielleicht noch etwas abgewinnen können, aber Mitte April waren null Grad und Schnee einfach nicht das richtige Wetter. Immerhin passte es gut zu meiner Stimmung, denn das Detektivbüro Wilsberg & Partner steckte in einer Existenzkrise. Seit Wochen wartete ich auf neue Aufträge, die Umsatzentwicklung meiner kleinen Firma war mindestens so dramatisch wie der Kursverlauf der Internet-Aktien am Neuen Markt. Doch statt eine Gewinnwarnung an die Aktionäre herauszugeben, genügte mir ein Kopfschütteln auf die entsprechende Frage meines Sachbearbeiters bei der Sparkasse. Von Mal zu Mal legte er die Stirn in nachdrücklichere Falten und ich fürchtete, seine Geduld würde nicht endlos anhalten.

Rechts von mir fiel eine Serie von Schüssen, begleitet von dumpfen Kehllauten, mit denen Zombies ihr Leben aushauchten. Franka machte am Computer Jagd auf Monster, die eine Stadt in ihre Gewalt gebracht hatten. Pfützen von grünem Blut ergossen sich auf dem Bildschirm.

»Das ist ja ekelhaft«, sagte ich, womit ich nicht nur das Computerspiel meinte.

»Man gewöhnt sich dran.« Franka schoss erneut. »Es geht allein um Reaktionsschnelligkeit.«

Da es nichts zu tun gab, konnte ich auch Franka nicht beschäftigen. Sie war aus reiner Gewohnheit vorbeigekommen, um sich die Zeit zwischen zwei Seminaren am Computer zu vertreiben.

»Hör mal ...«, begann ich.

»Warum machst du nicht Werbung?«, unterbrach sie mich.

»Soll ich Handzettel auf der Ludgeristraße verteilen: Privatdetektiv, günstig zu beauftragen

Ein Zombie biss dem schießwütigen virtuellen Helden ins Bein, Franka hatte das Spiel verloren. Sie schloss das Fenster und klickte ins Hauptmenü zurück.

»Immer noch besser, als hier rumzusitzen und vor Langeweile zu sterben.«

»Das Wetter geht mir auf den Geist.«

»Natürlich, das Wetter ist an allem schuld.«

»Schnee im April ist einfach nicht normal.«

»Georg!« Franka schaute mich eindringlich an. »Wenn du nicht bald etwas unternimmst, geht das Detektivbüro den Bach runter.«

»Das weiß ich doch selbst. Ich ...«

»Was?«

»... habe mir noch Zeit bis Ende des Monats gegeben. Dann such ich mir einen anderen Job.«

»Als was?«

»Ich könnte Sigi fragen, ob sie mich wieder in ihrer Security Check beschäftigt. Oder als Kaufhausdetektiv arbeiten.«

»Das ist nicht dein Ernst?«

»Franka, auf meinem Konto herrscht absolute Ebbe. Und das ist noch eine sehr beschönigende Darstellung.«

Das Dingdong der Büroglocke ertönte. Es gab zwei Klingeln an der Haustür, eine fürs Büro und eine für meine Privatwohnung, die die hinteren Räume der Altbauwohnung im münsterschen Kreuzviertel einnahm. Aber es war eindeutig die Büroglocke, die sich gemeldet hatte. Wir schauten uns an.

»Ein Klient«, sagte Franka. »Willst du nicht aufmachen?«

Ich seufzte und stemmte mich aus dem Ledersessel. »Das ist bestimmt nur der Gerichtsvollzieher.«

Auf dem Weg zur Tür drehte ich mich um. »Für alle Fälle ...«

»Alles klar«, sagte Franka. »Hektische, betriebsame Atmosphäre.«

Ich öffnete die Tür. Die Frau, die mir gegenüberstand, sah nicht aus wie die schöne, gewissenlose, reiche Witwe, von der wir Privatdetektive träumen. Sie trug eine schäbige Lederjacke und die Spitzen ihrer nassen, strähnigen Haare zeugten von einer lange zurückliegenden Blondfärbung. Außerdem waren die Pupillen ihrer Augen zu groß, selbst für einen verschneiten Apriltag.

Sie warf die Haare mit einer Kopfbewegung auf den Rücken. »Wilsberg?«

»Der bin ich.«

»Kann ich reinkommen?«

»Gerne.« Ich trat einen Schritt zur Seite und wies ihr den Weg ins Büro.

Franka hatte den Telefonhörer zwischen Schulter und Kinn geklemmt und machte eifrig Notizen. »Ja, ich werde es ihm sagen. Herr Wilsberg ist zurzeit sehr beschäftigt, wir haben noch einige andere Aufträge. Sicher, wie Sie wünschen.« Franka legte auf. »Herr S. aus D. wünscht einen Zwischenbericht.«

»Sobald ich dazu komme«, gab ich generös zur Antwort.

»Das ist meine Mitarbeiterin, Franka Holtgreve«, stellte ich vor, während ich der Unbekannten den Besucherstuhl zurechtrückte.

Die Frau nickte nur. Unsere kleine Büronummer schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken.

Ich ließ mich wieder auf dem drehbaren Ledersessel nieder. »Nun, was können wir für Sie tun?«

»Machen Sie auch Jobs, bei denen es um Mord geht?«

»Nein, dafür ist die Polizei zuständig.« Ich versuchte, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

»Das ist es ja.« Wieder machte sie die ruckartige Kopfbewegung. »Die haben nicht das geringste Interesse, etwas zu unternehmen.«

»Ich nehme an, die Kripo hat dafür einen guten Grund.«

»Einen Scheißdreck haben die.« Ihre Hände krampften sich um die Stuhllehnen. »Entschuldigung, das regt mich tierisch auf. Meine Schwester war neunundzwanzig. Neunundzwanzig, verstehen Sie? Und da soll sie eines natürlichen Todes gestorben sein? Von heute auf morgen, ohne Krankheit, ohne jedes ...« Sie atmete stoßweise.

»Sie glauben also, Ihre Schwester ist ermordet worden?«, stellte ich klar.

»Was denken Sie denn, wovon ich rede?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Nein.« Ich beugte mich vor. »Lassen Sie uns ein paar Dinge klarstellen. Wir brauchen zunächst Informationen, angefangen bei Ihrem Namen. Wir müssen wissen, was sich wann wo wie zugetragen hat. Ansonsten können wir uns diese Unterhaltung sparen.«

»Ich ...« Sie holte Luft. »Okay, okay, ich fange vorne an. Sie sind der Boss.«

»Ich habe noch nicht gesagt, dass ich an dem Auftrag interessiert bin«, relativierte ich.

»Aber Sie hören mir wenigstens zu?«

Ich schaute zu Franka, die mich mit den Augen anblitzte. »Fangen Sie an!«

»Also, mein Name ist Susanne Klotz, nicht schön, aber leicht zu merken, oder?«

Ich nickte bestätigend.

»Jessica war meine kleine Schwester. Sie hieß Wiedemann, nach ihrem Ehemann, diesem Arschloch.«

»Hat der auch einen Vornamen?«

»Rainer. Rainer Wiedemann.«

Ich lächelte aufmunternd. »Wann ist Ihre Schwester ums Leben gekommen?«

»Vor fünf Tagen. Rainer hat den Arzt gerufen. Der hat auf dem Totenschein ›natürliche Todesursache‹ angekreuzt und das war's dann. Die Bullen haben sich die Leiche kurz angeguckt und sind wieder abgezogen.«

»Moment«, unterbrach ich sie. »Ich möchte einen Schritt zurückgehen: Was hat Ihre Schwester an dem Tag gemacht?«

»Sie hat gearbeitet, wie immer. Mittags ist sie nach Hause gegangen. Es war ja Freitag und da hat sie mittags Feierabend.«

»Und wann genau ist der Tod eingetreten?«

»Rainer behauptet, sie war schon tot, als er sie gefunden hat.«

»Um wie viel Uhr?«

»Irgendwann am Nachmittag. Rainer ist bei der Stadt beschäftigt, die arbeiten am Freitag ja auch nicht bis in die Puppen.«

»Am Freitagnachmittag also«, fasste ich zusammen. »Hatte Ihre Schwester Kinder?«

»Nein.«

»Sie war allein in der Wohnung?«

»Natürlich. Sonst hätte Rainer sie ja nicht umbringen können.«

»Stopp!«, sagte ich. »Bevor wir zum Mord kommen, habe ich noch ein paar Fragen.«

Susanne Klotz rieb sich unruhig die Hände. »Was ist das hier? Ein Verhör?«

»Wollen Sie, dass wir den Fall übernehmen?«

»Fragen Sie schon!«, knurrte sie. »Ich habe ...«

»Bitte?«

»Nichts.«

»Was hat der Arzt als Todesgrund angegeben?«

»Herzversagen, Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems, irgendwas in der Art.«

»Hatte Ihre Schwester eine Herzschwäche oder Herzkrankheit?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Wer hat die Polizei verständigt?«

»Wahrscheinlich der Arzt. Die Sache war ihm wohl nicht ganz geheuer.«

»Obwohl er eine natürliche Todesursache bescheinigt hat?«

»Der hatte doch keine Ahnung, woran sie gestorben ist.«

Vermutlich war es sinnlos, sie mit den Gesetzen der Logik zu konfrontieren.

»Die Kripo ist dann gekommen und hat die Leiche und die Wohnung untersucht?«

»Woher soll ich das wissen? Ich war ja nicht dabei«, fuhr Klotz auf. »Die stecken doch alle unter einer Decke, Stadtverwaltung, Polizei. Die haben nichts unternommen, um Rainer für den Mord dranzukriegen.«

»Eine Obduktion hat demnach nicht stattgefunden?«

»Nein.«

»Sie hätten bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft eine Obduktion verlangen können.«

Klotz winkte ab. »Das bringt doch nichts. Die hätten mich kalt abfahren lassen.«

Ich dachte nach. »Haben Sie die Leiche gesehen?«

»Am Samstag. Da lag Jessica schon im Beerdigungsinstitut. Rainer hat mich erst mitten in der Nacht angerufen. Der hatte Schiss, ich könnte mich einmischen.«

»Haben Sie irgendwelche Verletzungen bemerkt?«

»Sie meinen Schusswunden oder so?«

Ich seufzte. »Die wären wohl auch dem Arzt oder der Kripo nicht entgangen. Nein, ich meine subtilere Spuren, einen blauen Fleck oder Ähnliches.«

»Nein.«

»Es gibt demnach keine Anzeichen, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten?«

»Glauben Sie, Rainer wäre so doof, sich selbst ans Messer zu liefern?«

»Das ist bei Morden normalerweise so. Deshalb liegt die Aufklärungsquote ja bei fünfundneunzig Prozent.«

Susanne Klotz schwieg.

»Wie hat er denn, Ihrer Meinung nach, Jessica umgebracht?«

»Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier, oder?«

Das leuchtete ein. Ich versuchte es anders: »Gibt es einen Grund, warum Rainer seine Frau töten sollte?«

»Sicher.«

»Aha.« Ich richtete mich auf.

Sie schaute sich um. »Kann ich mal ...«

»Die Toilette ist den Flur entlang, die erste Tür rechts«, sprang Franka ein.

Klotz eilte hinaus.

»Warum bist du so unfreundlich?«, zischte Franka.

»Weil an der Sache nichts dran ist«, zischte ich zurück. »Sie bildet sich den Mord nur ein.«

»Findest du es nicht merkwürdig, dass eine junge gesunde Frau so plötzlich stirbt?«

»Ja, aber es kommt vor.«

»Wir haben schon aussichtslosere Fälle übernommen«, beharrte Franka. »Wenn sie zahlt ...«

»Falls sie zahlt, meinst du wohl. Sie sieht nicht besonders liquide aus. Und ich wette, sie setzt sich gerade auf unserer Toilette einen Schuss.«

»Wie schön, dass du keine Vorurteile hast«, höhnte Franka.

»Nein, nur ein bisschen Erfahrung.«

Wir schauten zur Tür.

»Okay«, sagte Franka nachdenklich. »Wenn wir drei Fälle zur Auswahl hätten, würde ich dir zustimmen, dass wir diesen zurückstellen sollten. Aber wir haben keine drei Fälle zur Auswahl.«

Da hatte sie Recht.

»Hör dir wenigstens ihre Geschichte zu Ende an und sag nicht sofort nein.«

Ich stöhnte. »Oh, ich weiß schon, was jetzt kommt: Rainer hat eine Freundin und wollte seine Frau loswerden.«

Wir schauten wieder zur Tür.

»Sie braucht ziemlich lange«, sagte Franka.

Ich sparte mir den Kommentar.

Als Susanne Klotz zurückkam, war ihr Gang beschwingt und sie wirkte entspannter als zuvor. »Wo waren wir stehen geblieben?«

»Beim Mordmotiv«, erinnerte ich sie.

»Ja, genau. Jessica wollte Rainer verlassen. Das konnte er nicht ertragen.«

»Warum?«, fragte ich.

»Warum sie ihn verlassen wollte? Sie müssten den Typ kennen, ein absoluter Langweiler. Ich habe nie verstanden, wie sie sich mit dem einlassen konnte. Ein Ordnungsfetischist. Alles muss genau an seinem Platz stehen. Wehe, die Fernbedienung liegt nicht exakt zehn Zentimeter rechts neben dem Fernseher, dann flippt er aus. Sich mit Rainer zu unterhalten ist so spannend, wie einer Waschmaschine beim Waschen zuzugucken.«

»Irgendwas passt da nicht zusammen«, sagte ich. »Einerseits ist Rainer ein absoluter Langweiler, andererseits ein heißblütiger Mörder. Wie erklären Sie den Widerspruch?«

Klotz sprang auf. »Was ist das für ein Scheißdetektivbüro? Ich kann auch zu einem anderen gehen, wenn Sie mir nicht glauben.«

Ich öffnete schon den Mund, um sie in ihrer Absicht zu bestärken, als mir Franka zuvorkam: »Herr Wilsberg hat das nicht so gemeint. Wir sind an dem Auftrag interessiert.«

»So? Da habe ich aber einen anderen Eindruck.« Klotz' Stimme überschlug sich.

»Wir versuchen nur, möglichst viele Dinge im Vorfeld abzuklären«, redete Franka auf sie ein. »Je mehr wir wissen, desto zielgerichteter können wir arbeiten.«

Ich lehnte mich zurück und überließ Franka das Feld. Da sie die Entscheidung übernommen hatte, war das von nun an ihre Show.

Unsere Klientin fixierte mich mit einem vorwurfsvollen Blick. Ich lächelte zurück.

»Bitte, setzen Sie sich wieder!«, forderte Franka sie auf.

Schnaufend kam die Frau der Bitte nach.

»Eigentlich gibt es nur noch ein winziges Detail zu regeln«, fuhr Franka fort. »Für unsere Bemühungen müssen wir selbstverständlich ein Honorar berechnen. Siebenhundert Mark pro Tag, plus Spesen. Vorab brauchen wir eine Anzahlung von tausend Mark. Dafür erhalten Sie einen Bericht mit der Einschätzung, ob sich weitere Ermittlungen lohnen.«

»So viel habe ich nicht dabei.« Klotz griff in ihre Jackentasche und zog ein paar zerknäulte Zwanzigmarkscheine heraus.

Ich schaute zur Decke. Leider gab es keinen Scotty, der mich hochbeamen konnte.

»Bis wann können Sie das Geld aufbringen?«, drang Frankas Stimme an mein Ohr.

»In den nächsten Tagen, vielleicht.«

»Fünfhundert Mark bis Ende der Woche, ist das machbar?«

»Ja, mal sehen, ich krieg da noch ...«

»Gut. Dann bräuchte ich noch Ihre Adresse und die Ihres Schwagers.«

Franka notierte Straßennamen und Hausnummern.

»Prozessionsweg, ist das nicht ...«

»In Sankt Mauritz«, nickte Klotz. »Der Stadtteil passt zu Rainer. In Sankt Mauritz ist es schon ein Ereignis, wenn eine Mülltonne umfällt.«

 

»Seit wann entscheidest du, welche Fälle wir übernehmen?«, meckerte ich los, als wir wieder unter uns waren.

»Georg ...«

»Noch ist das meine Firma ...«

»Georg!«

»Wenn dir das nicht passt ...«

»Georg!«, brüllte Franka. »Hör mir zu!«

Ich hörte zu.

»Mir ist klar, dass die Frau nicht zahlen wird. Mir ist ebenfalls klar, dass die Aussichten, diesen Rainer zu überführen, nicht allzu gut stehen. Aber andererseits ist dieser Fall vielleicht die letzte Chance, das Detektivbüro zu retten. Und ich bin bereit, in den nächsten Tagen kostenlos dafür zu arbeiten. Falls es uns gelingt, einen Mord zu beweisen, den die Polizei nicht einmal als solchen erkannt hat, ist das die beste Werbung, die wir bekommen können. Unser Name wird in den Zeitungen stehen, jeder in Münster, der einen Privatdetektiv braucht, wird sich an uns erinnern. Sieh die Sache nicht als normalen Fall an, sondern als eine PR-Aktion.«

Mit der Farbe in ihren Haaren hatte Franka auch einen Teil ihrer liebenswert unangepassten Ansichten verloren. Sie studierte jetzt Jura und vermutlich sah sie sich in ihren Träumen als erfolgreiche Rechtsanwältin, die mich als eine Art Matulla im Dienste ihrer Mandanten auf die Straße schicken würde. Eine Vorstellung, die mir ganz und gar nicht behagte.

Franka schenkte mir ein triumphierendes Lächeln. »Was sagt du dazu?«

»In Ordnung.«

»Gut. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich jetzt Rainer Wiedemann besuchen.«

»Nein.« Ich stand auf. »Ich werde mit Rainer Wiedemann reden.«

»Aber ...«

»Auf dein Angebot, kostenlos zu arbeiten, komme ich zurück. Aber vorläufig bestimme immer noch ich, wie wir unsere Fälle bearbeiten. Einverstanden?«

Franka schluckte. »Einverstanden.«

II

 

 

Sankt Mauritz lag im Osten von Münster, zwischen der Umgehungsstraße und dem Flüsschen Werse. Die Straßen trugen so putzige Namen wie Eichelhäherweg, Birkhahnweg oder Tannenhofallee. Manche Bungalowbesitzer hatten ihre schlichten Eigenheime mit korinthischen Säulen und antikisierenden Portalen verziert, und wer noch mehr Geschmack und Geld besaß, versteckte beides hinter hohen Hecken und dichtem Buschwerk. Weiter im Osten erstreckten sich Felder und Reitplätze. Dort hetzten, zumindest bei besserem Wetter, die jungen und die nicht mehr ganz so jungen Mädchen des Stadtteils ihre Pferde über bunt lackierte Hindernisse und gingen anschließend mit ihren Reitlehrern in Gaststätten, die Zur Trippelbarre oder Pleistermühle hießen.

Rainer Wiedemann wohnte auf der billigeren Seite des Prozessionsweges, in einem grauen Haus, das mehr als die in Sankt Mauritz üblichen ein bis zwei Familien beherbergte.

Ich musste ein paarmal schellen, bis eine hagere Gestalt öffnete. Wiedemanns Gesicht war eingefallen, er trug einen Dreitagebart und auch die Flecken auf seinem hellblauen Businesshemd passten nicht zu dem Bild des erfolgreichen Mörders.

»Ja?«

»Mein Name ist Willbradt. Ich komme von der Allkuranz-Versicherung.« Ich hielt ihm eine Visitenkarte unter die Nase.

Er schaute sich die Karte nicht einmal an. »Und?«

»Dürfte ich hereinkommen?«

»Ich brauche keine Versicherung.«

Ich lächelte. »Ich möchte Ihnen keine Versicherung verkaufen. Sie haben Anspruch auf die Auszahlung eines größeren Betrages.«

Er riss die Augen auf. »Was? Wieso?«

Ich schaute zur Seite. »Sollen wir das wirklich hier draußen bereden? Ihre Frau hatte bei uns eine Police.«

»Meine Frau?«, stammelte er und wich einen Schritt zurück. Ich folgte ihm in den Wohnungsflur.

»Aber ... Meine Frau ...«

»Ihre Frau ist verstorben. Darum geht es ja. Sie hat bei uns eine Todesfallversicherung abgeschlossen.«

»Davon weiß ich ja gar nichts.« Benommen geleitete er mich ins Wohnzimmer. Auf der Polstergarnitur lagen benutzte Kleidungsstücke, auf dem staubigen Glastisch standen eine Flasche Weinbrand und ein großes, halb gefülltes Glas. Es roch säuerlich nach Schweiß.

»Entschuldigung! Ich habe nicht aufgeräumt.« Wiedemann entfernte seine Sachen von den Möbeln und warf sie hinter das Sofa.

»Das macht doch nichts.« Ich setzte mich unaufgefordert. »In Ihrer Situation ...«

Er zeigte auf die Flasche. »Möchten Sie ...«

»Nein danke, ich habe noch zu tun.«

Er schnappte sich das Glas und nahm einen tiefen Schluck.

»Dass Sie nichts von der Versicherung wissen«, begann ich, »hat Ihre Frau so beabsichtigt. Wir hören häufig den Wunsch, dass jemand seine Angehörigen absichern möchte, ohne dass diese davon erfahren. Gewöhnlich wählen alte Leute diese Möglichkeit. Wer möchte schon das Gefühl haben, dass die Kinder, Neffen oder Nichten darauf warten, dass man endlich stirbt? Für solche Fälle haben wir eine Vereinbarung mit den Behörden, die uns automatisch benachrichtigen.«

Aus Erfahrung wusste ich, dass man Leuten die abstrusesten Geschichten verkaufen konnte, wenn man sie nur glaubwürdig genug erzählte. Auch Rainer Wiedemann schien keine Zweifel zu hegen.

»Wie hoch ist denn ...«

»Es handelt sich um eine sechsstellige Summe, so viel kann ich sagen.«

Er schaute mich erstaunt an. »Warum so geheimnisvoll?«

»Lediglich eine Formalität«, beruhigte ich ihn. »Ich muss Ihnen noch einige Fragen stellen.«

»Was für Fragen?«

»Wir haben unsere Bestimmungen. Im Falle eines Selbstmordes beispielsweise ...«

»Meine Frau hat keinen Selbstmord begangen«, entrüstete er sich. »Sie ist an einem Herzschlag gestorben. Das hat der Arzt bescheinigt. Im Übrigen habe ich der Polizei schon alle Fragen beantwortet.«

»Selbstverständlich«, nickte ich. »Es besteht kein Grund zur Sorge. Nur – das wird Sie vielleicht wundern –, Versicherungen sind in solchen Dingen pedantischer als die Polizei. Schließlich geht es ja um eine Menge Geld.«

»Sie glauben nicht, was auf dem Totenschein steht?«

»Was ich glaube oder nicht, spielt keine Rolle, Herr Wiedemann«, sagte ich kühl. »Für Sie und mich wäre es am einfachsten, Sie würden meine Fragen beantworten. Der Betrag wird nämlich erst ausgezahlt, nachdem ich meinen Bericht eingereicht habe. Und Sie wollen doch nicht, dass ich die Nachbarn und die Verwandten Ihrer Frau befrage.«

Die Drohung zeigte Wirkung. Er kippte den Rest Weinbrand, der sich im Glas befunden hatte. »Also gut. Fangen Sie an!«

Ich holte ein Notizbuch und einen Stift aus der Tasche. »Wie war das an dem Tag, als Ihre Frau gestorben ist?«

»Als ich am Freitag nach Hause kam ...«

»Um wie viel Uhr?«

»Um fünfzehn Uhr dreißig, etwa. Da lag Jessica hier im Wohnzimmer ...«, seine Augen wanderten zu einer Stelle hinter dem Glastisch, »... auf dem Boden.« Er schluckte. »Ich sah sofort, dass sie tot war. Verstehen Sie? Ein Mensch, der tot ist, sieht einfach anders aus als jemand, der nur das Bewusstsein verloren hat. Ich habe ihren Puls gefühlt. Da war nichts. Und ihre Haut war schon ganz kalt.«

»Was haben Sie dann gemacht?«

»Ich habe den Arzt, unseren Hausarzt, angerufen. Doktor Thalheim. Er war noch in der Praxis und ist sofort gekommen. Er konnte natürlich nichts mehr machen. Sie war ja längst tot.«

»Wer hat die Polizei verständigt?«

»Ich. Direkt nachdem ich mit Doktor Thalheim telefoniert hatte.«

»Sie?«, fragte ich erstaunt.

»Ja, ich dachte, es könnte ... Jessica war ja erst ...«, er wischte sich über die Augen.

»Sehr vernünftig«, lobte ich. »Wie lange hat es gedauert, bis die Polizei da war?«

»Lange. So kam es mir jedenfalls vor. Eine halbe, Dreiviertelstunde vielleicht.«

»Haben Sie sich die Namen der Beamten gemerkt?«

Er überlegte. »Ich war ja wie vor den Kopf geschlagen. Der eine hieß Werner, Kommissar Werner, glaube ich. Den Namen des anderen habe ich vergessen.«

Ich nickte. »Was haben die Beamten untersucht?«

»Nichts.«

Ich schaute ihn an. »Nichts?«

»Nein. Gar nichts. Sie haben sich mit Doktor Thalheim unterhalten, das war alles.«

»Vorhin haben Sie aber gesagt, Sie hätten der Polizei Fragen beantwortet.«

»Ja, Fragen zur Person, meiner und Jessicas. Wann ich sie gefunden habe und so weiter.«

Ich blätterte in meinem Notizbuch. »Auf dem Totenschein wurde als Todesursache Herzversagen angegeben. Hatte Ihre Frau eine Herzschwäche oder Herzkrankheit?«

»Muss ja wohl.«

»Weil sie gestorben ist?«

»Ja. Sie hat mir nichts davon gesagt. Wahrscheinlich hat sie sich auch nicht untersuchen lassen.«

»Aha. Warum haben Sie nicht darauf gedrungen, dass eine Obduktion durchgeführt wird?«

»Wozu denn? Das hätten doch die Polizisten und Doktor Thalheim entscheiden müssen.«

»Und Sie finden es völlig normal, dass Ihre Frau von heute auf morgen stirbt?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte er misstrauisch.

»Dass es für den Tod eines Menschen verschiedene Gründe geben kann. Wenn jemand die Überdosis eines Medikamentes einnimmt, beispielsweise, sieht das gewöhnlich auch wie ein friedlicher Tod aus.«

»Aber der Arzt ...«

»Auch ein Arzt kann sich irren, oder?«

»Hören Sie doch auf!«, heulte er auf. »Jessica hat nie von Selbstmord geredet. Müssen Sie das alles fragen? Ich bin ... Ihr Tod hat mich total aus den Schuhen gehauen. Ich bin völlig fertig. Und jetzt kommen Sie und erzählen etwas von Selbstmord. Das ist nicht fair!«

»Der Tod eines Menschen ist selten fair. Ich habe mit der Schwester der Verstorbenen gesprochen, Susanne Klotz.«

Sein Unterkiefer klappte nach unten. »Diese Hexe. Jetzt verstehe ich.«

»Was denn?«

Er griff nach der Flasche und füllte sein Glas. »Susanne kann mich nicht leiden. Sie ist drogensüchtig, seit mindestens zehn Jahren. Sie kam oft hierher und hat um Geld gebettelt. Bis ich sie hinausgeworfen habe. Danach hat sie Jessica aufgelauert, wenn ich nicht da war. Jessica hatte Mitleid mit ihr, sie hat ihrer Schwester Geld zugesteckt, obwohl ich es ihr verboten habe.«

»Frau Klotz hat mir gegenüber Eheprobleme erwähnt.«

»Das ist nicht wahr!«, schrie Wiedemann. »Das ist gelogen!«

»Es stimmt also nicht, dass Ihre Frau Sie verlassen wollte?«

»Nein. Kein Wort.«

»Frau Klotz denkt noch einen Schritt weiter«, sagte ich ruhig. »Sie hält es für möglich, dass Sie Ihre Frau ermordet haben.«

Wiedemanns Hand, die das gefüllte Schnapsglas zum Mund führte, zitterte so stark, dass sie die Hälfte verschüttete. »Verschwinden Sie!«, sagte er tonlos.

»Sie wollen doch, dass ich einen positiven Bericht schreibe.«

»Ihr Bericht ist mir scheißegal. Verschwinden Sie aus meiner Wohnung! Sofort!«

»Gut.« Ich stand auf. »Möglicherweise habe ich noch weitere Fragen. Vielleicht in einigen Tagen, wenn Sie sich beruhigt haben.«

»Geben Sie mir Ihre Karte!« Er stand vor mir. »Ich werde mich über Sie beschweren.«

Ich gab ihm die Karte. Falls er die Nummer anrief, würde er feststellen, dass eine Allkuranz-Versicherung gar nicht existierte.

 

Der Schnee hatte sich in einen Dauerregen verwandelt, begleitet von einem heftigen Wind. Ich verspürte ein gewisses Hungergefühl und beschloss, einen der zerfledderten Zwanzigmarkscheine auszugeben, die Susanne Klotz hinterlassen hatte.

Auf der Mondstraße, gleich um die Ecke, gab es einen Laden, der sich Asia Fast Food nannte. Ich parkte am Straßenrand und ging hinein. Der Imbiss machte seinem Namen alle Ehre, es dauerte nur zwei Minuten, bis ein Teller Hühnchen süß-sauer vor mir auf dem Tresen stand.

Ein bisschen plagte mich wegen Rainer Wiedemann das schlechte Gewissen. Der Mann schien mit den Nerven am Ende zu sein und vielleicht hatte ich ihn zu hart angefasst. Andererseits, da hatte seine Schwägerin nicht ganz Unrecht, gehörte er in die erste Reihe der Verdächtigen, falls Jessica tatsächlich ermordet worden war. Und die Schlampigkeit, mit der Arzt und Kripo den Tod der jungen Frau behandelt hatten, stank zum Himmel.

»Hat's geschmeckt?«, fragte die freundlich lächelnde Asiatin.