image

Sebastian Stammsen

Endlich sind sie tot!

Kriminalroman

image

© 2012 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: www.grafit.de
E-Mail: info@grafit.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagfoto: © JBM/buchcover.com
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-875-7

Der Autor

Sebastian Stammsen, geboren 1976 am Niederrhein, studierte Psychologie. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tönisvorst.

Schon mit seinen ersten beiden Krimis um das sympathische Krefelder Ermittlerduo Markus Wegener und Nina Gerling konnte der Autor eine breite Fangemeinde gewinnen. Nun schickt er mit Endlich sind sie tot! zwei neue Ermittler aufs Krimiparkett, die ein alles andere als harmonisches Team bilden.

www.sebastian-stammsen.de

Für Stefanie in Liebe

Inhalt

MITTWOCH

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

DONNERSTAG

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

FREITAG

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

SAMSTAG

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

SONNTAG

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Nachwort

Danksagung

MITTWOCH

1

Daniela

Blut. An der Wand, an der Wohnzimmertür, auf dem Sofa und dem Boden. Überall war Blut. Wir fanden kaum einen freien Platz für unsere Füße. Flüssiges Glänzen, schwarzrote Lachen, trockenes Braun. Spritzer, Tropfen, Rinnsale, Schlieren, Pfützen. In welcher Form auch immer, Blut und noch mehr Blut.

Noch schlimmer als der Anblick war der Geruch, denn ihm konnten wir nicht entgehen. Er schwängerte die Luft, die uns umgab, und bedrängte uns von allen Seiten. Obwohl wir es nicht wollten, nahmen wir ihn mit jedem Atemzug in unsere Lungen auf und ließen ihn uns durchdringen. Würden ihn in unserer Kleidung und auf unserer Haut nach draußen tragen und auch dann noch nach Tod und Verwesung riechen, wenn wir diesen Tatort schon lange verlassen hatten.

Zuerst kam der Schock. Danach folgte Angst in Begleitung von Ekel. Und als ich wirklich verstand, was ich hier sah, breitete sich das Grauen in mir aus.

Ein Spießrutenlauf war nichts gegen den Slalom, den wir durch das Wohnzimmer absolvierten. Immer darauf bedacht, mit unseren Überziehschuhen keine wertvollen Spuren zu verwischen, verrenkten wir Arme und Beine, machten präzise Schritte und Sprünge. Durch mein enges Kostüm und die furchtbar unförmigen Latschen unter der sterilen Schutzkleidung fielen meine Bewegungen alles andere als grazil aus. Das Grauen war inzwischen zu einem aufdringlichen Begleiter geworden, den ich auch durch die wildesten Verrenkungen nicht mehr loswerden konnte.

Als wir schließlich den Raum durchquert hatten, fanden wir vor einer dekorativen Kaminimitation ein trockenes Plätzchen und atmeten tief durch. Keine gute Idee. Ich musste würgen, atmete flach durch den Mund weiter und drehte dem Raum den Rücken zu.

Reinhold folgte meinem Blick zur Wand und stellte nüchtern fest: »Hier muss ein Künstler wohnen.« Der Erste Kriminalhauptkommissar Reinhold Bühler war der Leiter des Kommissariats 11 der Kriminalpolizei Krefeld und praktisch mein Auftraggeber. Er deutete auf ein großformatiges Bild über dem Kamin.

Ich beugte mich näher heran und wagte es, etwas tiefer einzuatmen. »Öl«, sagte ich dann fachkundig. Ich bin Dr. Daniela Ellinger, Psychotherapeutin in Krefeld. Manchmal berate ich die Polizei in besonderen Fällen. Dies war ohne jeden Zweifel so ein besonderer Fall. Und es war das erste Mal, dass ich aus meiner Praxis direkt an einen Kriegsschauplatz gerufen worden war, den die Polizei verharmlosend ›Tatort‹ nannte.

Reinhold fragte mit Blick auf das Meisterwerk über dem Kamin betont interessiert: »Kennst du dich damit aus?«

Ich erklärte verkrampft: »Das Bild kann nicht sehr alt sein. Die Farbe ist noch nicht vollständig durchgetrocknet und darum hat es noch kein Firnis. Deshalb kann man es riechen.« Sogar hier, fügte ich in Gedanken hinzu.

»Interessant«, meinte Reinhold, ohne interessiert zu klingen. Wir klammerten uns an das Bild wie Ertrinkende in einem reißenden Fluss an ein Stück Treibholz, aber unsere Rettung war trügerisch und nicht von Dauer.

Ich betrachtete das Bild, das drei ineinander verschachtelte blaue Quadrate zeigte. Die Leinwand schätzte ich auf hundertzwanzig Zentimeter im Quadrat. »Gute Technik«, meinte ich. »Aber verschwendet bei diesem Motiv.«

»Gute Technik?«, fragte Reinhold skeptisch.

»Schau mal hier, die Farbverläufe. Unglaublich fein gestaltet. Sogar lasiert.«

»Aha«, sagte Reinhold ratlos. »Ich kann damit nichts anfangen.«

Ich auch nicht, deshalb grübelte ich bereits, ob meine weichen Knie es wohl mitmachen würden, wenn ich mich umdrehte. Ein Schaben und Quietschen – Gummi auf Kunststoff – unterbrach meinen Gedanken und ich fuhr vor Schreck zusammen. Automatisch wanderte meine Hand in Richtung Kopf – so lange ich denken konnte, reagierte ich so, wenn ich nervös war. Ich strich mir mit meiner linken Hand die Haare hinter das Ohr. Das sah eitel aus, aber es war mir nie gelungen, diese Macke loszuwerden. Es war eine gänzlich unbewusste Geste und normalerweise merkte ich erst an den Reaktionen anderer, dass ich es tat. In diesem Moment an diesem Tatort brauchte ich keine Blicke oder hochgezogenen Augenbrauen befürchten, denn meine Finger erreichten meine Haare erst gar nicht. Stattdessen schabte mein Latexhandschuh mit einem unappetitlichen Geräusch über die Kunststoffkapuze meines weißen Schutzanzugs. Schnell brachte ich meine Hand wieder unter Kontrolle.

Reinhold schien davon nichts bemerkt zu haben, aber sein Blick verriet mir, dass es nun so weit war: Wir mussten uns erneut dem Tatort stellen.

Meine Knie gehorchten, aber mein Magen rebellierte beim Anblick der Leichen. »Wir sind im Schlachthaus gelandet«, flüsterte ich.

Reinhold sagte nichts. Wenn es ihm genauso ging wie mir, kämpfte er mit der Übelkeit. Ich war mir nicht sicher, ob seine Reaktion auf den Tatort mich beruhigen sollte oder nicht.

Morgens, bevor ich zur Arbeit ging, zog ich nicht nur ein Kostüm oder einen Hosenanzug an, sondern gleichzeitig auch die Psychotherapeutin. Aus Daniela wurde Frau Dr. Ellinger. Voller Mitgefühl für ihre Klienten, aber gleichzeitig erfüllt von einer professionellen Distanz zu ihnen, die es mir erlaubte, die Psychologin am Abend mit all ihren Erinnerungen, den Sorgen und Nöten der Klienten genauso mühelos abzustreifen wie meine Arbeitskleidung. Meine Kleider gehörten zu meiner Rolle, die mich wie eine Rüstung schützte – sie versagte nie. Selbst wenn zehn Klienten mit schwerer Depression an einem Tag ihre trübsinnige Weltsicht vor mir ausbreiteten und ihr Bestes taten, um mich mit sich in den grauen Abgrund zu ziehen, sie schafften es nicht, meinen Panzer zu durchbrechen. Abends konnte ich unbeschadet wieder ich selbst sein. Immer.

Auf den Vergleich mit dem Schlachthaus war ich gekommen, weil vor uns im Wohnzimmer der Familie Brose drei der Familienmitglieder kopfüber von der Decke hingen. Halb nackt. Und tot. Der Anblick schnürte mir die Kehle zu. Eine Reaktion, die Dr. Ellinger, professionelle Therapeutin und Beraterin der Polizei, nicht zeigen durfte.

»Warst du schon mal in einem Schlachthaus?«, erkundigte sich Reinhold.

»Mit der Schule«, sagte ich. »Und du?«

»Heute zum ersten Mal.«

Ich war froh, meine Beine noch einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Wir machten ein paar verrenkte Schritte auf den Gerichtsmediziner zu, der die Leiche untersuchte, die uns am nächsten war. Ich kannte Dr. Karl Konermann von einigen früheren Fallbesprechungen, hatte ihn aber noch nie direkt bei der Arbeit gesehen. Als wir bei ihm ankamen, blickte er kurz auf. Offenbar sah man mir meinen Gefühlszustand an, denn er fragte besorgt: »Geht es?«

Ich nickte vorsichtig. Bis jetzt, fügte ich in Gedanken hinzu. Ich sah Reinhold ebenfalls nicken. Doch Karl streifte seine Handschuhe ab und holte eine kleine Tube aus seiner Tasche. »Gib mir deinen Zeigefinger«, forderte er mich auf.

Ich gehorchte, zog ebenfalls meinen Handschuh aus und sah zu, wie er uns eine erbsengroße Menge einer trüben Salbe auf die Finger drückte. »Wofür …?«, begann ich.

Reinhold kannte sich offenbar besser aus als ich und rieb sich die Salbe, ohne zu zögern, unter die Nase. Ich folgte seinem Beispiel. Es brannte ein wenig, aber der Geruch nach Blut und Schlimmerem schnurrte sofort zu einer unbedeutenden Unannehmlichkeit am Rande meines Bewusstseins zusammen.

2

Oliver

Kriminalkommissar Lars Königs war neu beim KK 11, was man spätestens daran merkte, dass sein Gesicht die Farbe seiner Überziehschuhe annahm, als er die Seenplatte aus Blut erblickte. Die Leichen, nebeneinander fein säuberlich aufgereiht wie Schweinehälften im Kühlraum einer Metzgerei, taten ein Übriges.

Jeder von uns hatte andere Schwierigkeiten an den ersten Tatorten, beim Anblick der ersten Leichen. Und obwohl mein ›erstes Mal‹ schon Jahre zurücklag, musste auch ich an diesem Tatort schlucken. Ich bin Kriminaloberkommissar Oliver Busch und Lars ist mein neuer Partner. Damit er mir nicht auf die Füße kotzte, hielt ich ihm eine Rolle mit Mentholkaubonbons hin.

Er grinste schief und steckte sich einen in den Mund. Slalommäßig durchquerten wir den Flur und arbeiteten uns zur Quelle des Blutbads vor.

Schon vom Flur aus hatten die Leichen ein bizarres Grauen versprochen. Von der Türschwelle aus betrachtet, konnten sie ihr Versprechen mühelos einlösen. Ich hörte Lars neben mir würgen.

»Hast du schon gefrühstückt?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. Ich glücklicherweise auch nicht, fügte ich in Gedanken hinzu, ich musste ja ein Vorbild für den Grünschnabel sein.

»Dann geht das gleich vorbei«, verkündete ich abgebrüht.

»Wenn du meinst«, sagte Lars matt.

Nachdem die Übelkeit nun erledigt war, kam der Tatort an die Reihe. Aber gerade als ich den ersten vorsichtigen Schritt in den Raum setzen wollte, zog etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Lars lief mir mit voller Wucht in die Seite, doch das spürte ich kaum. Ich starrte auf die Person, die neben Reinhold durch den Raum stakste.

»Was macht die denn hier?«, zischte ich. Zwar hatte mich beim Anblick der rosaroten Pumps im Flur schon eine böse Vorahnung beschlichen. Bis jetzt hatte ich sie allerdings noch erfolgreich verdrängt.

Lars schaute neugierig an mir vorbei. »Wen meinst du?«

»Na, die da«, brummte ich. Obwohl wir tatortgerecht im weißen Ganzkörperkondom mit Kapuze und Gesichtsmaske herumliefen, die Körperformen verschleiert und Gesichter verhüllt, konnte ich mir mehr als gut vorstellen, was sich unter diesem bestimmten Anzug verbarg. Überlange blonde Haare und ein enges rosafarbenes Kostüm. Und zweifellos die Besitzerin der Pumps mit fünfzig Zentimeter hohen Absätzen vor der Tür.

»Das ist doch diese Gutachterin, oder?« In Lars’ Stimme schwang ein Interesse mit, das ich nicht nachvollziehen konnte.

»Ja«, murmelte ich. »Barbie.«

»Ich denke, sie ist Psychologin?«

»Psycho-Barbie«, präzisierte ich.

»Die wird uns bestimmt beraten«, vermutete Lars.

»Das hat uns noch gefehlt«, nuschelte ich.

»Was hast du?«

»Was ich habe? Die hat doch garantiert wieder eins von ihren knappen Kostümchen an. Sieht so etwa die passende Kleidung für einen Tatort aus?«

Lars schaute mich für einige Sekunden forschend an. »Und was ist deiner Meinung nach die passende Kleidung für einen Tatort?«, fragte er dann aufmüpfig.

»Das erkläre ich dir ein andermal. Immerhin hat man ihre Pumps konfisziert, bevor sie damit ihre Überzieher zerfetzen konnte«, erwiderte ich und ließ ihn stehen. Ich schlängelte mich vorbei an den Blutpfützen und näherte mich todesmutig der Psychologin.

Reinhold telefonierte mit seinem Handy. Als Lars mühsam hinter mir hergestolpert kam, beendete er sein Gespräch und seufzte. »Das war Markus. Lars, ich muss dich von diesem Fall abziehen. Markus braucht Unterstützung.«

»Oh, okay. Vielleicht ist da etwas weniger Blut«, meinte er hoffnungsvoll und schneller als ich gucken konnte, war Lars verschwunden.

Ganz toll. Mein Partner ließ mich im Stich und die Psychologin streckte mir ihre Hand entgegen.

Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf die zierliche Hand in Latex, die zu dieser noch zierlicheren Frau gehörte. »Nicht an einem Tatort«, brummte ich unwillig. Und als sie nicht reagierte und anscheinend weiter auf einen Händedruck bestehen wollte, fügte ich unwirsch hinzu: »Kontamination. Spurenverschleppung. Wir müssen hier drin auf Höflichkeitsgedöns verzichten.«

Sie begriff und ihr Arm verschwand in den Falten ihres Overalls. Gleichzeitig machte sie einen Schritt rückwärts, wahrscheinlich weil sie keine Lust auf die Nackenschmerzen hatte, die sie zwangsläufig bekommen musste, wenn sie mich länger als zwei Sekunden anschaute.

Ich wurde aus meinen Beobachtungen gerissen, als Reinhold Karl fragte: »Was kannst du uns sagen?«

Der Gerichtsmediziner streifte sich neue Handschuhe über und deutete auf die Leiche, die neben ihm baumelte: »Also das hier ist, glaube ich zumindest, Sven Brose, achtzehn Jahre alt. Schüler.«

Der Junge trug eine Jeans und ein aufgerissenes Hemd, dessen Ursprungsfarbe nicht mehr zu identifizieren war. Von seinem Gesicht war überhaupt nichts mehr zu erkennen. Da war wohl jemand ziemlich wütend gewesen.

»Was ihm passiert ist, kann ich noch nicht genau sagen. Es sieht mir aber sehr danach aus, als sei er erschlagen worden.«

»Wohl eher püriert«, präzisierte ich.

Die Psychologin verzog das Gesicht und schluckte heftig. Hoffentlich fiel sie nicht in Ohnmacht.

Karl nickte. »Er hat unzählige Schläge abbekommen. Wie viele, kann ich dir später genau sagen. Es hängt von der Waffe ab, mit der er getötet wurde.«

»Ein Hammer«, tönte eine Stimme von der Seite.

Ich erkannte Kriminaloberkommissar Otto Riegel. Er kam in demselben tänzelnden Gang zu uns, mit dem Lars und ich uns vorher durch das Zimmer gearbeitet hatten. Mit blonden kurzen Haaren, blauen Augen und einer auffallenden Blässe versuchte er, so abgebrüht wie ich zu wirken. Keine Chance.

Er hielt eine durchsichtige Tüte für Beweismittel hoch. Darin war ein blutverschmierter Hammer zu sehen.

Karl nickte. »Ja, das könnte die Tatwaffe sein.«

»Wo hast du den her?«, fragte Reinhold.

»Vom Täter.«

»Du hast den Täter?«

»Ja klar haben wir den Täter. Ihr seid wohl nicht auf dem neuesten Stand?«

»Ich weiß nur, dass du mich angerufen hast und wir uns schnell einig waren, dass wir für diesen Fall Hilfe brauchen«, sagte Reinhold.

War das der Grund, aus dem Barbie hier war? Weil Otto beim Anblick dieses Massakers kalte Füße bekommen hatte?

Otto erklärte: »Nun ja. Als ihr gekommen seid, haben wir den Kerl wohl gerade in den Transporter gesteckt.«

»Und wer ist nun der Täter?«, fragte ich ungeduldig.

»Marvin Brose, sechzehn Jahre. Der jüngste Sohn der Familie.«

Schön. Wenn das so einfach war, dann würden wir diesen Marvin Brose befragen, ein Geständnis aus ihm herauspressen und damit wäre die Sache erledigt. Das klang gut.

»Er hat seinen Bruder mit einem Hammer erschlagen?«, fragte Reinhold.

»Wenn dieser Hammer die Tatwaffe ist, dann schätze ich, hat er fünfzig Mal zugeschlagen«, meldete sich Karl.

Die Psychologin gab ein ungläubiges Echo: »Fünfzig Mal?« Ihre blauen Augen aufgerissen, begann sie, unmerklich zu schwanken. Das Durcheinander, das sie an unserem Tatort anrichten würde, wenn sie wie eine Hysterikerin aus dem neunzehnten Jahrhundert ohnmächtig dahinsank, mochte ich mir gar nicht vorstellen.

»Vielleicht öfter«, bestätigte Karl. »Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es weniger Schläge waren.«

»Er mochte seinen Bruder nicht besonders«, kommentierte ich unbeeindruckt.

»Das wird sich noch zeigen«, entgegnete Otto.

»Wann ist er gestorben?«, fragte Reinhold.

»Ich schätze, er ist seit fünf oder sechs Stunden tot«, teilte Karl mit.

Es war zehn vor acht am Mittwochmorgen. Sven war folglich irgendwann zwischen ein und drei Uhr in der Nacht gestorben.

»Wie lange …?«

»Es sieht nach systematischer Folter aus«, sagte Karl. »Er hat nicht nur am Kopf zugeschlagen. Der gesamte Oberkörper des Jungen ist mit Hämatomen übersät. Ich kann noch nichts Genaues sagen. Aber selbst wenn der Täter schnell war, hat das mindestens eine Stunde gedauert.«

»Bevor er tot war?«

»So schätze ich. Alle Verletzungen wurden ihm vor seinem Tod zugefügt.«

»Starke Emotionen«, versuchte Frau Ellinger einen fachlichen Kommentar.

Worauf wir ahnungslosen Polizisten natürlich niemals von alleine gekommen wären. Es ging eben nichts über eine sogenannte Expertin.

»Sonst noch etwas?«, fragte Reinhold.

»Gehen wir zum Nächsten«, sagte Karl.

Wir versammelten uns vor dem Vater der Familie wie eine kleine Trauergemeinde und warteten schweigend darauf, dass Karl das Wort ergriff. »Das ist Clemens Brose, zweiundfünfzig Jahre«, erklärte er.

Ich ließ meinen Blick an seinem Körper herabwandern und bemerkte, dass auch bei ihm der Kopf am stärksten betroffen war.

»Frankensteins Monster«, sagte Reinhold.

Je länger ich den Kopf des Mannes betrachtete, desto plausibler wurde der Vergleich. Reinhold bezog sich nicht auf die Attraktivität von Herrn Brose, über die wir ohnehin nichts mehr sagen konnten. Ich erkannte in seiner Stirn in einem Kreis um seinen Kopf angeordnet mehrere Löcher, aus denen Blut in seine Haare und auf den Boden gesickert war. Was ihm aber am meisten Ähnlichkeit mit einem Geschöpf von Dr. Frankenstein verlieh, waren die beiden langen Nägel, die seitlich aus seinen Schläfen ragten.

»Als sei der Kopf kaputt gewesen«, sagte ich mit einem leichten Frösteln. Allmählich setzte auch mir dieser Tatort zu.

»Meine Kinder haben früher so was immer gespielt«, sagte Otto tonlos. »Der Kopf ist kaputt, wir müssen mal ein Loch bohren und etwas hämmern.«

Reinhold, Karl, die Ellinger und ich schauten Otto an. Er hob abwehrend die Hände. »Ehrlich.«

»Danach war man wieder geheilt?«, fragte ich.

»Ja klar.«

»Dann hat der Täter vielleicht etwas falsch verstanden.«

»Und das war auch der Junge …?«

»Marvin. Genau.«

»Wie kannst du so sicher sein?«, fragte Reinhold.

»Das zeige ich euch gleich. Lass uns erst die Leichen anschauen.« Otto erklärte: »Wir haben eine blutverschmierte Bohrmaschine und eine Schachtel mit Zimmermannsnägeln gefunden. Den Hammer kennt ihr ja schon.«

Karl sagte: »Er ist als Zweiter gestorben. Ungefähr vor drei Stunden.«

»Erst Sven, dann der Vater«, sagte ich.

»Genau. Bei ihm waren es die Nägel.«

»Und die Verletzungen …?«, fragte Reinhold.

»Alle vor seinem Tod. Auch er wurde gefoltert. Ohne es sicher zu wissen, tippe ich darauf, dass der Täter erst die Löcher gebohrt und dann die Nägel benutzt hat.«

»Er hat die Löcher überlebt?«, fragte Reinhold ungläubig.

»Das Gehirn hält eine Menge aus«, erklärte Karl. »Die Löcher sind nicht so tief. Vielleicht fünf oder sechs Zentimeter.« Er deutete auf die Stirn von Herrn Brose. »Sie setzen außerdem sehr weit oben am seitlichen Schädel an. Dort befinden sich im Gehirn keine lebenswichtigen Funktionen.«

Karl brachte die Leiche leicht zum Schwingen, sodass sie eine halbe Drehung machte und wir die Rückseite des Schädels sehen konnten. Die Psychologin holte tief Luft, ihre Hände ballten sich bei dem Anblick zu Fäusten.

»Hier ist noch ein Nagel. Der sitzt direkt im Hirnstamm. Ich glaube, der hat ihn umgebracht.«

»Wie bei einer Hinrichtung«, erkannte Otto.

»Mit Genickschuss«, ergänzte ich.

»Richtig«, sagte Karl. »Das ist mit großer Sicherheit sofort tödlich. Aber auch schwierig zu machen.«

»Wie meinst du das?«

»Seht selbst«, sagte Karl und gab der Leiche einen weiteren sanften Schubs. Herr Brose schwang vor unseren Augen langsam hin und her. Im Gegensatz zu der anwesenden Psychologin nahm ich das Ganze stoisch hin.

»Er lässt sich sehr leicht bewegen«, erläuterte Karl. »Der Zugang zum Hirnstamm gehört nicht zu den weichsten Stellen des Schädels. Wenn ich dort einen so langen Nagel hineinschlagen will … Noch dazu mit glitschigen Händen, in einen blutverschmierten Schädel …«

Reinhold unterbrach: »Okay, wir haben verstanden.«

Otto bemerkte: »Es gibt noch etwas Seltsames an dem, wie er es gemacht hat. Wenn die Opfer alle noch am Leben waren und er sie gefoltert hat, warum haben die dann nicht geschrien? Sich gewehrt? All die Stunden? Es scheint, als hätten die Nachbarn nichts gehört.«

Karl nickte. »Eine gute Frage, Otto. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Opfer geknebelt waren, und es gibt auch keine Spuren, die auf einen Kampf hindeuten. An Händen oder Armen meine ich, soweit sie noch intakt sind.«

»Aber sie haben noch gelebt?«

»Sie sind bei lebendigem Leibe so misshandelt worden«, bestätigte der Gerichtsmediziner.

3

Daniela

»Gift«, sagte der hünenhafte Kommissar ruhig. Im letzten Moment konnte ich meine Hand davon abhalten, wieder in Richtung meiner Haare zu starten.

Ich hatte Oliver Busch von einem früheren Fall als ziemlich reserviert in Erinnerung. Um nicht zu sagen ablehnend. Mit seinen breiten Schultern, riesigen Händen, stechenden Augen, streichholzkurzen Haaren und verschlossener Miene machte er auch heute nicht den charismatischsten Eindruck. Allerdings: Wenn ich so aussah, wie ich mich fühlte, würde ich heute auch keinen Schönheitspreis mehr gewinnen.

Karl nickte. »Das ist auch meine Vermutung.«

»Du meinst, er hat sie betäubt?«, fragte Reinhold.

»Das dürfte sich leicht feststellen lassen«, sagte Karl. »Aber nach dem, was wir hier von diesem Täter gesehen haben, glaube ich nicht, dass er seine Opfer bewusstlos machen wollte. Eher ein Gift zur Lähmung.«

»Damit sie die Folter erleben, aber sich nicht wehren können«, sagte ich leise.

Karl nickte, sagte aber nichts.

Ich atmete langsam aus, was meinen Knien ein wenig Stabilität zurückbrachte. Ein Tatort war die erste Möglichkeit, etwas über den Täter zu erfahren und eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Bisher kannte ich Tatorte nur von Fotos und aus den Polizeiberichten. Und den Einblick, den ich hier und jetzt erhielt, empfand ich als zutiefst verstörend. Selbst anwesend zu sein, machte es mir unmöglich, mich so zu distanzieren, wie ich es gewohnt war. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, von den Opfern, der Tat und letztlich auch dem Täter auf einer Ebene berührt zu werden, die sehr viel tiefer lag als die Erschütterung über den Tod dreier Menschen. Vielleicht war es die Brutalität der Morde, das viele Blut oder die Beklemmung der Polizisten. Der Tatort fühlte sich bedrohlich an. Als hätte der Täter mehr zurückgelassen als nur seine Opfer.

»Daniela, ist alles in Ordnung?« Ich spürte Reinholds Hand auf meinem Arm.

»Ja, sicher«, antwortete ich hastig.

»Du warst etwas weggetreten«, meinte er besorgt.

»Ich habe mir überlegt, was im Kopf des Täters vorgegangen sein muss«, behauptete ich und gab mir einen Ruck. Reinhold hatte mich engagiert und ich wollte ihn nicht dadurch blamieren, dass ich schon nach ein paar Minuten in Ohnmacht fiel. »Es geht um Kontrolle und Macht, so viel scheint klar zu sein. Aber da ist noch etwas anderes.« Das ich bis jetzt nicht benennen konnte, außer dass es sich dunkel und bedrohlich anfühlte.

»Wollen wir weitergehen?«, fragte Karl.

Um ehrlich zu sein, wäre ich in diesem Moment überall lieber gewesen als hier. Aber ich nickte tapfer und folgte den anderen zur nächsten Leiche. Immerhin schien es die letzte zu sein. An sie kamen wir nicht näher als eineinhalb Meter heran, weil unter der Leiche alles mit Blut bedeckt war. An einer Stelle lag ein Kunststoffstreifen, gerade breit genug für zwei Schuhe. Wahrscheinlich Karls Arbeitsplatz.

»Wir müssen nicht näher ran, wir können alles von hier sehen«, sagte Karl. »Das ist Anni Brose, neunundvierzig Jahre. Die Mutter der Familie.«

Ihr Körper war zierlich, ihr Gesicht schmal und blass. Beides schien unversehrt. »Sie wurde nicht gefoltert?«, fragte ich überrascht.

»Das kommt darauf an, was du unter Folter verstehst«, entgegnete Karl. »Ihre Wunden befinden sich auf dem Rücken.« Er versetzte den Körper behutsam in Schwingung, bis er sich drehte.

Ich schlug unwillkürlich die Hand vor den Mund. Die flache linke Hand auf meinem Bauch, sonst ein todsicheres Mittel gegen plötzliche Übelkeit, versagte. Der Rücken der Frau war eine einzige klaffende Wunde. Das Blut ließ es nicht zu, Anzahl und Größe der Verletzungen zu bestimmen. An einer Seite erkannte ich blutiges Gewebe, bei dem es sich um innere Organe handeln konnte. Ich schluckte verkrampft.

»Was ist denn …?«, fragte Kommissar Busch nicht ganz so cool, wie er es sich wahrscheinlich wünschte.

»Das ist ihre Gebärmutter«, erklärte Karl nüchtern. »Der Täter musste eine Menge Muskeln und anderes Gewebe wegschneiden, um das so zu arrangieren. Weitere Wunden gibt es nicht. Die Frau ist langsam verblutet. Das meiste Blut auf dem Boden stammt von ihr.«

»Ach du meine Güte«, murmelte Reinhold.

»Und wann ist sie gestorben?«, brummte Kommissar Busch.

»Vor einer, vielleicht anderthalb Stunden«, sagte Karl. »Hätte sie nicht so viel Blut verloren, hätte der Notarzt sie vielleicht noch retten können.«

»Das heißt, sie war erst eine halbe Stunde tot, als sie gefunden wurde?«, fragte Reinhold.

»Ungefähr, ja.«

»Wer hat eigentlich die Polizei gerufen?«, wollte Busch wissen.

»Das war eine Nachbarin«, sagte Otto. »Sie wollte ihre Zeitung hereinholen, als sie das Blut unter der Tür der Broses durchsickern sah.«

Wir befanden uns in einem modernen Mietshaus in den südlichen Ausläufern der Krefelder Innenstadt. Im Haus wohnten neun Parteien auf drei Etagen. Ich stellte mir die Szene vor, wie die arglose Frau noch halb verschlafen ihre Tür öffnet, dann über den kurzen Flur schaut und eine Entdeckung wie in einem Horrorfilm macht.

»Schon befragt?«, wollte Reinhold wissen.

»Noch nicht. Sie wartet in ihrer Wohnung auf uns«, antwortete Otto.

Reinhold schaute Karl an. »Sonst noch etwas über die Leichen?«

»Vorerst nicht. Alles Weitere nach der Autopsie, würde ich sagen.«

Das war mir sehr recht.

»Zum Täter?«, fragte Busch an Otto gerichtet.

Otto nickte, wir verabschiedeten uns von Karl und gingen Richtung Flur. Wir folgten dem Blut von Frau Brose, das direkt zur Wohnzimmertür hinaus, an der Garderobe vorbei und unter der Wohnungstür in den Hausflur gelaufen war.

Die Garderobe war ein billiges Kombimöbel in Bucheimitat mit Schuhschrank und Kleiderhaken, an denen die Jacken der Familie hingen. An der Garderobe direkt neben der Wohnungstür stand ein Stuhl, ebenfalls in Plastikbuche, und wurde vollständig vom Blut eingeschlossen. In dem Fluss aus Blut waren die Abdrücke von zwei Schuhen zu erkennen, denen ich bei meiner Ankunft keine Bedeutung beigemessen hatte.

»Er saß auf diesem Stuhl«, sagte Otto.

Wir betrachteten die Garderobe, den Stuhl und den Boden eine Weile. Harmlose Fußabdrücke von einem nicht so harmlosen Jungen.

»In den Schuhabdrücken ist kein Blut«, stellte Busch fest.

»Er hat dort gesessen, bevor das Blut hier langgeflossen ist«, folgerte ich.

Eine neue Stimme schaltete sich in unser Gespräch ein. »Richtig.«

Ich erkannte Ralf Menzel, den Leiter der Spurensicherung. Er war genauso blass wie Otto. Und wenn sogar er blass war, dann konnte ich doch auch weiche Knie und Magengrummeln haben, oder?

»Was machst du denn hier?«, fragte Reinhold.

Er sagte: »Ich komme nicht, um dir zur Beförderung zu gratulieren.«

»Oh, wie unhöflich.«

»Vielleicht später«, meinte er.

Reinhold erinnerte uns: »Wir waren bei den Blutspuren.«

Ralf nickte: »Was dagegen, wenn ich übernehme, Otto?«

Otto räumte seinen Platz.

»Also, der Junge hat auf diesem Stuhl gesessen. Regungslos. Die Tatwaffen vor sich auf dem Boden.«

Ralf deutete auf mehrere schwache rote Schlieren, die man leicht übersehen konnte.

»Das Blut fließt um ihn herum, er bewegt sich nicht. Wartet einfach ab. Wie erstarrt. Bis wir ihn finden.«

Eine haarsträubende Vorstellung. Eine Streifenwagenbesatzung hatte heute Morgen zweifellos schon den Hauptgewinn gezogen.

»Wo ist der Täter jetzt?«, fragte Reinhold.

»Erika bringt ihn ins Krankenhaus«, sagte Otto. »Er war voller Blut und muss gründlich untersucht werden.«

»Wir haben den Jungen schon grob abgescannt«, sagte Ralf. »Wir nutzen die Daten jetzt für die Rekonstruktion.«

Ich nickte langsam, immer noch bedrückt von der ganzen Situation. »Er hat sich einfach so verhaften lassen?«

»Ohne eine Regung.«

»Hat er etwas gesagt? Ich meine hierzu?«, fragte ich und machte eine unbestimmte Geste in Richtung Wohnzimmer.

»Er hat kein Wort gesprochen«, sagte Otto. »Er wirkte wie unter Schock.«

»Aber du hast doch gesagt, er wäre der Täter«, warf Busch ein.

»Ist er auch. Trotzdem steht er unter Schock.«

»Wie ein Zeuge?«

»Oder ein Opfer.«

Busch schaute Otto skeptisch an. »Und er ist ganz sicher der Täter?«

Nun schaltete Ralf sich wieder ein. »Ganz sicher.«

»Und warum?«, hakte Reinhold nach.

»Wenn du mich einmal ausreden lässt, erkläre ich es dir«, sagte Ralf, allerdings ohne Schärfe. »Das mit dem Blut und den Schuhen hast du gesehen. Das beweist, dass der Junge aus dem Wohnzimmer kam und dann hier saß, während seine Mutter verblutete. Er befand sich im Wohnzimmer, als sie noch lebte, und setzte sich in den Flur, als sie noch lebte. Während das Blut seine Schuhe umschlossen hat, ist sie gestorben.«

Immer wenn ich glaubte, dass die Abscheulichkeiten sich nicht mehr steigern ließen, ging es doch noch einen Schritt weiter. Diesmal durch die penible Begutachtung dieser furchtbaren Details. Bei der meine Fantasie mit mir durchging und mir immer neue und neue Bilder der Tat und des Täters präsentierte.

Dabei war Ralf noch gar nicht fertig. »Mehr noch als diese Schuhabdrücke war der Zustand des Jungen eindeutig. Er trug Blutspuren auf seinen Händen, in seinem Gesicht und auf seiner Kleidung, die nur der Täter haben kann.«

»Du meinst Spritzmuster und so etwas?«, fragte Reinhold.

»Genau. Und so etwas. Die Spuren sind eindeutig. Der Junge ist der Täter.«

Was meinem Verstand schwerfiel, schaffte meine Fantasie mühelos: Sie präsentierte Marvin, einen sechzehnjährigen Schüler, als Mörder seiner eigenen Familie.

»Dann ist der Fall gelöst«, meinte Busch lapidar. »Gehen wir doch nach Hause.«

Otto lächelte dünn. »Schön wär’s.«

Obwohl ich Kommissar Busch instinktiv zustimmen und den Tatort so weit wie möglich hinter mir lassen wollte, wusste natürlich auch ich es besser. Uns blieben die Fragen, ob der Junge allein gehandelt hatte und warum er eigentlich seine Familie gefoltert und getötet hatte. Und ich befürchtete, dass ich genau deshalb gerufen worden war. Dabei war ich im Moment genauso ratlos wie die Polizisten um mich herum.

4

Oliver

In vielen Mordfällen kommt man über das Motiv an den Täter. Man findet heraus, wer einen Vorteil vom Tod des Opfers hat, wer eine Beziehung zum Opfer hatte, die so gestaltet war, dass sich daraus ein Motiv ergab. Dann überprüfte man die verdächtigen Personen und die Chancen standen nicht schlecht, dass man dabei den Täter ausfindig machte.

Diesmal war es genau andersherum: Der Täter stand fest und wir hatten die Chance, den Mistkerl einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen. Was wollten wir mehr? Dr. Barbie sah das aber wahrscheinlich anders.

Wir gingen die wenigen Schritte zurück ins Wohnzimmer und ließen die Szene noch einmal auf uns wirken. Drei tote Körper hingen von der Decke. Wir sahen zu, wie Karl zwei Männern Anweisungen gab, die die Mutter von ihrem Haken nahmen und auf eine Bahre legten.

Ich fragte: »Wie lange hat er seine Opfer bearbeitet?«

Ralf antwortete: »Das ist schwer zu sagen. Ich habe mit Karl gesprochen. Ohne die Zeugen gehört zu haben, schätze ich, er hat vielleicht gegen zweiundzwanzig Uhr angefangen. Als er fertig war und sich in den Flur gesetzt hat, war es wohl so gegen fünf Uhr am Morgen.«

»Unfassbar«, sagte die Ellinger und ich musste ihr uneingeschränkt zustimmen.

»Sieben Stunden systematische Folter«, fasste Otto zusammen. »Der Junge ist ein Monster.«

»Hattest du den Eindruck?«, hakte ich nach.

»Nein«, erwiderte Otto sofort. »Überhaupt nicht. Vom Aussehen her nichts Besonderes. Ein wenig klein und schmächtig vielleicht.«

Wut konnte einem Täter unglaubliche Kraft verleihen, somit war der Körperbau des Jungen zweitrangig. Da wir nun aber offensichtlich ein Motiv benötigten und eine Psychologin hinzugezogen werden sollte, entschloss ich mich, die Dinge in die Hand zu nehmen. Immerhin hatten wir ja bei der Polizei einen fähigen Psychologen, der keine rosafarbenen Röcke trug.

Während Karl den Abtransport von Vater Brose dirigierte, stellte ich mich ein Stück abseits, nahm mein Handy und wählte die Nummer von Dr. Stefan Klein, dem Polizeipsychologen, der in meinen Augen viel eher das Zeug dazu hatte, mit so einem Fall fertigzuwerden. Er meldete sich bereits nach dem zweiten Klingeln und ich atmete erleichtert auf.

Ich schilderte kurz den Tatort und die wesentlichen Informationen, die wir erfahren hatten, bis hin zu der Tatsache, wer der Täter war und dass wir nun herausfinden mussten, warum das alles geschehen war.

»Das klingt grauenhaft«, meinte Stefan. »Ich helfe natürlich gern. Aber ich bin nicht sicher, ob ich die Zeit habe. Ich bin gerade auf dem Sprung zu einem Tatort im Stadtwald.«

Irgendwie hatte ich befürchtet, dass er so etwas sagen würde. Vor meinen Augen machten sich die Bestatter daran, Sven abzuhängen. Ich fluchte leise vor mich hin und beendete dann das Telefonat. Man konnte eben nicht immer Glück haben.

Ich schaute erst die Ellinger und dann Ralf an. »Wie sieht es aus, führst du uns herum?«

Ralf nickte nüchtern. »Wenn ihr neue Überschuhe anzieht, können wir zusammen durch die Zimmer gehen. Bisher haben wir uns auf das Wohnzimmer konzentriert.«

Ralf reichte uns die neuen Überzieher und jedem ein frisches Paar Latexhandschuhe, dann machten wir uns auf den Weg, um herauszufinden, wie Familie Brose gewohnt hatte.

Die Wohnung besaß einen kompakten Grundriss mit einer kleinen Küche, einem winzigen Badezimmer, einem Abstellraum in der Größe eines Wandschranks und drei Schlafzimmern. Der Schnitt der Wohnung war modern, das Baujahr des Hauses schätzte ich auf 1990. Der Flur war mit hellem Laminat ausgelegt, die Wände in leuchtendem Gelb gestrichen.

Als Erstes bogen wir in die Küche ab. Wir öffneten einige Schränke, fanden aber nichts Ungewöhnliches. Geschirr und Besteck, Töpfe, Pfannen, Dosen, Lebensmittel, alles war sauber und ordentlich an seinem Platz. Falls es Zerrüttungen in der Familie gab, so wies in der Küche nichts darauf hin.

Ralf entdeckte einen Messerblock, in dem das Fleischermesser fehlte. Die Griffe der anderen Messer passten zu dem der Tatwaffe. Es war ein wenig unheimlich, wie schnell sich die harten Tatsachen bei diesem Fall zusammenfügten.

5

Daniela

Das nächste Zimmer war das Schlafzimmer der Eltern. Mein Blick fiel sofort auf das Bild über dem Bett. Es stellte einen großen braunen Kreis dar, durchzogen von beigen Rissen auf weißem Untergrund. Das Motiv wurde in einigen Zentimetern Abstand von einem Rahmen aus grobem unbehandeltem Holz umgeben.

»Hier wohnte der Künstler«, stellte ich fest. Das Zimmer war auf den ersten Blick ansonsten unauffällig.

»Sieht modern aus«, meinte Oliver Busch, was aus seinem Munde so klang wie die höfliche Umschreibung für scheußlich.

Ich ging näher an das Bett, das mit naturfarbener Leinenbettwäsche bezogen war. Der Kreis war auf ein Stück Stoff derselben Farbe aufgebracht, das Material sah aus wie Erde. Die vielen Risse, die ihn durchzogen, erinnerten mich an Ackerböden, die in extremer Hitze ausgetrocknet waren.

»Hier hat auf jeden Fall jemand künstlerische Ambitionen. Vielleicht ein ökologischer oder esoterischer Hintergrund?«, mutmaßte ich. »Mutter Erde, die Gepeinigte?«

»Du meinst, es war einer dieser Ökotypen?«, fragte Reinhold.

»Könnte ich mir vorstellen.«

»Für mich ist das ein Kreis aus Matsch, der gleich abbröckelt«, kommentierte Busch so trocken wie die Erde auf dem Kunstwerk.

»Der ist gut fixiert«, entgegnete ich. »Und Kunstwerke sagen manchmal viel über den Künstler selbst aus.«

»Solange wir nicht so eine Künstlerkommune besuchen müssen«, brummte Busch düster.

Ich schaute ihn an und überlegte, warum er so bissig reagierte. Wie zuvor schon bei meinem höflich gemeinten Versuch, ihm die Hand zu schütteln. »Alles in Ordnung, Herr Busch?«

Er beantwortete meine Frage nicht, sondern sagte: »Und der Rahmen sieht aus wie vom Sperrmüll geklaut.«

Natürlich hatte er mit allem recht, was er sagte. Es war mehr der Tonfall, der mir Sorgen bereitete. Reinhold offenbar auch, denn er fragte: »Oliver?«

Busch presste die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf und nuschelte etwas, das man als Entschuldigung deuten konnte. Reinhold starrte ihn immer noch an, aber Busch vermied es standhaft, den Blick zu erwidern.

Zwar kannte ich mich mit Durchsuchungen nicht aus, dafür aber mit gereizten Menschen und der oft magischen Wirkung einer Ablenkung. Deshalb schlug ich vor: »Vielleicht schauen wir einfach, was die Eltern in ihren Schränken haben.«

Reinhold antwortete nicht, ging aber zum Kleiderschrank. Ralf nahm sich die Kommode vor, ich vergewisserte mich bei Reinhold, dass ich mitmachen durfte, und übernahm die Nachttische. Busch schloss sich Ralf an. Keiner der Schränke enthielt etwas Nennenswertes, sondern einfach nur eine Menge Kleidungsstücke. Die spektakulärste Entdeckung machte ich im Nachttisch von Herrn Brose unter einigen Illustrierten. Dort fand ich tausendvierhundert Euro in bar und einige Notizen mit Zahlen und kryptischen Abkürzungen, die mir überhaupt nichts sagten.

Ich zeigte den Zettel Ralf, der ihn aufmerksam betrachtete. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er nach einer Weile. »Aber ich halte es für ein Wettsystem.«

»Du meinst, wie für Fußballspiele?« Ich bediente nicht gerne ein Klischee, aber gerade mit Fußball kannte ich mich überhaupt nicht aus.

»Wahrscheinlich ist dieser Raum das Hauptquartier der rumänischen Wettmafia«, meinte Busch mit einem unbestimmbaren Unterton, vielleicht in einem missglückten Versuch, einen Scherz zu machen. Reinhold warf ihm einen irritierten Blick zu, ich ignorierte ihn und wandte mich wieder Ralf zu.

Der erklärte: »Richtig, aber ich glaube, der ist für Pferderennen. Siehst du hier die Abkürzungen? Wenn ich mich nicht täusche, beziehen die sich auf einzelne Rennen: Uhrzeiten, Startpositionen, Wettquoten.«

Ich folgte seinem Finger und sah, was er meinte. »Er hat also bei Pferderennen gesetzt.«

Ich stellte mir die Rennbahn am Sonntag vor. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Mann mit Pferdephobie behandelt, mit dem ich zum Abschluss der Therapie die Rennbahn besucht hatte. Wir hatten Rennen gesehen, die Jockeys beobachtet und die Stallungen besichtigt. Es war ein würdiger Abschluss gewesen und ich kannte auf jeden Fall mehr von der Rennbahn als der durchschnittliche Krefelder.

Aber wenn ich an das Publikum dachte, auch an die Leute, die am Wettschalter anstanden, spürte ich mehr als dass ich wusste, dass die Mitglieder der Familie Brose dort so wenig hingepasst hätten wie ein Innenminister der CSU auf den Christopher Street Day.

»Woran denkst du?«, fragte Ralf.

»Ich kenne die Rennbahn ein wenig. Ich frage mich, ob dieser Mann da nicht ein Fremdkörper gewesen wäre«, formulierte ich diplomatisch.

»Das ist nicht mein Fachgebiet«, sagte Ralf.

»Du meinst, er wäre nicht versnobt genug gewesen?«, tippte Reinhold.

Busch merkte an: »Seit es das Internet gibt, muss man nicht mehr persönlich hingehen zum Wetten.«

Der Punkt ging an ihn. So langsam fragte ich mich, ob der Kommissar es darauf anlegte, mir möglichst viele peinliche Fehler vor Augen zu führen.

»Wozu ist dann das Bargeld in seiner Schublade?«, konterte ich. »Damit kann er im Internet nichts anfangen.«

Busch nickte langsam. »Wir werden es herausfinden, das ist eine einfache Übung.«

»Könnte das mit dem Motiv zusammenhängen?«, fragte ich halb an mich selbst gerichtet.

»Geld ist immer ein Motiv«, entgegnete Busch lapidar.

»Wir sollten überprüfen, was es mit dieser Wettsache auf sich hat«, meinte Otto. »Kontobewegungen, Internetaktivitäten, Belege, Quittungen.«

»Das klingt vernünftig«, sagte Busch zufrieden. »Ralf, könnt ihr aus diesem Zettel Klartext machen? Für ganz normale Leute, die nicht wetten?«

Ralf nickte. »Natürlich.«

Weil das Schlafzimmer sonst nichts hergab, zogen wir weiter.

Der nächste Raum bot eine Ablenkung, auf die ich mich nur allzu gern einließ. Das Zimmer war klein, die Sonne blinzelte durch ein winziges Fenster herein und überzog die Regale an den Wänden mit einem goldenen Schimmer.

»Da haben wir ja das Zentrum des künstlerischen Schaffens«, raunte Busch.

Und tatsächlich wurde der Raum von einer großen Staffelei beherrscht, auf die ich sofort neidisch war. Ein Rollcontainer stand daneben, eine Palette lag darauf, als warte sie nur auf die Rückkehr des Künstlers. Die Regale waren gefüllt mit Leinwänden in verschiedenen Größen, mit Tuben und Töpfen, Pasten und Pulvern, Pinseln und Palettmessern. Und natürlich mit Farben. Unmengen von Farben.

Ich hatte vor einigen Jahren auch mit der Malerei begonnen, kam aber viel zu selten dazu, und meine Staffelei wirkte mickrig gegen die in diesem Atelier, deren Wert ich auf mindestens fünfhundert Euro schätzte. Von dem Rest ganz zu schweigen. Ich ließ meine behandschuhte Hand bewundernd über das geölte Holz der Trägerstruktur gleiten.

»Sollte man in einem Atelier nicht etwas mehr Licht haben?«, fragte Ralf.

»Das stimmt«, bestätigte ich. Und zumindest das hatte ich bei mir zu Hause. »Aber hier gibt es ein gutes Hilfsmittel. Pass auf.«

Dann griff ich nach dem Schalter der Stehlampe, die direkt neben der Staffelei platziert war. Als ich die Lampe anknipste, durchflutete augenblicklich gleißend helles Licht den Raum. Ralf und Reinhold hatten sich geistesgegenwärtig so wie ich die Hand über die Augen gelegt.

Busch war so groß, dass er über den mattierten Schirm direkt in die Leuchte des Deckenfluters schaute und blinzelte verblüfft.

»Meine Güte«, japste er, wandte sich von uns ab und rieb sich die Augen. »Was war das denn?«

»Eine Tageslichtlampe«, erklärte ich. »Noch dazu eine ziemlich starke.«

Im gleißenden Licht der künstlichen Sonne kamen buchstäblich alle Geheimnisse ans Licht, die bis dahin verhüllt geblieben waren, zum Beispiel zwei feine Schnitte auf Reinholds Oberlippe, die er sich beim Rasieren zugezogen hatte.

»Und so etwas braucht man zum Malen?«, fragte Busch skeptisch, als sei eine solche Beleuchtung nur für polizeiliche Vernehmungen zugelassen.

»Dieses Licht ist zu neunundneunzig Prozent identisch mit dem Tageslichtspektrum. Dadurch werden die Farben natürlich wiedergegeben«, erklärte ich.

»Teufelszeug«, brummte Busch, bevor er sich einem der Regale widmete.

Wir durchstöberten das Atelier, fanden aber nichts Auffälliges. Immerhin gab es neben ein paar Kohlezeichnungen und Bleistiftskizzen einige Blätter mit Notizen in einer runden schnörkeligen Handschrift. »Eindeutig von einer Frau, also war die Mutter die Künstlerin«, vermutete Ralf.

6

Oliver

Das letzte Zimmer, bevor wir wieder ins Wohnzimmer gelangten, wurde unmissverständlich von zwei Jugendlichen bewohnt. Schreibtisch, Schränke, Betten, alles gab es zweimal in spiegelbildlicher Anordnung. Die Poster waren bunt und zeigten schräge Typen, hingen aber nicht so dicht gedrängt, dass man die Wand dahinter nicht mehr sehen konnte. Dazu gehörte eine zumindest optisch ultramoderne Stereoanlage.

Ich brummte: »Schwarz. Warum muss es immer schwarz sein?«

»Das ist so eine Phase«, sagte Ralf.

»Von ihm stammt das Bild im Wohnzimmer definitiv nicht«, meinte Reinhold.

»Stimmt, dann wäre es schwarz.«

»Oder sein Zimmer blau.«

»Ein Punkt für dich«, sagte ich. »Und diese Typen da? Sind das Rapper?«

»Auf der einen Seite Rapper, auf der anderen Hip-Hopper«, belehrte die Ellinger uns. Ich konnte den Unterschied nicht erkennen und fragte mich auch, wie sie das fertigbrachte, wo sie doch die Expertin für Verrückte sein sollte und nicht für Musik. Für mich blieben es seltsame Typen in lächerlichen Posen.

Mithilfe der Schultaschen und der Schreibtische fanden wir schnell heraus, dass Sven die Seite mit den Rappern bewohnte und Marvin die Seite mit den Hip-Hoppern. Ich blätterte einige Hefte aus seinem Rucksack durch. »Er hatte ein Problem in Englisch«, sagte ich.

»Sven nicht«, teilte die Ellinger mit.

»Und in Mathe auch«, ergänzte ich.

»Sven nicht.«

Dann kam ich zum Deutschheft. Ich entdeckte die Korrektur der letzten Klausur. Ich hielt das Heft hoch, sodass Reinhold es sehen konnte.

»Das ist keine Korrektur, das ist ein Blutbad«, stellte er fest.

Tatsächlich überwog das Rot auf den Seiten, die Benotung war vernichtend. »Meinst du, er war sauer?«

Reinhold zuckte mit den Achseln. »Aber wenn er sauer war, dann doch sicher auf seine Lehrerin … Frau Münstermann. Die lebt ja wohl noch.«

»Wahrscheinlich«, meinte ich und fuhr mit der Hand über mein Gesicht. Ich hörte mich ohne Überzeugung sagen: »Oder seine Mutter hat ihn aufgefordert, mehr für Deutsch zu üben.«

Reinhold antwortete mir gar nicht erst. Die Ellinger betrachtete mich stirnrunzelnd, bot aber auch keine Alternative an. Dabei war sie doch hier, um uns die Psyche des Mörders zu erklären.

Simon erschien in der Tür. Er war der Spezialist der Spurensicherung für Daten und alles Elektronische. Wie ich erwartet hatte, leuchteten seine Augen hinter den dicken Brillengläsern auf, als er den Computer auf dem Schreibtisch sah. »Endlich eine Aufgabe für mich.«

Ralf sagte: »Komm rein, Simon.« Auch er war offenkundig froh, dem Wohnzimmer entkommen zu sein.

Simon ging zum Schreibtisch, setzte sich auf den Bürostuhl und ließ seine Knöchel knacken. »Ganz schön eng hier. Da bekommt man ja Beklemmungen.«

Womit er eindeutig recht hatte. Die beiden Jungen teilten sich ein Zimmer, das für eine Person schon knapp bemessen war. Zumal in diesem Alter. Und dabei gab es durchaus noch ein weiteres Zimmer in der Wohnung. Doch anscheinend hatte die Malerei der Mutter Priorität gehabt.

»Könnte es nicht sein, dass die Jungs mächtig sauer auf ihre Mutter waren?«, schlug ich vor. »Sie mussten sich diesen Verschlag hier teilen, nur damit die Mutter ein eigenes Malzimmer hat.«

»Ein Atelier«, korrigierte die Ellinger mich spitzfindig.

»Meinetwegen auch ein Atelier. Für Jugendliche in diesem Alter muss das wie eine ziemliche Ungerechtigkeit ausgesehen haben.«

»Sie meinen, Hass auf seine Mutter war das Motiv für Marvins Tat?«, fragte die Ellinger skeptisch.

»Immerhin hatte der Mord einen direkten Bezug zur Mutterschaft.« Gruselnd erinnerte ich mich an die Gebärmutter.

»Und warum hat er dann die anderen ermordet?«

Ich antwortete nicht, sondern riss die erste Schreibtischschublade auf, um sie zu durchsuchen. Ich entdeckte das Übliche: CDs, Papiere, einen kleinen Stapel Briefe. »Liebesbriefe«, stellte ich fest, nachdem ich ein paar Zeilen überflogen hatte. Ich fand den Namen des Mädchens – Claudia – und notierte ihn mir. Das war eine Person, mit der wir auf jeden Fall reden mussten.

Ich wollte die Schublade gerade wieder schließen, als Ralf neben mir auftauchte und meine Hand festhielt. »Einen Moment noch«, sagte er.

Was er dann tat, verblüffte mich. Er nahm den doppelten Boden der Schublade heraus und stellte ihn behutsam zur Seite. »Eine sehr gute Tarnung«, beruhigte er mich. »Von oben überhaupt nicht zu sehen, nur von der Seite.«

Im nächsten Moment standen wir alle im Halbkreis um die Schublade. Simon pfiff durch die Zähne. »Wow, die sind hier aber alle gut im Geschäft«, sagte er.

Ich nahm das Bündel mit Geldscheinen und ließ es über die Finger gleiten. »Zwanzig-Euro-Scheine, vielleicht viertausend Euro.«

»Ich hatte in seinem Alter nicht so viel Geld herumliegen«, sinnierte Ralf.

»Habe ich bis heute nicht«, fügte Simon hinzu. »Ich hatte damals aber auch keine Drogen in der Schublade.«

Tatsächlich war der Rest des Geheimfachs bis zum Rand gefüllt mit kleinen Tütchen.

»Das ist doch schon mal was«, kommentierte ich. »Ganz so harmlos war der Junge also nicht.«