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Gabriella Wollenhaupt
Friedemann Grenz

Blutiger Sommer

Historischer Kriminalroman

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unter Verwendung der Abbildung: ›Nanna‹ (Anselm Feuerbach)
und eines Fotos von Kamrowski / photocase.com
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-874-0

Die Autoren

Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa ermittelt seit 1993 regelmäßig in Bierstadt und hat Kultstatus. Zuletzt erschien Grappa lässt die Puppen tanzen. Der erste Fall für Rachel Grünblatt in Leichentuch und Lumpengeld steht den Grappa-Krimis in Sachen Witz und Ironie in nichts nach und entstand schon unter Mitarbeit von:

Friedemann Grenz, Jahrgang 1944, beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Dozent für Literaturwissenschaft und Philosophie mit Texten. Er arbeitet als freier Lektor. Nun schreibt er auch.

www.gabriella-wollenhaupt.de

Justus von Kleist königlich-preußischer Polizeidirektor
Rachel von Kleist, geb. Grünblatt seine Frau
Kurt Gruber Kutscher der von Kleists
Ada Hertel Köchin in der Villa Kleist
Sophie Zofe im Hause Kleist
Adolph von Kleist* Cousin Justus von Kleists
Frieda Freifrau von Gaudy verarmte Adelige
Ernst von Bodelschwingh* Innenminister
Eugen von Puttkamer* Polizeipräsident
Johann Ludwig Casper* Rechtsmediziner
Schwarz und Escher Kriminalkommissare
Matuschke und Wimmer Gendarmen
Langhein und Kleinschmidt Gendarmen
Jette Wehner junge Hemdennäherin
Marie Wichmann Jettes Zimmergenossin, Schankmädchen
Emma Delitz Jettes Wirtin
Peter Delitz ihr Sohn
Erna Krawuttke Garderobiere in der Kroll-Oper
Ludwig Schwind Gelegenheitsarbeiter
Franz Steinmeyer* Pfarrer in Nowawes
Henri Lapalus Redakteur der Vossischen Zeitung
Levin Schücking* Journalist auf der Durchreise
Eremias Spitznas Druckereileiter
Abraham Kohnen Metzgermeister
Samuel Rebenstein jüdischer Metzgergeselle
Salomon Feingold Rabbi im Scheunenviertel
Samuel Bleichröder* jüdischer Bankier

* historische Personen, siehe Nachbemerkung

Berlin ist zu groß geworden, als dass der Hof, die Bürokratie es noch vollkommen beherrschen könnten. Es dehnt sich unaufhaltsam aus, das Elend frisst sich immer tiefer in den Organismus hinein … Damit wenige glänzen und in Pracht und Überfluss leben und wohnen, ist die Mehrzahl entweder dem maßlosen Elende oder doch der traurigsten Erfahrung, der furchtbarsten Beschränkung, der unsichersten Lebensexistenz preisgegeben.

Friedrich Saß, Journalist, in Berlin in seiner neuesten
Zeit und Entwicklung, erschienen 1846

Es ist keine Kunst, ein ehrlicher Mann zu sein, wenn man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch zu essen hat.

Georg Büchner (1813 – 1837)

Inhalt

Romanbeginn

Nachbemerkung

Eine blonde Braut im Unterkleid muss flüchten. Ein Pfau ist nicht böse und ruft nach Regen. Eine Kutsche nimmt einen neuen Passagier auf.

Eines nach dem anderen kommen die Mädchen an Land und kleiden sich an. Hübsch sind sie. Appetitlich sind sie. Er wird weiter schauen und warten. Wenn die Frauen gegangen sind, wird er auch gehen. Heute ist kein guter Tag.

Das Ufer liegt nun leer und einsam. Ferner Donner kündigt Regen an. Gerade will er sein Versteck verlassen, da sieht er eine Gestalt, die Richtung Fluss schlendert. Schnell verbirgt er sich wieder. Eine junge Frau – fast noch ein Kind. Groß und schmal mit dichtem blondem Haar, das hochgesteckt ist. Sie schaut zum Wasser, dann zum Himmel. Scheint zu überlegen, ob es Sinn macht, jetzt noch zu baden, obwohl bald Blitze aus den Wolken schlagen werden.

Es beginnt zu tröpfeln.

Er hält den Atem an. Ja, sie hat sich entschieden. Sie nestelt an den Bändern ihres Kleides und lässt es in den Sand gleiten. Sie befreit sich von den Pantalons. Ihre schmalen Finger lösen die Haken des Mieders. Sie trägt nur noch die kurze Chemise und nimmt die Nadeln aus dem Haar. Es reicht ihr bis an die Schulterblätter. Sie geht zum Fluss, prüft das Wasser mit dem Fuß und steigt hinein.

Endlich, denkt er. Der Tag wird doch noch gut. Eine wohlige Ruhe steigt in ihm auf. Nachdem sich das Mädchen einige Meter vom Ufer entfernt hat, verlässt er sein Versteck und setzt sich neben die abgelegten Kleider. Wind kommt auf.

Der Himmel öffnet seine Schleusen. Regen stürzt herab. Wasserdampf legt sich als Nebel auf den Fluss und nimmt der Uferlinie die Schärfe.

Der Mann im Sand streichelt die Kleider des badenden Mädchens und legt seine Jacke darüber, um den Stoff vor dem Regen zu schützen. Das Mieder nimmt er auf, steckt die Nase hinein und zieht Luft ein. Mit geschlossenen Augen denkt er an weißes Fleisch, lange Schenkel und die köstliche Mitte.

Das Mädchen verlässt das Wasser und entdeckt den Fremden. Das nasse Unterkleid klebt an ihren Formen.

»Was willst du hier?«, fragt es erschrocken und bedeckt die Brüste mit den Händen.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagt der Mann. »Ich passe nur auf deine Sachen auf. Damit sie nicht nass werden.«

Zögerlich nähert sich die junge Frau. Der Mann sieht nicht aus, als würde er ihr etwas antun. Aber wem sieht man das schon an?

Er lächelt und reicht ihr die Kleider. Um sie greifen zu können, müsste sie die Hände von den Brüsten nehmen.

»Lass alles fallen und dreh dich um«, fordert sie. »Damit ich mich ankleiden kann.«

»Stell dich nicht so an«, sagt er. »Und tu nicht so, als wäre ich der Erste, der dich nackt sieht.«

Sie zuckt zusammen. Der Ton des Fremden ist gemein. Sie schaut sich um. Außer dem Mann ist niemand zu sehen.

»Geh weg«, fordert sie.

»Nein. Komm her und hol dir dein Zeug. Es ist doch nur ein Spiel, ganz harmlos.« Er lächelt wieder.

Der Regen will nicht aufhören. Nun zucken auch Blitze. Sie schaut zum Wasser. Die Regentropfen tanzen auf dem Fluss.

»Wenn du wieder ins Wasser gehst, erschlägt dich der Blitz«, sagt der Mann. »Überleg dir gut, was du tust.«

Doch sie überlegt nicht lange, läuft zum Wasser und stürzt sich hinein. Ich bin eine gute Schwimmerin, denkt sie und lässt sich von der Strömung mitziehen.

Ein Schrei – heiser und monoton. Rachel schaudert. Obwohl sie weiß, wer Urheber dieser merkwürdigen Töne ist, fühlt sie sich abgestoßen. So schöne große Vögel und so hässliche Stimmen!

Die Tiere kommen aus Indien. Rachel hat einen Reisebericht gelesen, in dem die Pfauen ausführlich beschrieben wurden. Neuerdings tragen Damen Pfauenfedern an Hüten, Taschen und am Dekolleté.

Hinter ihr raschelt es in den Büschen. Sie schnellt herum. Ein Hahn schlägt Rad und schreitet auf sie zu. Rachel kann sich nicht rühren. Das leuchtend schillernde Blau blendet sie. Das Federkleid schwingt in wellenartigen Bewegungen. Der Glanz der späten Sonne vergoldet es.

»Hab keine Angst.« Justus von Kleist nimmt die Hand seiner Frau. »Bleib einfach ruhig. Die Vögel sind an Menschen gewöhnt.«

Das Pfauenrad schwindet und bildet eine Schleppe.

»Er hat böse Augen«, flüstert Rachel. Von dem Nasenloch des Vogels zieht sich ein schmales Band bis zum Auge. Die breite, halb ovale Fläche unter dem Auge ist weiß und nackt.

»Kein Tier ist böse«, widerspricht Justus. »Das überlassen sie uns Menschen.«

Der Pfau wartet, legt den schmalen Kopf schief. Er scheint dem Gespräch zu lauschen.

»Bist du ein böser Vogel?« Rachel drückt sich an ihren Mann.

Der Pfau antwortet. Mit einem zischenden Geräusch bildet er ruckartig erneut das fächerförmige Rad aus langen, irisierenden Schwanzfedern.

Rachel stockt der Atem. Der Pfau reckt den Hals nach oben und setzt das Fächerrad in Bewegung. Eine zitternde Bewegung entsteht und ein hölzernes Geräusch ist zu hören.

»Er will, dass wir gehen«, erklärt Justus.

Wie um das zu bekräftigen, stößt der Pfau erneut einen heiseren Schrei aus.

»Jetzt verspricht er uns Regen«, behauptet Justus. »Endlich Regen! Die Inder glauben übrigens, dass der Pfau minh-ao ruft, was so viel heißt wie: Regen kommt.«

»Was du alles weißt!«, sagt Rachel zärtlich.

»Das wissen alle Berliner. Wir sind schließlich auf der Pfaueninsel.«

Der Pfauen-Hahn verschwindet im Gebüsch. In der Ferne ertönt ein Donnergrollen.

»Hörst du?«, fragt von Kleist.

»Der Regen«, nickt sie. »Er kommt wirklich.«

Das Boot bringt sie von der Insel zum Festland. Rachel und Justus fassen sich an den Händen und laufen zum Landauer. Der Regen prasselt auf sie nieder. Kutscher Gruber öffnet die Tür. Er hat das Verdeck aufgeknüpft und sein Cape übergeworfen.

»Det kommt jetzt aba runter«, schnieft er mit Blick auf den graugrünen Himmel. »Und fällig war’s ooch. Det war ja nich mehr feierlich. Nach Hause, die Herrschaften? Oder noch irjendwo einkehren?«

»Fahren Sie ein Stück am Ufer entlang«, bittet Rachel. »Ich finde die Havel jetzt besonders schön.«

»Aber jerne, Madame.«

Rachel legt den Kopf an die Schulter ihres Mannes. Sie denkt zurück an die Stadt, in der sie fast dreißig Jahre gelebt hat. Jahrelang ertrug sie die Eintönigkeit ihres Lebens und hatte sich fast mit ihr abgefunden. Bis der Polizeidirektor Justus von Kleist aus Berlin vom preußischen König nach Morgenthal geschickt wurde, um einige unschöne Morde aufzuklären. Damals waren sie sich nähergekommen und nun ist die Eintönigkeit Morgenthals weit weg und vorbei.

»Schläfst du?«, fragt Justus leise.

»Aber nein«, murmelt sie. »Ich hab an zu Hause gedacht.«

»Unser Zuhause?«

»Nein«, gesteht sie. »An Morgenthal.«

»Heimweh?«

»Nein. Nur Erinnerungen daran, wie alles gekommen ist. Und dass es jetzt gut ist.«

Sie meint es genau, wie sie es sagt. Sie hat bei Justus gelegen schon in der ersten Nacht, im ersten Gasthof auf der Reise nach Berlin. Es war neu für sie. Ein Mann. Ihr Mann. Eine heilige Handlung. Ihr Körper sprach zu ihm. Und seiner zu ihr. Zugleich war es vertraut.

Der Regen lässt nach. Sonnenstrahlen schneiden golden durch den Nebel.

Die Bremse greift. Quietschend kommt die Kutsche zum Stehen. Die Pferde schnauben.

Justus steigt aus, dann Rachel. Auch Gruber ist vom Bock geklettert.

»Ach, du jrüne Neune«, stammelt er. »Det is ’ne junge Frau. Bloß im Hemde.«

Er deutet zum Ufer. Rachel und Justus folgen der Richtung seiner Hand. Tatsächlich. Ein blonder Kopf ist hinter einem Strauch zu sehen, die Haare strähnig und nass.

»Helfen Sie mir. Bitte!«, stammelt das Mädchen.

»Was ist geschehen?«, fragt Rachel.

»Am Ufer war ein Mann. Er hat meine Kleider genommen. Er wollte nicht weggehen und ich hatte Angst.«

»Gruber! Bringen Sie eine Decke«, ordnet Justus an.

»Sie kommen erst mal mit uns«, bestimmt Rachel.

Das Mädchen vor ihr hat ein ebenmäßiges Gesicht mit einer kleinen Nase, die etwas spitzbübisch unter aufmerksamen, klaren blauen Augen sitzt.

»Wo war das mit den Kleidern?«, fragt Justus von Kleist, als alle in der Kutsche sitzen.

»Am Ufer. Aber weiter weg. Hinter der Biegung«, antwortet die junge Frau schüchtern.

»So weit sind Sie geschwommen?«, staunt Rachel. »Das kann nicht jeder. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Henriette Wehner, aber alle nennen mich Jette«, lautet die Antwort. »Mein Vater hat mir das Schwimmen beigebracht, da war ich acht Jahre alt. In der Elster.«

Von Kleist weist Gruber an, umzukehren und zu der Stelle zu fahren, an der Jette ins Wasser gestiegen ist.

»Bitte nicht«, wünscht Jette. »Ich möchte diesem Mann auf keinen Fall wieder begegnen. Er hatte so böse Augen.«

»Ihre Kleider. Wir müssen doch Ihre Kleider holen. Und Angst brauchen Sie nicht zu haben«, versichert Rachel. »Sie sind in der Gesellschaft eines ganz ordentlichen Polizeibeamten.« Ihr Blick geht zu dem Herrn der Kutsche.

»Dann soll es mir recht sein«, stimmt Jette zu.

»Also los, Gruber.«

Der Kutscher wendet und fährt zurück. Erneut hat Regen eingesetzt.

Böse Augen hat der Mann, denkt Rachel. Genau wie der Pfau.

»Hier war es«, ruft Jette dem Kutscher schließlich zu.

Die beiden Männer klettern von dem Gefährt und nähern sich dem Platz, den Jette bezeichnet hat. Keine Spur von einem Mann und auch keine Kleider. Sie winken die Frauen hinzu. Jette hat sich fest in die Decke gewickelt.

»Er hat wohl alles mitgenommen«, sagt Rachel. »Warum nur?«

»Nicht alles«, antwortet Jette. »Hier, meine Haarnadeln und die Schleife.« Sie hebt sie auf.

»Ist das ein beliebter Badeplatz?«, fragt Kleist.

Jette bejaht. »Viele baden hier im Sommer. Nicht nur Mädchen, sondern auch Familien. Heute war ich allein. Die anderen sind wohl vor dem Wetter geflüchtet. Ich liebe es, im Regen zu schwimmen. Dann war der Mann plötzlich da und hielt meine Kleider in den Händen. Was soll ich jetzt bloß machen?«

»Keine Sorge, Fräulein Wehner«, meint Rachel. »Wir bringen Ihnen erst mal ein paar Kleider auf den Leib. Fahren wir heim zu uns. In meinen Schränken wird sich etwas Passendes für Sie finden.«

Während der Fahrt nimmt Kleist das Wort: »Sie sind nicht von hier?«

»Genau«, bestätigt das Mädchen. »Ich komme aus dem Vogtland. Aus der Gegend bei Plauen.«

»Wie unsere Köchin«, erinnert sich Rachel. »Es gibt viele Vogtländer in Berlin.«

»Das liegt an der Armut und am Elend bei uns«, entgegnet Jette Wehner traurig.

Der Mann vom Fluss hat Jettes Kleider zusammengepackt und in seinen Rucksack gesteckt. Wütend schlägt er sich durch die mannshohen Büsche, die das Ufer säumen. Er lässt das Wasser nicht aus den Augen. Doch das Mädchen bleibt verschwunden. Der Mann kann sich nicht vorstellen, dass sie die Havel so weit hinabgeschwommen ist.

Die meisten Frauen, die sommers hier baden, bleiben im seichten Wasser. Ob diese von heute ertrunken ist?

Besser wäre es. Immerhin hat sie ihn gesehen und kann ihn beschreiben, wenn jemand sie fragen sollte. Doch dafür gibt es bei Lichte betrachtet keinen Grund. Er hat ihr nur einen harmlosen Streich gespielt. Es ist allgemein bekannt, welche Art Frauen an diesem Platz baden: Dienstmädchen, Kellnerinnen, Wäscherinnen. Und die nehmen es mit der Moral nicht so genau.

Heftiger Regen prasselt aufs Wasser und lässt die Tropfen tanzen. Der Mann geht zur Straße zurück und muss einem eiligen Reiter in Uniform ausweichen.

Mürrisch entfernt der Mann die Dreckklumpen, die das Pferd aufgewirbelt hat, von seiner Hose. Rücksichtsloses Soldatenpack!

Er zieht die Kappe tiefer ins Gesicht.

Eine tote Frau ist keine Dame. Berlin besteht aus zwei Städten. Ein kleines Mädchen verliert alles und wird weggebracht. Auf einem Brief steht eine Adresse. Man fertigt Schlüssel an.

Weinen. Das Kind ist nur Weinen. Rotz fließt frei aus der Nase. Eben hat sie noch ein Wort gehabt. Sie hat es geschluchzt: »Mutti.« Nun ist es nur noch Weinen. Mutti antwortet nicht. Warum regt sich Mutti nicht? Warum ist Muttis schönstes Kleid überall so rot? Warum ist das Rote so feucht?

Schaulustige glotzen die tote Frau an. Sie sehen die Beine. Frauenbeine. Nackt in der Nachmittagssonne. Wolken ziehen auf. Im Südwesten grummelt der Himmel.

»Nehmt doch das Kind da weg«, sagt eine Stimme. Eine markante Stimme. »Eine Decke«, fordert sie nun.

Ein Mantel fliegt durch die Luft. Jemand deckt die Tote zu.

»Danke«, sagt die Stimme. Sie gehört Kommissar Schwarz. »Bringt das Kind in Obhut«, befiehlt er.

Ein Gendarm nickt und trägt das Kind fort. Es wird zunächst in einem öffentlichen Waisenhaus unterkommen.

Der Arzt stellt bei der toten Frau schwere Verletzungen fest. Der Täter hat ihr mit einem scharfen Schneidwerkzeug den Unterleib aufgeschlitzt. Die Helfer des Arztes legen den Leichnam in einen Holzsarg, der in die Charité gebracht wird.

Wer ist die Tote? Die Gendarmen schwärmen aus und befragen die Gaffer. Die meisten behaupten, nichts zu wissen. Die Polizei ist nicht beliebt hier im Scheunenviertel. Doch eine junge Frau namens Judith gibt Auskunft.

»Das ist die Soldaten-Jule«, berichtet sie. »Sie arbeitet schon ewig hier. Annemarie ist ihre Tochter. Wer war das nur? Wer hat die Jule so schlimm getötet?«

»Wir werden es herausbekommen«, sagt Schwarz. »Wer waren Jules Freier? Hatte sie einen Mann? Wo hat sie gewohnt?«

»Irgendwo in den Wülcknitzschen. Doch ihr Revier war hier. Dass sie einen Mann hatte, glaub ich nicht.«

Schwarz schickt eine Dienstkutsche mit einer Notiz für Kleist nach Potsdam.

»Gleich sind wir zu Hause«, hört Jette.

Sie hat sich fest in die Decke gewickelt und während der Fahrt nachgedacht. Vielleicht ist der Mann am Ufer doch harmlos gewesen, nur ein junger Mensch, der Anschluss sucht. Er hat nicht Berlinerisch gesprochen, das ist ihr sofort aufgefallen. Möglicherweise ein Zugereister, der in der Hauptstadt sein Glück sucht – wie sie selbst auch. Obwohl – so denkt Jette – bei mir muss es nicht gleich das Glück sein. Ein Auskommen und ein Leben unter freundlichen Menschen, das würde mir schon genügen. Und wenn ich dann noch einen Mann habe, der mich gut behandelt, bin ich zufrieden.

Der Landauer hält vor dem Portal.

»Spannen Sie noch nicht aus, Gruber«, weist von Kleist den Kutscher an.

Die weiße Villa Kleist liegt westlich der Glienicker Brücke, nicht weit vom Jungfernsee. Kein verspielter Bau, sondern eine römisch anmutende Villa mit klaren, fast strengen Linien, vielen Fenstern und einem florentinischen Turm. In einer Nische die Skulptur der Göttin Minerva, die für gerechte Kriege und Weisheit zuständig ist. Kleist hat die Villa vor gut zehn Jahren von Friedrich Ludwig Persius bauen lassen, dem Hofarchitekten des Königs Friedrich Wilhelm IV.

Rachel hat sich in dieses Haus verliebt, als sie es zum ersten Mal sah.

In der Küche findet Jette Wehner den Mut, von sich zu erzählen. Die Freundlichkeit der schönen, schwarzhaarigen Frau macht sie zutraulich. Jette trägt jetzt ein einfaches Kleid, auch trockene Unterwäsche hat sie erhalten. Die Köchin Ada Hertel hat einen heißen Tee gekocht. Die drei Frauen sitzen zusammen am großen Küchentisch.

»Gehen Sie oft an dieser Stelle schwimmen?«, fragt Rachel.

»Nur am Wochenende. Samstags oder sonntags, das ist im Scheunenviertel ziemlich egal. Samstags ist ja für viele Juden gewissermaßen Sonntag.«

»Und wie kommst du an die Havel?«, will Ada Hertel wissen.

»Mit der Mietdroschke«, verrät Jette und errötet. »Einer der Kutscher kommt auch aus dem Vogtland, da darf ich auf dem Bock mitfahren, wenn Platz ist.«

»Es gibt viele Vogtländer in Berlin«, stellt Rachel erneut fest.

»Die meisten von uns leben in der Rosenthaler Vorstadt«, erklärt die Köchin. »Manche sagen ja, dass Berlin aus zwei Städten besteht: Berlin und das Vogtland. – Wovon lebst du, Mädchen?«, wendet sie sich dann an Jette.

»Ich nähe Hemden. Für Geschäfte und privat. Meine Hemden sind von guter Qualität, so sagen meine Kunden. Sie sind zufrieden und ich kann jeden Monat etwas Geld nach Hause schicken.«

Jette erzählt weiter: Sie sei schon ein gutes Jahr in Berlin. Im Scheunenviertel habe sie eine halbe Schlafstelle gemietet.

Die Gebäude dort wurden ohne großes Federlesen an unbefestigten, schmalen Gassen erbaut. Sie haben winzige Höfe, sind verschachtelt mit vielen Kellerräumen und Mansarden, miserabel beleuchtet und kaum durchlüftet. Die kleinen Häuser liegen an schlammigen Straßen, in den Gossen fließt eine üble Brühe aus Abwässern, Urin, Kot und Abfällen aus den Handwerksbetrieben und Fleischereien. Diese Gosse zieht Ungeziefer an – besonders im Sommer.

Oft hat Jette müde Augen, denn die Näherei ist anstrengend. Ihr Traum ist ein möbliertes Zimmer mit Tageslicht – nur für sich allein. Hingegen sind viele Arbeiter und Handwerksleute zufrieden mit den Schlafstellen, denn sie sind tagsüber beschäftigt und nutzen den Raum nur zum Übernachten.

Immerhin hat Jette eine nette Wirtin gefunden, die sie morgens früh zu einer Tasse Milch oder Tee einlädt. Und sie darf manchmal ihre Hemden in der guten Stube der Wirtin fertigen. Dort ist das Licht angenehmer. Für ein Hemd bekommt sie von den Geschäften vier bis fünf Silbergroschen. Ein Hemd pro Tag schafft sie leicht. Die privaten Kunden, die ihr die Vermieterin vermittelt, zahlen zehn Silbergroschen. Zwei davon kassiert allerdings die Wirtin.

Der Hausherr betritt die Küche. »Fühlen sich die Damen wohl?«, fragt er lächelnd.

»Wir haben Fräulein Wehner trocken und warm bekommen und plaudern nun«, berichtet Rachel.

»Dann will ich nicht stören«, sagt Justus von Kleist. »Ich nehme mir nur eben etwas Obst.«

Ada Hertel springt auf.

»Bleiben Sie doch sitzen!« Er öffnet die Tür der Kühlkammer.

»Hast du einen Verlobten?« Die Köchin hat sich zurück auf den Stuhl fallen lassen und befragt nun weiter das Mädchen.

»Ja, zu Hause. Hannes ist Bierbrauer. Wir wollen heiraten, wenn er mit der Lehre fertig ist. Wir schreiben uns …« Jette stockt und wird bleich.

»Was ist?«, fragt Rachel.

»In meinen Kleidern … da …«, stammelt das Mädchen. »Da war ein Brief von Hannes. Mit dem Heiratsversprechen.«

Justus von Kleist beißt in einen Apfel. »Stand Ihre Adresse auf dem Brief?«

Jetter Wehner nickt.

»Dann weiß der Kleiderdieb, wo Sie wohnen«, kombiniert von Kleist. »Das ist nicht gut.«

Jette zuckt zusammen.

»Kutscher Gruber fährt Sie gleich nach Hause«, entscheidet Kleist. »Und er wird sich genau umschauen. Können Sie Ihr Zimmer abschließen?«

Jette verneint. »Es ist ja nur eine Schlafstelle. In dem Raum wohnt noch eine Frau.«

Der Hausherr schickt die Köchin nach Gruber. Der erscheint ohne sein Cape und macht einen trockenen Eindruck.

»Gruber, Sie kennen doch bestimmt einen geschickten Schlosser«, beginnt Kleist.

Der Kutscher kratzt sich kurz am Kopf und nickt dann. »Fritze. Der arbeitet nich inne Werkstatt, sondern von zu Hause aus.«

Gruber bekommt den Auftrag, Jette nach Hause zu fahren und unterwegs den Schlosser aufzuladen. Dann soll er dafür sorgen, dass die Wirtin zustimmt, das Zimmer mit Jettes Schlafplatz abschließbar zu machen. Für die Auslagen bekommt der Kutscher Geld.

»Ich danke Ihnen sehr, gnädiger Herr. Was ist mit den schönen Kleidern?«, fragt Jette und fasst in den blauen Kattun.

»Die können Sie behalten«, antwortet Rachel. »Ich möchte gern mit Ihnen in Verbindung bleiben, Fräulein Wehner. Mich interessiert sehr, wie die Menschen in Berlin leben, die nicht mit Reichtümern gesegnet sind. Für schöne Hemden ist mein Mann immer zu begeistern. Und ich mag schöne Hemden an meinem Mann.«

Die dreistündige Fahrt ins Scheunenviertel führt zuletzt durch ganz Berlin. Jette denkt, dass sie Glück im Unglück gehabt hat. Was wäre geschehen, wenn die Kutsche nicht am Ufer angehalten und sie mitgenommen hätte?

Natürlich ist ihr der Reichtum der Kleists aufgefallen. Es ist jedoch ein anderes Zurschaustellen von weltlichen Gütern als bei ihrer Kundschaft. In der weißen Villa wird nicht geprotzt.

Jette genießt es, in der schönen Kutsche zu sitzen. In der Mitte der Stadt werden die Straßen breiter, die Häuser haben drei oder sogar vier Etagen. Heute, am Samstag, flaniert die bessere Gesellschaft in feinen Kleidern. Einige der Stammkunden Jettes wohnen hier. Ein eigener kleiner Laden in dieser guten Lage ist ihr Traum. Aber sie wird wohl zurückkehren ins Vogtland und die Frau eines Bierbrauers werden.

Da hält die Kutsche und Gruber verschwindet in einem kleinen Haus.

»Det is Fritze«, stellt er den jungen Mann vor, der einen hölzernen Kasten bei sich hat. »Und det is Frollein Jette.«

Artig reichen sich die beiden jungen Leute die Hand. Fritze steigt zu Gruber auf den Bock und die Fahrt geht weiter.

»Wir sind da«, ruft Jette dem Kutscher schließlich zu.

Gruber öffnet die Tür und hilft Jette hinaus. »Jnädiges Frolleinchen!«, verbeugt er sich. Es macht ihm Spaß, Jette wie eine Dame zu behandeln.

Jette schaut sich um. Nichts Ungewöhnliches. Der Mann vom Ufer ist nicht zu sehen.

»So schnelle kommt der hier ooch nich her«, meint Gruber. »Is ja nich sicha, ob der überhaupt die Adresse lesen kann.«

Jette bedankt sich. Die drei gehen schnell ins Haus und sprechen mit der Wirtin. Eine halbe Stunde später hat die Tür des Zimmers ein nagelneues Kastenschloss und die beiden Männer fahren wieder ab.

Jette freut sich über das Schloss an der Tür. Trotzdem hat sie kein gutes Gefühl. Sie erzählt ihrer Wirtin die Begebenheit vom Ufer und von der Rettung durch Herrn und Frau von Kleist.

»Der Herr ist ein hoher Polizist«, berichtet sie. »Und seine Frau interessiert sich für meine Hemden. Sie wohnen in einer weißen Villa am Jungfernsee.«

»Ja, det ist nach Potsdam zu. Da wohnen nur die janz feinen Pinkel«, bestätigt Frau Delitz. »Erwarte nicht zu viel, Kleene. Die feinen Leute verjessen unsereinen wieda janz schnelle.«

Spät am Abend sitzen Rachel und Justus von Kleist beim Essen. Köchin Ada hat ein kaltes Mahl bereitet. Ein wenig Sülze mit Kartoffelsalat und geraspelten Möhren.

»Hoffentlich passiert dieser Jette nichts«, sagt Rachel. »Dass ihre Adresse bei den Kleidern lag, beunruhigt mich.«

»Gruber hat nachgesehen«, entgegnet von Kleist. »Und das mit dem Schloss hat geklappt. Ich sorge außerdem dafür, dass unsere Gendarmen ab und zu bei Fräulein Wehner im Scheunenviertel vorbeischauen. Dass du dir solche Sorgen um sie machst …«

»Ja. Sie ist ein so nettes Kind.«

Es klopft an der Tür. Justus ruft: »Ja, bitte?«

Der Hausdiener tritt herein – in der Hand ein Tablett, auf dem ein Umschlag liegt.

»Eine Polizeikutsche wartet, gnädiger Herr.«

Justus nimmt den Brief vom Tablett und öffnet ihn, runzelt leicht die Stirn.

Rachel sieht ihn erwartungsvoll an.

»Ein Mord im Scheunenviertel«, teilt Justus mit. »Eine Frau ist das Opfer.«

»Jette Wehner?«, fragte Rachel entsetzt.

»Nein, nein, das kann nicht sein. Als diese Frau getötet wurde, war Fräulein Wehner noch mit Gruber unterwegs. Aber ich muss mich kümmern. Mach dir keine Sorgen.«

Justus von Kleist steht auf und gibt seiner Frau einen Kuss.

Rachel kann nicht schlafen. Ihr Mann jagt einen Mörder und sie sitzt nutzlos zu Hause herum. Hoffentlich gerät er nicht in Gefahr. Nun, er hat ja seine Mannschaft bei sich, die sich in dunklen Gassen herumdrückt und mit gefährlichen Kerlen herumplagt. Das hat Justus als Polizeidirektor eigentlich hinter sich. Aber er genießt es, sich direkt an Tatorte zu begeben und die Ermittlungen zu leiten.

Trotz aller Liebe für ihren Mann macht sich Rachel Gedanken. Sie mag die schöne weiße Villa, fühlt sich aber zugleich abgeschnitten von der Welt und sogar von Berlin.

Justus ist nur am Wochenende in Potsdam, denn der Weg nach Berlin ist weit. Die Woche über lebt er in einer Dienstwohnung unweit des Polizeipräsidiums am Molkenmarkt.

Rachel hat die Bücher aus der kleistschen Bibliothek schon fast alle gelesen, sie hat den Flügel stimmen lassen und ihre Spieltechnik verfeinert, hat den Eltern unzählige Briefe geschrieben und jeden Tag die Vossische Zeitung studiert. Aus dieser Lektüre weiß sie, dass das Leben in Berlin ganz anders ist als das, was sie kennt. In Berlin brodelt es. Es gibt Skandale und soziale Unruhen. Nicht alle Armen sind mit ihrem Schicksal zufrieden. Studenten und politisch Interessierte begehren gegen die Obrigkeit auf. Es kommt sogar immer wieder zu kleinen Scharmützeln, die meist blutig niedergeschlagen werden.

Rachel hat das Gefühl, dass sich ein großes Ereignis zusammenbraut, das die Verhältnisse auf den Kopf stellen wird. Es gibt zu viele arme Menschen in Preußen und zu viele, denen das Leben der Armen gleichgültig ist. Und sie sitzt hier in der weißen Villa.

Morbide Volksbelustigung und eine Leiche ohne Unterleib. Es wird kein Eimer benötigt. Arme Menschen enden manchmal im Glas. Der gnädige Herr will keinen Salon.

Das Leichenhaus der Charité ist kein angenehmer Ort. Darin werden Menschen seziert, beurteilt und erforscht. Von den meisten sind die Namen bekannt, denn sie starben in Krankenhäusern oder zu Hause. Wenn eine Todesursache ermittelt werden muss, greifen die Physici zu ihren Messern und Sägen. Viele Leichen werden geöffnet, um Studenten das Innere eines Körpers zu zeigen. In der Regel sind es die Mittellosen, deren Körper auf den Seziertischen liegen.

Unbekannte Tote werden von hier in die Morgue in der Auguststraße geschafft, in das Leichenschauhaus. Das geschieht meistens nachts. Dann rumpelt der Karren über die Straßen und jeder, der das Geräusch hört, weiß: Da kommt wieder einer, den es dahingerafft hat.

Die Morgue dient zugleich der Volksbelustigung. Die Berliner nennen sie Türmchen, denn das Gebäude hat einen kleinen Turm. Die Lebenden bestaunen die Toten. Vorgeblich, um den Unbekannten Namen zu geben. Doch es kommen viele, die gar keinen Angehörigen oder Bekannten vermissen. Gruseln ist schön und das Wissen, dass es noch ärmere Hunde gibt als man selbst einer ist, ist beruhigend. Ist eine Leiche über die Zeit, wird sie auf dem Armenfriedhof nebenan verscharrt.

Der leitende Rechtsmediziner in der Charité heißt Johann Ludwig Casper. Er hat sich durch viele Veröffentlichungen einen Namen gemacht. Justus von Kleist hat sein Buch Über die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen gelesen und sich gefragt, wie viele Körper Casper hat aufschneiden müssen, um so etwas verfassen zu können.

»Herr Polizeidirektor«, grüßt Casper.

»Herr Medizinalpolizist«, gibt von Kleist zurück. »Tut mir leid, dass ich Sie am Sonntag behelligen muss.«

»Im Leichengeschäft gibt es keinen Sonntag«, bemerkt der Arzt. »Schon gar nicht im Sommer.«

»Ja, leider. Mörder kennen eben kein Pardon, noch nicht einmal mit Rechtsmedizinern. Was haben Sie festgestellt?«

»Haben Sie gut gefrühstückt?«, fragt der Medicus schelmisch.

»Ausreichend.«

Und dann kommt die Frage, die Casper ihm immer stellt. »Brauchen wir einen Eimer?«

Von Kleist winkt ab. »Ich habe den Weg vom Molkenmarkt zu Fuß zurückgelegt. Das Frühstück dürfte bereits verdaut sein.«

»Wie Sie meinen. Kommen Sie!«

Von Kleist folgt Casper. Im Gang stehen Regale mit unzähligen gläsernen Behältern, in denen menschliche Körperteile zu Anschauungszwecken präsentiert werden. Auch Föten sind dabei – viele missgebildet –, abgetrennte Köpfe mit schrecklichen Wunden, riesige Tumore und Knochen mit Anomalien – alles in Formalin eingelegt und etikettiert.

Als der Polizeidirektor die Kollektion zum ersten Mal zu Gesicht bekam, hat er sich kaum gegruselt, sondern über den Totenkult in Preußen nachgedacht. Die Armen enden im Glas, die Reichen in einer pompösen Grabstätte.

Soldaten-Jule ist bereits untersucht worden, liegt aber noch auf dem Tisch. Casper zieht das Tuch weg.

»Ich kann Ihnen leider nicht alles präsentieren, was eine Frau so beisammen hat«, warnt Casper. »Der Kerl hat einiges mitgenommen.«

Von Kleist betrachtet den Körper der Frau. Der Bauchnabel fehlt und von dem, was sich normalerweise darunter befindet, ist auch nichts mehr da. Die Bauchhöhle ist aufgeschnitten und teilweise ausgeräumt worden. Jetzt spürt Kleist doch ein Grummeln im Magen.

»Was genau hat er mitgenommen?«, fragt er.

»Bauchdecke und Gebärmutter. Die Därme sind nahezu komplett. Und hier …«, Casper deutet auf die Scham der Frau, »… hiervon ist auch nicht mehr sehr viel übrig.«

»Hat sie noch gelebt, als man ihr das angetan hat?«

»Nein.« Caspers Finger zeigt nun auf Strangulationsspuren am Hals. »Post mortem. Armes Wesen trotzdem.« Casper deckt das Gesicht der Toten zu. »Solche Fälle haben wir selten. Dass einer die blutige Chose auch noch wegträgt.«

Von Kleist nickt. »Gibt es sonst etwas Ungewöhnliches?«

»Sie hatte Verkehr kurz davor«, antwortet Casper. »Auf dem Oberschenkel haben wir Sperma gefunden. Das war noch recht frisch. Schade, dass man das Zeug nicht einer bestimmten Person zuordnen kann.«

»Irgendwann kommt das auch«, orakelt der Polizeidirektor.

»Ich schreibe alles in meinen Bericht«, kündigt Casper an. »Kann die Frau dann weg? Die Hitze – Sie verstehen?«

Der Gedanke an Rachels Sorge um Jette Wehner treibt den Polizeidirektor dazu, erneut den weiten Weg zur Villa auf sich zu nehmen. Diesmal nimmt er ein Pferd, damit ist er schneller als mit der Kutsche.

Als er eintrifft, ist es schon tiefe Nacht. Rachel ist für den Schlaf gekleidet und sitzt in ihrem Morgenmantel am Schreibtisch.

Sie bemerkt ihren Mann und springt strahlend auf.

»O wie schön«, freut sie sich. »Ich hatte schon befürchtet, dass du in der Stadtwohnung bleibst.«

»Nein, nein, ich muss dich doch erst noch beruhigen, dass es wirklich nicht Jette ist, deren Leiche gefunden wurde.«

»Gott sei Dank.«

»Nun ja, es ist trotzdem keine erfreuliche Sache.«

»War es schlimm?«

Justus schließt die Augen. »Ja, sehr schlimm. Eine junge Frau ist tot. Ein Straßenmädchen. Ich möchte dich nicht mit Einzelheiten quälen. Sie hinterlässt ein Kind, ein Mädchen. Etwa sieben Jahre alt.«

»Wie schrecklich.«

»In der Tat. Und solchen Schrecken möchte ich von meinem Heim und von dir fernhalten.«

Das gefällt Rachel nicht. »Justus?«

»Ja, mein Liebes?«

»Erinnerst du dich an Morgenthal und die Morde dort?«

»Natürlich. Worauf willst du hinaus?«

»Da habe ich doch auch die Einzelheiten der Verbrechen gekannt und sogar darüber in der Zeitung geschrieben. Hier komme ich mir so nutzlos vor. Du bist die Woche über nicht da und ich bin fast immer allein. Ich habe sogar schon daran gedacht, eine Art Salon zu führen – wie meine Mutter.«

Justus schluckt. Nur das nicht, denkt er, mittelmäßige Dichter, aufgeplusterte Militärs und alternde Soubretten sind mir ein Graus.

»Doch ich wüsste gar nicht, wen ich in einen Salon einladen könnte. Ich kenne ja niemanden in Berlin.«

Aufmerksam betrachtet Justus seine junge Frau. Er bemerkt eine sanfte Verschattung ihrer Züge, die Andeutung eines kleinen Kummers.

»Verzeih, Liebes. Ich bin so glücklich mit unserem Leben und habe nicht darüber nachgedacht. Du hast recht. Wir müssen etwas unternehmen. Aber einen Salon? An dem deiner Mutter hattest du doch wenig Freude.«

»Es muss ja nicht so einer sein wie in Morgenthal, mit schrecklichen Provinzdichtern und halbgarer Musik.«

»Wir werden darüber reden. Versprochen.«

»Und schneide mich bitte nicht so ab von den polizeilichen Dingen, Justus. Ich lese in der Vossischen Zeitung so viel über große und kleine Verbrechen und ich merke, dass mich das sehr fesselt. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich Verbrechen aufklären – besonders die Taten, die an den armen Menschen begangen werden, die keine Fürsprecher haben.«

»Die Kriminalpolizei achtet nicht auf soziale Stände. Aber natürlich ist die Verbrecherquote unter den Armen höher als beim Adel«, stellt Justus richtig.

»Der Adel begeht Verbrechen in gleicher Zahl – nur andere«, kontert Rachel. »Und die Armen verstoßen gegen Gesetze, weil sie nichts besitzen.«

»Da hast du wohl recht«, seufzt Justus. »Viele Taten entstehen aus der Armut heraus. Besonders Delikte, die mit Raub und Diebstahl zu tun haben. Die ermordete Frau jedoch ist aus anderen Gründen getötet worden. Wir sollten jetzt zu Bett gehen. Ich muss früh raus.«

»Wieder eine Woche ohne dich.« Rachel erhebt sich und löscht einige Kerzen. »Wenigstens bist du heute Nacht hier.«

»Nutzen wir die gemeinsamen Stunden bis zum Morgenrot.« Justus nimmt Rachels Hand und zieht sie ins Schlafzimmer.

Madame macht einen Ausflug in die falsche Richtung. Junge Frauen zeigen, was und wen sie haben. Wer sich einmischt, wird festgenommen. Ein Kind hat nichts gesehen.

Am Morgen findet Rachel einen Zettel auf ihrem Kopfkissen: Ich konnte es nicht übers Herz bringen, Dich zu wecken. Gruber steht zu Deiner Verfügung. Ich habe das Pferd genommen. Mach einen Ausflug zu den Seen. In Liebe, Justus.

Nach dem Bad kleidet sie sich an. Sie wählt das schlichte rubinrote Kleid, eine gleichfarbige Stola und schwarze Handschuhe. Auf Reifrock und Korsett verzichtet sie. Die Zofe Sophie hat viel Freude an Rachels dichtem, tiefschwarzem Haar. Sie flicht zwei helle Seidenbänder in die beiden Zöpfe, legt sie um Rachels Kopf und steckt sie mit Nadeln fest. Madame mag Korkenzieherlocken an den Schläfen nicht, obwohl sie à la mode sind.

»Sehr schön, Sophie«, lobt Rachel. »Du bist eine echte Künstlerin. Sagst du Frau Hertel Bescheid, dass ich nur ein leichtes Frühstück möchte? Ich nehme es in der Küche ein, es muss schnell gehen. Und Gruber soll den Landauer bereithalten. Ich möchte ausfahren.«

Sophie knickst und verschwindet. Rachel ist voller Abenteuerlust. Bei den Ausfahrten war sie bisher immer in Justus’ Begleitung. Allerdings wird sie nicht zu den Seen fahren – die kennt sie ja schon. Ihr Ziel ist die Stadt.

Gruber ist ein wenig erstaunt, dass Rachel Berlin, Unter den Linden, als Ziel angibt. »Und wenn wir das gesehen haben, lieber Herr Gruber, fahren Sie mich zu Fräulein Wehner ins Scheunenviertel.«

»Sind Sie sicher, Jnädigste, dat det dem Herrn Jemahl jefallen täte?«, zweifelt Gruber.

Rachel lächelt, ohne zu antworten. Gruber knurrt und lässt die Pferde antraben. Der Fahrtwind kühlt. Die Straße nach Berlin führt durch viel Grünland, ist aber immerhin so breit, dass zwei Kutschen aneinander vorbeifahren können.

Je näher sie der Hauptstadt kommen, umso mehr Hütten und Häuser säumen die Straße. Am Wegesrand bieten Menschen Äpfel, Pflaumen oder Eingekochtes feil. Die Verkäufer winken, treten auf die Straße und schreien, in den Händen ihre Waren.

Im Zentrum der Stadt drosselt die Kutsche das Tempo. »Det sind die Linden«, ruft Gruber. »Unsere janze Pracht.«

Rachel weiß von der Straße durch ein Studium des Stadtplans. Sie führt vom Pariser Platz an der Ostseite des Brandenburger Tors über anderthalb Kilometer bis zur Schlossbrücke. Gutbürgerliche Häuser, Läden, Schankwirtschaften reihen sich aneinander. Die Straße ist breit. Fußgänger flanieren, an den Ecken lungern Straßenjungs. Gendarmen beaufsichtigen das Gewimmel.

In der Mitte der Linden befindet sich der Spazierweg. Dicht daneben, rechts und links, sind die Reitwege, an die sich außen die gepflasterten Straßen für die Kutschen anschließen. Vor den Häusern ziehen Bürgersteige entlang.

»Halten Sie an, Gruber!«, befiehlt Rachel. »Ich möchte zu Fuß gehen. Fahren Sie fünfhundert Meter geradeaus und warten Sie dort auf mich.«

Der Kutscher lässt seine Herrin aussteigen. Rachel wartet, bis sich das Gefährt entfernt hat, und schaut sich um. Die Häuser wirken gepflegt. Kleine und große Restaurationen preisen ihre Speisen auf Schiefertafeln an. Auf Holzkarren liegen Äpfel, Kartoffeln und Gemüse zum Verkauf. Kaffeehäuser und Gartenlokale sind gut besucht.

Rachel sieht Ehepaare mit Kindern, die brav hinter ihren Eltern traben, Rotzjungen, die schreiend hinter Hunden herlaufen, und Arbeiter, die, ohne aufzublicken, ihres Weges ziehen. Eine Gruppe junger Männer führt fröhliche, laut plappernde Mädchen am Arm.

Das müssen die berühmten Grisetten sein, denkt Rachel. Ihr Mann hat ihr von denen erzählt. Grisetten verkaufen ihren Körper, aber sie gelten in der Hierarchie der Prostituierten nicht als ganz verdorben. Grisetten sind Gelegenheitsgeliebte, die das lustige Leben in Berlin mögen, jedoch nicht genug Geld haben, es allein zu führen. Die Polizei duldet diese Verhältnisse, weil diese Frauen die öffentliche Ordnung nicht stören – so hat es Justus Rachel erklärt.

Die Grisetten tragen auffällige Kleider mit vielen Rüschen und Verzierungen, haben Wespentaillen und wirken wie eine Horde aufgescheuchter Weihnachtsbäumchen.

Rachel schaut an sich hinab. Ihre Kleidung ist schlicht, fein und teuer, ihre Taille nur leicht eingeschnürt. Sie erträgt keinen Zwang um ihren Körper.

Unter einer großen Linde haben sich junge Leute versammelt. Sie sehen aus wie Studenten. Sie sind weniger fröhlich als die Grisetten, diskutieren miteinander und halten Flugblätter in den Händen. Und jeder von ihnen hat eine Boutonnière, eine rote Nelke im Revers. Einige tragen Studentenmützen und Pekeschen, die Uniformjacken der polnischen Kavallerie. Doch die jungen Männer sind keine Polen, sie haben nur die Tracht der Freiheitskämpfer übernommen.

Rachel lässt sich ein Pamphlet geben. Was sie liest, gefällt ihr. Die Herausgeber des Blattes nennen sich Junges Deutschland und fordern das Recht der Frauen auf Bildung und Selbstständigkeit. Sie sind gegen Zensur und für Pressefreiheit, gegen Willkür des Adels und für das Recht auf Freiheit und Gleichheit der Bürger – so steht es dort geschrieben.

Rachel überlegt. Sie gehört durch ihre Heirat mit Justus von Kleist auch zum Adel. Doch ihr Mann arbeitet für den König in sinnvoller Aufgabe. Er behandelt seine Untergebenen gerecht und nicht willkürlich.

Vor dem Garten einer Villa hat sich eine Menschenmenge gebildet. Neugierig tritt Rachel hinzu und arbeitet sich nach vorn, bis sie sehen kann, was so interessant ist. Es ist eine der neuen Rasenmähmaschinen. Ein Gärtner schiebt an einer Deichsel eine Maschine vor sich her, die auf zwei Rädern läuft. Zwischen den Rädern blitzt Metall, und Grasstückchen stieben in einem kleinen Bogen in die Luft. Hinter der Maschine ist der Rasen wunderbar glatt, so glatt, wie es mit einer Sense nur gelingt, wenn der Gärtner sehr geübt ist.

Neben Rachel erklärt ein Mann seiner Frau: »Das ist ein Spindelmäher, aus England. Der letzte Schrei!«

Rachel denkt an die Grasflächen der Villa Kleist und nimmt sich vor, mit Justus über diese neue Sache zu sprechen.

Sie geht weiter. Gruber wird schon ungeduldig sein, fällt ihr ein. Vor ihr hockt eine alte Frau auf dem Prellstein einer Einfahrt. Sie streckt den Passanten die offene Hand entgegen und in einem Singsang bittet sie um »eene milde Jabe für die hungrigen Kinder«. Dabei spricht sie die Leute direkt an und nennt sie »lieber Herr«, »jnädje Frau« oder »scheenes Frollein«.

Rachel sucht nach einer Münze. Zwei Polizisten treten hinzu, ein kleiner und ein großer. Der Kleine spricht die Alte an. »Na, Oma, belästigst du wieder deine Mitbürger?«

»Lieber Herr Obrigkeit, ick belästije doch keenen nich. Ick sitz doch man bloß hier und bitte um eene milde Jabe.«

»Das geht nicht, Oma. Die Leute möchten das nicht, dass überall Bettler sitzen und ihnen auf die Nerven gehen.« Der große Polizist spricht laut und scharf.

»Meine Herren«, mischt Rachel sich ein. »Ist das denn nötig, dass Sie diese alte Frau so hart angehen? Ich zum Beispiel fühle mich überhaupt nicht belästigt.« Sie reicht der Bettlerin eine Münze.

»Der Himmel segne Sie«, murmelt die Bettlerin und lässt die Münze in ihrer Kleidung verschwinden.

»Junge Frau«, herrscht der kleine Beamte Rachel an. »Sie untergraben unsere Autorität und stören uns bei einer Amtshandlung.«

Der Größere der beiden wendet sich an die Alte: »Gib das Geld zurück und verschwinden Sie!«

»Nein, nein, ich will das Geld nicht zurückhaben«, protestiert Rachel.

Die Polizisten reißen die Alte hoch und tasten ihre Kleidung ab.

»Das geht zu weit!«, ruft Rachel.

»Frollein, Sie gehen am besten ganz schnell weiter«, befiehlt der eine Polizist.

»Ich denke ja gar nicht daran«, empört sich Rachel. »Sie behandeln diese Frau, als sei sie ein Unmensch.«

Da lassen die Polizisten von der alten Frau ab und wenden sich Rachel zu.

»Wir sind unmenschlich, ja? Und wer sind Sie, dass Sie das beurteilen wollen?« Der Kleinere wieder. Er scheint der Giftigere von beiden zu sein.

»Mein Name ist Rachel von Kleist«, stellt sie sich vor.

»So so, von Kleist. Am Ende sind Sie noch verwandt mit unserem Oberpolizisten. Da kann ja jede kommen.«

»Ganz recht, Justus von Kleist ist mein Mann«, lächelt Rachel.

»Jetzt reicht’s!«, schreit der kleine Polizist und greift nach Rachels Arm. »Sie kommen erst mal mit auf die Wache!« Er steckt seine Trillerpfeife in den Mund und lässt sie laut erklingen. Dann tritt er in die Mitte der Straße und reißt Rachel mit.

»Sie tun mir weh!«, schreit Rachel auf, stolpert und wäre fast gestürzt.

Der Polizist winkt und eine Polizeikutsche nähert sich. Die Bettlerin hat sich verdrückt.

Rachel wird in die Kutsche gehoben und abtransportiert.

»Ab zum Molkenmarkt«, befiehlt der kleine Polizist.

Rachel reibt sich die schmerzenden Arme.

Justus von Kleist treibt sich seit dem Morgen in den Straßen zwischen Scheunenviertel und Rosenthaler Vorstadt herum. Im Scheunenviertel leben die armen Juden und in der Rosenthaler Vorstadt die Vogtländer, die elendste aller Klassen in Berlin.

Kleist mag kein großes Aufsehen bei polizeilichen Ermittlungen, deshalb hat er nur seinen Kollegen Escher bei sich. Der junge Polizist ist besonnen, freundlich und lässt sich nicht zu Unüberlegtheiten hinreißen – auch dann nicht, wenn er provoziert wird.

Von Kleist und Escher fallen auf. Die Vogtländer riechen Polizisten und gehen auf Distanz. Niemand will je von Soldaten-Jule gehört haben.

Eine Frau wundert sich, dass die »beeden Herrn Polizeilichen« so viel Aufhebens um eine Dirne machen. »Wo det doch jenuch von denen jibt.«

Nach drei Stunden steigen Kleist und Escher wieder in die Polizeidroschke. Ihre Ermittlungen sind ins Leere gelaufen. Nun müssen sie auf die Spitzel hoffen.

»Zum Waisenhaus«, befiehlt Escher dem Kutscher.

Die kleine Annemarie ist in einem Erziehungshaus für sittlich verwahrloste Kinder untergekommen. Das Haus wird von einem privaten barmherzigen Verein getragen und befindet sich an der Luisenstädter Husarenstraße. Darin werden Mädchen aufgenommen, deren Eltern Verbrecher sind oder die selbst schon Verbrechen begangen haben. Sittenlosigkeit von Eltern oder Kindern zählt als Verbrechen.

Annemarie ist sieben Jahre alt. Ihre Mutter war eine Dirne, ihren Vater kennt sie nicht. Also gehört die Kleine in dieses Heim.