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Lucie Flebbe

77 Tage

Kriminalroman

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© 2012 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: www.grafit.de
E-Mail: info@grafit.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagmotive: © Anna-Lena Thamm und © Friedberg – Fotolia.com
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-873-3

Die Autorin

Lucie Flebbe kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief (noch unter dem Namen Lucie Klassen) mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als beste Newcomerin in der Sparte ›Romandebüt‹ ausgezeichnet. Es folgten: Hämatom und Fliege machen.

www.lucieflebbe.de

Inhalt

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Dank

1.

Mein Herz rast.

Es ist eng in den Häuserschluchten der Bochumer Innenstadt. Und dunkel. Keine Straßenlaterne, kein beleuchtetes Fenster in Sicht. Einzig ein weit entfernter Mond taucht zwischen den Dächern der Hochhäuser auf, wirft sein fahles Licht auf das farblose Pflaster der Fußgängerzone und verschwindet schon wieder hinter Wolkenfetzen.

Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Außer mir ist um diese Zeit niemand unterwegs. Die Stille ist ungewohnt und mein Herzklopfen unnatürlich laut zu hören. Genau wie das Echo meiner Schritte, das die düsteren Fassaden auf mich zurückschleudern. Es gaukelt mir fremde Schritte vor.

Kann nicht sein. Ich bin allein.

Zur Sicherheit umfasse ich den stabilen Plastikschaft des Federhalters in meiner Jackentasche fester.

Ich nehme meinen Mut zusammen, bleibe stehen und sehe mich hastig um. Die Gassen enden im Schatten.

Da! Wieder höre ich die Schritte. Kein Echo, kein Zweifel, jemand folgt mir. Eindeutig. Und rasch.

Ich habe es geahnt. Ich renne los.

Mein Verfolger beginnt ebenfalls zu laufen, bemüht sich nicht mehr, seine Geräusche zu dämpfen. Das Echo schwillt an, seine Schritte und meine, seine immer lauter.

Der ferne Mond leuchtet über mir. Jetzt sehe ich den Mann, er ist groß und kräftig. Verdammt! Ich renne, so schnell ich kann, zwischen den eng stehenden Häusern hindurch, deren bröckelnde Mauern immer dichter zusammenzurücken scheinen. Doch mein Verfolger kommt mir immer näher. Schon kann ich seinen schnaufenden Atem hören, spüren, in meinem Nacken.

»Nein!«, schreie ich laut, wirbele herum und reiße in der gleichen Bewegung den Federhalter in die Höhe, wie einen Dolch. Der Mann steht direkt vor mir. Mondlicht streift sein Gesicht und ich glaube, es zu erkennen.

Mit aller Kraft ramme ich die scharfkantige Feder in seinen Körper, direkt vor der Nackenmuskulatur, an der Stelle, an der der Hals in die Schulter übergeht. Ich weiß, ich habe getroffen. Ich habe die lebenswichtigen Gefäße durchtrennt, die an dieser Stelle beinahe ungeschützt unter der Haut liegen.

Trotzdem presse ich die Waffe mit beiden Händen tiefer in die Wunde. Warmes Blut strömt über meine Finger, meine Unterarme hinunter, lässt den Federhalter glitschig werden. Auch als der schwere Körper kippt wie ein gefällter Baum, lasse ich nicht los …

Schweißgebadet fuhr ich hoch, sog keuchend Luft ein. Suchte das Blut an meinen Händen. Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren, um zu begreifen, dass ich aufrecht im Bett saß. Im Schlafzimmer unserer Dachwohnung. Neben Danner.

Mal wieder hatte mich meine Vergangenheit heimgesucht, ein bisschen in meinem Schlaf herumgespukt, wie ein gelangweiltes Gespenst.

Mein Name ist Lila Ziegler, ich bin zwanzig Jahre alt und ich weiß, wie man einen Menschen tötet.

Ich presste die Knöchel meiner geballten Fäuste gegen meine Stirn. Die eiskalte Zimmerluft half mir, wach zu werden, während Danner murrend nach der dicken Daunendecke angelte, die ich in meiner Panik zur Seite geschleudert hatte. In einer Ecke der Fensternische pendelte eine dünne Spinne vor der beschlagenen Scheibe und mein hastiger Atem kondensierte milchigweiß in der eisigen Luft.

»Wird sowieso Zeit, dass wir aufstehen«, brummte Danner nach einem Blick auf den Wecker.

Wenig später hockte ich beim Zähneputzen auf der Kante der Wanne in unserem renovierungsbedürftigen Badezimmer und ließ meine nackten Waden von einem brummenden Heizlüfter wärmen. Die Wände waren altmodisch beige gefliest, mehrere Kacheln hatten Risse oder Löcher von Haken und Schränken, die längst nicht mehr hingen. Die Keramik von Waschbecken, Wanne und Klo hatte man im Kontrast zur Wandfarbe eine Nuance dunkler gewählt – kotbraun.

Wie jeden Morgen störte mich meine Frisur. Von der Wannenkante aus konnte ich meinen Kopf im Spiegel über dem Waschbecken betrachten. Für die Ermittlungen zu unserem letzten Fall hatte ich meine langen Haare kurzerhand abrasiert. Statt bis über meine Schultern zu zotteln, strubbelte mein Blondschopf neuerdings streichholzkurz in alle Richtungen. Gewöhnungsbedürftig.

Ohne die langen Haare konnte man mehr von mir sehen. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob das ein Vorteil war. Mein Kinn und meine Nase sahen noch spitzer aus und ich konnte mich nicht mehr hinter meiner Frisur verstecken, wenn es nötig war. Meine Haare fehlten mir mehr, als ich erwartet hatte.

Während das kleine Heizgerät weiter meine Füße wärmte, krabbelte eine Gänsehaut meine Oberschenkel hinauf bis unter meinen langen, lila Wollpulli. In unserer Wohnung herrschten so ziemlich die gleichen Temperaturen wie draußen. Um Strom zu sparen, hatte Molle, unser Vermieter, die Heizung ausgeschaltet. Anfang März ein wenig verfrüht, fand ich. Letzte Woche hatte es noch geschneit. Andererseits würde Molles Geiz womöglich spontan nachlassen, wenn Danner und ich mal wieder Miete zahlen würden. Doch unsere letzten Ermittlungen hatten uns zwar ein paar werbewirksame Schlagzeilen eingebracht, aber kaum die Kasse klingeln lassen.

Durch die Wohnzimmertür beobachtete ich, wie sich Danner ein dunkles T-Shirt über die Glatze zog. Mein Blick wanderte über seinen trainierten Rücken und blieb an seinem Hintern hängen. Mittlerweile hielt unsere Beziehung bereits ein halbes Jahr. Mehr oder weniger, in letzter Zeit eher mehr. Seit Neuestem hatte ich sogar einen Arbeitsvertrag, ein Gehalt und einen festen Wohnsitz hier in Bochum. Ich vögelte meinen Boss, aber ansonsten verlief mein Leben in für meine Verhältnisse erstaunlich geregelten Bahnen. Vielleicht benötigte ich meine langen Haare ja gar nicht mehr so dringend …

Pünktlich um halb zehn klingelte es an der Wohnungstür. So pünktlich, dass ich überlegte, ob die Person womöglich schon auf der Treppe gewartet hatte, bis der Zeiger ihrer Uhr umsprang.

Danner seufzte.

»Bock hab ich nicht auf den Job«, brummte er, während er sich auf den Weg zur Tür machte.

Hm. Also bei mir hatte das arktische Klima in unserer Wohnung deutlich mehr Arbeitseifer aufkommen lassen.

»Guten Morgen«, sagte die stämmige, kleine Frau, die vor unserer Wohnung im Treppenhaus stand. »Elsbeth van Pels mein Name. Wir haben telefoniert?!«

»Ben Danner, kommen Sie herein.«

Während ihres prüfenden Handschlags flitzten die wachen, grünlichen Augen der Frau hinter dem schmalen Silberrahmen ihrer Brille über Danners dunkle Kleidung, die kräftigen Unterarme, das unrasierte Gesicht und seine Glatze. Die hellgrauen Augenbrauen zuckten hinauf in ihre Stirn, doch ihre strenge Miene verriet nicht, ob der erste Eindruck des Privatdetektivs ihren Erwartungen entsprach. Oder vielleicht zu sehr?

Jedenfalls konnte Danners Schmuddellook die Frau nicht abschrecken. Sowieso wirkte sie wie jemand, der sich nur schlecht erschrecken lässt. Mit zackigen Schritten marschierte Elsbeth van Pels in unser extra aufgeräumtes Wohnbüro. Sie hielt sich sehr aufrecht, den Rücken durchgedrückt, konnte damit aber nicht über ihre geringe Körpergröße hinwegtäuschen. Wollte sie anscheinend auch nicht, denn sie trug sehr flache, sehr schlichte Schuhe.

»Und Sie sind …?«, erkundigte sie sich nach mir, während sie ihre Winterjacke mit Pelzbesatz über die Sessellehne hängte.

Sie war sicher über fünfzig und klappte zum Sprechen nur den Unterkiefer hoch und runter, wodurch sie an einen altertümlichen Holznussknacker erinnerte, der den Mund öffnete, wenn man den Hebel an der Rückseite bewegte.

»Meine Mitarbeiterin Lila Ziegler«, stellte Danner mich vor.

Wieder hob die Klientin, die noch gar keine war, ihre Brauen über den Rand der Brille. Ihre ungeschminkten Lippen pressten sich aufeinander, als hätte sie gerade eine Nuss zerbissen. Ich entsprach definitiv nicht den Erwartungen, die sie an eine einigermaßen fähige Detektivin stellte.

Trotzdem saß mir Elsbeth van Pels gleich darauf gegenüber in unserem alten, grauen Sessel. Wie ein Ringer in Kampfposition stellte sie die Füße breit und fest auf den Boden, die Ellenbogen stützte sie auf die Knie.

Danner platzierte einen Kaffeebecher vor ihr auf der Marmorplatte des Couchtisches. Der heiße Dampf stieg in hellen Wolken in der kalten Luft unseres ungeheizten Wohnzimmers auf. Elsbeth van Pels zog ihre Jacke wieder an, während ihr forschender Blick erneut wanderte. Über unseren beinahe aufgeräumten Schreibtisch, das von Akten überquellende Regal, den fleckigen Teppich. An einer leeren Bierflasche auf einem Pizzakarton, den wir beim Aufräumen neben dem Computer übersehen hatten, blieb ihr Blick hängen.

Danner hatte sich den Schreibtischstuhl herangerollt: »Was führt Sie zu uns?«

Elsbeth van Pels brach ihre Zimmerinspektion ab. »Ich bin durch einen Zeitungsartikel auf Ihre Detektei aufmerksam geworden. Sie haben doch diesen Korruptionsfall im Otto-Ruer-Klinikum aufgeklärt, nicht wahr?«

»Das war Frau Zieglers Fall, ja«, bestätigte Danner.

Die stämmige, kleine Frau wandte sich mir zu. Einen Augenblick lang betrachtete sie meine geringelten Wollsocken.

»Diskretion hätte in meinem Fall oberste Priorität«, erklärte sie dann meinen Füßen.

»In jedem Fall«, berichtigte Danner.

»Ich spreche von wirklicher Geheimhaltung.« Ihre Stimme wurde eine Spur schärfer. »Top secret sagt man wohl in Ihrer Branche.«

Danners Miene blieb unbewegt.

»Gut«, sagte Elsbeth van Pels, als er schwieg. »Ich bin mir nicht sicher, ob es sich überhaupt um einen Fall handelt. Besser, wenn nicht.« Die Schärfe ihrer Stimme wich einer überraschenden Unsicherheit. Statt mit Danner sprach sie lieber wieder mit meinen Socken. »Es ist nur – wie soll ich sagen – ein Verdacht.«

Sie klappte den Mund ein paarmal auf und zu, ohne dass weitere Worte herauskamen.

»Vielleicht bilde ich mir auch nur etwas ein …«, fügte sie dann doch noch hinzu. »Hoffentlich.«

»Genau das könnten wir für Sie herausfinden«, bemerkte Danner, allmählich amüsiert. »Dabei wäre es natürlich von Vorteil, wenn wir wüssten, worum es geht.«

»Wie gesagt, ich bitte um absolute Diskretion«, wiederholte Elsbeth van Pels. Plötzlich schien ihr die Kälte zuzusetzen. Sie griff nach dem dampfenden Kaffeebecher und umschloss die warme Keramik mit den Fingern. »Ich bin kaufmännische Leiterin des ambulanten Pflegedienstes Sonnenschein. Wir sind einer der größten Pflegedienstleister im Ruhrgebiet, haben außer in Bochum Zweigstellen in Gelsenkirchen, Essen, Kamen und Unna. Mittlerweile bin ich seit über vier Jahren Geschäftsführerin. Qualität …«, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, »… Qualität hat für mich schon immer den höchsten Stellenwert gehabt. Deshalb habe ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit – schon vor der gesetzlichen Verpflichtung – ein Qualitätsmanagement eingeführt. Kennen Sie sich damit aus?« Ihr Mund klappte zu und sie sah unvermittelt von meinen Socken hoch zu Danner.

»Sie prüfen und optimieren die Arbeitsabläufe und legen Standards fest«, nickte der.

Die skeptischen Falten um den Mund der Klientin in spe wurden etwas weicher. Danner vermittelte anscheinend einen durchaus kompetenten Eindruck.

Ein etwas schmuddeliger, aber cleverer Privatschnüffler war vermutlich genau das, was die meisten Klienten suchten. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob Danner sich womöglich aus geschäftsfördernden Gründen nicht rasierte. Ich betrachtete die kurz geschorenen Resthaare in seinem Nacken.

Nein, er war von Natur aus unrasiert.

Von seinen Resthaaren wanderte mein Blick zu meinen Wollsocken. Eine kaum volljährige Wollsockenträgerin hingegen erwarteten die meisten Klienten eher nicht. Ich war eine unschöne Begleiterscheinung.

»Bei den jährlichen Qualitätsprüfungen ist mir eine Kennzahl immer wieder aufgefallen. Im ersten Jahr dachte ich mir nichts dabei. Im zweiten Jahr glaubte ich an einen Zufall. Im dritten Jahr meinte ich, es könnte auf eine fehlerhafte Dokumentation zurückzuführen sein. Aber als der Wert bei der letzten Qualitätsprüfung im Dezember wieder aus dem Rahmen fiel, wurde mir klar, dass ich die Ursache herausfinden muss. Doch einfach nachfragen kann ich nicht. Da bin ich auf den Artikel über Ihre Ermittlungen im Otto-Ruer-Klinikum gestoßen und kam auf die Idee, Sie sozusagen undercover als Mitarbeiter einzustellen. Zur Tarnung.«

Offensichtlich hatte sie sich auf das Gespräch vorbereitet und sich über die Fachausdrücke informiert. Mithilfe überwiegend amerikanischer Fernsehserien.

»Die Mitarbeiter brauchen das nicht zu wissen, ich möchte ja niemandem etwas unterstellen. Und wenn Sie meinen Verdacht nicht bestätigen können, verschwinden Sie einfach wieder, ohne dass ich das ganze Team in Aufregung versetzen musste.«

»Genau das wäre unser Job«, nickte Danner unserer potenziellen Brötchengeberin aufmunternd zu. Selbst wenn er noch immer keine Lust auf den Auftrag hatte, war er offensichtlich neugierig geworden. Es machte ihm Spaß, herauszukitzeln, worum es genau ging.

»Um was für eine Kennzahl handelt es sich?«

Elsbeth van Pels erkannte, dass sie sich nicht mehr hinter ihrem Wirtschaftschinesisch verstecken konnte. Wieder klappte ihr Unterkiefer herunter.

»Die Kennzahl, ja, natürlich – also, es handelt sich um einen Wert, der bei allen unseren Pflegediensten jährlich erhoben wird. Unsere Zweigstelle hier in Bochum ist von der Größe, der Kunden- und Mitarbeiterzahl gut mit den Zweigstellen in Essen und Gelsenkirchen vergleichbar. Trotzdem liegt dieser Wert in Bochum regelmäßig um etwa zwanzig Prozent höher …«

Immer schön drum herum marschieren, um den heißen Brei.

»Welcher Wert?«, beharrte Danner auf einer Antwort.

»Wie? Ach so, ja natürlich. Es ist – ähm …« Sie senkte die Stimme, als hätte sie Angst, dass ein Fassadenkletterer vor unserem Fenster unterwegs war und zufällig mithörte.

»Es ist die Anzahl der Todesfälle«, flüsterte sie.

Ich hob den Kopf.

Einen Augenblick lang hallte der Satz wie ein Echo durch unser Wohnzimmer.

Danner verzog keine Miene, doch sein Schweigen verriet, dass auch er diese Antwort überdenken musste.

»Sie meinen, in einem Ihrer Pflegebezirke sterben mehr Patienten als in den anderen?«, vergewisserte ich mich.

»Ziemlich genau zwanzig Prozent mehr«, informierte die Geschäftsführerin, jetzt wieder mit der gewohnten Präzision.

Wow!

»Das kann natürlich alle möglichen Gründe haben!«, fügte sie rasch hinzu.

Klar, es konnte am Trinkwasser, am AKW Hamm-Uentrop, an kosmischer Strahlung oder dem unerträglichen Fernsehprogramm liegen, dass die alten Leute sich reihenweise aus dem Diesseits verabschiedeten.

Doch die Bilder, die die Pflegedienstchefin vermeiden wollte, drängten sich mit Macht in meinen Kopf. Zeitungsartikel über Pfleger oder Ärzte, die aus vermeintlichem Mitleid schwerstkranke Patienten töteten. Immer wieder hörte man davon. Der Super-GAU für jede medizinische Einrichtung. Kein Wunder, dass unsere Geschäftsführerin ins Stottern geriet und die Ermittlungen um jeden Preis ›top secret‹ halten wollte.

»Womöglich gibt es eine ganz banale Erklärung«, hoffte Elsbeth van Pels. Doch die Sorgenfalten auf ihrer Stirn verrieten, dass der weiß bekittelte Todesengel längst auch durch ihre Gedanken spukte. Vermutlich schon seit ein paar Jahren. Und mit ihm die Schlagzeilen, in die ihr Unternehmen unweigerlich geraten würde, wenn an dieser Vermutung etwas dran war.

»Aber allein die Aufregung, die gerade in unserem Dienstleistungsbereich möglicherweise durch so eine Geschichte entsteht, kann den Ruin für unser gesamtes Unternehmen bedeuten.«

Genau.

»Zuletzt ist diese Dame hier verstorben.« Die Pflegedienstleiterin schob ein Foto über den Tisch. Es zeigte eine grauhaarige Oma in einer zur Haarfarbe passenden Strickjacke, die mit ausdrucksloser Miene in die Kamera blickte. »Unsere Klientin Frau Brandstetter, sechsundneunzig Jahre alt. Verstarb nach einem unglücklichen Sturz auf die Kante eines Glastisches. Eine Mitarbeiterin fand sie am nächsten Morgen in ihrer Wohnung.«

»Oje«, machte ich automatisch.

»Das kommt schon mal vor, Frau Ziegler«, belehrte mich Elsbeth van Pels verständnislos. Anscheinend hatte ich erkennen lassen, dass ich mich in meiner sorglosen Jugend noch nicht damit hatte beschäftigen müssen, dass alte Menschen letztendlich irgendwann zu Tode kommen.

Kam so etwas oft vor?, überlegte ich. Lagen womöglich noch mehr einsame, alte Menschen tot in den Wohnungen der Bochumer Innenstadt? Womöglich nur wenige Meter von uns entfernt, ohne bemerkt zu werden?

Elsbeth van Pels tat jedenfalls, als wäre der Tod ihr Tagesgeschäft. Trotzdem war sie aber genau deswegen hier.

»Weil dieser Fall mit sehr viel Blut verbunden war, hat sich die Polizei die Sache angesehen«, fuhr Elsbeth van Pels fort. »Der Arzt wollte eine Fremdeinwirkung nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. Aber die Ermittlungen wurden eingestellt. Ein Sturz ist in dem Alter nicht ungewöhnlich.« Sie zögerte, bevor sie weitersprach. »Ungewöhnlich ist allerdings, dass Frau Brandstetter bereits der vierte Todesfall im Bezirk Bochum in diesem Jahr ist. Und wir haben erst März. Ich möchte, dass Sie die Ursache der vermehrten Todesfälle ermitteln. Ob dieser Umstand mit unserem Unternehmen zusammenhängt – oder besser, dass nicht. Wie sind Ihre Konditionen?«

»Fünfhundert Euro am Tag plus Spesen«, erklärte Danner schnell.

Ich verzog keine Miene, obwohl mir die spontane Erhöhung unseres Tagessatzes keineswegs entgangen war. Die Frage war, ob Danner bei dem zahlungskräftigen Unternehmen einfach ein Taschengeld rausschlagen wollte. Oder wollte er die Frau abschrecken, weil er noch immer keine Lust auf diesen Job hatte?

Doch wie gesagt, Elsbeth van Pels ließ sich schlecht erschrecken: »In Ordnung.«

»Und eine Anzahlung von zweitausend«, ergänzte Danner rasch. »Vorausgesetzt, wir übernehmen Ihren Auftrag.«

Die Pflegedienstleiterin musterte Danner mit scharfem Blick, doch sein Gesicht blieb weiterhin unbewegt.

»Selbstverständlich«, nickte Elsbeth van Pels ebenfalls mit Pokerface, zog eine große Geldbörse aus der Innentasche ihrer Jacke und begann, einen grünen Schein nach dem anderen neben den Kaffeebecher auf unseren Couchtisch zu legen.

Ich riss die Augen auf und sogar Danner legte jetzt interessiert den Kopf schief.

»Und übernehmen Sie den Auftrag? Herr Danner? Frau Ziegler?«, erkundigte sich Elsbeth van Pels, ohne mit dem Hinblättern der Geldscheine aufzuhören.

Danner sah zu mir herüber.

Der Fall versprach Arbeit für ein bis zwei Wochen und sicherte unsere Miete für das nächste halbe Jahr. Ich sah keinen Grund, der dagegen sprach, Molle zum Wiedereinschalten der Heizung zu bewegen.

Tag 0

BELLAS BLOG:

DONNERSTAG, 23.15 UHR

Es ist Donnerstag. Kurz nach elf.

Und dies ist mein Hochzeitstag. Ich habe geheiratet. Heute.

Absurd. In meiner Hochzeitsnacht habe ich nichts Besseres zu tun, als mit dem Tagebuchschreiben zu beginnen.

In meinem ganzen Leben habe ich noch kein Tagebuch geführt. Mit fünfzehn habe ich mal eines geschenkt bekommen. Ein rosa Büchlein mit Vorhängeschloss am Einband. Ich habe es nicht benutzt. Ich war einfach nicht gut im Schreiben. Und auch nicht besonders sorgfältig. Bin ich bis heute nicht.

Doch manches ändert sich mit der Zeit. Ich bin jetzt zweiunddreißig. Besitze ein Notebook. Meine Einträge blogge ich im World Wide Web. Mitten in der Nacht werde ich zur anonymen Exhibitionistin.

Ausgerechnet ich. Lächerlich. Normalerweise bin ich das Gegenteil. Schüchtern. Unauffällig. Spießig wahrscheinlich.

Aber ich muss das hier loswerden! Sonst laufe ich Amok! Die betrunkenen Hochzeitsgäste unten im Wohnzimmer wären leichte Opfer. Und verdient hätten sie es allesamt.

Der schönste Tag im Leben. Und ich bin nicht glücklich. Trotzdem erwartet man noch stundenlanges Lächeln von mir.

Warum bin ich nicht glücklich?

Weil ich mir meine Hochzeit anders vorgestellt habe.

Und weil ich vor einem Spiegel sitze. Sogar an meinem Hochzeitstag sehe ich unmöglich aus. Weil ich, wie gesagt, inzwischen zweiunddreißig bin. Ich kann zusehen, wie mein Hintern dicker wird. Meine Brille vergrößert meine Krähenfüße. Und neuerdings habe ich eine Krampfader. Das fehlte mir noch zu meinem Glück. Bisher waren meine Beine das Erfreulichste an meinem Spiegelbild.

Mein Gesicht und mein Hintern sind zu breit. Ich bin nicht wirklich dick. Aber mein Gesicht und mein Gesäß sehen aus, als hätte ich zwanzig Pfund Übergewicht.

Und eine wahre Katastrophe sind meine Haare. Sie hängen kraftlos herunter. Wie Spaghetti. Busen habe ich zu wenig. Po, wie gesagt, zu viel. Bleiben die Beine. Womit wir wieder bei der Krampfader wären.

Mario hat mich nicht wegen meines Sexappeals geheiratet.

Warum dann? Diese Frage stellen sich sicher die meisten Menschen, die uns kennen. Viele denken, Mario habe sich einfach an mich gewöhnt. Einige Kumpel glaubten bisher, ich würde abends in Strapsen strippen. Ein Irrtum, den meine Mutter vor zehn Minuten aus der Welt geschafft hat.

Auch für meine Mutter ist meine Ehe ein Rätsel. Bis gestern hatte sie noch Zweifel, ob die Feier tatsächlich stattfinden würde. Dieser Traum von Schwiegersohn will ausgerechnet mich? Sie hat nie viel davon gehalten, ihre Meinung für sich zu behalten. Sie ist einen Kopf kleiner als ich. Wiegt das Doppelte. Und findet es normal, mit einem pinkfarbenen Turban zu meiner Hochzeit zu erscheinen.

Daran bin ich natürlich selbst schuld. Eine Kleiderordnung hielt ich für überflüssig. Naiverweise. Nach zehn Jahren Beziehung feiern wir im kleinen Kreis. Familie und Freunde. Standesamt heute Morgen. Mittags zum Lieblingsitaliener. Abends Sekt zu Hause.

Aber meine Mutter kenne ich seit zweiundreißig Jahren. Mit dem Turban hätte ich rechnen können.

Nicht rechnen konnte ich hingegen mit der Unterhose. Mit spitzen Fingern hat meine Mutter sie aus den Tiefen einer Ritze zwischen den Sofapolstern gezogen. In die sie bei meiner großangelegten Wäschebeseitigungsaktion der letzten Woche geraten sein muss. Die verschiedenfarbigen Trocknerladungen hatten die Couch gefüllt. Und zum Fernsehen hatte ich mich einfach draufgesetzt.

Ein Fehler, wie mir jetzt im Nachhinein klar ist.

Warum passieren mir solche Dinge?

Vielleicht wäre es nicht so schlimm gewesen, hätte es sich um einen durchsichtigen Spitzenstring gehandelt. Aber ich habe nie zu den Frauen gehört, die Reizwäsche unter Jeans verbergen. Ich bin wirklich langweilig. Drüber und drunter. Beim Fundstück meiner Mutter handelte es sich um ein hässliches Baumwollungetüm. In der Größe meines Hinterns.

Mario lachte am lautesten.

Übrigens immer, wenn so etwas passiert. Nachsichtig tätschelt er mir den Kopf. Wie einem begriffsstutzigen Pudel, der einfach nicht Männchen machen will.

Seine Meinung: »Bella hat den Brüller des Abends gelandet.«

Mal wieder.

»Wenn du je lernst, wie man einen Haushalt führt, haben unsere Gäste nichts mehr zu lachen.«

Das stimmt. In Sachen Hausarbeit bin ich keine Leuchte.

Ein weiterer Grund, warum meine Mutter unsere Beziehung nicht begreift. Mein Sexappeal und meine Hausfrauenqualitäten sind es nicht, die mich attraktiv machen. Und für meine Mutter sind diese beiden Punkte die Grundlagen einer Ehe.

Trotzdem gibt es etwas, was Mario an mir mag. Auch heute noch. Er ist noch immer aufmerksam. Liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.

Ich würde gern mal wieder ins Musical gehen, sagte ich letzte Woche. Die Karten steckten heute im Hochzeitsstrauß.

Fast bekomme ich jetzt ein schlechtes Gewissen. Dass ich mich überhaupt beschwere. Mario ist nicht mehr ganz so charmant wie zu Beginn unserer Beziehung. Aber das kann man nach zehn Jahren auch nicht ernsthaft erwarten.

Immerhin schenkt er mir regelmäßig Blumen. Trotz Slip im Sofa. Trotz Krampfader.

Vielleicht kann ich doch wieder hinuntergehen.

Ohne meine Mutter mit der Unterhose zu erwürgen …

2.

In Bochum starben mehr Menschen als anderswo.

Allein dieses Wissen hinterließ ein nervöses Kitzeln auf der Haut. Plötzlich erinnerte ich mich an die unzähligen kleinen, bunten Pkws, die kreuz und quer durch die Stadt flitzten.

Ambulante Pflege, war gewöhnlich auf der Heckscheibe zu lesen. Oder: Ihre Hilfe für zu Hause.

Hinter dem Steuer saß in meiner Vorstellung ein elfenhaft schönes Mädchen mit langem Haar, weißem Gewand und ausladenden Federflügeln auf dem Rücken. Hartnäckig drängelte sich das Bild in meinen Kopf, daran konnte Elsbeth van Pels nichts ändern. Egal, wie sehr sie auf der schädlichen Einwirkung der Atomkraft beharrte.

Gleich heute Mittag sollte es losgehen. Elsbeth van Pels wollte uns bei einer Dienstbesprechung mit ihrem Pflegeteam bekannt machen.

Knapp zwei Stunden Zeit blieb uns noch. Weil Danner das Bad besetzte, lümmelte ich mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein.

Beinahe im gleichen Moment klingelte das Telefon.

Seufzend sah ich mich nach Danner um, in der Hoffnung, er würde sich vielleicht freiwillig in Richtung des Apparates bewegen.

Doch der Detektiv blieb verschwunden. Bereits vor einer halben Stunde hatte er sich im Badezimmer eingeschlossen, nachdem er vorher eine Etage tiefer Molles Rasierapparat geschnorrt hatte. Jetzt surrte das Ding bereits seit fünf Minuten – so lange brauchte er gewöhnlich nicht einmal zum Duschen.

Das Telefon klingelte weiter, und weil Danner offenbar im einzigen warmen Raum der Wohnung bleiben wollte, raffte ich mich auf und schlurfte zum Schreibtisch.

Auf dem Weg dorthin fiel mein Blick erneut auf den Karton mit dem Pizzarest von gestern Abend. Ich angelte mir ein schlabberiges Teigdreieck aus der Packung und biss in kalten Käse und würzige Salami, bevor ich den Anruf entgegennahm.

»Detektei Danner und Ziegler, guten Morgen«, nuschelte ich kauend in den Hörer.

In der Leitung blieb es still.

Ich schüttelte den Apparat. Ab und zu versagte die Verbindung, das Gerät war nicht mehr das neueste.

»Hallo?«

»Liliana?«

Die Faust zuckt auf mich zu und ich weiß, dass ich mich nicht rechtzeitig wegdrehen kann. Es knackt, als der Schlag meine Wirbelsäule trifft. Der Schmerz rast meinen Rücken hinab, dunkle Punkte tanzen vor meinen Augen. Als ich zu Boden falle, glaube ich einen Moment lang, mir einen Querschnitt eingehandelt zu haben.

Die Erinnerungen leuchteten auf wie Blitze im nächtlichen Gewitter. Mein Herz schnellte in die Höhe und prallte von unten gegen meine Kehle, dass mir übel wurde.

Erst jetzt merkte ich, dass ich bereits aufgelegt hatte. Reflexartig hatte sich mein Daumen auf den Knopf mit dem roten Hörer gepresst. Das Freizeichen tutete.

Hastig stellte ich den Apparat wieder in die Ladestation zurück.

Dort stand er. Still und harmlos, wie vorher.

Hatte ich mich verhört? Oder mir etwas eingebildet? War das nur der nächste Albtraum gewesen, mit dem mich die verdrängten Geister meiner Vergangenheit in den Wahnsinn zu treiben versuchten? Oder hatte ich einen potenziellen Klienten vergrault?

Übel war mir immer noch.

Konnte aber auch an der alten Pizza liegen.

Mein Blick wanderte auf den kalten Teiglappen in meiner Hand. Er stank nach altem Fett. Ich ließ ihn zurück in die offen stehende Pappschachtel fallen.

Tag 1

BELLAS BLOG:

FREITAG, 14.46 UHR

Ich wollte bloggen. Ich kneife nicht. Das Schreiben hat seinen Sinn erfüllt. Gestern Abend jedenfalls. Nach dem Unterhosenzwischenfall. Es hat mich tatsächlich beruhigt.

Das Thema war außerdem ausdiskutiert, als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte. Zum Glück. Und es tauchten auch keine weiteren Schlüpfer auf.

Erst mal tief durchatmen. Das hilft manchmal. Und überlegen. Ob das Weiterleben tatsächlich unmöglich ist. Gut, Mutters Kommentar reicht als Grund für einen Kontaktabbruch zu allen Anwesenden. Sie habe sich was Fescheres erhofft, hat sie verkündet. Vor versammelter Hochzeitsgesellschaft.

Aber ich habe überlebt. Kann ja jedem passieren.

Auch wenn ein ungutes Gefühl in der Magengegend zurückbleibt. So ähnlich wie der dicke Kopf nach der Betriebsfeier. Wenn man sich nach und nach erinnert, dass man nach zwei Flaschen Sekt auf dem Schoß vom Chef saß. Kann auch jedem passieren. Es ist trotzdem das Klügste, anschließend einen Arbeitsplatzwechsel in Erwägung zu ziehen.

Leider scheidet diese Möglichkeit bei der Schlüpferkrise aus. Betroffen sind meine Mutter, meine Schwester, meine Schwiegereltern. Marios Tante Minna. Und seine und meine engsten Freunde. Einschließlich meiner besten Freundin Sina. Um diese Menschen nie wieder treffen zu müssen, müsste ich die Scheidung einreichen. Und die Stadt verlassen.

Inzwischen hat mir Sina einen Lagebericht erstattet.

Feinripp wäre der Super-GAU gewesen. Findet sie. Allerdings ist ihre Meinung nicht objektiv. Als meine Freundin muss sie mir Mut machen. Objektiv betrachtet kommt mein Baumwollmodell Feinripp relativ nah.

Und der Mutti-Klub – bestehend aus den Ehefrauen von Marios Kumpel – der Mutti-Klub kann beim Anblick der eigenen Unterhosen aufatmen.

Noch als wir im Bett lagen, hat Mario gelacht. Sauer war er bemerkenswerterweise nicht.

Ärgern können ihn Kleinigkeiten. Zum Beispiel das Kabel des Staubsaugers. Das ich immer in der Steckdose lasse. Um mir das Einsteckern am nächsten Tag zu sparen. Oder der Herd. Den ich nur sauber mache, wenn ich ihn benutzen will. Oder meine Schuhe. Die nach dem Ausziehen immer hintereinander stehen, statt nebeneinander. So etwas löst bei Mario eine Tollwutsymptomatik aus.

Ich hingegen finde die Unterhose bei unserer Hochzeit dramatischer.

Heute haben Mario allerdings nicht mal meine hintereinanderstehenden Schuhe gestört. Wir sind für ein verlängertes Wochenende an der See. Flitterwochen sozusagen. Das familiäre Schlachtfeld liegt hinter uns.

So schaffe ich es allmählich, die Sache mit Humor zu sehen.

Melli und Tanja (die Vorsitzenden des Mutti-Klubs) haben den ganzen Abend über die Blähungen ihrer Babys gesprochen. Sagt Mario. Und Tante Minna über ihre Stuhlgangprobleme.

Meine Unterhose war nicht das einzige Gesprächsthema bei unserer Hochzeit.

Tröstlich.

3.

»Die Küppers treibt mich in den Wahnsinn! Gestern hat sie mich eine Schlampe genannt und mich zusammengefaltet, weil ich ihren Tee nicht lange genug hab ziehen lassen! Die andere Kollegin trinkt immer noch eine Tasse mit ihr, sagt se. Und dat am Wochenende auch mal ’ne Vertretung kommt, hat sie natürlich nicht geschnallt. Also wer von euch fährt da sonst hin? Agi oder Hedi?« Die Wasserstoffblonde schüttelte angriffslustig ihre Mähne und verschränkte die Arme vor dem zu weit aufgeknöpften Ausschnitt ihrer weißen Kittelbluse. Ihre Brüste krabbelten aufmüpfig hervor. Die Gefärbte gehörte zu der Sorte von Frauen, die ihren Möpsen Namen gab – Milli und Molli oder so.

Mithilfe ihres Anblicks versuchte ich, meine um den mysteriösen Anruf kreisenden Gedanken zu stoppen. Ich hatte geglaubt, die Stimme meines Vaters zu hören. Natürlich suchte er nach mir. Mein Kontaktabbruch unterstellte ihm, in einem für sein blank poliertes Oberstaatsanwalts-Image so wichtigen Bereich wie der Kindererziehung versagt zu haben. Dieser wortlose Vorwurf musste ihn kochen lassen vor Wut. Allerdings war ich neuerdings offiziell in Bochum gemeldet. Unter meinem vollständigen Namen Liliana-Cassandra Simanowski-Ziegler, der in den Meldedateien sicher nicht überdurchschnittlich oft vorkam. Womöglich hatte mein Vater extra einen Polizeibeamten abgestellt, der sämtliche Meldungen regelmäßig prüfte. Dazu war er imstande, zweifellos. Wie eine eisige Hand griff mir ein Schauer in den Nacken. Unwillkürlich zog ich die Schultern hoch.

Unmöglich war ein Anruf meines Vaters nicht.

Das hätte ich wissen müssen, als ich mich gemeldet hatte. Vermutlich hatte ich es gewusst. Vielleicht hatte ich es sogar darauf angelegt. Ihm den Kampf erklärt, damit das Versteckspiel endlich ein Ende hatte? Weil ich es satthatte, davonzulaufen?

Dabei war ich noch lange nicht stark genug für einen Krieg. Das war mir jetzt klar, denn allein der Gedanke, dass ich wirklich die Stimme meines Vaters gehört haben könnte, ließ meine Hände beben. Hinter meinem Rücken verschränkte ich die Finger, damit mein Zittern nicht auffiel.

Ich würde nicht zulassen, dass mich meine Vergangenheit von meinem Job ablenkte. Ich zwang meine Aufmerksamkeit zurück zu der verärgerten Blondine.

Zwei ältere Frauen, die der Aufgebrezelten gegenüberstanden, senkten schuldbewusst den Kopf. Beide trugen weiße Blusen und graue Haare. Die eine lang und dünn, die andere klein und pummelig, wirkten sie, wie einem witzigen Schwarz-Weiß-Film entstiegen.

»Früchtetee mit Zucker und Zitrone …«, gestand die Lange kleinlaut. »Erinnert sie immer an die Arbeit im Kirchenkreis.« Sie sprach undeutlich, verwaschen. Als hätte sie getrunken.

»Mann, Hedi!«, brauste die Hochleistungsblondierte auf. »Andere müssen ihre Kinder pünktlich aus der Kita holen, mit dem Hund Gassi gehen oder wollen in ihrer Freizeit einfach lieber in der Nase bohren.«

»Das haben wir doch schon hundert Mal ausdiskutiert, Leute«, versuchte eine vierte Frau zu beschwichtigen. Sie hatte ihr Haar streng nach hinten gebunden. Besonnen und trotz Sommersprossen ungeschminkt war sie der lebende Gegensatz zu der motzenden Blonden. »Für den Tee hat jeder von euch die halbe Stunde Luft im Plan. Und Agi und Hedi erklären doch den Patienten immer, dass nicht alle Kolleginnen unbezahlte Überstunden machen können …«, ihr wacher Blick schnellte zu den beiden älteren Mitarbeiterinnen hinüber, »… nicht wahr?«

Ich musste schmunzeln, weil der scharfe Ton keine Wahl der Antwort zuließ. Die große Dünne und die kleine Pummelige nickten artig und synchron.

Elsbeth van Pels räusperte sich deutlich und beendete damit die Diskussion. Acht Frauen und zwei Männer drehten ihren Kopf in unsere Richtung.

Showtime.

Das Gesicht der Blondierten färbte sich pink, passend zu ihrem Lippenstift, den Fingernägeln und dem Shirt, das unter ihrer Kittelbluse hervorblitzte.

»Meine Damen und Herren, darf ich Ihnen Ben Danner und Liliana Ziegler vorstellen? Die beiden sollen als Pflegehelfer eingesetzt werden und werden deshalb eine Zeit lang bei jedem von Ihnen mitfahren.«

Die Blasse, die eben zu vermitteln versucht hatte, erhob sich. Wie die anderen Frauen trug sie eine weiße Kittelbluse. Die Dinger waren verwaschen und nicht besonders vorteilhaft geschnitten. Und bis zum Stehkragen hochgeschlossen wirkte das Teil altbacken. Außerdem machte das Weiß die Frau noch blasser, als sie sowieso schon war, mit ihrer hellen Haut, den blonden Wimpern, Brauen und Haaren. Ein bisschen Wimperntusche hätte Wunder vollbracht.

»Anna Willms ist die Teamleiterin«, stellte Elsbeth van Pels die Frau vor. »Sie wird Sie mit den anderen bekannt machen und alles Weitere erklären.«

Anna Willms schob ihre randlose Brille hoch, bevor sie Danner und mir die Hand reichte.

»Wir sind hier alle per Du, ist das in Ordnung für euch?«

Sie sagte das, als ob wir die Wahl hätten, und wartete sogar die Antwort ab.

»Klar«, nickte Danner.

Fand ich auch.

»Wir haben gerade Dienstbesprechung. Die ist montags nach der Frühschicht. Heute sind sogar alle da.«

Was wahrscheinlich so selten vorkam, dass es gar nicht vorgesehen war. Denn der kleine Kellerraum, in dem Danner und ich mittendrin standen, war eher Büro als Besprechungsraum. Weil sich so viele Menschen hineingequetscht hatten, roch es nach Schweiß. Und Kölnisch Wasser. Irgendwer hatte sich schlimmer eingedieselt als Danner.

Die Frauen und Männer saßen auf allem, was das Gewicht eines Menschen voraussichtlich aushalten würde: ein drehbarer Bürostuhl mit Lehne, einer ohne, ein umgedrehter Papierkorb und eine Plastikfußbank, die wohl eigentlich als Tritt für das mit Akten gefüllte Regal diente. Agi und Hedi, die beiden rentennahen Damen, lehnten an dem aufgeräumten Schreibtisch unter dem schmalen Kellerfenster. Die zwei Männer und ein Mädchen, das kaum älter als ich selbst sein konnte, hockten auf einem Sideboard an der Wand.

Anna Willms selbst nahm auf einem großen, grünen Gymnastikball neben dem Schreibtisch Platz und begann zu wippen. Sie hielt sich wirbelsäulengerecht gerade, was ganz gut zu ihrer korrekt geknöpften Bluse passte.

Elsbeth van Pels verabschiedete sich. Nachdem sie die Bürotür hinter sich geschlossen hatte, trat Danner einen Schritt zurück und lehnte sich dagegen. Um nicht mitten im Raum direkt vor der wippenden Anna Willms zu stehen, machte ich es ihm nach und stellte mich dicht neben ihn.

»Also das Wichtigste in Kurzfassung«, lächelte die Teamleiterin uns an. »Wir sind zehn Mitarbeiter im Team dieser Zweigstelle. Unser Pflegeschwerpunkt ist die Neurologie, also Gehirn und Nervensystem des Menschen. Wir pflegen vorwiegend Personen mit Erkrankungen wie Schlaganfall, Querschnittslähmungen, MS, Parkinson und sehr viele Alzheimer- und gedächtnisgestörte Patienten. Ich stelle am besten alle Kolleginnen und Kollegen kurz vor. Die Namen werdet ihr euch bestimmt nicht gleich merken können, aber das habt ihr drauf, wenn ihr mit jedem einmal auf Tour ward. Agnes Friedlich und Hedwig Sundermann, Krankenschwestern, sind mit mir zusammen die Dienstältesten.« Mit einer Kopfbewegung deutete Anna Willms auf die lange Dünne und die kleine Dicke. Die Große trug die wellig gefönten Haare zur Seite gescheitelt, die Kleine hatte ihre Kringellöckchen vom Ohr an aufwärts festgesteckt.

»Zwölf Jahre gibt’s den Laden hier schon und Agi und Hedi sind von Anfang an dabei gewesen.«

Die beiden nickten nicht ohne Stolz.

»Janine Hinze ist Altenpflegerin.«

Das war die blondierte Brezel.

»Gülcan Aydin, Pflegehelferin.« Die junge Türkin trug den Kittel vorschriftsmäßig zugeknöpft, das pechschwarze Haar zum Zopf geflochten, schlicht. Trotzdem hob sie sich hervor aus der Masse der weiß gekleideten Menschen in dem überfüllten Büro. Lag es an ihren schönen, kaffeebraunen Augen? An dem lackschwarzen Haar? Dem fein geschnittenen Gesicht mit der dominanten Nase? Jedenfalls umgab sie eine Aura von Tausendundeiner Nacht, die mir eine Sekunde lang den Geruch von Thymian und Koriander zwischen Schweiß und Desinfektionsmitteln vorgaukelte.

»Mona Rudzinski, Altenpflegerin.« Eine Stämmige mit Damenbart und Kurzhaarschnitt. Aus den hochgekrempelten Kittelärmeln ragten behaarte Unterarme.

»Simo Kracht und Ingo Kuchenbecker, examinierte Krankenpfleger.«

Mein Blick wanderte zu Danner. Genauer gesagt, in sein Gesicht, aus dem heute ganz überraschend und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, der Dreitagebart verschwunden war.

»Schleimer«, hatte ich noch gespottet und prüfend die glatte Haut seiner Wangen gerieben, um festzustellen, dass trotz der Rasur die winzigen, harten Stoppeln deutlich zu spüren waren. Meine Fingerkuppen rochen noch nach seinem Aftershave, mit dem er für seine Verhältnisse auffallend großzügig umgegangen war.