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Inhalt

Rückentext

Die Autoren

Die Hauptpersonen

Warnung

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

Kapitel 43.

Kapitel 44.

Kapitel 45.

Kapitel 46.

Kapitel 47.

Kapitel 48.

Kapitel 49.

Kapitel 50.

Kapitel 51.

Kapitel 52.

Kapitel 53.

Kapitel 54.

Kapitel 55.

Kapitel 56.

Kapitel 57.

Kapitel 58.

Kapitel 59.

Kapitel 60.

Kapitel 61.

Kapitel 62.

Kapitel 63.

Kapitel 64.

Kapitel 65.

Kapitel 66.

Kapitel 67.

Kapitel 68.

Nachbemerkung

»Ich bin der Bürgermeister von Datteln!«, brüllte Roggenkemper.

Die Bullen schauten sich an.

»Datteln? Seit wann haben Datteln Bürgermeister?«, höhnte Lusebrink und zwinkerte seinem Kumpel Haggeney zu. »Und ich bin der Präsident von Feigen!«

»Jetzt hören Sie mal zu!«, dröhnte Roggenkemper. »Ich bin nicht nur Bürgermeister, ich bin auch noch Landtagsabgeordneter. Und als solcher genieße ich Immunität!«

Erschrocken zuckte Haggeney zurück: »Vorsicht, Gustav, der hat AIDS!«

 

*

 

Schafft PEGASUS, das sympathische Videoteam zwischen Ruhr und Emscher, mit der Sensationsstory von Holger Saale endlich den ersehnten Durchbruch? Welchen Geschäften gehen die Leute von »Ruhrmetall« in Thailand nach? Und ist »Ekel« Roggenkemper wirklich der richtige Kurier für die heiße Fracht?

Im dritten »Ekel«-Roman entfalten die Autoren erneut ein Feuerwerk aus Witz und Spannung.

E-Book © 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

(korrigiert nach den reformierten Regeln deutscher Rechtschreibung)

© 1991 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

E-Mail: info@grafit.de

Internet: http://www.grafit.de/

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-999-0

Leo P. Ard / Reinhard Junge

 

 

 

Die Waffen des Ekels

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Die Autoren

 

 

Leo P. Ard, 1953 als Jürgen Pomorin in Bochum geboren, lebt als Drehbuchautor (›Balko‹, ›Ein starkes Team‹, ›Der Staatsanwalt‹, ›Tatort‹) hauptsächlich auf Mallorca. Das Drehbuch zu dem ARD-Krimi ›Polizeiruf 110 – Totes Gleis‹, das Pomorin gemeinsam mit Michael Illner verfasste, wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet.

 

Reinhard Junge wurde 1946 in Dortmund geboren, Studium in Bochum, Referendariat in Hattingen, trotz anfänglichen Berufsverbots Lehrer in Wattenscheid, wo er jetzt als Rentner auch wohnt. Kein Haus, kein Benz, kein Hund, aber drei wunderbare Kinder und jede Menge Kriminalromane.

 

Zusammen schrieben Ard und Junge mit der Ekel-Trilogie – Das Ekel von Datteln, Das Ekel schlägt zurück und Die Waffen des Ekels – deutsche Krimigeschichte.

Die Hauptpersonen

 

 

Walter Schöttle (52), Geschäftsmann,

macht einen Deal zu viel

 

Gerd Roggenkemper (66), Das Ekel von Datteln,

macht einen Weg zu viel

 

Rika Sirinupong (21), Töchter Thailands,

lässt einen Gast schmachten

 

Banyat Kasemsual (38), Major des Königs,

lässt einen Gast prügeln

 

Beatrix Puth (54), Ehefrau,

hat einen neuen Mann

 

Dr. Rudolf Heinze (60), Geschäftsführer,

hat ein neues Problem

 

Ernst Fritsch (36), Ausputzer,

setzt auf Taktik

 

Horst Middeldorf (39), Vorstopper,

setzt auf Beretta

 

Helmut Eckstein (44), Botschaftsangehöriger,

mag keine Amateure

 

Charles Leloup (48), Waffenhändler,

mag keine Konkurrenten

 

PEGASUS FILM & VIDEO GmbH:

Susanne Ledig (35)

Klaus-Ulrich Mager (39)

Holger Saale (29)

Karin Jacobmayer (26),

zwischen Durchbruch und Zusammenbruch, aber immer in vorderster Front

Warnung

 

 

Manche Leserinnen und Leser außerhalb des Ruhrgebietes sind noch immer davon überzeugt, Städte wie Datteln, Hattingen und Wetter seien Produkte unserer Fantasie.

Andererseits versichern viele Bürgerinnen der genannten Orte, unsere Geschichten enthielten nichts anderes als die Wahrheit.

Beide Auffassungen sind falsch.

 

Leo P. Ard / Reinhard Junge

1.

 

 

Schwarzer Marmor, gold schimmernde Armaturen, eine perlweiße Wanne. Eine schmale Hand öffnet den Hahn und greift zu einer elfenbeinfarbenen Plastikflasche. Das zarte Rosa einer cremigen Flüssigkeit mischt sich mit dem Wasser und schäumt auf. Nun schiebt sich die Rückenansicht einer jungen Frau ins Bild. Scheinbar achtlos lässt sie ihren Frotteemantel von den Schultern wehen und taucht in das Bad. Eine Sekunde lang beherrschen ihre dunkelbraunen Brustwarzen das Blickfeld, dann versinkt ihr Körper im wallenden Badeschaum …

»Mensch, Mager«, stöhnte Karin Jacobmayer und schüttelte ihre roten Locken. »Ihr könnt es einfach nicht lassen …«

»Was?«, fragte der Kameramann in aller Unschuld.

»Diese Porno-Werbung …«

Der Mann seufzte. Er war neununddreißig Jahre alt und hatte mehr als die Hälfte seines Daseins für die Weiterentwicklung der Filmkunst geopfert. Aber Pornos waren so ziemlich das Einzige, was er noch nicht gedreht hatte.

»Dieses Thema hatten wir doch schon«, sagte er schließlich, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. »Muss ich dir wieder einmal erklären …«

Die Rothaarige schüttelte den Kopf. Seit mehr als drei Jahren jobbte sie bei PEGASUS, dem explosiven Filmteam aus dem Dortmunder Westen. Als Mädchen für fast alles kannte sie die Firma und ihre finanzielle Lage. Auch bei diesem Auftrag ging es um die nackte Existenz.

»Na also«, knurrte Mager und stoppte das Band: Das Schaummädchen hielt der Kamera jetzt das blaue Flaschenlabel entgegen. Goldene Lettern verrieten den Namen des Produkts, mit dem sich die Eingeborenen der neuen Ostprovinzen künftig vom alten Stallgeruch befreien sollten.

Der Kameramann schob der Roten das Drehbuch hinüber. »Wir lassen das Teil gleich noch mal durchlaufen, und du studierst dabei deine Einsätze. Danach synchronisieren wir den Mist.«

»Nee, Klaus-Ulrich. Ich bin nicht dazu da …«

Mit einer Sanftheit, die niemanden mehr überraschte als ihn selbst, sagte Mager: »Doch. Du brauchst bei solchen Filmen zwar nicht selbst in die Wanne. Aber wenn du der Firma deine Stimme leihst, dürfte das kaum deine Würde als Frau verletzen …«

»Da muss ich Susanne fragen«, widersprach Karin, doch Mager grinste nur. Susanne Ledig, die Hauptgesellschafterin der Firma, hielt sonst stets ihre schützende Hand über die widerborstige Bochumerin. Doch Synchronisationsarbeiten gehörten ausdrücklich zu ihren Pflichten, wenn der Firmenetat es nicht zuließ, eine passende Stimme zu mieten. Und in diesem trüben November hätte PEGASUS sich nicht einmal einen überzeugenden Hustenanfall mieten können.

»Hör doch: Kein Mensch merkt, dass du da redest. Und außerdem – niemand sonst von uns hat diesen erotischen Drive auf den Stimmbändern.«

»Das ist es ja gerade!«, rief die Rote. »Ich helfe nicht dabei, ein Schaumbad zu vermarkten, sondern ich muss den Körper einer Frau verkaufen.«

Mager stöhnte und tastete nach seiner Vorratskiste mit den Selbstgedrehten.

»Was meinst du, welche Chancen wir mit dem Film hätten, wenn ich in der Wanne säße?«

Karin musterte ihren Vize-Chef: Sein wahres Alter tarnte er mit einem 68er Rauschebart und einer modisch-blauen Hornbrille. Aber trotz aller Hungerkuren zeigte die Waage noch immer runde 80 Kilo – es war gar nicht so einfach, diese Massen auf knapp hunderteinundsiebzig Zentimetern einigermaßen unauffällig zu verteilen.

»Also gut«, sagte sie überzeugt, las den Text und ließ die Bilder an sich vorüberwandern. »Lass knacken!«

Mager warf die Studiolampen an, ließ die Rollläden aus Aluminium herab und stülpte sich und der Roten Kopfhörer über: »Noch einmal mit Musik. Und achte im Manuskript auf den Time-Code. Dein erster Einsatz kommt nach vierzehn Sekunden.«

Stumm folgten beide den Bildern und den von Mager ersonnenen Sätzen. Was die poetische Qualität anging, so hielt der Text jeden Vergleich mit den Sprüchen von Hugo Egon Balder aus.

Dann schaltete Mager das Mikro und die Rote ihre Stimme scharf:

Den Alltag vergessen. Das Edle schätzen. Eintauchen und …

Ein Erdbeben erschütterte die Fundamente des 90 Jahre alten Zechenhauses, in dem sich die PEGASUS-Studios befanden. Mager warf den Kopfhörer ab, riss die Rollläden hoch und die Fensterläden auf: »Kalle, wie oft …«

Der Kameramann verstummte. Von Kalle, dem sechzehnjährigen Spross seiner Lenden, war weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen wuchteten zwei Müllwerker die Tonne mit dem Buntglasabfall in die Halterung ihres Entsorgungsfahrzeugs und ließen sie ein paarmal auf- und niederschwingen. Es hörte sich an, als übte King Kong sein erstes Solo auf einer Bongotrommel.

Mager schluckte und schloss resigniert das Fenster. Seine Angestellte hatte sich mittlerweile eine Zigarette angezündet und grinste amüsiert. Auf Reinfälle dieser Art war ihr Chef abonniert.

»Also noch mal«, knurrte Mager und versuchte, seinen Ärger mit Kaffee hinunterzuspülen. Doch der war mindestens so abgestanden wie die Metaphern, die Karin ins Mikro hauchen musste:

Den Alltag vergessen. Das Edle schätzen. Eintauchen und abheben. Teneriffa – das Schaumbad für …

Die Tür des Tonstudios wurde so heftig aufgebrettert, dass die Klinke mindestens 300 Gramm Putz aus der Wand schlug. Auf der Schwelle erschien eine resolute Frau in Schwarz. Sie war nur unwesentlich dünner als der Mann am Mischpult und bewies durch ihr Outfit, dass sie sich ihrer Anfälle von Fresssucht nicht schämte: Enger Pulli, Minirock und Leggings.

Ohne sich um Magers entsetztes Gesicht zu kümmern, drehte sie sich wie auf einer Modenschau: »Na, sind das nicht ein paar schöne Schnäppchen? Alles aus der Metro …«

Mager stöhnte auf und bedeckte seine Augen. Statt seiner antwortete die Rothaarige.

»Mechthild« sagte sie leise. »Wir synchronisieren gerade. Der Film muss heute Mittag bei der Werbeabteilung sein. Es wäre schön …«

»Heute Mittag?«, protestierte die Schwarze. »Klaus-Ulrich, das geht nicht. Du hast einen Termin. Vergiss das nicht! Und wehe, du versäumst ihn. Dann kannst du deine Koffer packen.«

Mager wandte sich jäh ab und senkte seinen Kopf über das Mischpult. Als Karin Jacobmayer genauer hinsah, entdeckte sie die knallroten Flecken an seinem Hals.

»Was für einen Termin denn?«, fragte sie. »Im Kalender auf dem Schreibtisch steht nichts.«

Mechthild Mager kicherte: »Klaus-Ulrich geht …«

»Raus!«, schrie Mager. »Und halt bloß deinen Rand!«

Seine Gattin lachte auf, doch dann entdeckte sie ein unbekanntes Funkeln in seinen Augen. Mit beleidigtem Gesicht trat sie den Rückzug an. Mager atmete auf und beschloss, die neugierigen Blicke seiner Mitarbeiterin einfach zu ignorieren.

»Komm, lass uns weitermachen …«

Sie stülpten sich wieder die Kopfhörer auf. Alles klappte wunderbar – bis zu dem Augenblick, da Karin Jacobmayer zum zweiten Mal abheben wollte. Eine helle Frauenstimme durchbrach den Schallpanzer der Kopfhörer: »Freut euch, Leute, ich habe einen neuen Kunden an Land gezogen!«

Mager fuhr herum. Im Türrahmen stand eine Blondine, vierzehn Tage älter, aber um ebenso viele Kilos leichter als seine Gattin, und wie jene in allerbester Laune: Susanne Ledig, die Chefin des Unternehmens.

»Blöde Kuh!«, brüllte Mager und löschte mit einem Prankenhieb alle Lichter auf dem Mischpult. Dann sprang er auf und stampfte los. Auf dem Korridor zwischen den Büroräumen legte er einen Zwischenstopp ein und wies mit dem Daumen auf das rote Lämpchen über der Tür des Tonstudios: »Achtung, Aufnahme! Aber keine Sau hält sich daran. Wenn diese Firma vor die Hunde geht, dann liegt das an der Disziplinlosigkeit. Denkt an meine Worte!«

Er verschwand in dem engen Büro, das er sich mit Karin teilte, und Sekunden später hörten die Frauen ein vertrautes Geräusch: Die Lamellentür an Magers Schreibtisch rasselte nach unten. Dahinter stand, wie alle wussten, eine Flasche mit Calvados, Magers treuestem Begleiter durch die Krisen der Firma und die Katastrophen seiner Ehe. Noch während er trank, warf Susanne ihm einen Packen Post vor: Zeitungen, die üblichen Couverts mit Rechnungen und Mahnbescheiden, dazwischen ein buntes Stück Karton: weißer Sandstrand unter blauem Himmel.

Mager drehte die Karte um. Eine exotische Briefmarke und fünf, sechs Zeilen, die aussahen, als bearbeitete ihr Autor sonst nur Hinkelsteine. Die Keilschrift gehörte Holger Saale, einem verhinderten Skandalreporter, der ein Jahr vor Karin zu PEGASUS gestoßen war.

»Ihr Lieben! Thailand ist der Himmel, die Hitze die Hölle, und bei den Frauen weiß man nie, ob sie Engel oder Teufel sind. Aber dieses Geheimnis werde ich noch lüften. Schafft fleißig an und schickt mir Vorschuss. Euer Holger …«

Mager feuerte die Karte über den Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Aber dort lag keine sonnenbeschienene Uferpromenade, sondern nur die regennasse Steinhammer Straße. Auch bei schönerem Wetter täuschte sie nie darüber hinweg, dass es in Dortmund bessere Adressen gab.

2.

 

 

Wie ein Dolchstoß traf ihn etwas Kaltes genau zwischen den Schultern. Er stöhnte auf, biss aber sofort die Zähne zusammen. Gebannt registrierte er, wie die Flüssigkeit langsam durch die Rückgratrinne ablief. Noch ehe ihm klar war, ob sich seine Leiden linderten oder verstärkten, packten ihre Hände zu.

Saale begann zu fluchen und erntete dafür einen Klaps auf die Verlängerung seines Rückens – mitten in die gelb-schwarz gemusterte Giraffenherde, die seine neuen grünen Badeshorts zierte.

»Stell dich nicht so an«, kicherte Rika. »Warum musstest du auch den ganzen Nachmittag in der Sonne liegen? After Sun Creme nutzt dann nicht viel. Wer nicht hören will, muss fühlen …«

Ihr Deutsch war fast fehlerfrei. Nur manchmal verwandelte sie das harte »T« in ein weiches »D« oder ließ es ganz weg. Ein leichter, schwebender Singsang in den Sätzen verriet, dass man ihre Windeln nicht an Ruhr oder Elbe, sondern am Mekong gewickelt hatte.

Saale mochte diesen Akzent. Aber wenn Rika spottete oder ironisch wurde, fand er ihn geradezu unverschämt.

Als sie endlich von ihm abließ, fühlte er sich wie ein Boxer, den nur der Gong vor dem »Aus« bewahrt hatte.

»Wo bleibt die viel gerühmte Zärtlichkeit der Thailänderinnen?«, beschwerte er sich. »Das war die reinste Folter.«

Rika wandte sich verlegen ab.

Er musterte ihre pechschwarzen Haare, die vorne bis zu den Augenbrauen reichten, seitlich und hinten aber bis auf die Schultern fielen. Nach Süden wandernd, streifte sein Blick die kleinen Hügel unter dem T-Shirt und erreichte die Jeans, unter denen sich deutlich die Konturen eines Mini-Slips abzeichneten. Sie war einundzwanzig, gerade eins sechzig groß und so schlank, dass Saale sicher war, er könnte ihre Taille mit beiden Händen umfassen. Ausprobiert hatte er das aber noch nicht.

Die vordere Hälfte der Giraffenherde wurde plötzlich unruhig. Irritiert über den verräterischen Blutstau, wälzte er sich auf den Bauch und versuchte, an die Firma zu denken. Gewöhnlich tötete das jeden Anflug von Erotik ab …

Diesmal half es nicht. Sechs Jahre war es her, dass Mr. Sirinupong seinen Job am Konsulat in Hamburg und damit auch die Wohnung neben Saales aufgegeben hatte. Zeit genug für seine kleine Tochter, sich in eine erwachsene Frau zu verwandeln. Ihr souveräner Charme, die hellbraune Haut, die schmalen Augen mit den mahagonifarbenen Pupillen – das war mehr, als Saales Selbstbeherrschung auf Dauer verkraften konnte.

Doch Rikas Vater wusste, was er der thailändischen Gastfreundschaft und der geltenden Moral schuldig war.

So bekam Saale von Thailand mehr und anderes zu sehen, als die Bums-Kompanien in den Sperma-Bombern überhaupt ahnten: die Einweihung eines Geisterhauses bei Rikas Oma in Ayutthaya, vier Tage bei Sirinupongs Schwager in einem buddhistischen Kloster in Chiang Mai, eine Thai-Hochzeit bei einem Vetter zweiten Grades in Surat Thani …

Drei Wochen lang war Rika Tag für Tag mit ihm zusammen gewesen, zum Berühren nah, aber unerreichbar. Aus der heimlich erhofften Einführung in asiatische Liebestechniken war eine kulturelle Exkursion geworden, an der er nichts bedauerte, aber etwas Wichtiges vermisste.

»Rika …«

Saale legte jenes Tremolo in seine Stimme, das sonst jeden Widerstand dahinschmelzen ließ. Von den fünf Tagen Badeurlaub in der alten Kaiserstadt Hua Hin, die Sirinupong seiner Tochter und dem Gast zum Abschluss zugebilligt hatte, waren drei beinahe vergangen; aber den letzten Punkt auf seiner Studienliste hatte Saale kaum ansteuern, geschweige denn abhaken können. Er musste sich beeilen.

Einen Augenblick lang sah es nun tatsächlich so aus, als hätten auch die eisernsten Grundsätze ihre Ausnahmen. Ihre Hände berührten sich. Der Himmel über dem Golf von Thailand war gerührt; er färbte sich rötlich und schickte seine ersten Schatten ins Zimmer. Saales getrübtes Wahrnehmungsvermögen verwandelte den Wellenschlag des nahen Strandes in eine zarte Serenade. Die Giraffenherde zitterte.

Jetzt oder nie, dachte er.

Doch ehe Saale seine Truppen in Bewegung setzen konnte, stand Rika auf. Seine Hand schwebte sinnlos in der Luft.

»Ich muss mich jetzt umziehen. Meine Großcousine wartet. Du kommst heute Abend sicher allein zurecht.«

Saale fluchte. In solch einer Situation kam er nur im Notfall allein zurecht. Doch Rika stand schon an der Tür und winkte ihm zu – zurückverwandelt in die Göttin der Keuschheit. Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, hatte Saale Mühe, das Drängen seiner Giraffen zu ignorieren …

 

Er trat aus dem Hotel und spähte am Ufer entlang.

Lange Zeit war der rund 230 Kilometer südlich von Bangkok gelegene Badeort ein Geheimtipp für Traveller gewesen. Hier gab es noch kaum Pauschaltouristen, sondern in Hua Hin verbrachten die Thais ihren Urlaub – soweit sie sich das leisten konnten. Kaiser Rama VII. hatte sich sogar am Strand eine Sommerresidenz errichten lassen, die noch immer von der königlichen Familie benutzt wurde. Inzwischen streckte der Massentourismus seine gierigen Klauen auch nach Hua Hin aus, und der 30.000-Seelen-Ort war in den letzten Jahren recht unruhig geworden.

Auf dem graubraunen Sandstrand wurden die letzten Liegestühle zusammengeklappt. Eine ältere Frau, die gerade ihren Imbissstand abgebaut hatte, schleppte an einem langen Bambusstab halb volle Körbe mit Ananas, Bananen und Weintrauben davon. Saale trottete hinterher. Die Abendbrise hauchte ihm kühlere Luft unter das Hemd und milderte die Qualen zwischen den Schulterblättern und in seiner Seele.

Eine Leuchtreklame lockte: »Hua Hin Bazaar – Food, Drink, Souvenir.« Saale hatte sich schon entschlossen, da fiel sein Blick auf ein Zusatzschild: »Deutsche Speisekarte.« Angewidert drehte er ab und bog zum Railway-Hotel ein.

 

Der Hotel-Komplex war riesig, wirkte aber von außen beinahe familiär. Unter den roten Dachziegeln versteckten sich nur zwei Etagen, die Flure waren den Zimmerreihen wie Terrassen vorgelagert.

Der unvermeidliche Wachmann am Eingang würdigte Saale keines Blickes. Dafür begrüßte ihn ein Prachtstück von einem Elefanten: Seine Beine bestanden aus zwei gut sechs Meter hohen Bäumen, denen fleißige Hände riesige Stoßzähne aus weiß gestrichenem Holz angepasst hatten. Kleine lilafarbene Blüten bildeten das Gesicht und die badewannengroßen Ohren. Der Dickhäuter führte einen ganzen Baumzoo aus Affen, Hunden, Schildkröten und Giraffen an. Der Weg zur Rezeption ging zwischen ihnen durch.

Die Hotelhalle war ganz darauf abgestimmt, Hungerleider wie Saale abzuschrecken. Weißer und brauner Marmor, Perserteppiche, Edelholzmöbel, eine Vitrine mit altem Porzellan.

An der Rezeption redete ein hochgewachsener Blonder auf einen freundlich lächelnden, aber ansonsten hilflosen Thai-Jüngling ein: »Listen, boy, I paid all my oversea-calls this afternoon …«

Der Thai, vielleicht achtzehn, zwanzig Jahre alt, nickte eifrig, breitete aber anschließend die Arme aus und tippte auf seine Armbanduhr: »Waite fiff minits, pleat.«

Dem Blonden war das zu lange, und er begann von vorn. Sein Englisch hörte sich ganz flott an, aber den leichten Akzent des Mannes konnte Saale einfach nicht einordnen.

Ein amüsiertes Lächeln unterdrückend, trat Saale neben den unvermeidlichen Postkartenständer und zog eine Strandansicht heraus. Wenn an diesem Abend sonst nichts lief, konnte er wenigstens den Ausgang des Duells zweier Welten abwarten. Er tippte auf einen Sieg der asiatischen Geduld.

Die Stimme des Blonden wurde jetzt eindringlicher, ohne scharf oder gar überheblich zu wirken. Mit runden eins neunzig war er einen halben Kopf größer und, knapp vor den Fünfzigern, zwei Jahrzehnte älter als Saale. Mit seinem farblosen Menjou-Bärtchen und dem durchgedrückten Kreuz hätte er beim Film als englischer Colonel auftreten können. Was ihm dazu fehlte, war der arrogante, näselnde Casinoton.

Saale klinkte sich ein, als der Colonel Luft holte. Aus seinen hundert Worten Thai kramte er etwas hervor, das zur Not auch »Es ist schon bezahlt« heißen konnte. So grausam sich das für seinen eigenen Geschmack auch anhörte – der Hotelangestellte schien ihn zu verstehen. Jedenfalls strahlte er plötzlich wie die Sonne von Siam und verschwand mit der Rechnung in einem Raum hinter der Rezeption.

Der Colonel wandte sich Saale zu und strahlte ebenfalls: »Thank you, Sir, it’s very kind.«

Saale winkte ab: »Doesn’t matter!«

»You are English?«

»No, German!«

Der Blonde nickte und sagte in leicht gebrochenem Deutsch: »Das habe ich mir fast gedacht. Sie sehen nicht aus wie ein Engländer. Sprechen Sie Thai? Leben Sie hier?«

Bescheiden schüttelte Saale den Kopf: »Zu Besuch. Meine Freunde wollten mir zeigen, dass selbst mittelmäßig begabte Europäer ein paar Takte Thai lernen können. Aber viel mehr als ›Khopkhun‹ und die Worte eben sind noch nicht hängen geblieben. Und Sie?«

»Geschäftlich. Noch zwei, drei Tage Bangkok, dann geht's zurück …«

Der Junge kam nun mit einem älteren Thai zurück, der sich wort- und gestenreich bei dem Colonel entschuldigte. Der wehrte nun seinerseits ab und zeigte auf seinen Zimmerschlüssel. Er reise in der Frühe ab und wolle pünktlich um acht geweckt werden.

Während der ältere Thai die Zeit notierte, wandte sich der Blonde an Saale.

»Nochmals herzlichen Dank. Oder besser: Khopkhun!«

3.

 

 

»Ja, ich will!«, sagte die Frau.

Ihr mutiges Bekenntnis hatte eine phänomenale Wirkung. Zunächst erhellte es lediglich die Gesichter des Bräutigams, der Trauzeugen und Gäste. Dann aber riss auch der graue Wolkenschleier über dem nördlichen Ruhrgebiet. Die fahle Novembersonne riskierte einen neugierigen Blick auf die kleine Stadt und schuf damit jene festliche Stimmung, die man von einer Trauung im alten Ratssaal erwarten durfte: Die bunten Glasscheiben in den hohen Fenstern leuchteten, ein stiller Glanz legte sich auf das braune Holz des Gestühls, und sogar der Chef der »Morgenpost« bemerkte, dass die dreifache Perlenkette am Hals der Braut jetzt viel heller schimmerte.

Das Paar tauschte die Ringe, küsste sich und setzte die Namen unter den Vereinigungsvertrag. Gelassen sah man zu, wie auch die Trauzeugen ihre Pflicht erfüllten. Als sie sich erhoben, war Dattelns Hochzeit des Jahres besiegelt.

Die Gäste applaudierten und öffneten dem neuen Ehepaar den Weg an das andere Ende des Saales, wo ein halbes Dutzend Befrackter mit ebenso vielen Champagnerkorken Salut schoss. Die Gratulationscour konnte beginnen.

Mit strahlenden Gesichtern ließen die Eheleute die Gäste an sich vorbeimarschieren. Es gab Handküsse und gehauchte Bussi, devote Verbeugungen und vornehm geneigte Häupter, herzliche Glückwünsche und vergiftete Floskeln. Die Hauptfiguren nahmen alles mit Würde entgegen und drückten, was sich ihnen entgegenstreckte: zarte Frauenhände und rissige Maurerfäuste, manikürte Tippfinger und blutleere Greisenhände. Ganz Datteln, hatte es den Anschein, gab sich die Ehre, obwohl die Braut bereits vierundfünfzig und der Bräutigam schon sechzig war. Aber sie brachte drei Firmen und einen Ratssitz mit in die Ehe, und er war in mindestens drei Aufsichtsräten.

»Beatrix!«

Ein barocker Schrank schob sich vor die Braut. Landrat Schatulla, der seine Karriere vor Kohle begonnen hatte, schien die bei aller Resolutheit zierliche Frau zwischen seinen Pranken zu zerdrücken.

»Was meinst du«, dröhnte er dann, »wie ich mich freue, die Chefin der Opposition endlich einmal küssen zu dürfen!«

»Glaube ich«, antwortete die Frau, als das Gelächter der anderen Gäste verstummt war. »Und diesmal droht dir nicht einmal ein Parteiausschluss!«

Erneute Heiterkeit – im Kontern war diese Frau schon immer gut gewesen. Während der Landrat nun dem Bräutigam die Hand quetschte, stakste ein kaum kleinerer, aber deutlich schmalerer Mann auf die Hauptakteurin zu.

»Herr Pennekamp«, empfing sie ihn, noch ehe er die Lippen bewegen konnte. »Wie schön, dass Sie gekommen sind!«

Aus dem Takt gebracht, grinste der Bochumer Oberbürgermeister ein wenig hilflos in die Runde, ehe er sich wieder an den Wortlaut seines Glückwunsches erinnerte: »Glück und Segen aus der Stadt des Stahls, liebe gnädige Frau!«

Er sagte diesen langen Satz so flüssig herunter, dass niemand merken konnte, wie lange er daran geübt hatte. Glücklich über seinen Erfolg stolperte er an dem Bräutigam vorbei und hätte fast den Tisch umgerissen, auf dem die Geschenke deponiert wurden.

»Aber, aber«, beschwichtigte ihn der Landrat: »So jung ist die Braut ja auch nicht mehr!«

Pennekamp schenkte ihm einen Blick, der jeden Wellensittich von der Stange gefegt hätte, und zeigte auf einen weißen Lederball zwischen all den Blumen und Gläsern: »Kuck dir mal die Autogramme an! VfL Bochum und Wattenscheid 09 – das soll mir mal einer nachmachen!«

Schatulla grinste und schlug seinem Parteifreund so kräftig auf die Schulter, als wollte er ihm zu einem Krankenschein verhelfen. Doch ehe Pennekamp zu einer Entgegnung fähig war, stand der Landrat schon neben dem Bräutigam, der gerade die Gratulation des Oberbürgermeisters von Dortmund entgegennahm.

»Rudolf«, sagte der OB. »Ich freue mich für dich. Obwohl – auch in unserer schönen Stadt gibt es eine Menge attraktiver Damen, denen ein Mann wie du zu gönnen wäre …«

Schatulla grinste: »Alles nur Staub. Er hat Angst, dass Sie Ihren Firmensitz jetzt von Dortmund nach Datteln verlegen. Das wäre nach der verregneten Bundesgartenschau die zweite Pleite in diesem Jahr.«

Der Verspottete lächelte mild: »Ach, Schatulla. Uns wirft gar nichts um! Dortmund hat schon Handel mit England und Russland betrieben, da war Datteln nicht mal ein Fliegenschiss auf der Landkarte.«

 

Am Arm ihres frisch erworbenen Ehemannes schritt die Frau zur Tür. Im Flur reckten die Rathausbediensteten die Hälse, und wer zu weit hinten stand, hob eine Kamera über die Köpfe der besser Postierten und knipste auf gut Glück.

Als das Paar auf der Treppe unter den Arkaden des Hauptportals erschien, musste es noch einmal für die Fotografen der drei örtlichen Presseorgane posieren. Man lächelte in die Objektive, bis ein heftiger Windstoß den nächsten Regenguss ankündigte. Die Gesellschaft löste sich auf und strebte der wartenden Schlange besternter Limousinen entgegen. Bald waren die Fahrzeuge verschwunden, und im Rathaus kehrte wieder Routine ein.

»Ein Skandal«, zischte die Braut, als sich die Wagentüren hinter ihr geschlossen hatten. »Ein Skandal!«

Mit zitternden Händen öffnete sie ihr goldbesticktes Handtäschchen, kramte nach den Zigaretten und fingerte eine Benson & Hedges heraus. Sie brauchte drei Versuche, bis das goldene Feuerzeug endlich funktionierte.

»Was ist ein Skandal, meine Liebe?«, fragte der Bräutigam sanft.

»Das fragst du noch?«, fuhr sie auf und spie dem Fahrer des Edelschlittens eine blaue Wolke um die Ohren. Voller Zorn blickte sie zum Rathaus zurück, dessen schlossartige Silhouette jetzt auf der rechten Wagenseite auftauchte. »Alle waren da: Der Stadtdirektor, die Dezernenten, die Vorsitzenden der Sportklubs und des Marinevereins – nur ER hat unsere Trauung einfach ignoriert.«

»Reg dich doch nicht auf«, bemühte sich der Gatte. »Immerhin durften wir im Rathaussaal …«

»Das war ja wohl das Mindeste, was wir erwarten konnten«, sagte sie. »Ein Skandal bleibt das trotzdem. Weißt du, wenn einer von diesen Steinstaubinvaliden Geburtstag hat, dann taucht er Blumen schwenkend im Altersheim auf. Aber wenn er nur über den Flur muss, um zu gratulieren, verschanzt er sich in seinem Arbeitszimmer!«

»Vielleicht hatte er …«

»Gar nichts hatte er! Er ist nicht von der Sorte, die sich ihre Termine von anderen Leuten vorschreiben lässt.«

 

Die Fahrzeugkolonne bog jetzt nach Norden auf die B 235. Dass die Ampel in der Hafenstraße schon beim dritten Fahrzeug auf Gelb sprang, kümmerte keinen der Fahrer: Ein quergestellter Streifenwagen blockierte den übrigen Verkehr auf der Bundesstraße, bis der letzte Benz verschwunden war.

Eine Minute später rollte die Kolonne über die hohe Stahlbrücke, die den Wesel-Datteln-Kanal überspannte. Nach Südosten hatte man einen weiten Blick auf das Hafenbecken und die Schleusenanlagen, im Nordwesten säumten Wiesen, Wäldchen und Gehöfte den Kanal. Besonders eine Baulichkeit hob sich aus dem Regendunst heraus: Ein dreistöckiges Gedicht aus roten Ziegeln und Dachpfannen. Die weißen Fensterrahmen leuchteten bis zur Brücke herüber. Diese Mischung aus Lustschloss und westfälischem Bauernhaus gehörte der Braut ebenso wie das Gestüt gleich nebenan.

Ein befrackter Diener wartete am Ende der Zufahrt. Sein Regenschirm war von solchen Ausmaßen, dass sämtliche Teilnehmer eines europäischen Wirtschaftsgipfels darunter Platz gefunden hätten.

Ehe die Braut ausstieg, wandte sie sich noch mal zu ihrem Gatten um: »Und was immer du noch zur Verteidigung dieses Menschen sagen wirst: Roggenkemper ist und bleibt doch nur ein mieser kleiner Prolet!«

4.

 

 

Zwei Kellner in Schwarz nahmen Saale in die Mitte und geleiteten ihn zu einem der wenigen freien Tische des Gartenrestaurants. Sie schoben ihm stilecht den Stuhl unter das Heck und ließen ihn mit einer ledergebundenen Speisekarte allein. Der Campari-Orange schwebte schneller heran, als er wählen konnte.

Die Gäste, von Baumfiguren umgeben, waren deutlich anders zusammengesetzt als jenes Touristenheer, das täglich nach Bangkok eingeflogen wurde. Viele Thais: ein Liebespaar, die Unterarme flach auf dem Tisch, sodass sich die Hände genau in der Mitte trafen; ein Ehepaar mit zwei Kindern beim Dessert; zwei abgeklärte Alte, die das alles schon hinter sich hatten.

Dazu kamen drei würdevolle Herren aus Japan beim Sherry; dieselbe Zahl Skandinavier, weniger der Würde als des Reisweins voll; zwei deutsche Ehepaare, die sich im Kampf mit den Krabben so laut anfeuerten, dass man den Ausgang des Gefechts vom Vätternsee bis zum Fudjijama mitverfolgen konnte.

Schräg gegenüber von Saale saß ein älterer Weißer, der sich voller Inbrunst mit Fischsuppe füllte. Ohren wie Genscher, Augenbrauen wie Waigel, die Mundwinkel von Hitchcock. Die hellgraue Anzugjacke hatte er über die Stuhllehne gehängt, aus der linken Seitentasche äugte der Zipfel einer farbenfrohen Krawatte herüber. Die obersten Hemdknöpfe waren geöffnet, die Manschetten hochgeschlagen. Zwischen Tisch- und Wadenbein klemmte ein schwarzes Diplomatenköfferchen.

Ehe Saale darüber nachdenken konnte, warum der Mann solch ein Gepäckstück mit zum Abendessen schleppte, wurden seine Meeresfrüchte serviert. Zwei Kellner waren nötig, um den Berg Muscheln, Krabben, Langusten und Hummerfleisch herbeizuschaffen.

In der Küche beschäftigte das »Railway« ein paar umgeschulte Steinmetze: Als Dekoration gab es eine in Blattform gemeißelte Möhre und eine geschälte Tomate, die einer aufblühenden Rosenknospe glich. Saale hätte sich nicht gewundert, wenn man zum Dessert blanchierte Bonsais serviert hätte.

Bereits der erste Bissen ließ ihn alle toten Plastikfische vergessen, die man ihm im Ruhrgebiet vorgesetzt hatte. Aber scharf war das Zeug! Mit teurem Campari durfte er diese Fackel nicht löschen. Saale winkte einem der Kellner. Das Bier kam so schnell wie die Feuerwehr.

Als Saale trank, wurde auch seinem Gegenüber eingeschenkt. Der Ältere leerte sein Glas auf einen Zug und wischte sich mit einer Serviette sofort einen Salzsee von der Stirn. Saale kannte das. Je mehr Flüssigkeit man hineinschüttete, desto mehr lief durch alle Poren wieder heraus. Gleichzeitig, wie bei kommunizierenden Röhren.

Ihre Blicke trafen sich, beide grinsten. Der Mann mit dem Koffer ließ die Luft aus seinem Glas entfernen und prostete ihm zu: »That’s very good!«

Saale zweifelte keinen Moment und bestätigte: »Kann man wohl sagen!«

»Ah, ein Landsmann!«, entfuhr es dem anderen. »Woher?«

»Dortmund, früher Hamburg.«

»Da steckt ein Weib hinter!«, orakelte das Köfferchen. »Wer geht schon freiwillig von Hamburg in den Kohlenpott?«

»Aber Sie stammen von da«, vermutete Saale.

»Falsch«, röhrte der Mann. »In Stuttgart geboren! Aber das hört man nicht mehr. Ich lebe schon zwanzig Jahre in Bottrop.«

Saale verdrehte die Augen.

»Schon gut!«, kicherte der andere. »Kein Kommentar nötig!«

 

Zehn Minuten später war der Bottroper an Saales Tisch umgezogen. Bis zum übernächsten Bier brauchten sie auch nicht länger. Und ein Fläschchen später bot der Ex-Schwabe Walter Schöttle dem Ex-Hamburger Saale das Du an.

»Und was treibt dich hier herunter?«, fragte Saale, nachdem er seine eigene Story erzählt hatte.

»Geschäfte.«

»Welche Branche?«

»Werkzeuge. Habe hier ein paar Kunden besucht …« Der Dicke lachte: »Gute Geschäfte. Für ‘ne richtige Siegesfeier fehlt aber das richtige Pils.«

»Aber Singha-Bier tut’s doch auch«, sagte Saale und zeigte auf die Flaschen vor ihnen.

»Zur Not«, meinte Schöttle. »Als Ersatz.«

Er trank aus, wischte sich wieder die Stirn und winkte den Kellner. Erst danach fragte er: »Trinken wir noch einen? Geht auf Spesen …«

»Ja, gern«, meinte Saale. Auf ein Kopfnicken musste er bereits verzichten. Er wollte seinen Gleichgewichtssinn nicht überfordern.

»Bier oder Härteres?«, wollte der Bottroper wissen.

»Hast du schon mal Rum probiert?«, fragte Saale. »Nicht Pott oder so ’n Zeug, sondern den hier üblichen?«

»Nee. Aber ich probiere alles. Eiserner Grundsatz: Wenn ich im Ausland schon nicht zum Sightseeing komme, will ich wenigstens den Sprit kennenlernen …«

Sie begannen mit einer Flasche Mekong und hörten mit Thai-Wein und Reisschnaps auf. Das Küchen- und Bedienungspersonal wartete geduldig auf ihren Abmarsch. Aber Schöttle musste erst noch seinen vierzehnten Witz landen.

Sitzen zwei Männer inner Kneipe. Sagt der eine: »Gleich kommt Herbert.«

»Kennichnich«, sagt der andere.

»Klar«, meint der erste, »kennsse. Der mit den zwei Arschlöchern …«

»Zwei Arschlöcher?«, wundert sich der zweite. »Glaub ich nicht.«

»Doch«, sagt der erste, »habe ich genau gehört. Als wir vorige Woche hier mit ihm Skat spielten, hat der Oskar zum Wirt gesagt: Guck mal, da sitzt Herbert mit den zwei Arschlöchern …«

 

Nachdem Saale sich wieder beruhigt hatte, wankte er zur Toilette. Befriedigt stellte er fest, dass sein Urin fast weiß war. »Wasserhaushalt okay«, murmelte er. Dass auch der Alkoholspiegel stimmte, merkte er an etwas anderem: Er musste sich bei der Verklappungsaktion mit einer Hand an der Wand abstützen.

 

Die Belegschaft des Restaurants sah den beiden halb amüsiert, halb erleichtert nach, als sie schwankend zum Ausgang zogen. In Höhe des Swimmingpools kam Spannung auf. Doch den Gefallen taten sie den Leuten nicht.

Der Wachmann vor dem Hotel murmelte ihnen etwas hinterher, das genauso gut ein Gruß wie ein Fluch sein konnte, und kauerte sich wieder auf seinem Mäuerchen zusammen. Seine Schicht war noch lang.

Nach ein paar Schritten erreichten sie den Strand. Mond und Sterne hatten voll aufgeblendet, um ihnen heimzuleuchten; schwankende Positionslichter auf dem Meer verrieten, welche Richtung sie dabei auf keinen Fall einschlagen durften.

»Schön hier«, lispelte Saale. Aber das sagte er vor allem, weil es so im Konversationslexikon stand. Für eine echte Würdigung von Nacht und Natur war er schon viel zu voll.

»Stimmt schon«, bestätigte Schöttle. »Wenn nur die Moskitos nicht wären.«

»Am Meer gibt es keine Moskitos.«

»Ist auch egal«, winkte der Bottroper ab. »Nachts bin ich zu besoffen, um die Moskitos zu spüren. Und morgens sind die Moskitos zu besoffen, um mich zu finden …«

Saale gackerte los und verstummte erst, als in der Nähe ein Hund losbellte. Dann stellten sie sich nebeneinander und pissten einträchtig in den Ozean.

»Hello, good evening!«

Saale zerrte den Reißverschluss wieder hoch und drehte sich mühsam um. Vor ihm standen drei junge Thais.

»Hello«, antwortete er müde.

»Do you have a sigrett?«, fragte ein Pagenkopfträger.

»Rück mal deine Schachtel raus«, leitete Saale, der Nichtraucher, die Bitte weiter.

»Americans?«

»No. Germans!«

»Ah, Allemandes«, versuchte es das Sprachgenie auf Französisch und grinste.

Schöttle hatte seine Zigaretten gefunden und reichte sie hinüber. Doch der Pagenkopf konnte sie gar nicht mehr annehmen. In seiner Hand hielt er nämlich schon etwas ganz anderes.

5.

 

 

»Das geht ganz einfach«, sagte der Doc und schaute seinem Patienten für einen Augenblick in die Pupillen, ehe er seinen Blick gelangweilt auf das Operationsgebiet richtete.

»Wir schneiden Ihnen zunächst zwei kleine Löcher in das Skrotum …«

»Wohin?«, fragte der Patient erschrocken.

»In den Hodensack«, übersetzte die Sprechstundenhilfe, ehe der Urologe fortfuhr: »Und zwar genau hierher!«

Er tippte mit dem Druckknopf seines Kugelschreibers auf die dafür vorgesehenen Stellen, und der Patient zuckte zurück, als hätte der Doc eine glühende Zange benutzt.

»Danach schneiden wir Ihnen ein Stückchen aus den Samenleitern heraus, binden die Enden hoch und nähen sie fest.«

Der Patient stellte sich die Aktion bildlich vor und wurde blass.

»Anschließend nähen wir das Skrotum wieder zu und lassen alles vierzehn Tage verheilen. Im Anschluss daran kommen Sie noch einmal vorbei, damit wir Ihr Ejakulat auf Spermien untersuchen können.«

»Mein – was?«

»Ihr Ejakulat«, wiederholte der Mann im weißen Kittel, und seine gute Fee erklärte: »Das ist die weißliche Masse …«

»Verstanden«, nickte der Patient hastig und packte seine Kostbarkeiten wieder ein. Dann fragte er: »Kommt denn dann überhaupt noch etwas heraus?«

Der Arzt seufzte leicht, aber seiner Stimme war keinerlei Ungeduld anzumerken.

»Herr Mager, wenn der Eingriff gelingt, wird für Sie alles sein wie vorher. Wenn Sie noch potent sind, werden Sie es bleiben; wenn Sie noch Ihren Orgasmus haben, werden Sie ihn noch ein paar Jährchen behalten; und wenn es Ihnen kommt, werden Sie garantiert keinen Unterschied spüren: Es ist genauso viel, es sieht genauso aus – und es schmeckt genauso.«

Mager wurde rot und sah die Sprechstundenhilfe an. Aber sie schien nichts gehört zu haben, sondern starrte gebannt durchs Fenster auf den »Platz von Leeds« hinab. Mager zog die Hose hoch und blickte auch hinaus. Unter den Süchtigen und Dealern, die wie gewöhnlich da unten herumlungerten, war Unruhe aufgekommen: Zwei Bullen in Zivil hatten gerade zwei Junkies abgegriffen, und der Platz leerte sich in Windeseile. Die Kunden verschwanden in Richtung Brückstraße, und die Dealer strebten der Kampstraße zu.

»Das Einzige, was Ihnen nach unserem Eingriff vermutlich fehlt«, erklärte der Doc ungerührt weiter, »sind die Spermien – und dass Ihnen die fehlen, werden Sie mit Sicherheit nicht merken.«

Die Bullen waren mit den Festgenommenen die Treppen vor der Reinoldikirche hinaufgeeilt und tauchten in der Menge der Passanten unter, während in der Kampstraße einige Wagen der gehobeneren Preisklasse in Richtung Westentor starteten. Es sah nicht so aus, als würden sie von der Ordnungsmacht daran gehindert.

»Noch Fragen, Herr Mager?«

Der PEGASUS-Mann fand in seine eigene Wirklichkeit zurück und dachte einen Augenblick über sein Problem nach. Mechthilds Bedingungen waren eindeutig und ultimativ: Wenn er nicht endlich diesen Eingriff vornehmen ließ, bedeutete es das endgültige Aus für seine sexuellen Aktivitäten – zumindest was die Kontakte zu seiner Ehefrau betraf.

»Einverstanden?«

Mager nickte unwillkürlich, fühlte sich aber äußerst unwohl dabei.

»Gut. Aber bevor wir an Ihnen herumschneiden, müssen wir wissen, ob es überhaupt nötig ist.«

Die Kerbe auf der Nasenwurzel des Patienten war unübersehbar, und der Medizinmann deutete sie richtig.

»Ob Sie noch zeugungsfähig sind«, erklärte er und blickte flüchtig auf seine Armbanduhr. »Wenn Sie nämlich keine lebensfähigen Spermien mehr produzieren, können wir uns die Schnippelei ersparen.«

Mager starrte ihn an, als hätte er ihm unterstellt, schon tot zu sein.

»Kommen Sie«, sagte die Sprechstundenhilfe, schwang ihre hennagetönten Haare und winkte Mager mit einem steril verpackten Reagenzglas. Er folgte ihr ohne Widerrede.

Die Kleine lotste ihn in einen großen Raum, in dem mit grünen Stoffbahnen mehrere Einzelkabinen abgeteilt waren.

»Hier«, sagte sie und deutete auf ein freies Abteil. Bis auf einen Stuhl war das Kabuff leer – aber viel mehr hätte auch gar nicht hineingepasst.

»Und was soll ich hier?«, fragte Mager unsicher.

Sie lächelte: »Wir brauchen von Ihnen eine Probe.«

»Was für eine …«

»Von Ihrem Ejakulat. Damit wir feststellen können, ob Sie überhaupt sterilisiert werden müssen, Herr Mager.«

Der Patient schaute sich entsetzt um. Die grünen Stoffbahnen konnten Blicke, aber keine Geräusche dämmen. Und was das Liebesleben so bekannter Persönlichkeiten wie seiner eigenen betraf, war Dortmund noch immer ein Dorf.

»Und – wie?«

»Herr Mager – Sie sind fast vierzig Jahre alt. Da brauche ich Ihnen doch kaum zu erklären, wie Sie das anstellen müssen. Oder haben Sie etwas an der Hand?«

Mager wandte erneut den Blick ab, und die Kleine zog vor seiner Nase den Vorhang zu, um sich weiteren Opfern pillenmüder Ehefrauen zu widmen. Mager blieb allein mit sich und dem Reagenzglas.