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Inhalt

Rückentext

Die Autoren

Die Hauptfiguren

Gegendarstellung

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

»Widerlich«, meinte Domagalla aus Hattingen. »Plündert Stankowski die Stadtkasse?«

Der Fraktionschef aus Bochum grinste: »Oberhausen ist pleite. Die können nicht mal einen Dreierpack Pariser finanzieren.«

»Und ihr?«, fragte der Kanalvogt aus Datteln. »Ihr verschenkt doch schon Bauland gegen eine Spende für den Fußballverein …«

 

*

 

Die Politprominenz des Ruhrgebiets trifft sich in einem Gelsenkirchener Luxushotel, um über ein gigantisches Struktur- und Investitionsprogramm zu beraten. Zu fortgeschrittener Stunde wird der Oberhausener Oberbürgermeister Stankowski in unzweideutiger Stellung mit einer schönen Unbekannten fotografiert und anschließend erpresst. Wer hat den Nacktfotografen beauftragt? Bürgermeister Roggenkemper (»das Ekel von Datteln«) oder ein anderes Stadtoberhaupt einer bankrotten Ruhr-Kommune, die auf das Großprojekt scharf ist? Auf Erpressung folgt Mord und das Video-Team PEGASUS jagt im roten Lada einer skandalträchtigen Story hinterher.

E-Book © 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

(korrigiert nach den reformierten Regeln deutscher Rechtschreibung)

© 1990 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

E-Mail: info@grafit.de

Internet: http://www.grafit.de/

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-998-3

Leo P. Ard / Reinhard Junge

 

 

 

Das Ekel schlägt zurück

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Die Autoren

 

 

Leo P. Ard, 1953 als Jürgen Pomorin in Bochum geboren, lebt als Drehbuchautor (›Balko‹, ›Ein starkes Team‹, ›Der Staatsanwalt‹, ›Tatort‹) hauptsächlich auf Mallorca. Das Drehbuch zu dem ARD-Krimi ›Polizeiruf 110 – Totes Gleis‹, das Pomorin gemeinsam mit Michael Illner verfasste, wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet.

 

Reinhard Junge wurde 1946 in Dortmund geboren, Studium in Bochum, Referendariat in Hattingen, trotz anfänglichen Berufsverbots Lehrer in Wattenscheid, wo er jetzt als Rentner auch wohnt. Kein Haus, kein Benz, kein Hund, aber drei wunderbare Kinder und jede Menge Kriminalromane.

 

Zusammen schrieben Ard und Junge mit der Ekel-Trilogie – Das Ekel von Datteln, Das Ekel schlägt zurück und Die Waffen des Ekels – deutsche Krimigeschichte.

 

Die Hauptfiguren

 

 

Peter Stankowski (54), Oberbürgermeister von Oberhausen,

ist gut drauf

 

Carmen Hauknecht-Sobolewski (27), Bürgerin,

ist gut drunter

 

Thorsten Ranke (28), Journalist,

guckt gerne zu

 

Felix Pennekamp (59), Oberbürgermeister von Bochum,

guckt gerne weg

 

Hans Golowski (51), Fraktionschef in Bochum,

lässt nichts kalt

 

Jutta Schwarzhof (49), Ratsfrau in Hattingen,

gibt sich cool

 

Willi Domagalla (56), Bürgermeister in Hattingen,

hält sich lieber raus

 

Gerd Roggenkemper (65), Kanalvogt in Datteln,

hängt sich lieber rein

 

Bernd Hugenberg (38), Trouble-Shooter,

hat eine schwarze Kasse

 

Horst Lohkamp (45), Hauptkommissar,

hat einen schwarzen Tag

 

PEGASUS FILM & VIDEO GmbH:

1. Susanne Ledig (34)

2. Klaus-Ulrich Mager (38)

3. Holger Saale (28)

4. Karin Jacobmayer (25),

halb »SPIEGEL-TV«, halb »Tutti Frutti«

Gegendarstellung

 

 

1. Die Vermutung, die Handlung dieses Romans könnte frei erfunden sein, ist falsch. – Richtig ist vielmehr, dass man nach dem Studium einschlägiger Prozessberichte gar nichts mehr erfinden kann.

 

2. Die Vermutung, die real existierenden Politiker in den hier erwähnten Provinzhauptstädten könnten ähnlich schmutzige Finger haben wie die fiktiven Gestalten dieses Romans, ist falsch. – Richtig ist vielmehr, dass sie alle ein reines Gewissen haben.

 

3. Die Vermutung, Bochum, Datteln, Hattingen und Oberhausen seien überall, ist falsch. – Richtig ist vielmehr, dass z.B. Bochum nicht zwischen Waltrop und Oer-Erkenschwick liegen kann. Einmal, weil der Platz nicht ausreichte, und zweitens, weil da schon Datteln liegt.

 

Leo P. Ard / Reinhard Junge

1.

 

 

Die Klimaanlage der Luxussuite war überfordert. Draußen verglühte der heißeste Tag seit sechsundvierzig Jahren, und drinnen ließen drei Dutzend Gäste die Räume eng und die Luft knapp werden. Die Duftschleier der Parfüms, Aftershaves und Zigaretten vereinigten sich zu einer Schadstoffwolke, gegen die es beim Katastrophenschutz noch keine Abwehrmittel gab.

In diesem Klima gingen Sekt und Longdrinks weg wie bei einem Wüstentrip. Von den kalten Platten wäre ein ganzes Waisenhaus satt geworden, doch der Künstler am Keyboard hielt mit seinem Um-ta-ta die Kaumuskeln in Bewegung.

Ein drahtiger, kaum eins siebzig großer Mittsechziger mit Igelfrisur und gepflegter Seemannskrause hatte sich an die Fensterfront zurückgezogen. Sie war höchstens halb so breit wie der Rhein-Herne-Kanal. Dem Partytrubel den Rücken kehrend, rauchte der kleine Mann schweigend seinen Verdauungsjoint. Trotz der Schwüle trug er Anzug und Krawatte. Der Schweißfilm auf seiner Stirn hätte nicht mal ausgereicht, um die Gummierung einer Briefmarke zu befeuchten.

Auf den ersten Blick sah es so aus, als betrachtete er die spärlich beleuchteten Ruinen, die nach der Ruhrkrise von Gelsenkirchen geblieben waren. Doch die Dunkelheit hatte das Fensterglas des »Maritim« in breite Spiegel verwandelt. Ungeniert konnte der Mann die gefräßige Meute hinter seinem Rücken beobachten: Bürgermeister, Verwaltungsfürsten und ihre Kofferträger, ein paar Vorzeigedamen und ein halbes Dutzend handverlesener Pressemenschen.

Wie zufällig schob sich eine zweite Gestalt heran: ein schlanker Mittfünfziger mit hohen Schläfen, der sein Jackett abgelegt und die Krawatte gelockert hatte. Dicht vor der Glaswand wandte er sich um und blieb, den Blick auf die Hummerfresser gerichtet, einen guten Meter neben dem Igelkopf stehen. Während der Drehung zeichnete sich sein scharfes Kinnprofil im Fenster ab.

»Golowski«, registrierte der Kleine, wandte aber seinen Blick nicht eine Sekunde von der Party ab. Die Fütterung ging zu Ende, Trägheit kam auf.

Der Mensch an der Heimorgel hatte es auch gemerkt. Ein Augenblick des Zögerns, dann flogen seine Finger über die Tasten. Der elektronische Bauchladen verabschiedete Johann Strauß und begrüßte den Lambada.

Die Leute juchzten los, als hätte man ihnen Adrenalin gespritzt. Sie ließen die Zahnstocher fallen, packten sich einen Partner und füllten das Parkett. Mann und Weib rammten ihre Unterkörper gegeneinander, um sich in siamesische Zwillinge zu verwandeln. Golowski bleckte die Zähne.

Ein breiter, vom Sitzen und Saufen feister Männerkörper schob sich zwischen die beiden. Der Neue zog eine Schachtel Fehlfarbenstumpen aus der Jacke und beugte sich vor.

»Widerlich«, meinte er, laut genug, dass die beiden anderen ihn verstanden, aber so leise, dass seine Worte im Trubel untergingen. »Plündert Stankowski wieder seinen Repräsentationsfonds?«

»Hat der doch gar nicht mehr!«, vermutete Golowski. Er filterte den Gastgeber aus der Menge heraus: einen stämmigen Grauhaarigen, der die Gelegenheit nutzte, sein Geschlechtsteil ungestraft an den Schenkeln einer rothaarigen Schönen zu reiben. »Oberhausen ist pleite. Die könnten ihm nicht mal einen Dreierpack Pariser finanzieren …«

Der Igelkopf schniefte leise. »Glaubt ihr, der zahlt die Fete aus der Stadtkasse?«, knurrte er. Er war mindestens so gut bei Stimme wie die Löwen im Gelsenkirchener Zoo.

»Sondern?«, fragte Golowski, ohne die Lippen zu bewegen.

Der Kleine lächelte das Fenster an: »Ich wette meinen Jahresetat – der hat das Geschäft mit Luxemburg unter Dach und Fach …«

Ein Eishauch wehte am Fenster entlang.

»Willst du damit sagen, wir drei wären raus?«, fragte der Fehlfarbenraucher.

Der Igelkopf schwieg.

»Sag schon – sind wir raus?«, quengelte der Dicke.

»Du warst doch nie richtig drin«, höhnte Golowski, während er dem Gastgeber anerkennend zulächelte. »Und jetzt kannst du dein Kaff von der Landkarte streichen.«

Der andere blieb vor Erschütterung stumm.

»Im Ernst«, fuhr der Lange fort. »Stau die Ruhr auf und lass Hattingen absaufen. Bochum übernimmt den See – als Feuerlöschteich …«

»Mehr könntest du auch gar nicht bezahlen, Golowski!«, warf Igelkopf ein. Er stand noch immer so unbeweglich auf seinem Posten, als gingen ihn weder die Männer neben noch die Fete hinter ihm etwas an. »Ihr verscherbelt doch schon Bauland gegen eine Spende für den Fußballverein …«

Golowski brauchte mindestens drei Herzschläge, bis er sich von seinem Schock erholt hatte.

»Weißt du, Roggenkemper«, sagte er dann, »dafür, dass du nur Bürgermeister eines Misthaufens bist, hast du eine verdammt große Klappe …«

»Neid«, konterte der Kleine, ohne seinen Rückspiegel aus den Augen zu lassen. »Nichts als Neid. Leute wie du bringen es bei uns höchstens zum Schleusenwärter …«

Golowski schien zu überlegen, ob ihm das Angebot gefiel. Dann versprach er: »Wart es ab, Roggenkemper: Ich schicke dir mal irgendeinen Arsch aus meinem Rathaus vorbei. Die Reste eines Beamtenfrühstücks reichen, um ganz Datteln zuzuscheißen …«

Er löste sich sanft von seinem Platz und ließ sich in den Raum treiben, ohne seinen Freunden noch einen Blick zu gönnen.

Der mit den Fehlfarben wartete, bis der Lange weit genug weg war.

»Golowski ist selber ein Arschloch!«, biederte er sich bei seinem Nachbarn an. »Wie konnte der in Bochum bloß Fraktionschef werden?«

»Mit Format, Domagalla, mit Format!«, raunzte Roggenkemper und wandte sich um. Als er an dem Bürgermeister des Feuerlöschteichs vorbeidriftete, quetschte er einen Abschiedsgruß durch die Zähne: »Falls du überhaupt weißt, was das ist – Format!«

 

Eine Stunde nach Mitternacht war das Büfett abgeerntet, hatten sich Besucher, Kellner und der Orgelspieler aus dem Staub gemacht. Der Gastgeber saß, einen Sektkelch in der Hand, in einem der tiefen Sessel und prostete seiner Lambada-Partnerin zu, die ihm von der Couch entgegenlächelte – cool, aber alles andere als eisig.

»Danke für die Party!«, sagte die Rothaarige und schlug ihre schlanken Beine übereinander. »Auf Ihr Wohl, Herr Stankowski!«

»Auf Ihr’s«, sagte der Oberbürgermeister. Er riss seinen Blick von den schwarzen Nylons los und schaute ihr in die braunen Augen: »Warum sind wir eigentlich noch bei diesem lästigen Sie? Ich heiße Peter!«

»Carmen!«, entgegnete sie und schenkte ihm einen Blick, den er bis in die Lenden spürte.

Er stand auf und sank neben sie.

»Ein interessanter Name!«, schwärmte er. »Geheimnisvoll …«

Mit dieser Meinung war er nicht allein. Aber die dritte Person im Raum legte keinen Wert darauf, es ihm mitzuteilen.

2.

 

 

Schwitzend stand Klaus-Ulrich Mager samt seiner Videoausrüstung im Foyer des »Maritim« und suchte in seinen Taschen nach Tabak und Blättchen. Er hatte Lungenschmacht und Durst auf ein ehrliches Bier. Vor allem aber ärgerte es ihn, dass ihm ein bartloser Jüngling mit einem Redemanuskript vor der Nase herumfuchtelte.

»Passen Sie auf, Mager«, befahl der Knabe in einem Ton, der selbst bei den Sklavenaufsehern in den Südstaaten verpönt war. »Ich stelle mir die Szene wie folgt vor. Sie machen eine Totale vom Podium, wenn er sagt: ›Es ist eine große Herausforderung für die Menschen im Revier …‹ Danach fahren Sie die Gesichter im Podium ab. Bei den Worten ›Mithilfe der Landesregierung …‹ sind Sie genau am Rednerpult, fahren groß aufs Gesicht und nehmen die nächsten acht Sätze mit …«

Mager ertrug das Geschwätz wie das Lamm die Schur. Der Bursche mit der roten Hornbrille war neu im Geschäft und brauchte etwas, das er abends ins Tagebuch eintragen konnte. Auch Mager hatte mal geglaubt, er würde die Kunst des Dokumentarfilms revolutionieren.

»Danach dürfte es den ersten Beifall geben«, vermutete der Jüngling und kniff die Augen zusammen. Mager gab die Suche nach den Blättchen auf und sah sich nach einem Zigarettenautomaten um.

»Für Sie heißt das: Rückfahrt, drei Sekunden aufs Publikum, Schwenk auf das Plakat Standort Ruhrgebiet: Die Steine kommen ins Rollen, Schluss. Haben Sie das behalten?«

»Klar«, log Mager. »Soll ich es wiederholen?«

Hornbrille musterte ihn misstrauisch, doch Mager hielt dem Blick stand.

»Folgendes noch«, säuselte der Jüngling, aber da entdeckte Mager einen Automaten – und über einem der Warenschächte das rote Label seiner Lieblingszigaretten. Er marschierte hinüber und warf die Münzen ein. Noch auf dem Rückweg riss er das Päckchen auf und steckte sich eine an. Der andere verlor für einen Augenblick die Fassung und wischte sich mit einer lang geübten Bewegung die Haarsträhnen aus der Stirn.

»Hören Sie«, sagte er dann, »Sie können während der Arbeit nicht einfach weglaufen …«

»’tschuldigung«, sagte Mager zerknirscht und stellte seine Ohren wieder auf Durchzug. Hilfskeule beim Westdeutschen Fernsehen zu mimen, war so ziemlich das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. Aber der drohende Bankrott der Filmagentur PEGASUS, von der ihm ein Drittel gehörte, und der energische Ton der Geschäftsführerin hatten ihm keine andere Wahl gelassen. Für zwei Tage Hilfsdienst zahlte der Sender rund zwei Mille – nicht genug, um PEGASUS beim Finanzamt beliebt zu machen, aber die Bundespost würde darauf verzichten, das Firmentelefon stillzulegen.

Endlich war Hornbrille fertig. Er drückte Mager das Manuskript in die Hand und verschwand, um Bier zu holen.

Während Mager die Ausrüstung in den Konferenzraum schleppte, sehnte er sich nach seinem Kumpel Holger Saale, der ihm sonst zur Hand ging. Aber Saale, dem sie mit Erfolg einen Zehn-Prozent-Anteil an den Firmenschulden aufgeschwatzt hatten, spielte gerade seinen Eltern in Hamburg die neueste Fassung der Heimkehr des verlorenen Sohnes vor …

 

Mager baute die Geräte auf und checkte die Technik. Nach einem kritischen Blick auf die Batterieanzeige wechselte er den Akku der Kamera. Er notierte den Timecode und richtete die Kamera aus, damit er das Pult mit dem diskreten Schriftzug Maritim voll im Bild hatte. Doch als er die Schärfe einstellen wollte, grinste jemand ins Objektiv: »Hallo, Ulli!«

Mager hob den Kopf. Seit fünfzehn Jahren hatte ihn niemand mehr Ulli genannt. Und das Konterfei dieses studiogebräunten Krawattenmenschen kam ihm völlig fremd vor.

»Kennen wir uns?«

»Klar doch«, grinste der andere und zitierte ein paar Sätze, die Mager sehr vertraut vorkamen: »An den Bänken der Obersekunda klebt Sauerkraut … Mager und Forthaus spielen im Kartenraum Fußball … Mager und die Unterprima blockieren den Straßenbahnverkehr an der Möllerbrücke …«

Das Klassenbuch! In Magers großer Zeit war kaum eine Woche vergangen, ohne dass sein Name in der Spalte Besondere Bemerkungen auftauchte. Und der Kerl vor ihm?

»Hugenberg!«, grinste Mager. »Der Kinderschänder von Hörde! Was machst du Wichser denn hier?«

»Dasselbe wie du: arbeiten!«

Die beiden Ehemaligen vom Reinoldus fielen sich in die Arme.

»Mensch, Ulli«, tuschelte Hugenberg und tippte auf Magers Bauch: »Du hast aber zugelegt. Beim letzten Klassentreffen – wie lange ist das her?«

»Meinst du den missratenen Abend, wo wir im Pökelfass die beiden Schwestern …«

»Genau! – Wieso missraten?«

Magers Miene verdüsterte sich: »Mit der Schwarzen bin ich seit fünfzehn Jahren verheiratet …«

In der nächsten Sitzreihe brachte ein Endvierziger die Fischgräten seines Sakkos in Bewegung: »Könnten Sie nicht etwas leiser sein? Ich kann kein Wort verstehen.«

»Das geht mir auch so«, gestand Mager todernst, zog den Kumpel aber doch ein Stück zur Seite.

»Und selbst?«, fragte Mager.

»Geschieden!«

»Glückwunsch!«

Verhaltender Beifall kam auf. Die Redner wechselten.

»Was machst du jetzt?«, fragte Hugenberg. »Beim WDR?«

»Nee, freischaffend. Hab eine eigene Firma in Dortmund. Dokumentarfilme, internationale Produktionen«, strunzte Mager und schüttelte ein paar eindrucksvolle Details aus dem Handgelenk. Seiner Chefin hätten sie die Schamröte ins Gesicht und bei der Hausbank den Kreditrahmen in die Höhe getrieben.

»Merkwürdig, dass wir uns noch nicht über den Weg gelaufen sind«, meinte Hugenberg.

»Kommunales ist auch nicht meine Spezialstrecke. Eher ein Freundschaftsdienst für den WDR …«

Hornbrille tauchte auf, unter der Last zweier Biergläser ächzend. Er starb fast an dem Verlangen, vorgestellt zu werden, aber Mager ignorierte ihn. Stattdessen zerrte er eine zerknitterte, leicht angegraute Visitenkarte aus der Gesäßtasche seiner Jeans: »Ruf mich an! Wir könnten uns mal wieder einen brennen!«

Hugenberg revanchierte sich mit einem Kunstwerk, das nicht aus der Druckerpresse, sondern aus einer Goldschmiede stammen musste: »Tun wir! Aber jetzt muss ich nach vorn …«

Der Jüngling blickte dem Davoneilenden nach und musterte Mager mit einem Anflug von Respekt: »Sie kennen Hugenberg?«

»Länger als seine Mutter!«

»Interessante Karriere hat der gemacht.«

Mager pflückte ihm ein Bier aus der Hand und gönnte sich einen langen Zug. Hornbrille hielt ihm die freie Hand hin: »Dreiachtzig!«

Mager packte zu und zerquetschte ihm die Finger: »Danke! Riesig nett von Ihnen …«

3.

 

 

Das Revier war, ist und wird wieder das industrielle Herz unseres Vaterlands. Hier leben rund fünf Millionen Menschen, und sie verkörpern Erfahrung und Wagemut, Verantwortung und Leistungswillen. Ruhrgebiet, das ist ein Symbolbegriff für die Einheit von Tradition und Innovation …

Hornbrille schob seine Zähne so dicht an Magers Ohr, dass dieser die Kariesbakterien bohren hörte: »Beim übernächsten Satz beginnen Sie den Schwenk!«

Mager aktivierte den Power-Schalter, und die Kamera begann zu leben. Dann kroch er ins Okular, stellte Schärfe ein und prüfte die Tonqualität. Es konnte losgehen.

Das geplante TRADE & RECREATION-CENTER betrifft die ganze Region und leitet für sie ein neues Zeitalter ein. Nachdem die Vorentscheidung gefallen ist, darf ich sagen: Es ist eine gigantische Herausforderung – nicht nur für die Menschen in Oberhausen, sondern überall im Revier.

Mager begann mit dem Schwenk.

Dieses Bauvorhaben ist eines der größten in Europa. Auf Jahrzehnte wird es Arbeitsplätze und Wohlstand sichern, wird es modernstes Shopping, Kultur und Entspannung bieten. Das TRC-Projekt verjüngt das Antlitz des Reviers …

Stankowski war nun groß im Bild. Der kräftige Schädel mit dem vollen, gewellten Grauhaar kam gut. Die großen, leicht hervorstehenden Augen und der kräftige Zinken darunter machten den Mann nicht gerade schöner, aber dafür stammte das Design seiner dritten Zähne mindestens von Colani.

Der Oberbürgermeister strahlte Optimismus, Vitalität und Stolz aus, hart an der Grenze zu satter Selbstzufriedenheit. Obwohl er das Manuskript auf dem Pult hatte, warf er kaum einen Blick darauf, sondern hypnotisierte die Leute im Saal. Was Mager am meisten befriedigte, war Stankowskis Haltung: Er schwankte nicht aus dem Bild oder gestikulierte vor dem Objektiv herum, sondern hielt mit beiden Händen die Kanten des Rednerpults, als posierte er für ein Denkmal. Das gab klare, ruhige Bilder.

Mager riskierte einen Blick über das Kameragehäuse.

In der Mitte der Bühne thronte der fotogene Golowski, Fraktionsvorsitzender in Bochum und Favorit für den Vorsitz im Landesbezirk. Seit er im Vorstand des VfL Bochum saß, hatte er bei dem Borussia-Fan hinter der Kamera verschissen.

Den Platz daneben hielt Bürgermeister Roggenkemper aus Datteln besetzt, der für denselben Parteiposten kandidierte. Der kleine Mann mit dem Igelschnitt erinnerte Mager an den bösesten Auftrag seines Lebens.

Am besten gefiel ihm noch die Ratsfrau aus Hattingen, die Golowskis andere Flanke deckte. Sie verdankte den Ehrenplatz auf der Konferenz der Ruhrgebietsstädte der Tatsache, dass sie gleich zwei Minderheiten repräsentieren konnte: die Frauen und die Oppositionspartei.

»Mager«, raunte Hornbrille und zerrte an der Jacke des Kameramanns wie eine Ziege an einem Ballen Heu: »Noch einen Satz. Dann die Rückfahrt aufs Publikum. Wenn die Leute klatschen.«

Aber Stankowski spielte nicht mit. Ganz spontan überkam ihn das Verlangen, an all jene zu appellieren, von denen das Gelingen des TRC-Projektes abhing. Er begann beim Wirtschaftsminister und zählte alle nachgeordneten Stellen auf, die Magers Steuern verschwendeten: Auch das Friedhofsamt und die Sittenpolizei brauchten ihre Streicheleinheiten.

Mager schaute den WDR-Mann an: Stankowski war in Fahrt und fand kein Ende. Doch Hornbrille signalisierte, dass er die Kamera laufen lassen sollte.

Zum Schluss gab es keinen im Saal, der sich nicht gebauchpinselt fühlen durfte. Wohlverdienter Beifall gab dem Redner die Gelegenheit zu einem tiefen Schluck aus dem Wasserglas. Und schon huschte Hugenberg ins Bild und legte dem OB einen braunen Briefumschlag aufs Pult.

»Die Rückfahrt beim Stichwort ›verpflichtet‹!«, flüsterte der Mann vom Sender.

Mager drehte sich um und rammte ihm fast die Nasenspitze ins Gesicht.

»Ich weiß!«, fauchte er, und der andere wich zurück. Zufrieden presste der Kameramann sein Auge wieder vors Okular und erschrak: Stankowski war verschwunden …

Alarmiert peilte Mager über die Kamera. Doch der Standpunkt und die Ausrichtung waren unverändert. Nur der Platz hinter der Holzkante mit der Aufschrift »Maritim« war leer.

Ein Aufschrei ging durch die Menge. Der Kameramann zog auf und sah durchs Okular, wie mehrere Gestalten auf dem Podium zum Rednerpult stürzten und niederknieten.

»Ein Arzt!«, brüllte jemand. »Schnell einen Arzt!«

Die Fotografen sprangen auf und drängten nach vorn, die Zuhörer stiegen auf die Polster. Nur Hornbrille stand, statt Mager die Schussbahn freizukämpfen, wie angewurzelt und hielt Maulaffen feil – im Handbuch der Fernsehregie war solch ein Zwischenfall wohl nicht vorgesehen.

Mager wuchtete die Kamera vom Stativ, schulterte den Aufnahmerekorder und stampfte vorwärts. Wer nicht freiwillig wich, wurde platt gewalzt, und das Auge der Welt fing ein, was sich vorne anbot: Den massigen Körper Stankowskis. Den fixen Hugenberg, der dem OB die Krawatte lockerte. Die Hattinger Ratsfrau, die ihm Luft zufächelte. Eine schmale Hand mit weißer Ärmelmanschette, die seine Papiere vom Boden auflas. Füße, die sich ziellos hin- und herbewegten …

Als die Besatzung des Rettungswagens Stankowski wegtrug, folgte ihnen Mager, bis sich die Türen mit dem Roten Kreuz geschlossen hatten. Er schaltete die Kamera aus, trug sie in den Saal zurück und setzte das Gehäuse aufs Stativ. Das Klacken der Halterung klang in seinen Ohren wie das Klingeln einer Ladenkasse: Die Bilder waren bares Geld. In bester Laune drehte er sich zu dem WDR-Mann um und drückte ihm die volle Kassette in die Hand.

Der Jüngling steckte sie ein und sagte: »Wir nutzen die Pause für die Außenaufnahmen …«

Mager starrte ihn an, als wollte er ihm zwei Luftschächte durch den Schädel brennen: »Außenaufnahmen? Die Kassette muss zum Sender!«

Der Redakteur schüttelte den Kopf: »Wir machen die Sache erst komplett. Der Bericht ist für morgen eingeplant.«

Mager brauchte seine Zeit, bis er kapierte, was Hornbrille von ihm verlangte: die aktuellen Bilder auf dem Band verschimmeln zu lassen. Er holte Luft.

»Wenn einer der wichtigsten Männer im Revier abnibbelt, hat der Zuschauer ein Recht darauf, das sofort zu sehen. Entweder Sie verpissen sich jetzt auf der Stelle mit der Kassette zum Sender, oder ich bringe das Teil zu RTL. Ihr Chef tritt Ihnen dann morgen so lange in den Arsch, bis Sie Gänseblümchen spucken …«

Der WDR-Mann wurde krebsrot und eilte grußlos von dannen. Mager schickte ihm mit dem abgespreizten Mittelfinger ein herzliches Lebewohl hinterher.

4.

 

 

»Stellt euch vor, das Foto wäre der Opposition in die Hände gefallen!«, tobte Roggenkemper, während der Schnappschuss von Hand zu Hand ging. Doch die Männer, die der Bürgermeister von Datteln um sich geschart hatte, stellten sich etwas völlig anderes vor.

Felix Pennekamp, Roggenkempers Amtskollege aus Bochum, war von dem Bildnis wie gebannt. Er saß dicht vor der Schreibtischlampe, sodass der Lichtstrahl von hinten durch seine roten Ohren schien. Erschüttert schloss er die Augen und reichte das Foto an seinen Fraktionsvorsitzenden weiter.

Golowski warf einen kurzen Blick auf das Bild und bleckte schadenfroh sein Gebiss: »Lässt sich ja ganz schön verwöhnen, der alte Knabe!«

Sein Nachbar beugte sich neugierig herüber und zuckte zusammen.

»Das ist ja entsetzlich!«, stammelte er und schlug die Hände vors Gesicht. Diese Geste hatte Domagalla von Lil Dagover abgeguckt, als sie vor dreißig Jahren zum letzten Mal mit einem Tourneetheater im Kohlenpott aufgetreten war.

»Was ist daran so entsetzlich?«, fragte Golowski. Er war Stammkunde in einem berühmten Hattinger Nachtklub und hatte Domagalla dort mehr als einmal mit einem Hunderter ausgeholfen.

Der andere litt jedoch unter akutem Gedächtnisschwund und sah ihn indigniert an. Golowski schnippte das Schwarz-Weiß-Foto zu Jürgen Wiemann, dem Persönlichen Referenten des Ministerpräsidenten, hinüber.

Der sportive Blonde prüfte das Dokument scheinbar emotionslos. Er hatte seine Karriere zehn Jahre zuvor im Bochumer Süden gestartet und unterwegs so viele Illusionen verloren, dass ihn nichts mehr aus der Bahn warf.

Schließlich räusperte sich Roggenkemper und streckte seinen Igelkopf vor: »Können wir zum Kern kommen?«

»Stankowski hat ja doch Geschmack!«, meinte Wiemann und legte das Foto behutsam auf den Schreibtisch. Roggenkemper kassierte es ein und schob es zusammen mit dem Begleitbrief des Absenders in einen braunen Briefumschlag zurück. Sorgsam barg er die Beute in der Außentasche seines Anzugs.

»Die Zeit drängt!«, sagte er barsch. »Draußen wartet ein gutes Dutzend Journalisten. Wenn einer von denen merkt, dass Stankowski einen triftigen Grund hatte, aus den Latschen zu kippen, wissen es bald alle.«

Er sah sich um: »Wie geht es ihm eigentlich?«

Pennekamp schüttelte seine Ohren: »Hugenberg vom Landesvorstand ist bei ihm. Er will sich melden, sobald er etwas weiß.«

Roggenkemper rümpfte die Nase: »Fassen wir zusammen.

Kollege Stankowski ist anscheinend Opfer einer Erpressung …«

»Was heißt anscheinend?«, murrte Golowski. »Auf dem Zettel steht: Die Negative kosten 50.000 …«

»Fünfzigtausend was?«, fragte Pennekamp.

Roggenkemper schickte ihm einen von diesen Blicken hinüber: »Nehmt ihr in Bochum schon Zloty an?«

»Aber, aber«, mahnte der Referent und hob beide Arme. Seine glatten Handteller waren von makellosem Weiß. Anders als Roggenkemper und Domagalla hatte er seine Parteikarriere nicht im Pütt begonnen.

Golowski nickte ihm dankbar zu und wiederholte auswendig, was in den zusammengeschnittenen Buchstaben auf dem Zettel stand: »Die Negative kosten 50.000. Sie haben 24 Stunden Zeit. – Ist das was anderes als Erpressung?«

Pennekamp hatte sich offenbar zu etwas durchgerungen, was er für eine eigene Meinung hielt. Er stand auf und schaute auf Roggenkemper hinab: »Ich weiß nicht, ob es gut war, dass du uns das Foto gezeigt hast. Damit hast du uns mit reingezogen. Ich wäre froh, wenn ich davon nichts wissen würde.«

Er blickte sich um, aber keiner seiner Kollegen machte Anstalten zum Aufbruch. Golowski zog ihn auf den Stuhl zurück: »Lass das Theater. Du bist hier nicht im Rathaus …«

Die anderen nickten, und Roggenkemper fuhr fort: »Ich denke, ich brauche in unserem Kreis nicht auszuführen, dass die Sache mit dem Foto nicht Stankowskis Privatsache ist. Er ist Oberbürgermeister – und zwar einer unserer profiliertesten. In vier Monaten sind Wahlen. Wenn er Probleme kriegt, haben wir auch welche …«

»Quatsch doch nicht!«, unterbrach ihn Domagalla. »Oberhausen kann uns nicht jucken. Und dich schon gar nicht.«

»Aber, aber!«, wiederholte sich der Persönliche.

»Er kann vögeln, mit wem er will«, fuhr Roggenkemper fort. »Aber wenn er erpressbar wird, geht uns das alle an …«

Die Runde blieb stumm. Wenn Dattelns Boss sonst von Solidarität redete, war seine Stadtkasse leer.

»Ihr wisst, ich bin oft anderer Meinung als Roggenkemper«, schaltete sich Wiemann ein. »Aber diesmal stimme ich ihm zu. Das Ruhrgebiet hat eine Schlüsselstellung, und ein Skandal kann einen Erdrutsch in die falsche Richtung auslösen. Wenn dann beim nächsten Parteitag Schuldige gesucht werden, fällt garantiert jemandem das Stichwort ›Generationswechsel‹ ein. Dann seid ihr auch dran …«

Sie glotzten ihn an wie Schneemänner die Frühlingssonne.

»Außerdem halte ich es für unsere Pflicht als seine Parteifreunde, ihm in dieser schwierigen Situation zu helfen. Wer sonst könnte das tun? Marlies?«

Domagalla lachte bellend auf. Stankowski und er hatten ihre Frauen in einem Zeltlager der Parteijugend bei Den Helder kennengelernt, wo die resolute Marlies mit ihrem Akkordeon zu »[{(Rucki-Zucki)}] Ruckizucki « und »Laurenzia« aufspielte. Eine Ewigkeit war das her, aber wenn Marlies keinen Rost angesetzt hatte, gab es für den drei Jahre jüngeren Gatten kein Pardon. Und Panzerstahl rostete nicht so schnell.

»Wozu haben wir eigentlich eine gut funktionierende Polizei?«, meinte Pennekamp. Nicht nur auf den Augen kurzsichtig, war er immer für das Nächstliegende.

»Willst du den Reps Wahlkampfmunition liefern?«, fragte Golowski.

»Wie kommst du darauf?«

Wiemann sah ihn an: »Kennst du nicht Schönhubers neue Telefonnummer?«

»Nee!«, sagte Pennekamp. »Wieso?«

»110!«, meinte Wiemann und grinste. Er blieb der Einzige, der das komisch fand.

Es klopfte. Roggenkemper erhob sich, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür gerade so weit, dass der Geschäftsführer des »Maritim« seinen Kopf zwischen Blatt und Balken schieben konnte: »Entschuldigung, dass ich störe. Benötigen Sie mein Büro noch lange?«

Roggenkemper sah ihn kühl an: »Geben Sie uns noch zehn Minuten?« In diesem Ton hätte er auch zehn Stunden bekommen.

Der Mann nickte und musste sich mit beiden Händen dagegen wehren, dass Roggenkemper seinen Hals in der Tür einklemmte. »Hier draußen wartet Herr Hugenberg …«

»Immer rein mit ihm!«, rief Domagalla.