image

Inhalt

Rückentext

Die Autoren

Die Hauptpersonen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

»Halt bloß die Fresse!«, drohte der Kantige.

Lohkamp begann ganz gegen seinen Willen darüber nachzudenken, wann er zum letzten Mal eine Kirche betreten hatte. Als es ihm einfiel, bracht ihm der Schweiß aus.

»Kalla«, brüllte der Boss des Todeskommandos, »ich rufe jetzt Verstärkung. Wenn sich einer rührt, verpass ihm eine Spritze in den Meniskus.«

»Ihr habt’s gehört«, übersetzte Kante. »Wer sich bewegt, wird kastriert.«

 

*

 

Ein grausiger Fund beendet abrupt den Alltagsfrieden der Rijkspolitie auf der holländischen Insel Vlieland: Eine deutsche Urlauberin wird ermordet in ihrem Hotelzimmer aufgefunden. Die Polizei findet schnell heraus, um wen es sich bei der schönen Toten handelt: Ruth Michalski, 29 Jahre, aus Oer-Erkenschwick.

E-Book © 2013 by GRAFIT Verlag GmbH

(korrigiert nach den reformierten Regeln deutscher Rechtschreibung)

© 1989 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagzeichnung: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-997-6

 

Reinhard Junge/Leo P. Ard

 

 

 

Das Ekel von Datteln

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

img1.jpg

Die Autoren

 

 

Leo P. Ard, 1953 als Jürgen Pomorin in Bochum geboren, lebt als Drehbuchautor (›Balko‹, ›Ein starkes Team‹, ›Der Staatsanwalt‹, ›Tatort‹) hauptsächlich auf Mallorca. Das Drehbuch zu dem ARD-Krimi ›Polizeiruf 110 – Totes Gleis‹, das Pomorin gemeinsam mit Michael Illner verfasste, wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet.

 

Reinhard Junge wurde 1946 in Dortmund geboren, Studium in Bochum, Referendariat in Hattingen, trotz anfänglichen Berufsverbots Lehrer in Wattenscheid, wo er jetzt als Rentner auch wohnt. Kein Haus, kein Benz, kein Hund, aber drei wunderbare Kinder und jede Menge Kriminalromane.

 

Zusammen schrieben Ard und Junge mit der Ekel-Trilogie – Das Ekel von Datteln, Das Ekel schlägt zurück und Die Waffen des Ekels – deutsche Krimigeschichte.

 

Die Hauptpersonen

 

 

Ruth Michalski (29), Sekretärin,

hat zu hoch gepokert

 

Uwe Gellermann (39), Prokurist,

hat falsch kalkuliert

 

Helmut Michalski (32), Polizist,

hat das beste Motiv

 

Gustav Puth (62), Unternehmer,

hat das beste Alibi

 

Gerhard Roggenkemper (62), Bürgermeister,

hat den besten Ruf

 

Gerrit Bakker (22), Student,

hat etwas erlebt

 

Henk Hoekstra (40), Opperwachtmeester,

hat etwas bemerkt

 

Helga Kronenberger (24), Sekretärin,

hat etwas entdeckt

 

Horst Lohkamp (43), Kriminalhauptkommissar,

sieht ganz schön alt aus

 

Lusebrink & Haggeney, Polizisten,

sind noch ganz die Alten

 

PEGASUS Film & Video GmbH:

Susanne Ledig (31), Chefin,

Klaus-Ulrich Mager (35), Teilhaber,

Holger Saale (25), Angestellter,

drehen einen Film und blicken oft nicht durch

 

Handlung und Personen des Romans sind frei erfunden, die Schauplätze willkürlich gewählt. Leser, die anderes vermuten, täuschen sich. Datteln ist überall.

1

 

 

Die Frau auf dem Barhocker war Ende zwanzig und hatte sich allem Anschein nach in der Tür geirrt.

Sie trug ein hellgraues Baumwollkostüm, eine zartrosa Seidenbluse und dazu passende Pumps. Ihre dunklen, leicht gekräuselten Haare wippten vom Mittelscheitel aus gleichmäßig nach beiden Seiten weg und legten ein Paar goldener Ohrclips frei. Von der Wimperntusche bis zum Nagellack war ihr Make-up perfekt auf die lässig-elegante Kleidung abgestimmt.

Der Schuppen hieß De Stoep und war seit seiner Renovierung gemütlich wie ein Fußgängertunnel. Ein halbes Dutzend Kids hing auf der Tanzfläche herum, sechs, acht weitere dösten am Tresen vor sich hin. Die meisten steckten in Turnschuhen, Jeans und bunten Sweatshirts, kaum einer war älter als achtzehn. Falls es auf der Welt etwas gab, das ihnen wieder Leben einhauchen konnte – Popcorn, der Plattenhit aus ihrem ersten Kindergartenjahr, war sicherlich die falsche Medizin.

Die Crew der Keller-Disco ertrug die Pleite mit Kaugummi und Arroganz. Die Saison war abgehakt, seit der Juli-Regen den Zeltplatz, von dem der Laden lebte, in ein Binnenmeer verwandelt hatte. Selbst echte Nordsee-Freaks hatten last minute Costa Brava gebucht. Die paar Schaufeln Kohle, die Petrus im August nachgelegt hatte, holten keinen mehr von da unten zurück.

Schräg gegenüber der Lady parkte ein deutlich jüngerer, hochgewachsener Jeans-Typ hinter einem Glas Heineken. Seine blauen Augen schauten aufmerksam hinüber. Noch war ihm unklar, ob sie jemanden erwartete oder Anschluss suchte. Der Discjockey hatte keinen Zweifel, welche Variante dem Gelockten lieber war.

Eine Madonna- und zwei Prince-Songs fegten durch die Boxen, ohne dass der Blonde seinem Ziel näher kam. Die Lady saß nur da und zählte die Tropfen ihrer Bloody Mary.

Schließlich hatte der Mann am Mischpult ein Einsehen. Von ganz unten zog er ein abgegriffenes Cover hervor, entstaubte die Scheibe und ließ sie kreisen. Cohens Song von der verhurten Nancy wehte durch das Gewölbe.

Die Frau sah auf. Ihr Blick flog erst zum Cockpit des Plattenpiloten, dann zu ihrem Anbeter hinüber. Die braunen Augen blieben unverändert ausdruckslos, wichen aber nicht mehr aus. Als der Refrain begann, hoben sich kaum merklich ihre Brauen.

 

Eine halbe Stunde später verließ das Paar die Stoep und verschwand in der Gasse gegenüber. Zwischen hohen Gartenhecken zog Locke die Lady zu sich heran und starrte ihr ins Gesicht. Zwei-, dreimal wischte der Lichtarm des Leuchtturms über Dächer und Baumwipfel hinweg, dann küsste er sie. Ihr Mund war weich, und sie war so klein, dass sie in seiner Umarmung fast verschwand.

Als seine Hand unter ihren Rock kroch, drückte sie ihn von sich weg: »Nicht hier …«

Sie sah seine Enttäuschung und lächelte. Wortlos zog sie ihn auf die leere Dorpsstraat zurück zum Hotel Albatros, das keine hundert Schritte entfernt lag. Der Lange zögerte: Das gesamte Erdgeschoss mit Glasveranda, Foyer und Gaststube war hell erleuchtet.

»Komm!«, sagte sie und stieß die Tür auf. Ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen, eilte sie auf den engen Durchgang zum Treppenhaus zu. Bevor sie hinter der nächsten Biegung verschwand, setzte er sich in Bewegung. Irgendwo ging eine Tür, doch da waren sie schon auf dem Weg nach oben.

Ihr Zimmer lag in einem Anbau auf der Hofseite. Sie öffnete, ließ den Schlüssel auf einen Sessel fallen, der zwischen den Fenstern stand, und zog die Vorhänge vor. Im Halbdunkel fegte sie fast einen Stapel Prospekte von der Schreibplatte, dann schaltete sie die Leselampe über dem hinteren Teil des Doppelbetts an und wandte sich um.

Er folgte ihr. Mit der Schulter drückte er die Tür ins Schloss und lehnte sich an das Holz.

»Einen Drink?«

Er nickte.

Sie holte ein Wasserglas aus dem Bad, griff zu der Flasche Dimple auf der Ablage hinter dem Bett und goss ein. Er kam näher, trank, gab ihr das Gefäß zurück. Noch während sie es leerte, fing er an, sie auszuziehen.

Sie hatte schmale Schultern, kleine, kegelförmige Brüste mit festen Warzen und eine sehr zerbrechlich wirkende Taille. Ihre straffe Haut war leicht, aber gleichmäßig gebräunt.

»Na, komm schon!«, sagte sie leise und legte ihre Arme um seinen Hals.

Er küsste sie: Stirn und Nase, die Lippen. Die Halsbeuge. Ihre Brüste. Als er noch tiefer hinab wollte, hielt sie seinen Kopf fest und zog ihn wieder hoch.

Sie sahen sich an. Ihre Augen kamen ihm jetzt viel tiefer und viel weicher vor. Er drückte sie an sich, suchte ihren Mund. Spürte ihre Hände da, wo er es mochte. Ließ sich fallen wie sie.

 

Fast zwölf Stunden später, gegen halb elf am folgenden Morgen, beschwerte sich das Zimmermädchen des Albatros, dass sie noch immer nicht auf 235 aufräumen konnte. Sie habe laut geklopft, aber die Deutsche hätte einfach nicht reagiert.

Nach kurzem Nachdenken rief Cornelius Dijkstra, der Besitzer des Hauses, seinen Sohn, der im Schankraum Gläser polierte. Er stieg mit ihm in den zweiten Stock hinauf und eilte den langen Flur hinab, an dessen Ende die Frau wohnte.

Als Dijkstra mehrere Male geklopft und schließlich gerufen hatte, stieß ihn der Sohn an. Er deutete auf einen roten Blechkasten, der in Kopfhöhe zwischen Zimmertür und Notausgang hing. Gewöhnlich wurde hier der Schlüssel zur Feuertreppe aufbewahrt. Doch der Haken hinter der dünnen Glasscheibe war leer. Dijkstra atmete tief durch und öffnete.

Die Frau war da.

Sie lag, die Füße zur Tür ausgestreckt, quer über dem unteren Ende des Betts. Sie trug einen himmelblauen Morgenmantel, dessen Gürtelenden nicht zugebunden waren. Ihr rechter Arm hing zum Boden hinab, die unnatürlich geröteten Augen blickten starr zur Decke. Im Bereich des Kehlkopfes befanden sich zwei breite, unschöne Flecken.

Die Sonntagszeitungen feierten den ersten Mord auf der Insel seit 180 Jahren.

2

 

 

Stirn und Schultern des Mannes waren schweißüberströmt. Er ballte die Fäuste, und seine Oberarme schwollen zu kiloschweren Paketen. Die grauen Augen funkelten, als müsse er mit bloßen Händen gegen einen Leoparden kämpfen.

Dann packte er zu. Aber statt einer Raubkatze erwischte er nur den Stiel einer alten Schaufel. Zornig stieß er sie in den Rachen eines Eisenbottichs, der mit grauem Kleister gefüllt war …

Erbarmungslos wie Holger Saales Drehbuch war auch die Stimme, die das Drama kommentierte: »Maloche. Methode Mittelalter. Zeitraubend, schmutzig, schwer. Ihre Arbeitskraft ist dafür viel zu wertvoll. Bauen Sie Ihr Heim, ohne sich zu verschleißen!«

Bildwechsel.

Bunte Blumen überwucherten den Schuttplatz in der Wüste. Eine Fata Morgana in Blond schwebte heran. Prallgefülltes T-Shirt, kurzer Jeansrock, knackige Waden. Scheinbar mühelos schob sie eine Mörtelmischmaschine ins Bild. Ihre roten Krallen touchierten einen Hebel, die Trommel begann zu rotieren.

Nahaufnahme.

Lange, schwarze Wimpern, strahlende wasserblaue Augen, Lippen aus dem Kosmetik-Lehrbuch. Schneeweiße Zähnchen blitzten auf.

»Müllers Mischmaschinen – ja, die mach ich an!«, hätte Karin Jacobmayer nun hauchen sollen. Doch ihr Mund blieb stumm.

»Verdammt und zugenäht!«

Magers Pranken prügelten das Mischpult. Das Bild auf dem Monitor versackte, das Videoband spulte zurück.

»Kannst du mir verraten, wie viele Anläufe du noch brauchst?«, fauchte er. »Ein Dutzend? Zwei?«

Der Filmstar rieb sich die Augen und grübelte. Statt der gelben Perücke trug sie wieder ihre rostroten Naturlocken, aber das machte es auch nicht besser. Schließlich gähnte sie, hob die Schultern und verkündete: »Für neun Uhr morgens kommt der Schnitt einfach zu schnell!«

»Tinnef!«, grunzte Mager. »Hier kommt gar nichts zu schnell. Wir machen Werbung, Mäuschen! Das ist was anderes als Vom Winde verweht! Das geht zack-zack oder gar nicht!«

Er langte nach der Kiste mit den Selbstgedrehten, fischte ein besonders schönes Exemplar heraus und schob es sich zwischen die Lippen. Als die Zigarette qualmte, versuchte er es auf die sanfte Tour.

»Komm schon! In fünf Minuten haben wir das Ding im Kasten. Wenn die Trommel startet, holst du Luft, und dann klappt es. Okay?«

»Nein!«, bockte die Rote.

»Wie bitte?«

»Nein!«

»Und warum nicht?«

»Weil der Text ganz einfach beknackt ist …«

Mager stöhnte. In Gedanken zählte er bis zehn. Dann schwenkte er seinen Sessel herum und beugte sich so weit vor, dass seine lange, bebrillte Nase fast ein Loch in ihre linke Backe bohrte.

»Jetzt hör mir mal gut zu! Ob der Text beknackt ist oder nicht, steht nicht mehr zur Debatte. Der ist mit diesem Baumarktheini so abgekaspert, und so bleibt er auch! Zur Debatte steht aber, dass wir von diesem Kunstwerk bis Montag fünf Kopien ziehen und abliefern müssen. Dafür fahren wir dann echte Kohle ein. Und von dieser Kohle muss ein halbes Dutzend Leute leben: Saale, Susanne, ich, meine Familie, die Stadtsparkasse und neuerdings auch du. Noch Fragen?«

Mit mahlenden Backenzähnen starrte die Rote auf das Mischpult. Offenbar fand sie den Plan, ihr Germanistik-Studium mit einem Halbtags-Job bei PEGASUS zu finanzieren, plötzlich gar nicht mehr so berauschend.

Dann nickte sie. Und sagte, ohne Mager anzusehen: »Also gut. Aber eins schwöre ich dir: Das war mein erster und mein letzter Auftritt in einem von euren Horror-Videos. Das gehört nämlich nicht zu meinem Job!«

Du wirst dich noch wundern, dachte Mager. Er kannte den Laden besser. Dreißig Prozent der roten Zahlen auf den Firmenkonten gehörten ihm.

 

Die »PEGASUS FILM & VIDEO GmbH« war laut Briefkopf spezialisiert auf Dokumentation und Werbung. Mager hatte den Laden zwei Jahre zuvor zusammen mit Susanne Ledig, Exlokalreporterin der WAZ und freie Mitarbeiterin beim WDR, aus der Taufe gehoben. Das Ziel war klar: Eines Tages sollte ihr Firmenarchiv die Chefetagen von Bertelsmann überragen.

Vorläufig versteckte sich der künftige Medienriese noch in einem 83 Jahre alten Zechenhaus dicht am Niemandsland zwischen den Ruhrgebietsmetropolen Marten, Oespel und Lütgendortmund. Der Geldadel der Bierstadt vermutete hier bestenfalls Müllhalden und Asylantendeponien. Nur deshalb hatten, wie Mager behauptete, Ärzte, Anwälte und andere Abschreibungsartisten dieses Fleckchen Erde noch halbwegs verschont …

»Also los!«, kommandierte er und startete das Band.

Dieselbe Szene von vorn. Wieder schwitzte sich der Muskelmann die Schminke vom Leib, wieder wehte die Fata Morgana heran, wieder rollte die Mischmaschine los. Und diesmal holte die Rote auch gleichzeitig mit ihrer blonden Schwester auf dem Monitor Luft: »Müllers Melkmaschinen – ja, die …«

Mager stoppte die Anlage, stemmte sich hoch und stampfte zur Tür. Als er schon in der engen Diele steckte, die das Studio von den beiden Büroräumen trennte, hielt er es nicht mehr aus.

»Das hat überhaupt nichts mit der Uhrzeit zu tun, Mäuschen. Du bist ganz einfach zu dämlich für diesen Job. Wenn du nur halb so viel im Kopf hättest wie in der Bluse, dann …«

Die Rote schrie auf. Sie krallte sich den ersten Gegenstand, der ihr unter die Greifer geriet, und holte aus. Mager konnte gerade noch den Kopf einziehen, da zerbarst am Türrahmen etwas sehr Gläsernes. Sein ehemaliger Lieblingsaschenbecher regnete auf den PVC-Boden herab, dann hörte er nur noch ein Schluchzen.

Er setzte sich an den Schreibtisch und löste die Sperre der Rolltür. Die Lamellen schossen nach unten. Eine Flasche La Ribaude tauchte auf, daneben ein beinahe sauberes Wasserglas.

Fast im selben Augenblick öffnete sich die Tür zum Hausflur. Eine echte Blondine betrat den Kampfplatz, kurze Haare, dünn und schmal, Rock und Bluse. Sie warf eine Schultertasche aus echtem Rindsleder auf den Besucherstuhl und bettete ihr Popelinejäckchen daneben – eine Symphonie in Beige und hellem Braun.

»Vor zwölf säuft nur der Chef!«, sagte sie, pflückte Mager das Glas aus den Händen und leerte es mit einem Zug.

»Igitt! Asbach!«

»Asbach?« Der Dicke fuhr hoch. Er goss nach und rammte seine Nase in das Gefäß.

Calvados roch anders.

»Saale, die alte Filzlaus! Dafür muss er büßen! Ich möchte nur wissen, wann …«

Susanne feixte.

»Ach so!«, meinte Mager. »Verstehe. Stand der Kerl gestern Abend wieder vor deiner Tür? Den Ich-bin-ja-so-einsam-Blick im Gesicht? Ein Fläschchen wie dies hier im Gepäck?«

Die Augen der Blonden wurden schmal: »Es gibt Dinge, Klaus-Ulrich, die gehen dich nichts mehr an. Aber mich geht etwas an: Seid ihr fertig?«

»Ja«, stöhnte er und trank jetzt doch. »Mit den Nerven. Die Tussi aus Bochum ist einfach bescheuert. Wir sollten sie wieder feuern …«

»Wir? Seit wann dürfen Teilhaber Leute feuern?«

»Mensch, die Rote ruiniert uns …«

»Schluss! Sie bleibt. Den Bürokram macht sie doch schon ganz ordentlich. Und den Rest lernt sie. Auch bei dir …«

Auf dem Flur knirschte Glas. Karin kehrte ins Leben zurück. Die Wimpern renoviert, Wüstenstaub auf den Wangen, Augen wie Dolche.

»Lernen? Bei dem? Da springe ich lieber vom Fernsehturm!«

»Prima Idee«, nickte Mager. »Komm schon, ich fahr dich eben hin!«

Die Chefin nahm die Rote in den Arm.

»Du darfst diese Anfälle nicht persönlich nehmen. Kläuschen braucht das ab und zu. Bei Männern in seinem Alter kommt eben alles auf einmal: Ehekrise, Orgasmusprobleme, Prostata …«

Wie immer bei solchen Anlässen stellte sich Mager stocktaub. Gegen Susanne war bislang kein Kraut gewachsen. Und »Ehekrise« war noch eine äußerst milde Umschreibung für den Terror, der sein Privatleben fast täglich erschütterte.

»Wir haben um elf ’nen Termin«, sagte er beiläufig. »Und die Mischmaschine wartet noch immer …«

»Schon gut«, meinte Susanne. »Ich mach das mit Karin allein. Pack du schon mal die Ausrüstung in den Wagen …«

»Wo müsst ihr denn hin?«, wollte Karin wissen.

Mager stöhnte. Er hatte es ihr an diesem Morgen mindestens dreimal erzählt.

»Kanalfest in Datteln«, erklärte Susanne. »Rat und Stadt wollen werben – mit einer Mischung aus Heimatfilm und Promotion. Motto des Films: Investieren Sie bei uns, da ist die Welt noch in Ordnung. Herzlichst – der Bürgermeister.«

»Aha. Und was hat das mit dem kritischen Journalismus zu tun, der PEGASUS berühmt machen soll?«

Gute Frage, dachte Mager überrascht.

»Nichts«, grinste Susanne. »Aber es bringt Geld.«

3

 

 

»Mord?«, schrie Hoekstra. »Hier auf Vlieland? – Der Kerl muss behämmert sein!«

Sein schnelles Urteil war nicht aus der Luft gegriffen. Seit er auf der Insel Dienst schob, hatte er diese Situation etliche Male durchgespielt. Doch das war hypothetisch, für alle Fälle gewesen. Dass es jemand wirklich riskierte, hätte er nicht gedacht: Es gab keinen Flugplatz, die Fähre ging nur dreimal am Tag, und wer mit einer Jacht verschwand, den konnte man noch Stunden später im Wattenmeer abfangen.

»Ich komme!«

Er warf den Hörer hin, scheuchte Alkema hoch und stürmte, ohne aus seinem Räuberzivil in die Uniform umzusteigen, zum Parkplatz. Als der Landrover startete, hoffte er noch immer, Dijkstra wolle ihn nur auf die Schüppe nehmen.

Fünf Minuten später konnte sich der Oberwachtmeister der Rijkspolitie vom Gegenteil überzeugen. Von der Schwelle des Sterbezimmers starrte er kopfschüttelnd auf die Tote. Noch jetzt, in diesem Zustand, war zu erkennen, dass die Frau auf viele Männer sehr attraktiv gewirkt haben musste.

»Böse Geschichte, Cornelius«, sagte er schließlich zu dem älteren der beiden Dijkstras, die schweigend hinter ihm standen. »Für die Insel – und für euch.«

Der Hotelier, Bauchansatz, Mitte fünfzig, mit angegrauten, aber noch vollen braunen Haaren, sog an seiner erkalteten Stummelpfeife und nickte düster.

»Lauf runter und ruf die Alarmzentrale an!«, wandte sich Hoekstra an Alkema. »Die Recherche muss kommen. Und Lissy soll Wim wecken, damit er für uns zum Hafen fährt.«

Der Wachtmeester 2e klas verzog das Gesicht. Er hatte sich, wie es schien, noch nicht sattgesehen. Ein kurzer Blick seines Chefs brachte ihn auf Trab.

»Seltsam«, murmelte Hoekstra, während er den Gang entlang blickte. Rechts von ihm, auf der Westseite, lagen vier, auf der Mordseite aber nur zwei Zimmer. Zwischen ihnen und dem Vorderhaus war der Platz für zwei Räume ausgespart, sodass man durch ein paar Fenster auf das Flachdach des Frühstücksraums hinabsehen konnte.

»Was ist seltsam?«, hakte Dijkstra nach.

»Dass man hier einen Menschen umbringen kann, ohne dass jemand etwas bemerkt …«

Dijkstra zog die Schultern hoch. »Die Pärchen aus den ersten Zimmern haben lange unten gesessen und Karten gespielt. Die anderen Räume sind diese Woche leer. Wenn das da vor zwölf passiert ist, kann das keiner gehört haben.«

»Und später? Kein Streit oder Lärm? Hat beim Frühstück keiner etwas gesagt?«

»Nichts. Nur, dass sie Räder mieten und zum Posthuis fahren wollten …«

»Ärgerlich«, seufzte der Polizist.

Das Posthuis war ein beliebtes Ausflugsziel fast am anderen Ende der Insel. Wer sich sechs Kilometer gegen den Westwind gestemmt hatte und dann dort einkehrte, kam meist so schnell nicht wieder hoch.

Der Blick auf den Schlüsselkasten stimmte ihn auch nicht froher. Laut Vorschrift musste er verschlossen und verplombt sein, mit einem Hämmerchen daneben, damit man sich im Notfall nicht die Finger amputierte. Typisch holländisch, dass der Behälter offen blieb.

Hoekstra zog die Gardine beiseite und spähte durch die Glastür auf die Feuertreppe. Unten kletterte Alkema gerade in den Rover und gab die Meldung durch.

»Die Zimmerschlüssel passen hier nicht?«

Dijkstra verneinte.

»Aber warum hat der Mörder ihn dann mitgenommen?«

Der Sohn des Hoteliers kam zuerst drauf: »Weil er verhindern wollte, dass die Frau zu früh gefunden wird«, meinte er. »Und jetzt liegt das Ding irgendwo im Wald oder in den Dünen.«

Gedankenverloren starrte Hoekstra auf den leeren Haken hinter der Glasscheibe. Die beiden Sätze passten nicht zusammen…

»Henk!« Der ältere Dijkstra zerschnitt die Gedankenkette des Polizisten. »Gleich kommen neue Gäste. Kann ich die überhaupt aufnehmen?«

»Bitte? Ja, ich denke doch. Aber nicht hier oben, Cornelius. Den Gang und die Feuertreppe darf niemand betreten. Und wenn sich die Sache herumspricht, müssen wir dir wohl den Vordereingang abriegeln …«

Dijkstra seufzte.

Im Erdgeschoss kam ihnen Alkema entgegen. Hoekstra schickte ihn nach oben, die Tote zu bewachen, und griff zum Telefon: »Darf ich?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, wählte er 1305: die Nummer der Königlichen Kavallerie – wie Hollands Panzertruppe in romantischer Verklärung noch immer hieß. Seit 30 Jahren saß sie am öden Ende der Insel weit hinter dem Posthuis und schoss dort im Winter Löcher in den Sand.

Minuten später war alles klar: Ein Sergeant und sechs Mann rückten aus, um Hoekstras Streitmacht zu verstärken. Denn die bestand, ihn selbst eingerechnet, außerhalb der Saison nur aus drei Polizisten und Lissy, der Halbtagssekretärin.

Der Oberwachtmeister stieß Dijkstra an: »Komm, ich brauche noch ein paar Angaben fürs Protokoll …«

 

Die Sachlage war einfach und wurde im Gesellschaftszimmer hinter der Rezeption bei einem Glas Vieux festgehalten: Die Tote hieß Ruth Michalski, war neunundzwanzig Jahre alt und kam aus Oer-Erkenschwick in der Bundesrepublik Deutschland. Sie war am Dienstag mit der letzten Fähre gekommen und hatte sich kurz nach neun angemeldet. Dann hatte sie darum gebeten, nicht geweckt zu werden, und war erst gegen elf am nächsten Morgen wieder aufgetaucht.

»Danach hat sie sich wohl die Insel angesehen. Sie war am Leuchtturm und kam abends mit einem ganzen Berg von Prospekten wieder. Nach dem Essen ist sie gleich aufs Zimmer gegangen …«

Auch an den beiden folgenden Tagen war sie unterwegs gewesen. Doch am Freitag gab es eine Abweichung in ihrem Programm. Irgendwann nach neun hatte sie das Hotel noch einmal verlassen: »Wo sie war? Das müsst ihr herausfinden …«

Hoekstra hatte einen Kugelschreiber gezückt und bemühte sich, die Fakten übersichtlich aufzulisten. Er schrieb langsam, mit Druckbuchstaben, die etwas nach links wegkippten, aber so deutlich waren, dass Lissy keine Chance hatte, beim Tippen Fehler einzubauen.

»Ist dir an ihrem Verhalten etwas aufgefallen?«

Der Hotelier dachte einige Augenblicke nach.

»Sie war am Anfang reichlich abgespannt. Aber nach der Schlafkur ging es ihr Mittwoch und Donnerstag besser. Und gestern Morgen war sie richtig gut gelaunt. Sie hat mich noch etwas über die Insel fragen wollen. Ich habe sie auf heute vertröstet.«

Die beiden Männer schwiegen einen Augenblick.

»Noch etwas«, fügte Dijkstra dann hinzu. »Im Safe liegt ein dicker Briefumschlag. 3000 Mark …«

Hoekstra nickte und schrieb auch das auf.

»Und wen sie mit aufs Zimmer genommen hat, hast du nicht gesehen?«

»Soll ich hinterherlaufen? Die Frau war alt genug, um zu wissen, was sie tat.«

Der Polizist legte ihm die Hand auf den Unterarm: »Keiner wird dir einen Vorwurf machen, Cornelius. Wir haben nicht mehr 1950 …«

Einige Atemzüge lang sahen sie sich stumm an und lauschten dem Ticken der Wanduhr, die von Fotos der Eltern Dijkstras eingerahmt wurde.

»Du wirst jetzt Ärger haben«, meinte Hoekstra. »Aber ich tu alles, damit es möglichst wenig wird. Denk an de Gruyter – der hat noch mehr Trouble …«

Dijkstra schniefte. De Gruyter hatte im Frühjahr am Strand das größte Hotel der Insel aufgemacht. Der Schuppen war ganz auf jene Schickeria zugeschnitten, die um Vlieland bisher immer einen großen Bogen geschlagen hatte. Am 3. August stand die Bettenburg in Flammen.

Spekulationen, die Konkurrenz hätte zugeschlagen, hatte Rijkspolitie erst vor einer Woche entkräften können. Der Schuldige war ein achtzehnjähriger Hilfskoch des Hauses, und das Motiv hatte er aus dem Fernsehen: Erfolglos in eine Kellnerin verknallt, wollte er sie dadurch gewinnen, dass er sie aus dem Feuer trug. Aber auch das hatte nicht geklappt.

»Oer-Erkenschwick«, grübelte Hoekstra. »Wo liegt das?«

Nach zehn Minuten hatten sie den Ort auf der Karte gefunden: im Kreis Recklinghausen, zwischen zwei Nestern namens Marl und Datteln.

»Was meinst du, Henk«, fragte Dijkstra. »Ob das einer von der Insel war? Ich kann’s nicht glauben.«

»Wer weiß das heutzutage schon«, meinte Hoekstra, gab dem Hotelier aber insgeheim recht. Viel zu tun hatte er nur im Sommer, wenn sich 6000 Touristen auf Vlieland tummelten: Fahrraddiebstahl, Lärm auf der Dorfstraße, ab und zu eine Prügelei. Aber wirkliche Verbrechen hatte es bis zu dem Brand nicht gegeben. Dafür kannten sich die tausend Einwohner viel zu gut. Und die Fremden kamen zur Erholung und nicht, um jemanden umzubringen. Bis gestern jedenfalls.

»Nein, das war keiner von hier«, bekräftigte der Oberwachtmeister jetzt selbst und schob dem Hotelier den Bogen Papier hinüber.

»Schreib mir noch die Namen von allen auf, die mit ihr gesprochen haben …«

Während Dijkstra sich an die Arbeit machte, schlug Hoekstra den Personalausweis der Toten auf und musterte das Foto auf der fünften Seite. Es war einige Jahre alt, schien aber eine für solche Aufnahmen ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Abgebildeten zu besitzen. Er steckte das kartonierte Heft ein.

»Ich frage Jan Wouter, ob er uns Abzüge macht, und gehe dann ins Büro. Und wenn einer von dir was wissen will, sag nur, dass jemand gestorben ist. Mord ist ein zu schlimmes Wort …«

Er öffnete die Tür. An der Rezeption warteten neue Gäste.

»Am besten, du machst deine Arbeit«, sagte der Polizist. »Sonst …«

Ein fernes, lang gezogenes Tuten drang durch die geöffneten Türen: In wenigen Minuten würde die Fähre zur zweiten Fahrt nach Harlingen ablegen.

Hoekstra zuckte zusammen und rannte ohne Gruß nach hinten, zum Hof. Ihm war eingefallen, welchen Denkfehler Dijkstras Sohn gemacht hatte.

4

 

 

»Mager, mach, sonst kommen wir zu spät!«

Mager machte. Mit lockeren 80 polierte er den Asphalt der B 235, die von Castrop nach Datteln führt.

Stadt und Straße schleppten sich endlos hin. Links zogen die Vororte Meckinghoven, Dümmer und Hagem vorbei, rechts drohten neue und alte Umweltskandale: Ruhrzink (Cadmium), Kraftwerk (Schwefel) und die Zeche Emscher-Lippe. Der Pütt war längst dicht, aber von dem, was noch im Boden lag, krepierten am Mühlenbach die Ratten. Und hinter den Dreckschleudern, fast parallel zu Stadt und Straße, der Dortmund-Ems-Kanal, der dem Provinznest 1899 den Anschluss an die Neuzeit geschenkt hatte.

Das Schicksal ereilte sie an der Ecke zum Südring, hinter dem die Innenstadt beginnt. Die Ampel sprang auf Sonnenuntergang, als der PEGASUS-Kombi noch sieben Meter entfernt war. Magers Bleifuß pendelte zwischen Gas und Bremse, und schon schwebten sie mitten auf der Kreuzung. Ungerührt zog er den Motor wieder hoch, aber die Polizeisirene war lauter.

»Herr Mager«, sagte der Obermeister, nachdem er Papiere, Kennzeichen und Bereifung eingehend in Augenschein genommen hatte. »Ob man in Dortmund inzwischen bei Rot fahren darf, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber hier in Datteln hört bei dieser Farbe jeder Spaß auf. Es ist unzweifelhaft …«

»Hör mal, Kumpel«, versuchte es der Dicke, »wir haben es …«

Es war die falsche Tour. Der Mann spürte sofort seinen Weisheitszahn.

»Idiot!«, zischte Susanne. »Du versaust alles!«

Sie zog eine Zellophanhülle aus dem Handschuhfach und kletterte aus dem Wagen.

»Herr Hauptmeister«, lächelte sie. »Sie haben ja völlig recht. Aber wir sind auf dem Weg zur Stadthalle, um auf dem Empfang des Bürgermeisters zu drehen. Herr Roggenkemper …«

Ob es an der Beförderung lag oder an der Erwähnung des Stadtvaters – die dunkle Miene des Beamten erhellte sich. Noch zögerte er und mimte Bedenken, aber als sich Susannes Lächeln in ein Strahlen verwandelte, brach ihm schier das Herz.

Zehn Sekunden später war Mager wieder auf der Piste – mit müden 51.

 

Die Uhr zeigte 10 Uhr 58, als sie schräg gegenüber der Halle auf den Parkplatz rollten. Sie quetschten ihren Wagen zwischen einen weißen Mercedes 230 E mit Verwaltungskennzeichen und einen olivgrünen Passat mit Bundeswehrschild – der rote Lada machte sich da prächtig.

Susanne schlängelte sich als Erste hinaus: »Ich peile die Lage und beruhige Roggenkemper!«

Fluchend packte Mager die Ausrüstung aus und schleppte das Zeug über die Kreuzung: Der Dumme war immer er.

Susanne stand, ein Sektglas in der Hand, bei einem ranken Oberleutnant und lauschte einem Anekdötchen aus dem Landserleben. Vor ihnen, in grauem Sommeranzug und Schuhen mit überhöhtem Absatz, ein Mensch von höchstens eins fünfundsechzig. Mit Hornbrille, Bürstenschnitt und sorgfältig gestutzter Seemannskrause sah er aus wie die Reklamefigur für einen Rumverschnitt. Die Annäherung zwischen Truppe und Zivilbevölkerung, die sich vor seinen Augen zu vollziehen schien, betrachtete er mit dem Wohlwollen eines professionellen Heiratsvermittlers.

Das war Roggenkemper. Und Roggenkemper war der Chef von Datteln.

Der Mensch war über sechzig, wirkte zwei Wahlperioden jünger und war aktiv wie ein Vierziger.

Neben dem Dattelner Stadtparlament kommandierte er in Recklinghausen die Kreistagsfraktion und den Unterbezirk seiner Partei. In Münster bereitete er die wichtigsten Entscheidungen im Landschaftsverband Ruhr-Lippe vor, und im Düsseldorfer Landtag galt er als gewitzter Redner, dem man besser keine Blöße bot. Außerdem kämpfte er im Deutschen Städtetag und in zwei Aufsichtsräten. Sein Draht zur Welt war eine auf Lebenszeit zugesicherte Kolumne in einer Gewerkschaftszeitung, deren hundert Zeilen er regelmäßig um mindestens die Hälfte überzog.

Diese geballte Ladung an politischer Verantwortung zwang Roggenkemper, seine Basisarbeit auf das Allernotwendigste zu beschränken. Er war nur noch Vorsitzender des Turnvereins Teutonia, Präsident der Gesellschaft der Freunde des Datteln-Hamm-Kanals, Ehrenbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr, Ehrenoberst der Horneburger Prinzengarde, Tambourmajor im Fanfarenzug der Berginvaliden und Reservehauptmann der Deutschen Bundeswehr. Wie er es bei diesem Stress noch zu zwei Kindern, Dackel und Ehefrau gebracht hatte, war Mager einfach schleierhaft.

»Entschuldigen Sie, Herr Oberleutnant«, unterbrach Susanne den Redefluss ihres Kavaliers. »Darf ich Ihnen meinen Kameramann vorstellen?«

Der Dicke nickte dem Offizier zu und murmelte etwas, das man mit einigem Wohlwollen auch als Artigkeit verstehen konnte. Seit den achtzehn Monaten bei den Panzergrenadieren konnte er den Anblick solcher Silbermützen nur noch besoffen ertragen.

Auch Roggenkemper freute sich außerordentlich, den PEGASUS-Vize zu sehen. Er drückte Mager ein Glas mit Fürstensprudel in die Hand: »Schön, dass Sie da sind. Bei diesem Wetterchen werden wir ein schönes Filmchen drehen …«

Seine kräftige Stimme beeindruckte Mager kaum weniger als das Aussehen: Dem Löwen von Metro Goldwyn Mayer wären vor Neid die Schwanzhaare ausgefallen.

Roggenkemper zog Mager zur Seite.

»Haben Sie einen guten Zoom?«

Mager nickte.

»Ausgezeichnet! Also, passen Sie auf …«

Kurz und präzis befahl ihm der Bürgermeister, wie er nachmittags bei seinem großen Auftritt am Kanal auf das Video gebannt werden wollte.

»Und noch was: Nach etwa drei Minuten – Stichwort ›Kaiserwetter‹ – sage ich etwas über unsere Bundeswehr. Das muss in voller Länge drauf. Kapiert?«

Mager nickte und schluckte einen Frosch herunter. Sein Blick fiel auf Susanne. Sie zwinkerte leicht und wandte sich an den Häuptling: »Keine Sorge, Herr Roggenkemper. Mein Kameramann ist ein As.«

Der Sektempfang dauerte eine Stunde. Es wurde wenig geredet, viel geschwätzt und noch mehr getrunken. Makler und Architekten, die Chefs des Hochbauamtes und der kommunalen Wohnungsgesellschaft, ein Luftballonfabrikant und zwei Zink-Manager, der Kasernenkommandant und der Vorstand des Marinevereins, die Fraktionschefs und Ausschussvorsitzenden – alle waren da, die dem Bürgermeister lieb und den Bürgern meistens teuer waren. Wer fehlte, war nur der Größte unter den einheimischen Unternehmern: Gustav Puth. Als Bauunternehmer und Betonfabrikant nicht gerade ein armer Mann, hatte ihn seine zweite Heirat vor rund fünfzehn Jahren auch noch zum Inhaber einer Fabrik für Bergwerksausrüstungen und einer Ratsfrau aus den Reihen der größeren Oppositionspartei gemacht. Aber die sah an diesem Morgen nicht ganz so fröhlich aus.

»Beatrix! Schön, dass du trotzdem gekommen bist!«, strahlte Roggenkemper, als er die attraktive Fünfzigjährige mit Küsschen begrüßte.

»Was macht Gustav?«

Die Dame mit dem Haarknoten legte etwas Grau über ihre Spanien-Bräune: »Besser. Aber er wird heute Abend nicht kommen. Dr. Kloppenburg hat ihn wieder ins Bett gesteckt.«

Der Bürgermeister schaute auf die Uhr und runzelte die Stirn: »Ich kann’s nicht versprechen – aber wenn ich es zwischen Fahnenappell und Nato-Ball schaffe, komme ich auf einen Sprung …«

»Lass es gut sein. Du machst auch viel zu viel«, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. Dann, mit deutlichem Zittern in der Kehle: »Ich muss dir noch danken, weil du so oft vorbeigeschaut hast. Das hat ihm mehr geholfen als die Spritzen …«

Roggenkemper schüttelte ernst sein Haupt.

»Nicht doch, Beatrix. Er hätte dasselbe für mich getan«, sagte er. »Aber er muss die Eskapaden lassen. Und jetzt sei mir nicht böse …«

Er wandte sich ab, schnappte sich den Kommandanten der Haard-Kaserne und zog ihn zum Mikro. Ein leichtes Räuspern, und das Stimmengewirr im Saal erstarb.

»Licht«, zischte Mager. Er schulterte die Kamera. Susanne hob die Akku-Leuchte und schaltete sie ein.

»Mehr links – im Hintergrund sind Schatten …«

5

 

 

Hoekstra stieß rückwärts aus dem Hof des Hotels und knüppelte den Landrover den leeren Middenweg hinab. Links in die Boereglop, rechts in den Willem de Vlaminghweg, und schon passierte er das Kaap Oost, das Hotel am Ende der Umgehungsstraße.

Hier zögerte er einen Augenblick: Der Gedanke, im Hafen die große Polizeinummer abzuziehen und das Boot zu stoppen, war verführerisch. Aber wie sollte er mit seinen zwei Mann mehrere hundert Passagiere befragen? Absoluter Blödsinn …

Er bog nach links in den Lutinelaan und fuhr zur Wache. Dort setzte er sich hinter den Schreibtisch und dachte eine Minute lang konzentriert nach. Dann war er sicher: Der junge Dijkstra irrte, wenn er den Täter auf Vlieland vermutete. Interesse daran, dass die Tote möglichst spät gefunden wurde, musste vor allem jemand haben, der aufs Festland wollte. Er brauchte Vorsprung, um hinter allen Deichen zu sein, wenn man Ruth Michalski entdeckte.

Falls der Täter das erste Boot um sieben genommen hatte, war ihm das gelungen. Aber wenn er in einem Hotel gewohnt hatte, in dem er ordnungsgemäß bezahlen musste, um nicht aufzufallen – dann saß er jetzt auf der Fähre und zählte die Sekunden …

Hoekstra streckte den Arm zu dem Apparat aus, der ihn direkt mit dem Schiff verband.

»Frans?«

»Henk! Was liegt an?«

»Bist du allein?«

»Klar.«

»Also: Hier ist ein Mord passiert …«

Dem Kapitän blieb offenbar die Spucke weg.

»Hör zu!«, fuhr Hoekstra fort. »Wenn du Pech hast, ist der Täter an Bord. Aber erzähl das um Himmelswillen nicht weiter. An Bord muss alles so sein wie immer. Aber in Harlingen legst du erst an, wenn der Kai abgesperrt ist. Wir werden von allen Passagieren die Personalien aufnehmen …«

»Ich habe 400 Leute an Bord. Das dauert ewig!«

»Tut mir leid. Es geht nicht anders …«

Nächstes Gespräch: die Polizeischule in Harlingen. Der Telefonposten brauchte fast zwanzig Minuten, bis er den Offizier vom Dienst aufgetrieben hatte. Als der hörte, was Hoekstra wollte, begann er zu schreien.

»Wir haben Wochenende, Oberwachtmeister. Da sind noch gerade fünfzig Mann hier, und von denen …«

»Dann hol dir Verstärkung aus Leeuwarden. Du hast noch über eine Stunde Zeit. Und der Schiffer legt erst an, wenn er von euch das Klarzeichen bekommt. Es geht um Mord, Junge!«

Der Luitenant schluckte die Anrede und schickte sich ins Unvermeidliche: »Also gut. Was sollen wir fragen?«

Hoekstra erklärte es ihm.

Als er auflegte, kam Visser, sein Stellvertreter, herein. Wie Hoekstra hatte er eine Dienstwohnung gleich neben der Wache, sodass sie sich auch in der Freizeit pausenlos über den Weg liefen. Zum Glück war der Mensch in Ordnung, und auch die Frauen kamen miteinander aus.

»Wie schön, dass du mich am freien Samstag aus dem Bett geholt hast«, meinte der Wachtmeester 1e klas. »Ich wollte schon immer mal dabei sein, wenn die Touristen die Fähre entern …«

Hoekstra grinste flüchtig: Sie hatten sich das beide schon tausendmal angesehen.

»Mord im Albatros. Aber warte noch …«

Der Oberwachtmeister wählte erneut. Visser las die Nummer mit und ahnte, was kam: Sein Chef ließ den Jachthafen sperren. Die Insel war dicht. Ob es noch rechtzeitig war, würde sich zeigen.

Hoekstra drückte auf die Gabel, ohne den Hörer aus der Hand zu legen: Sein unmittelbarer Vorgesetzter saß auf Terschelling, Vlielands Nachbarinsel im Osten. Der Adjutant legte Wert darauf, unangenehme Nachrichten nicht erst aus der Zeitung zu erfahren.

»Alles klar?«, fragte Hoekstra, nachdem er wieder aufgelegt hatte.

Visser hatte mitgehört und nickte: »Sicher. Und ich habe immer behauptet, wir könnten auf diesem Inselchen eine ruhige Kugel schieben …«

»Die Zeiten sind vorbei«, meinte Hoekstra düster. Der Brand, angeschwemmte Pakete mit Rauschgift und eine gestohlene Segeljacht hatten ihnen in diesem Sommer mehr Arbeit bereitet, als ihnen lieb war.

Er stand auf: »Pass auf, Wim. Ich gehe jetzt rüber und esse einen Happen auf Vorrat. Du musst solange die Stellung halten …«

 

Dijkstras Anruf hatte Hoekstra beim Zeitunglesen erreicht, und er war in der Montur losgejagt, in der er in normalen Zeiten auch seinen Dienst versah. Dieser Samstag aber war alles andere als normal, und während seine Frau ihm einen Uitsmijter anrührte, stieg er aus seinem Tropenhemd und den Jeans in die dunkelblaue Uniform um. Er war noch nicht ganz fertig, da klingelte das Telefon.

»Henk? Leeuwarden war dran«, meldete Visser. »Die Recherche schickt sofort drei Mann mit einem Bölkow