Umschlag

Thomas Hoeps / Jac. Toes (Hg.)

Schmugglerpfade

Grenzübergreifende Kriminalstorys

Niederländische Geschichten
übersetzt von Stefanie Schäfer

Auf Schmugglerpfaden durch das ›Loch im Westen‹

Seit es Grenzen gibt, wird auch geschmuggelt. Und so müssen auch wir, die Herausgeber, gleich zu Beginn gestehen: Seit 2006 haben wir über die deutsch-niederländische Grenze hinweg hemmungslos Schmuggel betrieben.

In regelmäßigen Abständen tauschten wir bei konspirativen Treffen in Arnheim und Krefeld/Mönchengladbach in erheblichem Umfang geheime Waren aus. Freilich handelte es sich nicht um Drogenpakete, wie argwöhnische Nachbarn mit Blick auf das schon wieder nebenan vor der Tür parkende deutsche, beziehungsweise niederländische Auto wohl mutmaßten. Es waren vielmehr kriminelle Geschichten, mit denen wir die Arbeit an unseren grenzüberschreitenden Romanen vorantrieben. Ob der Zoll die beschlagnahmt hätte? Immerhin ging es um illegale Handlungen.

Was wir aber sicher wissen: Es war das Misstrauen der Nachbarn gegenüber uns schmuggelnden Autoren, dem wir die Idee zu diesem Buch verdanken. Es war dringend an der Zeit, tatsächlich einmal vom Schmuggel über die deutsch-niederländische Grenze zu erzählen. Und weil das Thema so viel Stoff für so viele Geschichten bietet, luden wir gleich vierzehn deutsche und niederländische Krimiautorinnen und -autoren ein, gemeinsam mit uns auf Schmuggeltour zu gehen.

Sobald wir jemandem von diesem Plan erzählen, ist die Begeisterung groß und die persönlichen Erinnerungen beginnen nur so zu sprudeln. Denn beinahe jeder oder wenigstens irgendein Familienmitglied hat schon einmal etwas über die Grenze geschmuggelt. Je nach Alter und Vorliebe Butter, Kaffee, Zigaretten, Diesel oder auch weiche Drogen. Großzügig betrachtet und unter uns gesagt: alles Kavaliersdelikte.

Aber der Schmuggel hat auch eine dunkle Seite. Es geht natürlich ums große Geld, wenn Diamanten, Edelmetalle oder auch seltene Medizin trickreich versteckt über die Grenze gebracht werden. Und oft sogar um nichts Geringeres als das Leben: Menschen werden über die grüne Grenze geschleust, um sie zu retten oder auch zu versklaven. Waffen und Sprengstoff werden geschmuggelt, um Anschläge zu begehen, und menschliche Organe, um denen das Leben zu verlängern, die genug Geld dafür auf den Tisch legen.

Dieses ganze Spektrum des Schmuggels vom kleinen Abenteuer bis zum großen Drama findet sich in den sechzehn Geschichten unseres Buches wieder. Und auch die zeitliche Bandbreite der Storys ist weit gefasst: Sie reicht vom Jahr 1919 bis in die Zukunft des Jahres 2084. So schreibt Schmugglerpfade zugleich auch eine kleine Geschichte der verborgenen deutsch-niederländischen Beziehungen. Das alles selbstverständlich gleichberechtigt acht Mal aus deutscher, acht Mal aus niederländischer Sicht. Vielleicht verändert die Grenze ja ihren Charakter, je nachdem, von welcher Seite aus man sie betrachtet? Oder das Schmuggelwesen? Der Zoll? Lesen und entscheiden Sie selbst.

Darüber hinaus ist Schmugglerpfade natürlich auch und vor allem ein Buch für Freunde spannender und unterhaltsamer Kurzgeschichten mit hoher krimineller Energie. Geschrieben hat sie eine Truppe vielfach ausgezeichneter Autorinnen und Autoren beider Länder, deren eine Hälfte aus dem Grenzgebiet stammt und deren andere Hälfte den Blick von außen auf die Region geworfen hat.

Zur Vorbereitung dieses Buches haben wir Herausgeber umfangreiche Recherchen zur Geschichte des deutsch-niederländischen Schmuggels betrieben. Am Ende dieser Sammlung war uns klar, man könnte drei und mehr Anthologien alleine schon mit Geschichten füllen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Von den völlig frei erfundenen Storys ganz zu schweigen. Hoffentlich schreibt also eines Tages jemand die Große Enzyklopädie des deutsch-niederländischen Schmuggels. Wie sehr sich das lohnen würde, mögen die folgenden Absätze zeigen, die nur einen ganz kleinen Ausschnitt unserer Recherchen wiedergeben.

Beginnen würde die Geschichte des Schmuggels irgendwann im siebzehnten Jahrhundert, als vergünstigter spanischer Soldatenwein vom Niederrhein in die Niederlande geschmuggelt wurde.

Aber so richtig ging es mit dem ›Schleichhandel‹ erst 1818 los, als das ›Preußische Zollgesetz‹ verabschiedet wurde. Keine zwei Jahre später sollen alleine rund um Kaldenkirchen zweitausend Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem illegalen Speditionsgeschäft verdient haben. Geschmuggelt wurden die Klassiker: Kaffee, Tee, Kakao, Tabak, aber auch Getreide, Salz, Zucker und besonders in Zeiten der Maul- und Klauenseuche auch Vieh.

Keineswegs verzichten dürfte diese Enzyklopädie auf den berühmten Jan den Düvel. Der Besenbinder, Schmuggler und Wilddieb betrieb von 1884 bis 1916 eine Herberge auf holländischem Boden in der Hees nahe Siebengewald, die zahlreichen Schleichhändlern Obdach bot und ein Hort wilder Geschichten war.

Aber so romantisch das klingen mag, sowohl der Schmuggel als auch dessen Bekämpfung waren ein lebensgefährliches Geschäft und je weiter das zwanzigste Jahrhundert voranschritt, umso mehr wurde auf beiden Seiten aufgerüstet. 1920 erhielten die Grenzzollbeamten zwar erst Gummiknüppel, tatsächlich wurde aber schon längst scharf geschossen und die Zahl getöteter Schmuggler und Zöllner nahm mit jedem Jahr zu.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Friedensvertrag von Versailles riss nämlich das berühmt-berüchtigte ›Loch im Westen‹ auf: Einerseits wurden die offiziellen Im- und Exporte seitens der Besatzer im Rheinland massiv beschränkt, andererseits hatten die Deutschen zu beklagen, dass die Militärbehörden das Land ausbluten ließen, indem sie das dramatisch zunehmende Schmuggelwesen nicht verfolgten. Gepanzerte Fahrzeuge mit kleinen Sichtfenstern statt einer Windschutzscheibe brachten in Hochgeschwindigkeit das Schmuggelgut nach Köln und von dort aus weiter ins Land. Stellenweise brachen Gruppen von hundert Schmugglern und mehr über die Grenze durch und die Zöllner konnten nur hilflos den ein oder anderen festhalten.

Im ›Dritten Reich‹ verlor der Warenschmuggel nach und nach an Bedeutung. Dafür wurden nun Flugblätter und Broschüren der deutschen Widerstandsgruppen in den Beneluxstaaten gedruckt und von dort aus eingeschmuggelt, während die Niederlande und Belgien für Oppositionelle, verfemte Künstler, Juden, Sinti und Roma und viele weitere von KZ und Tod bedrohte Menschen zu ersten Anlaufpunkten einer oftmals langen Flucht wurden.

Hochmotorisierte Cadillacs und kuriose Kleinschmugglerverstecke prägten das Bild der Nachkriegszeit. Während mit 16-zylindrigen Amischlitten tonnenweise Kaffee nach Deutschland geschmuggelt wurde, musste sich ein Bahnbeamter aus Kleve mit den dreihundert Gramm Kaffee begnügen, die in seine Beinprothese passten. Und auch die 1957 bei Kleve ertappte Haushälterin eines Pfarrers wird in ihrer Achselhöhle kaum mehr untergebracht haben.

Große Augen werden damals alle jene gemacht haben, die bei dem Versuch erwischt wurden, eine Stange Zigaretten oder eine der beliebten niederländischen Wolldecken mit ihrem Auto über die Grenze zu schmuggeln. Bis 1961 wurde das Auto vom deutschen Zoll kurzerhand gleich mit beschlagnahmt. Ersttätern kam Vater Staat netterweise entgegen: Sie durften ihr Auto ›auf dem Gnadenwege‹ zu einem günstigen Preis zurückkaufen.

Zur gleichen Zeit begann sich das Schmuggelgeschäft zu wandeln. Der Schleichhandel im kleinen Grenzverkehr lief zwar weiter, das ganz große Geld wurde aber durch ›Intelligenzschmuggel‹ gemacht. Schon 1963 berichtete der SPIEGEL, wie betrügerische Firmen hochwertige Waren durch geschickte Umetikettierung in minderwertige Produkte verwandelten und so Zölle in Millionenwert vermieden und obendrein noch Subventionen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft kassierten.

Und bis hierher immer noch kein Wort über den Drogenschmuggel, für den diese Grenze doch so bekannt ist? Und keines über die Schleusung von Asylsuchenden und Zwangsprostituierten? Der Platz reicht nicht. Wer schreibt sie, die Große Enzyklopädie des deutsch-niederländischen Schmuggels?

Denn wir müssen und wollen jetzt weiterziehen, entlang der Schmugglerpfade von sechzehn deutschen und niederländischen Krimischriftstellern, um dort mitzuerleben, wie Butter, Diamanten, Menschen, Waffen, Haschisch und vieles anderes mehr am helllichten Tage oder bei Nacht und Nebel am Zoll vorbei über die Grenze geschafft werden.

Eine spannende Lesezeit wünschen im Namen aller Autorinnen und Autoren

Thomas Hoeps & Jac. Toes

Richard Birkefeld

»Die Syphilis kennt keine Grenzen!«

I

»Du hast mir damals sehr geholfen, Arno. Weißt du noch?« Gregor Meyers zog Stiefel und Strümpfe aus und tauchte seine Füße in die Schwalm.

Arno Lamprecht nickte stumm und betrachtete das Profil seines Nachbarn. Dieser wirkte ruhig, ausgeglichen und erholt. Das lag nicht nur an dem schmeichelhaften Licht der Nachmittagssonne, die neben Gregors Gesicht auch die hinter ihm am Burgwall liegenden Überreste der Schlossruine Brüggen zum Leuchten brachte, sondern an einer Art innerem Glühen.

Ja – er konnte sich noch genau erinnern. Die Kämpfe in Flandern …

Arno öffnete die von Gregor mitgebrachte Flasche Bier, nahm einen Schluck und reichte sie wortlos an seinen Freund weiter.

Es kam ihm wie gestern vor. Die Westoffensive im Frühjahr 1916 hatte seinem Kumpel Gregor den Rest gegeben. Er war nur noch ein Bündel zitterndes Fleisch gewesen. Unfähig, seine Bewegungen zu kontrollieren, und nicht mehr in der Lage, zu kämpfen.

Seine Vorgesetzten nannten es Feigheit, er nannte es Frontkoller. Die Seelenklempner wollten Gregor als Simulanten entlarven und ihm die Angst im Lazarett austreiben, aber er schiss drauf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf ihre Kunst, ihr Urteil, ihre Unbarmherzigkeit. Er verfluchte die Generäle, den Kaiser und diesen ganzen elenden und gottverdammten Krieg. Gregor hatte die Schnauze voll von der Schlachterei, wollte von den Fahnen, sich absetzen, rüber nach Holland.

Er hatte sich in der Nacht wohl wieder eingenässt und in die Pritschendecke gekotet, weil ihn die Trommelfeuer und das Schlachtengetöse erneut heimgesucht hatten, mit all den Kartätschenhageln und Granatensplittern, dem Gasgeruch, der Atemnot, dem Schreien der Verstümmelten, dem Morast aus Blut, Dreck und Ausgeschiedenem. Aber das Schlimmste in den Nachtmahren, wie er Arno häufig erzählt hatte, waren nicht allein die Stahlgewitter, sondern vielmehr die aufgerissenen Augen der Zivilisten gewesen, die sie abknallen mussten, ein paar Jahre zuvor in Tamines, als Vergeltung für den Angriff einer Handvoll Franktireurs, über dreihundert Einwohner, abgeschlachtet wie Vieh. So etwas durfte ein Soldat nicht tun. Und wenn doch, dann saß einem die Schuld wie ein Inkubus auf der Schulter und trieb den Verstand in den Wahnsinn, bis man die Kontrolle über die Körperfunktionen verlor, sich entleerte, als könnte man sich so von der Bürde befreien.

Und dann war Gregor zitternd aufgestanden, hatte sich trotz der vollen Unterhosen angezogen, war rübergeschlichen ins Feldlager, zu ihm, Arno, hatte ihn geweckt und ihm ins Ohr geflüstert, dass er raus müsse aus der Scheiße, sonst drehe er vollends durch.

Und er, Arno, immer Kamerad, immer Freund, war klaglos aufgestanden und hatte gesagt, keine Sorge, alter Junge, ich mach das schon, ich bringe dich raus aus dieser Knochenmühle, du wirst sehen, in zwei, drei Monaten hört dein Zittern auf. Dann bist du wieder so normal wie vorher und liegst in den Armen eines schönen Meisjes …

Arno hingegen hatte der Krieg nichts anhaben können. Er war unverwundbar, liebte den Nervenkitzel, die Gefahr, das Vabanquespiel auf Leben und Tod. Ebenso das Landserdasein mit all seinen Freiheiten und abenteuerlichen Versprechungen. Selbst die Huren hinter der Front, die Tag und Nacht hart arbeiten mussten, um der Schlange von Männern Herr zu werden, die nach einem Ölwechsel gierten, selbst wenn ihnen anschließend der Hahn tropfte und sie behandelt werden mussten. Aber sie waren die einzigen Röcke weit und breit, bedeuteten fünf Minuten Glückseligkeit abseits der Todesgräben und lieferten den süßen Beweis, dass man noch lebte.

Genieße den Krieg, denn der Frieden wird fürchterlich sein – das war Arnos Devise. Und die hatte sich bewahrheitet, gerade jetzt, fast zwölf Monate nach dem Krieg, im Sommer 1919. Das Land am Boden, in Rechts und Links zerrissen, gedemütigt. Es gab nichts zu Fressen, keine Arbeit und kein Geld, das etwas taugte. Die Preise stiegen ins Unermessliche, der Schwarzhandel blühte und nur die holländische Grenze war die Tür zur Speisekammer – wenn man sich Zutritt verschaffen konnte. Auch Arno hatte den Boden unter den Füßen verloren, der Kriegskitzel war verflogen, der Alltag eine endlose Aneinanderreihung sinnloser Arbeitsbeschaffungsversuche. Dann der Alkohol, die Spielsucht, seine Gewalttätigkeit, der ständige Ärger mit der Polizei, auch nach den Revolutionswirren, als er nach Kriegsende in München-Gladbach hängen geblieben war.

Er sehnte sich zurück in den Graben, in die einfache Ordnung des Lebens: aufspringen, angreifen, töten. Alles ganz einfach! Für ihn, den in lärmenden städtischen Fabrikhallen Geprägten, war das, was in den Kriegsjahren seine ländlichen Kameraden erschütterte, Labsal und Lebenselixier gewesen: die Technik und der Krach der modernen Waffen, das Mechanisierte, das Rücksichtslose, die Automatisierung des Todes, die Zerstörung alter Langsamkeit, das gnadenlose Tempo, die allgegenwärtige Geschwindigkeit.

Er hatte sich sofort – als sie bei den Kämpfen um Lüttich die Motorräder der Herstaler Firma Saroléa konfiszierten, um mit diesen die bisher berittenen Meldegänger seiner Einheit umzurüsten – freiwillig gemeldet und vorgegeben, ein motorisiertes Zweirad zu beherrschen, obwohl das keineswegs stimmte. Arno lernte die Handhabung und die Technik schnell, wusste bereits beim ersten Mal, als ihm der Fahrtwind um die Nase wehte, dass er mit dieser knatternden 546er den Krieg unversehrt überstehen würde, weil das Motorrad schneller fuhr, als die Kugeln des Feindes flogen.

In jener Nacht, als Gregor zu ihm kam, um dem Grauen zu entfliehen, packte er den Kumpel auf den Sozius und röhrte in die Nacht hinein. Er verließ die Etappe, wohl wissend, dass man sie erschießen könnte, sollte man sie im Hinterland überprüfen, und kurvte in Richtung Nordosten, zur nahen belgisch-holländischen Grenze, in die Nähe von Hamont-Achel. Das Risiko, möglichen Feldgendarmen zu begegnen, war gering und er würde lange vor dem Morgenappell zurück sein.

Er jagte durch die Dunkelheit, mied die großen Straßen, fuhr oft ohne Licht, wenn er sich nicht alleine auf den Wegen wähnte, knatterte über Stock und Stein, aufgeweichte Trassen und fürchtete auch unbefestigtes Gelände nicht. Gregor wies ihm den Weg, er hatte die Informationen von belgischen Verwundeten bekommen, die mit ihm im Lazarett gelegen hatten. Außerdem besaß er ein hervorragendes Orientierungsvermögen, wusste von einer überwindbaren Stelle im tödlichen Elektrozaun, der von den deutschen Besatzern erbaut worden war und von Vaals bei Aachen bis nach Sluis führte. Der Passeur, der den Übergang kannte, war unter Eingeweihten bekannt. Er war einer von vielen, der belgischen Flüchtlingen, geflohenen Kriegsgefangenen und deutschen Deserteuren genauso half wie Schmugglern, Agenten und Franktireurs in beide Richtungen.

Gregor, der die flandrische Landkarte und den Grenzverlauf bis ins kleinste Detail studiert zu haben schien, lotste ihn in tiefster Finsternis sicher zu Johan, dem Schmied, der am östlichen Ortsrand von Hamont wohnte, besagter Passeur, der jedem den Weg wies, der das Losungswort kannte: Gravensteen.

Und Gravensteen bewirkte Wunder!

Johan, der gut Deutsch sprach, stellte keine Fragen, wunderte sich auch nicht über die Uniformen, sondern gemahnte zur Eile, quetschte sich kurzerhand noch mit auf die Saroléa, und schon ging’s über Schmugglerpfade durch Felder, Gebüsch und Wäldchen, bis sie das Motorrad abstellten und die letzten Meter zum Todeszaun schlichen. Hier patrouillierten zwar deutsche Soldaten, aber, so Johan, das seien meist altgediente, vom Grabenkrieg entnervte oder Verwundungen auskurierende Klappspaten, die schlecht zu Fuß seien und denen es häufig scheißegal wäre, wer da so durch die Maschen schlüpfte. Oft genügten auch Tabak oder Genever als Morgengabe, um sie in eine andere Richtung blicken zu lassen.

In diesem Abschnitt sei das glücklicherweise sehr human, hatte Johan geflüstert, an anderen Stellen des Zauns gäbe es Schweine, die schössen aus allen Rohren, wenn sie Grenzgänger überraschten oder zynisch rumfeixten, wenn sie schwarz verbrannte Leichen aus dem, wie die Moffen ihn offiziell nannten, ›Grenzhochspannungshindernis‹ kratzten. Die Grenzposten von Hamont wären aber bestochen, so Johan weiter, und würden in diesem Abschnitt jede Nacht um Punkt null Uhr für fünf Minuten den Strom abstellen, und darauf müsste man nun warten.

Arno konnte damals nur schemenhaft die Anlage vor sich erkennen. Da war zunächst ein normaler Maschendrahtzaun, dahinter eine gerodete und von Hindernissen befreite Schneise, dann kam der eigentliche, vielleicht zwei Meter hohe Elektrozaun mit mehreren horizontal verlaufenden Stromkabeln, die mit senkrechten Drähten verbunden und in regelmäßigen Abständen an Pfosten mit Porzellanisolatoren befestigt waren. Drüben, auf der holländischen Seite, verlief dann noch ein Stacheldrahthindernis, dessen Verlauf sich schnell in der Schwärze der Nacht verlor.

Johan hatte auf seine Taschenuhr geblickt, dann Gregor am Arm gepackt und ihn schnell zum ersten Zaun gezogen, an dem ein Schild verdrahtet war, auf dem Let op, Levensgevaar stand, und ihm dann routiniert über das Hindernis geholfen. Arno, der ebenfalls herangetreten war, hatte seinen Freund die freie Fläche queren, über den Elektrozaun klettern und schließlich drüben in der Dunkelheit verschwinden sehen.

Job gedaan! Johan hatte sich die Hände gerieben und sich von Arno nach Hause bringen lassen. Er wolle zwar nicht wissen, warum der Mann nach Holland geflohen sei, aber der hätte gestunken wie ein vergammelter Limburger und das käme selbst bei den ›Käsköppen‹ nicht gut an.

Arno grinste, als er die Bierflasche von Gregor gereicht bekam. »Ich muss gerade daran denken, wie du damals gestunken hast, als wir dir übern Zaun geholfen haben, auch der Belgier hat sich anschließend bei mir beschwert!«

»Ich weiß, aber das Grauen in meinem Kopf war damals stärker als jedes Schamgefühl.«

Arno nahm einen tiefen Zug aus der Flasche und gab sie wieder zurück. »Und heute?«

»Heut ist alles wieder zurechtgerückt. Aber dieser Scheißkrieg …«

»Ich fand die Zeit gut!« Arno blickte auf das vorbeifließende Wasser und warf einen kleinen Stein in die Schwalm. »Jedenfalls tausendmal besser als heute. Jetzt krieg ich meinen Arsch nicht mehr an die Wand. Keine Arbeit, kein Geld, nur billige Huren, Männerwohnheime und Nachtasyle …«

»Ich weiß, mein Freund!« Gregor nahm den letzten Schluck und verstaute die leere Flasche in seinem Rucksack. »Deswegen habe ich dich aus München-Gladbach rausgeholt und hier nach Brüggen verfrachtet. Es war gut, dass wir immer Kontakt gehalten haben, ich hätte da nämlich was für dich …«

II

»Sie sieht zwar etwas ramponiert aus, ist aber voll im Schuss!« Die junge, aber verhärmt wirkende und von vier kleinen Kindern umringte Frau zog die Plane vom Motorrad und präsentierte die elfenbeinfarben lackierte, aber recht verschmutzte Rudge-Whitworth Multi, eine, wie Arno sofort erkannte, 499er mit wechselgesteuerten Ventilen. Sie hatte eine Leistung von 3,5 PS, war mit einem Sunbeam-Vergaser ausgerüstet und besaß eine CAV-Magnetzündung – allerdings auch noch diese veralteten Reifenbremsen. Rechts und links des Hinterrades waren zwei lederne Packtaschen montiert.

»Mein Jupp liebte sie, sein ›zuverlässiges Mädchen‹ hat er sie immer genannt …« Sie seufzte und hielt zwei ihrer Kinder zurück, das Motorrad anzufassen. »Den Krieg hat er überstanden und dann wird er von den Grenzern abgeknallt, ich mag kaum dran denken …«

Gregor hatte ihm die Geschichte auf dem Wege zu dieser Frau, der Witwe Hildchen Zeegers, erzählt. Ihr Mann Jupp sei sein Fahrer gewesen, der gleich nach Kriegsende mit dem Motorrad die handelsübliche Konterbande über die Grenze geschmuggelt hätte, letzten Monat aber bei seiner Flucht vor deutschen Grenzsoldaten angeschossen worden sei. Drei Tage später erlag er den schweren Verletzungen.

So hatte Arno außerdem erfahren, dass Gregor seit seiner Fahnenflucht zunächst in Weert, dann in Eindhoven mit professionellen holländischen Schmugglern Kontakt geknüpft hatte, die für deutsche Mitarbeiter dankbar waren. Sie hatten Gregor falsche Papiere besorgt, mit denen er sich ungefährdet wieder nach Deutschland hatte zurücktrauen können, um in der grenznahen Region den illegalen Güteraustausch zu organisieren. Seit der Lebensmittelblockade der Entente lief das Geschäft gut, Gregor war nach eigenen Angaben ein vermögender Mann geworden, und die Gegend wurde mit Schweinehälften, Käse, Butter und Kolonialwaren versorgt, die schon während des Krieges über die holländische Grenze nach Deutschland transportiert wurden.

Aber jetzt, so hatte Gregor verschwörerisch getuschelt, wären sie im Besitz einer Sore, die ein Vermögen wert sei und auf die englische Agenten scharf seien wie die Belgier auf Pommes frites. In diesem Fall stünde das Zeugs aber in einer Scheune hier in Brüggen und müsste sukzessive rüber nach Eindhoven beziehungsweise Weert gebracht werden. Für diese Tour benötigten sie einen tollkühnen Motorradfahrer, der weder Tod noch Teufel fürchtete, die Kiste auch im unwegsamen Gelände beherrschte und verwegen genug wäre, diese heikle Aufgabe zu übernehmen. Ursprünglich hätte Jupp das machen sollen, aber auch der wäre schließlich nicht clever genug gewesen, sonst würde er sich noch des Lebens erfreuen. Zum Glück, so Gregor recht gefühllos, sei die Multi aber noch intakt, und Jupps Frau würde, gegen einen kleinen Obolus natürlich, die Maschine weiterhin für den Transport zur Verfügung stellen. Gregor hätte sofort an Arno gedacht und ihn seinen holländischen Freunden und englischen Abnehmern als absolut zuverlässigen Stuurman empfohlen, der für diese Aufgabe wie gemacht sei.

Arno hatte sich angehört, wie Gregor ihn zu entlohnen gedachte und wie oft er dafür die Grenze überqueren musste. Das Zeug sollte rucksackweise rübergeschafft werden, um bei möglichen Kontrollen den Verlust so gering wie möglich zu halten. Denn jeder Rucksack war Hunderte von englischen Pfund wert, so hatte ihm Gregor versichert, die aber aufgrund der herrschenden Währungsschwankungen weder in britischen noch in deutschen Banknoten ausgezahlt werden sollten, sondern in Juwelen aus Amsterdam. Seinen Anteil müsste Arno dann wieder zurück nach Deutschland schmuggeln und so weiter und so fort, bis die komplette Ware aus der Brüggener Scheune nach Eindhoven verschoben wäre. Danach wäre er ein reicher Mann.

Arno hatte natürlich, ohne groß zu überlegen, zugesagt. Mit seinem Anteil könnte er die nahe Zukunft überleben, vielleicht eine Familie gründen oder alles beim illegalen Glücksspiel verdoppeln. Egal, was das Schicksal für ihn bereithielt, er würde wieder mitmischen können.

Was das denn für ein Zeug wäre, hatte Arno aber noch zu fragen gewagt, und wie das hierhergekommen sei.

Gregor erzählte ihm daraufhin eine abenteuerliche Geschichte über ein Medikament namens Salvarsan, ein sogenanntes Antibiotikum auf Arsenbasis, das gegen Infektionskrankheiten helfe, besonders aber gegen die Syphilis, falls das Arno etwas sagen sollte, wie Gregor augenzwinkernd hinzugefügt hatte. Arnos Bemerkung, er hätte bisher nur einen leichten Schnupfen gehabt, begleitete Gregor mit einem verständnisvollen Blick und erklärte, dass das Medikament ein internationaler Verkaufserfolg wäre, der Export aber durch den Kriegsbeginn eingestellt worden sei. Das Salvarsan, das hier in Brüggen lagerte, entstammte einer für England bestimmten Lieferung der Chemiefirma Hoechst, die es zunächst nach Rotterdam verschiffen wollte. Irgendwann im Sommer ’14 wäre die Lieferung jedoch als kriegswichtiges Produkt, das der Feind nicht in die Hände bekommen durfte, in Duisburg gestoppt und dort gelöscht, eingelagert und schließlich durch die folgenden Kriegswirren vergessen worden – bis einer von Gregors Mittelsmännern, der im Hafen arbeitete, das Zeug zufälligerweise entdeckt und dessen Nutzen als Konterbande erkannt hatte. Denn außer Hoechst wäre außerhalb Deutschlands niemand in der Lage gewesen, das Medikament herzustellen, und die Engländer, Belgier und Franzosen hätten auch gern den Blumenkohl, so Gregor wörtlich, an den Schwänzen ihrer Soldaten kuriert. »Die Syphilis kennt halt keine Grenzen!« Außerdem helfe Salvarsan gegen andere mikrobakterielle, besonders tropische Erkrankungen, die gerade für eine Kolonialmacht wie England als bekämpfungswürdig galten.

In einer Nacht- und Nebelaktion hätte Gregor dann mit seinen Jungs das Medikament in seinen Besitz gebracht. Es handelte sich dabei um knapp zweieinhalbtausend Schachteln mit Ampullen und einem Gesamtgewicht von circa zehn Zentnern, die man schließlich, weil Jupp das Zeug über die Grenze schaffen sollte, hier nach Brüggen transportiert und in der Scheune eines Helfers deponiert hatte. Es war alles bestens organisiert und dem Transfer hätte nichts im Wege gestanden, wenn Jupp nicht von der Multi geschossen worden wäre …

»… der Tank müsste voll sein. Behaltet die Kiste, so lange ihr sie braucht«, unterbrach die Frau Arnos Gedanken, »ich kann damit eh nichts mehr anfangen. Sie fährt übrigens mit Rizinusöl.« Achtlos ließ sie die Plane zu Boden fallen und nahm das kleinste Kind auf den Arm. »Wenn ihr den Kindern und mir die Tage dafür etwas Vernünftiges zu Essen besorgt, wäre ich euch dankbar.« Tränen rollten ihr über die Wangen. »Ich bin ohne meinen Jupp so hilflos und muss trotzdem die vielen Mäuler stopfen …«

»Machen wir!« Gregor steckte der Witwe ein paar Dollarscheine zu. »Und mit Herrn Lamprecht, ich meine mit Arno, geht alles klar? Er kann dann das nächste Vierteljahr bei Ihnen logieren?«

»Natürlich, ich hab ja genug Platz. Und wenn er mir ein bisschen zur Hand ginge, bei der einen oder anderen Reparatur im Haus …«

»Das macht er doch sicherlich gerne. Stimmt’s, Arno?«

»Natürlich.«

Sie verabschiedeten sich schließlich von der Frau und Gregor rollte die Multi vom Grundstück. »Mach mal ’ne Probefahrt!«

Arno schwang sich auf die Kiste und röhrte ein paar Mal ums Haus, legte sich in die Kurven, testete die schwerfälligen Bremsen, war aber zufrieden. »Vielleicht ein bisschen laut für die Aufgabe. Der Auspufftopf sollte mal überprüft werden.«

»Das regeln wir.«

»Gut – und jetzt? Wie geht’s weiter?« Mit der knatternden Maschine zwischen den Beinen fühlte sich Arno überaus unternehmungslustig, kampfbereit …

Gregor klemmte sich mit auf die Multi und wies Arno den Weg zur Scheune. Dort wurden sie von einem finsteren Kerl namens Hagen erwartet, der Arno in seine neue Aufgabe einweisen sollte.

Hagen zeigte Arno in der Scheune einen riesigen Stapel mit Arzneischachteln, in denen sich die Salvarsan-Ampullen befanden. Dann überreichte er Arno einen großen Rucksack und erklärte, dass man mit diesem und den Gepäcktaschen knapp fünfzig Kilogramm transportieren könnte, was bedeutete, dass der Grenzübergang zwischen zehn und fünfzehn Mal durchgeführt werden müsste. Der Schleichweg, den er, Hagen, Arno am nächsten Tag noch zeigen würde, führte von hier durch den Brachter Wald in Richtung Kaldenkirchen bis zum kleinen Bach Maalbeek, der beidseitig der Grenze von einem dichten Gehölz umsäumt sei, in dem man am sichersten nach Holland rüberkäme. Um die wenigen Maasbrücken wegen möglicher Kontrollen zu meiden, sollte Arno sich dann südwestlich halten und sich über Feldwege und Landstraßen bis an die Maas bei Belfeld durchschlagen. Dort würde er den Bauern und Komplizen Piet treffen, der ihn mitsamt dem Motorrad dann in einem kleinen Boot über die Maas brächte. Auf der anderen Seite des Flusses wäre Arno gewissermaßen aus der Gefahrenzone heraus und könnte auf dem schnellstmöglichen Weg nach Weert fahren, wo er Gregor an der Martinuskerk treffen würde, der das Zeug dann in sein Automobil packte, um es schließlich in Eindhoven an den Mann zu bringen. Arno bekäme auch sofort seinen zehnprozentigen Anteil vom Verkaufswert der Ladung in Juwelen ausbezahlt und könnte dann den Rückweg antreten, diesmal über die Brücke in Venlo und den Schleichweg durch den Brachter Wald.

»Das wär’s im Groben.« Hagen reichte Arno die Hand. »Auf gute Zusammenarbeit. Morgen fahren wir die gesamte Strecke ab, präg dir alles gut ein, mach dir meinetwegen Notizen und Skizzen, denn ab nächste Woche geht’s los. Dann bist du auf dich allein gestellt.«

Sie verließen die Scheune. Hagen schloss ab und radelte davon, während Arno Gregor zum seinem Opel Püppchen zurückbrachte, den dieser in Brüggen am Burgwall abgestellt hatte.

»Hals- und Beinbruch, Arno«, verabschiedete sich Gregor und klopfte ihm auf die Schulter, »in vier Tagen sehen wir uns in Weert – und dann rollt der Rubel, alter Junge!« Gregor öffnete die Tür des Opels, nahm vom Rücksitz einen Karton und gab ihn Arno. »Für dich. Damit du nicht so wehrlos bist wie der arme Jupp, falls die Grenzer dich am Arsch kriegen sollten. Eine Mauser C96 mit vollem Magazin und drei Ladestreifen.« Gregor startete den Wagen, nickte noch kurz und fuhr dann mit qualmendem Auspuff davon.

Arno packte den Karton in eine der Satteltaschen und nutzte den Rest des Tages, die Rudge-Whitworth durchs Dorf und über die Feldwege zu jagen.

Da spürte er es wieder, dieses vertraute Gefühl der Freiheit, den Rausch der Geschwindigkeit, den süßen Schauder der Gefahr, der alles hinter ihm zu lassen schien – die Sorgen und die Zukunftslosigkeit. Jetzt schoss er nur noch vorwärts, ohne nach rechts und links zu blicken …

III

Die letzte Tour. Diesmal brannte der Fahrtwind auf der Haut. Ein schlechtes Omen?

Arno war wieder einmal bis auf eine klägliche Rücklage blank. Verzockt – all die in Dollars eingetauschten Juwelen. Verspielt in den Spelunken der Düsseldorfer Altstadt, die Arno zwischen den Schieberfahrten aufgesucht hatte. Die Glücksspiele in den Hinterzimmern besaßen für ihn einen größeren Reiz als die revolutionären Nachwehen des Krieges und der seiner Meinung nach vergebliche Versuch, aus der hinterlassenen Scheiße des Kaisers eine Republik formen zu wollen. Er wusste, dass in den kommenden Jahren nur der überlebte, der am rücksichtslosesten, gewalttätigsten oder am gierigsten war.

Auch er war im Besitz dieser Eigenschaften, die ihn die vorangegangenen zwölf Touren hatten erfolgreich absolvieren lassen. Aber auch die Multi hatte ihr Bestes gegeben, die Grenzer konnten ihr nichts vergleichbar Mobiles entgegensetzen, manchmal waren sie beritten, hin und wieder, wenn es das Gelände zuließ, fuhren sie auf Fahrrädern Streife. Aber mit all diesen Fortbewegungsmitteln besaßen sie nicht den Hauch einer Chance, ihn zu fassen. Sie müssten ihn entweder auf den Kontrollsperren der Maasbrücken einfangen oder aber andererseits in Deutschland bis zu seiner Unterkunft verfolgen. Doch für derartige Aktionen war er zu clever und zu schnell. Um ihn zu bekommen, müsste man ihn schon wie Jupp vom Motorrad schießen.

Einmal hatten sie es bereits versucht, auf der deutschen Seite, irgendwo im Brachter Wald, doch er hatte die stets griffbereite Mauser aus der Seitentasche des Rucksacks gezogen und während der Fahrt über die eigene Schulter zurückgeballert. Seine Gegenwehr reichte aus, die Schüsse hinter ihm verstummen zu lassen. Die Idee, das Zeug mit einem Motorrad über die Grenze zu schaffen, hatte sich als genial erwiesen, als sichere Chose.

Auch heute war es ihm wieder problemlos und unentdeckt gelungen, die Grenze zu passieren. Der Holländer Piet hatte ihn für ein paar grüne Scheine wie immer zuverlässig über die Maas gerudert und somit aus dem gefährlichen Flaschenhals zwischen Fluss und Grenze befördert.

Nun raste Arno durch die Dämmerung des anbrechenden Tages auf der Landstraße in Richtung Weert, um Gregor die letzte Fuhre zu übergeben und ein letztes Mal seinen Anteil zu erhalten. Danach wollte er auf dem kürzesten Weg nach Düsseldorf zurück, um sich sein gestern verspieltes Geld wiederzuholen und den Zockern zu zeigen, dass er, Arno, nicht eher aufgab, bis den anderen Luschen die Luft ausging und sie die weiße Fahne hissen mussten.

Aber diesmal lief die Übergabe nicht glatt. Kaum, dass das Salvarsan im Püppchen verstaut war, bremste mit kreischenden Bremsen ein offener Mercedes-Benz 28er Targa Florio auf der anderen Straßenseite, und vier bewaffnete Männer sprangen heraus. Zum Glück querte aber gerade ein Pferdefuhrwerk den kleinen Marktplatz vor der Martinuskerk, sodass die Männer einen Moment warten mussten, um es vorbeizulassen. Die paar Sekunden reichten aber für Gregor und Arno aus: Gregor zog einen kleinen Revolver aus der Jacke, schoss sofort auf die Heranstürmenden und schwang sich hinter Arno auf die Multi. »Fahr!«

Während ihnen die Kugeln der Männer um die Ohren pfiffen, jagte Arno das Motorrad um die nächste Straßenkurve in Richtung Ortsausgang. Jaaa – das war wie damals zwischen den Frontabschnitten oder im Niemandsland! Da knallte und schrapnellte es, da waren die Sinne gespannt, da raste man dem Vorhang aus Granaten hinterher, den die eigene Artillerie über das Schlachtfeld wandern ließ, um den Sturmangriff zu decken.

»Schneller, Arno, schneller!« Gregor klammerte an seinem Rücken.

Er gab sein Bestes, dröhnte über das Katzenkopfpflaster hinweg, wartete auf den nächsten Feldweg, um sich westlich in die Büsche zu schlagen und es dem Benz unmöglich zu machen, ihnen zu folgen.

Endlich! Arno bremste leicht ab, bog in den Trampelpfad und donnerte an einem Roggenfeld entlang, eine graue Staubwolke hinter sich herziehend. Nach einigen Hundert Metern erreichten sie einen etwas breiteren Feldweg, den sie bis zu einem kleinen Wäldchen folgten. Dort stoppte Arno die Multi und bockte das Motorrad auf. Geschickt erklomm er die unteren Äste einer Birke und schwang sich in drei, vier Meter Höhe, um anschließend durch das Laubdach das Terrain zu sondieren. In der Ferne sah er den Benz mit zwei Männern am Straßenrand stehen. Die anderen kümmerten sich wohl um den Opel in Weert. Sie waren ausgestiegen, schienen sich zu beratschlagen und fuhren endlich in gleicher Richtung weiter.

»Sie hauen ab!« Arno sprang auf den Boden. »Aber sag mal: Wer war das denn?«

»Freikorpsler.«

Arno schüttelte ungläubig den Kopf. »Willst du damit sagen, das waren Deutsche? Diese rechten Spinner?«

»Die sitzen mir schon seit Wochen im Nacken. Irgend so eine Gruppe ist das, die mit an der Zerschlagung der Räterepublik in München beteiligt war. Irgendwer von unseren Jungs muss denen ein Lied von unserem Salvarsan-Geschäft gesungen haben und nun wollen sie mitverdienen. Für die sind wir die Bösen – sie selbst aber vaterlandstreue Helden, die das Reich vor der Bolschewisierung retten wollen.« Gregor klopfte auf seine Tasche. »Ich bin nicht der erste Landsmann, den sie in Holland erpresst oder überfallen haben. Von ihrer Beute kaufen sie dann hier oder in Belgien Waffen und schmuggeln sie rüber nach Deutschland. Die bereiten die Konterrevolution vor.«

»Ich verstehe.« Die politischen Diskussionen waren ihm natürlich auch in den Spielhöllen zu Ohren gekommen. Jeder redete über den Friedensvertrag und hatte eine eigene Meinung dazu. Nur die rechten und linken Radikalen trugen diesen Zwist mit Gewalt auf den Straßen aus.

»Die Sieger quetschen uns die nächsten Jahre aus wie eine Zitrone. Laut Friedensvertrag werden wir in Kürze nur noch ein kleines Heer unter Waffen besitzen dürfen, die Freikorpsverbände werden nicht in die reguläre Restarmee übernommen, wir sind nun eine Republik mit einer linken Regierung und ein Gespenst geht um in Europa. Viele nehmen das nicht einfach kampflos hin. Glaub mir, Arno, der Krieg wird weitergehen – und zwar diesmal auf deutschem Boden.«

»Da hast du wahrscheinlich recht.« Arno ahnte, dass eine aufregende Zeit auf ihn wartete. Angst machte ihm das aber keinesfalls – im Gegenteil … »Und nun, was machen wir jetzt?«

»Wenn die uns erwischen, knallen die uns an irgendeiner einsamen Stelle ab. Wir müssen uns beeilen, damit wir in Venlo vor ihnen über die Maas kommen. Erst jenseits des Flusses können wir sie wirklich abhängen.«

»Dann los!«

Doch sie waren keine hundert Meter auf dem Feldweg gekommen, als in der Biegung vor ihnen eine weiße Wolke auftauchte und ein anderes Motorrad heranpreschte. Noch bevor Arno irgendeine Person auf der Maschine erkennen konnte, hörte er Schüsse. Er zog die Bremsen und legte die Multi in einer gewaltigen Aufwirbelung aus Qualm und Staub quer. Während Gregor durch die Fliehkraft unkontrolliert zur Seite und auf den Boden geworfen wurde, sprang Arno von der kippenden Maschine, schmiss sich in den Feldrain, zog die Mauser aus dem Rucksack und schoss nun seinerseits auf das heranbrausende Motorrad. Vor ihm versuchte Gregor verzweifelt, vom Feldweg zu kriechen, um im Roggenfeld Deckung zu finden, doch er wurde plötzlich in einem roten Sprühnebel auf den Rücken geworfen und blieb bewegungslos am Feldrand liegen. Arno schoss sein ganzes Magazin leer, bis der Abzugshahn nur noch ins Leere klickte. Kreischend schoss die andere Maschine, auf der niemand mehr saß, mit eierndem Vorderreifen an ihm vorbei, bis eine Bodenwelle sie aus dem Gleichgewicht brachte, das Motorrad sich überschlug und schließlich ins Feld katapultiert wurde. Dann herrschte Stille.

Als sich der Staub gelegt hatte, konnte Arno drei Personen erkennen, die in einem größeren Abstand voneinander auf dem Feldweg lagen. Arno rannte zunächst zu Gregor, doch dem war nicht mehr zu helfen, eine Kugel hatte seinen Hinterkopf zerschmettert. Auch die zwei anderen Männer waren tot, von ihm erschossen.

Besser die als er. Mitleid hatte Arno nicht; mit Gregor, seinem alten Kameraden schon. Aber was sollte er machen – außer drei Kreuze zu schlagen? Er musste ihn hier wohl oder übel zurücklassen, Arno befand sich schließlich im Niemandsland, das war wie an der Front. Da hatte er auch zig seiner Kameraden liegen lassen müssen, tot, zerfetzt, verstümmelt und nach Mama schreiend. Aber um das eigene Leben zu retten, musste man sich um sich selbst kümmern, jedes Mitgefühl verdrängen, sonst blieb man auf der Strecke. Und der Krieg ging weiter, wie sein Kumpel gesagt hatte, und das war hier Krieg, eindeutig. Nur für seinen Freund war er zu Ende.

Arno nahm Gregors Tasche und blickte hinein. Insgesamt befanden sich dort drei prall gefüllte Beutel mit glitzernden Steinen. Ein Vermögen. Ein Grund mehr, hier so schnell wie möglich die Fliege zu machen.

Zurück in Brüggen erledigte Arno, was er sich auf der Fahrt dorthin überlegt hatte. Er nahm seinen korrekten Anteil aus einem der Beutel und übergab die restlichen Steine Hildchen, die sich so liebevoll in den letzten drei Monaten um sein leibliches Wohlergehen gekümmert hatte, obwohl sie selbst und ihre Kinder kaum über die Runden gekommen waren.

»Dafür würde ich aber gerne das Motorrad behalten.«

Die junge Witwe nickte nur, sprachlos vor Glück. Die Kinder herzten Arno, während sich die Frau mit ihrer Kittelschürze die Tränen aus den Augen wischte. Er verabschiedete sich von der vaterlosen Familie und machte sich auf den Weg nach Düsseldorf.

Er hätte die Steine doch eh nur verspielt, das wusste Arno. Aber mit einem solch riesigen Vermögen die Haie, Nepper, Zocker und Taschenspieler in den Hinterzimmern der Kaschemmen herauszufordern, wäre doch viel zu einfach gewesen, eine Aufgabe für Angsthasen und Sesselfurzer vielleicht. Die Rechnung, die er noch mit den Düsseldorfer Falschspielern offenhatte, konnte er auch mit den Steinen begleichen, die ihm noch verblieben waren. Das war doch viel gewagter und natürlich auch aufregender.

Arno holte aus der Kiste raus, was rauszuholen war. So schnell war er mit der Rudge-Whitworth noch nie gefahren. Er flog förmlich mit ihr über das Pflaster.

Als der Fahrwind ihm die Haare zerzauste, löste er die linke Hand vom Lenker, dann die rechte, bis er mit weit geöffneten Armen vorwärtsbrauste und nur noch durch leichte Gewichtsveränderungen die Multi steuerte.

Freihändig preschte er nun die Landstraße entlang, während ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht huschte.

Auch diesen Krieg, da war er sich sicher, würde er überleben …

Bert Spoelstra

Der Kommunistenfreund

Oktober 1938

Sie hatten den Niederländer nicht kommen sehen. Als er – ziemlich dilettantisch – den Ruf einer Eule nachahmte, richteten sich die Deutschen in den Büschen auf, zwischen denen sie eine Stunde lang frierend gelegen hatten.

Zwar war es in jener Herbstnacht nicht besonders kalt, aber die Luft war feucht und durch das Stillliegen auf dem nach Moos und Pilzen duftenden Boden waren ihre Glieder ausgekühlt.

Der eine Deutsche klopfte sich mit trägen Bewegungen Holzstückchen und Blätter von den Kleidern, während der andere gymnastische Übungen mit den Armen vollführte, um die Steifheit aus den Gelenken zu vertreiben.

Es roch nach Farbe, nassem Zement und Erde.

Der nächste Bunker stand kaum dreißig Meter von ihnen entfernt, ein groteskes, die Landschaft verschandelndes Monstrum, das einen Teil des Westwalls ausmachte. In dem Sperrgebiet, das sich in den Wäldern auf dem Hügelkamm verbarg, waren zahlreiche Bunker errichtet worden. Von dieser Linie wurden die Niederlande überwacht, nicht das eigene Hinterland.

Die beiden Deutschen waren im Zickzack durch eben jenes Hinterland geschlichen, vorsichtig die Stacheldrahtzäune vermeidend. Hier und da hatten sie sogar kriechen müssen. Vor allem die ›Drachenzähne‹ genannten Betonpanzersperren waren schwierig zu passieren gewesen.

Diesen überdimensionalen Hindernissen verdankte die gesamte Befestigungslinie im angelsächsischen Sprachraum ihren Namen ›Siegfried-Linie‹, vielleicht als grimmige Reminiszenz an das Nibelungenlied, Siegfried und der Drache, wer weiß.

Es war gut gegangen. Jedenfalls bis hierher, zum Waldrand. Vage konnten sie weiter unten am Abhang die Gleise der Bahnlinie Aachen–München-Gladbach erkennen. Von links nach rechts durchschnitt die Trasse das Terrain, über das sie die letzten paar Hundert Meter bis zur niederländischen Grenze würden schleichen müssen.

Von ihrem Versteck in den Büschen aus konnten sie links den Weg erkennen, der zum – jetzt geschlossenen – Grenzübergang an der kleinen Brücke führte. Von den Bäumen rechts und links der einst idyllischen Allee waren nur noch unansehnliche Stümpfe übrig geblieben; die Stämme waren gefällt worden, um ein freies Schussfeld für die Verteidigungslinie zu schaffen.

Einer der beiden Deutschen würde nicht bis zur niederländischen Grenze mitkommen. Seine Rolle als Führer endete an dieser Stelle.

Zitternd und mit klammen, von Schmutzstreifen befleckten Kleidern standen die Deutschen gebückt bei dem Niederländer und drückten ihm einer nach dem anderen die Hand.

Der Niederländer nannte sich Henk, der Deutsche Hans. Decknamen. Je weniger man voneinander wusste, desto besser. Passworte brauchen sie nicht zu wechseln; die Tatsache, dass der Niederländer zur verabredeten Zeit am richtigen Ort erschienen war, sorgte für ausreichend Sicherheit und gegenseitiges Vertrauen.

Der Treffpunkt bei diesen Schmuggelaktionen war immer derselbe: unmittelbar hinter einem großen Bauernhof, wo sie im Schutz des Gebüschs am Waldrand warten mussten. Henk überreichte dem deutschen Führer einen dicken Packen in Segeltuch eingewickeltes Papier. Es handelte sich um illegale kommunistische Zeitungen, die in den Niederlanden auf Bestellung gedruckt worden waren. Propagandamaterial für die Basis, das bereits sehnsüchtig erwartet wurde.

Der Deutsche steckte das Paket in seinen leeren Rucksack und schwang ihn auf den Rücken. Dann tippte er sich grüßend an die Mütze, klopfte Hans flüchtig auf die Schulter und verschwand beinahe geräuschlos im Unterholz. Der Niederländer betrachtete den zurückbleibenden Deutschen, so gut es in der Dunkelheit möglich war: Er war ein Mann in der Blüte seines Lebens, schätzungsweise dreißig Jahre alt. Er trug keine Kopfbedeckung und hatte sein Haar kurz schneiden lassen. Oder man hatte ihn im Gefängnis kahl geschoren. War er aus einem dieser Konzentrationslager geflohen, wie die Nazis sie nannten?

Der Mann hatte tief liegende Augen, die Farbe konnte man nicht erkennen. Ein Stoppelbart verriet, dass er sich mehrere Tage lang nicht rasiert hatte. Die dünnen Lippen hatte er fest aufeinandergepresst und er strahlte Nervosität aus, aber das war nicht verwunderlich. Auch der niederländische Führer musste sich ab und zu zusammenreißen.

»Kommen Sie«, flüsterte er und zog den anderen am Ärmel. Sie schlichen weiter den Hügel hinunter in Richtung Bahndamm.

Ohne das Paket Zeitungen fiel Henk das Laufen wesentlich leichter. Rechts von ihnen hoben sich die Mauern des Bauernhofs fahl vor dem nächtlichen Himmel ab. Hinter einem der Fenster sah man einen schwachen Lichtschein und als sie leise am Hof vorbeigingen, hörten sie drinnen das raue Gelächter von Männern, die Trost bei einem Glas Bier und einem Pfeifchen gesucht hatten und die, wie man hörte, die Gesellschaft einer Frau genossen. Der Bauerstochter?

Der Führer blieb stehen, der Deutsche automatisch mit ihm. Er hielt den Atem an. Bis in die Fasern war sein Körper angespannt. Er versuchte, die Dunkelheit mit den Blicken zu durchbohren und verdächtige Geräusche von den üblichen nächtlichen Lauten zu unterscheiden: ein scharrendes Kaninchen, der Wind, der die Zweige leise ächzen und das Gras rascheln ließ, das Bellen eines Hundes auf einem anderen Bauernhof in der Ferne.

Gerade, als Henk beschlossen hatte, dass die Luft rein war, öffnete sich knarrend eine Tür des Bauernhofs.

Die beiden Männer konnten sich noch rechtzeitig hinter einer Betontränke verbergen, als ein Soldat ins Freie stolperte. Mit ihm drangen helles Licht und lautes Stimmengewirr wie ein Wirbelwind nach draußen und wehten über die beiden Männer hinweg, die sich hinter dem Rand der Tränke so tief wie möglich duckten. Der Soldat war sichtlich betrunken, schwankte und musste sich an dem Mauerwerk des Bauernhofs abstützen.

Der Niederländer hörte den Mann laut über die Dunkelheit fluchen. Er tappte in ihre Richtung. Es war praktisch unmöglich, dass er sie gesehen hatte; dennoch kam er auf sie zu! Kurz vor der Tränke machte er halt.

Sie hörten den Soldaten vor sich hinmurmeln, während er an seiner Kleidung nestelte. Erleichtert begriff der Führer die Situation. Sie hörten das laute Plätschern, mit dem sich der Soldat in den Betontrog erleichterte. Es spritzte und Henk spürte wütend, wie einige Tropfen auf seinem Rücken landeten.

Lallend sagte der Soldat zu sich: »Mensch, tut det jut!« Seinem Dialekt nach musste er aus der Gegend von Berlin stammen. Henk wünschte dem Deutschen in Gedanken einen tüchtigen Kater für den nächsten Morgen.

Die beiden Männer warteten, bis der Soldat wieder zum Bauernhof zurückgestolpert war und die Tür hinter sich zugeknallt hatte. Die beruhigende Stille, die darauf folgte, war geradezu überwältigend.

Henk warf Hans einen kurzen Seitenblick zu. Er hatte sich die ganze Zeit nicht gemuckst und schien reglos daliegend der Dinge zu harren, die da kommen würden. Das Intermezzo schien ihn nicht sonderlich beeindruckt zu haben.

Er wirkte auf den Niederländer nicht gerade sympathisch, aber was wusste er schon von ihm? Nur, dass er Hans Weiler hieß und ein Genosse der in Hitlerdeutschland verbotenen kommunistischen Partei war. Henk hätte dem deutschen Genossen gern allerhand Fragen gestellt, doch Menschenschmuggel war in beiden Ländern illegal und daher war es besser, wenn er nicht zu viel wusste. Sollte er einmal erwischt werden, konnte er kaum etwas verraten.