Umschlag

Die Webfacts zu diesen Geschichten entstammen verschiedenen Quellen, u. a. Wikipedia, FTD, Freundin, Chip, Apfelpage.de, Thenextweb.com, Businessinsider.com und Focus.

Online ins Jenseits

14 Krimihäppchen

von App bis .zip

Kriminalstorys

Sp@nnendes aus der virtuellen Welt

Karl Olsberg, Kontrollverlust

Christiane Geldmacher, Fanpost

Roger M. Fiedler, Killshot-App

Rainer Wittkamp, Loverboy

Frank Bresching, 120 Sekunden

Sabina Naber, Wolkige Plauderei

Sabine Thomas, Katzenauge 2.0

Sunil Mann, Saras Chronik

Krystyna Kuhn, Nr. 13

Roland Spranger, Zermatscht

Sebastian Stammsen, www.krimi-hexen.de

Jörg Marenski, »Kleinkram« – enter, delete!

Karr & Wehner, Operation LOLA

Jürgen Ehlers, Cybercrime fürs Volk

Userinnen und User

</webfact:Nutzer _ sind _ beim _ Ansehen _ von _ YouTube-Clips _ rund _ 1,5 _ mal _ aufmerksamer _ als _ beim _ Ansehen _ von _ normalen _ Fernsehsendungen.>

Karl Olsberg

Kontrollverlust

»Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen,

dass es irgendjemand erfährt,

sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.«

Eric Schmidt, Vorstandsvorsitzender von Google,

in einem CNBC-Interview

Uli Lebmann drückt erneut auf die Fernbedienung des Garagentors, doch es rührt sich nicht. Entnervt schaltet er den Motor seines Porsches ab und steigt aus. Der Hauseingang ist unbeleuchtet, ebenso sämtliche Fenster. Ein Stromausfall? Die Petersens ein Stück die Straße herunter haben jedenfalls Licht.

Er zuckt mit den Schultern, kramt den Haustürschlüssel hervor. Die Eingangshalle ist dunkel und still.

»Schatz? Bist du da? Wieso ist denn überall das Licht aus?«

Keine Antwort. Milde beunruhigt schließt er die Tür hinter sich. Er hat Eva per WhatsApp mitgeteilt, dass sie mit dem Abendessen nicht warten soll, er habe noch eine Telefonkonferenz mit der Niederlassung in den USA. Diesmal stimmt das sogar. Das Geschäft drüben ist immer noch nicht in Gang gekommen; wahrscheinlich bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Niederlassungsleiter in San Francisco rauszuschmeißen und einen seiner Vertrauten aus Deutschland rüberzuschicken, zumindest übergangsweise.

Er sieht auf die Uhr: halb elf. Vielleicht ist sie schon ins Bett gegangen, hat nicht mal gemerkt, dass der Strom ausgefallen ist. Typisch Eva! Manchmal hat er das Gefühl, dass sie gar nicht zu schätzen weiß, wie er sich jeden Tag den Arsch aufreißt, um ihr all diesen Luxus zu ermöglichen. Von seiner Tochter Luisa ganz zu schweigen. Aber die ist dreizehn und mitten in der Pubertät, da kann man nicht viel erwarten.

»Eva?«, ruft er erneut, ohne sich darum zu kümmern, dass sie möglicherweise schon schläft.

War da ein Geräusch? Er lauscht. Ja, da ist es wieder: ein dumpfes Schnauben, gefolgt von einem Stöhnen. Das Klappern eines Stuhls. Es kommt aus der Küche.

Verblüfft bleibt Lebmann in der Küchentür stehen. Seine Frau sitzt auf einem Stuhl. Ihr nackter Körper wird vom Display eines Laptops beleuchtet, der vor ihr auf dem Esstisch aufgebaut ist. Ihre Hände sind hinter der Lehne verschränkt, die Fußgelenke an die Stuhlbeine geknotet, ihr Mund mit einem Tuch geknebelt, ihre Augen weit aufgerissen.

Er starrt stumm auf die nackten Brüste, während sich sein Puls beschleunigt und das Blut in seine Lenden pumpt. Er hat immer gedacht, Eva hätte Fifty Shades of Grey nie gelesen. Jedenfalls hätte er ihr nicht zugetraut, dass sie so weit gehen würde, um seine geheimsten Wünsche zu erfüllen. Er hat nicht einmal geahnt, dass sie diese dunkle Seite seiner Begierden überhaupt kennt.

Sein Blick fällt auf den Laptop. Während sie sich lustvoll auf dem Stuhl windet und unablässig durch den Knebel »Mmmm« macht, betrachtet er das Video auf dem Display. Es ist auf einer Party aufgenommen worden. Ein junges Mädchen tanzt auf einem Tisch, ungefähr in Luisas Alter. Es zieht das T-Shirt hoch, sodass die Brüste entblößt werden, streift es über den Kopf und wirbelt es durch die Luft. Als sie einen Schritt nach links macht, kippt der Tisch, Flaschen und Gläser fliegen umher. Das Mädchen rudert mit den Armen, stürzt zur Seite. Ein Junge am Rand versucht, sie aufzufangen, stolpert dabei rückwärts. Die Kamera schwenkt auf die beiden am Boden Liegenden. Das Mädchen richtet sich auf, blickt in die Kamera und macht das Siegeszeichen, während der Kopf des Jungen zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt ist. Schallendes Gelächter und Johlen ertönt. Dann beginnt das Video von vorn.

Lebmann lacht. Der Clip ist wirklich saukomisch. Er wäre sicher ein Hit auf seiner Videoplattform funnyweb.com. Wahrscheinlich hat Eva ihn von dort heruntergeladen.

Er grinst breit, als er sich ihr zuwendet. Alle Gedanken an Nicole vom Empfang sind wie weggeblasen. Dass Eva auf diese Weise doch noch Leben in ihre Ehe bringt, hätte er nie für möglich gehalten. Erst, als seine Hand bereits an ihrer linken Brust spielt, merkt er, dass ihre Augen glasig sind, dass Tränen ihre Wangen glänzen lassen. Vielleicht ist ihr wildes Kopfschütteln doch nicht dazu gedacht, ihn aufzureizen.

Er löst den Knoten des Tuchs an ihrem Hinterkopf. Sie würgt ein speicheldurchtränktes Wollknäuel aus dem Mund. Dann weint sie hemmungslos.

Betreten steht er da, geschockt von der Erkenntnis, dass dies kein geiles kleines Spielchen ist.

»O Gott!«, entfährt es ihm. »Ich dachte … Ich meine, was ist denn passiert?« Er sieht sich suchend um, findet ein großes Messer in einem Holzblock, durchtrennt damit die Fesseln an Evas Händen und Füßen.

»Er … er hat Luisa!«, bringt seine Frau endlich heraus.

»Was? Wer?«

Ihre Schluchzer klingen wie das Schnappen eines Ertrinkenden nach Luft. »Er … hat … gesagt … er … tut ihr … etwas an!«

Lebmann packt seine Frau an den Schultern. »Sieh mich an! Wer hat das gesagt? Was ist passiert?«

Sie streckt einen Arm aus und zeigt auf den Laptop. Verständnislos starrt er auf das Display, auf dem immer noch das lustige Partyvideo läuft. Endlich begreift er: Das Gerät gehört weder Eva noch Luisa und schon gar nicht ihm selbst. Er berührt das Touchpad, schließt den Videoplayer. Das Desktop-Hintergrundbild zeigt ein Porträtfoto eines jungen Mädchens mit schwarzen Haaren. Es ähnelt der tollpatschigen Partytänzerin. Ein Skype-Icon prangt am linken Bildschirmrand. Klick mich, steht darunter.

Lebmann klickt. Eine Videoübertragung öffnet sich. Ein Mann ist zu sehen, Ende dreißig vielleicht, muskulös, mit kurzem Haar. Er trägt einen Kampfanzug ohne Namensschild oder Rangabzeichen. Die Wand hinter ihm ist kahl, eine Elektroleitung verläuft über Putz. Ein Keller?

»Du hast dir ganz schön Zeit gelassen«, sagt er.

»Wer … wer sind Sie? Und was wollen Sie?«

»Hast du dir das Video angeschaut?«

»Was? Sie meinen dieses … dieses Partyvideo?«

»Ja. Wie findest du es? Musstest du lachen?« Die Stimme des Mannes ist neutral. Ein perverser Irrer offensichtlich.

»Ich fand es ganz witzig«, hört Lebmann sich sagen. Hinter ihm schluchzt Eva, die sich immer noch nicht von ihrem Stuhl gerührt hat, laut auf.

Der Fremde nickt, als habe er nichts anderes erwartet. »Dann findest du das hier vielleicht auch witzig.« Er dreht seinen Laptop, sodass die Webcam einen Teil des Raums zeigt, der bisher außerhalb des Blickwinkels lag.

Lebmann zuckt zusammen. Luisa sitzt nackt auf einem Stuhl, gefesselt und geknebelt, in derselben aufreizend-hilflosen Position wie Eva.

Die Kamera wird wieder in die ursprüngliche Richtung zurückgedreht. »Was ist?«, fragt der Unbekannte. »Du lachst ja gar nicht!«

»Du … du krankes Arschloch!«, entfährt es Lebmann. »Ich mach dich fertig, das schwöre ich!«

Der Mann verzieht keine Miene. »Das haben schon andere versucht, damals in Afghanistan. Die sind jetzt alle tot.«

Lebmann zwingt sich zur Ruhe. Der Mann hat alle Karten in der Hand, momentan jedenfalls. »Was wollen Sie? Geld?«

»Leuten wie dir geht es immer bloß ums Geld, nicht wahr? Du glaubst, damit kannst du alle Probleme lösen. Kannst du aber nicht.«

»Ich sage Ihnen, wenn Sie meiner Tochter auch nur ein Haar krümmen …«

»Spiel dich nicht so auf! Du kannst mir nicht drohen. Ich bin schon tot.«

Lebmann starrt verständnislos auf den Monitor. »Ich verstehe nicht … was soll das alles? Wenn Sie kein Geld wollen, was dann?« Und im Nachsatz: »Wer ist das Mädchen auf dem Video?«

Luisas Entführer nickt wie ein Lehrer, der die Antwort eines Schülers gutheißt. »Endlich stellst du die richtige Frage. Ja, wer ist dieses Mädchen? Niemand weiß es. Ist ja auch egal, Hauptsache, man kann sich über sie lustig machen auf deiner Scheißinternetplattform. Hauptsache, man kann mit dem Finger zeigen und rufen: ›Guck mal, die Alte ist so zugedröhnt, die tanzt nackt auf dem Tisch, und dann fällt sie auf einen Typen drauf und findet’s noch geil, Alter!‹ Fünf Sterne für Drunken girl falls from table on top of boy’s face.« Seine Stimme imitiert perfekt die eines pubertären Jugendlichen.

Lebmann wird heiß und kalt zugleich. »Das Mädchen … ist sie Ihre Tochter?«

»Anna war alles, was ich hatte. Sie hat sich vor einen Zug geworfen. Hat den Spott und die Häme nicht ertragen.«

»Hören Sie, das tut mir total leid, ehrlich. Aber ich … ich meine, wir können doch nichts für die Inhalte, die unsere User hochladen! Das ist doch nicht unsere Schuld!«

Die Augen des Mannes sind kalt und hart. »So einfach machst du dir das also. Ihr könnt nichts dafür. Aber Geld damit verdienen, das könnt ihr. Über drei Millionen Klicks, wie viel bringt das ein? Wahrscheinlich nur ein paar Hundert Euro. Aber die Menge macht’s, nicht wahr? Dein Haus, dein Porsche, der Schmuck, den deine Frau trägt – all das hast du damit bezahlt. Mit dem hämischen Gelächter irgendwelcher Arschlöcher, die sich am Leid und Kontrollverlust anderer Menschen ergötzen wie perverse Voyeure. Manchmal denke ich, die Taliban haben doch recht: Die westliche Gesellschaft ist ein gott- und ehrloser Sündenpfuhl.«

Lebmann bemüht sich vergeblich, den Kloß in seiner Kehle herunterzuschlucken. Aus dem Augenwinkel nimmt er wahr, dass Eva mittlerweile aufgestanden ist und sich eine Küchenschürze umgebunden hat. Sie steht jetzt hinter ihm, berührt ihn aber nicht.

»Was … was wollen Sie von mir? Warum haben Sie meine Tochter entführt? Wollen Sie Rache?«

Der Fremde schüttelt den Kopf. »Ich will, dass du das Video löschst.«

Ein Seufzer der Erleichterung entfährt Lebmann. »Natürlich. Das ist gar kein Problem. Dazu hätten Sie wirklich nicht so einen … Aufwand treiben müssen. Ein Anruf bei unserer Redaktion hätte gereicht. Ich erledige das sofort. Bitte, ich verspreche, ich werde die Polizei nicht einschalten, wenn Sie jetzt sofort meine Tochter freilassen!«

»Du hast mich nicht richtig verstanden«, sagt der Entführer. »Dein beschissenes Portal interessiert mich nicht. Ich will, dass du das Video vollständig löschst.«

»Vollständig? Wie meinen Sie das? Auch aus den Back-ups und so? Ich weiß nicht genau, ob das technisch machbar ist, aber …«

»Vollständig heißt vollständig. Und versuch nicht, mich mit technischem Gequatsche zu übertölpeln. Ich will, dass niemand mehr dieses Video sehen kann, nirgendwo. Du hast dafür eine Stunde.«

Erst jetzt dämmert es Lebmann, in welch aussichtsloser Lage er sich befindet. Der Mann auf der anderen Seite der Webcam ist zum Äußersten entschlossen. Er hat nichts zu verlieren. Er hat Luisa in seiner Gewalt. Und er verlangt etwas vollkommen Unmögliches.

»Moment.« Lebmanns Gedanken rasen. Er öffnet den Webbrowser. Sein eigenes Portal hat er schon länger nicht mehr angeschaut. Inhaltliche Details interessieren ihn nicht, er liest lieber die Statistik über Besucherzahlen und Werbeumsätze.

Schon auf der Startseite sieht er es: Drunken girl falls from table on top of boy’s face. Platz sieben in den Tagescharts.

Mit zitternden Fingern tippt er den Text bei Google ein. Über dreitausend Treffer. YouTube, MyVideo, Vimeo, Clipfish, Dailymotion, Hunderte von Blogs und Websites mit vermeintlich witzigen Videos – sie alle listen es auf, oft mehrfach.

Schweiß perlt auf Lebmanns Stirn, als er das Skypefenster wieder in den Vordergrund holt. »Was Sie verlangen, das … das geht leider nicht«, stammelt er. »Das Video hat sich im ganzen Internet verbreitet. Es ist wahrscheinlich auf Tausenden von Servern überall auf der Welt gespeichert. Selbst wenn ich das ganze technische Personal …«

»Hör auf zu quatschen und mach«, sagt der Fremde. »Die Zeit läuft! Wenn ich in sechsundfünfzig Minuten bei Google immer noch dieses Video finde, werde ich selbst eins hochladen – mit deiner Tochter in der Hauptrolle! Und glaub mir, darüber wird niemand lachen!«

»Nein! Bitte, Sie müssen mir …«

Die Skype-Verbindung wird unterbrochen. Der Teilnehmer Angrydad ist offline.

»O Gott!«, entfährt es Lebmann erneut. »Was sollen wir denn jetzt machen?« Er blickt Hilfe suchend zu seiner Frau.

Evas Augen sind genauso kalt wie die des Entführers. »Tu, was er sagt!«

»Aber das geht doch nicht! Das ist, als würde er verlangen, dass ich das ganze Internet abschalte!«

Eva antwortet nicht. Sie wendet sich ab und verlässt die Küche.

Einen Moment lang steht Lebmann wie betäubt im gespenstischen Licht des Laptops. Dann holt er sein Smartphone hervor.

Als Erstes ruft er Jan Kramer an, den technischen Leiter seiner Firma. »Hör zu, Jan! Wir stecken in Schwierigkeiten. Ruf bitte sofort die Kollegen bei Google an und sorg dafür, dass die folgenden Suchbegriff sperren: Drunken girl falls from table on top of boy’s face.«

»Schwierigkeiten? Was denn für Schwierigkeiten?«

»Rechtliche Probleme. Riesige rechtliche Probleme. Ich hab jetzt keine Zeit für Erklärungen. Dieses Video, das bei uns auf Platz sieben ist, muss im Web unauffindbar werden. Und zwar innerhalb der nächsten Dreiviertelstunde. Sonst hast du morgen keinen Job mehr, kapiert?«

»Nein. Wie stellst du dir das vor? Man kann bei Google nicht einfach so einen Suchbegriff sperren lassen!«

»Ist mir egal, wie du es machst. Sorg einfach dafür, dass man bei Google dieses Video nicht mehr findet. Klar?«

»Uli, ich weiß nicht, was mit dir los ist. Muss ich dir wirklich erklären, wie das Internet funktioniert?«

»Verdammt, Jan, hör auf zu lamentieren und tu es einfach!« Damit legt er auf.

Fieberhaft durchsucht er seinen Nummernspeicher, ruft Leute an, die um diese Zeit längst Feierabend haben, schimpft, droht, fleht. Erst nach einer halben Stunde fruchtlosen Telefonierens kommt er auf die Idee, die IP-Adresse des Unbekannten herauszufinden. Vielleicht kann man seinen Rechner irgendwie identifizieren, isolieren, vom Web abschneiden. Wenn er bloß etwas Zeit gewinnen könnte – die Polizei hätte sicher keine Schwierigkeiten, das Mädchen in dem Video und ihren Vater, früher Soldat in Afghanistan, zu ermitteln.

Er ruft einen Techniker aus seinem Supportteam an. Der ist so aufgeregt, plötzlich mit dem Chef persönlich zu sprechen, dass er auf nervenzerfetzende Weise stottert: »Nein, dddie Eipipipi-Adddress…dresse lässt sich ü-über Skkkype leider nnnicht ermitteln. Ssselbst wenn, sppperren kann man ddie auch nnnicht sososo einfach.«

Lebmanns Puls pocht so laut, dass er Schwierigkeiten hat, das Gestammel zu verstehen. Er legt einfach auf. Mirko Schröder von Microsoft fällt ihm ein. Vielleicht kann der irgendwie …

Ein mehrstimmiger Klang signalisiert, dass jemand über Skype mit ihm kommunizieren möchte. Er zuckt zusammen. Es kann doch nicht schon so spät sein!

Ist es aber.

Als er das Handy wegsteckt, durchfährt ihn ein Schreck. Eva ist in der Küche erschienen, lautlos und bleich wie ein Gespenst in ihrem seidenen Morgenmantel. Sie sieht ihn nicht an.

»Geh ran!«, sagt sie.

Lebmann aktiviert die Skype-Verbindung.

»Die Zeit ist um«, sagt Angrydad trocken.

»Bitte!« Seine eigene jämmerliche Stimme klingt schrecklich in Lebmanns Ohren. Noch nie ist er so gedemütigt worden. »Bitte, ich tue alles, was menschenmöglich ist. Wir haben Google angerufen, Yahoo, Microsoft. Wir machen alles, um dieses Video, so gut es geht, aus dem Netz zu entfernen. Aber so schnell funktioniert das nun mal nicht. Es …«

»Spar dir dein Gequatsche. Ich bin ja nicht blöd. Ich weiß natürlich, dass man ein Video nicht aus dem Internet löschen kann.«

»Dann … dann lassen Sie meine Tochter jetzt frei?«, fragt Lebmann mit zitternder Stimme.

Angrydad schüttelt den Kopf. »Nein. Ich mache sie unsterblich. So wie meine Anna. Dieses Video wird in drei Minuten automatisch bei siebenunddreißig Videoportalen hochgeladen und an zwölf Nachrichtensendungen verschickt. Viel Spaß bei dem Versuch, es aus dem Internet zu löschen!«

Er dreht die Kamera so, dass wieder Luisa im Bild ist, immer noch nackt an den Stuhl gefesselt. Ein knackendes Geräusch ertönt, als wenn jemand ein Buch auf einen Tisch schlägt. Ein roter Fleck erscheint zwischen Luisas flachen Brüsten. Dann ein weiterer Knall, viel zu leise für einen Schuss. Ihr Kopf peitscht zurück, Blut spritzt.

Lebmann starrt wie betäubt auf den Monitor. Das war nicht echt. Das war nicht seine Tochter. Das muss ein Trick gewesen sein. Mit Bildbearbeitungssoftware kann heute jeder Videoamateur solche Effekte erzeugen.

Die Kamera dreht sich wieder, bis Angrydad ins Bild kommt. »Tut mir leid«, sagt er ohne hörbaren Sarkasmus. »Ich weiß, du hast es wahrscheinlich nicht verdient und deine Tochter erst recht nicht. Aber irgendwer musste das mal tun, irgendwann. Und irgendwen musste es treffen. Auf Wiedersehen!« Der Mann hebt die Pistole an die Schläfe und drückt ab. Langsam, wie in Zeitlupe, sackt der Körper zusammen.

Stumm starren Lebmann und seine Frau auf das Display, das jetzt nur noch eine leere, blutverschmierte Wand zeigt.

»Ich … ich hab wirklich alles versucht!«, flüstert Lebmann.

Eva dreht sich um und verschwindet wortlos in der Dunkelheit.

#online_ins_jenseits: Karl Olsberg: »Das Internet ist kein gezielt von Menschen entworfenes, durchdachtes Konstrukt, sondern ein stark von Zufällen beeinflusstes Ergebnis der Evolution. Wir können es weder kontrollieren noch seine Konsequenzen vollständig erfassen, die guten so wenig wie die schlechten.«

</webfact:Der_deutsche _ Knigge-Rat _ hat _ mittlerweile _ Benimmregeln _ für _ das _ Internet _ veröffentlicht _ und _ hilft _ bei _ Fragen _ rund _ um _ Internet _ und _ soziale _ Netzwerke.>

Christiane Geldmacher

Fanpost

Veitshöchheim, den 18. April

Sehr geehrter Martin Houbein!

Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie sehr gut. Seit Jahren verfolge ich Ihre so treffenden und inhaltssatten Kolumnen in der WÜ®Z und kann mich mit Fug und Recht als Ihren größten Fan bezeichnen. Als solcher bin ich auch in unserer schönen Stadt bekannt, wenn Sie sich mal umhören. Ob ich Ihnen schon mal aufgefallen bin? Ich antworte fleißig in den Kommentar-Threads der Onlineausgabe der WÜ®Z. Früher schrieb ich den klassischen Leserbrief, aber da man dort unaufhörlich von Volontären und Hospitanten zensiert wird, habe ich mich auf die E-Variante verlegt. Gute Entscheidung! Das ist ja das Grunddemokratische im Netz: Heutzutage kann man sich selbst in die Zeitung einpflegen, ohne dass die Redaktion es überhaupt merkt. Und auch ohne – Ausnahmen bestätigen die Regel – gleich gelöscht zu werden.

Ist mein Eindruck richtig, dass Sie selten online sind? Oder agieren Sie unter einem Pseudonym? Wenn ja, dürfte man das erfahren? Sie haben doch keine grundsätzliche Abneigung gegen das Netz? Vielleicht ein Fehler, Houbein! Ihnen entgeht etwas, glauben Sie mir, man kann dort leicht nützliche Kontakte knüpfen! Nur ein einziges Mal habe ich bisher bewusst von Ihnen einen Onlinekommentar gelesen: Meiner Erinnerung nach gaben Sie mehr oder minder unverblümt zu verstehen, dass Sie eher der Holz- als der Internettyp sind (also die Printausgabe der E-Ausgabe vorziehen). Vielleicht ein wenig voreilig oder zu old school! Sie sind doch noch gar nicht so alt?

Aber damit keine Missverständnisse entstehen: Ich will Sie zu nichts überreden. Es würde nur einiges für Ihre Fans leichter machen, im Umgang mit Ihnen, dem großen Zeitungskolumnisten und Buchautor!

Für den Moment soll uns ein Brief als erste Kontaktaufnahme genügen! Weitere können dann flexibel erfolgen.

Wo soll ich anfangen? Wir lieben alle Ihre Heiterkeit, Ihre Großzügigkeit, Ihre Unerschütterlichkeit, Ihre Unkorrumpierbarkeit, Ihre Gewissheit, Ihre Beherrschtheit und Ihre Gleichmütigkeit! Sie sind uns der Bruder im Geiste! Und Sie bringen das zur Sprache, was andere nicht wagen. Ihre Kolumnen sind unterhaltsam, gleichsam treffend wie boshaft! So soll es sein, angesichts des rapiden Sprachverfalls, dem nicht nur unsere Jugend, sondern auch weite Teile der entscheidungsgebenden und meinungsbildenden Öffentlichkeit ausgesetzt sind! Und das macht Sie – und mich mit Ihnen, dazu gleich mehr – zum Außenseiter in der Gesellschaft. Einer wie Sie, Houbein, weiß den Genitiv, den Konjunktiv und das Präteritum noch zu schätzen; ich denke da an im Gedächtnis gebliebene Kolumnen wie Sehnsucht nach alten Zeiten oder Eine Wanderung zum Nordfriedhof. Ja, wir Sprachmächtigen müssen einander gegenseitig stützen. In dieser Funktion stehe ich Ihnen im Netz zur Seite und kämpfe dort für Sie. Betrachten Sie mich als Ihren Brückenkopf im World Wide Web! Denn wir werden angefeindet … Haben Sie schon einmal Ihren Namen gegoogelt? Lassen Sie es! Es ist eine Erfahrung der dritten Art. Wirklich nicht zu empfehlen.

Ich schreibe Ihnen mit der Hand, wie Sie sehen, nicht am Rechner – die Schrift sagt viel aus, finden Sie nicht? Sie gibt uns den ersten Eindruck eines Menschen wieder. (Täuschen Sie sich nicht! Ich bin nicht so kleingeistig, wie Sie das Schriftbild glauben machen möchte; ich schreibe diese Zeilen heute nur deshalb so eng, damit ich Sie mit Überlänge nicht erschrecke.) Insofern muss ich Ihnen beinahe dankbar sein, dass ich mich Ihnen auf eine so herkömmliche, komplizierte Weise nähern muss. Wenn ich es richtig auf Google Maps sehe, sind es tatsächlich nur fünfzehn Kilometer Luftlinie zwischen uns! Sie bei mir in der Nähe zu haben – ich hatte ja keine Ahnung! Seit Kurzem besitze ich ein E-Bike, damit kommt man fix die Hügel hinauf und hinunter, ich kann also niedrigschwellig bei Ihnen vorsprechen.

Aber nun zu mir. Nicht, dass Sie meinen Brief zur Seite räumen, bevor ich überhaupt zum Kern meines Anliegens gekommen bin. Baujahr 1949, verheiratet, Staatsbeamter, zwei erwachsene Kinder und fünf Enkelkinder. Meine Frau und ich leben zurückgezogen in ländlichem Gebiet – von Ihnen aus gesehen im Westen, die Karte lege ich Ihnen bei – und bestreiten unseren nebenberuflichen Lebensunterhalt mit dem Vertrieb glutenfreier Lebensmittel. (Genauer gesagt, tut das meine Frau. Wenn wir beide in ein ausführlicheres Gespräch eingestiegen sind, wird meine Frau Ihnen gerne bei einer gemütlichen Abendvesper erklären, was es damit auf sich hat.)

Ich habe an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg meine Doktorarbeit über Ludwig Wittgenstein und sein Sprachspiel verfasst. Lassen Sie mich hier kurz ausholen. Wittgenstein, nennen wir ihn einen freien Radikalen, stammte aus einer Wiener Familie von Stahlindustriellen. Er war hochbegabt – beschäftigte sich unter anderem mit Flugtechnik –, wurde depressiv (drei seiner Geschwister begingen Selbstmord), verfasste bahnbrechende philosophische Schriften, wurde Lehrer, versagte pädagogisch, untersuchte den hämorrhagischen Schock und starb schließlich unbehandelt an Krebs, weil er das Krankenhaus verweigerte. Sprachtheoretisch ging kaum einer weiter als Wittgenstein; sein Hauptwerk ist der Tractatus logico-philosophicus, in dem er die Sprache als Spiel reflektiert; die Akteure müssen wissen, in welchem aktuellen Sprachspiel sie sich befinden, um sinnvolle Aussagen treffen zu können.

Dieser These folgten nun viele Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Robert Musil, Hermann Broch und – in aller Bescheidenheit – auch ich. Und so firmiere ich unter anderem in der Onlineausgabe der WÜ®Z – natürlich tue ich mich publizistisch auch im Rest der Republik um – als JJWittgenstein (JJ für Josef Johann, Wittgensteins weitere Vornamen). Vielleicht wurde Ihnen mein Pseudonym doch schon einmal redaktionsintern zugetragen? Weil die eine oder andere sinnstiftende Debatte von mir initiiert, wenn auch von der Chefredaktion offiziell geleugnet wurde? Das könnte ich mir sehr gut vorstellen.

Darf ich auch an dieser Stelle fragen: Wie positionieren Sie sich zu Ludwig Wittgenstein? Sehen Sie, dies ist nur eine der Fragen, die ich gern demnächst mit Ihnen diskutieren würde. Und während ich dies schreibe, kommt mir ein spontaner Einfall: Darf ich Ihnen – als Älterer – das Du anbieten? Denn ich fühle mich Dir, Martin, so nah, nicht nur physisch mit den fünfzehn Kilometern, sondern auch psychisch als, wie gesagt, Bruder im Geiste.

Schön, dann ist das also abgemacht! Danke! So schreibt es sich doch viel leichter und unbefangener! Aber nun will ich ohne weitere Umschweife zum wesentlichen Punkt meines Schreibens kommen – ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen, Martin!

Ich habe ein Projekt ins Auge gefasst, das uns beide betreffen könnte. Ja, ich schlage eine Zusammenarbeit vor! Wir zwei sollten uns publizistisch verbinden und einen Brückenschlag zwischen dem Internet und dem Print wagen! Meine Unique Selling Proposition für Dich: Ich führe Dich in die Welt der elektronischen und sozialen Medien ein. Deine USP für mich: Du führst mich in die Welt der Zeitungen und Verlage ein. Es ist so einfach!

Natürlich habe ich mir schon konkrete Gedanken gemacht. Mir schwebt so etwas wie die platonischen Dialoge vor. Richtig, das ist nicht ganz neu, dieses Format wurde von den Intellektuellen im Lauf der Geistesgeschichte immer wieder aufgenommen und variiert. Ich denke da zum Beispiel an den französischen Philosophen Paul Valéry; wobei man Valéry vorhalten muss, dass er die Dialoge plus/minus mit sich selbst geführt hat. Er war ein Narzisst, sein Herr Teste, in der Kritik damals frenetisch gefeiert, beinhaltet unter anderem einen fiktiven Brief seiner Frau Emilie Teste, den er sich selbst geschrieben hat und in dem er seine Bewunderung für seinen eigenen Geist und Intellekt zum Ausdruck bringt. Das hat natürlich ein Geschmäckle und ist sicher unter der Rubrik ›Wenn Männer zu viel schreiben‹ abzubuchen, dennoch, Martin, vorauseilend habe ich mir die Freiheit genommen, einige Themen für unsere platonischen Dialoge zu skizzieren:

– Primitive Ideen / psychisch

– Der Körper unvollkommen / physisch

– Das Sein und das Alles / amoralisch

Wenn Du Dich mit diesen Themen anfreunden könntest, würdest Du an dieser Stelle als Mittler und Mediator ins Spiel kommen: Wärest Du dazu bereit, die Dialoge dem Chefredakteur der WÜ®Z zur Veröffentlichung anzubieten? Ich arbeite unterdessen das Gerüst weiter aus, richte eine Fanseite bei Facebook ein und bemühe mich um eine Premierenlesung in Würzburg. Ich denke, wir sollten auf wöchentlicher Basis einen Kolumnenplatz in der Tageszeitung akquirieren. Meines Erachtens böte sich der Mittwoch als geeignetster Publikationszeitpunkt an, da Du mit Deiner Kolumne freitags zugange bist. So träte eine sicherlich interessante Wechselwirkung – respektive ein Dialog – zwischen der Mittwochs- und der Freitagsausgabe ein, der für die Leser attraktiv sein dürfte. Ich weiß nicht, wie Du das beurteilst, Martin, aber die Mittwochsausgabe der WÜ®Z hängt meiner bescheidenen Auffassung nach intellektuell ein bisschen durch. Da gibt es noch Spiel nach oben!

Abrechnen könnten wir das im Verhältnis 60 : 40 (da von mir Idee und halber Text kommen). Als Staatsbeamter würde ich es vorziehen, wenn wir die ganze Chose über Deine Steuernummer laufen ließen, sonst, fürchte ich, würde es auf meiner Seite kompliziert.

Für diese meine neue Tätigkeit innerhalb der WÜ®Z würde meiner Ansicht nach die Position eines Freien mit der Aussicht auf einen festen Freien infrage kommen. Wie siehst Du das? Könntest Du das beim Chefredakteur – oder noch besser beim Herausgeber – für mich eruieren? (Off the record: Der Chefredakteur fühlte sich letztens durch mahnende Worte von mir in der Kommentarleiste seines Leitartikels düpiert; trotz mehrmaliger Anrufe von mir war er dazu nicht mehr an die Strippe zu kriegen. Ich weiß nicht recht, wie ich zurzeit an ihn rankommen soll, weißt Du, die Leute haben einfach keine Nehmerqualitäten … Was nutzt der WÜ®Z ein dünnhäutiger Chefredakteur?)

Damit ist die Katze aus dem Sack! Was sagst Du dazu? Ich will raus aus dem Netz, Du willst rein. Tun wir uns zusammen! Outsourcen wir einander! Ich mache Dir hier den Weg frei, Du mir dort. Auch die WÜ®Z wird davon profitieren: Ihre Visibilität wird sich diesseits und jenseits der Firewall steigern. Wir wissen, wie schwer es die Zeitungen heute haben, aber da kann man nicht immer mit den alten Reflexen agieren, Martin, da muss man neu nachdenken und innovative Konzepte finden. Sich abzuschotten, bringt nichts.