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Marc-Oliver Bischoff

Tödliche Fortsetzung

Kriminalroman

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Für meine Mutter

© 2012 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
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Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagfoto: ›bei schwester theresa o.‹
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eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-864-1

Der Autor

Marc-Oliver Bischoff wurde 1967 in Lemgo geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Stadtrand von München auf. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium verschlug es ihn unter anderem nach Frankfurt, der Stadt, der er sich bis heute am meisten verbunden fühlt.

Zu schreiben begann er in Form eines Laufblogs, aus dem das Buch Lauf, du Sau wurde. Marc-Oliver Bischoff lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Ludwigsburg bei Stuttgart und arbeitet als Technologieberater.

www.marc-oliver-bischoff.de

Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.
Doch könnten Worte uns zu Taten führen.

(Friedrich Schiller, Wilhelm Tell,
1. Akt, 3. Szene, Tell zu Stauffacher)

1989

Niemals in seinem ganzen Leben würde er dieses Geräusch vergessen. Klack! Ein Federn und Schnalzen, als schlüge jemand eine gigantische metallene Fliegenklatsche gegen eine Stahlwand. Der Schlag hallte durch das Backsteingebäude und in einhundertfünfzig Zellen erlosch das Licht. Punkt zweiundzwanzig Uhr – Zapfenstreich.

Der von außen verschlossene Raum, eine wegen Überbelegung umgewandelte Gerätekammer, war fensterlos, darum glimmte ein Nachtlicht neben der Zellentür. Es spendete gerade genug Licht, um in der Dunkelheit den Weg über den kahlen Betonboden zur Toilette zu finden, die – nackte weiße Keramik, ohne Sitzbrille – in einer Ecke des Raums installiert war. Das Notlicht summte. Der Mann auf der unteren Pritsche stellte sich zum wiederholten Mal die Frage, wie Leute dieses endlose Summen ertrugen, die nicht so leicht Schlaf fanden wie er. Als der oben Liegende sich zur Seite drehte, schwankte und quietschte das eiserne Bettgestell, obwohl das Bett mit fünfzehn Zentimeter langen Schrauben an der Wand befestigt war. Das jedenfalls erzählten die Schließer den Neuankömmlingen, wohl um sie davon abzuhalten, das Gestell zu zerlegen und mit den Metallstreben aufeinander loszugehen. In der Zelle roch es nach Desinfektionsmittel und Zahnpasta. Kaum hörbar rauschte in der Mitte der Decke die Lüftung, Tag und Nacht. Daneben wähnte der Mann das elektronische Auge der Überwachungskamera, obwohl er es in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

»Kannst du ein Geheimnis bewahren?« Der Mann im oberen Bett flüsterte. Unterhaltungen nach dem Zapfenstreich waren verboten, doch das Flüstern konnten die Schließer nicht hören und die nächtliche Überwachung der Zellen beschränkte sich auf die stichprobenartige Begutachtung von Standbildern. 

Der jüngere Mann im unteren Bett lächelte. So unangenehm der Aufenthalt im Gefängnis auch sein mochte: Wenn man mit einem Freund die Zelle teilte, wurde er einigermaßen erträglich.

»Natürlich. Leg los«, flüsterte er zurück.

»Du schwörst, du sagst es niemandem?« In der Stimme von oben schwang ein lauernder Unterton mit.

»Versprochen. Du darfst mich umbringen, wenn ich es jemandem verrate.« Er meinte es als Scherz, so wie pubertierende Jungen die Sprüche aus Actionfilmen übernehmen. Doch die unbeschwerte Zeit war lange vorbei.

»Das werde ich tun, darauf kannst du Gift nehmen«, erwiderte der andere mit einer Nüchternheit, die dem Jüngeren beinahe das Herz stehen bleiben ließ. Das war ganz sicher kein Scherz gewesen.

»Erzähl schon!«, forderte er seinen Zellengenossen trotzdem auf.

Eine dramatische Pause entstand.

»Ich hab Frauen umgebracht.«

Der Jüngere runzelte die Stirn. Mord? Im Knast wollten sich viele wichtig machen. Man durfte nicht alles glauben.

»Ich dachte, du sitzt wegen neunundzwanzig ein, so wie ich?«, antwortete er argwöhnisch. In Paragraf neunundzwanzig des Betäubungsmittelgesetzes ging es um Anbau, Herstellung und Handel mit illegalen Betäubungsmitteln, zum Beispiel Kokain. Und mit harten Drogen hatte man sie beide – unabhängig voneinander – auf der Straße erwischt und für neun Monate eingesperrt. In dieselbe Zelle.

»Tu ich auch. Wegen neunundzwanzig sitze ich im Knast. Aber ein paar Monate, bevor sie mich geschnappt haben, habe ich die Frauen gekillt.«

Der Jüngere blieb skeptisch, beschloss aber, seinem Zellengenossen auf den Zahn zu fühlen. »Wie viele waren es denn?«

»Fünf. Vier Nutten und eine Schülerin, aber die ist mir zufällig dazwischengeraten«, erklärte der andere.

»Und wie hast du es gemacht?«

Von oben kam ein unterdrücktes Glucksen. Der Jüngere spürte, wie sich die Haare an seinen Unterarmen aufstellten.

»Es war ein Unfall. Bei der ersten. Ich hatte was genommen, hatte Bock auf was Besonderes. Ich hab sie gewürgt, während sie mir einen geblasen hat. Als ich gekommen bin, hab ich aus Versehen zu fest zugezogen. So was Geiles hab ich noch nie erlebt, sag ich dir. Es war keine Absicht, aber als sie tot war, fühlte ich mich richtig gut. Da hatte ich Blut geleckt.«

Der Jüngere spürte, wie sein Herz hämmerte. Mit einer derart detaillierten Beschreibung hatte er nicht gerechnet. Doch er kannte den anderen lange genug: Sich vorzustellen, dass er Spaß am Töten empfunden hatte, fiel ihm nicht schwer. »Was hast du mit der Leiche gemacht?«

»An der Decke war ein Ventilator, ich hab sie daran aufgehängt. Sah wie Selbstmord aus. Alle haben es geglaubt, war ja auch nur ’ne Nutte. Da hat sich keiner besondere Mühe gegeben, die Bullen schon gar nicht. Die waren froh über eine weniger aufm Strich. Bei den anderen hab ich’s genauso gemacht.«

Eine tote Prostituierte interessierte vermutlich wirklich niemanden. Aber vier Prostituierte und ein unbescholtenes Mädchen?

»So viele tote Frauen in einer Stadt, alle erhängt – und den Bullen ist nichts aufgefallen?«

»Nicht in einer Stadt. Ich war viel unterwegs, hab Zeug für den Boss herumgekarrt. Eine, nein wart mal, zwei in Frankfurt, eine in Berlin, eine in Hannover. Das mit dem Mädchen war in einem Kaff in der Eifel, wo ich auf Durchreise war. Die hab ich verschwinden lassen.«

Der Jüngere war sprachlos. In der Dunkelheit erschien vor seinen Augen ein Bild. Verschwommen zuerst, mit blassen Farben, dann klarer.

Eine Frau mit Lockenwicklern, knapp über dreißig, dunkles Haar, fülliges Gesicht, stämmiger Körper im Hauskleid. Ein blauer Seidenschal eng um den Hals geschlungen. Das andere Ende des Schals ist an ein Wasserrohr geknotet, von dem der Lack abplatzt. Kot und Urin auf den Fliesen. Er nimmt den stechenden Geruch wahr. Ihre gebrochenen Augen treten aus den Höhlen hervor wie Tischtennisbälle, der Mund ist im stummen Schrei aufgerissen. Seine Mutter besitzt an diesem 12. Juni 1976 sogar noch den Nerv, ihrem zehnjährigen Sohn das Mittagessen auf den Tisch zu stellen, bevor sie sich das Leben nimmt.

Er schüttelte heftig den Kopf, um die Bilder der Vergangenheit zu vertreiben. In seinem Inneren fühlte er etwas erwachen, wie ein Tier mit gefährlich scharfen Zähnen, das bisher Winterschlaf gehalten hatte.

»Warum erzählst du mir das alles?«, wunderte er sich.

»Weil wir Freunde sind. Weil du schon damals im Albanus mein einziger echter Freund warst.«

Mit einem Mal traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. »Hast du das damals mit Pater Seraphin genauso gemacht?«

Im selben Moment wurde ihm klar, welche Unterstellung in seiner Frage lag. ›Ich hab sie gewürgt, während sie mir einen geblasen hat.‹ Dass der ehrwürdige Pater seinem Zellenkumpel damals im Kinderheim gerne einen geblasen hätte, konnte er sich bei dem alten Drecksack lebhaft vorstellen. Eines Tages hatte Seraphin tot von der Deckenlampe gebaumelt, die blaue geschwollene Zunge aus dem Mund hervorquellend wie eine Schlange. Sein Tod war eine Tatsache, die kein Junge im Albanus Kinderheim in Bochum sonderlich bedauert hatte.

Warum sein Freund noch am selben Abend aus dem Heim verschwunden war, wusste nur er selbst. Aber vielleicht gab es da gar keinen Zusammenhang.

Er hörte auf dem oberen Bett schwere Atemzüge. Die Antwort des anderen erklang unvorsichtig laut. »Pass auf, was du sagst. Sonst hängst morgen du an der Decke.«

Es dauerte keine zehn Sekunden, da wurde die Kontrollklappe der Zellentür aufgerissen. Der Jüngere erkannte durch die Öffnung den graugrünen Kragen und den Krawattenknoten der Uniform der hessischen Vollzugsbeamten. Der Schließer beugte sich hinunter. Ein Augenpaar spähte in den Raum und als es nichts Verdächtiges entdeckte, brachte der Mann seinen akkurat geschnittenen Schnauzbart vor die Klappe. »Ruhe da drinnen, Zapfenstreich!«

Scheppernd fiel die Klappe wieder zu und wurde verriegelt.

Die Männer lagen auf ihren Matratzen und rührten sich nicht. Sie schwiegen, wünschten sich nicht einmal eine gute Nacht. Die beiden Insassen von Zelle hundertsechsundzwanzig im Zellenblock C hingen eine Weile ihren Gedanken nach. Dann fiel der andere in einen tiefen traumlosen Schlaf. 

Der Jüngere starrte noch einige Stunden in die Dunkelheit. Er fand keine Ruhe. Zum ersten Mal seit dreizehn Jahren hatte er wieder Angst davor einzuschlafen.


2010

2. März

Der Anruf erreichte Kriminalkommissarin Nora Winter auf dem Weg von der Cafeteria zu ihrem Büro. Als sie die Nummer auf dem Display ihres Handys sah, zögerte sie einen Augenblick. 

Die Wache im Erdgeschoss des Frankfurter Polizeipräsidiums nahm gerne die Hilfe der Psychologin in Anspruch, wenn sie es mit weiblichen ›Problemfällen‹ zu tun hatte. Auch mit solchen, die die Kollegen eigentlich ganz gut ohne Noras Unterstützung lösen konnten.

»Frau Kommissarin? Hier ist die Wache. Würde es Ihnen was ausmachen, kurz herunterzukommen? Ich habe hier eine junge Dame aus der Ukraine, die ihre Anzeige zurückziehen will.«

»Um welches Delikt geht es denn?«

»Körperverletzung, wie es aussieht. Und Frau Winter: Vielleicht besorgen Sie einen Übersetzer.«

Nora hatte den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und versuchte erfolglos, den Plastikdeckel auf einen Becher Latte macchiato to go zu fummeln. Er rutschte ab, und heißer Kaffee ergoß sich über ihre Hand.

»Verdammter Mist.«

»Wie bitte, Frau Winter?«

»Ich fragte, wo die junge Dame jetzt ist.«

»Sitzt hier vorne im Wartebereich. Mit ihrem … was auch immer.«

Nora grüßte im Vorbeigehen den Kollegen Gisbert Grauvogel und wandte sich wieder dem Gespräch zu. »Ich bin in fünf Minuten da.«

 

In dem leer stehenden Büro im vierten Stock des Präsidiums gab es einen Besprechungstisch mit vier Stühlen, ein üppiges Drachenbäumchen, an dessen Übertopf noch das Preisschild klebte und einen ausgemusterten Flachbildschirm. Die grimmigen Gesichter auf dem Fahndungsplakat an der Wand wurden von der Morgensonne in orangefarbenes Licht getaucht, es duftete nach Kaffee.

Nora Winter zog mit dem Haargummi ihren blonden Pferdeschwanz fest und verschränkte die Hände auf der Tischplatte. Die aufgeschlagene Akte lag vor ihr, daneben die Pässe der Ukrainerin und ihres Begleiters.

Die Frau trug ihre kniehohen Stiefel, den Minirock und die schwarz glänzende Jacke mit Fellbesatz stolz wie eine Uniform. Auf ihrer Wange prangte ein handtellergroßer Bluterguss in Grün- und Gelbtönen.

»In welchem … Verhältnis stehen die beiden zueinander?«, richtete Nora ihre Frage an den neben ihr sitzenden Dolmetscher, ließ jedoch den Begleiter der Frau mit dem Namen Denys Woronin, der ihr gegenübersaß, keine Sekunde aus den Augen. Der wechselte einen verschwörerischen Blick mit der jungen Frau, noch bevor der Dolmetscher den Mund aufgemacht hatte. 

Ertappt, dachte Nora.

»Win mij dwojuridnij brat«, sagte die Frau auf Ukrainisch.

»Er ist ihr Cousin«, übersetzte der Dolmetscher.

Nora lehnte sich vor. »Sie warten bitte draußen.«

Der Junge setzte ein übertrieben verwirrtes Gesicht auf.

»Ja bazaju, tschob woni…«

Nora würgte den Dolmetscher ab: »Der Kerl hat mich schon verstanden. Ich glaube, ich kann auf Ihre Dienste verzichten, danke für Ihre Mühe. Begleiten Sie den jungen Mann bitte nach draußen. Er soll unten in der Wache warten.«

Der Junge schenkte ihr einen langen verächtlichen Blick und rührte sich nicht vom Fleck.

Nora nahm seinen Pass und blätterte darin. »Oder vielleicht unterziehen wir Pass und Visum mal einer genaueren Überprüfung?«

Der Junge sprang auf. Nach einem letzten wütenden Schnauben folgte er dem Dolmetscher nach draußen. Die Tür fiel ins Schloss.

Jetzt, wo ihr Aufpasser weg war, fixierte die Frau sehnsüchtig Noras Kaffeebecher. Die Kommissarin schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und schob das Getränk über den Tisch. Während die junge Frau trank, den Becher mit ihren schmalen Händen umschließend, setzte sich Nora neben sie.

»Sie müssen nicht wieder zurück. Ich kann Sie an einem Ort unterbringen, wo Sie vor ihm sicher sind.«

»Es war falsch, zur Polizei gehen«, flüsterte das Mädchen, stellte den Becher ab und vergrub das Gesicht in den Händen. 

Nora reichte der Frau ein Taschentuch. »Niemand hat das Recht, Sie so zu behandeln. Es war richtig, dass Sie das zur Anzeige gebracht haben.«

Das Mädchen weinte still vor sich hin.

Nora ging in den Flur hinaus und kehrte mit dem Prospekt des Frankfurter Vereins zurück, der mehrere Frauenhäuser in der Stadt betrieb. Sie legte das Faltblatt auf den Tisch, doch das Mädchen starrte auf seine Stiefelspitzen.

Nora zog die Akte über den Tisch und blätterte darin. Das Mädchen hatte Strafantrag gegen einen gewissen Maksym Kurylenko wegen leichter Körperverletzung gestellt. Den Antrag konnte sie, im Gegensatz zu einer Strafanzeige, sehr wohl zurückziehen, aber Nora wollte es ihr und vor allem ihrem Peiniger so schwer wie möglich machen. Solange die junge Frau den Unterschied zwischen einem Strafantrag und einer Strafanzeige nicht kannte, würde Nora nichts unversucht lassen, sie zu einem Besuch im Frauenhaus zu bewegen.

Nun strich sie der Frau sanft mit der Hand über den Rücken. »Ich kenne die Leiterin des Frauenhauses persönlich. Das ist wirklich eine nette Frau, die dir helfen kann. Die Eingangstür ist mehrfach gesichert. Da kommt nicht mal dieser Maksym rein.«

Das Mädchen nahm endlich die Broschüre in die Hand. In diesem Moment klingelte es in ihrer Jackentasche. Sie zog das Handy heraus, lauschte der Stimme im Hörer und legte wieder auf. »Ich will Strafantrag zurückziehen«, sagte sie mit ausdrucksloser Miene, wobei es ihr sichtlich Mühe bereitete, das Wort Strafantrag auszusprechen.

Verdammter Mist, dachte Nora. Sie nahm eine Visitenkarte aus ihrem Portemonnaie und hielt sie dem Mädchen hin. »Vielleicht willst du es dir in Ruhe überlegen? Du kannst mich jederzeit anrufen.«

Ihr Gegenüber schüttelte resigniert den Kopf.

»Soll ich mir deinen Maksym mal vornehmen?«

Noch heftigeres Kopfschütteln.

Nora stand auf und öffnete die Tür. »Also gut. Gehen wir wieder runter in die Wache.«

Ihre Hoffnung, das Mädchen würde auf dem Weg nach unten doch noch seine Meinung ändern, blieb unerfüllt. Sie erledigten den Papierkram im Beisein des Wachhabenden, der Nora aufmunternd von der Seite zublinzelte. Trotzdem fühlte sie sich, als sei es ihre Schuld, dass wieder einer ungeschoren davonkam. Das Mädchen verabschiedete sich und wurde hinaus in den Besucherraum geleitet.

»Machen Sie sich nichts draus«, beruhigte sie der Wachhabende. »Manche wollen sich nicht helfen lassen.«

Auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe nahm das Mädchen neben seinem Cousin Platz, zog eine Schachtel aus der Tasche und steckte sich mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette zwischen die Lippen.

»Rauchverbot!«, schnarrte es unverzüglich durch den Lautsprecher.

Der Junge flüsterte seiner Cousine etwas ins Ohr. 

Sie nickte. 

Dann sah er zu Nora herüber. Diesmal wirkte sein Lächeln triumphierend.

Nora lächelte zurück. Und formte mit den Lippen ein Wort: Arschloch.

*

Kanther streckte sich im Ohrensessel aus wie ein Walross und hörte die Callas. Casta Diva aus der Norma. Er hörte überhaupt immer nur die Callas. Lauschte ihrer Stimme, die wie ein Nebelfetzen über dem Orchester schwebte, und soff Kognak. Eine Zigarette klemmte zwischen dem gelb verfärbten Mittel- und Ringfinger, der größte Teil hing zu Asche verbrannt herab. Es war Mittag, die erste Flasche geleert.

Kanther nahm die Brille mit dem monströsen schwarzen Kunststoffgestell ab und putzte sie mit einem Stofftaschentuch. Die Schlieren wurden schlimmer. Er besah sich seine Fingernägel, bevor er die Brille wieder auf die Nase schob. Seine Mutter hätte, solange sie lebte, niemals geduldet, dass er sich so gehen ließ. Nervös strich er sich die Fransen aus dem Gesicht und wischte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Es lag wohl am Übergewicht, dass er ständig schwitzte. Ganz egal, ob er saß oder stand, schlenderte oder eilte. Das Saufen machte es nicht besser. Sein rundes Gesicht strahlte rot wie ein verglühender Planet. Nur seine Augen blitzten wach unter seinen dunklen Brauen. Kanther stank nach Schnaps, Schweiß und Zigarettenqualm, so wie die ganze Wohnung, bis zur Stuckdecke hinauf.

Schnaubend wuchtete er seinen massigen Leib aus dem Sessel und machte sich auf den Weg, um eine neue Flasche zu holen. Vorbei am Spiegel. Den wollte ich auch schon lange mal abhängen, dachte er. Man will sich ja nicht unbedingt beim Abstieg zusehen. 

Er stopfte einen heraushängenden Hemdzipfel in die Cordhose und zerrte den Hosenbund am Gürtel hoch. Dann setzte er sich in Bewegung. Schwerfällig, aber leise, so wie er es sich angewöhnt hatte in den letzten zwanzig Jahren. Es war praktisch unmöglich, in einer Altbauwohnung mit Dielenboden lautlos umherzugehen, vor allem für jemanden mit seiner Körperfülle, aber Kanther konnte es: Er kannte jede einzelne Diele, wusste, wo lautes Knarren zu erwarten war und wo das Holz fest saß. Er schlich durch den Flur und passierte das Arbeitszimmer, in das er nur einen flüchtigen Blick warf. Auf dem Bildschirm des Rechners leuchtete ein virtuelles Blatt Papier. Ein einziges Wort stand darauf geschrieben: Ich. Der Cursor blinkte teilnahmslos hinter dem kleinen h.

Schnell steuerte er die Küche an. Wenn er schon mal da war, konnte er sich auch etwas zu essen machen. Er riss die Kühlschranktür mit einem Ruck auf, um ein Haar wäre ihm eine halb volle Weinflasche vor die Füße gefallen. Er warf einen prüfenden Blick auf den Inhalt des Kühlschranks und rümpfte die Nase. Ein halbes Päckchen Butter, eine vertrocknete Pizza und eine quasi leere Tube Senf, extra scharf. Konnte man sich daraus eine Mahlzeit zubereiten? Mit gerunzelter Stirn nahm er das Stück Pizza und schob es in die Mikrowelle.

Aus dem Küchenfenster blickte er in den Hof hinunter. Ein paar Mülltonnen standen dort, die Deckel halb geöffnet, Abfall quoll heraus. Eine Wäschespinne streckte ihre nackten Gliedmaßen in den Himmel. Im Sonnenlicht spielte ein kleines Mädchen Gummitwist. Sie hatte blonde Zöpfe und trug ein rosa Trägerkleid. Ihre Schuhe klatschten bei jedem Sprung auf den Asphalt, die Zöpfe hüpften auf und ab, und sie sang vor sich hin. 

Die Haut ihrer nackten Beine ist so weiß wie das unbeschriebene Blatt Papier auf meinem Bildschirm, ging es ihm durch den Kopf. Ich. 

Kanther wusste nicht einmal den Namen der Kleinen, sie war erst vor ein paar Tagen mit ihrer Mutter eingezogen. Mit einem Mal schaute das Mädchen auf. Es entdeckte Kanther am Fenster und winkte ihm zu. Der erschrak, zögerte einen Augenblick, fühlte sich ertappt. Dann hob er die Hand und erwiderte kaum sichtbar ihren Gruß. Er lächelte. Schließlich wich er vom Fenster zurück.

Sein Blick fiel auf den Messerblock neben dem Herd. Eingehend musterte er ihn, so wie ein Pathologe sein Sezierbesteck in Augenschein nimmt. Er zog das große Fleischmesser heraus, drehte die polierte Klinge und ließ sie in dem schmalen Sonnenstrahl aufblitzen, der durch die Fensterscheibe fiel. 

Kanther wartete und wischte sich erneut Schweißperlen von der Stirn. Er dachte an gestern: Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich mich erinnern könnte, wo ich in der Nacht war. Wie ich nach Hause gekommen bin und was mit dem Geld in meiner Brieftasche passiert ist. So etwas hätte ihn normalerweise kaltgelassen, aber den dritten Blackout in drei Wochen fand er durchaus beunruhigend. Höchste Zeit, seinen Hausarzt anzurufen.

Ein Piepton durchbrach die Stille. Als er den Teller aus der Mikrowelle nahm, verbrannte er sich die Finger am heißen Steingut und fluchte. Er schnitt die Pizza in gleichmäßig große Teile und balancierte Teller, Glas und Weinflasche durch den Flur. In Höhe des Arbeitszimmers ließ ihn ein ungewohntes Geräusch innehalten. Er drückte mit dem Ellenbogen die Tür auf. Er trat an den PC heran. Das leere Blatt war hinter einer Meldung am Bildschirm verschwunden: Sie haben eine neue Nachricht. 

Er wischte mit dem Ellenbogen einen Stapel Dokumente vom Schreibtisch, um Platz zu schaffen, und stellte Teller und Flasche ab. Mit einem Klick öffnete er die E-Mail und las.

 

Von: hermann.rittka@d-mail.de
An: martin.kanther@yahoo.com
Betreff: Lektorat

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Sehr geehrter Herr Kanther,

bitte verzeihen Sie meinen unangekündigten Überfall. Ich bin seit vielen Jahren ein großer Verehrer Ihrer Kunst, ja ich darf sagen, Ihr Vorbild hat mich überhaupt erst dazu gebracht, selbst mit dem Schreiben zu beginnen. Nun befinde ich mich auf dem besten Weg, ein professioneller Schriftsteller zu werden (wie Sie!), denn ich arbeite an einem Roman. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich bin mir sicher, das Thema wird Ihnen zusagen. Denn ich habe ein Anliegen an Sie: Ich möchte Sie bitten, mein Manuskript gegenzulesen und es auf mögliche Schwächen abzuklopfen. Im Laufe der nächsten Monate würde ich Ihnen die einzelnen Kapitel per E-Mail zuschicken. Für Ihre Bemühungen könnte ich Sie wie folgt entlohnen …

 

Kanther war fassungslos. Dann goss er sich ein halbes Glas ein. Nach kurzem Überlegen schenkte er nach.

Dass diese E-Mail ihn erreicht hatte, grenzte an ein Wunder, denn Kanthers Mailadresse war nur wenigen Menschen bekannt. Genau genommen konnte er auf Anhieb nur drei Leute benennen, die wussten, wie sie ihn erreichen konnten. Andererseits war es heute im Internet wohl nicht besonders schwierig, Kontaktdaten herauszufinden, jedenfalls las man das ständig.

Kanther ging die Nachricht erneut durch. Hatte sich jemand einen Scherz mit ihm erlaubt? Jemand, der wusste, wie es um ihn bestellt war? 

Sein Roman Drachentöter, der vor zwanzig Jahren veröffentlicht worden war, hatte ihm damals reichlich Tantiemen eingebracht, genug, um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren. Aber nun floss nur noch ein Rinnsal, gerade genug, um seine Lust auf billigen Rotwein und Kognak zu stillen und einmal im Monat im Restaurant eines großen Möbelhauses essen zu gehen. 

Aber Hermann Rittka klang nicht wie jemand, der sich einen Spaß mit ihm erlaubte. Redete Kanther sich zumindest ein. Er wollte an einen Menschen glauben, der ihn bewunderte, den sein Buch dazu gebracht hatte, sein Leben zu ändern, und der bereit war, ihm Geld für die Begleitung seiner vermutlich grauenhaften literarischen Gehversuche zu bezahlen. Es war kein unmoralisches Angebot. Es war nicht einmal besonders lukrativ. Doch das störte Kanther nicht. Rittka hatte es geschafft, ein lange tot geglaubtes Gefühl in Kanther zu erwecken: Neugier. Nach all den Jahren der Trostlosigkeit hatte er wieder eine Aufgabe und das Geld konnte er mehr als gut gebrauchen. Er ließ seinen Blick über die Papiere schweifen, die wild verstreut am Boden lagen. Die meisten trugen altbekannte Titel: Rechnung, Mahnung, Zahlungserinnerung.

Vielleicht hatte der Schutzheilige der Schriftsteller, wenn es denn einen gab, gerade heute einen besonders guten Tag. Vielleicht endete seine Pechsträhne endlich. Vielleicht hatte jemand ganz oben beschlossen, nun sei die Talsohle durchschritten und es gehe wieder bergauf. 

Kanther schloss die Augen. Es würde leicht verdientes Geld sein. Und er hatte auch schon eine Idee, wofür er es ausgeben könnte.

*

Nora Winter war so deprimiert über ihre Hilflosigkeit bei der misshandelten Prostituierten, dass sie beschloss, ihrer Magenschmerzen wegen das Mittagessen ausfallen zu lassen. Stattdessen ging sie ins Trainingszentrum, denn dort hing ein Boxsack, den sie sich angriffslustig als ukrainischen Zuhälter vorstellte. 

Es tat gut, ihre Fäuste zu spüren, die sich trommelnd in das weiche Leder versenkten. Wenige Minuten später brannte ihr der Schweiß in den Augen.

Nora prügelte so hingebungsvoll auf den Boxsack ein, dass sie Hartmann nicht kommen sah. Ihr Chef trug ein graues T-Shirt, unterhalb des Ausschnitts hatte sich ein dunkler Fleck gebildet, und um seinen Nacken lag ein Handtuch.

»Sauer?«

»Ziemlich!«, keuchte Nora.

»Kollege oder Vorgesetzter?«, meinte Hartmann trocken.

Nora lachte und unterbrach ihr Dauerfeuer. »Weder noch. Eine Kundin.«

Als Hartmann sie zu einem Drink an der Bar des Trainingszentrums einlud, nahm Nora dankend an. Sie war erleichtert, jemanden zu haben, der die Geschichte hören wollte und ihren Frust verstand.

»Ärgerst du dich mehr über die Prostituierte oder ihren Luden?«, wollte ihr Chef wissen, nachdem sie ihm berichtet hatte, was sich am Vormittag abgespielt hatte.

»Am meisten ärgere ich mich über mich selbst. Für was ist denn die jahrelange Ausbildung gut, wenn ich am Ende nicht mal ein Mädchen dazu bringen kann, ihren Zuhälter in die Wüste zu schicken?«

»Nach dem, was du mir erzählt hast, standen deine Chancen von Anfang an schlecht. Die hätte vermutlich nicht mal Alice Schwarzer dazu überreden können, ins Frauenhaus zu gehen.«

Nora stellte sich vor, wie das Mädchen unterwürfig zu ihrem Kerl zurückkehrte. Wie ihr Zuhälter vor seinen Kumpanen prahlte: ›Eine Tracht Prügel und die spurt wie eine Eins!‹ Das Ziehen in der Magengegend setzte wieder ein, und der Gedanke daran ließ Nora grimmig zum Sandsack sehen.

»Sie hat den Mut besessen, ihn anzuzeigen, Werner! Und dann diese Demütigung, sie mit einem Aufpasser zu uns zu schicken. Das ist einfach nicht fair. Am liebsten würde ich diesem Affen mal einen Besuch abstatten.«

»Du darfst das nicht so nah an dich heranlassen, Nora. Ich weiß, du hast alles getan, was du konntest. Mehr kann niemand von dir verlangen.«

Mit diesen Worten stand Hartmann auf, klopfte seiner Mitarbeiterin aufmunternd auf die Schulter und verabschiedete sich bis später.

›Mehr kann niemand von dir verlangen‹, hallten Hartmanns Worte in ihrem Kopf nach. In diesem Punkt teilte sie Hartmanns Auffassung nicht. Es gab jemanden, der mehr von ihr verlangen konnte: sie selbst.

3. März

Das Taxi arbeitete sich den East Coast Parkway hinunter nach Südwesten, und wie zu jeder anderen Tages- und Nachtzeit staute sich der Verkehr auf dem achtspurigen Freeway. 

Siegfried Bär fror. Draußen herrschten beinahe vierzig Grad und eine erdrückende Luftfeuchtigkeit, doch im Inneren des Taxis war es eisig wie in einem Kühlschrank. Durch die getönten Scheiben betrachtete er die Küstenlinie der Straße von Singapur. Die Wasserfläche leuchtete metallisch vor einem schmutzigen Horizont, am gegenüberliegenden Wagenfenster zogen die Hochhäuser des Central Business District vorbei. 

Der Sikh, der den Wagen chauffierte, drehte das Radio noch ein wenig lauter und sang einen indischen Schlager mit. An seinem Handgelenk klimperte Goldschmuck. Das Taxi verließ den Parkway und fädelte sich in Höhe Tanjong Rhu in den neu gebauten Marina Coastal Expressway ein. Marina South war das jüngste Geschäftsviertel Singapurs und im Marina Bay Financial Centre unterhielt der Mann, den Siegfried aufzusuchen gedachte, ein repräsentatives Büro.

Der Taxifahrer entließ seinen Fahrgast direkt vor der Eingangshalle in die Hitze. Siegfried legte den Kopf in den Nacken und betrachtete kurz den zweiundvierzigstöckigen Wolkenkratzer. Dann bahnte er sich den Weg vorbei am Empfangstresen und fuhr mit einem der sechs Aufzüge in den einundvierzigsten Stock. Die junge Dame an der Rezeption der Singapore Link Trading Company Ltd. ließ ihn zwanzig Minuten warten, dann endlich öffnete sich die schwere, mit Intarsien verzierte Holztür. Siegfried trat ein und grüßte sein Gegenüber, leicht vornübergeneigt und den Blick zu Boden gerichtet, mit knappem Händedruck.

Am frühen Abend verließ er das luxuriöse Büro und bestieg ein Taxi zum Flughafen. In seinem Gepäck hatte er ein Flugticket, über neuntausend Euro in bar, einen britischen Pass und einen neuen Auftrag. Er bestaunte ein letztes Mal die Skyline des kleinsten Staates in Südostasien. Als die Betonmauern und Hochsicherheitszäune des Changi-Gefäng-nisses am Autofenster vorbeihuschten, zog er es vor, seine Hände zu betrachten. Am Flughafen checkte er für einen Lufthansaflug nach Frankfurt ein. Im Duty-free-Shop erstand er eine Flasche Chivas Regal und in einem Geschäft für Herrenbekleidung ein Outfit, das besser in die heutige Zeit passte als die Kleidung, mit der er im zwanzigsten Jahrhundert eingereist war. Dann bestieg er als einer der ersten Passagiere die Maschine. Die blonde Stewardess, die ihm während der Wartezeit einen Orangensaft servierte, war die erste europäische Frau, der er seit zwanzig Jahren nahe kam. Er schätzte sie auf Anfang dreißig und fand sie attraktiv. Ein Blick auf das kleine Metallschild an ihrem Revers verriet ihm ihren Namen. 

Es wird nicht allzu schwer sein, ihre Adresse und Telefonnummer herauszufinden, dachte Siegfried, als die Erschöpfung und das gleichmäßige Rauschen der Triebwerke ihren Tribut verlangten. Es wird nicht schwer sein, aber vorher muss ich eine alte Rechnung begleichen.

Dreizehn Stunden später stieg ein ausgeschlafener Siegfried Bär am Frankfurter Flughafen erneut in ein Taxi. Der Taxifahrer war ein Sikh und an seinem Handgelenk klimperte goldener Schmuck. Im Radio lief ein Bollywood-Song. Das Innere des Wagens war überheizt und draußen stießen die Menschen in der eisigen Morgenluft Dampfwölkchen aus. Genau wie in Singapur, dachte Siegfried. Nur umgekehrt.

*

Kanther stand in der Elbestraße und leuchtete blau. Sein Trenchcoat reflektierte das grelle Neonlicht, in das die Balkone der Gründerzeithäuser getaucht waren. Die Elbestraße lag mitten im Rotlichtbezirk und sie gab sich keine Mühe, das zu verheimlichen.

Vor einer Stunde war er mit fünfzig Euro in der Tasche hier aufgekreuzt. Das Geld hatte er dem Strand Magazine entnommen, einer Originalausgabe von 1911, in der er seinen Notgroschen verwahrte. Genau genommen war das Strand Magazine der Notgroschen, denn auf einer Auktion hätte die Rarität ein Mehrfaches der fünfzig Euro gebracht. Doch darauf konnte er jetzt verzichten – er hatte einen Auftrag an Land gezogen. Einen, der lukrativ genug war, um sich ein Vergnügen zu leisten, das er lange entbehrt hatte.

Er war die kahlen Flure entlanggeeilt und die Treppen hinaufgeschlichen, immer der Leuchtreklame mit der Aufschrift GIRLZ nach. Das schummerige Licht und die Figurinen in den Gängen trugen kaum dazu bei, den Eindruck eines Schlachthauses zu kaschieren, den die gekachelten Böden und Wände erweckten. Nachdem er mit ein paar Mädchen verhandelt hatte, war ihm klar geworden, dass die Preise des horizontalen Gewerbes seit seinem letzten Besuch merklich gestiegen waren. Für mehr als eine Hand in seiner Hosentasche reichte sein Notgroschen kaum. Also hatte er sich unverrichteter Dinge auf den Rückweg gemacht. Nun stand er auf der regennassen Elbestraße und überlegte, wohin mit seiner Wut und sexuellen Energie. Sein Blick fiel auf Börnies Eck gegenüber.

Die Kneipe war billig und so gut wie leer – um halb acht war es noch zu früh, um sich ins Nachtleben zu stürzen. In einer Ecke schmachtete eine Prostituierte ihren Kerl an, Börnie stand hinter der Theke und mimte den Barkeeper: Er polierte Gläser. Kanther bestellte ein Gedeck und fragte den Glatzkopf, warum Barkeeper ständig Gläser polierten. Börnie lächelte, blieb die Antwort jedoch schuldig. Einige Kognaks später wankte Kanther von der verdreckten Toilette, wo das Pärchen aus der Ecke es lautstark hinter der verschlossenen Kabinentür trieb, in den Schankraum zurück. Ein Mann mit dunklem Teint, Schnauzbart und gegelten Haaren hatte am Tresen Platz genommen.

»Willst du Mädchen?«, fragte er mit kehliger Stimme, ohne Kanther anzusehen. Er roch nach dem Pfefferminztee, der vor ihm stand.

Kanther wehrte ab. »Ich hab nur dreißig Euro in der Tasche. Davon kann ich mir höchstens Pornos kaufen.«

»Dreißig Euro gut, sehr gut!« Der Schnauzbärtige tätschelte Kanther den Arm. »Ich weiß, wo du vögeln für dreißig Euro, kein Problem.«

Kanther musterte den Mann ungläubig. »Für dreißig Euro?« Vermutlich wollte der Typ ihm Junkies andrehen, aber von denen ließ Kanther lieber die Finger. Er schüttelte den Kopf, doch der Schlepper ließ sich nicht abwimmeln.

»Wirklich top Mädchen. Schöne feuchte Muschis! Keine Drogen und ganz billig.« Jetzt sah er ihm aufmunternd ins Gesicht.

Kanther dachte nach. Es kostete ihn nichts, mitzugehen und einen Blick auf die Mädchen zu werfen. Die Alternative bestand darin, das restliche Geld zu versaufen, nach Hause zurückzukehren und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er stürzte den Rest Kognak hinunter, legte ein paar Münzen auf den Tresen und erhob sich schwankend von seinem Hocker. »Also gut. Ficken für dreißig Euro. Ich nehm dich beim Wort, Mustafa.«

Der Schlepper grinste. »Wirst du nicht bereuen, Helmut, wirst du nicht bereuen!«

Sie traten auf den Bürgersteig hinaus. Vor dem Laufhaus gegenüber war ein Streit zwischen dem Türsteher und einer Gruppe angetrunkener Jugendlicher entbrannt. Es hatte wieder angefangen zu regnen, ein feiner Sprühregen, der in alle Ritzen drang.

Der Schlepper zeigte mit dem Finger die Elbestraße hinunter. »Da lang.«

Kaum hatten sie ein paar Schritte zurückgelegt, raste ein Taxi an ihnen vorüber, mitten durch eine Pfütze. Eine Wasserfontäne spritzte hoch und ergoss sich bis zur Hauswand. Kanther wich geistesgegenwärtig zurück, bekam aber trotzdem nasse Hosenbeine. Fluchend sah er dem Wagen nach, konnte jedoch die Nummer im Heckfenster nicht erkennen. Das Einzige, was ihm auffiel, war die Silhouette des Taxifahrers. Er trug einen indischen Turban.

Das illegale Laufhaus lag nur ein paar Ecken von der Elbestraße entfernt. Das Gebäude, um die Jahrhundertwende errichtet, wirkte unauffällig; kleine Erker blickten zur Straße hinaus, von den Fenstern blätterte die Farbe ab und im Hauseingang stank es nach Pisse.

Der Schlepper fischte einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner Lederjacke und öffnete die Haustür. 

Wer immer seine Mädchen hier arbeiten ließ, hatte keinen Sinn für innenarchitektonische Feinheiten. Die Neonleuchten warfen harte Schatten an die Wände und durch ein zerborstenes, notdürftig geflicktes Fenster zog es.

Kanther folgte dem Schlepper drei Treppen mit ausgetretenen Stufen hinauf. Oben angekommen, blieben sie vor einer Tür stehen. 

Der Schnauzbart klopfte in einem bestimmten Rhythmus, offenbar ein Erkennungszeichen, und die Tür wurde geöffnet. Ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge mit müden Augen und dunklem Flaum auf der Oberlippe nahm sie in Empfang. 

Als die Tür hinter Kanther ins Schloss gefallen war, stand er unschlüssig da. In einem Bordell saßen die Mädchen vor den Zimmern, man verhandelte über die Dienstleistungen und den Preis – jedenfalls war das bei seinem letzten Bordellbesuch so gewesen. Aber der lag Jahre zurück. Hier hingegen ließ sich niemand blicken.

Der Junge schien auf irgendetwas zu warten. Da Kanther nicht reagierte, hielt er ihm die Hand vors Gesicht und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Kanther zog umständlich dreißig Euro aus seiner Brieftasche und zeigte dabei, dass es sich um seine gesamte Barschaft handelte, um sich weitere Diskussionen zu ersparen. Der Junge nahm die Scheine entgegen und blickte seinen Kunden abschätzig an, dann gab er den Weg frei und deutete mit der Hand den Gang hinunter. Kanther marschierte los. 

Die ersten beiden Türen rechts und links des Ganges waren verschlossen, hinter einer vernahm er gedämpftes Stöhnen. Die nächste Tür stand offen. Auf dem Bett saß eine junge Frau, einen Plastikteller auf dem Schoß, und aß. Sie war lediglich mit einem Slip bekleidet und unglaublich fett. Unter ihren Brüsten quollen Speckrollen hervor wie der Balg eines Akkordeons. Als sie Kanther bemerkte, stellte sie den Teller beiseite, setzte einen lasziven Blick auf und fing an, mechanisch zwischen ihren Beinen herumzufummeln. Kan-ther ging schnell weiter.

Die nächste Tür stand ebenfalls offen. 

Der Unterschied zwischen den beiden Frauen hätte nicht größer sein können. Das Mädchen hatte ihm den Rücken zugekehrt, sie kramte in ihrer Handtasche, und Kanther stellte fest, wie außerordentlich mager die junge Frau war. Schulterblätter und Rippen traten deutlich hervor. Das knochige Gesäß war mit blauen Flecken übersät. Sie drehte sich um und lächelte ihn an. Es war kein verführerisches, aufgesetztes Lächeln, sondern eine freundliche Geste, die man an einem Ort wie diesem nicht erwartete.

Kanther trat ein.

 

Er hatte sich am Waschbecken gesäubert und die feuchte Hose zum Trocknen über den Heizkörper gehängt. Nun saß er halb nackt auf der Matratze und starrte auf den Fleck, den irgendeine getrocknete Flüssigkeit auf dem Boden hinterlassen hatte. Kanther beherrschte aus seiner Schulzeit noch ein paar Brocken Russisch, das Mädchen nannte ihm widerwillig seinen Namen: Sie hieß Elena und kam aus Illitschiwsk, einer ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, zwanzig Kilometer von Odessa entfernt. Er wusste nicht, ob Elena ihr richtiger Name war, aber das war ihm auch egal.

Das Mädchen hatte seinen BH abgelegt und neben ihm auf dem Bett Platz genommen. Sie schmiegte sich an seinen Körper und massierte sein schlaffes Glied, auf das sie Gleitgel aufgetragen hatte. Kanther hätte es höflicher gefunden, die Augen zu schließen, aber er ließ seinen Blick über das monotone Auf und Ab ihrer Hand und ihre Brüste gleiten, in der Hoffnung, der Anblick würde ihn erregen. Doch Fehlanzeige. Obwohl er auf dem Weg hierher schon betrunken gewesen war, hatte er noch ein paar kräftige Züge aus dem Flachmann genommen.

Elena probierte es noch eine Weile, dann kniete sie sich vor ihn hin, versuchte erfolglos, ihm ein Kondom überzuziehen und nahm seinen Penis in den Mund. Kanther starrte abwechselnd in den mit Schlieren übersäten Spiegel über dem Waschbecken und auf den Kopf der Prostituierten mit den rot gefärbten Haaren und den dunklen Ansätzen, in die sich das eine oder andere graue Haar mischte. Er spürte ein Brennen in der Magengegend, ein sicherer Vorbote für einen Wutausbruch.

Elena gab auf. Sie erhob sich und stieß ihn mit der flachen Hand nach hinten, damit er auf dem Rücken lag. Er wusste, auch dieser Versuch würde nichts bringen und er würde heute keine Erektion mehr bekommen. Dreißig Euro zum Fenster hinausgeworfen – es wäre besser gewesen, in Börnies Eck zu bleiben und weiterzutrinken. Elena setzte sich rittlings auf ihn, schloss die Augen, rieb sich an ihm und begann leise zu stöhnen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er Mitleid für die Prostituierte empfunden, weil sie in diesem kahlen Zimmer mit dem grauen Linoleumboden für ein Almosen die Beine breit machen musste. Doch jetzt fachte ihre aufgesetzte Geilheit seine Wut an. Er stieß sie von sich herunter. Elena rollte zur Seite und blieb auf dem Rücken liegen wie ein wehrloses Insekt. 

Kanther ging auf die Knie. Die sich in ihm entzündende Wut strahlte Hitze aus, ein bösartiges Feuer, das jeden vernünftigen Gedanken zu Asche verbrannte. Wie beiläufig sah er sich selbst im Spiegel die Hand heben.

»Meni schkoda«, wimmerte Elena, die dünnen Arme schützend um den Kopf gelegt.

Er verstand kein Wort – bat sie ihn um Verzeihung?

Kanther sah wieder zu dem Mann im Spiegel. Dieser andere, diese heruntergekommene Fratze, die gerade ausholte, in der Absicht, eine wehrlose Frau zu schlagen, das war nicht er. Nein, so armselig benahm er sich nicht.

Kanther ließ den Arm sinken. Zog sich an, schweigend, ihren Blick meidend. Die feuchtwarme Hose dampfte an seinen Beinen. Wie der Leibhaftige, frisch der Hölle entstiegen, von Schwefeldunst umweht, sinnierte er und verfluchte sich, weil er sein Notizbuch vergessen hatte.

Als er sich zum Gehen anschickte, überlegte er einen Augenblick lang, ob er sich bei ihr entschuldigen sollte. Er hatte keinen hochgekriegt und daran trug alleine er die Schuld. Doch er tat es nicht.

Der Junge sah ihm wortlos nach, als er das Bordell verließ; die Tür schloss sich klappernd hinter ihm. Kanther stolperte die Treppe hinunter. Auf dem zweiten Absatz kam ihm jemand entgegen – es war der Schlepper, der einen neuen Kunden an der Angel hatte. Einen kleinen Mann, der sein Gesicht unter einem breitkrempigen dunklen Hut verborgen hielt, doch irgendetwas an ihm kam Kanther bekannt vor. Die beiden Männer gingen schweigend an ihm vorbei. Kan-ther hatte gerade das Erdgeschoss erreicht, als er das Klopfsignal vernahm. Er legte eine kurze Verschnaufpause ein und fragte sich, für welche der beiden Frauen sich der Mann entscheiden würde.

In diesem Moment kehrte der Schnauzbärtige zurück, eilte an ihm vorbei und rief ihm über die Schulter zu: »Was hab ich gesagt? Top Mädchen – feuchte Muschis!«

Kanther schloss die Augen. Später hätte er nicht mehr sagen können, was genau ihn zur Umkehr bewogen hatte. Vielleicht war es dieser Satz gewesen. Er fühlte nur, dass er ein Recht auf eine Leistung hatte, die bezahlt und ihm vorenthalten worden war. Er machte auf dem Absatz kehrt und stieg zum zweiten Mal die Stufen empor. Im dritten Stock zögerte er einen Moment, dann klopfte er. Tocktock – tocktock – tocktocktocktock. Sich den Code zu merken, war nicht gerade anspruchsvoll gewesen. Der Junge hatte keine Chance. Sobald er die Tür einen Spalt breit geöffnet hatte, stieß Kanther sie auf und drängte den Kerl an die Wand. Er war entschlossen, sich zu holen, was ihm zustand.

*

Der Einsatzleiter der Kripo warf einen Blick auf seine Armbanduhr – die Leuchtziffern zeigten kurz vor halb elf. Diese Uhrzeit würde er in seinem Zugriffsbericht angeben. Zwölf Gestalten kauerten mit der Waffe im Anschlag im Treppenhaus. Die Männer und Frauen waren routiniert, trotzdem konnte man die Anspannung so kurz vor dem Einsatz deutlich spüren. Außer ihren hektischen Atemzügen war kein Geräusch zu vernehmen. 

Die Polizei hatte die Eingänge des Vorder- und Hinterhauses abgeriegelt, niemand konnte mehr in das Gebäude hinein und, was noch wichtiger war, hinaus. Vor einer Woche hatten sie einen Tipp aus dem Milieu erhalten. Die etablierten Bordelle in der Elbestraße schätzten es nicht, wenn ein illegales Laufhaus in der Nachbarschaft die Preise verdarb. Man hatte den Laden mehrere Tage lang observiert und heute Mittag von der Staatsanwaltschaft grünes Licht erhalten, ihn auszuheben. Den Schlepper, einen Rumänen, hatten sie vor einer Viertelstunde beim Verlassen des Gebäudes festgenommen. Jetzt saß er in einem der Busse und schwieg beharrlich auf alle Fragen, die man ihm stellte.

Der Einsatzleiter lockerte die Schultern und überprüfte ein letztes Mal, ob seine Waffe gesichert war, dann nickte er wortlos den beiden Polizisten zu, die hinter ihm standen. Sie griffen ihm unter die Arme, gaben ihm Halt. Er zog ruckartig beide Beine an und trat mit voller Kraft gegen die Wohnungstür. Die Wucht des Aufschlags riss die Tür aus den Angeln. Sie krachte auf die Dielen im Flur, dann ging alles sehr schnell. Der Einsatzleiter rannte, die Waffe im Anschlag, den Gang hinunter, während sich die Kollegen ihm anschlossen. »Hände hoch, Polizei!«

Ein Junge, kaum älter als fünfzehn, stand im Gang und machte kehrt, im Versuch zu fliehen.

»Polizei! Hände hoch oder ich schieße!«

Das zeigte Wirkung. Der Junge hielt inne und hob die Hände. Ein Beamter durchsuchte ihn, bevor er die Handschellen zuschnappen ließ. Aus den anderen Räumen ertönten die Warnrufe der Beamten, gefolgt von ein paar Flüchen in Deutsch und einigen anderen Sprachen.

Die zweite Tür im Gang war verschlossen. Ein Beamter hämmerte dagegen. »Öffnen Sie sofort die Tür, Polizei!«

Keine Reaktion. Der Gang war an dieser Stelle so eng, dass der Beamte sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnen konnte. Er trat zu, eine weitere Tür ging zu Bruch. In einer Ecke des Zimmers stand eine ungeheuer beleibte Frau, sie hielt erschrocken ein winziges Handtuch vor den Körper. Ein gleichermaßen fetter, stark behaarter Mann versuchte, durch das geöffnete Fenster zu entkommen, lediglich mit einer Unterhose bekleidet.

»Hiergeblieben, Freundchen!«, schrie der Polizist, packte den Freier an den Schultern und zerrte ihn ins Zimmer zurück. Von der Straße erklang das Johlen einiger Schaulustiger, die sich zwischenzeitlich eingefunden hatten.

Die nächste Tür im Gang war ebenfalls verschlossen. Auch auf ihre wiederholte Aufforderung zum Öffnen erhielten die Männer keine Antwort. 

Der Einsatzleiter wurde ungeduldig. »Immer sperren sich diese Idioten ein. Als ob ihnen das helfen würde.« Er wandte sich an seinen Kollegen, einen blutjungen Mann mit Kinnbart. »Kannst du das übernehmen? Ich hab’s im Knie.«

Der andere stützte sich an der Mauer ab und trat zu. Diese Tür zeigte sich widerstandsfähiger als die restlichen und gab erst beim zweiten Tritt nach. 

Im Zimmer war es stockdunkel, die Vorhänge waren geschlossen, durch das vom Gang einfallende Licht erkannte man nur schemenhafte Umrisse.

»Scheiße«, stöhnte der junge Mann mit dem Ziegenbart.

»O nein«, seufzte der Einsatzleiter, »so schlimm wär’s schon nicht geworden.«

In der Mitte des Raums lag ein umgekippter Stuhl. An der Decke darüber klebte, einer riesigen Spinne gleich, ein Ventilator. Daran hing eine nackte junge Frau, eine Schlinge um den Hals geknüpft. Sie war tot und so mager, dass die Männer jede Rippe ihres Brustkorbs ausmachen konnten.

 

Der Notarzt, der den Tod der Frau bestätigen sollte, hatte zu diesem Zeitpunkt eine Doppelschicht von annähernd sechzehn Stunden hinter sich. Er hielt sich nur noch mit Koffeintabletten und Energydrinks auf den Beinen und zählte im Geiste die Minuten, bis er endlich nach Hause fahren und sich ins Bett legen konnte. Gerade als er anfing, die Leiche der jungen Frau zu untersuchen, klopfte es an der Zimmertür. Es war der junge Beamte mit dem Kinnbart.

»Doktor? Könnten Sie mal kurz runterkommen? Einer der Typen, die wir verhören, scheint gerade einen Herzinfarkt zu kriegen.«

Der Arzt warf einen flüchtigen Blick in den Mund der Leiche, drehte sie zur Seite und nahm Anus und Genitalien in Augenschein. Dann schloss er seinen Koffer und lief mit dem Beamten die Treppe hinunter. Noch im Treppenhaus klingelte das Handy des Arztes. Der nächste Notruf. Auch diese Schicht werde ich nicht pünktlich beenden können, dachte er frustriert. Der vermeintliche Infarkt entpuppte sich als Kreislaufschwäche, wenige Minuten später stieg der Notarzt in seinen Wagen. 

Erst als er mit Blaulicht die Eschersheimer Landstraße entlangbrauste, fiel ihm ein, dass er in der Hektik vergessen hatte, die Untersuchung der Leiche abzuschließen und den Totenschein auszustellen. Verärgert stieß er einen Fluch aus. Doch er beschloss, nicht zurückzukehren. Um halb zwei Uhr nachts goss er sich, an seinem Küchentisch sitzend, das dritte Glas Rotwein ein. Er wartete darauf, dass das Koffein aus seinem Blut und die Bilder der Nacht aus seinem Kopf verschwanden, und füllte das Formular aus. Todesart: unnatürlich. Todesursache: Suizid durch Erhängen.

4. März

»Können wir? Fehlt noch jemand?«

Kriminalhauptkommissar Hartmann, Leiter der fünften Mordkommission im Frankfurter Polizeipräsidium, blickte in die Runde. Die Antwort blieb aus, stattdessen schloss jemand die Tür des Besprechungszimmers. Hartmann zog ein Papiertuch aus dem Spender am Waschbecken und wischte über das Whiteboard, auf das jemand deutsche und osteuropäisch anmutende Namen in verschiedenen Farben geschrieben und mit Linien verbunden hatte. Die Farben verschmierten. Hartmann, Mitte fünfzig und hochgewachsen, fluchte leise, während die Männer und die Frau am Konferenztisch grinsten.

»Warum gibt’s in diesem Milliardengrab eigentlich keine Papier-Flipcharts mehr?«, motzte er.

Nora Winter hatte ihren Chef schon lange nicht mehr so müde erlebt. Der typische energische Ausdruck war aus seinen Augen verschwunden und vor Erschöpfung schien er buchstäblich geschrumpft zu sein. Kein Wunder, hatte Hartmann sich doch die Nacht im Bahnhofsviertel um die Ohren geschlagen. So gerne Nora ihm auch zur Hilfe geeilt wäre, sie beschloss, sich zurückzuhalten. Sie arbeitete seit einem Dreivierteljahr in der MK