Umschlag

Rainer Wittkamp

Stumme Hechte

Kriminalroman

 
 

 

Rainer Wittkamp wurde in Münster/Westfalen geboren. Er führte bei diversen Fernsehserien Regie und betätigte sich als Producer, Dramaturg, Headwriter und Stoffentwickler für namhafte Produktionsfirmen. Seit Mitte der Neunzigerjahre schreibt er Drehbücher, seit 2013 auch Kriminalromane. Für Kalter Hund wurde er mit dem ›Krimiblitz‹, dem Publikumspreis der Besprechungsplattform ›www.krimi-couch.de‹ ausgezeichnet.

www.rainerwittkamp.de

 

In Erinnerung an den Lyriker

John Barton Epstein

12. 01. 1952  25. 07. 2007

 

Mich hat ein Räuber im Traum überfallen.

Ich litt entsetzliche Not.

Ich hörte eine Schusswaffe knallen.

Und wachte auf und war tot.

 

Frantz Wittkamp

1

Wenn man stirbt, so heißt es, zieht noch einmal das ganze Leben an einem vorbei. Gut möglich, dass das so ist. Vorausgesetzt, man liegt in einem kuschelig warmen Sterbebett, hat die lieben Angehörigen um sich herum versammelt, deren tieftraurige Gesichter einen bekümmert anblicken, und die leidende Ehefrau hält einem die schweißnasse Hand. Dann mag es durchaus so sein, dass noch einmal sämtliche Siege, Erfolge, Triumphe und Glücksmomente im Schnelldurchlauf an einem vorbeirauschen. Aber natürlich auch die ganzen Fehlschläge, Pleiten, Waterloos und Bruchlandungen.

Doch mit einem viertel Liter Averna und anderthalb Flaschen Châteauneuf-du-Pape im Leib, die man bis nach Mitternacht in Gesellschaft seiner drei besten Freunde geleert hat, muss man froh sein, wenn man sich mit prall gefüllter Blase aus dem Schlafsack quälen kann, es irgendwie ans Ufer schafft und sein bestes Stück herausgefummelt bekommt. Wenn man schließlich erleichtert in den See pinkelt und die Kugel einem dann seitlich den Schädel durchschlägt, kurz auf die Wasseroberfläche aufditscht, wie ein Kieselstein bogenschlagend in Richtung des anderen Ufers hüpft, um weit vor dem rettenden Gestade im pechschwarzen Nass zu versinken, dann denkt man nicht an ein vorbeiziehendes Leben. Dann denkt man höchstens noch: Scheiße. Denn das ist es dann auch. Totale Scheiße. Wenn man umkippt und in den Morast klatscht.

2

Der Campingplatz lag am Krossinsee, im äußersten Zipfel des Berliner Südostens. Wer am Ufer stehend die Zehen ins Wasser tauchte, befand sich bereits halb im Bundesland Brandenburg. Ein Rotmilan flog über den See auf der Suche nach Beute und bot einen erhabenen Anblick. Während er im Morgendunst Kreise am Himmel drehte, hörte man klagende Rufe – Uuu-Wiuwiu-Wiuuuu … Uuu-Wiuwiu-Wiuuuu. Plötzlich stand er in der Luft, die Flügel leicht gewinkelt, mit dem gegabelten Schwanz das Gleichgewicht ausbalancierend – er hatte etwas erspäht. Im nächsten Moment schoss er im Sturzflug zur Wasseroberfläche hinab und krallte sich einen jungen Barsch. Mit dem Futter für den Nachwuchs stieg der Greifvogel erneut auf. Flog zu seinem Horst in einem der Wipfel des im Dunkeln liegenden Waldes, unter dessen Kiefern und Buchen zahlreiche Wohnmobile und Zelte standen.

Während die Camper noch schliefen, war Rosa Engelbosch bereits seit fünf Uhr auf den Beinen. Ehe sie um sieben den kleinen Backshop öffnete, machte die Campingplatzbesitzerin ihren morgendlichen Rundgang. Sie war schlank, ihre Haut wettergegerbt. Dank der sportlich-drahtigen Figur und dem burschikosen Kurzhaarschnitt wirkte sie um einiges jünger als die vierundfünfzig Jahre, die ihr Leben schon zählte. Auf der Halbinsel Zingst aufgewachsen, war sie vor mehr als zwanzig Jahren der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Ihren Mann Jos, der ursprünglich aus der Provinz Westflandern stammte, hatte sie durch das gemeinsame Faible für die Freikörperkultur kennengelernt. Damals arbeitete Rosa noch auf einem großen FKK-Platz bei Ahrenshoop. Der muskulöse Blondschopf fiel ihr sofort auf, und als der Belgier das dritte Wochenende hintereinander zum Nacktbaden an die Ostsee kam, war ihr klar, dass das Interesse auf Gegenseitigkeit beruhte.

Rosa und Jos hatten sich gefunden und lebten gemeinsam die Freikörperkultur, liefen selbstverständlich auch zu Hause nur nackt herum. Was gab es Schöneres, als die einengende Kleidung abzustreifen, damit Licht und Luft überall hinkamen und die durchs Fenster hineinfallenden Sonnenstrahlen einen sanft umschmeicheln konnten? Dabei umfasste das Nacktsein ja so viel mehr. Für Rosa spiegelte die Freikörperkultur eine ursprüngliche, eine natürliche Nacktheit. Ließ man sich auf diesen Naturzustand ein, befreite man nicht nur den Körper, sondern auch seinen Geist. Man überschritt eine Grenze und konnte so zu einer echten Persönlichkeit reifen.

Als sie den heruntergekommenen Campingplatz am Krossinsee pachten konnten, griffen Rosa und Jos sofort zu. Der ideale Ort, um ihren gemeinsamen Traum von einem Freikörper-Camping-Paradies zu verwirklichen. Doch es war schwerer, als sie gedacht hatten. Die Gäste aus der ehemaligen DDR kamen erst gar nicht, flogen lieber zu den ihnen noch unbekannten Ferienzielen wie Griechenland, Mallorca oder auf die Kanaren. Und die ehemaligen Westbürger … Die ehemaligen Westbürger blieben aus. Aus kindischer Prüderie, wie Rosa und Jos zu ihrem Bedauern erfahren mussten. Für die meisten Westler war es offenbar unvorstellbar, dass wildfremde Menschen einander nackt sehen konnten. Allein die Vorstellung trieb vielen die Schamesröte ins Gesicht. Und noch etwas machte dem jungen deutsch-belgischen Unternehmen zu schaffen: Ihr Freikörper-Camping-Paradies am Krossinsee zog schon bald unerwünschte Gaffer an. Männer, die darauf aus waren, nackte Kinder zu betrachten. Trotz Hausverbot kamen fortwährend neue Glotzer. Das hatte alles keine Perspektive. Rosa und Jos gaben frustriert auf, stellten den Platz auf textile Campinggäste um. Und prompt kam der Erfolg. Ein Erfolg, der Rosa fast zuwider war, da er auf den Trümmern ihres zerplatzten Traumes basierte.

Ich schlafe seit meinem sechsten Lebensjahr nackt, dachte sie, ich schwimme seit meinem neunten Lebensjahr nackt, ich liebe seit meinem fünfzehnten Lebensjahr nackt und ich werde mich, verdammt noch mal, auch nackt beerdigen lassen. Wann immer das sein wird!

Rosa stieß ihren Abfallsammelgreifer grimmig in ein Gebüsch und zog eine zerbeulte Einweggrillschale heraus. Sie stopfte die Schale in ihren Müllsack, der bereits zu einem guten Drittel mit zerknüllten Chipstüten, verschmierten Pommes-frites-Schalen und anderem Unrat gefüllt war. Abfall, den Camper achtlos wegwarfen, statt die überall aufgestellten Müllbehälter zu benutzen. Aber das kannte sie, das war jeden Morgen das Gleiche. Gehörte einfach dazu.

Die Campingplatzbesitzerin bog in den Seeweg ein und stockte – am flach abfallenden Ufer lag ein Mann im Morast. Rosa Engelbosch trat näher. Sie hatte zwar noch nie einen Toten gesehen, aber dieser Mann war definitiv tot. Sein halber Schädel war zerborsten, Blut und Hirnmasse ausgelaufen. Der Tote trug lediglich Boxershorts und ein T-Shirt. Der rechte Arm lag beinah vollständig im Seewasser. Daneben im Schlamm eine Pistole. Rosa Engelbosch spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Sie holte Luft, atmete mehrmals tief durch. Dann nahm sie ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche und wählte den Notruf.

»Guten Morgen. Hier spricht Rosa Engelbosch vom Campingplatz Engelbosch am Krossinsee. Ich habe einen toten Mann gefunden. – Ja, hier bei uns auf dem Gelände. Wahrscheinlich ein Camper. – Ich würde sagen, er wurde erschossen. – Gut, dann bis gleich.«

Sie steckte das Mobiltelefon wieder ein und betrachtete die Leiche, beziehungsweise das, was von ihr noch zu erkennen war. Der Mann war schlank, durchtrainiert, erinnerte sie von der Figur her an ihren Jos. Aber der Tote hatte dichte dunkle Haare, während Jos nur noch einen schütteren grauen Haarkranz besaß. Rosa schaute sich um. Hinter einer Baumgruppe konnte sie mehrere Camper in Schlafsäcken erkennen, die neben einer der offiziell angelegten Grillstellen schliefen. Offenbar hatten sie es nicht für nötig befunden, ein Zelt aufzubauen.

Die Campingplatzbesitzerin nahm ihren Müllsack und ging zu ihnen. Erst jetzt sah sie, dass in einem der Schlafsäcke kein Mensch lag. Neben der Grillstelle stand ein Haufen leerer Weinflaschen. Mit ihrem Abfallsammelgreifer stieß Rosa Engelbosch die Schlafenden nacheinander an. Es waren drei Männer, die langsam zu sich kamen.

»Was wollen Sie?«, grunzte ein untersetzter Endvierziger mit Stirnglatze schlaftrunken.

»Da vorne liegt ein Toter. Kann es sein, dass der zu Ihnen gehört?«, fragte Rosa Engelbosch und deutete auf den leeren Schlafsack.

»Wo liegt ein Toter?«

»Kommen Sie mit …«

Die drei Männer rappelten sich hoch. Alle waren Ende vierzig und wirkten verkatert. Sie folgten der Campingplatzbesitzerin zum Ufer.

»Die Polizei ist bereits unterwegs.«

Geschockt starrten die Männer auf die Leiche, sahen sich fassungslos an. Keiner brachte ein Wort heraus. Obwohl jeder von ihnen genau wusste, wie man sich in so einer Situation zu verhalten hatte. Theoretisch und auch praktisch.

3

Kommissar Martin Nettelbeck war verschnupft. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz real. Am Wochenende hatte er gespürt, wie sich eine Sommergrippe anschlich. Vermutlich verdankte er sie der neuen Klimaanlage im Landeskriminalamt. Seine Schleimhäute trockneten im Büro aus, konnten ihre Schutzschildfunktion nicht mehr richtig wahrnehmen. Nettelbeck hatte ein kratzendes Gefühl im Hals, seine Nase lief, er fühlte sich müde und ausgelaugt. Philomena hatte ihm zum Frühstück eine Kanne heißen Ingwertee gekocht und er ihn mit Todesverachtung heruntergeschluckt. In der Hoffnung, dadurch Schlimmeres wie Gliederschmerzen oder Fieber zu vermeiden. Notfalls könnten sie es am Abend noch mit Wadenwickel und einer Schwitzkur versuchen, hatte Philomena vorgeschlagen. Bei der Aussicht darauf sträubten sich Nettelbecks sämtliche Nackenhärchen – brrrrr!

Von der Fahrerseite wurden dem Ersten Kriminalhauptkommissar wiederholt abschätzige Blicke zugeworfen. Wilbert Täubner steuerte den BMW am Jachthafen Schmöckwitz vorbei und bog kurz darauf in die Straße ein, an der der Campingplatz lag. Der junge Kommissar wirkte ausgeruht und strahlte über das ganze Gesicht, ganz so, wie es sich für diesen wundervollen Sommermorgen gehörte.

»Es soll sich bei den Männern um höhere Polizeibeamte handeln«, sagte Täubner.

»Und was genau darf ich mir darunter vorstellen?« Gequält stopfte Nettelbeck sich eine Halspastille in den Mund.

»Keine Ahnung. Das werden wir ja gleich sehen.«

»Ich hasse Camping«, stieß Nettelbeck heiser hervor. »Man kann nicht mal richtig Musik hören, ohne dass der Zeltnachbar sich aufplustert.«

»Steht eben nicht jeder auf Posaune. Du solltest es vielleicht mal mit den aktuellen Singlecharts versuchen.«

Nettelbeck stöhnte. »Außerdem ist mir campen eindeutig zu primitiv.«

»Ich war letzten Sommer mit Irina in den Pyrenäen. Also unser Wohnmobil war klasse. Und jeden Abend hatten wir einen anderen Standplatz. So ein Urlaub wäre für euch vier doch ideal.«

Nettelbeck ersparte sich eine Antwort und schniefte stattdessen in sein Taschentuch.

Der BMW rumpelte einen kopfsteingepflasterten Weg entlang, der in ein dichtes Waldgebiet führte. Nach wenigen Metern erreichten sie die Einfahrt zum Campingplatz Jos und Rosa Engelbosch, die mit einer Schranke verschlossen war. Dahinter standen zwei uniformierte Beamte. Täubner zeigte ihnen seinen Ausweis und der Schlagbaum ging hoch.

»Sie können direkt bis zum Fundort fahren. Einfach nur links halten.«

Täubner nickte und gab Gas. Im Schritttempo glitten sie an der Rezeption vorbei, einem Lebensmittelladen inklusive Minibackshop, passierten Wohnmobile, Caravans und Zelte in allen Größen und Farben. Die meisten Camper saßen gerade beim Frühstück und diskutierten den polizeilichen Großeinsatz. Das Gelände machte einen gepflegten Eindruck, die Gebäude hätten aber eine Renovierung verdient gehabt. Zum Ausgleich bot sich den Gästen ein malerischer Blick auf den Krossinsee. An einem Abenteuerspielplatz bog Täubner nach links in den Seeweg ab. Neben einem kleinen Häuschen der Wasserwacht standen mehrere Mannschaftswagen. Eine weiträumige Absperrung sicherte den Tatort im Uferbereich. Die Kommissare parkten und stiegen aus.

Rosa Engelbosch stand vor dem Flatterband und sprach mit zwei Beamten des Kriminaldauerdienstes. Als die beiden Männer Nettelbeck und Täubner erblickten, ließen sie die Campingplatzbesitzerin stehen und gingen ihren Kollegen entgegen. Die Polizisten machten sich kurz miteinander bekannt, tauschten erste Informationen aus. Sechs Minuten nach Rosa Engelboschs Anruf war ein Streifenwagen auf dem Campingplatz eingetroffen und die Kollegen hatten das Gelände abgesperrt, fünf Minuten später waren die zwei KDD-Kommissare vor Ort gewesen. Ihnen waren spezielle Routinen antrainiert worden, mit denen sie jeden Tatort möglichst schnell erfassen und sichern konnten. Die Spurensicherung war inzwischen ebenfalls bei der Arbeit, zwei Kriminaltechniker untersuchten den Fundort.

Der Tote gehörte zu einer vierköpfigen Campinggruppe, die eine mehrtägige Radtour unternommen hatte. Die Männer waren voneinander separiert worden, jeder saß für sich allein in einem der Mannschaftswagen. Während die KDD-Kommissare auf die Kollegen vom Landeskriminalamt warteten, hatten sie eine erste Vernehmung durchgeführt. Nachdem sie jedoch erfahren hatten, dass es sich bei der Männergruppe um hohe Polizeibeamte handelte, drangen sie nicht weiter in sie. Das überließen sie lieber den Kollegen des LKA.

»Und hier sind wir auch schon«, grinste Täubner.

»Dann zeigt ihn uns mal«, sagte Nettelbeck und schniefte gequält in sein Taschentuch.

»Sommergrippe?«, fragte der ältere der KDD-Kommissare. »Dagegen hilft am besten Ingwertee. Oder Wadenwickel. Stärkt die Abwehrkräfte.«

Nettelbeck rang sich ein Lächeln ab und trat zu dem Leichnam.

»Es ist alles noch so, wie wir es vorgefunden haben«, sagte der zweite KDD-Kommissar.

Ein Kriminaltechniker deutete auf eine Pistole, die zwanzig Zentimeter von der Leiche entfernt im Uferschlamm lag. »Ein Smith & Wesson Kurzrevolver. .38 Spezial. 5-schüssig. Der Lauf beträgt zwei Zoll. Die Kugel ist vermutlich ins Wasser geflogen.«

»Perfekte Mannstoppwirkung«, nickte Täubner. »Könnte sich um Suizid handeln. Was meinst du?«

»Möglich«, hustete Nettelbeck. »Wilbert, informiere die Kollegen der Wasserschutzpolizei und fordere Polizeitaucher an. Sie sollen den Uferbereich mit Metalldetektoren absuchen. Vielleicht finden sie die Kugel ja.«

»Geht klar.«

Täubner entfernte sich ein paar Schritte, um zu telefonieren.

»Wer sind denn die drei anderen?«, fragte Nettelbeck die KDD-Kollegen. Der jüngere Beamte klappte ein Notebook auf und hielt es ihm hin.

Lutz Büchler

geboren am 04. 08. 1967

Spessartgasse 7

68309 Mannheim

Stellvertretender Landeskriminaldirektor

Max Hartl

geboren am 17. 02. 1968

Liebfrauenplatz 5

94032 Passau

Leiter des Einsatzstabes im Führungs- und Lagezentrum

Steffen Reifenberg

geboren am 28. 11. 1967

Gregoriusstraße 5

13465 Berlin

Professor an der HWR Berlin für Allgemeine Kriminalistik

»Und der Tote? Wer ist das?«

Der ältere KDD-Kommissar blickte in sein Notizbuch.

»Ein René Walcha. Geboren am 19. April 1968. Wohnhaft in der Wohlgemuthstraße 16 in 04 179 Leipzig. Er leitete das Leipziger Dezernat für Wirtschaftskriminalität.«

»Dann haben wir es ja echt mit hohen Tieren zu tun. Richtig tollen Hechten«, grinste Nettelbeck schief und wurde von der nächsten Hustenattacke geschüttelt.

4

Kriminalrätin Jutta Koschke stand in ihrem alten Büro und blickte sich um. Ihr war hundeelend zumute, nichts war mehr so, wie sie es in Erinnerung hatte. Der Schreibtisch stand auf der anderen Seite des Raumes, die Besprechungsecke war vor das Fenster gerückt, ihre ausgestopften Fische waren entfernt worden. Stattdessen hatte ihr Stellvertreter mehrere grottenhässliche Kunstdrucke aufgehängt. Große, grotesk verzerrte Karikaturen der Rolling Stones. Mick, Keith, Ron und Charlie mit Schlauchbootlippen, riesigen Zinken, und das alles in grellen Farben. Grauenvoll.

Die Kriminalrätin bezweifelte zwar, dass Räume, die nach Feng-Shui-Gesichtspunkten gestaltet waren, positiven Einfluss auf das Wohlbefinden hatten. Doch der Mensch, der diese Veränderungen vorgenommen hatte, musste nicht nur Feng-Shui nach eine schwer raum- und farbgestörte Persönlichkeit besitzen. Hier floss definitiv kein Chi, hier stieß es vielmehr permanent auf Widerstände. Auf raumhohe Mauern. Die Kriminalrätin hätte heulen können.

Es war Jutta Koschkes erster Arbeitstag. Nach ihrer Beurlaubung im vergangenen Jahr hatte sie ihren Mann Günther zu Hause gepflegt, bis er schließlich am 7. November gestorben war. Obwohl sie von Anfang an wusste, dass er keine Überlebenschance besaß, hatte sie die ganze Zeit auf ein Wunder gehofft. Wie die meisten Menschen es wohl in solch einer Situation taten. Umso stärker hatte sie Günthers Tod getroffen. Jutta Koschke erlitt einen völligen Zusammenbruch, musste sich ein halbes Jahr krankschreiben lassen. Anschließend folgten vier Wochen Reha. Aber noch immer drohte die Leere, die der Tod ihres Mannes hinterlassen hatte, sie zu erdrücken. Deshalb war sie froh, als sie endlich wieder die Arbeit aufnehmen konnte. Und jetzt das hier …

Es klopfte, einen Moment später betrat Irina Eisenstein den Raum.

»Guten Tag, Frau Koschke.«

Die Kriminalrätin zwang sich zu einem Lächeln. »Hallo, Frau Eisenstein.«

»Schön, dass Sie jetzt wieder arbeiten können. Es waren sicher ziemlich schwere Monate …«

Jutta Koschke nickte reserviert. »Und hier? Was hat sich so getan in meiner Abwesenheit?«

Irina zuckte mit den Achseln. »Da fragen Sie die Falsche. Ich arbeite nicht mehr als Angestellte im Ermittlungsdienst.«

»Wieso das denn nicht?«

»Ich studiere inzwischen Kriminalistik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Nach dem Sommer bereits im dritten Semester.«

Jutta Koschke lächelte. »Das finde ich gut. Sehr gut sogar. Sie sind nämlich ausgesprochen begabt für unseren Beruf. Außerdem müssen wir es den Kerlen endlich mal zeigen. Auch ohne Quote. Aber denken Sie immer daran – eine kluge Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer.«

Die Kriminalrätin lachte über ihr Witzchen und Irina stimmte pflichtschuldig mit ein.

»Dann besuchen Sie also mal wieder die alten Kollegen …?«

Irina schüttelte den Kopf. »Ich mache ein fünfwöchiges Praktikum und wurde Ihrem Dienstbereich zugeteilt.«

»Davon weiß ich ja gar nichts.«

Die junge Frau griff in ihre Tasche, holte ein Schreiben heraus und reichte es der Kriminalrätin. Die überflog es.

»Stimmt. Meine Vertretung hat die Information leider nicht an mich weitergeleitet. Offensichtlich hat Herr Philippsen nicht nur geschmackliche Defizite, sondern ist auch in organisatorischen Dingen eine ziemliche Null.«

Jutta Koschke lachte erneut, doch diesmal verzog Irina Eisenstein keine Miene.

5

Wilbert Täubner war mit den anderen Polizisten ausgeschwärmt, um die Zeltplatzbewohner nach etwaigen Auffälligkeiten in der vergangenen Nacht zu befragen. Martin Nettelbeck sprach unterdessen mit den drei Kriminaldirektoren, erklärte einem nach dem anderen, dass sie in Kürze zur Vernehmung ins Landeskriminalamt in der Keithstraße gebracht werden würden. Die Männer waren kooperativ, sie kannten den polizeilichen Modus procedendi aus eigener Erfahrung zur Genüge. Danach hatte Nettelbeck die Campingplatzbesitzerin vernommen. Besonders viel konnte Rosa Engelbosch ihm nicht erzählen, aber ihr Bericht war anschaulich, klar und auf dem Punkt. Vor allem interessierte sich der Kriminalhauptkommissar für den Moment, als sie René Walchas Campinggefährten aufgeweckt hatte.

»Ich habe den dreien direkt ins Gesicht geguckt. Sie schienen von der Nachricht, dass ihr Freund tot ist, wirklich überrascht. Ich habe bei keinem ein Anzeichen dafür gesehen, dass einer von ihnen bereits Bescheid wusste.«

»Es wäre immerhin denkbar, dass einer der drei es kaschiert hat.«

»Schon, aber dann muss diese Person sehr gut schauspielern können.«

»So was kommt vor«, schniefte Nettelbeck und suchte nach einem frischen Taschentuch.

»Sommergrippe?«

Nettelbeck nickte.

»Haben Sie es schon mal mit der freikörperlichen Lebensweise versucht?«

»Womit?«

»Mein Mann Jos und ich praktizieren sie bereits seit über dreißig Jahren. Husten, Schnupfen, verstopfte Nasen, Halsschmerzen oder was auch immer kennen wir nicht. Ich habe in der Rezeption ein paar interessante Broschüren. Ich kann Ihnen gerne eine mitgeben.«

Nettelbeck schüttelte den Kopf. »Danke, aber … im Moment …« Der Kommissar suchte nach Worten und war froh, als Täubner zurückkam.

»Nichts, Martin. Niemand hat in der Nacht etwas bemerkt oder gehört. Offenbar schläft man hier wie in Abrahams Schoß. Ist ja auch wirklich ein wunderschön gelegener Campingplatz.«

»Danke.« Rosa Engelbosch nickte verkniffen. Die kaum verbrämte Ablehnung ihres gut gemeinten Angebotes hatte sie getroffen. Zwar war es meistens so, dass sie mit ihren nudistischen Ratschlägen auf Desinteresse stieß, doch bei der Polizei hatte sie schon etwas mehr Verständnis erwartet. Aber offenbar war das Motto Dein Freund und Helfer auch aus der Mode gekommen. Wie so vieles in den letzten Jahren.

6

Nadine Lemmnitz hatte die Augen geschlossen und ließ die Bilder fließen. Das konnte sie auf Knopfdruck. In jeder Situation. Sie hatte das in der Zeit im Gefängnis perfektioniert. Sobald sie ihre Augen zumachte, begannen die Bilder Gestalt anzunehmen. Egal, was um sie herum passierte. Ob sie alleine war oder unter Menschen. Ob es leise zuging oder laut. Die Bilder kamen und blieben. Alle zeigten sie Petra. Präsentierten die schönsten Momente, die Nadine mit ihrer Freundin erlebt hatte. Die gemeinsamen Höhepunkte ihrer einmaligen, alles überragenden Liebe. Bilder, an denen sie sich nicht sattsehen konnte. Momente, die sie immer wieder durchleben wollte.

Ein Sitznachbar stieß sie an.

»Sag mal … Rehberge? Ist das die nächste oder eins weiter?«

Nadine schlug die Augen auf und starrte den jungen Türken finster an, dem erst jetzt bewusst wurde, dass er es mit einer Frau zu tun hatte.

»Keine Ahnung. Weiß ich nicht.«

Sie wandte sich ab und der Typ ließ sie in Ruhe. Sie konnte ihn ja verstehen. In dem T-Shirt mit dem Aufdruck Ischenkiller, der gefleckten Bundeswehrtarnhose, den Springerstiefeln und mit ihren raspelkurzen Haaren sah sie wirklich wie ein Kerl aus. Und zwar wie ein richtig harter, zu allem entschlossener Macker. Das war ihr auch wichtig. Diesen Ruf hatte sie sich hart erarbeitet. Eine ein Meter zweiundsechzig große Kampfmaschine, hatte sie Petra in der JVA Lichtenberg manchmal im Scherz genannt. Doch das war nicht sehr oft gewesen. Normalerweise benutzte Petra die Worte, die sie Nadine in ihrer ersten Liebesnacht zugeflüstert hatte: »Meine süße Maus, mit ganz, ganz viel Seele.«

Aber im Frauenknast musste man sich behaupten. Musste lernen, sich durchzusetzen, wenn man es bis dahin noch nicht konnte. Man brauchte Härte und Kampfgeist. Das war überlebenswichtig. Nadine musste lernen, die Stärke für zwei aufzubringen, nachdem Petra ihren Scheißkrebs bekommen hatte. Vor dem Knast, als sie beide noch in dem Kunststoff-Spritzgießwerk gearbeitet hatten, war es andersrum gewesen. Da war Petra die Einrichterin, souverän und taff, und Nadine hatte sie als Frau Hennecke angesprochen. Petra hatte ihr das Du angeboten und sie an ihrer Maschine angelernt, ihr die ganzen Kniffe und Tricks beigebracht, mit denen sie als Produktionshelferin die altersschwache Spritzgießmaschine am Laufen halten konnte. Denn wenn sie ausfiel, sackte auch ihr Akkordlohn in den Keller. Nadine hatte sich sofort in Petra verliebt. Trotz des Altersunterschiedes. Sie war die tollste vierzigjährige Frau, die Nadine je getroffen hatte. Und mit ihren dreiundzwanzig Jahren hatte sie schon einige Ladys gehabt.

Inzwischen war sie einunddreißig und seit fünf Wochen wieder draußen. Aber Petra gab es nicht mehr.

Die U-Bahn hielt in einer Station und der Türke verließ den Waggon. Nadine überlegte, ebenfalls auszusteigen, entschloss sich dann aber, bis zur Endhaltestelle zu fahren. Dort würde sie weitersehen. Seit zwei Wochen fuhr sie mit dem Sozialticket durch Berlin. Den ganzen Tag. Kreuz und quer. Ziellos. Stieg irgendwo ein, stieg irgendwo aus, nahm einen Bus, die Tram, die S- oder U-Bahn in eine andere Richtung. Egal, wohin. Fuhr und fuhr und fuhr. Nur Donnerstagsmorgen blieb sie zu Hause. Wobei es kein Zuhause war und auch niemals eins werden würde. Aber Donnerstagsmorgen hatte sie dort ihren wöchentlichen Termin mit ihrer Bewährungshelferin.

Leben ohne Gitter hieß das Übergangsheim, das sich um haftentlassene Frauen mit besonders schweren sozialen Problemen kümmerte. Theoretisch konnte sie in der Einrichtung für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren bleiben. Vorausgesetzt, man arbeitete aktiv an seiner sozialen Integration mit, kam mit den anderen Bewohnerinnen zurecht und bemühte sich um Arbeit. Ein Leben fast wie im Knast also. Außer Nadine wohnten zurzeit noch fünf weitere Frauen in dem Heim. Jede hatte ein Einzelzimmer, Küche und Bad wurden geteilt. Alles Exknackis, die langjährige Haftstrafen hinter sich hatten. Raub, Betrug, Unterschlagung, Totschlag. Sie war die Einzige, die wegen Mordbeteiligung eingesessen hatte.

Die beiden Betreuerinnen von Leben ohne Gitter legten besonderes Gewicht auf den Aufbau einer festen Tagesstruktur, das A und O einer funktionierenden Lebenspraxis, wie sie Nadine im ersten Gespräch stundenlang eingehämmert hatten. Sie halfen den Bewohnern bei Ämter- und Behördengängen, unterstützten sie bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Wobei klar war, dass man ohne feste Arbeit keine Chance auf eine eigene Wohnung hatte. Nadines Bewerbungen waren bislang alle im Sand verlaufen. Nichts mit Arbeit. Die ersten drei Wochen nach der Haftentlassung hatte sie deshalb nur in ihrem Zimmer gehockt. Alte Knastgewohnheit. Bis die Betreuerinnen sie aufforderten, sich draußen umzusehen, im echten Leben.

Also fuhr Nadine und fuhr und fuhr und fuhr …

7

Kriminalrätin Koschke hatte gerade die Büromöbel wieder auf ihre alten Plätze zurückgeschoben, als Irina Eisenstein mit einem Aktenwagen voller Kartons ins Büro kam.

»Schauen Sie mal, was ich gefunden habe.« Irina nahm einen der Kästen und öffnete ihn. Darin lag eine präparierte Fischtrophäe. Ein grimmig guckender Hecht, der auf einem ovalen Birkenrindenbrett befestigt war.

Jutta Koschke klatschte begeistert. »Wo haben Sie den denn aufgetrieben?«

»In der Asservatenkammer. Jemand hat die Fische gleich nach Ihrer Beurlaubung einlagern lassen.«

»Wunderbar! Und wer war das?«

»Da muss ich passen. Das konnte man mir nicht sagen.«

»Na, das kriege ich schon raus. Jetzt aber erst mal zu Ihnen.«

Die beiden Frauen setzten sich in die Besprechungsecke.

»Wo möchten Sie denn Ihr Praktikum am liebsten absolvieren? In welcher Abteilung würden Sie gerne mitarbeiten?«

»Da bin ich eigentlich offen«, antwortete Irina.

»Wie wäre es mit dem Dezernat 13? Täterorientierte Prävention bei haftentlassenen und rückfallgefährdeten Gewaltstraftätern. Oder die Abteilung für Gewaltdelikte an Schutzbefohlenen und Kindern. Auch ein sehr spannender Bereich.«

»Ich weiß nicht so recht. Mir schwebt etwas mehr Analytisches vor.«

»Dann rate ich Ihnen zu der Auswerteeinheit. Die befassen sich mit operativer Fallanalyse. Eine hochinteressante Sektion.«

»Am liebsten würde ich bei einem Mordfall mit ermitteln. Direkt am Ort des Geschehens quasi.«

»Verstehe. Gut, dann werde ich mal schauen, welches Team momentan Unterstützung gebrauchen könnte.«

»Wie sieht es denn mit Martin und Wilbert aus? Bearbeiten die gerade einen aktuellen Mord?«

Jutta Koschke schaute einen Moment skeptisch, doch dann nickte sie. »Ja, das wäre eine Möglichkeit. Die zwei haben einen neuen Fall übernommen.«

»Dann sind Sie einverstanden? Dann komme ich zu den beiden?«

Koschke nickte erneut. »Meiner Fischretterin kann ich so eine Bitte ja wohl schlecht abschlagen. Außerdem wird den beiden Herren eine Erhöhung der Frauenquote guttun.«

Die Kriminalrätin lachte und dieses Mal fand es Irina angebracht, mit einzustimmen. Schon rein quotentechnisch.

8

Der tägliche Albtraum aller Pendler: Die S-Bahn hatte mal wieder Verspätung. Mehrere Züge waren ausgefallen, wie so oft. Bauarbeiten auf der Strecke nach Strausberg Nord waren Sonntagnacht nicht rechtzeitig fertiggestellt worden. Die Einschränkungen sollten noch bis Dienstagnachmittag dauern. Der Zeitverlust war enorm. Da half es auch nicht viel, dass zwischen den Bahnhöfen Ostkreuz und Wuhletal Busse im Ersatzverkehr eingesetzt wurden.

Nadine Lemmnitz war es egal. Sie hatte sowieso kein Ziel und wechselte auf den Bahnsteig, an dem die Züge der Ringstrecke hielten. Die waren wenigstens nicht so überfüllt.

Nadine setzte sich auf eine Wartebank, schloss die Augen und ließ die Bilder fließen. Sofort sah sie Petra vor ihrem inneren Auge. Ihre wunderschöne, kluge, zärtliche Petra. Nach der Spätschicht hatten sie ein paar Mal in einem Imbiss etwas gegessen, wobei Petra von ihrem Mann Elmar erzählte. Sie hatte ihn viel zu früh geheiratet, Kinder waren ausgeblieben. Elmar war ein Riesenmonsterarschloch der übelsten Sorte. Er arbeitete nicht, betrank sich ständig und hatte seine Finger in irgendwelchen schmutzigen Geschäften stecken, die er aber vor Petra geheim zu halten versuchte. Als sie einmal zu hartnäckig war und wissen wollte, wieso er plötzlich über so viel Geld verfügte, schlug er Petra bewusstlos. Sie hatte nie mehr gefragt. Die Abende verbrachte Elmar meistens vor dem Computer, flirtete vermutlich mit irgendwelchen Frauen. Petra hätte ihn längst verlassen sollen, aber irgendwie …

Eines Abends hatte Nadine nach Verlassen des Imbisses die Initiative ergriffen und Petra geküsst. Ein überaus zärtlicher Kuss, den Petra ohne Zögern erwiderte. Als sie sich am nächsten Tag bei der Arbeit sahen, konnten sie es kaum aushalten. Geballtes Schmetterlinge-im-Bauch-Gekribbel! Doch es war schwierig, längere Zeit ungestört miteinander zu verbringen. Fast unmöglich.

Zehn Tage später kam Elmar nach einem Unfall ins Krankenhaus und sie und Petra hatten sich zum ersten Mal geliebt. Im Ehebett der Henneckes. Ein Traum wurde wahr. Sie schmiedeten Zukunftspläne. Petra war fest entschlossen, ihren Mann zu verlassen, um mit Nadine zusammenzuziehen. An dem Tag, als sie es Elmar sagen wollte, kam er ihr jedoch zuvor. Mit einer ebenso wichtigen Nachricht. Elmar hatte nach neunzehnjährigem Lottospiel endlich die ersehnten sechs Richtigen getippt. Die Quote bescherte ihm 972.364,20 Euro. Wahnsinn! Petra behielt ihre Neuigkeit daraufhin für sich, beriet sich stattdessen mit Nadine. Was wäre …? Was wäre, wenn wir Elmar beseitigen und mit dem Geld irgendwo ein neues Leben anfangen? Nadine war gleich Feuer und Flamme und sie entwickelten einen Plan. Einen todsicheren, bei dem nichts schiefgehen konnte.