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Michael Herzig

Töte deinen Nächsten

Thriller

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© 2012 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: www.grafit.de
E-Mail: info@grafit.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Dorothea Posdiena
Umschlagfoto: kallejipp / photocase.com
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-868-9

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

Kapitel 43.

Kapitel 44.

Kapitel 45.

Kapitel 46.

Kapitel 47.

Kapitel 48.

Kapitel 49.

Kapitel 50.

Kapitel 51.

Kapitel 52.

Kapitel 53.

Kapitel 54.

Kapitel 55.

Kapitel 56.

Kapitel 57.

Kapitel 58.

Kapitel 59.

Kapitel 60.

Kapitel 61.

Kapitel 62.

Glossar

Dank

Vorwort

Die Handlung von Töte deinen Nächsten spielt größtenteils in Zürich, wo Deutsche gemäß Polizeiangaben nicht öfter angefeindet werden als andere Ausländer. Eine Aussage des Polizeisprechers aus dem Jahr 2009, die wohl zur Beruhigung gedacht war. Der in diesem Roman verwendete Brief mit Morddrohungen gegen deutsche Staatsbürger ist trotzdem real und wurde am 10. Dezember 2009 im Tages-Anzeiger abgebildet. Alles andere ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen wären rein zufällig.

1.

Weit entfernt hörte sie Kirchenglocken schlagen. Aus einer Welt, von der sie nichts wissen wollte. Sie presste sich eine Hand auf jenes Ohr, das sie nicht im Kissen vergraben konnte. Johanna di Napoli blinzelte, kniff die Augen wieder zu und wünschte sich, beim nächsten Aufwachen in ihrem eigenen Bett zu liegen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und wer neben ihr schnarchte.

Mit aller Anstrengung versuchte sie, sich wegzuträumen. Das Ergebnis war ein nervöser Halbschlaf, der ihren letzten Rest Energie aufzehrte. Es dauerte ein halbes Leben, bis sie gewahr wurde, dass sich das Wesen neben ihr erhoben hatte. Sich grunzend aus dem Zimmer schleppte. Sie musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass er sich an den Eiern kratzte. Als sie hörte, wie eine Tür geschlossen und kurz darauf ein Toilettendeckel hochgeklappt wurde, setzte sie sich auf. Vorsichtig schaute sie unter die Bettdecke. Es war noch alles da. Abgesehen von den Kleidern.

Offensichtlich hatte sie in einer Whiskeybrennerei übernachtet. Anders ließ sich das Sammelsurium an herumstehenden Flaschen nicht erklären. Sie umzingelten das Bett, als probten sie für eine Puppentheaterversion von Die Nacht der lebenden Toten.

Im weiteren Umkreis lagen Johannas Kleider. An der Wand standen Regale voller Bücher. Wahrscheinlich lauter Anleitungen zum Schwarzbrennen. Mit einem Intellektuellen hätte sie sich kaum eingelassen. Einem, der richtige Literatur in seiner Wohnung stehen hatte. So viel konnte sie gar nicht getrunken haben. Allerdings: Gemessen an ihren brennenden Augen und dem stumpfen Schmerz in ihrem Kopf konnte sie sich dessen nicht ganz sicher sein. Im Grunde genommen wusste sie gar nichts. Von der letzten Nacht noch weniger.

Seufzend schälte sich Johanna aus der Bettdecke. Als sie versuchte, sich zu erheben, wurde ihr schwarz vor Augen. Sie setzte sich wieder. Sekunden später der zweite Versuch. Diesmal klappte es. Sie sammelte ihre Kleider auf und gab sich alle Mühe, sie in einer sinnvollen Reihenfolge anzuziehen. Beim Überstreifen der Strümpfe zu versuchen, auf einem Bein zu balancieren, war mutig, aber sinnlos. Also stützte sie sich mit den Schultern am Bücherregal ab. Ein Blick auf die farbigen Rücken ließ sich nicht vermeiden.

Es handelte sich um Kunst. Hatte sie also doch einen Mann aus der Kaste der Unberührbaren abgeschleppt. Oder er sie. Wahrscheinlich würde er bei seinen vergeistigten Freunden damit angeben, eine Polizistin flachgelegt zu haben. Falls sie nur das Geringste davon mitkriegen sollte, würde sie ihn mit einem seiner schöngeistigen Wälzer erschlagen. Dazu müsste sie allerdings wissen, wer er war. Wie er hieß. Wie er aussah.

Möglicherweise wollte sie das gar nicht so genau wissen. Darum beeilte sie sich und suchte Mantel und Mütze. Beides lag auf dem Küchenboden. Auf dem Tisch sah sie eine aufgerissene Packung Präservative liegen. Daneben die aktuelle Ausgabe des deutschen Rolling Stone. Das beruhigte sie. Ganz so intellektuell wie befürchtet war der Kerl nicht.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie ihm eine Nachricht hinterlassen sollte. Ihre Telefonnummer vielleicht. Sie ließ es bleiben.

Als sie an der Tür zum Badezimmer vorbeischlich, hörte sie auf der anderen Seite Geräusche, deren Ursprung sie nicht weiter erforschen mochte. Sachte öffnete sie die Wohnungstür. Im Flur widerstand sie der Versuchung, an der Anschrift unter dem Klingelknopf den Namen ihres Tagesabschnittbegleiters abzulesen.

Auf der Wiese vor dem Haus lag Schnee. Es war Mitte März und der Frühling schien in einem anderen Erdteil beschäftigt zu sein. Hier aber waren die Menschen geschäftig. Gegenüber lag ein Schulhaus. Dort luden Eltern ihre Kinder aus den Autos. Eilig und konzentriert. So wie sie nach dem Einkauf bei Aldi mit Kisten voller Lebensmittel hantieren würden. Nur in umgekehrter Laderichtung.

Johanna kannte die Gegend. Offensichtlich war sie bei ihrem nächtlichen Abenteuer im Kreis 4 geblieben. Ihrem Arbeitsort. Wo die Kinder im Auto zur Schule gebracht wurden, damit sie sich auf dem Weg nicht zu sehr mit Drogenabhängigen und Prostituierten anfreundeten.

Um die Ecke kam sie zum Hardplatz. Im Wesentlichen eine trostlose Ansammlung von Büschen, um welche die Straßenbahn sich im Kreis drehte, als ob es keinen Sinn machen würde, weiter aus der Stadt hinauszufahren. Dabei hörte sie hier nicht auf. Wenn man weiter stadtauswärts ging, wechselte man fließend von den Mietskasernen aus der Zeit der Industrialisierung zu den Glas-Stahl-Betonbauten der Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Noch etwas weiter weg, in Altstetten, wurde es kleinbürgerlich. Sogar eine Eigenheimstrasse gab es dort. Sie führte durch eine Ansammlung hübscher kleiner Häuschen, die von wohlgepflegten Gärten umgeben waren. Als hätte hier ein sentimentaler Stadtplaner ein Dorf erschaffen wollen.

Johanna warf einen Blick auf die Zeitungskästen bei der Endstation des 8er-Trams. Heim ins Reich! lautete die Schlagzeile des Tages. Die Jugos haben Pause, jetzt sind die Deutschen dran! hatte es vor wenigen Tagen in einem anderen Blatt geheißen. Die Debatte um die deutschen Einwanderer tobte seit Wochen. Überall schienen die Schweizer zu kurz zu kommen. An den Universitäten, in den Spitälern. In der Bäckerei, wo einem die Deutschen mit einem forschen »Ich krieg ein Hörnchen!« das letzte Croissant vor der Nase wegschnappten, bevor man auch nur ansatzweise ein schüchternes »Ich hätte gern ein Gipfeli!« stammeln konnte. Politiker warnten vor der Zersetzung des schweizerischen Wesens. Als würde aus dem großen Kanton ein Virus eingeschleppt, gegen das Aids und Syphilis Kinderkrankheiten waren.

Johanna überlegte kurz, welche Sprache sie letzte Nacht gesprochen hatte, konnte sich aber beim besten Willen nicht erinnern. Vermutlich hatten sie nonverbal kommuniziert.

Sie zog sich die Mütze über die Ohren und stapfte in Richtung Hohlstrasse davon. Wenn sie sich sputete, schaffte sie es, nach Hause zu fahren und zu duschen, bevor sie in der Polizeihauptwache antreten musste. Wovon sie nichts Gutes erwartete. Eine Versetzung ins Archiv vielleicht. Oder in die Kopierbrigade, wohin die Alkoholiker entsorgt wurden. Ein Entscheid, den sie nicht anfechten würde. Dazu war sie gerade etwas knapp an Argumenten.

2.

Ein Rehbock rannte aus dem Unterholz auf das Feld hinaus. Nach einigen unkoordinierten Sprüngen um seine eigene Achse raste er auf das Taxi zu. Einen Sekundenbruchteil war es Thorsten Kühne, als versinke er im gehetzten Blick des Tieres. Da hupte der Fahrer. Das Wild schlug einen Haken und verschwand wieder im Wald.

Kühne kam der Weg zur Science City vor wie ein Zickzacklauf durch die Moderne. Ein Traumtanz durch Raum und Zeit. Als er noch ein Zuhause gehabt hatte, war er jeden Tag aus dem von Einfamilienhäusern zersiedelten Aargau über die Autobahn nach Zürich gefahren. Am Ende der Autobahn an den Industriebauten aus dem 19. Jahrhundert vorbei, die heute von Hochkultur, Hightechindustrie und Eventgastronomie zur urbanen Lebensgestaltung benutzt wurden. Von dort aus auf den Waidberg mit der atemberaubenden Aussicht auf Stadt, See und Berge. Wo er kurz innehielt. Am Straßenrand parkend die Gelassenheit in sich aufsaugend, welche die Stadt unter ihm ausstrahlte und die so stark mit seiner inneren Fassungslosigkeit kontrastierte, mit der er in den letzten zehn Jahren zu leben gelernt hatte.

Der letzte Kilometer vor dem Architektur- und Hochtechnologietempel der ETH-Hönggerberg führte durch eine landwirtschaftliche Postkartenidylle. Auf den letzten Metern schließlich erinnerte ihn die Aussicht auf die im Sonnenlicht blitzenden Glasfassaden und den Physikturm mit seinen Parabolantennen und dem Wetterradar an die Zufahrt zu einem Flughafen. Zu einem, von welchem er abheben und auf dem er nie mehr landen mochte.

In der ersten Zeit nach dem Zusammenbruch seines Familienlebens war er jeweils mit dem Rad auf den Berg hinaufgestrampelt. Nicht zuletzt, weil er sich auf diese Weise fit zu machen gedachte für die Herausforderungen auf dem Markt der Eitelkeiten. Ein Geschäft, das heute auf elektronische Art abgeschlossen wurde. Praktischerweise. Durch die Beantwortung latrinenpsychologischer Fragebögen, die das menschliche Risiko sozialer Interaktionen minimieren sollten. Die ihn, Thorsten Kühne, allerdings nicht vor physischem Versagen und emotionaler Enttäuschung bewahrten.

Mittlerweile fuhr er im Auto zur Arbeit. Ausnahmsweise im Taxi. Zudem vermied er verlassene Straßen, setzte sich im Restaurant mit dem Rücken zur Wand und fuhr ausschließlich dann Aufzug, wenn zwei andere Personen dabei waren. Mindestens eine davon eine Frau.

Der Fahrer bog von der Emil-Klöti-Strasse in die Einsteinstrasse und von da in die Wolfgang-Pauli-Strasse ein. Zuerst der biedere Sozialdemokrat, der als Stadtpräsident das Rote Zürich interventionistisch und konsensorientiert zugleich regiert hatte. Dann die beiden Wissenschaftler, die das physikalische Weltbild verändert hatten.

Als der Fahrer hinter einem Linienbus hielt, zog Kühne seine Geldbörse hervor und suchte eine Fünfzigernote heraus. Er winkte ab, als ihm der Fahrer das Wechselgeld geben wollte. Dieser dankte in einer unverständlichen Sprache. Kühne wartete einen Augenblick, bis einige Studenten vorbeigegangen waren, stieg dann aus und lief ihnen hinterher. Nicht ohne sich nochmals umgesehen zu haben.

3.

»Wenn es der Alten leid tut, bist du geliefert, Mädchen«, hatte Köbi Fuhrer ihr zugeflüstert, als sie gemeinsam die Kantine verlassen hatten. Er war einer der wenigen, der nicht auf Distanz zu ihr ging. Wohl deswegen, weil er selbst unbeliebt war. Köbi galt als kümmerlicher Alkoholiker, dessen Loyalität primär seinem Schrebergarten galt. Nur schien ihn sein Ruf weit weniger zu kümmern als Johanna di Napoli der ihre. Das rasiermesserscharfe Schweigen, wenn ihr die Kollegen den Rücken zuwendeten, ertrug sie schlechter als erwartet. Darum ging sie nicht allein in die Polizeikantine. Nicht einmal mehr zur Kaffeemaschine in der Regionalwache Aussersihl. Früher ihr ureigenes Territorium. Johanna hatte sie zusammen mit ihrem Kollegen Murat Kayan besorgt, weil sie beide die Nase voll hatten von der wässrigen Brühe, die zu einem Polizistenleben zu gehören schien wie schlaflose Nächte und rassistische Witze. Es war eine veritable Kulturrevolution gewesen, welche die beiden durch den Erwerb einer simplen, italienischen Kaffeemaschine entfacht hatten. Mittlerweile machte Kayan ein Praktikum bei der Jugendanwaltschaft und Johanna bekam den kalten Hauch der Gegenrevolution zu spüren.

»Es tut mir leid, Frau di Napoli«, eröffnete die Kommandantin der Stadtpolizei Zürich das Gespräch. »Die Lage ist ernst. Ich hoffe, Sie sehen dies ein.« Sie ordnete die Papiere auf der Tischplatte vor sich. Zu ihrer Rechten saß kerzengerade Charlie Brunner, Johannas Chef. In piekfeiner Schale, mit glänzend polierter Glatze und fein säuberlich gestutztem Schnauzbart. Daneben Kevin von Kranach, Leiter einer Einheit für Spezialermittlungen, für die Johanna kurze Zeit gearbeitet hatte. Wobei ein paar Dinge schiefgelaufen waren.

»Missachtung von Weisungen des Einsatzleiters, Nichtbeherrschen des Fahrzeuges, Gefährdung Dritter.« Missmutig blätterte die Kommandantin in dem Bericht, den Johanna nur zu gut kannte. »Die Kantonspolizei zeichnet in ihren Ermittlungsakten ein höchst unerfreuliches Bild Ihrer Dienstauffassung, Frau di Napoli!«

Das Büro war riesig. Johanna kam sich winzig vor. An der Wand gegenüber hing eine Bildergalerie. Die Kommandantin hoch zu Ross. Auf einem Motorrad der Marke BMW. Mit Polizisten aus aller Welt, einem amtierenden Bundesrat und dem ehemaligen Bürgermeister von New York. Daneben eine Urkunde des Rotary Clubs. Auf dem Schreibtisch das golden umrahmte Bild ihrer Freundin. Sie sahen aus wie Zwillinge.

»Nun gut. Das ist die Meinung der Kantonspolizei.« Die Kommandantin legte das Papier beiseite und nahm ein neues vom Stapel. »Auch wenn ich dies niemals öffentlich sagen würde, interessiert mich unsere interne Sicht um einiges mehr.« Ein Schmunzeln, ein Blick auf von Kranach, ein Räuspern. »Leider ist unsere eigene Disziplinaruntersuchung nicht schmeichelhafter.« Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.

Johanna zuckte zusammen. Einen Sekundenbruchteil lang schien es ihr, als holte die Chefin zum Schlag aus. Johanna kannte den zweiten Report nicht.

»Alle hier haben etwas gegen Werner Hügli, Frau di Napoli. Er ist ein Schläger, Zuhälter, Drogenhändler und vieles mehr. Aber Sie haben ihn eigenmächtig verhaftet. Entgegen anderslautender Anweisung. Außerdem sind Sie ohne Hausdurchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft in sein Haus eingestiegen.« Ihre Stimme wurde ein kleines bisschen metallischer. »Und es gibt Gerüchte, wonach Sie Hügli durch Androhung von Folter zu einem Geständnis gebracht haben sollen.«

Johanna blickte von Kranach an. Dessen Miene blieb undurchschaubar. Ihm hatte sie ihr Vorgehen bei Hüglis Verhaftung gestanden. Er kannte den Sachverhalt genau. Offensichtlich hatte von Kranach dies unverbindlicher zu Protokoll gegeben. So verschwieg er nichts, verriet aber auch keine Kollegin. Beides tat er wohl eher seinem Ruf als Johanna zuliebe.

»Die Androhung von Folter ist ein absolutes No-go, Frau di Napoli. Das sollte ich einer erfahrenen Polizistin nicht sagen müssen. Sämtliche Beweise gegen Hügli, die Sie und Ihre Kollegen hart erarbeitet haben, wären vor Gericht nicht mehr verwertbar, sollte sich so etwas auch nur annähernd bestätigen. Ganz zu schweigen von den persönlichen Konsequenzen, die ein solches Handeln hätte.« Die Kommandantin schaute Johanna eindringlich an. Sie hatte grüne Augen, darunter dicke schwarze Ringe. »In den USA gibt es strikte Regeln im Fall eines Problem Police Officers, Frau di Napoli. Dieses Konzept habe ich übernommen. Auch bei uns gilt Nulltoleranz. Das ist Ihnen hoffentlich klar.«

Johanna hielt dem Blick ihrer Vorgesetzten stand. Deren Liebling war sie lange Zeit gewesen. Als Vorzeigepolizistin und Quotenfrau. Produkt eines Frauenförderungsprogrammes, mit welchem die Kommandantin einen verknöcherten Männerbund in ein modernes Polizeicorps zu verwandeln gedachte. ›Weibliche Qualitäten‹ verlangte die Chefin bei jeder Gelegenheit. Dabei dachte sie an Einfühlungsvermögen, Geduld und Bescheidenheit. Johannas Kollegen eher an Bumsen, Blasen, Kaffee servieren. Zu beidem passten kratzbürstige Alleingänge schlecht. Allerdings war es Johanna schleierhaft, wie sie sich sonst durchsetzen sollte.

»Sie haben durchaus Verdienstvolles geleistet.« Die Chefin versuchte ein Lächeln. Ungefähr so musste es aussehen, wenn sie einen Kindergarten besuchte, um den Kleinen die Funktion des Zebrastreifens zu erklären. »Immerhin hat es vor Ihnen noch niemand geschafft, Werner Hügli hinter Gitter zu bringen. Die Staatsanwaltschaft wird doch Anklage erheben, Kevin?«

Gleichermaßen erwartungsvoll blickten die Kommandantin und Johanna auf von Kranach. Charlie Brunner dagegen starrte eine Sammlung von Emblemen ausländischer Polizeicorps an der gegenüberliegenden Wand an. Mit bocksteifem Rücken und reglosem Gesicht. Für ihn war von Kranach ein schleimiger Karrierist. Vor dessen Nähe zur Chefin allerdings hatte Brunner Respekt. Nach zwanzig Jahren Polizeidienst wusste er, mit wem er sich keinesfalls anlegen durfte. Besäße sie auch nur einen Bruchteil seines Machtinstinkts, säße Johanna nun kaum vor dem Kadi.

Im Gegensatz zu Charlie fand Johanna von Kranach sympathisch. Sexy sogar. Indessen hatte er sie auf Distanz gehalten,
seit sie aus den Ermittlungen ausgeschlossen worden war. Darum hatte sie keine Ahnung vom Stand des Verfahrens gegen ihren Lieblingsfeind, den Zürcher Milieukönig Hügli.

»Jawohl. Aufgrund von Johannas Ermittlungsresultaten erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Freiheitsberaubung und Beihilfe zum Mord. Hinzu kommen Anstiftung zum Einbruch in mehreren Fällen sowie Urkundenfälschung. Das haben die weiteren Ermittlungen in Hüglis Liegenschaften ergeben. Mit etwas Glück wird es sogar für eine Verurteilung reichen wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation. Nicht nur wegen einzelner Delikte.«

Von Kranach war ein Musterschüler. Trotz seines Gürtels aus Schlangenleder, der Johanna bereits beim ersten Treffen aufgefallen war. Wie Charlie Brunner hatte er sich in Schale geworfen. Während ihr Chef in Anzug und Krawatte jedoch aussah wie ein verkleideter Soldat, wirkte Kevin wie der Marketingleiter eines Modemagazins.

»Sehr gut, das ist doch was!« Die Kommandantin schien erleichtert. Sie fürchtete nichts so sehr wie Misserfolg. Langsam krochen ihre Kritiker aus den Löchern. Johannas Eskapaden machten ihnen Mut. Der erste giftige Kommentar war bereits vor Wochen erschienen. Ausgerechnet in der Neuen Zürcher Zeitung, deren Kommentatoren die Polizeichefin sonst immer gestützt hatten. Weil sie eine erfolgreiche Frau war, eine bekennende Lesbe und trotzdem noch stramm rechts. Dafür hatte man ihr die Frauenförderungsallüren lange verziehen. Nun schien der Wind zu drehen.

»Aber Hüglis Tochter ist fein raus. Dabei hat sie jetzt die Fäden in der Hand!«

Johannas trotzige Bemerkung provozierte ein nachsichtiges Lächeln der Kommandantin. »Salome Hügli mag genauso gerissen sein wie ihr Vater, Frau di Napoli. Im Gegensatz zu diesem konzentriert sie sich aber auf legale Geschäfte. Zumindest wurde ihr bis dato nichts anderes nachgewiesen. Sie sollten sich nicht verbeißen, Frau di Napoli. Weder in den Vater noch die Tochter!« Nach dieser Belehrung wandte sie sich wieder von Kranach zu. »Hat die Staatsanwaltschaft die Medien informiert, Kevin?«

»Nein. Aber es wird demnächst geschehen.«

Johanna sah die Chefin schon Interviews geben. Mit triumphalem Gesichtsausdruck.

»Es gibt leider noch etwas Unerfreuliches.« Von Kranachs Gesichtszüge wurden noch ernster als gewöhnlich. Es wirkte einen Tick zu theatralisch. »Hüglis Anwalt hat Johanna heute Morgen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Wegen Nötigung, Drohung und Amtsmissbrauch. Er behauptet, Johanna habe das Geständnis seines Mandanten erzwungen. Sie habe Hügli auf einen Autolift gelegt und ihm gedroht, seinen Fuß zu zerquetschen!«

»Ach ja! Dieser Winkeladvokat will uns einschüchtern!« Die Chefin wischte verärgert ein Stäubchen von der Tischplatte. Offenbar war sie informiert. Für Johanna hingegen war die Nachricht neu. »Damit erhöht sich natürlich der Druck, Frau di Napoli. Ich hoffe, Sie können damit umgehen.«

»Das muss ich wohl.« Johanna holte tief Luft. »Sie empfehlen mir vermutlich, einen Anwalt zu nehmen?«

Die Kommandantin nickte. »Das rate ich Ihnen dringend. Natürlich werden wir Sie unterstützen. Aber wir sind Partei. Wir müssen uns zurückhalten. In unserem und in Ihrem ureigenen Interesse, Frau di Napoli.« Wieder dieser Ton, als spräche sie mit einem Kind. »Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung. Aber Sie wissen so gut wie ich, dass Medien und Öffentlichkeit eine Polizistin nach einem höheren ethischen Standard beurteilen als einen gewöhnlichen Bürger.«

»Und als einen Polizisten.«

Johannas Bemerkung überhörte die Kommandantin. Charlie Brunner regte sich nicht. Aber Johanna spürte seinen Ärger. Denn er hasste ›Emanzensprüche‹, wie er es nannte. »Wir sind hier nicht im Frauenhaus«, pflegte er solche Aussagen zu kommentieren.

»Sie sollten sich sehr gut überlegen, mit welcher Strategie Sie in dieses Verfahren gehen. Bereits bei der ersten langen Befragung durch den Staatsanwalt muss Ihnen klar sein, was Sie sagen werden. Es steht viel auf dem Spiel. Schon eine Anklage wäre eine Katastrophe. Geschweige denn eine Verurteilung. Gegen Hügli stünden wir auf einen Schlag wieder auf Feld eins!«

»Und ich auf der Straße«, erwiderte Johanna trotzig.

Die anderen blieben stumm.

»Zuallererst muss ich an das Corps denken, Frau di Napoli«,
fuhr die Chefin weiter, als die Stille ungemütlich wurde. »Dazu bin ich da. Ein solches Verfahren ist eine Belastung für eine Organisation. Insbesondere vor einem Wechsel an der Departementsspitze.«

Die Wahlen hatte Johanna vollkommen vergessen. Der langjährige Polizeivorsteher trat zurück. Ein brauner Stammtischprolet, ein grüner Hausmann und zwei farblose Frauen wollten ihn beerben. Im ersten Wahlgang Anfang Februar hatte niemand die absolute Mehrheit erreicht, weshalb ein zweiter Wahlgang notwendig war. Dieser würde am letzten Märzwochenende stattfinden. Den Grünen hatten die Wähler
zurück an den Herd geschickt, den Braunen in die Stammbeiz. Die beiden Frauen traten an zum Showdown zwischen rosarotem Harmoniebedürfnis und hellblauer Unverbindlichkeit.

»Gerade in Zeiten des Wandels braucht es einen besonderen Spirit. Sie wollen doch nicht, dass alles verloren geht, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben!«

»Wollen Sie, dass ich kündige? Wegen eines Sauhundes wie Hügli?« Plötzlich kämpfte Johanna mit den Tränen.

»Ich möchte, dass Sie sich juristisch beraten lassen. Dass Sie Ihr Temperament im Zaun halten. Dass Sie ruhig und überlegt durch dieses Verfahren hindurchgehen. Damit Hüglis Zukunft das Gefängnis ist und Ihre die Stadtpolizei Zürich, Frau di Napoli.« Um solche Reden zu schwingen, brauchte man wohl die weiblichen Stärken, von denen die Chefin immer sprach. »Wenn ich mich nicht täusche, feiern Sie demnächst Ihren vierzigsten Geburtstag.«

Johanna nickte. Die Tatsache, dass sie irgendwann vierzig würde, verdrängte sie seit ihrem dreißigsten. Damals hatte sie ihre langjährige Liebesbeziehung gegen eine allgemeine Orientierungslosigkeit und Sinnkrise eingetauscht. Und sich aus einer Laune heraus für ein Frauenförderungsprogramm der Stadtpolizei Zürich beworben.

»An Ihrem Geburtstag möchte ich mit Ihnen auf unsere zukünftige Zusammenarbeit anstoßen können.« Die Chefin schaute auf die Uhr. »Wie sind denn die Aussichten, dass Hügli mit seiner absurden Anzeige Gehör findet, Kevin?«

Dieser zuckte mit den Schultern. »Nach aktuellem Wissensstand steht Aussage gegen Aussage. In Anbetracht von Hüglis Vorgeschichte sowie des Grundsatzes in dubio pro reo müsste der Staatsanwalt das Verfahren einstellen. Es sei denn …« Er streifte Johanna mit einem hastigen Blick.

»Ja, bitte, Kevin?«

»Es sei denn, es tauchten neue Fakten auf.«

Die Kommandantin hob die Augenbrauen. »Meinst du etwas Bestimmtes?«

Von Kranach schüttelte den Kopf.

»Kevin will wohl sagen, dass wir nicht sicher sein können, ob Sie alle Karten auf den Tisch gelegt haben, Frau di Napoli. Gibt es etwas, was wir wissen sollten?«

»Nein, nichts.« Johanna fixierte Charlie Brunners Krawattenknopf. Sie fragte sich, ob er ihn sich jeden Morgen von seiner Frau binden ließ.

»Dann ist es ja gut.« Die Chefin blickte ebenfalls Brunner an. »Bis auf die Frage, welche kurzfristigen Maßnahmen zu ergreifen sind. Sie werden verstehen, dass wir Sie während eines laufenden Strafverfahrens von der Front abziehen müssen.«

Jetzt kam die Versetzung an den Kopierapparat. Charlie bückte sich und hob eine altmodische Ledermappe vom Boden auf. Er stellte sie auf seine Knie und holte ein dickes Dossier heraus. Dieses schob er Johanna über den Tisch hinweg entgegen. Sie ließ es liegen.

»Das sind Unterlagen über Deutsche, die in Zürich bedroht oder belästigt worden sind, Jo. Keine große Sache. Aber wir müssen das ernst nehmen. Darum wirst du vom Schichtdienst als Revierdetektivin entbunden und kannst mit Vollgas diese Fälle untersuchen.«

»Genau.« Die Kommandantin schob die Akten näher zu Johanna hinüber. »Wir möchten vorbereitet sein, falls die Medien diese Sache aufbauschen. Darum geben wir diese Untersuchung Ihnen. Das ist ein Vertrauensbeweis. Schließlich sind Sie immer noch eine qualifizierte Polizistin!«

»Sie meinen wohl eher, dass Sie diese Meldungen zu wenig ernst genommen haben. Seit Monaten. Und nun brauchen Sie eine Dumme, die den Schwarzen Peter in der Hand hält, wenn Journalisten unangenehme Fragen stellen!« Johanna kniff die Lippen zusammen. In ihrem Bauch braute sich eine unglaubliche Wut zusammen.

»Herrgott, Jo!«, entfuhr es Charlie. Es war nicht die Art von Situation, in welcher er seine Stärken ausspielen konnte. Dazu bedurfte es einer Horde randalierender Fußballhooligans, einer gewalttätigen Demonstration oder einer Großrazzia bei den Hells Angels.

Die Augen der Kommandantin hatten sich zu Schlitzen verengt. »Sie dürften ruhig ein bisschen kooperativer sein, Frau di Napoli! Und dankbarer. Vor allen Dingen sollten Sie nicht überall Feinde vermuten! Das Disziplinarverfahren lassen wir nämlich liegen, bis die Sache mit Hüglis Strafanzeige geklärt ist.« Sie erhob sich. Steifer Rücken, starrer Blick. »Wir entlasten Sie vom Schichtdienst und geben Ihnen etwas Distanz zum Tagesgeschäft. Außerdem die Gelegenheit, sich in einer Untersuchung zu bewähren. Diese Chance sollten Sie nutzen!«

Die beiden Männer standen ebenfalls auf. Johanna nahm das Dossier unter den Arm und tat es ihnen gleich.

»Für die Dauer Ihrer Recherchen unterstehen Sie Hauptmann von Kranach. Er wird Ihnen einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Nicht wahr, Kevin?«

Dieser nickte. Erhielt er also eine zweite Chance, Johanna herumzukommandieren. Was ihn allerdings nicht sonderlich zu begeistern schien.

»Melden Sie sich morgen früh im Kripogebäude an der Zeughausstrasse.«

Die Chefin streckte ihr die Hand entgegen. Sie trug ein weinrotes Deuxpièces und eine zugeknöpfte Seidenbluse. Ihr Haarschnitt war zum Schreien. Vorn kurz, hinten lang. Von derselben Eleganz wie ihr Führungsstil.

Von Kranach setzte sich wieder, als Johanna das Büro gemeinsam mit Charlie Brunner verließ. Wie lange es dauern würde, bis dieser sie ebenfalls im Regen stehen lassen würde, war ihr erster Gedanke, nachdem ihr Kollege die Tür hinter sich geschlossen hatte. Johanna eilte durch den geräumigen Korridor, auf dem die Ausrüstung für Ordnungsdiensteinsätze gestapelt war. Schilde, Tränengas- und Gummischrotgewehre. Griffbereit für den Einsatz gegen Hooligans und Globalisierungsgegner.

»Warte mal!« Charlie holte sie schnaufend ein. »Lass uns zusammen hinausgehen.« Er versuchte ein Lächeln. »Das ist ein Befehl, Jo.«

»Natürlich, großer Häuptling!« Missmutig stieg sie die Treppen hinunter und ging durch die katakombenartige Freskenhalle im Erdgeschoss in Richtung Ausgang. Die Polizistin am Schalter grüßte, Johanna nicht. Sie riss die Tür auf, bevor der eingebaute Elektromotor seine Arbeit tun konnte, und trat in die Kälte hinaus.

Die Luft war trocken, der Verkehr laut, die Limmat glitzerte im Sonnenlicht.

»Jetzt halt die Luft an, Jo!«

»Ach, leck mich doch!«

»Bin ich etwa die Kommandantin?« Instinktiv schaute sich Charlie um. Es hatte niemand mitgehört.

Johanna grinste.

Charlie schien erleichtert und folgte ihr die Treppe hinunter auf den Bahnhofquai. »Lass uns zu Fuß gehen.« Er deutete in Richtung Bahnhofstrasse.

Gemeinsam gingen sie los. Es dauerte eine Weile, bis Charlie Brunner sagte, was er loswerden wollte. »Du willst doch nicht etwa die Wahrheit erzählen?«

Johanna schaute zu Boden und ging weiter.

Brunner zupfte sie am Ärmel. »Dann bist du die längste Zeit Polizistin gewesen, Jo. Das ist dir doch klar?«

Johanna riss sich los und eilte direkt vor einer heranfahrenden Straßenbahn über den Löwenplatz. Charlie hechtete hinterher. Die Fahrerin des Trams klingelte und zeigte den beiden den Vogel.

»Du meinst also, dass ich den Staatsanwalt anlügen soll?« Wütend blieb Johanna stehen. »Ihr quatscht mir die Ohren voll von wegen Ethik! Dabei geht es einzig und allein darum, dass ich diesen Schweinehund Hügli in den Knast bringe und ihr so tun könnt, als hättet ihr keinen blassen Dunst, wie ich dieses Wunder zustande gebracht habe! Erst holt ihr euch ein Kampfweib und hinterher macht ihr euch in die Hosen vor Angst, weil sie zuschlagen kann!« Als sie die irritierten Blicke der Passanten sah, marschierte Johanna weiter.

»Nicht ›ihr‹, Jo. Die Kommandantin denkt so, nicht ich.«

»Ach ja. Darum hast du dort gerade eben so tapfer geschwiegen, du Held?«

Charlie seufzte. »Und warum kannst du nicht ein einziges Mal die Klappe halten?«

Johanna drehte sich um. »Das willst du wirklich wissen?« Einen Augenblick lang starrte sie eine Frau an, die ihr auf dem Gehsteig über die Gessnerbrücke entgegenkam, ein kleines Mädchen an der Hand. Als die Frau Johannas Blick bemerkte, zog sie das Kind instinktiv näher zu sich heran. »Könnte es vielleicht sein, dass mir diese Geschichte zu schaffen macht? Dass es mich innerlich fast zerreißt, wenn ich mir eingestehen muss, dass der Schweinehund Hügli auch noch im Recht ist? Dass ich diesen Scheißjob richtig machen möchte? Vielleicht sogar gerne?«

Johanna wandte sich ab, damit Charlie Brunner ihre Tränen nicht sehen konnte.

4.

»Selber schuld, die Schwaben!«

Köbi Fuhrer bestellte noch ein Bier. Die Kellnerin lächelte selig. Ihrem Lieblingspolizisten würde sie eine ganze Kiste bringen, wenn es ihn glücklich machte.

Für Köbis Glück war Bier tatsächlich eine unverzichtbare Zutat. Neben Zigaretten, Cognac und freien Tagen in seinem Garten.

Missmutig tunkte er die Wurst in den Senf. »Wenn sie den Schnabel nicht halten können, kriegen sie eins aufs Maul. Ist doch klar.« Er spülte die Bratwurst mit dem letzten Schluck Bier hinunter. Im selben Augenblick wurde auch schon das nächste gebracht.

»Zum Wohl, Tschugger!« Die Frau hatte schütteres Haar. Von ledriger Haut verdeckte Gesichtszüge ließen vergangene Schönheit erahnen. Ein wissendes Lachen zeugte von vielen Jahren Erfahrung an der Langstrasse.

»Dank dir, Mädchen.« Wehmütig blickte Köbi der Bedienung hinterher.

Johanna di Napoli pfiff durch die Lippen. »Wie geht es Lulu?«

Ihr Kollege zuckte mit den Schultern. »Es ist ein hartes Geschäft.«

»Aha. Und wie geht es deiner Frau?«

»Hör auf mit dem Scheiß, Jo!« Köbi funkelte sie wütend an. »Ich gehe jeden Sonntag zu einer Nutte. Seit zwanzig Jahren. Irgendwann habe ich mich scheiden lassen. Na und?« Er brach Brot ab und tunkte es in den Senf. »Willst du mir eine Moralpredigt halten? Ausgerechnet du?«

Amüsiert schüttelte Johanna den Kopf. »Das käme mir nie in den Sinn. Ich finde bloß, dass Lulu eine wunderbare Frau ist. Das ist alles.«

»Damit sind wir schon zwei«, brummte Köbi und setzte das Glas an. »Was soll das überhaupt? Bist du krank?« Er deutete auf die Flasche Cola vor Johanna.

»Ich brauche eine kleine Pause. Zu viele Abstürze in letzter Zeit.« Johanna blickte sich in der Imbissbude um. Neben der Kellnerin war sie die einzige Frau hier. Die meisten Männer trugen schmutzige Arbeitskleidung, einige Anzug und Krawatte. Zwischen den Stehtischen glühten Wärmelampen.

»Kein Wunder, dass du schlechte Laune hast. Du solltest Schwaben retten, anstatt in meinem Privatleben herumzustochern.«

Johanna knabberte an ihrer Bratwurst. Bevor sie sich mit Köbi Fuhrer zum Mittagessen getroffen hatte, war sie die Akten durchgegangen, die ihr Charlie Brunner gegeben hatte. Es war ein hässliches Sammelsurium an Vorurteilen, Missgunst und Bosheit. Autos mit deutschen Kennzeichen, deren Pneus zerstochen und Türen zerkratzt worden waren. Einem aus Stuttgart stammenden ETH-Professor war der Wagen mit Hakenkreuzen verschmiert worden, einer Münchner Radiomoderatorin hatten Vandalen die Scheiben eingeschlagen. Eine Physiotherapeutin aus Hannover fand jeden Morgen einen Zettel unter dem Scheibenwischer. Darin wurde ihr in grellen Bildern und holperigem Deutsch geschildert, auf welch schreckliche Weise sie zu Tode kommen würde, falls sie die Schweiz nicht umgehend verließe. Vier weitere Personen hatten Morddrohungen erhalten, allerdings wohl von einem anderen Täter, wie es schien.

Schließlich war da noch der Mann aus Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze, der in die Schweiz gekommen war, weil er es in Deutschland als Bürger zweiter Klasse nicht mehr ausgehalten hatte. Er arbeitete bei den Schweizerischen Bundesbahnen im Schienenbau und schuftete so hart, wie dies aufstiegswillige Zuwanderer eben tun. Dabei verdiente er ein Drittel weniger als seine Schweizer Kollegen. Er war als Nazischerge beschimpft worden, weil er sich bei Pusterla Elektronik im Kreis 4 nicht hinten angestellt hatte. Es gab keine Widerstände, Kondensatoren und Sicherungen auf der Welt, die Pusterla nicht im Sortiment führte. Und es gab keinen Hobbyelektroniker, dessen Puls nicht raste, wenn er das Geschäft in Zürich Aussersihl betrat. Denn darin fand sich alles – außer Platz für die Kundschaft. Dementsprechend standen sich die Männer vor der Kasse auf den Füßen herum wie eine Horde Kinder im Süßwarengeschäft. Und so war einem Hobbyelektroniker aus dem Aargau die Sicherung durchgebrannt, als Gerd Wonnemann aus Görlitz sich mit einer Fernsteuerung für sein Modellflugzeug in den Händen an ihm vorbeigedrängt hatte. Natürlich hätte dieser die Beleidigungen durch den enervierten Schweizer gelassen ignorieren oder in wunderbarem Sächsisch ironisch kommentieren können. Was er vielleicht getan hätte, wäre er Buchhalter oder Versicherungsjurist. Als Bauarbeiter allerdings hatte er seinen Stolz. Und eine eisenharte Faust, die dem Schweizer die Nase gebrochen hatte, worauf bei Pusterla Elektronik ein regelrechter Kulturkampf entbrannt war, zu dessen Schlichtung die Regionalwache Aussersihl drei Streifenwagen und eine Einsatzgruppe des Sonderkommissariats hatte aufbieten müssen.

Johanna hatte sich richtiggehend geschämt, als sie mit Köbi das Büro verlassen hatte, die Langstrasse hinauf zum Imbissstand gelaufen war und ihr plötzlich all die Schweizer Kreuze auf den Nummernschildern der Autos aufgefallen waren.

»Hier, ich habe was für dich.« Köbi öffnete den Reißverschluss seiner Lederjacke. Darunter trug er ein weißes Hemd. Wie immer waren die obersten drei Knöpfe geöffnet, sodass man das Kreuz sehen konnte, das an einer silbernen Kette über seiner Brust pendelte. »Du brauchst einen Rechtsverdreher, Jo.« Er zog den Blick aus seiner Brusttasche und breitete ihn sorgsam auf dem Stehtisch aus.

Johanna steckte sich den letzten Rest Wurst und Brot in den Mund, bevor sie die Kartonabfälle in einen Müllsack neben dem Eingang warf. Danach kehrte sie zu Köbi zurück.

Dieser deutete mit dem Zeigefinger auf ein Bild. Eine elegante Frau um die sechzig lächelte selbstbewusst in die Kamera. Offensichtlich war das Foto auf den Stufen des Bezirksgerichts aufgenommen worden, als die Frau gerade herauskam.

Margareta von Zürich bringt Staatsanwalt ins Schwitzen! lautete die Überschrift. Offenbar ging es um den Prozess gegen einen Sozialhilfeempfänger und Drogenhändler, dessen Kampfhunde seine Freundin getötet hatten.

Die Frau auf dem Foto war Anwältin und hieß Margareta Muheim. Sie war bekannt dafür, aussichtslose Fälle zu verteidigen. Außerdem war sie eine politische Figur und trat häufig in den Medien auf, wenn es in irgendeiner Weise um Grundrechte ging. In diesem Fall hatte sie zwar grundsätzlich auf schuldig plädiert, aber grobe Verfahrensfehler nachgewiesen. So wie es aussah, musste das Urteil deshalb ausgesetzt und das Verfahren durch die Staatsanwaltschaft neu aufgerollt werden. Selbst ein Freispruch schien im Bereich des Möglichen.

»Das ist deine Fürsprecherin, Jo. Die haut jeden raus!«

Johanna würgte ihr Essen herunter und spülte mit Cola nach. »Wie kommst du darauf, Köbi? Diese Frau kämpft gegen den Apparat. Ich aber BIN die Staatsgewalt. Für sie stehe ich auf der falschen Seite. Eher würde sie Hügli verteidigen und mich ordentlich in die Pfanne hauen. Wahrscheinlich würde sie mir ›Gestapo‹ auf die Stirn schreiben.«

Köbi schlug mit der flachen Hand auf die Zeitung. »Muss dir der alte Mann jetzt wirklich erklären, wie das ist mit dem Geschlecht, Mädchen?«

Die Colaflasche machte einen Sprung in Richtung Tischrand. Johanna fing sie auf und stellte sie zurück.

»Hügli würde sich nie von einer Anwältin verteidigen lassen. In seiner Welt warten Frauen auf allen vieren darauf, ordentlich rangenommen zu werden. Aber die hier ist eine Emanze.« Erneut klopfte er auf die Zeitung.

Johanna hielt Glas und Flasche fest. Rein prophylaktisch.

»Wie du. Weiß Gott, wieso ich mich überhaupt mit dir abgebe.« Kopfschüttelnd leerte er das Bierglas. »Verstehst du, was ich meine, Jo? Diese Tante hier und du – ihr gehört zum selben Rudel. Das wird sie riechen, sobald du ihre Kanzlei betrittst. Außerdem ist sie eine halbe Deutsche. Da kannst du zusätzlich punkten.« Er stellte das Glas ab. Auf einmal glänzten Köbis Augen noch wässriger als sonst. »Und dann werdet ihr dem Sauhund die Eier zerquetschen!« Er prostete ihr zu und bestellte ein neues Bier.

Johanna zündete sich eine Zigarette an und hielt ihrem Kollegen ebenfalls eine entgegen. Nachdenklich blickte sie auf die Zeitung auf dem Tisch. Schließlich nahm sie sie und faltete das Papier zusammen.

Köbi lächelte zufrieden. »Siehst du, Mädchen. Auch ein alter Schafseckel wie ich kann manchmal denken.«

Beim Zusammenfalten fiel Johanna eine Schlagzeile auf der ersten Seite auf. »Heiliger Bimbam!« Sie legte die Zeitung wieder auf den Tisch und schlug die zweite Seite auf.

»Schaust du neuerdings das Seite-3-Girl an?« Köbi stellte sich neben Johanna und blies ihr Rauch ins Gesicht. »Zeig mal her!«

Staatsbesuch aus Deutschland stand da. Gemeinsam überflogen sie den Text. Eine hochrangige Delegation des Deutschen Bundestages würde die Schweiz besuchen. Ein reiner Freundschaftsbesuch, wie es hieß. Wird das Einvernehmen aber standhalten?, schrieb die Journalistin. Angesichts der jüngsten Vorfälle werden die deutschen Politiker ganz schön sauer sein. Und weiter unten: Die Schweizer Behörden müssen sich unangenehme Fragen gefallen lassen, vor allem die Zürcher Stadtregierung. So kurz vor den Stadtratswahlen wird dies einigen Politikern den Schlaf rauben.

Mit dem Ellenbogen stieß Köbi Johanna in die Seite. »Die Chefin hat dich über den Tisch gezogen, Jo. Sie stellt dich in die Schusslinie. Wenn es dich trifft, fällst du um wie ein Kegel. Wenn alles gut läuft, wird sich kein Schwein bei dir bedanken. So läuft das.«

Johanna holte tief Luft. Dann winkte sie der Bedienung und bestellte einen Espresso Coretto Grappa.

5.

Zähneputzen auf dem Herrenklo! Eine typisch schweizerische Angewohnheit. Verstanden hatte er das erst, als er die Zahnarztrechnungen für seine Familie persönlich berappen musste. In Deutschland hatte dies die Krankenversicherung für ihn erledigt. Darum hatte er vor seiner Ausreise in die Schweiz keine Vorstellung von der finanziellen Dimension des menschlichen Kauapparates gehabt.

Thorsten Kühne öffnete die WC-Tür und ging zum Waschbecken. Dort musste er sich zwischen die Studenten drängeln, die sich mit Akribie der Dentalpflege widmeten. Er hatte keine Ahnung, wer von ihnen seine Vorlesungen besuchte. Früher hatte er sich väterlich um seine Schüler gekümmert. Heute waren sie ihm gleichgültig. Wie so vieles andere auch.

Er kehrte in sein Büro zurück. Die Sekretärin hatte Mittagspause. Üblicherweise verbrachte sie diese irgendwo auf dem Campus, die Essensreste vom Vorabend aus einem Plastiktopf kratzend. Damit nichts davon in ihrem Gebiss hängen blieb, lagerte auch sie Zahnbürste, Dentalseide und Zahncreme in ihrer Schreibtischschublade.

Angeekelt von diesem Gedanken eilte er durch das Vorzimmer zu seinem Arbeitsraum. Noch auf der Türschwelle gefror ihm das Herz.

Im Besucherstuhl räkelte sich eine Dame, bei deren Anblick Männer im Allgemeinen in Wallungen gerieten. Solange man sie nicht wirklich kannte. Und schon gar nicht, wenn sie einen erpresste.

»Thorsten, endlich!«

Kühne konnte sich nicht erinnern, wann sie begonnen hatte, ihn beim Vornamen zu nennen. Offensichtlich konnte man sich intimere Umgangsformen erlauben, wenn man einen Menschen lange genug manipuliert, erniedrigt und missbraucht hatte. Hastig schloss er die Tür hinter sich. Einen Moment stand er verloren da. Danach setzte er sich ans Pult.

»Sie wollten sich doch nicht mit mir blicken lassen! Es ist durchaus möglich, dass mich die Russen überwachen. Das wissen Sie genau.« Aus irgendeinem Grund begann er, seine Brille zu putzen, ärgerte sich jedoch sogleich über diese Verlegenheitsgeste.

»Natürlich werden Sie beschattet. Alexej Komarow hält seine Untertanen an der kurzen Leine. Zweifellos kennen Sie das Foto, das ihn zeigt, wie er im Park seiner Villa einen angeketteten Tiger umkreist. Die Kette ist sein Leitmotiv.«

Sie wischte ein Stäubchen von ihrem Rock. Dieser war recht kurz. Ob sich dies für eine Mitarbeiterin des Bundesnachrichtendienstes BND geziemte, wusste er nicht. Von der für eine Geheimagentin passenden Rocklänge hatte Kühne absolut keine Vorstellung. Spionagegeschichten hatten ihn noch nie interessiert. Nicht bevor er sich selbst in eine verheddert hatte.

»Ich kann unbemerkt erscheinen und wieder verschwinden, Thorsten.« Sie lächelte wie eine Studentin, die ihre im Internet zusammengeschnipselte Diplomarbeit gerade summa cum laude bestanden hatte.

»Meine Sekretärin wird nächstens aus der Mittagspause zurückkehren.« Thorsten Kühne setzte seine Brille wieder auf. »Sie ist nicht blind.«

»Aber auch nicht die Hellste.« Die Frau öffnete ihre Handtasche und nahm einen Umschlag heraus. »Zuallererst möchte ich Ihnen für Ihre jüngsten Informationen danken. Wir wissen jetzt, woran Komarow arbeitet. Ein Projekt im Nahen Osten.« Die Frau stand auf und legte den Brief vor Kühne auf den Tisch. »Das wollen Sie zweifellos nicht so genau wissen.« Sie setzte sich wieder und schlug die Beine übereinander.

Zu Beginn hatte er sich geweigert, Umschläge entgegenzunehmen, später seine Gewissensbisse weggetrunken. Mittlerweile nahm Thorsten Kühne einfach das Geld heraus und warf das Kuvert weg. Freilich erst, wenn er allein war.

»Eine Bitte habe ich noch, Thorsten.« Sie lächelte wieder, diesmal wie die Unschuld vom Lande. »Eine Delegation der deutschen Bundesregierung besucht in den nächsten Tagen die Schweiz. Wir wissen, dass sich unter den Herrschaften Komarows Kontaktmann befindet.« Einen Augenblick lang kontrollierte sie ihre manikürten Finger. Sie waren tadellos in dunklem Rot lackiert. »Leider sind wir uns nicht ganz sicher, wer es ist. Darum möchten wir, dass Sie uns den Mann bezeichnen, Thorsten.«

Kühne stöhnte und legte den Kopf in seine beiden Hände. Er hätte es wissen müssen. Jeder Schritt führte näher an den Abgrund.

»Sie meinen, ich soll vor laufender Kamera sagen, welcher deutsche Spitzenpolitiker der russischen Mafia Baupläne für eine Atombombe liefert?«

Die Frau stand auf. »Ich meine, dass Sie den Mann treffen sollen. Als designierter Leiter des neuen schweizerisch-deutschen Nuklearforschungsinstituts sind Sie an vorderster Front mit dabei, wie ich erfahren habe.«

Natürlich. Wie hätte er auch annehmen können, dass sie über seinen geplanten Auftritt beim Staatsbesuch nicht informiert wäre!

»Es ist eine simple Sache. Während des Empfangs gibt es eine Besichtigung Ihres Instituts. Als Gastgeber führen Sie den Mann herum. Dabei gehen Sie mit ihm auf den Balkon vor Ihrem Büro und zeigen ihm die atemberaubende Aussicht. Das ist alles, was Sie tun müssen.«

Kühne wurde schwindlig. »Das ist doch lächerlich!« Er hob seinen Kopf und richtete sich wieder auf, fühlte sich aber trotzdem klein und schwach. »Warum zeigen Sie mir nicht die Liste der deutschen Delegation? Oder Fotos der Delegationsmitglieder? Oder ich nenne Ihnen einfach den Namen des Mannes.« Seine Stimme klang, als flehe er aus einem tiefen Verlies seine in der Sonne stehende Peinigerin an. »Was Sie hier inszenieren wollen, klingt wie ein drittklassiges Drehbuch!«

Mit einer energischen Handbewegung brachte ihn die Frau zum Schweigen. »Wir drehen tatsächlich einen Film. Dazu werden wir Ihren Balkon in geeigneter Weise in Szene setzen. Denn wir wollen eine Aufnahme haben, auf welcher Sie alleine mit dem Politiker zu sehen und zu hören sind. Das wird unsere Verhandlungsposition ihm gegenüber massiv verbessern. Sie allerdings befinden sich in einer zum Feilschen nicht besonders geeigneten Lage, Herr Kühne.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr. »Ihre Sekretärin wird gleich kommen. Ich möchte Sie nicht mit Damenbesuch in Verlegenheit bringen.« Sie ging zur Tür. »Wie sagen die Amerikaner, Thorsten? Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an!« Hauchte es und rauschte ab.

Thorsten Kühne blieb einen Moment reglos sitzen. Alsdann stieß er einen tiefen Seufzer aus. Danach öffnete er den Briefumschlag.

6.

Nach seiner Ankunft in Berlin ließ er sich von einem Taxi durch die Stadt chauffieren. Zuerst zu den Orten seiner Jugend. Vom Bahnhof Zoo aus die Kantstraße entlang an der Paris Bar vorbei. 1951 von einem ehemaligen französischen Besatzungssoldaten gegründet und in den späten Sechzigerjahren die Stammkneipe seines Onkels, der ein veritabler Bohemien gewesen war. Und der einzige Mensch auf der Welt, dem er sich jemals anvertraut hatte.

Von der Kantstraße aus ging es kreuz und quer durch Charlottenburg, danach durch Wilmersdorf, Schöneberg, Kreuzberg. Und schließlich durch den ehemaligen Osten, wohin er zum ersten Mal in seinem Leben einen Fuß setzte.

Irgendwo inmitten des Glas-Stahl-Beton-Dschungels ließ er den Fahrer anhalten. Dieser parkte vor einem Glaspalast, an dem alles schief war. Die Fenster, die Treppen, die Eingänge. Staunend blickte er durch das Autofenster an dem Kasten hoch, bis er den Kopf nicht mehr weiter in den Nacken legen konnte. In der funkelnden Fassade spiegelte sich das Nachbargebäude.

»Holländische Architektur«, meinte der Taxifahrer lakonisch. Französischer Akzent, um die fünfzig, Glatze und verwaschene Jeansjacke. Am Rückspiegel baumelte ein Foto in einem herzförmigen Rahmen. Zwei kleine blonde Mädchen.

Er blickte den Mann an, während er sich mit der Linken den Nacken massierte. »Franzose?«

Traurig schüttelte der andere den Kopf. »Belgier.« Als ob es dazu nichts mehr zu sagen gäbe, stellte er den Motor ab.

Sein Fahrgast nickte, hieß den Fahrer warten und stieg aus. Es war kalt und nieselte. Er schlug den Mantelkragen hoch. An einer Würstchenbude holte er sich eine Currywurst. Nur um sich zu vergewissern, dass dies wirklich die Stadt seiner Jugend war. Der Stand gehörte zu einer Kette. Wie überhaupt hier alles Teil eines größeren Ganzen zu sein schien, das die Menschen mit den notwendigen Dingen des täglichen Lebens versorgte. Bäckereien, Fleischereien, Wäschereien. Für alles gab es eine Ladenkette. Er spazierte zurück zu seinem Taxi. Die Leute um ihn herum eilten geschäftig unbekannten Zielen entgegen. Wozu man offensichtlich Turnschuhe tragen musste. Er schaute sich um. Frauen, Kinder, Anzugträger. Sogar seine Altersklasse trug die farbigen Dinger an den Füßen. Kopfschüttelnd stieg er in den Wagen.

Der Fahrer drehte die Musik leiser und starrte missmutig auf die übervolle Pappschale mit Wurst und Ketchup. Grummelte irgendetwas Unverständliches und startete den Motor. Sorgfältig reihte er das Taxi hinter einem orange-weiß-gestreiften Müllwagen in den Verkehr ein.