Umschlag

Reinhard Junge

Achsenbruch

Kriminalroman

Der Autor

Reinhard Junge wurde 1946 in Dortmund geboren, Studium und diverse Wohnungen in Bochum, trotz anfänglichen Berufsverbots Lehrer in Wattenscheid, wo er jetzt auch als Rentner wohnt.

Kein Haus, kein Benz, kein Hund, aber drei wunderbare Kinder und jetzt elf Kriminalromane, davon sechs zusammen mit Leo P. Ard.

Außerdem Fan aller Fußballteams, die den FC Bayern schlagen – es sei denn, diese müssten gegen die Bewachermannschaft von Guantanamo antreten.

www.reinhard-junge.de

Statt eines Vorworts

Namen und Handlungen sind wie immer frei erfunden und an den angegebenen Orten ist das, was ich erzähle, nie passiert. Wer etwas anderes glaubt, hat entweder nicht genau genug gelesen – oder eine ebenso schmutzige Phantasie wie der Autor.

Dank an

Rutger Booß, Ulrike Rodi und viele PEGASUS-Fans für ihre Geduld, das Rentenrecht für die Zeit zum Schreiben, Ulrich J. und Klaus H. für die guten Experten-Tipps.

Besonders lieben Dank an

Chrissie – für alles!

Die Hauptpersonen

Lukas Beißner, 57, Notarverpasst seinen Zahnarzttermin
Irmhild Sonnenschein, 54, Oberbürgermeisterinsteht plötzlich im Schatten
Lina Tenberge, 38, Bürgermeisterinwittert ihre Chance
Dieter Flessek, 55, Fraktionschefjagt Pöstchen und Frauen
Hartmut Potthoff, 61, Bauratleitet das Bauamt wie geschmiert
Knut Bleifinger, 45, Unternehmerweiß, was Amtsleiter lieben
Carlo Uebermuth, 60, Graue Eminenzdreht den Geldhahn auf und zu
Erich Angel, 52, Mitglied im Stadtratkennt alle und weiß nichts
Elmar Flenner, 56, Polizeipräsidentmuss dringend zur Beichte
Anna-Lena Dorn, 34, Bundesanwältin arbeitet nicht fürs Sozialamt
Jürgen Lurich, 54, Abbruchspezialistsprengt die halbe DDR
sowie die Kriminalpolizisten:
Horst Lohkamp, 61will noch seinen letzten Fall
Kathrin Klemm, 34ermittelt auch in der Freizeit
Ewald Hardenberg, 35schrottet einen Dienstwagen
und das Fernsehteam PEGASUS:
Klaus-Ulrich Mager, 54hadert mit seinem Sohn
Susanne Ledig, 50hat Mager voll im Griff
Karin Jacobmayer, 40will einen anderen Job
Kalle Mager, 30macht sich dienstlich nackt
Simone Olsok, 30zu jedem Abenteuer bereit

Montag

1

Wie der Wagen dorthin gekommen war, wusste im Nachhinein niemand. Aber als der Morgen dämmerte, stand er plötzlich im Wendehammer am Ende des Charlottenwegs. Keine zwei Meter von der Garageneinfahrt entfernt geparkt, verdeckte er für Besucher die Sicht auf den gepflasterten Weg zur Haustür – und für die Bewohner verschandelte er den Ausblick auf die idyllischen Pferdekoppeln, die von dichten Baumreihen begrenzt wurden. Auf dem kleinen Hügel rechts erhob sich hinter den Pappeln ein klotziges Mietshaus, das schon zur Nachbarstraße gehörte, und links dämmte der Grünstreifen den Lärm der nahen Königsallee, auf der schon der Berufsverkehr eingesetzt hatte.

»Was ist das für eine Kiste?«, fragte Irmhild Sonnenschein mit einem Nicken in Richtung Fenster, als sie in die Küche trat.

Ihr Lebensgefährte, der gerade den Kaffee eingoss, zog die Schultern hoch. »Stand schon da, als ich die Rollläden hochgezogen habe.«

Während die kleine Frau im Stehen ein wenig von der heißen Brühe abtrank, schielte sie über den Rand der Tasse zu dem blauen Kleinlaster hinaus. Auf der verschrammten Seitenwand stand die verblasste Reklameschrift eines Malerbetriebs, dessen Namen sie noch nie gehört hatte. Führerhaus und Ladefläche waren leer.

»Hast du Anstreicher bestellt?«, wollte sie wissen.

Der Mann schüttelte den Kopf: »Wir haben uns ja noch nicht mal auf eine Farbe geeinigt …«

Sie stellte die Tasse ab, küsste ihren Gatten kurz auf den Mund und trat in den Korridor, um eine ihrer gediegenen Kostümjacken überzustreifen und sich den Aktenkoffer zu greifen.

Dann steckte sie noch einmal ihre leicht ergrauten Locken durch die Tür: »Sorgst du dafür, dass dieses Monster verschwindet? Da ist nicht mal ein Nummernschild dran.«

Kennzeichen heißt das, dachte er.

»Vielleicht kannst du den Abschleppdienst noch anrufen, bevor du zum Zahnarzt fährst. Ich muss jetzt leider los. Aber mach dir keinen Stress. Reicht ja schon, dass du gleich eine Sitzung beim Doc hast, du Armer.«

Seine Wurzelbehandlung – unangenehme Sache, an die er nur ungern erinnert wurde. Er blickte auf die große Bahnhofsuhr an der Küchenwand und nickte. Ihm blieb noch genug Zeit bis zu seinem Termin. »Ich kümmere mich darum.«

Eine Minute später erschien Irmhild Sonnenscheins Dienstwagen im Wendehammer. Sie winkte noch einmal, setzte sich nach vorne zum Fahrer in den Benz und entschwand seinen Blicken.

Beißner aß in aller Ruhe seine Käseschnitte auf, putzte die gleichmäßigen Reihen seiner Zähne und zog sich das Telefon heran. Ein Blick durchs Fenster, dann wählte er die Telefonnummer, die auf der Seitenwand des Pritschenwagens stand.

Nach sieben oder acht Klingelzeichen hob jemand ab: »Hallo?«

Der Stimme nach musste die Frau am anderen Ende schon über siebzig sein. Beißner schluckte seinen Ärger herunter und erklärte freundlich, um was es ging.

»Tut mir leid«, sagte die Frau. »Vor zehn Jahren ist mein Mann gestorben und da habe ich die Firma aufgelöst und den Wagen verkauft.«

»Wissen Sie noch, an wen?«

»Das waren zwei junge Männer aus Litauen oder Lettland. Aber wie sie hießen? Vergessen. Und die Unterlagen habe ich mittlerweile alle entsorgt.«

»Trotzdem Dank für die Auskunft. Und entschuldigen Sie die Störung.« Er legte auf und holte das gelbe Branchenbuch aus dem Flur. Staunte darüber, wie viele Abschleppunternehmen es in Bochum gab. Er wählte jenes, das für die Stadtverwaltung die Falschparker aus der Innenstadt entfernte.

»Beißner. Irgendjemand hat ein Schrottauto vor dem Haus der Oberbürgermeisterin geparkt. Charlottenweg 37. Ich möchte, dass Sie das Teil so schnell wie möglich entfernen.«

»Moment: Steht der Wagen auf einer öffentlichen …«

»Das ist hier eine Anliegerstraße. Die einzigen Anlieger auf dreihundert Meter Entfernung sind wir. Das Auto steht zum Teil auf unserem Boden, hat kein Kennzeichen und ein Fahrer ist nicht zu sehen. Es muss weg.«

»Aber …«

»Wollen Sie der Oberbürgermeisterin etwa diese Bitte abschlagen?«

»Schon gut. Wir kommen und sehen, was sich machen lässt.«

Beißner lächelte, als er den Hörer weglegte. Kaum eine Kommune im Umkreis ließ so rigide abschleppen wie Bochum. Wenn die Stadt dem Unternehmen ihre Gunst entzog, konnte die Firmenleitung das Handtuch werfen.

Beißner räumte das Geschirr in die Spülmaschine und beseitigte alle weiteren Spuren des Frühstücks. Dann rief er in seiner Kanzlei in Hattingen an: »Anke, wann habe ich heute den ersten Termin?«

»Um drei.«

»Das Haus in der Königsteiner Straße?«

»Genau.«

»Der Vertrag ist fertig?«

»Chef!«

»Schon gut. Sie sind …«

»Eine Perle, ich weiß.«

Zufrieden drückte Beißner die Verbindung weg. Er mochte seine schlagfertige Sekretärin. Sie hielt ihm alle nervigen Arbeiten vom Hals.

Nach einem Blick auf seinen Junkers-Chronografen stellte er fest, dass er sich sputen musste.

Vor dem Spiegel korrigierte er noch schnell den Sitz seiner Krawatte, zog das Jackett an und legte den leichten Mantel über den Arm. Dann schaltete er die Alarmanlage scharf und trat vor die Haustür. Gönnte dem Schrotthaufen, wie Irmhild ihn genannt hatte, noch einen Blick: Na, so alt war die Kiste doch noch nicht.

Dann ließ er das Garagentor hochfahren. Seinen Mantel warf er auf den Beifahrersitz seines roten Mercedes Cabrio, ließ die 245 Pferde kurz aufheulen und den Wagen rückwärts aus der Garage gleiten. Sobald er das Tor passiert hatte, fuhr er die Außenspiegel aus und schnallte sich ordnungsgemäß an.

Zeitgleich kurvte ein gelber Abschleppwagen quietschend auf den Wendehammer. Der Fahrer, ein untersetzter Mittdreißiger, sah zunächst den unrechtmäßig parkenden Kleinlaster und beobachtete dann das glänzende Cabrio, das sacht aus der Garage rollte. Angeberschlitten, dachte er. Brauchen diese alten Säcke doch nur als Dosenöffner.

Keiner der beiden Männer bemerkte das schwarze Kabel. Es führte von dem abgestellten Lieferwagen durch die Gosse an der Garageneinfahrt vorbei und verschwand in dem Buschwerk, das den Wendehammer begrenzte.

Langsam näherten sich die Hinterräder des Cabrios dem Kabel und glitten fast zärtlich darüber. In derselben Sekunde explodierte die glatte Front des Magirus-Deutz. Der Luftdruck war so stark, dass er den Sportwagen aus dem Weg fegte und noch im Nussbaumweg etliche Fensterscheiben zerfetzte. Der folgende Splitterregen aus geschrotetem Metall verwandelte die rechte Seite des Benz in ein Sieb. Beißners Zahnarzt würde heute vergeblich auf diesen Patienten warten.

2

»Theo, mach endlich!«

»Gleich, Papa, ich muss nur noch …«

Mager seufzte und bemühte sich, sein jüngstes Kind nicht anzuschreien: »Hör mal, dein Raumschiff kannst du heute Nachmittag noch fertig bauen. Aber Mama und ich müssen arbeiten. Und du musst in die Kita! Und vorher gibt es Frühstück. Mit leerem Magen …«

»Aber ich hab keinen Hunger. Und ihr frühstückt doch lieber im Büro, weil Kalle immer Brötchen mitbringt. Die sind nämlich viel leckerer als Mamas Biobrot. Ich will auch mit euch Brötchen …«

»Das geht nicht, weil wir beim Frühstück schon über die Arbeit reden. Und weil in der Kita um neun Uhr die Tür abgeschlossen wird und Mama erst drei Vaterunser beten muss, bis man euch doch noch reinlässt.«

»Wer ist dieser Vater Unsel?«

»Vaterunser heißt das. Das ist der Anfang eines Zauberspruchs, den die Christen gerne aufsagen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Also, lass jetzt die Legosteine liegen!«

»Aber …«

Mein Gott, dachte der bärtige Atheist unwillkürlich, wer hat dem Kind bloß dieses Wort beigebracht?

»Wo bleibt ihr denn?«, rief Karin Jacobmayer aus der Küche. »Theo, deine Milch wird kalt! Und Klaus muss noch …«

Kurz entschlossen packte Mager seinen Sprössling unter den Armen und hob ihn hoch. Theo reagierte mit lautem Geschrei und heftigem Strampeln und versuchte, sich am Türpfosten festzuhalten. Mühsam zog Mager ihn weiter und stolperte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Konnte das Blag nicht ein einziges Mal gehorchen?

Als er mit seiner Last unten ankam, war er schweißgebadet. Nur noch drei Schritte bis zur Küche, doch an der Garderobe passierte es. Theo erwischte Magers Lederjacke und testete ihre Qualitäten als Notbremse. Schon stimmte er ein lautes Freudengeheul an, als man durch das Gebrüll hindurch ein heftiges Ratschen hörte.

Mager ließ das Kind los und blickte entsetzt auf das nagelneue Kleidungsstück. Vom Kragen bis zum Saum klaffte in dem sonnengelben Futter ein Riss.

»Mensch, Kalle, du Knallkopf!«

»Ich bin nicht Kalle, ich bin Theo!«

»Daran musst du dich gewöhnen«, meldete sich die Kindsmutter aus der Küche. »Dein Vater ist jetzt in einem Alter …«

Mager schubste Theo beiseite, packte die ruinierte Jacke und stürmte los, um sie Karin unter die Nase zu halten: »Ich bin vor allem in einem Alter, in dem ich mal ordentliche Klamotten tragen sollte!«

»Finde ich auch«, meinte Karin und ließ ihre rote Mähne auf und ab wippen. Demonstrativ musterte sie das T-Shirt und die ausgefransten Jeans ihres Mannes. Beide waren einmal tiefschwarz gewesen, hatten sich aber inzwischen den grauen Strähnen in Magers Bart und Haupthaar angepasst.

»Lenk nicht ab! Das Teil war nagelneu. Bis vor einer halben Minute, als dein Sohn …«

»… unser Sohn …«

»… dieses Blag da die Jacke von der Garderobe gerissen hat!«

Karin zog die Schultern hoch: »Wer kauft auch schon eine Lederjacke, wenn der Aufhänger am Futter befestigt ist statt am Kragen!«

»Ja, klar, ich bin wieder schuld. Und warum kommst du nicht wie jede gute Hausfrau mit, wenn ihr Mann neue Klamotten braucht? Und was ist mit dem Theater, das Theo immer …«

»Wie hast du mich genannt? Hausfrau? Bei dir piept es wohl!« Karin warf das Messer auf den Tisch, mit dem sie gerade fettarmen Quark auf Theos Dinkelbrot strich: »Hier, mach du deinem Sohn das Frühstück! Hättest die Jacke eben vernünftig auf einen Bügel hängen sollen.«

»Verstehst du nicht? Die ist im …«

Mager fing einen warnenden Blick seiner zweiten Ehefrau auf und ließ seinen Satz anders enden. »Die ist hinüber! Zweihundertfünfzig Euronen sind futsch.«

»Unsinn. Die kannst du umtauschen.«

»Bestimmt nicht«, jammerte Mager. »Diese Sondergrößen sind immer zuerst weg.«

»Sondergrößen?«, fragte Karin erstaunt. »Ach ja, die Ärmel. Von Größe kann man dabei aber nicht reden. Auch nicht von Länge. Eher von extra kurz. Damit du nicht darin ertrinkst. Und dafür hast du fünfhundert Mark …«

Mager gab es auf und goss sich, noch immer stehend, eine Tasse Kaffee ein. Dabei fiel ihm auf, dass der Sohn sich verdünnisiert hatte.

Eilig stellte er den Becher ab und walzte los. Schon halb auf der Treppe, fiel ihm auf, dass die Toilettentür weit offen stand. Ihr Sohn saß mit heruntergelassenen Hosen auf dem Thron und versuchte, aus einem Stück Toilettenpapier eine flugfähige Schwalbe zu basteln.

»Wieso sitzt du hier herum?«

»Papa«, sagte Theo tadelnd. »Wenn ihr euch schon am frühen Morgen streitet, bekomme ich Durchfall.«

Einen Augenblick schwankte der Erzeuger zwischen Lachanfall und Kindsmord. Kurz bevor die zweite Reaktion siegen konnte, klingelte das Telefon. Immer noch kochend drückte Mager die grüne Taste: »Ja?«

»Guten Morgen, Väterchen!«, meldete sich Kalle. »Was ist? Wir warten!«

»Dein Bruder hat gerade …«

»Uninteressant«, unterbrach ihn sein Erstgeborener. »In Bochum ist gerade eine Bombe explodiert. Vor dem Haus der Oberbürgermeisterin!«

»Woher weißt du das schon wieder?«

»Woher wohl? Atze!«

Atze war ein Freak, der von morgens bis nachts den Äther über dem Ruhrgebiet abhörte und Wichtiges gegen Geld weitergab. Wenn die Polizei ihre Nachrichtenwege wie geplant digitalisierte und verschlüsselte, musste er sich einen anderen Zusatzverdienst zu Hartz IV suchen.

»Ich bin schon unterwegs!«, versicherte Mager und atmete erleichtert auf: Jetzt musste sich Karin darum kümmern, den widerspenstigen Sohn pünktlich in die Tagesstätte zu bringen.

Eilig räumte der Bärtige seine ruinierte Lederjacke aus und stopfte alles, was er fand, in die Taschen ihrer Vorgängerin. Hätte er auf seine Ehefrau gehört, wäre das abgeschabte Stück schon vor Monaten in der Kleiderkammer der Obdachlosenhilfe gelandet. Aber jetzt zeigte sich, dass sich Sturheit auch mal auszahlte.

»Gesegnete Mahlzeit«, knurrte er, trank noch einen Schluck Kaffee und warf einen wütenden Blick auf den Sohn, der jetzt brav am Tisch saß und sein Biobrot mampfte. Verräter, dachte er und verschwand im Treppenhaus.

3

»Morgen, Hiltrud. Was liegt an?«

»Wird voll heute, Frau Sonnenschein.«

Die Oberbürgermeisterin beugte sich über den Terminkalender, den die Sekretärin ihr auf den Schreibtisch gelegt hatte: Zuerst war die Steuergruppe angesagt, dann gab es bis mittags Einzelgespräche im Fünfzehn-Minuten-Takt, anschließend hatte sie einen Kindergarten und eine eiserne Hochzeit zu besuchen, bevor sie sich zur Montagsrunde mit dem Personalrat traf.

Die Sekretärin wartete geduldig ab und musterte – zum wievielten Mal eigentlich – die gestochen scharfen Reptilienfotos, die gerahmt an der Wand hinter dem Schreibtisch hingen. Am besten gefiel ihr das mittlere Bild, ein Chamäleon. Ob die Sonnenschein sich manchmal wünschte, sie wäre Fotografin geworden?

»In Ordnung, Hiltrud. Haben Sie noch mal den Catering-Service kontaktiert? Ich möchte sicher sein …«

»Alles erledigt. Die Leute kommen um Punkt achtzehn Uhr zu Ihnen ins Haus.«

»Und die Putzkolonne ist bis dahin fertig?«

»Selbstverständlich.«

»Okay. Ich möchte, dass unsere jüdischen Gäste bestens bewirtet werden. Zur Steuergruppe: Haben die Herren noch Themenwünsche angemeldet?«

»Bis jetzt nicht.«

»Gut.«

»Nur …«

»Ja?«

Hiltrud Ehlers deutete auf einen dünnen roten Schnellhefter, der unter der Postmappe lag: »Sie wollten doch diese Bauamtssache zur Sprache bringen!«

Ja, Potthoff, dieser Idiot, dachte die Oberbürgermeisterin. Wurde Zeit, Klartext zu reden. Aber ausgerechnet heute?

»Das passt zeitlich nicht mehr. Das machen wir nächste Woche in aller Ruhe.«

Die Sekretärin nickte und ließ ihre Chefin allein in deren Büro. Sonnenschein setzte sich und öffnete die Mappe mit den Unterlagen für die Runde mit den Wahlbeamten und Amtsleitern. Eigentlich war diese Truppe ihr Generalstab, ohne den nichts lief – aber der neumodische Begriff Steuergruppe hörte sich gleich viel demokratischer an.

Die Telefonanlage blinkte auf und die OB drückte die Sprechtaste: »Ja?«

»Frau Sonnenschein, die Vorsitzende des Personalrats. Es sei dringend.«

Sonnenschein blickte auf die Uhr. Wenn Otters mit dem Hinweis ›dringend‹ kam, gab es Probleme. Und die Frau war zäh.

»Fünf Minuten. Mehr kann ich ihr jetzt nicht geben.«

Eine Frau Mitte vierzig kam herein, bunte Bluse, Jeans, Ledersandalen, ein wenig abgehetzt. Als Hausmeisterin eines Gymnasiums hatte sie längst alle falsche Ehrfurcht vor echten oder eingebildeten Autoritäten verloren. Dementsprechend forsch trat sie auf.

»Morgen, Frau Otters. Wo brennt’s?«

»Morgen!« Die Personalratsfrau legte als Antwort ein paar Blatt Papier auf den Tisch, eng beschrieben, mit dem Kopiervermerk der Stadt versehen. »Die Personalabteilung will jetzt doch die letzten Reinigungsdienste privatisieren. Hier das neueste Rechenmodell.«

Sonnenschein nahm die Blätter, überflog sie, prüfte das Datum, hob fragend beide Augenbrauen. »Wie sind Sie denn daran gekommen?«

»Dienstgeheimnis«, erwiderte Otters und lächelte. »Aber Fakt ist: Die Sache ist echt. Und Sie haben dem Personalrat versprochen, diese Pläne zu stoppen!«

Die OB nickte zustimmend. Solange die Bezirksregierung der Stadt keine neue Einsparung befahl, wollten Rat und Verwaltung auf weitere Privatisierungen verzichten.

»Ich weiß gar nicht, warum Herr Vandrey schon wieder rechnet«, überlegte Sonnenschein laut.

»Kann ich Ihnen sagen«, kam es prompt zurück. »Eine der vier großen Reinigungsfirmen gehört seinem Schwager, eine zweite seiner Cousine. Muss ich noch mehr erläutern?«

Verdammter Filz. Unausrottbar. Und in einer Großstadt wie Bochum konnte sie nicht alles selbst kontrollieren. »Verstehe. Ich gehe der Sache nach. Und solange Arnsberg uns nicht dazu zwingt …«

»Danke.«

Die Tür hatte sich noch nicht hinter der Personalratsvorsitzenden geschlossen, da vertiefte sich die OB wieder in die Akten und nahm sich das Rechtsgutachten zum Anschluss der Stadtautobahn an die A 40 vor. Das Projekt war älter als die Hälfte der Bochumer Bürger, aber ein einziger findiger Rechtsanwalt hatte jeden Fehler der Verwaltung gnadenlos ausgenutzt und den Verkehrsplanern immer wieder in die Suppe gespuckt. Als sie noch nicht OB war, hatte ihr der Typ in gewissem Sinne sogar imponiert – aber inzwischen zeugten endlose Staus am Ende des Donezk-Rings davon, dass man das Teil fertig bauen musste. Leider saßen im Planungsamt noch dieselben Vierer-Juristen wie damals.

 

Zehn Minuten später hatten sich die Dezernenten und Amtschefs – allesamt Männer – sowie Sonnenscheins Stellvertreterin versammelt. Lina Tenberge war mit achtunddreißig die jüngste der drei Bürgermeisterinnen. Kühl und entschlossen, aber nicht ohne Reize. Mit ihrem faltenlosen Antlitz und der makellosen Figur wäre sie all den jungen Hühnern, die sich um den Titel Germany’s Next Topmodel bewarben, eine heiße Konkurrentin gewesen und zog nicht nur im Rathaus so manch neidischen oder sehnsüchtigen Blick auf sich.

Tenberge gehörte zu den drei Frauen, die der OB zur Seite stehen sollten, und war die einzige aus derselben Partei wie die First Lady. Nach alter Bochumer Sitte wurde nämlich auch die schwarze Opposition stets mit einem Bürgermeisteramt bedacht, und seit die Bunten als Koalitionspartner gebraucht wurden, bekamen auch sie einen dieser Posten.

Dieses ›Bochumer Modell‹ hatte sich über Jahrzehnte bewährt. Die Auserwählten fühlten sich gebauchpinselt, weil sie ein hohes Amt erhalten hatten, und ihre Fraktionen waren damit im Streitfall bereits halb entwaffnet: Weil sie ja offiziell zur Stadtspitze gehörten, verbot sich jedes ernsthafte Aufbegehren von selbst. Auch die diversen Oberbürgermeister profitierten von diesem Verfahren, denn sie konnten Repräsentationspflichten zweiter und dritter Güte an ihre dankbaren Hilfskeulen weiterreichen. Zu sagen hatten diese Möchtegern-Stellvertreterinnen im Grunde genommen aber nichts.

»Alle da?«

Sonnenschein sah in die Runde. Wer noch fehlte, war wie immer Hartmut Potthoff, der schwergewichtige Boss des Bauamtes. Anfangs hatte der Mann stets seine Verspätungen damit entschuldigt, der altersschwache Paternoster würde wegen seines Gewichts nur zentimeterweise vorankommen – aber dieser altertümliche Endlosaufzug war schon seit Jahren außer Betrieb. Wurde wirklich höchste Zeit, diesem selbstherrlichen Fettkloß einen Denkzettel zu verpassen, dachte die OB.

Sie räusperte sich: »Also gut. Frau Bürgermeisterin, meine Herren!«

Es klopfte kurz an der Tür und ohne eine Antwort abzuwarten, steckte Sonnenscheins Sekretärin ihren Kopf durch den Türspalt.

»Bitte entschuldigen Sie die Störung. Aber da ist ein äußerst wichtiger Anruf für Sie, Frau Sonnenschein.«

Die OB atmete übertrieben seufzend aus. »Kann das nicht warten? Wer ist es denn?«

»Die Polizei. Man wollte mir nicht sagen, worum es geht. Aber es sei sehr dringend.«

Die kleine Frau mit dem hohen Amt erhob sich mit einer Geste der Entschuldigung und ging direkt an den Apparat im Vorzimmer, um das Gespräch entgegenzunehmen.

In diesem Moment traf Potthoff ein. Er atmete schwer, weil er offensichtlich die Treppe genommen hatte, und auf seiner Glatze glänzte ein leichter Schweißfilm.

Als er Sonnenschein noch im Vorzimmer sah, stutzte er. Und gemeinsam mit der Sekretärin wurde er Zeuge, wie die Augen der Oberbürgermeisterin sich plötzlich weiteten. Ihr Gesicht entfärbte sich und sie stammelte: »Wie bitte? Lukas? Tot?«

Dann sank sie, die rechte Hand vor den Mund gepresst, auf einen Stuhl und schluchzte los.

4

Auf dem Hof galt Magers erster Blick dem Zustand seines Dienstwagens, der hinter dem Nachbarhaus stand. Auf den Scheiben des silbergrauen Skodas perlte der Tau des Sommermorgens und die Hecktür war noch geschlossen – Kalle hatte noch nicht einmal begonnen, die Ausrüstung zu verladen. Offenbar hatte der Bursche inzwischen völlig vergessen, was mit dem Begriff ›Tempo‹ gemeint war.

Der Bärtige eilte an der Durchfahrt zur Straße vorbei und enterte die kleine Treppe, die zum zweiten der beiden Vorderhäuser führte. Als er die Tür aufstieß, prallte er mit seinem Erstgeborenen zusammen, der mit Kamera und Gerätekoffer beladen war.

»Wo bleibst du denn?«, fuhr ihn der Sohn an. »Wir müssen als Erste in Bochum sein.«

»Und warum ist der Wagen noch nicht startklar?«

»Soll ich alles …«

»Sollst du, Kalle. Genau das ist dein Job. Du bist hier nur Assistent! Und wenn hier einer herummeckern darf, dann bin ich das. Verstanden? Ist wenigstens mein Kaffee fertig?«

Kalle fehlten die Worte. Was war bloß los mit dem Alten? War in letzter Zeit nur noch auf Konfrontationskurs.

»Und was ist mit Susanne?«

»Die telefoniert gerade mit dem WDR.«

»Wunderbar. Dann ist ja doch noch Zeit für einen Kaffee. Sieh zu, dass du inzwischen den Wagen fit bekommst.«

Mager schob sich an seinem Sohn vorbei in die Firma. Sie bestand noch immer aus einer Nasszelle und drei Arbeitsräumen, von denen der größte sein Filmarchiv und das inzwischen veraltete Mischpult barg: Videosequenzen wurden längst am Computer geschnitten.

Die Luft war so stickig, dass er in seiner Lederjacke sofort einen Schweißausbruch bekam. Überhaupt war die Kutte bei diesem Wetter völlig ungeeignet. Zum Glück hing noch seine Jeansjacke über der Stuhllehne.

Während er Geldbörse, Handy und Zigaretten zum zweiten Mal an diesem Morgen umpackte, warf er einen Blick in das Büro der Chefin.

Susanne schwebte, die Füße auf der Tischkante und einen Telefonhörer am Ohr, in ihrem Kippsessel und legte warnend einen Finger auf die Lippen.

Der Kameramann verstand. Beim Sender gab es seit zwei Jahren eine Chefin vom Dienst, deren Durchsetzungsvermögen sich gewaschen hatte. Und wenn sie am Telefon ihre Anweisungen durchgab, hatten die Auftragnehmer – egal ob Männlein oder Weiblein – zu schweigen.

»Maria?«, flüsterte Mager.

Susanne nickte und legte ihre freie Hand über das Mikro: »Das Dossier von der Sonnenschein!«

»Ausdrucken?«

»Mach!«

Mager nickte, goss sich einen Kaffee ein und verzog sich in sein Archiv.

Hier saß er immer noch am liebsten: Erstens schätzte er diesen Raum, weil er dort noch rauchen durfte, zweitens lagerten hier sämtliche Filmrollen aus der 16-mm-Zeit und drittens ging das Fenster zum Hof hinaus.

Von da aus hatte er einen guten Blick auf das Hinterhaus, das in seinem privaten Wertesystem das Reich des Bösen war.

Während sein Computer hochfuhr und Kalle draußen die Scheiben des Skoda polierte, zündete Klaus-Ulrich Mager sich die erste Zigarette des Tages an und schaute hinaus. Dieser Hinterhof tief im Westen Dortmunds symbolisierte beruflich die letzten fünfundzwanzig Jahre, also fast die Hälfte seines Lebens – und privat noch viel mehr. Denn durch eine bizarre Verknüpfung von Lebensentscheidungen und Zufällen wohnten hier auch jene drei Frauen auf engstem Raum zusammen, mit denen er insgesamt über dreißig Jahre seines Lebens geteilt hatte.

Sein unbestreitbarer Lebensmittelpunkt war das Vorderhaus, in dem er gerade saß. Hier residierte die PEGASUS FILM UND VIDEO GbR, die er einst mit seiner Jugendliebe Susanne Ledig gegründet hatte. Gemeinsam wollten sie mit sozialkritischen Reportagen die Macht der Herrschenden erschüttern – und mussten oftmals froh sein, für irgendeine Baumarktkette eines dieser Endlos-Videos über die Vorzüge einer neuen Schleifmaschine drehen zu dürfen. Und es war verdammt lang her, dass sie mit ihrem roten Lada-Kombi durchs Ruhrgebiet gezogen waren, um der Polizei bei Ermittlungen gegen den blühenden Rathausfilz und machtgeile Politiker zu helfen. Natürlich auf die ihnen eigene Art und Weise.

Inzwischen war Susanne Alleininhaberin der Firma und zudem in jener Partei gelandet, die es nach Magers Meinung schon seit neunzig Jahren nicht mehr verdiente, in den Medien als ›rot‹ bezeichnet zu werden. Dieser Schritt hatte PEGASUS manchen lukrativen Auftrag verschafft, Susanne aber zu Kompromissen veranlasst, die ihren Kameramann bisweilen an den Rand der Alkoholsucht trieben. Umso mehr schätzte Mager es, dass die Chefin trotz des Aufschwungs bescheiden über den Büros im ersten Stock des PEGASUS-Hauptquartiers wohnte – in dessen Dachgeschoss er selbst ein paar Jahre gehaust hatte.

Während Karins Schwangerschaft wäre Mager am liebsten ins Hinterhaus gezogen. Dort hatten sich einst die entscheidenden Dramen seiner gescheiterten Ehe mit Kalles Mutter Mechthild abgespielt. Aber diese weigerte sich beharrlich, ihre Zwingburg zu verlassen, und terrorisierte nun dort ihren zweiten Ehemann, einen berufsmüden Lehrer, der zu spät gemerkt hatte, dass es noch schlimmere Menschen gab als seine Schüler.

Kurz vor Theos Geburt aber wurde das rechte Vorderhaus frei: Die türkische Familie, die dort viele Jahre gewohnt hatte, bezog ein schickes Eigenheim am Ende der Steinhammerstraße und bot ihre alte Hütte zum Verkauf an. Bevor Mechthild und ihr neuer Ehemann davon Wind bekommen konnten, renovierten Mager und Karin den Bau und verfügten dort über mehr Platz, als ihnen das Hinterhaus geboten hätte. Zudem war Magers zweite Gattin heilfroh darüber, nicht in Räumen leben zu müssen, in denen auf ewig der Ungeist ihrer Vorgängerin herumspuken würde. Es reichte schon, dass Mechthild und die Bewohner der beiden Vorderhäuser dieselbe Hofeinfahrt benutzen mussten. Dadurch waren Konflikte geradezu vorprogrammiert.

»Klaus!«

Susanne stand im Flur, Ungeduld in den Augen. »Fertig?«

»Gleich …« Hektisch klickte er sich durch mehrere Verzeichnisse und suchte den Ordner, in dem Artikel und Notizen über Ruhrgebietspolitiker gespeichert waren. Die Datei mit dem Namen Sonnenschein suchte er vergeblich.

»Mach schon!«

»Ja doch. Bin gleich soweit!«

Susanne war weniger zuversichtlich. Energisch schob sie seinen Schreibtischstuhl zur Seite: »Weg da, ich mach’s schon. Sonst kommt noch eine Neuauflage des Kommunistischen Manifests aus dem Drucker.«

Minuten später saßen sie zu dritt im Wagen. Kalle steuerte das Fahrzeug geschickt durch die enge Ausfahrt, zog den Octavia dann nach rechts und raste viel zu schnell die enge Steinhammerstraße entlang in Richtung A 40, die in Dortmund immer noch B 1 hieß.

»Und was sagt der Sender?«, wollte Mager wissen.

»Maria meinte, mit etwas Glück kommen wir heute in die Tagesschau!«

»Beachtlich«, konstatierte Mager, ohne wirklich daran zu glauben. Sie hatten es in roter Vorzeit zwar mehrfach in die Aktuelle Kamera des DDR-Fernsehens geschafft, aber in die Tagesschau erst ein einziges Mal – und das nur für Sekunden. Vielleicht nehmen die ja jetzt einen ganzen Bericht? Wäre richtig gut, dachte er und versuchte auszurechnen, wie sich das auf die Firmenkonten auswirken würde. »Auch wenn’s nicht klappt: Von mir aus können die Bochumer jede Woche einen von ihren Promis in die Luft jagen.«

5

Kriminalhauptkommissar Horst Lohkamp begann auch diesen Montag mit einer Kulthandlung, die er seit dem Frühjahr jeden Morgen mit wachsendem Genuss vollzog: Noch im Schlafanzug trat er an den großen Kalender, der in der Küche hing, und ergänzte seinen persönlichen Countdown um eine weitere Zahl. Begonnen hatte er mit vierhundertvierundzwanzig, aber jetzt …

»Zweihundertzwanzig«, verkündete er seiner Gattin, während er sich ein Tässchen koffeinfreien Kaffee einschüttete. »Wenn man die Wochenenden, den Urlaub und den Freizeitausgleich abzieht, habe ich allerhöchstens noch hundert Tage zu arbeiten.«

»Freie Wochenenden? Urlaubsausgleich? Und wovon träumst du nachts?«

»Von dir, Liebste«, versicherte er und begab sich auf den Balkon seiner Eigentumswohnung, die in einem der schöneren Viertel von Recklinghausen lag.

»Zieh dir doch wenigstens den Morgenmantel über«, empfahl ihm die Gattin. »Muss doch nicht jeder sehen, dass du noch im Schlafanzug deinen Kaffee trinkst.«

»Ach Gabi«, sagte er und ließ sich ächzend in einem der bequemen Liegestühle nieder.

»Erstens wohnen wir im zweiten Stock, da sieht mich sowieso keiner. Zweitens habe ich Urlaub. Und was die Leute an der Nordseestraße über mich denken, ist mir schon seit vielen Jahren egal.«

»Aber mir ist nicht egal, was sie über mich denken!«

»Häng doch ein Plakat ans Fenster«, grinste er und hob die Kaffeetasse. »Horst soll sich anziehen, hört aber nicht auf mich. Dann bist du aus dem Schneider.«

Er kicherte, legte die Beine hoch und schlug die Zeitung auf, um sich den Vorberichten über die neue Bundesligasaison zu widmen. Doch er kam nicht über die Überschriften hinaus. Drinnen schlug das Telefon an, und Sekunden später erschien Gabi, um ihm den Hörer zu reichen.

»Bochum. Der Präsident will dich sprechen«, raunte sie. »Bist du da?«

»Wo soll ich sonst sein?«

»Ich könnte sagen, du bist gerade mit dem Hund raus.«

»Aber wir haben doch …«

»Das weiß Flenner doch nicht!«

Lohkamp sah seine Frau einen Augenblick sprachlos an. Dann sagte er: »Ach Gabi, jetzt weiß ich wieder, warum ich dich geheiratet habe. Nein, gib ruhig her!«

Er setzte die Stummschaltung außer Funktion und meldete sich.

»Kunkol hier, guten Morgen!«, flötete die Vorzimmerdame. »Der Herr Polizeipräsident möchte Sie sprechen. Momeeentchen, ich stelle duarch!« Drei Takte des Bochumer Jungenliedes ertönten, dann war der Chef selbst dran: »Morgen, Herr Lohkamp. Die WM gut überstanden?«

»Danke, ja. Der Objektschutz an den WM-Hotels war wunderbar. Und meine Enkelin freut sich über die vielen Autogramme.«

»Sehen Sie, so schön kann unsere Arbeit sein. Hat ja auch alles geklappt, unsere Polizei kann sich sehen lassen.«

Komm, dachte Lohkamp, erzähl mir, was du wirklich willst! Und Flenner tat ihm den Gefallen: »Aber jetzt ist die Kacke am Dampfen, wie man hier im Ruhrpott sagt.«

Angeber, dachte Lohkamp. Er selbst stammte aus Wanne-Eickel, aber der Präses war irgendwo im wilden Ostwestfalen geboren, wo es noch Dorfmeisterschaften im Baumstammsägen gab.

Doch dann hörte er genau zu, was Flenner ihm von der Explosion im Bochumer Süden zu erzählen hatte.

»Schlimm«, sagte Lohkamp. »Aber was habe ich damit zu tun?«

»Ich brauche Sie für die Sonderkommission.«

Der Hauptkommissar schluckte. Die letzte Dienststelle, an die ihn Flenner geschickt hatte, war die Polizeiinspektion in Bochum-Wattenscheid gewesen – ein Ort, an dem gescheiterte Karrieren endeten. Sollte er nun, auf seine alten Tage, noch nach Bagdad?

»Wie Sie sich vielleicht erinnern«, wandte Lohkamp ein, »haben Sie mich vor zwei Jahren zur besonderen Verfügung des Innenministeriums freigestellt.«

»Ich weiß, ich weiß. Sie haben da ja auch ein paar aufsehenerregende Erfolge erzielt. Aber ich habe mich schon mit Düsseldorf verständigt. Man gibt Sie für diese Aufgabe frei.«

Die wissen ja selbst nicht, was sie mit mir noch anfangen sollen, dachte Lohkamp. Laut sagte er: »Außerdem habe ich noch Urlaub.«

»Den haben Sie doch seit dem Ende der WM!«

»Stimmt. Aber seit heute feiere ich meine hundertsechsunddreißig Überstunden ab. Das sind fast vier Wochen. Und in zweihundertzwanzig Kalendertagen werde ich pensioniert.«

»Glückwunsch. Aber mit Leuten wie Ihnen wird der Fall rechtzeitig gelöst, sodass Sie die Überstunden noch vor Ihrer Pensionierung absitzen können.«

Schleimbeutel, dachte Lohkamp. Und von Polizeiarbeit hat der noch immer keine Ahnung.

Es war Zeit für das finale Argument: »Außerdem: Bei Sprengstoffgeschichten ermitteln nicht wir, sondern der Generalbundesanwalt.«

»Genau das ist es doch«, versicherte der Präses und senkte die Stimme, als ob er damit unerwünschte Lauscher ausschalten könnte. »Was wird passieren? Der GBA schickt uns einen Oberaufseher, BKA und LKA stellen ihm noch ein paar Kofferträger zur Seite – aber die eigentliche Arbeit müssen doch wieder unsere Leute leisten.«

So respektlos hatte sich der Präses vor dem Regierungswechsel in Berlin und Düsseldorf noch nie über das Bundes- und Landeskriminalamt geäußert – zumindest nicht in seiner Gegenwart.

»Bitte, Herr Flenner. Das war doch immer so. Was ist daran neu? Wozu brauchen Sie ausgerechnet mich?«

Das Schweigen in der Leitung sprach Bände: Flenner hatte Schiss, am Telefon etwas gegen die neuen Herren dieser Dienste zu sagen. Dann flüsterte er: »Die jetzige Landesregierung hat doch alles umgekrempelt. In Düsseldorf sitzen lauter neue Leute, alle regierungstreu, aber nicht unbedingt echte Spitzenkräfte. Von Karlsruhe wollen wir erst gar nicht reden. Und deshalb brauche ich für die Soko ein paar unserer eigenen Leute, die einen klaren Blick und Mut zum eigenen Urteil haben.«

Jetzt war Lohkamp wirklich verblüfft. Zum ersten Mal traute dieser Polizeichef ihm so etwas wie Sachverstand zu – und verlangte als Qualitätsmaßstab den Mut zum Widerspruch. Flenner musste einen äußerst delikaten Tathintergrund wittern. Die Frage war, ob die Soko diesen Hintergrund aufklären oder vertuschen sollte.

Wie auch immer, einerseits reizte ihn der Fall, andererseits gefiel es ihm auf seinem Balkon viel besser.

»Herr Flenner, ich glaube, ich feiere lieber meine Überstunden ab.«

Kleine Pause, dann drang ein resigniertes Seufzen aus der Leitung: »Verstehe. Offenbar haben diese Leute ja doch Recht.«

»Welche Leute? Womit?«, hakte der Mann im Schlafanzug reflexartig nach.

»Na ja.« Flenner legte noch eine Pause ein. »Was ich Ihnen jetzt sage, entspricht nicht meiner eigenen Meinung. Aber es gibt etliche jüngere Kolleginnen und Kollegen, die den KHK Lohkamp schon abgehakt haben. Da kursieren Begriffe wie ›Burn-out‹, ›amtsmüde‹, ›reif fürs Archiv‹.«

Flenners Stimme triefte von geheucheltem Mitleid.

»Aber ich kann Sie gut verstehen. So kurz vor der Pension möchte man sich nicht zum Gespött machen.«

Lohkamp spürte, wie sein Magen rebellierte. Diese Arschgeigen! Kriegen es selbst nicht gebacken, aber reißen das Maul auf.

»Wer ist denn noch in der Soko?«, hörte er sich fragen.

»Hoffmann, Thalbach, Eilig …«

»Was ist mit Hardenberg? Ein guter Mann. Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Frau Langer aus Hagen – wenn Sie die kriegen könnten.«

»Ihre frühere Assistentin?«

»Ja. Sie erinnern sich: Sie hat die Geschichte mit dem türkischen Mädchen sauber gelöst!«

Jetzt musste der Präses schlucken: Bei den Ermittlungen gegen eine Nazi-Truppe war sein eigenes Ziehkind aus dem Polizeibüro II, der politischen Polizei, gewaltig abgestürzt.

»Die Langer kann ich Ihnen nicht versprechen. Da muss ich mit der Präsidentin in Hagen reden. Aber Hardenberg geht klar.«

»Und was ist mit meinem alten Büro? Zusammen mit …«

»Das Türschild mit Ihrem Namen hängt schon!«

Lohkamp zögerte eine weitere Sekunde. Noch konnte er Nein sagen. Aber mit Hardenberg zusammen – das machte Spaß. Der Junge kam aus der mittleren Beamtenlaufbahn und hatte mit Bestnote seinen Kommissar gemacht. Mit ihm im Team würde er die Burn-out-Schwätzer schon zum Schweigen bringen.

»Gut, ich bin dabei. Aber höchstens dreißig Tage. Ich will nicht erst im Winter an die Nordsee.«

»Versprochen.«

»Wo soll ich mich melden?«

»Am Tatort.« Flenner gab die Adresse durch. »Vorerst leitet dort der Chef des 11. Kommissariats.«

»In Ordnung. Ich bin in anderthalb Stunden da.«

»Prima, Herr Lohkamp. Und: danke.«

Meine Güte, dachte der Hauptkommissar. In Bochum geht einigen Leuten der Arsch auf Grundeis.

Aber er selbst hatte vorher noch ein anderes Problem zu lösen: »Gabi?«

Seine Frau erschien, ein Stück Tapete in der Hand. Mit einem dicken Filzstift geschrieben stand da: Ich will ans Meer. Aber Horst …

Er stand auf und nahm sie in den Arm: »Schreib: … braucht noch einen letzten guten Fall.«

»Idiot!«, sagte sie und boxte ihm gegen die Brust. »Überleg doch! Du hast ihm mindestens doppelt so oft widersprochen wie mir. Also eigentlich immer. Du hast Ergebnisse geliefert, die er nicht gewollt hat. Und du hast nie vor ihm auf dem Teppich gelegen, um seine Schuhe zu küssen. Darum hasst er dich.«

»Und was soll mir passieren?«

»Überleg doch: Es gibt immer noch Polizisten, die dir deine Ermittlungen in dem Punkermord nicht verziehen haben. Seit den Vernehmungen in der Polizeikaserne bist du Nestbeschmutzer und Kameradenschwein. Und jetzt zieht er dich wieder in eine Sache hinein, an der du dir nur die Finger verbrennen kannst. Du musst allen auf die Füße treten, die in Bochum was zu sagen haben.«

»Und wenn schon«, wiegelte Lohkamp ab und nahm seine Frau in den Arm. »Meine Pension wird es schon nicht kosten.«

6

PEGASUS verließ den Sheffield-Ring genau unter der Königsallee und folgte der Abbiegespur in Richtung Süden. Charlottenweg, dachte Mager und blickte auf das Display des Navigationsgerätes. Er erinnerte sich, dass sie hin und wieder hier spazieren gegangen waren, als Karin noch in dieser Gegend wohnte.

Etwas an der Topografie dieser Straße war nun zu kompliziert für das schlichte Gemüt der Navi-Tante namens Marlene, wenn sie eine Zielangabe ohne Hausnummer bekam.

Als sie am höchsten Punkt der Königsallee die Markstraße überquerten, fiel es Mager ein: »Die Straße besteht aus zwei Teilen. Und man kommt von dem einen nicht direkt in den anderen, weil irgendein Großbauer oder Lottokönig …«

»Wir sind richtig, Vadda!«, unterbrach ihn Kalle und deutete auf die dunkle Rauchsäule, die links von ihnen aus einer Talsenke aufstieg.

Mager reagierte sofort: »Rechts ran! Ich will den Qualm haben!«

Nach einem Blick in den Rückspiegel stoppte Kalle und setzte den Wagen auf dem Radweg einige Dutzend Meter zurück. »Okay?«

Der Alte stand schon neben dem Wagen und peilte die Lage: »Wo ist die Trittleiter?«

»Im Büro. Du hast sie doch gebraucht, als …«

»Und du hast sie wieder einzupacken!«

Kalle warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber außer dem satten Blau des Sommermorgens gab es kein hilfreiches Zeichen.

»Hühnerleiter!«, kommandierte der Kameramann.

Der Sohn hielt ihm die ineinander verschränkten Hände hin. Ächzend kletterte Mager auf das Wagendach und versuchte, sich aufzurichten. Dabei schwankte er ein wenig und Kalle sah seinen Erzeuger schon stürzen. »Soll ich nicht doch lieber …«

»Klappe«, knurrte Mager und streckte die Hand aus: »Kamera!«

Während der Bärtige die angewinkelte Kamerahand unter dem Ellenbogen abstützte, stand Kalle bereit, um ihn notfalls aufzufangen. Doch Mager stand jetzt wie ein Denkmal auf dem Octavia, nahm die Rauchsäule ins Visier und zoomte sich an das Geschehen heran. Aber mehr als das rote Dach eines Löschfahrzeugs bekam er nicht in den Sucher.

Eine Minute später saßen alle drei wieder im Wagen und düsten Richtung Süden.

»Demnächst wenden!«, empfahl die geduldige Stimme der Navigation. Mager schaute schon jetzt zur anderen Straßenseite hinüber, aber der dicht bewachsene Mittelstreifen verbarg die Einfahrt zum Charlottenweg.

Bis zur nächsten Kreuzung dauerte es noch eine halbe Minute, dann lenkte Kalle den Skoda mit einem engen Halbkreis in die Gegenrichtung. Marlene reagierte einen Augenblick später: »In dreihundert Metern rechts abbiegen. Dann haben Sie Ihr Ziel erreicht.«

Kalle drosselte die Geschwindigkeit, setzte den Blinker und bog rechts ab, aber nach nur zehn Metern war die Fahrt zu Ende: Ein Streifenwagen blockierte die Einfahrt.

»WDR!«, rief Susanne, doch die Polizisten schüttelten einträchtig die Köpfe: »Sie können hier nicht durch.«

Als die Chefin die Tür öffnen wollte, meldete sich Mager: »Lass es. Ich weiß was Besseres. Wir nehmen den Hintereingang!«

Er dirigierte Kalle in den Nussbaumweg. Die Straße wurde auf beiden Seiten von Einfamilienhäusern in Reih und Glied gesäumt, bis sie endlich eine weite Rechtskurve nahm. In ihrem Scheitelpunkt erhob sich ein weiß-blaues, verklinkertes Monster, drei Etagen rechts, zwei Etagen links, umgeben von einer großen Rasenfläche – und ohne einen Zaun, der den Weg auf die Rückseite versperrte. Mager strich sich zufrieden über das bärtige Kinn: »Genau dahinter müsste Sonnenscheins Haus liegen!«

 

Hinter dem Klinkerbau hatte sich eine Horde Schaulustiger versammelt, deren Zahl noch wuchs. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der Eigentümer Eintritt nahm und eine Pommesbude aufstellte. In diesem Gewimmel hatte PEGASUS Mühe, eine halbwegs gute Schussposition zu finden: Mal standen ein paar Johannisbeerbüsche im Weg, mal eine Brombeerhecke, dann wieder versperrte ein zu groß gewachsener Zuschauer Mager den Blick.

»Du bist für diesen Job einfach zu klein, Vadda«, konstatierte Kalle.

»Aber nicht zu blöd!«, konterte der Kameramann und schob eine grauhaarige Dame sacht zur Seite: »Junge Frau, wir sind vom WDR. Wenn Sie so freundlich wären …«

Susanne drängte sich ebenfalls in die Lücke und prüfte über Magers Schulter hinweg die Aussicht: »Zuerst einen Schwenk über das Tal. Dann das Haus, den Abschleppwagen und den Schrotthaufen dahinter. Anschließend Feuerwehr und Polizisten. Da unten auf der Wiese.«

»Ja, Mama«, maulte Mager. »Ich weiß, dass Polizisten nicht auf den Wolken reiten!«

Die Arbeit des Fernsehteams fand nicht nur Zustimmung. Es vergingen keine zwei Minuten, da stapfte ein kleiner Mann mit spärlichen Locken und Lodenjacke heran. Als er den Mund öffnete, hielt Susanne Ledig ihm das Mikrofon vor die Nase und fing den bemerkenswerten Satz ein: »Das ist Privatgelände!«

Susanne nickte dem informationsfreudigen Bürger freundlich zu: »Stimmt. Und wir sind das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Wo ist das Problem?«

Einem Augenblick lang stockte dem Gelockten der Atem. Dann fand er seinen Text wieder: »Sie dürfen hier nicht einfach eindringen!«

»Wir sind nicht eingedrungen. Es gibt weder einen Zaun noch ein Tor.«

»Trotzdem ist es privat.«

»Gut. Und Sie sind der Eigentümer?«

»Nein, aber …«

»Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag: Sie rufen den Eigentümer an und informieren ihn – und wir tun weiter unsere Arbeit und informieren Deutschland. Okay?«

Während Kalle ein Taxi heranrief und die erste Kassette mit Aufnahmen vom Tatort zum Sender schickte, ließ Mager sich auf dem Rasen nieder und zündete sich eine Kippe an. Normalerweise konnte man diese Ecke Bochums beinahe als idyllisch ansehen und die Grundstückspreise und Mieten waren entsprechend hoch. Viel Grün und wenig Lärm wurden hier geboten – etwas anderes als gebrauchte Pommesschalen im Rinnstein vor dem Haus und die S-Bahn nach hinten raus.

Mehr als fünf oder sechs Lungenzüge waren Mager nicht vergönnt. Susanne führte die erste Interviewpartnerin heran: jene Dame, an der sie sich vorbeigedrängelt hatten, um eine bessere Sicht auf den Tatort zu haben.

»Frau Hahn, was haben Sie von den Ereignissen mitbekommen?«

»Es war schrecklich«, sagte sie. »Mein Mann und ich saßen wie jeden Morgen, wenn das Wetter schön ist, auf dem Balkon und frühstückten in aller Ruhe und unterhielten uns über …«

Komm schon, Alte, dachte Mager. Tante Theas achtzigster Geburtstag interessiert hier nicht! Er versuchte, das Blabla der Dame auszublenden.

»Als mein Mann gerade vorschlug, im nächsten Jahr eine Kreuzfahrt durch die Karibik zu machen …«

Susannes Gesicht blieb freundlich, während sie geduldig abwartete, dass die gute Frau zum Thema kam.

»Also, nein, so erschrocken war ich das letzte Mal, als bei unserer Silberhochzeit plötzlich jemand den Tisch mit dem Dessert umkippte. Das schöne Tiramisu und all die leckeren Puddingsoßen, von dem Geschirr mal ganz zu schweigen.«

»Danke für Ihren Kommentar«, sagte Susanne.

Dann drehte sie sich um und suchte nach einem brauchbaren Augen- und Ohrenzeugen. Erst beim vierten Versuch fand sie einen älteren Herrn, der sich an etwas Konkretes erinnern konnte: Er war nachts gegen drei Uhr aufgewacht, weil er seine Blase leeren musste, und konnte danach nicht wieder einschlafen.

»Senile Bettflucht, sagt meine Tochter. Schließlich bin ich auf den Balkon gegangen, um mir noch eine zu rauchen.«

Guter Mann, dachte Mager erfreut, du bist der lebende Beweis dafür, dass man durchs Rauchen nicht automatisch mit sechzig in der Urne landet.

»Ich habe aber nur noch gehört«, fuhr der Weißhaarige fort, »dass da unten ein Wagen wegfuhr.«

»Da unten – das ist vor Frau Sonnenscheins Haus?«

»Genau. Also, da ist ein Pkw weggefahren. Ich habe ihn gehört und die Scheinwerfer gesehen. Aber vor Sonnenscheins Haus stand, glaube ich, ein Lkw.«

»Wieso glauben Sie das?«

»Na ja, da glänzte ein Autodach im Mondlicht. Genaueres konnte ich nicht erkennen, aber Pkws sind zu flach. Die kann ich von meinem Balkon aus nicht sehen …«

»Danke schön, Herr Körner.«

 

Als Mager wieder vorne stand, um das Geschehen im Charlottenweg zu verfolgen, kam plötzlich Bewegung in die dort versammelten Polizisten.

Ein schwarzer Benz fuhr an den Wendehammer heran, eine kleine Frau sprang heraus und wurde von einem Mann in Zivil davon abgehalten, zu dem beschädigten Haus zu rennen.

Mager ließ die Kamera laufen und schielte über das Display hinweg. Kein Zweifel, das war Lohkamp. Und die aufgeregte Frau musste Bochums OB sein.

»Zeig mal«, forderte Susanne, als er die Kamera absetzte. Zufrieden nickte sie die Sequenz ab. Dann musterte sie die Umgebung. Noch immer war kein anderes Aufnahmeteam in Sicht.

»Also gut. Kalle kann gleich das nächste Taxi rufen. Und wenn Lohkamp mit der Dame fertig ist, rufst du ihn an!«

7

Rauch – beißender, stinkender Rauch. Das war das Erste, was Lohkamp wahrnahm, als er in der Nähe des Tatortes seinen Ford Focus abstellte.

Unter seinen Füßen knirschte Fensterglas. Die Wucht der Detonation hatte nicht allein Beißners Cabrio zerlegt, sondern auch die gesamte Vorderfront des Pritschenwagens. Von der Fahrerkabine war so gut wie nichts mehr übrig – nur die Lenksäule ragte aus dem Schrott heraus. Im Dach des Wohnhauses klafften Löcher, hinter denen geschwärzte Balken zu sehen waren, die Fensterhöhlen im Erdgeschoss waren leer, die Fassade von Rauchspuren überzogen.

Der Attentäter hatte beim Sprengstoff nicht geknausert.

»Morgen, Horst!«

»Katharina!«

Lohkamp drückte der Oberkommissarin die Hand. Thalbach gehörte in seiner Werteskala zu den erfreulicheren Menschen in dem karrierebesessenen Kriminalkommissariat 11, das sich mit Mord und Totschlag beschäftigte.

»Da ist jemand auf Nummer sicher gegangen«, sagte sie. »Es hat sogar noch den Fahrer des Abschleppwagens erwischt.«

Der Wagen stand gut fünfzehn Meter von der Explosionsstelle entfernt. Das Blech des Führerhauses war auf der linken Seite mit Metallsplittern gespickt, das Fenster auf der Fahrerseite gesprungen.

»Wo ist der Mann?«

»Hat Schwein gehabt: Ein paar Splitter in Gesicht und Schulter. Die Sanis haben ihn in die Landesklinik gebracht. Die Seelenklempner werden mehr Arbeit mit ihm haben.«