Umschlag

Marc-Oliver Bischoff

Die Voliere

Thriller

 

Marc-Oliver Bischoff wurde 1967 in Lemgo geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Stadtrand von München auf. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium verschlug es ihn unter anderem nach Frankfurt, der Stadt, der er sich bis heute am meisten verbunden fühlt.

Zu schreiben begann er in Form eines Laufblogs, aus dem das Buch Lauf, du Sau wurde. Sein erster Kriminalroman Tödliche Fortsetzung wurde mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ in der Sparte ›Debüt‹ ausgezeichnet.

Marc-Oliver Bischoff lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Ludwigsburg bei Stuttgart und arbeitet als Technologieberater.

www.marc-oliver-bischoff.de

 

Für Claudia

Inhalt

I

1992

2013

Dienstag, 1. Oktober

Freitag, 4. Oktober

Mittwoch, 16. Oktober

Donnerstag, 17. Oktober

Freitag, 18. Oktober

Samstag, 19. Oktober

Sonntag, 20. Oktober

Dienstag, 22. Oktober

Mittwoch, 30. Oktober

Donnerstag, 31. Oktober

Freitag, 1. November

Samstag, 2. November

Montag, 4. November

II

Montag, 11. November

Dienstag, 12. November

Mittwoch, 13. November

Freitag, 15. November

Samstag, 16. November

Donnerstag, 21. November

Samstag, 23. November

Montag, 25. November

Dienstag, 26. November

Mittwoch, 27. November

Freitag, 29. November

III

Samstag, 30. November

Sonntag, 1. Dezember

Montag, 2. Dezember

Freitag, 6. Dezember

Epilog

Danke

I

Gegen die Unverbesserlichen muss die Gesellschaft

sich schützen; und da wir köpfen und hängen nicht wollen

und deportieren nicht können,

so bleibt nur die Einsperrung auf Lebenszeit.

Aus Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge von Dr. Franz von Liszt

1992

Angelika Alba stand am Küchenfenster und zog die Gardine mit dem Rosenmuster einen Spalt weit auf. Gerade so weit, dass sie ihren Nachbarn Adam Lefeber beobachten konnte, ohne ihrerseits gesehen zu werden.

Obwohl Lefeber alleinstehend war, bewohnte er ein Reiheneckhaus mit gelbem Anstrich und weißen Fensterläden an der Renoirallee im Frankfurter Stadtteil Riedberg. An der Nordseite rankte sich allen Widrigkeiten des Wetters zum Trotz eine Klematis empor, im Vorgarten leuchteten die Blüten eines sauber gestutzten Rosenstrauchs der Sorte Queen Elisabeth, eingefasst von gelbem und weißem Phlox. Abgesehen von der späten Blütenpracht glich das Haus dem der Nachbarn wie ein Ei dem anderen.

Lefeber sperrte die drei Schlösser jeweils doppelt ab, rüttelte probeweise an der Eingangstür und ließ den Schlüssel in seine Aktentasche gleiten.

»Er hat die Tür abgeschlossen«, flüsterte Angelika Alba.

Lefeber strich mit der Hand über ein Fenster, prüfte und nickte bestätigend, um sich dann dem nächsten zuzuwenden. Schließlich verschwand er aus Albas Blickfeld.

»Er ist in den Garten gegangen«, wisperte sie.

Lefeber tauchte wieder vor dem Haus auf und ging auf sein Fahrrad zu. Er klemmte die Aktentasche auf den Gepäckträger und schob das Rad auf den Gehweg. Selbst das Gartentor sperrte er hinter sich ab, obwohl es für jeden Schuljungen ein Leichtes gewesen wäre, darüberzuklettern. Dann stieg er auf und fuhr los, vorbei an Familienkutschen und Coupés mit Ledersitzen.

Angelika Alba hörte das Rascheln, als die Reifen von Lefebers Fahrrad vor ihrem Haus über das Laub rollten. Einen Moment blendete sie die Herbstsonne, die hinter dem nahen Kindergarten hervorblitzte, und als sie das nächste Mal auf die Straße sah, begegnete sie Lefebers Blick.

Er winkte ihr zu.

Angelika Albas Herz drohte auszusetzen – nun hatte er sie doch entdeckt. Mechanisch winkte sie zurück. Dann verschwand Lefeber aus ihrem Sichtfeld. Sie atmete auf.

Einen Augenblick später ging die Türklingel.

Alba drehte sich um. Im Wohnzimmer, das an die Küche grenzte, standen fünf Männer, vier von ihnen verbargen die Gesichter unter Sturmhauben. Sie trugen schusssichere Westen, Waffen und grobe Stiefel, die ihren schönen Teppich ruinierten.

Der junge Polizist mit dem Namen Hartmann, der einzige in Zivil, nickte beruhigend. »Keine Panik«, sagte er.

»Soll ich hingehen?« Albas Stimme zitterte. Sie betete, dieser Kelch möge an ihr vorübergehen.

»Hat er Sie gesehen?«

Alba nickte.

»Dann ja.«

»Was soll ich sagen?«

Hartmann lächelte. »Fragen Sie ihn einfach, was er will.«

Angelika Alba wischte sich die schweißnassen Hände an der Schürze ab, strich sich über die Haare und ging zur Tür. Die Männer zogen sich noch ein wenig tiefer in die Schatten des Wohnzimmers zurück.

Sie atmete tief durch. Dann öffnete sie die Tür.

Lefeber stand direkt vor ihr auf dem Treppenabsatz. Er lächelte, Grübchen in den Wangen seines jungenhaften Gesichts. »Guten Morgen, Frau Alba.«

»Guten Morgen, Herr Lefeber. Spät dran heute?«, sagte sie, um eine normale Reaktion bemüht. Ganz bestimmt merkte er, dass ihre Stimme spröde klang.

»Ich habe erst in der zweiten Stunde Unterricht.« Lefeber rümpfte die Nase, als habe er etwas gerochen. Er versuchte, an Alba vorbei in den Flur zu spähen, doch sie zog die Tür ein paar Zentimeter weiter zu.

»Alles in Ordnung, Frau Nachbarin?«

»Alles bestens, Herr Lefeber.« Sie umklammerte den Türgriff, bis ihre Hand schmerzte. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich wollte Sie bitten, ein Paket für mich entgegenzunehmen, das heute Vormittag ankommt.«

Erleichtert lockerte Alba den Griff, ihre Hand prickelte.

»Gerne, Herr Lefeber.«

»Ich müsste nur schnell einen Zettel schreiben und an die Tür kleben.« Lefeber stutzte. »Geht es Ihnen wirklich gut? Sie sehen ein bisschen blass aus.«

»Es geht mir bestens, Herr Lefeber.«

Ihr war sterbenselend.

»Darf ich auf einen Sprung hereinkommen und die Nachricht schreiben?«

»Nein.«

Lefeber lachte erstaunt auf.

Ein Ruck ging durch Angelika Alba. Herrgott, jetzt reiß dich zusammen! Wenn du so weitermachst, geht er dir gleich hier auf der Schwelle an die Gurgel.

»Tut mir leid, Herr Lefeber, ich … bin gerade erst aufgestanden und noch nicht richtig wach. Warten Sie einen Augenblick, ich hole Stift, Papier und Tesa.« Alba kämpfte einen Moment lang gegen das dringende Bedürfnis, dem Nachbarn die Tür vor der Nase zuzuknallen. Doch das wäre nicht nur äußerst unhöflich, sondern auch fatal gewesen. Daher machte sie auf dem Absatz kehrt und suchte die benötigten Utensilien zusammen.

Als sie zurückkehrte, wischte Lefeber gerade mit einem Taschentuch den Türgriff ab.

»Da war Vogelkot«, erklärte er ungefragt.

Alba reichte ihm das Gewünschte.

Während Lefeber mit krakeliger Schrift die Nachricht verfasste, murmelte er den Text leise vor sich hin. Alba stand daneben, die Lippen zusammengepresst.

Mit einem Lächeln gab er ihr Stift und Tesafilm zurück. »Vielen Dank, Frau Alba.« Doch er machte nicht die geringsten Anstalten, zu gehen. »Ist Ihr Mann wieder mal auf Geschäftsreise?«

In Angelika Albas überbordender Fantasie beugte sich Lefeber mit einer im Mondlicht blitzenden Axt über ihr Bett, während ihr Mann in Paris seelenruhig ein Entrecote verzehrte. Medium rare.

»Nein«, log sie. »Er kommt heute sogar etwas früher nach Hause.«

Ein Scheppern drang aus dem Wohnzimmer. Lefeber spähte erneut über ihre Schulter und als er im Halbdunkel nichts entdeckte, betrachtete er forschend ihr Gesicht. In seinen Augen flackerte Unruhe auf – oder Schlimmeres.

»Die Katze hat wohl etwas umgestoßen«, erklärte sie mit tonloser Stimme. Bitte verschwinde endlich, sonst werde ich auf der Stelle ohnmächtig!

Zwei Glockenschläge wehten von der Kirche auf dem Riedberg herüber.

Lefeber warf einen erschrockenen Blick auf seine Armbanduhr und eilte, einen Gruß über die Schulter rufend, die Stufen hinunter. Nachdem er die Nachricht an seiner Haustür befestigt hatte, schwang er sich auf sein Fahrrad und verschwand winkend um die Ecke.

Albas Knie gaben nach.

»Das haben Sie gut gemacht«, tönte eine Stimme aus dem Gang hinter ihr. Ein Knistern aus dem Funkgerät.

Dann sagte jemand: »Zugriff.«

*

Das Lehrerzimmer des Rose-Schlösinger-Gymnasiums im Frankfurter Nordend war ein heller Raum mit gelben Vorhängen, in Gruppen angeordneten Holztischen und einer imposanten Bücherwand an der Nordseite. Durch die große Glasscheibe fiel weiches Morgenlicht in den Raum. Es verlieh den ausgestellten Porträtstudien der Schüler, die Adam Lefebers Kunst-AG besuchten, etwas Entrücktes: Anlässlich eines Besuches im Archäologischen Museum hatten sie Bleistiftzeichnungen von einer römischen Statue angefertigt; ein versonnener Narcissus lehnte sich, die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, auf eine Steinsäule. Wenn man von dem zerstörten Phallus absah, zeigten die Zeichnungen eine perfekt erhalte Plastik. In der Reihe der Arbeiten klaffte eine Lücke, ein aufmerksamer Beobachter hätte noch die Befestigungslöcher in der Wand bemerkt. Zwei Bilder waren abgenommen worden.

Die Tür ging auf und Ina Franke sah, wie Adam Lefeber den Raum betrat. Er begrüßte die kleine Runde mit einem kurzen Hallo – die meisten Kollegen befanden sich bereits in ihren Klassen, wo der Unterricht begonnen hatte – und öffnete einen der beiden Kühlschränke neben der Tür, um ein mitgebrachtes Pausenbrot zu verstauen.

Ina wurde eiskalt, ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

Lefeber hätte nicht hier sein dürfen. Die Polizei hatte es versprochen!

Sie spürte das dringende Bedürfnis, ihre Hände zu bewegen und sich beispielsweise durch die rote Lockenmähne zu fahren, doch sie saß völlig paralysiert auf ihrem Platz und starrte Lefebers Rücken an, der die Sicht auf das Innere des Kühlschranks versperrte. Ihr Mund war trocken, das Schlucken fiel ihr schwer.

Plötzlich vibrierte ihr Handy in der Tasche. Von dem Metallgehäuse ging eine unheimliche Kälte aus. Ihre Hand zitterte, als sie das Gespräch annahm und das Handy ans Ohr hielt.

»Frau Franke?«

»Ja?«

»Hier ist Abel von der Frankfurter Polizei.«

»Ja?«

Lefeber drehte sich um und sah ihr direkt in die Augen. Er weiß, mit wem ich telefoniere.

Ina erwiderte den Blick des Kollegen einen Moment, dann drehte sie sich zur Seite.

»Es gab eine kleine Planänderung. Wir fangen Lefeber nun doch vor der Schule ab.« Abel sprach schnell, als hätte er sich die Sätze zurechtgelegt. »Ich glaube zwar nicht, dass Sie ihm nochmals begegnen, aber für alle Fälle möchte ich Sie vorwarnen.«

Als Ina wieder einen Blick zum Kühlschrank wagte, hatte Lefeber sich keinen Millimeter bewegt. Noch immer sah er sie an.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, sie konnte die Irritation des Polizisten beinahe fühlen. Als er wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme ein paar Nuancen tiefer. »Frau Franke, antworten Sie nur mit ›Ja‹ oder ›Nein‹.«

Als ob sie zu etwas anderem imstande wäre.

»Ist Lefeber schon eingetroffen?«

»Ja.«

Erneutes Getuschel am anderen Ende der Leitung. »Hören Sie: Zwei Dinge sind wichtig. Erstens: Er darf keinen Verdacht schöpfen. Zweitens: Er soll auf keinen Fall den Klassenraum betreten.«

»Ja.«

»Wo befinden Sie sich im Moment, Frau Franke?«

»Nein.«

»Entschuldigen Sie. Sind Sie im Schulgebäude?«

»Ja.«

»Versuchen Sie, ihn irgendwie ins Freie zu bekommen, auf den Schulhof. Trauen Sie sich das zu?«

»Nein.«

Gedämpfte Diskussionen am anderen Ende der Leitung. Endlich Abels Stimme. »Gut, bleiben Sie einfach, wo Sie sind, und lassen Sie sich nichts anmerken. Wir sind in ein paar Minuten da.« Die Verbindung brach ab.

Genauso abrupt wandte auch Adam sich von ihr ab und kramte in irgendeiner Plastiktüte herum.

In dieser Situation war Ina froh darum, dass er demonstrativ nicht das Wort an sie richtete. Seit sie sich vor drei Monaten von ihm getrennt hatte, sprach er nur noch das Nötigste mit ihr. Wäre sie die Abservierte gewesen, hätte sie ebenso gekränkt reagiert.

Nun erhob sie sich und trat einen Schritt auf Lefeber zu. Woher sie den Mut für die nun folgenden Worte aufbrachte, würde sie auch Jahre später nicht erklären können.

»Adam, hast du einen Moment Zeit?«

Sein Blick tastete sie ab. Ein trotziger, verbitterter Ausdruck verdrängte den sonst üblichen jungenhaften Ausdruck von seinem Gesicht. Nur das schillernde Grün seiner Augen übte auf Ina noch immer eine unerklärliche Faszination aus.

»Ich dachte, zwischen uns ist alles geklärt?«, sagte er lauter als nötig.

Ina Franke meinte zu spüren, wie die Kollegen den Blick hoben und sie beobachteten.

»Können wir reden? Draußen?«

Lefeber sah demonstrativ auf die Uhr. »Tut mir leid, meine Stunde geht gleich los.« Er schlug die Kühlschranktür zu und hob seine Tasche vom Boden auf.

Panik stieg in Ina auf, sie durfte Lefeber um keinen Preis gehen lassen. Ohne dass sie es wollte, lag ihre Hand plötzlich auf seinem Unterarm. Mit scheuem Lächeln sagte sie: »Bitte, Adam, ich … möchte dir einen Vorschlag machen.«

Er sah ihr in die Augen. Sein Blick war so abgründig tief, dass Ina schwindelig wurde.

»Geht es dir nicht gut? Du zitterst ja«, fragte er irritiert.

Sie schüttelte den Kopf, die Worte blieben ihr im Hals stecken, unversehens spürte sie etwas Warmes die Wangen hinunterlaufen. Gütiger Himmel, mach, dass es schnell vorbei ist!

Lefeber wischte ihr mit einem Taschentuch die Tränen weg.

Von Ferne hörte Ina Sirenengeheul, das schnell näher kam. »Geh nicht in die Klasse«, hörte sie sich sagen.

Die Verwirrung in Lefebers Gesicht war deutlich zu sehen. Er trat einen Schritt zurück. Er schien die Lage im Lehrerzimmer und draußen vor dem Fenster zu taxieren, dann klemmte er plötzlich seine Tasche unter den Arm und stürmte ohne ein weiteres Wort hinaus.

Ina sah ihm einen Augenblick fassungslos nach, dann eilte sie hinterher. Lefeber ging schnell, doch immer wenn er auf den Gängen oder im Treppenhaus einem Schüler oder einem Kollegen begegnete, verlangsamte er seinen Schritt und bot Ina Gelegenheit, ihn einzuholen. Endlich schloss sie zu ihm auf.

»Adam, was ist denn los?«

Er sah starr geradeaus. »Ich hab noch was Wichtiges zu Hause vergessen.«

»Kann ich dir helfen?« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, aber er schob sie weg und beschleunigte seinen Schritt. Nun rannte er beinahe die Treppen hinunter.

»Adam«, rief sie und ein zweites Mal, lauter: »Adam!«

Im selben Moment spürte sie das Vibrieren des Handys in ihrer Strickjacke.

*

Sobald Lefeber von der Renoirallee in die Manetstraße abgebogen war, stürmten die fünf Männer aus Angelika Albas Wohnzimmer hinaus auf die Straße und zu Lefebers Haus. Dort postierten sie sich rechts und links der Haustür, die Waffen im Anschlag. Wie aus dem Nichts tauchten aus den angrenzenden Straßen mehrere Streifenwagen, zwei Krankenwagen sowie ein Notarztwagen auf und blockierten die Renoirallee. Die Haustüren der benachbarten Doppelhaushälften und Reihenhäuser blieben geschlossen, nur die Bewegungen der Küchenrollos und die Gesichter hinter den dreifachverglasten Scheiben verrieten die Neugierde der Nachbarn.

Hartmann winkte den Techniker herbei, der umgehend seinen Werkzeugkoffer öffnete und sich an die Arbeit machte, das Haustürschloss aufzubrechen. Während sie warteten, trat der Kriminalkommissar ungeduldig von einem Bein auf das andere.

»Musst du aufs Klo?«, juxte sein vermummter Kollege, die Mündung seiner Pistole in den Himmel über ihnen gerichtet.

Hartmann lächelte matt.

»Glaubst du, die Jungen leben noch?«

»Ich hoffe es«, sagte Hartmann wider besseres Wissen. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.

Die Zwillinge, Schüler aus Lefebers Kunst-AG, waren seit über vier Wochen verschwunden. Gestern hatte Ina Franke, Lefebers Kollegin am Gymnasium und seine ehemalige Lebensgefährtin, die Polizei verständigt: Sie hatte einige persönliche Dinge aus Lefebers Haus holen wollen und war in der Garage auf zwei Jungenfahrräder unter einer Kunststoffplane aufmerksam geworden. Franke hatte die Fahrräder von mehreren Dutzend Fahndungsplakaten im Rhein-Main-Gebiet wiedererkannt – auf ihnen hatte man die Jungen zuletzt gesehen.

Zwar war Lefeber zu Beginn der Ermittlungen wie alle Lehrer, Eltern und Freunde der vermissten Jungen befragt worden, doch dabei war den Beamten nichts Ungewöhnliches aufgefallen, seine Aussagen hatten ebenso schlüssig wie glaubwürdig gewirkt.

Frankes Beobachtung hatte Hartmanns Chef, den Leiter der mit den Ermittlungen betrauten Sonderkommission, in Alarmbereitschaft versetzt. Es passte alles zusammen: ein Täter aus dem unmittelbaren Umfeld der Jungen. Laut Auskunft der Schule war Lefeber in den Wochen nach dem Verschwinden mehrmals einige Tage krankgeschrieben gewesen. Er hatte angegeben, die Angst, den Jungen aus seinem Kurs sei möglicherweise etwas zugestoßen, habe ihm psychisch stark zugesetzt.

Und dann hatte eine Recherche in der Datenbank etwas ergeben, das kaum als Zufall gelten konnte: Im Stadtteil Bonames waren in den letzten zwei Jahren immer wieder Kinder von einem unbekannten Autofahrer angesprochen worden. Bonames lag nur wenige Autominuten von Riedberg-Bonifatiusbrunnen entfernt, dem Stadtteil, in dem Lefeber seit Antritt seiner Stelle im Schlösinger-Gymnasium vor zwei Jahren wohnte. Lefebers Auto entsprach der Beschreibung eines Zeugen. Nach all diesen Treffern hatte es kaum eine Viertelstunde gedauert, beim Richter Haftbefehl und Durchsuchungsbeschluss zu erwirken.

Da die Polizei vermeiden wollte, dass Lefeber die Jungen, sofern sie noch lebten, während des Zugriffs umbrachte, wartete man damit, bis er das Haus verlassen hatte.

»Werner?« Abels quäkende Stimme drang aus dem Funkgerät. »Wie lange braucht der Typ bis zu uns mit dem Fahrrad?«

Eine Welle der Panik brandete in Hartmann auf. Er nahm das Mikro von der Schulter. »Heißt das, er ist noch nicht aufgetaucht?«

»Würde ich sonst so dämlich fragen?«

Die Kollegen waren keine fünfhundert Meter entfernt an der Strecke postiert, die Lefeber nach Frankes Auskunft zur Schule nahm. Da man nicht wusste, ob er bewaffnet war, sollte der Zugriff außerhalb des Wohngebiets stattfinden. Doch entweder hatte Lefeber Lunte gerochen, was Hartmann bezweifelte, oder er hatte ausgerechnet heute beschlossen, von seiner Gewohnheit abzuweichen.

Das Schloss knackte. Die Haustür sprang auf. Atemlos lauschten die Polizisten: Falls es eine Alarmanlage gab, wäre sie in diesem Moment ausgelöst worden. Doch im Haus herrschte Totenstille.

»Werner?«, ertönte es fordernd aus dem Lautsprecher des Walkie-Talkies. »Was ist denn nun?«

Hartmann musste umgehend eine Entscheidung treffen. Das Leben der Jungen hatte allerhöchste Priorität.

»Fahr zur Schule, Felix. Sobald wir hier fertig sind, komme ich nach. Unternehmt nichts ohne uns.«

Der Techniker räumte seinen Platz.

»Und ruf die Franke an. Sie soll sich keine Sorgen machen.«

Hartmann trennte die Verbindung und atmete tief durch, dann nickte er dem Leiter des Sondereinsatzkommandos zu und stieß mit dem Stiefel die Tür weit auf. Die vermummten Polizisten stürmten das Haus.

Überall Fliesenboden im Erdgeschoss, selbst im Wohnzimmer. Hartmann hatte nie verstanden, was die Leute veranlasste, diesen Bodenbelag in Wohnräumen zu wählen. Ansonsten war der Raum modern und geschmackvoll eingerichtet. Wenige ausgesuchte Möbel mit klaren Linien, eine Orchidee auf einem Esstisch aus Stahl mit Glasplatte, ein intensiv leuchtendes abstraktes Bild an der Wand über dem verglasten Kamin.

Hartmann öffnete eine Tür, hinter der er die Kellertreppe vermutete. Sein Blick fiel in einen Vorratsraum, angefüllt mit Konserven und Getränken. Eine Durchreiche, die einen Blick in die Küche gestattete. Reste eines Frühstücks: ein benutztes Messer, ein mit Brotkrümeln übersätes Schneidebrett und – ein wenig ungewöhnlich – eine kleine Pfanne auf dem Herd mit etwas, das wie gebratenes Fleisch aussah. Nun nahm Hartmann auch zum ersten Mal bewusst den würzigen Geruch wahr, der das Erdgeschoss erfüllte.

Er öffnete eine zweite Tür, die vom Flur abging – und sah die Treppe, die in den Keller hinabführte. »Wir fangen unten an«, befahl er und nahm bereits die ersten Stufen.

Im Untergeschoss fanden sie einen Heizungskeller, einen weiteren Vorratsraum und eine Waschküche vor. Die vierte Tür war abgeschlossen, der Schlüssel fehlte.

Hartmann versuchte, durch das Schlüsselloch zu spähen, doch es schien von innen verdeckt zu sein. Ein seltsames Brummen war hinter der Tür zu vernehmen.

Hartmann hämmerte dagegen. »Ist da jemand?«

Kein Laut.

Hartmann holte aus und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Die Klinke löste sich und fiel klirrend zu Boden, eines der Scharniere riss aus und die Tür knirschte in den Angeln, als sie sich in der Zarge verklemmte und den Eingang zum Raum blockierte. Eine ganze Wolke schillernder Schmeißfliegen bahnte sich ihren Weg in den Flur.

Die Polizei hatte gefunden, wonach sie gesucht hatte. Doch sie waren zu spät gekommen, die beiden Jungen waren tot. Denn was der Gymnasialreferendar für Kunst und Deutsch Adam Richard Lefeber ihnen angetan hatte, konnte kein Mensch überleben.

*

Hartmann nahm kaum etwas von seiner Umgebung wahr. Er fühlte sich wie betäubt, in einen Kokon eingesponnen, isoliert von der Außenwelt. Das atmosphärische Knistern und die formelhaften Anweisungen im Polizeifunk stellten kaum mehr als ein Hintergrundgeräusch dar.

An den Seitenfenstern des Einsatzwagens glitten die Leitplanken der A 661 vorüber, ein endloses schmutzig graues Metallband. Die wenigen Luxuskarossen, die auf der Überholspur unterwegs waren, wichen erschrocken zur Seite, sobald sie das Blaulicht im Rückspiegel aufblitzen sahen. An der Anschlussstelle Friedberger Landstraße verließ Hartmann die Autobahn, zwei Kilometer noch bis zum Nibelungenplatz und dann wenige Meter bis zum Rose-Schlösinger-Gymnasium.

Hartmanns Miene war starr, aber in seinem Inneren tobte ein Sturm. In den Jahren, in denen er bei der Frankfurter Kripo arbeitete, hatte er aus erster Hand erfahren, was Menschen einander antaten, wenn sie gierig, wütend oder sexuell enthemmt waren. Aber was er im Hobbyraum des rosenumrankten Riedberger Reihenhauses vorgefunden hatte, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen.

Nur mit Mühe gelang es ihm, seinen Zorn zu bändigen. Zum Glück saß er alleine im Auto. Alleine mit den grauenerregenden Bildern von zwei zwölfjährigen Jungen, gefesselt auf einander gegenüberstehenden gynäkologischen Untersuchungsstühlen, die Leichen übel zugerichtet.

Hartmann hielt sich für hartgesotten, doch selbst Felix Abel, mit fünfzehn Dienstjahren mehr auf dem Buckel, hatte beim Anblick der gemarterten Kinder überstürzt den Keller verlassen. Hartmann hatte ihn vor dem Haus gefunden, eine Zigarette in den zitternden Fingern, mit unablässig mahlenden Kiefern.

Glauburgstraße. Weberstraße. Rechts abbiegen. Er parkte den Wagen direkt in der Feuerwehrzufahrt. Der Schulhof war menschenleer, der Unterricht hatte vor einer Stunde begonnen. Auf der anderen Straßenseite konnte die Zivilstreife mit den Kollegen an der Straßenecke ein weiteres Polizeifahrzeug ausmachen, ebenfalls in Zivil.

Hartmann stieg aus und nickte deutlich sichtbar. Sofort sprangen die Türen der Autos auf, und wie zuvor in der Renoirallee tauchten ohne Ankündigung zwei Krankenwagen und ein Notarztwagen sowie mehrere Streifenwagen auf und rollten auf den Eingang des Schulhofs zu. Ein Kindergesicht tauchte hinter einem Fenster im Obergeschoss auf, dann erschienen Dutzende weitere Köpfe, die jedoch ebenso schnell wieder verschwanden – vermutlich hatten die Lehrer ein Machtwort gesprochen. Hartmann bedeutete den Kollegen, auf dem Gehweg zu warten und betrat den Schulhof.

Kaum hatte er das Funkgerät abgesetzt, schwang die dunkle Holztür des Haupteingangs auf und Lefeber trat schwungvoll heraus. Noch bevor er die erste Treppenstufe erreichte, entdeckte er hinter der Schutzmauer das Blaulicht des Krankenwagens, und dann Hartmann. In der Morgensonne funkelten die grünen Augen des Lehrers wie Turmaline.

Hinter der Glasfront der Tür erschien eine rote Lockenmähne, das musste Ina Franke sein. Lefeber machte auf dem Absatz kehrt. Er riss die Tür auf, zerrte Franke an den Haaren mit sich und verschwand im Dunkel des Eingangs. Die Frau schrie auf, die Tür fiel zu.

Verdammte Scheiße!

Hartmann winkte die Kollegen heran. Er zog seine SIG Sauer P6 aus dem Holster und nahm die Eingangstreppe in wenigen Schritten. Oben auf dem Absatz hielt er inne und wagte einen Blick durch die Glasscheibe. Lefeber drehte sich hektisch um die eigene Achse, einen Ausweg suchend, wobei er Ina Franke mitschleifte. Dabei kreuzten sich Hartmanns und sein Blick plötzlich in der Scheibe.

Lefeber presste Franke an sich und hielt ihr ein Cuttermesser an die Kehle – eines von der Art, mit der man Linoleum schneidet. Hartmann schob langsam die Tür auf. Der Lauf seiner entsicherten Waffe deutete schräg auf den Boden, den ausgestreckten Zeigefinger hatte er neben den Abzug gelegt.

Er hatte gute Lust, dem Kerl an Ort und Stelle eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Aber Werner Hartmann war Profi. Er atmete tief durch.

»Können wir rausgehen auf den Hof?«

»Ganz sicher nicht«, plärrte Lefeber. »Für wie dumm halten Sie mich?«

»Kommen Sie, Herr Lefeber. So ein billiges Theater haben Sie doch gar nicht nötig.« Hartmann deutete mit einem Kopfnicken auf Lefebers verängstigte Geisel. »Lassen Sie Frau Franke gehen.«

»Und dann?« Lefebers Stimme nahm einen beinahe weinerlichen Tonfall an.

»Dann reden wir.«

»Worüber?«

»Worüber Sie möchten. Vielleicht – wie ich Ihnen helfen kann.«

»Sie können mir nicht helfen.«

»Die Jungen«, sagte Hartmann und ließ das Wort eine Weile nachwirken.

Der Geiselnehmer sah ihn durchdringend an. »Was? Was ist mit den Jungen?«

»Die beiden haben Sie provoziert, nicht wahr, die sauberen Früchtchen. Haben ihren Lehrer … verführt.«

Lefeber schien nachzudenken. Dann nickte er fast wie in Zeitlupe. »Sie haben mich geradezu angebettelt. Schon im Unterricht haben sie mir immer diese Blicke zugeworfen. Diese unschuldigen Blicke. Ich wollte es nicht.« Ein feuchter Schleier legte sich auf seine Augen. »Ich wollte es wirklich nicht. Aber diese kleinen verdorbenen …«, Lefebers Stimme versagte.

»Es ist nicht Ihre Schuld«, beschwichtigte ihn Hartmann. Er klang jetzt wie ein Vater, der seinem Sohn tröstend durchs Haar fuhr. Nur der hohe Adrenalinpegel in seinem Blut verhinderte, dass der Ekel vor diesem Ungeheuer ihn überwältigte. »Nicht Ihre Schuld«, wiederholte er. »Das wird das Gericht sicher anerkennen.«

In Lefebers Ausdruck schlich sich Verwunderung. Plötzlich fixierte er Hartmanns Pistole, deren Mündung auf eine unbestimmte Stelle am Boden direkt vor seinen Füßen zeigte.

»Keine Gerichtsverhandlung! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen«, sagte er trotzig und drückte die Klinge des Cuttermessers noch etwas fester an Ina Frankes Hals, was sie mit einem Wimmern quittierte. Hartmann hob die Waffe. »Lefeber, seien Sie vernünftig! Sie lassen jetzt die Frau gehen und dann besprechen wir alles Weitere.«

Die Tür hinter Hartmann wurde aufgerissen.

»Werner!«, hörte er Felix Abel keuchen. Sein Kollege stand mit gezückter Waffe neben ihm.

»Hau ab, Felix!«, herrschte Hartmann ihn an, aber es war bereits zu spät. Lefeber wich einen Schritt zurück, dann noch einen. Was auch immer sich gerade zwischen dem Polizisten und dem Geiselnehmer angebahnt hatte, war jäh beendet.

»Verschwindet!«, schrie der Lehrer, »Beide! Sofort raus!«

Abel ging langsam rückwärts, die Tür quietschte, als er das Gebäude verließ.

»Geben Sie auf, Mann. Sie haben doch keine Chance.«

»Ich weiß, aber Ina auch nicht«, stellte er nüchtern fest.

In diesem Moment machte Franke einen letzten verzweifelten Versuch, sich loszureißen. Ihr Fuß schnellte hoch und traf Lefeber in die Genitalien. Der Mann krümmte sich, im Reflex riss er Franke beinahe zu Boden. Mit einem gequälten Grinsen zog er die Klinge quer über ihren Hals. Blut spritzte aus der klaffenden Wunde hervor. Mit einem Aufschrei stürzte Franke zu Boden und umklammerte ihren Hals. Ein feiner roter Sprühregen schoss zwischen ihren Fingern hervor.

Hartmanns Gehirn brauchte eine Millisekunde, um das Geschehen zu verarbeiten und zu reagieren. Die Verhandlungsphase war ganz offensichtlich beendet.

»Nur zu!«, schrie Lefeber. Klappernd fiel das Messer zu Boden. Hartmann wusste zuerst nicht, was er meinte. Dann registrierte er, dass seine Waffe auf Lefebers Kopf gerichtet war.

»Los doch, erschießen Sie mich!«

Hartmann betrachtete die Szenerie ungläubig, bis die Vernunft Oberhand gewann. Franke war schwer verletzt, Lefeber unbewaffnet. Er steckte die Waffe ein und setzte sich in Bewegung, um der verblutenden Frau zu helfen. Sie lag auf dem Rücken, während die rote Lache unter ihrem Kopf von Sekunde zu Sekunde größer wurde.

»Erschieß mich doch endlich, du Bullensau!«, kreischte Lefeber hysterisch.

Hartmann versetzte ihm einen Fausthieb in den Magen. Lefeber stieß ein Grunzen aus, krümmte sich, fiel auf den Rücken und blieb regungslos liegen.

Hartmann kniete sich neben Franke, ungeachtet der Blutlache. Er versuchte, mit der Hand die verletzte Halsarterie zu ertasten, um sie abzuklemmen. Das Gesicht der Frau war wächsern und totenbleich.

Ich verliere sie, dachte er. Draußen stehen dutzendweise Helfer und ich verliere die Frau.

Endlich hörte er sich selbst mit voller Lautstärke nach einem Notarzt rufen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Tür aufschwang und die Rettungssanitäter hereinstürmten.

Hartmann überließ die Frau den Sanis. Lefeber hatte sich aufgerappelt, saß, den Rücken an die Wand gelehnt, breitbeinig und benommen da.

»Warum haben Sie mich nicht erschossen?« Mit feuchten Augen sah er Hartmann verständnislos an.

Hartmann lächelte grimmig. »Du Scheißkerl!«, zischte er unbeherrscht.

Blitzschnell holte er aus und trat Lefeber mit voller Wucht in die Genitalien. Und schlug abermals zu, während der Mann sich vor Schmerzen auf dem Boden wand. Erst als Abel ihn an der Schulter packte und von Lefeber wegzog, kam er wieder zu sich. Er ließ von dem Mann ab, der zwei zwölfjährige Jungen zu Tode gefoltert hatte und vielleicht bald noch ein weiteres Opfer zu verantworten hatte. Ein dunkler Fleck breitete sich in Lefebers Schritt aus.

Hartmann wandte sich angewidert ab.

*

Die wenigen im Lehrerzimmer Anwesenden staunten nicht schlecht, als die Tür aufschwang und eine Gruppe Polizisten sowie ein Mann im weißen Overall mit einem großen Rollkoffer hereinmarschierten und sich im Raum umsahen. Die Hose eines Polizisten wies an seinen Hosenbeinen in Höhe der Knie Flecken auf. Er wischte sich mit einem Taschentuch die blutigen Hände ab.

Der Mann im Overall steuerte direkt auf die beiden Kühlschränke zu und riss die Türen auf.

»Weiß jemand, welche Dinge Lefeber gehören?«

Ein Kahlkopf mit Lederjacke und krausem Bart schob sich an ihm vorbei und deutete auf ein Behältnis aus Edelstahl, während sich der Mann im Overall Einweghandschuhe überstreifte.

Der Polizist öffnete das Behältnis. Es enthielt ein Vesperbrot. Er klappte es auf und begutachtete den Belag. Dann klappte er die Dose wieder zu.

»Vegetarischer Brotaufstrich. Kauft meine Frau auch immer im Reformhaus. Außer dem Hund rührt das Zeug bei uns zu Hause keiner an.« Er drückte dem Kollegen mit der blutverschmierten Hose das Behältnis in die Hand und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die Tür.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte der Polizist und nickte seinen Kollegen zu. Danach fiel die Tür hinter der Truppe ins Schloss und die Lehrer des Rose-Schlösinger-Gymnasiums blieben wieder sich selbst und ihrer Ratlosigkeit überlassen.

Der Kahlkopf mit der Lederjacke schüttelte den Kopf. »Kann mir mal jemand erklären, was das zu bedeuten hat?«

2013

Dienstag, 1. Oktober

Nora sah ungeduldig auf die Uhr. Schreyer, Dienststellenleiter des Zentralen Polizeipsychologischen Dienstes ZPD und seit heute ihr neuer Chef, ließ sie seit zwanzig Minuten im Vorzimmer warten. Hartmann hatte das nie getan. Hartmann, Leiter der fünften Mordkommission im Frankfurter Polizeipräsidium, die Nora vor vier Wochen verlassen hatte, um hier ihre neue Aufgabe als Psychologin anzutreten. In Hartmanns Team an der Adickesallee hatte eine Politik der offenen Tür geherrscht.

Nora blickte einmal mehr auf die verschlossene Tür zu Schreyers Büro und fragte sich, ob der Wechsel in diese Stabsstelle ein Fehler gewesen war. Doch es war wohl unangebracht, bereits am ersten Arbeitstag ihre jüngste Karriereentscheidung in Zweifel zu ziehen.

»Ich frage mal nach, wie lange es noch dauert.« Schreyers Sekretärin, eine zerknitterte Schwarzhaarige mit etwas zu viel Rot auf den Lippen und mütterlicher Miene, stand auf und klopfte. Nach einer gedämpften Aufforderung steckte sie den Kopf durch die Tür, nur um sie gleich wieder zu schließen.

»Sie sind jeden Moment fertig.«

Es dauerte noch eine Ewigkeit, bis sich die Tür zu Schreyers Büro öffnete und der Dienststellenleiter hinaustrat, einen Mann im Schlepptau, den Nora in unangenehmer Erinnerung behalten hatte. Seine Anwesenheit überraschte sie. Umgekehrt schien das nicht der Fall zu sein.

»Frau Winter, wenn ich mich recht erinnere? Von der MK5?«

Dr. Broussier, der inzwischen zur rechten Hand des Innenministers aufgestiegen war und dem man eine von heißer Luft getriebene Karriere in der Innenpolitik voraussagte, begrüßte sie mit einem wachsweichen Händedruck. Nora erwiderte ihn – widerwillig. Broussier hatte ihr und dem Team der Mordkommission bei der Jagd nach dem Drachentöter genannten Prostituiertenmörder vor drei Jahren die Hölle heißgemacht. Immerhin hatte er dann bei der abschließenden Pressekonferenz ein paar lobende Worte für Hartmann und ihren Kollegen Gideon Richter gefunden. Ein unerwartet fairer Zug für einen Mistkerl wie Broussier, wie Nora fand. Dass er sich noch an ihren Namen erinnern konnte, schmeichelte ihr. Obwohl die meisten erfolgreichen Manager und Politiker ein überdurchschnittlich gutes Namengedächtnis besaßen.

»Seit heute nicht mehr MK5, sondern ZPD.«

Broussier sah Schreyer überrascht an. »Glückwunsch, Herr Schreyer. Sie gewinnen eine kompetente und … einfühlsame Mitarbeiterin.«

Der ironische Unterton entging ihr nicht. Broussier lächelte, doch seine Augen blieben kalt wie Eis.

Nora lächelte ebenso falsch zurück. Sie würde keine neue Front eröffnen, nicht bevor sie ein erstes Gespräch mit ihrem Chef geführt hatte. Broussier rauschte davon, in eine Wolke Aftershave gehüllt, die mit jedem Duftmolekül Männlichkeit ausstrahlen sollte. Nora versuchte, sich daran zu erinnern, ob Broussier bei der Sitzung damals denselben anthrazitfarbenen Anzug getragen hatte.

»Kaffee?« Schreyers Stimme riss Nora aus ihren Erinnerungen. Sie nahm das Angebot gerne an, die lange Wartezeit hatte sie ermüdet. Er bestellte einen Kaffee bei seiner Sekretärin, die er zwanglos Siggi nannte. Sie gingen in sein Büro, das abgesehen von einem kugelförmigen Kaktus in einem in schreienden Farben selbst bemalten Übertopf keinerlei persönliche Note besaß.

»Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Frau Winter?«

»Danke, alles bestens. Auch wenn Computer und Telefonanschluss meine Arbeit erheblich … erleichtern würden.«

Schreyer sah sie ungläubig an. »Sie haben noch immer keinen Rechner?« Er griff zum Telefon, ließ sich mit der Technik verbinden und gab ihr eine Kostprobe seiner Autorität, indem er seinen Gesprächspartner zur Schnecke machte und ihm die Zusage abrang, schnellstmöglich einen nagelneuen PC und ein funktionierendes Telefon in Noras Büro zu installieren. Dann verließ er kurz den Raum. Durch die offene Tür hörte Nora, wie er die Sekretärin anwies, Nora übergangsweise ihren Laptop zu leihen. Der Protest wurde ignoriert. Schreyer kehrte zurück; kurz darauf knallte ›Siggi‹ ihren Laptop vor Nora auf den Tisch. Ihre fürsorgliche Miene war einem harten Blick gewichen.

»Herzlich willkommen im ZPD, Frau Kollegin«, sagte Schreyer. »Sie werden Verständnis dafür haben, dass uns für eine lange Einführung die Zeit fehlt. Tatsächlich bin ich froh, dass wir Verstärkung bekommen haben, denn es wartet bereits eine interessante Aufgabe auf Sie. Eine echte Herausforderung.«

Nora sah ihren Chef abwartend an.

Er holte tief Luft. »Was halten Sie von der Resozialisierung?«

»Ich verstehe die Frage nicht.«

»Wie schätzen Sie die Resozialisierbarkeit von Tätern mit schweren Delikten ein? Ich rede von Kapitalverbrechen. Mord, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwerer Raub.«

Nora versuchte, sich die Ergebnisse einer amerikanischen Studie zu vergegenwärtigen, die sie vor einigen Monaten in The Lancet gelesen hatte, einem medizinischen Fachjournal, das die Studien diverser Nobelpreisträger veröffentlicht hatte.

»Die verschiedenen Strömungen der Neurologie und Psychiatrie vertreten da unterschiedliche Standpunkte. Ein Forschungsteam, das mit einem mobilen Kernspintomografen durch die USA gereist ist und die Gehirne mehrerer Dutzend Psychopathen gescannt hat, behauptet, bei diesen Leuten neurologische Gemeinsamkeiten entdeckt zu haben. Veränderte Gehirnregionen im Bereich der Amygdala. Als ob diesen Menschen der Hang zur Gefühlskälte genetisch in die Wiege gelegt worden sei. Aber das Gehirn ist ständigen Veränderungen unterworfen. Die Fachleute sind sich uneinig, ob die Veränderungen Ursache oder Folge des pathogenen Verhaltens sind.«

»Ich interessiere mich mehr für Ihre persönliche Einschätzung.«

»Ob man jemanden wie den Kannibalen von Rotenburg jemals wieder auf die Menschheit loslassen kann?«

»So in etwa.«

Nora dachte eine Weile nach. Was wollte Schreyer von ihr hören? Was sie bisher zu dem Thema geäußert hatte, war lediglich die Zusammenfassung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die sie unreflektiert übernommen hatte. Bisher hatte sie nicht genug Zeit gehabt, um sich eine fundierte Meinung zu bilden.

»Ich denke, das kommt immer auf den Einzelfall an. Man muss die Betroffenen und ihr Umfeld genau durchleuchten. Ein vorschnelles Urteil ist in jedem Fall ein Fehlurteil.«

Schreyer lächelte salomonisch. Dieses Mal lächelten seine Augen mit. »Sie würden eine gute Pressesprecherin abgeben.«

Nora nahm das Kompliment hin. Aber anscheinend reichte ihm ihre Antwort nicht aus.

»Abhängig von den Hintergründen der Straftat würde ich sagen: Wenn jemand Therapiewillen zeigt, behutsam auf die Freiheit vorbereitet und nach der Freilassung in das richtige Umfeld integriert wird sowie eine angemessene Betreuung erhält, ist eine erfolgreiche Wiedereingliederung möglich«, fuhr sie fort. »Und diese Maßnahmen dürften auch für den Staat kostengünstiger als eine jahrelange Sicherungsverwahrung sein.«

Schreyer lächelte, offenbar zufrieden mit Noras Einstellung. Er wühlte in seinen Akten.

»›Haidn gegen den deutschen Staat‹ – sagt Ihnen das etwas?«

Nora hatte davon gehört. Der Insasse einer psychiatrischen Klinik in Bayreuth hatte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erfolgreich gegen die nachträglich gegen ihn angeordnete Sicherungsverwahrung geklagt. Die Sache hatte 2011 für große Unruhe in der Adickesallee gesorgt. Man hatte laut darüber nachgedacht, die Abteilung für Kapitalverbrechen erheblich aufzustocken.

»Wir haben drei Kandidaten in der JVA Schwalmstadt, die infrage kommen. Zweimal mehrfacher Mord, einmal pathologischer Betrug in Verbindung mit Freiheitsberaubung im Wiederholungsfall. Der Termin vor dem Haftrichter ist in vier Wochen. Wir brauchen drei Risikoprognosen.«

»Macht das nicht üblicherweise ein Externer?«

Für diese Art Gutachten wurde in der Regel ein unabhängiger Sachverständiger hinzugezogen, der Erfahrung mit der psychologischen Analyse rückfallgefährdeter Straftäter hatte. Jemand vom Format eines Universitätsprofessors.

»In diesem Fall geht es nicht um die Beurteilung ›Sicherungsverwahrung: Ja oder Nein‹. Sondern um die Frage, wie die Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando mit diesen Leuten umgehen sollen, sobald sie auf freiem Fuß sind. Diese Art Gutachten erstellen wir intern, das ist unkomplizierter.«

Unkomplizierter, kontrollierbarer, billiger, dachte Nora.

»Und was ist mit ZÜRS?« Die Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter, kurz ZÜRS, war im Jahr 2008 genau zu diesem Zweck innerhalb der hessischen Polizei eingerichtet worden.

»Allein in Hessen muss ZÜRS über hundertfünfzig Personen betreuen. Denen fehlen die Ressourcen für diese zusätzlichen Aufgaben. Außerdem«, Schreyer zauderte, »erscheinen mir die dortigen Kollegen sehr … konservativ.«

Es war bekannt, dass die allermeisten ›Kunden‹ von ZÜRS in der intensivsten Überwachungsstufe landeten. Und je mehr Beamte ein Ehemaliger im Schlepptau hinter sich herzog, umso schwieriger gestaltete sich erfahrungsgemäß die Wiedereingliederung.

Schreyer klappte die Akte zu und schob mit einem Ächzen drei Ordner über den Tisch. Nora stapelte die gewichtigen Dokumente auf ihrem Schoß.

»Vier Wochen ist nicht das, was ich unter ›die Betroffenen und das Umfeld genau durchleuchten‹ verstehe.«

»Ich mache die Terminvorgaben nicht. Ich versuche lediglich, sie einzuhalten.« Schreyer zuckte entschuldigend die Schultern. »Auftauchende Fragen besprechen Sie am besten direkt mit mir. Siggi wird Sie terminlich irgendwie reinquetschen.«

Obwohl es vermutlich nett gemeint war, kam es genauso bei Nora an, wie Schreyer es gesagt hatte: irgendwie reinquetschen. Eine Politik der offenen Tür klang anders.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer neuen Aufgabe.« Mit diesen Worten erhob sich Schreyer und streckte ihr die Hand entgegen. Das Gespräch war beendet. Als Nora den Raum verlassen wollte, hievte er den Laptop auf den Aktenberg. Ihre Arme schmerzten bereits von der Last.

Während Nora das Vorzimmer durchquerte, würdigte die Sekretärin sie keines Blickes.

Freitag, 4. Oktober

Der Besucherparkplatz der JVA Schwalmstadt war überraschend gut gefüllt: Zwei Reisebusse, einer davon mit ostdeutschem Kennzeichen, eine dunkle Limousine mit Fahrer, der in der BILD blätterte, und ein gutes Dutzend Pkws, deren Embleme sie als Dienstfahrzeuge hessischer Radiosender oder Zeitungen auswiesen, machten es Nora nicht leicht, einen Platz für ihren dunkelgrünen Mini zu finden. Sie stellte den Motor ab, ließ ihren Blick über die abweisende dunkelgraue Klinkerfassade des Gebäudes wandern und stieg aus.

Das Haupttor lag ein Stück entfernt an der Ostseite; es herrschte Stille, nur hin und wieder drangen laute, aufgeregte Stimmen herüber. Noras Absätze klapperten auf dem Asphalt. Vielleicht hätte sie doch lieber flache Schuhe anziehen sollen.

Als sie um die Ecke bog, stockte ihr beim Anblick der Menschenmenge vor dem Eingang der Atem. Die Insassen der Busse – wie Nora annahm – hatten mit selbst gemachten Transparenten vor dem Tor Stellung bezogen und skandierten Kampfparolen. Todesstrafe für Kinderschänder stand auf einem Plakat, Wer schützt die Opfer? auf einem anderen; die bunten Buchstaben sahen aus wie mit Fingerfarben von Kinderhand gemalt. Entlang der Mauer hatte jemand Teelichter in einer langen Reihe auf den Boden gestellt, deren eine Hälfte bereits erloschen war, während die andere heftig flackerte.

Fotografen und Kamerateams schoben Gruppen von Demonstranten vor sich her, auf der Suche nach dem idealen Hintergrund – darauf bedacht, mindestens einen der schwarz gewandeten Glatzköpfe ins Bild zu bekommen, die sich bemühten, unauffällig im Hintergrund zu agieren.

Unter den Reportern entdeckte Nora ein bekanntes Gesicht: Martin Kanther. Er arbeitete in der Redaktion der Tageszeitung, die ihrem Vater gehörte, und sollte offensichtlich über die Aktion berichten. Er hatte mindestens zwanzig Kilo abgenommen und trug eine neue Brille, die seinem alten schwarzen Kunststoffgestell zwar sehr ähnlich sah, aber mit einem Markenlogo am Bügel protzte. Nerds waren offensichtlich wieder in Mode.

Sobald er sie erblickte, steckte er den Notizblock ein und gesellte sich zu ihr.

»Hallo, Nora. Besuchszeit ist von dreizehn bis siebzehn Uhr.«

»Ich bin dienstlich hier.«

»Das hatte ich fast vermutet.«

Nora lächelte, den Teufel würde sie tun und Kanther den Grund ihres Besuchs mitteilen. »Worum geht es hier eigentlich?«, fragte sie stattdessen.

Kanther sah sie verwundert an. »Drei gefährliche Schwerverbrecher sollen demnächst aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden, weil unsere Justiz nach Meinung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen die Menschenwürde verstößt. Die rechte Szene nutzt das, um Werbung für sich zu machen.« Mit einem Seitenblick verwies er auf zwei grimmig dreinblickende Kahlköpfige, die ein weiteres Plakat entrollten.

»Und ihr bietet ihnen die passende Plattform«, merkte Nora sarkastisch an und hob die Hand, als Kanther Einspruch erheben wollte. »Sorry, Martin, ich muss weiter, ich hab um zehn eine Besprechung.«

»Du kannst mir nicht vielleicht einen kleinen Tipp geben, worum es dabei geht?«, rief er ihr hinterher.

Das wirst du noch früh genug erfahren, dachte Nora und stieg über die Lichterkette hinweg.

Kurz bevor sie die Pforte erreichte und den Klingelknopf betätigen konnte, schloss ein hagerer Schatten von rechts auf. Die Überwachungskamera über der Tür starrte auf jeden Besucher herunter wie ein Wasserspeier an einer Kirchenfassade. Der Summer ertönte und ein Arm schob sich an Nora vorbei, um die Tür aufzudrücken.

Sie blickte verdutzt zur Seite. Der Mann, der ihr – ganz Gentleman – die Tür aufhielt, war etwas größer als sie und beinahe kahlköpfig, wenn auch auf attraktive Weise, ein etwas zu schmal geratener Bruce Willis. Sein Teint wies eine natürliche Bräune auf, wie jemand, der einen großen Teil des Tages an der frischen Luft verbringt; seine Züge waren asketisch, die Lippen schmal. Er mochte Ende vierzig, Anfang fünfzig sein. Seine blauen Augen blitzten, als er ihr den Vortritt ließ. »Nach Ihnen.«

Nora bedankte sich und trat durch das Tor, gefolgt von ihrem Kavalier. Es dauerte eine Weile, bis ihre Augen sich an das künstliche Licht gewöhnt hatten. Das Eingangstor bestand aus massivem Stahl, die nächste Tageslichtquelle war weit entfernt. Links von ihr befand sich die Pförtnerloge, durch grün schimmerndes Panzerglas gesichert, direkt vor ihr eine schnörkellose Gittertür.

»Morgen, Doktor Albrecht«, ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher an der Pforte. Mit einem Schnarren sprang das Gitter auf. Der Kavalier schob mit seinem Arztkoffer das Tor auf und schritt hindurch. Nora sah ihm nach. Er drückte die Gittertür von innen zu. Dabei blieb sein Blick an Noras hängen, ein Lächeln auf seinen Lippen. Der Blickkontakt währte ein paar Sekunden länger als Nora angemessen fand. Sie verspürte ein Kribbeln im Nacken.

Die schnarrende Stimme war abermals zu hören. »Sie wünschen?«

»Nora Winter vom ZPD der hessischen Polizei. Ich habe einen Termin mit der Anstaltsleitung.«

Wortlos wandte sich der Pförtner ab und griff zum Telefon.

»Es kommt jemand. Einen Augenblick bitte«, teilte er ihr Sekunden später mit.

Als Nora wieder zum Gitter blickte, war der Doktor verschwunden.

*

Broussier sah Nora ungläubig an. »Sie möchten die Zellen sehen? Bevor Sie mit den Häftlingen sprechen?«

Schon beim Betreten des Büros von Gefängnisdirektor Dr. Rauch war ihr der unverwechselbare Duft in die Nase gestiegen. Ihre Ahnung, wem die dunkle Limousine gehörte, die sie auf dem Parkplatz gesichtet hatte, bestätigte sich, als sie Broussier in einem Besuchersessel entdeckte. Er war damit beschäftigt, auf seinem iPad herumzuhämmern.

Der Referent sah ratsuchend zu Dr. Rauch, dem Direktor der JVA Schwalmstadt. Der zuckte mit den Schultern.

»Ich muss in eineinhalb Stunden den Innenausschuss leiten.« Broussier legte eine bedeutungsschwere Pause ein. »Ich fürchte, für solche Besichtigungstouren fehlt mir die Zeit.«

Nora räusperte sich. »Ich glaube nicht, dass Ihre Anwesenheit erforderlich ist, Herr Broussier.«

»Doktor Broussier hat das Thema zur Chefsache erklärt«, warf Rauch ein, bemüht, sich seine Belustigung nicht anmerken zu lassen.

Kam es Nora nur so vor, oder wirkten die Wände des Büros mit einem Mal erdrückend? Die ganze Sache wurde ihr entschieden zu politisch, noch bevor sie richtig angefangen hatte.

»Ich denke, es gibt auch ein logistisches Problem, nicht wahr, Doktor Rauch? Wo sollen wir die Subjekte unterbringen, während Frau Winter die Zellen besichtigt?«

Bevor Nora Broussier darauf hinweisen konnte, was für einen Unsinn er von sich gab, weil Sicherungsverwahrte innerhalb ihres Trakts ohnehin Bewegungsfreiheit genossen, schritt Rauch beschwichtigend ein.

»Das bekämen wir schon irgendwie hin.«