Umschlag

Jan Mehlum

Kalte Wahrheit

Kriminalroman

Aus dem Norwegischen von
Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann

Der Autor

Jan Mehlum, 1945 in Tønsberg/Norwegen geboren, ist Diplom-Ökonom und Soziologe. Er hat u. a. als Lehrer, Auslandsexperte, Gesellschaftsforscher und Dozent für Soziologie an der Universität Vestfold gearbeitet.

Seine Krimis um Svend Foyn landen in Norwegen regelmäßig auf der Bestsellerliste und wurden unter anderem mit dem ›Rivertonpris‹ für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Jan Mehlum lebt in Tønsberg.

www.janmehlum.no

1

Ich weiß nicht, wieso ich die Schritte im Flur so deutlich hörte. Die Bürotür war geschlossen und die Schritte waren nicht schwer. Ich hatte mich darauf konzentriert, an gar nichts zu denken – eine schwierige Übung, die ein gewisses Training erfordert. Trotzdem hörte ich langsame Schritte im Flur, die schließlich vor meiner Tür verstummten.

Meine Hündin Hulda hingegen merkte anscheinend gar nichts, während sie auf dem Sofa lag und vor sich hindöste.

Dann wurde es still. Ich warf einen Blick auf die Wanduhr. Sie würde gleich fünf schlagen, sofern sie überhaupt funktionierte, was derzeit das einzige Spannungsmoment im Büro ausmachte. Es war Freitag, wir schrieben das Jahr 2013, und seit dem letzten Frühjahr war ich nicht jünger geworden. Klüger auch nicht.

Nichts geschah.

Ich überdachte verschiedene Möglichkeiten. Alice könnte den infolge der Trennung von ihrem Mann erzwungenen Zölibat aufgegeben und sich entschlossen haben, mich unbedingt treffen zu müssen, ungeachtet der Konsequenzen. Allerdings erschien mir das nicht sehr wahrscheinlich, da der Drecksack den kompletten juristischen Apparat angeworfen hatte, um sich das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu erkämpfen, die er kaum sah. – Wilhelm Mørk könnte sich zu einem Übergang von handgenähten italienischen Schuhen mit Ledersohle zu leichten Joggingschuhen entschlossen haben. – Meine Tochter war plötzlich aus Berlin zurück nach Hause gekommen. – Oder wahrscheinlicher: Meine Steuerberaterin hatte die Situation als derart ernst eingeschätzt, dass sie mir die düsteren Aussichten höchstpersönlich schildern wollte. Doch ich verwarf auch diese Möglichkeit. Es hätte sich um Überstunden gehandelt. Auch wenn sie ein Herz aus Stein besaß, würde sie es doch nicht wagen, mich mit zusätzlichen Ausgaben zu belasten.

Vielleicht waren die Schritte ja nur ein Traum, der unterdrückte Wunsch nach einem aufmunternden Schreiben von der norwegischen Lottogesellschaft oder einer Benachrichtigung über das gewonnene Preisausschreiben beim Verein der Jaguarfahrer oder nach dem Brief einer unbekannten Verehrerin, die darauf brannte, mir ihre Liebe zu erklären. Ich hatte ein ganzes Semester Psychologievorlesungen besucht, ehe ich die Versuche mit Ratten endgültig leid war. Soweit ich mich erinnerte, hätte der letzte Wunsch die Vorstellungen dieses Fachbereichs über unser inneres Leben bekräftigt.

Das Klopfen an der Tür war leicht, nahezu unmerklich. Federleicht, dachte ich.

»Herein«, sagte ich und schwang die Beine vom Schreibtisch. »Es ist offen«, fuhr ich fort, als nichts passierte. Langsam wurde ich neugierig.

Vorsichtig wurde die Tür geöffnet. Nie zuvor war mir aufgefallen, dass sie knarrte. Was daran liegen konnte, dass meine Besucher in der Regel schlechte Manieren hatten und die Tür aufrissen, ohne eine Aufforderung zum Hereinkommen abzuwarten. Ich beschloss, die Angeln zu ölen.

Das Mädchen, das sich in der Türöffnung zeigte, war groß und dünn. Sie mochte vielleicht vierzehn oder fünfzehn sein, noch immer ein Kind, aber auf dem besten Weg, zu einer jungen Frau heranzureifen. Dass ihr Gesicht von Sommersprossen übersät war und sie rote Haare hatte, ließ vermuten, dass ihre Kindheit keine leichte gewesen war.

Ich persönlich fand ihr Aussehen charmant. Ihre zarte Gestalt war in einen langen militärgrünen Anorak gehüllt, auf dem Kopf trug sie eine farbenfrohe Strickmütze und an den Füßen schwere schwarze Stiefel. Wenn die Klamotten nicht gewesen wären, hätte sie als eines dieser Kindermodels durchgehen können, die so aussahen wie Frauen. Sie strahlte etwas beunruhigend Sinnliches aus.

»Komm doch rein«, wiederholte ich, »und mach bitte die Tür hinter dir zu.«

Zögernd trat sie näher.

»Ich beiße nicht«, sagte ich. »Für sie da«, fügte ich hinzu und deutete auf das Tier, das jetzt die Augen geöffnet hatte und den Neuankömmling anstarrte, »kann ich allerdings keine Garantie übernehmen.«

Das Mädchen nahm Hulda in Augenschein. »Ist der gefährlich?« Sie hatte eine feine, deutliche Aussprache.

»Nur wenn du dich nicht ordentlich benimmst.« Ich lächelte, um den Schaden etwas abzumildern. Kinder zu erschrecken, war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. In der Regel mochten sie es.

»Das ist doch Blödsinn«, sagte sie streng. »Sind Sie Rechtsanwalt Svend Foyn?«

»Hast du nicht das Schild an der Tür gesehen?«

»Glauben Sie vielleicht, ich könnte nicht lesen?« Ihre Stimme hatte einen Hauch von Aggressivität.

»Aber ja doch.« Ich winkte ab. »Und wo ist Herr Nilsson?«

Es brachte sie einen Augenblick aus dem Gleichgewicht, doch sie reagierte elegant. »Den gibt es nur in den Büchern. Sie lesen wohl gern Kinderbücher?«

Die Kleine war auf Draht. »Du hast recht«, sagte ich. »Ich bin wohl ein bisschen kindisch. Womit kann ich dir helfen?«

Sie hatte sich auf dem Besucherstuhl niedergelassen. Jetzt blickte sie zu mir auf. Ihre Augen waren knallgrün. »Was für eine Art Anwalt sind Sie? Einer, der Leuten hilft?«

Die Frage überraschte mich. »Kommt darauf an«, gab ich zurück. »Wie heißt du?«

»Elvira.«

»Also nicht Pippi.«

»Elvira Widerberg.« Sie blickte mich gereizt an. »Es gehört sich nicht, jemanden aufzuziehen.«

»Pippi Langstrumpf war eine meiner Heldinnen«, sagte ich. »Aber du hast recht, es gehört sich nicht, jemanden aufzuziehen.«

Ich selbst hatte Eltern, die mich Svend getauft hatten, obwohl sie gewusst haben mussten, dass dieser Name für ein in Vestfold aufwachsendes Kind gewisse Qualen bedeuten würde. Der alte Walfänger Svend Foyn war in der Erinnerung der Tønsberger noch immer sehr präsent. Ich dachte nach, während ich das Mädchen mit neuem Interesse betrachtete. Elvira Widerberg? Der Name klang wie schiere Poesie. 1967 hatte Bo Widerberg den Film über Elvira Madigan gedreht, basierend auf dem Drama über die unmögliche Liebe zwischen der jungen Seiltänzerin Elvira Madigan und dem älteren, verheirateten Leutnant Sixten Sparre. Die Geschichte musste natürlich böse ausgehen.

»Bist du Schwedin?«, fragte ich. »Kommen deine Eltern vielleicht aus Schweden?«

»Ich bin genauso norwegisch wie Sie. Aber mein Großvater stammte aus Schweden.«

»Nun, denn.« Ich richtete mich in meinem Chefsessel auf und starrte auf sie herunter. »Wenn du aufstehst und den Stuhl ein paarmal herumdrehst, kommen wir auf dieselbe Höhe.« Mein letzter Mandant hatte eine Vorstellung von seinem Ego, die so gar nicht mit der Realität übereinstimmte, dass ich mir den Spaß erlaubt hatte, den Stuhl abzusenken, ehe er zu mir gekommen war.

Sie tat wie geheißen und sah mich währenddessen mit einem seltsamen Blick an. In diesem Moment glaubte ich, sie vorher schon einmal gesehen zu haben. Aber ich wusste weder wo noch wann.

»Also«, fuhr ich fort, »du weißt, dass ich Anwalt bin, und du bist keine Schwedin. Gibt es etwas, wobei ich dir helfen kann?«

»Ich hab über Sie gelesen«, erwiderte sie prompt. »In der Zeitung. Ich hab Bilder von Ihnen gesehen.«

»Redest du von Tønsbergs Blad?« Das lokale Orakel wusste meine ungewöhnlichen Methoden im Rechtswesen nicht eben zu schätzen, allerdings war ich auch schon in überregionalen Blättern aufgetaucht.

»In Aftenposten. Als Sie dem Richter ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet haben.«

»Er war kein Richter«, sagte ich. »Er war Staatsanwalt. Das ist was völlig anderes. Außerdem ist das lange her. Und etwas solltest du dabei wissen.«

»Das wäre?«

»Es war kein ganzes Glas, nur ein kleiner Schluck. Noch dazu war es ein Unfall.« Es stimmte schon, dass der arrogante Drecksack ein bisschen Wasser auf den Schlips bekommen hatte, ein unglaublich geschmackloser Schlips, nebenbei bemerkt. Aber es war nicht mit Absicht geschehen. Ich hatte lediglich das Glas ein wenig zu schnell angehoben. Ich hatte einen Jungen vertreten, in einem Sorgerechtsstreit, den wir verloren hatten. Recht zu haben ist nicht dasselbe wie Recht zu bekommen. In dieser Sache waren allerdings weder vom Richter noch vom Staatsanwalt irgendwelche weisen Worte zu hören gewesen.

»Ich möchte, dass Sie Johanna helfen.« Jetzt klang sie sehr ernst.

»Und wer ist das?«

Die Kleine wirkte mit einem Mal seltsam erwachsen. »Meine große Schwester.«

»Aha«, sagte ich und musterte sie nachdenklich. Ich konnte nicht sagen, was es ganz konkret war, aber es gab irgendetwas an dem Mädchen, was mich bekümmerte.

»Sie ist siebzehn, fast achtzehn.«

»Warum kommt deine Schwester nicht selbst?«

»Weil sie wohl nicht will.« Die Kleine sah mich resigniert an. Mit dem Blick einer erwachsenen Frau.

»Und wieso will sie nicht?«

»Sie weiß nicht, dass ich hier bin«, beeilte sie sich zu sagen. »Sie wäre stinksauer auf mich.«

»Und was ist mit deinen Eltern?«

Sie senkte den Blick und verdrehte die Hände. Ihre Nägel waren abgekaut. »Ich kann Ihnen nichts davon erzählen, verstehen Sie das nicht?«

Als der Ärmel ihres Pullovers ein wenig hochrutschte, sah ich die Narben. Kreuz und quer. Rote, leuchtende Narben. Schnell zog sie den Ärmel wieder herunter.

Die Stille im Büro wurde nur von Huldas Keuchen unterbrochen. Zeit zum Gassigehen.

»Und warum kannst du das nicht?«, fragte ich schließlich.

Eine saublöde Frage, die zu stellen wohl nur Erwachsenen einfiel. Ich begriff es zu spät.

Sie sah auf ihre Hände. »Die reden nicht über so was.«

Ich konnte nicht anders, als ihre Hände zu betrachten. Sie zitterten leicht. »Was ist so was

Sie sagte nichts, starrte mich bloß an.

»Hör zu«, fuhr ich fort, so rücksichtsvoll wie möglich, »was immer deine Schwester für Probleme hat: Wenn sie noch so jung ist, müssen deine Eltern informiert werden.«

»Sie ist doch schon fast erwachsen.«

Sie hatte natürlich recht. Viele in ihrem Alter benahmen sich, als wären sie erwachsen. Viel zu erwachsen, wenn Sie mich fragen.

»Wo liegt das Problem?«

Elvira öffnete ihre Schultertasche und zog ein Handy hervor. Sie fummelte daran herum, legte es dann auf den Schreibtisch und schob es zu mir herüber. »Hier, sehen Sie.«

Wenn die Sommersprossen nicht gewesen wären, hätte ich geglaubt, dass sie rot wurde. Es war schwer zu erkennen.

Ich griff nach dem Handy, ein Smartphone mit großem Display. Das Bild darauf war nicht schön. Ich hatte schon immer Probleme damit, Leute zu verstehen, die ihre Geschlechtsorgane fotografierten und diese Herrlichkeiten dann an andere schickten. Der glänzend rote Pullermann, der den Bildschirm ausfüllte, war erschreckend groß. Ein Foto kann natürlich lügen, was die Dimensionen angeht, aber er wirkte enorm. Der reinste Leuchtturm.

»Herrgott«, sagte ich. »Was in aller W… W… Welt ist das denn?«

»Nun ja, ein Ständer«, sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erstaunte. »Sehen Sie das nicht?«

Ich mochte die Art nicht, wie sie mich ansah. Plötzlich kam ich mir uralt vor. In meiner Kindheit trugen kleine Mädchen solche Bilder jedenfalls nicht mit sich herum.

»Wer stottert, der lügt.«

»Wo hast du das denn her?«

»Kalle sagt das. Aber er ist ein Idiot.«

»Ganz meine Meinung«, sagte ich. »Wenn jemand stottert, dann, weil das, was er sagen will, wichtig ist.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte sie. »Sie haben doch nichts Wichtiges gesagt.«

Die Kleine war gut verdrahtet, daran bestand kein Zweifel. »Woher hast du das Foto?«

»Ich hab’s von ihrem Handy. Jemand hat es ihr geschickt.«

»Vom Handy deiner Schwester?«

»Ja, sie weiß nichts davon, und wenn, dann würde sie mich totschlagen.«

»Du hast also im Handy deiner Schwester rumgeschnüffelt?«

»Ich hab’s in ihrer Jacke gefunden und das Bild dann an mein Handy weitergeleitet.« Ihre Worte klangen alltäglich, doch die Stimme erzählte etwas anderes.

Ich legte das Telefon weg und schaute aus dem Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel. Ich mochte den Frühling. Doch das Wetter war unvorhersehbar. Als ich mich wieder zu der Kleinen drehte, sah ich etwas in ihren Augen blitzen. Vermutlich waren es Tränen, weswegen ich ihr behutsam die Schachtel Papiertaschentücher zuschob.

»Hier«, meinte ich bloß. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um sie zu trösten. »Möchtest du etwas? Vielleicht ’ne Limo?« Zu spät fiel mir ein, dass ich nur etwas schwerere Rauschmittel auf Lager hatte.

Hulda war zum Leben erwacht. Aufmerksam betrachtete sie meinen Gast. Hunde haben einen Radar, mit dem wir Menschen nicht ausgestattet sind; sie spüren, wenn eine Situation knifflig wird.

»Nein, danke«, erwiderte Elvira erstaunlich ruhig. »Können Sie mir helfen?«

»Das würde ich gern tun«, sagte ich. »Aber hier müssen dir wohl deine Eltern helfen.« Ich musterte sie erneut. So jung, so schlau, so verletzlich. Das schlechte Gefühl in mir verstärkte sich. »Hat sie einen Freund, deine Schwester? Könnte ja gut sein, dass er ihr das Bild geschickt hat?«

»Sie hat keinen Freund.«

»Nein? Na gut. Hast du ein Bild von ihr?«

Widerwillig nahm sie das Handy und klickte sich zu einem Bild ihrer Schwester durch.

Ich beugte mich vor.

Dass die beiden verwandt waren, war kaum zu übersehen. Rötliches Haar und vereinzelte Sommersprossen, ein prägnantes, leicht verhärtetes Gesicht. Sie sah viel älter aus als ihre jüngere Schwester. Keine von beiden brauchte Fotos von der Sorte, wie ich es eben gesehen hatte.

»Ihr ähnelt euch«, sagte ich. »Ist sie genauso jähzornig wie du?«

»Ich bin nicht jähzornig!«

»Natürlich nicht. Hast du mit deiner Schwester über das Bild gesprochen?«

»Nein, verdammt. Ich will mir doch keine Prügel einhandeln.«

»Aber du machst dir Sorgen«, konstatierte ich.

»Sie ist schon länger so.« Elvira drehte das Handy zwischen den Fingern.

»Wie ist sie denn?«

»Zickig, irgendwie. Schwänzt die Schule, haut ab, schließt sich ein und behauptet, sie wäre krank. Aber ich weiß, dass sie lügt, sie ist nicht krank.«

»Und was sagen deine Eltern?«

»Die kapieren gar nichts!«, platzte sie heraus. »Die reden bloß über ’nen Psychologen und Pillen und so was, die wissen nichts über uns.«

»Über uns?«, sagte ich. »Hast du denn auch solche Bilder bekommen?«

»Hab ich nicht!« Ich erahnte kleine rote Flecken zwischen den Sommersprossen. »Ich meine, die reden nicht über so was.«

»So was wie das hier?« Ich nahm das Handy und sah mir noch einmal das Foto an. Es wurde nicht schöner. »Weißt du, wer das ist?«

»Sind Sie blöd, oder?«

»Oder?«, erwiderte ich. Sie hatte meine Frage nicht beantwortet.

»Die glauben, wir sind bloß dumme Blagen.«

Ich ließ es unkommentiert. »Kann sie das Bild vielleicht selbst aufgenommen haben?«

»Nein! Ich hab doch gesagt, es kam als MMS.«

»Von wem?«

»Das weiß ich nicht.«

Ich hob abwehrend die Hände. »Okay. Weißt du, wann?«

»Irgendwann im Sommer. Sie hat’s inzwischen bestimmt gelöscht.«

»Soso«, sagte ich nachdenklich. »Hat sie noch andere Bilder dieser Art bekommen?«

»Weiß ich doch nicht.«

Ich bekam plötzlich Lust auf ein Zigarillo, schaffte es aber, mich zu beherrschen. »Was soll ich deiner Meinung nach tun, Elvira?«

Sie sah mich lange an, ohne etwas zu sagen. »Können Sie ihn finden?«, fragte sie schließlich.

»Den Mann auf dem Foto?«

»Wenn Sie ihn finden, können Sie ihn doch wohl aufhalten, nicht? Ihm vielleicht Angst einjagen oder so?«

»Das ist Aufgabe der Polizei und der Gerichte«, erwiderte ich. »Das weißt du doch wohl.«

»Aber Sie können doch dafür sorgen, dass er so was nie wieder macht?«

»Vielleicht«, sagte ich. »Solche Bilder zu verbreiten, verstößt möglicherweise gegen das Gesetz.«

»Gegen das Gesetz?« Ihr Blick war ganz direkt. »Und wieso gibt’s dann überall solche Bilder?«

»Da ist was dran«, gab ich zurück. »Aber das Verbot betrifft Minderjährige. Und zu dieser Gruppe gehörst du auf jeden Fall. Deine Schwester ist dem Gesetz nach nicht minderjährig, die Strafmündigkeit beginnt mit fünfzehn. Und für sexuelle Beziehungen liegt die Grenze bei sechzehn Jahren.«

»Aber alle sehen sich doch solche Bilder an.«

»Nicht alle, will ich hoffen.« Allerdings hatte sie recht. Ein durchschnittlicher Teenager hatte mit fünfzehn wohl schon mehr pornografische Bilder und Filme gesehen, als ich es in einem langen Leben geschafft hatte. »Wohnt ihr hier in Tønsberg?«

»Knarberg«, sagte sie schnell, als wollte sie nicht, dass ich das wüsste. »Papa ist Pastor und Mama Lehrerin.« Sie griff nach ihrer Tasche. »Ich habe Geld.« Sie zog ein rosa Portemonnaie hervor. Immerhin passend für ein Kind. »Ich hab ’ne Bankkarte.« Triumphierend sah sie mich an.

»Es kostet nichts. Du hast ja nichts bekommen, und somit musst du auch nichts bezahlen.«

»Wollen Sie uns denn nicht helfen?«

»Uns?«

»Mir, meine ich.«

»Es ist ja nicht so, dass ich nicht wollte«, sagte ich und kam mir dabei nicht sonderlich heldenhaft vor. »Es ist eher so, dass ich nicht viel tun kann, um euch zu helfen.«

»Und wieso?«

»Du bist ein Kind«, erwiderte ich.

»Ich werde bald fünfzehn.« Ihre grünen Augen verrieten irgendetwas, das ich nicht verstand. »Ich bin kein dummes Kind.«

»Das habe ich schon verstanden«, sagte ich. »Aber da du vor dem Gesetz noch ein Kind bist, kannst du mich nicht als deinen Anwalt anheuern. So was müssen deine Eltern machen, verstehst du das?«

»Das ist idiotisch.«

»Mag sein, aber so ist es eben.«

»Das hätte ich wirklich nicht von Ihnen gedacht.« Sie wirkte traurig. »Sie dürfen aber niemandem sagen, dass ich mit Ihnen geredet habe.« Sie fixierte mich mit ihrem direkten Blick. »Versprochen?«

»Hoch und heilig«, gab ich zurück. »Aber du solltest das mit deiner Schwester klären.« Ich zeigte wieder auf das Handy. Die Fotografie war glücklicherweise schon wieder ausgeblendet.

»Sie will nicht mit mir sprechen.«

»Dann solltest du deinen Eltern davon erzählen.«

»Wenn ich das mache, wird Johanna nie wieder ein Wort mit mir reden.«

»Normalerweise geht so was vorbei«, sagte ich. »Wenn sie Hilfe bekommt. Außerdem ist es bestimmt nicht so schlimm, wie du glaubst. Und wenn ihr dann später immer noch Unterstützung braucht, könnt ihr zu mir kommen.«

Sie blieb wortlos sitzen und sah sich um. Als ihr Blick auf das Foto meiner Tochter fiel, stand sie auf, trat ein paar Schritte auf das Bild zu und betrachtete es lange. Dann drehte sie sich wieder zu mir. »Ist das Mari? Ihre Tochter?«

»Ja«, erwiderte ich, ohne näher darüber nachzudenken, woher sie den Namen kennen könnte. »Als das Bild aufgenommen wurde, war sie ungefähr in deinem Alter.«

»Sie ist hübsch.«

»Findest du?«

»Eigentlich meine ich eher, dass sie witzig aussieht.«

»Da sagst du was«, entgegnete ich. »Sie ähnelt dir ein bisschen.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Sie wohnt in Berlin«, sagte ich. »Studiert da.«

»Vermissen Sie sie?«

»Ja«, sagte ich. Die Kleine hatte die erstaunliche Fähigkeit, wesentliche Fragen zu stellen. »Aber nicht die ganze Zeit.«

Sie setzte sich wieder. »Arbeiten Sie dauernd?«

»Seh ich so aus?«

»Ja.«

»Dann stimmt es wohl«, sagte ich. Nicht nur ihr Mundwerk funktionierte. Sie hatte auch eine scharfe Beobachtungsgabe. Teenager wurden unterschätzt.

Sie schwieg. Wir saßen still da, doch die Stille wirkte nicht bedrückend. Es war so, als kannten wir uns schon lange. Plötzlich vermisste ich meine Tochter.

Zögernd erhob sie sich. Als hätte sie keine große Lust zu gehen.

Ich war auch aufgestanden. »Vielleicht möchtest du ja einen Spaziergang mit uns machen«, versuchte ich es.

Das Wort ›Spaziergang‹ ließ das Tier fit werden.

»Darf ich?«

»Ja«, sagte ich. »Wir machen nur eine kleine Tour hinüber zum Slottsfjell, das ist nicht weit.« Der Schnee war noch nicht ganz geschmolzen, immer noch lagen vereinzelt kleine Flecken herum.

Als wir an meiner Wohnung vorbeikamen, zeigte sie auf den Jaguar, der draußen stand. »So ein Auto hätte ich auch gern«, sagte sie und schenkte mir ein fast unmerkliches Lächeln.

Ich hätte es kapieren müssen, doch ihr Lächeln hatte mich entwaffnet.

Schweigend ging sie neben mir den steilen Weg hinauf. Ich hatte ihr angeboten, ihre Tasche zu tragen, wurde aber abgewiesen. »Sie sind doch hier der Ältere.«

Oben auf dem Hügel blieben wir stehen und sahen Hulda zu, die mit der Nase auf dem Boden ihre rituelle Jagd nach irgendetwas vollzog.

»Was macht er denn jetzt?«, fragte Elvira.

»Nicht er. Sie«, sagte ich.

»Ja gut, dann eben sie.«

»Jagt Katzen nach, die es nicht gibt«, sagte ich. »Sie glaubt nur, dass es welche gibt.«

»Was für’n Glück.«

»Was meinst du damit?«, fragte ich.

»Nichts.« Sie hatte die Hände tief in die Taschen ihres Anoraks geschoben.

»Sag mir mal eins«, fuhr ich fort. »Gibt’s da noch irgendwas, das du mir erzählen möchtest?«

»Was denn?« Wieder dieser ferne Blick.

»Sag du’s mir«, gab ich zurück. »Übrigens, musst du nicht bald nach Hause?«

»Da ist niemand«, sagte sie.

»Was ist mit deiner Schwester?«

»Weiß nicht.« Sie sah mich an. »Herr Foyn?«, sagte sie.

»Ja?«, sagte ich.

»Wenn ich Ihnen das Foto schicke, können Sie dann nicht doch was machen?«

»Ich dachte, wir hätten die Diskussion schon beendet«, sagte ich, änderte aber sofort meine Meinung. »In Ordnung, ich kann mich ein bisschen umsehen. Aber erwarte dir nicht zu viel.« Ich zog eine Visitenkarte aus der Brieftasche und reichte sie ihr. »Hier ist meine Nummer. Du kannst es dahin schicken.«

»Danke«, sagte sie leise. »Wollen wir zurückgehen?«

Der Abend war kalt. Doch die Kälte, die ich verspürte, kam aus dem Innern. Ich rief Hulda, die widerwillig ihre Jagd einstellte. »Soll ich dich nach Hause fahren?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich nehme den Bus.«

Gemeinsam liefen wir den Hügel hinunter. Wenn uns jemand gesehen hätte, wären wir ihm wie Vater und Tochter vorgekommen, beim Gassigehen mit dem Familienhund.

Ich begleitete sie zum Busbahnhof. Als sie hineinging und sich zu mir umdrehte, sah ich Tränenspuren in ihrem Gesicht. »Sicher, dass du mir sonst nichts zu erzählen hast?«, fragte ich.

»Nein«, sagte sie so leise, dass ich es fast nicht gehört hätte. Dann drehte sie sich um und lief schnell auf den Bus zu. Ich blieb stehen und betrachtete ihren schmalen Rücken, als sie die Busstufen hinaufkletterte. Während sie nach hinten lief, drehte sie sich halbwegs zu mir um und hob eine Hand. Ich winkte zurück. Dann war sie verschwunden.

Auf dem Weg nach Hause hörte ich mein Handy piepsen. Sie hatte Wort gehalten.

2

Das Wochenende wurde genauso ruhig und friedlich, wie ich befürchtet hatte. Nichts passierte. Als ich darüber nachdachte, erschien mir das nicht weiter erstaunlich. Das Leben besteht aus ewigen Wiederholungen. Ich weiß nicht, wo ich diese weisen Worte herhatte, ging aber davon aus, dass sie einer qualifizierten Quelle entstammten. Das Einzige, was mir missfiel, war der Begriff ewig. Ich war skeptisch, was die Idee der Ewigkeit betraf. Ich fand es schon schwierig genug, hier und jetzt an das Leben auf der Erde zu glauben.

Das Foto, das Elvira mir geschickt hatte, war immer noch auf meinem Handy gespeichert. Unbesehen. Es widerstrebte mir, es eingehender zu studieren. Allerdings hatte ich einen meiner inoffiziellen Assistenten angerufen. Arthur war ein junger Mann mit umfassenden Kenntnissen über die digitale Welt und nicht minder deutlichen Ansichten über geltendes Recht und Gesetz. Sein Urteil war klar. Ich kann vielleicht, und ich betone vielleicht, herausfinden, von welchem Handy dieses Foto stammt. Aber du kannst darauf wetten, dass es eine anonyme und nicht registrierte Nummer ist. Sogar Idioten wie du benutzen ja jetzt diese Micky-Maus-Telefone. Besorg dir so ein gebrauchtes Ding, geh spät am Abend zu irgendeinem 7-Eleven-Kiosk, gib irgendeinen dämlichen Fantasienamen an und du bekommst eine Prepaidkarte. Selbst die klügsten IT-Spezialisten können dann allenfalls die Basisstationen lokalisieren, in deren Umgebung du dich bewegt hast.

Er hatte natürlich recht. Es gab nichts, was ich tun konnte. Und dennoch nagte die Begegnung mit Elvira an meinem Unterbewusstsein.

Ich verdrängte die Sache und konzentrierte mich stattdessen darauf, dem Rat meiner Steuerberaterin zu folgen.

Die Tage für einen privat praktizierenden Anwalt in der Kleinstadt Tønsberg unterschieden sich gar nicht mal so sehr vom Dasein eines Staranwalts in den Romanen John Grishams. Hier wie dort wurden dramatische Kämpfe im Gerichtssaal ausgefochten, mit dem Ergebnis, dass die Bad Guys auf dem Schlachtfeld zurückblieben, während die Guten mit ihrem auserwählten Schatz in den farbenfrohen Sonnenuntergang ritten.

Dieser Donnerstag war keine Ausnahme. Am Frühstückstisch bereitete ich mich mental auf die bevorstehende Verhandlung vor. Der Streit um einen wenige Meter langen Wegabschnitt hatte ganze zwei Sippschaften, unzählige Rechtsanwälte und den kompletten Justizapparat involviert. Marx hatte Weitblick bewiesen. Das Eigentumsrecht war die Wurzel allen Übels.

Als ich nach dreiminütiger Lektüre zu den in Tønsbergs Blad abgedruckten öffentlichen Bekanntmachungen kam, warf ich einen Blick auf die Todesanzeigen.

Später habe ich mir des Öfteren vorzustellen versucht, was geschehen wäre, wenn ich mich an diesem Tag nicht in die Zeitung vertieft hätte. Ich hätte es eilig haben oder verschlafen können, wäre vielleicht nach einem Abend in einer der wenigen übrig gebliebenen Eckkneipen mit dröhnenden Kopfschmerzen erwacht oder zusammen mit Alice, ohne das geringste Interesse für die Lokalzeitung – was auch immer hätte mich von der Lektüre der Zeitungsspalten abhalten können. Vielleicht hätte ich dann niemals erfahren, was ich jetzt schwarz auf weiß sah.

Aber so war es nicht. Und vermutlich hätte es auch nicht geholfen. Ich wäre so oder so in die Sache hineingezogen worden.

Die Tasse glitt mir aus der Hand, färbte die Zeitungsseiten kaffeebraun und fiel krachend zu Boden. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Unsere innig geliebte Tochter Elvira Widerberg hat uns heute plötzlich und unerwartet verlassen. Sonntag, 28. April 2013. Ich konnte nicht weiterlesen.

Verfluchte Dreckscheiße.

Als mich der Schlag der Wirklichkeit traf, riss das beinahe unmerkliche Zerren an meinem Unterbewusstsein zu einer offenen Wunde auf, voll mit Salz und Niedertracht.

Ich zwang mich weiterzulesen. Eltern, Schwester, Großeltern, Onkel, Tanten, Vetter und Kusinen, alle verspürten Ohnmacht, Trauer und Verwirrung. Auch Jesus wurde erwähnt, als trüge der friedliebende Zimmermann die Verantwortung für das Unfassbare.

Ich ließ die Zeitung sinken und versuchte nachzudenken. Ein junges Mädchen wie Elvira starb nicht ohne Weiteres. Krankheiten waren ausgeschlossen, Anzeichen dafür wären mir aufgefallen. Ein Unfall war nicht wahrscheinlich, sonst hätten die Medien darüber berichtet. Und definitiv kein Mord, aus demselben Grund. Vielleicht eine Überdosis. Oder Selbstmord. Das waren die einzigen realistischen Möglichkeiten.

Sie war nicht einmal fünfzehn geworden. Aber ich wusste, dass so etwas passierte. Nicht oft, nur ein paar Selbstmorde pro Jahr. Keiner davon hätte geschehen dürfen, sie alle waren das Resultat von Unterlassungssünden, auf allen möglichen Ebenen. Ich hatte einige dieser Tragödien erlebt und konnte keine weiteren ertragen.

Mit einem Mal erschien mir der Tag schwarz und düster. Der Gedanke an das bevorstehende Verfahren widerstrebte mir derart, dass ich mich körperlich krank fühlte. Doch nach eingehender Überlegung resignierte ich. Vielleicht war es am besten, mich in die Arbeit zu stürzen und das Schuldgefühl auf diese Weise zu verscheuchen.

Ich schaffte es, die Übung des Tages zu absolvieren, ohne dass meine distanzierte Haltung gegenüber den Interessen meiner Mandanten irgendeine messbare Reaktion hervorrief. Anscheinend erwarteten sie nicht mehr.

Erst am Nachmittag, als die Verhandlung vorbei war, musste ich der Realität ins Auge blicken. Die Kleine war zu mir gekommen, weil sie Hilfe brauchte. Obwohl ich begriffen hatte, dass irgendetwas faul war, hatte ich ihr nicht mehr als einen Spaziergang am Slottsfjell anbieten können. Jetzt war sie tot.

Ich musste mit Alice reden. Der starke Verdacht ihres Mannes, oder besser gesagt Exmannes, dass sie ein Verhältnis mit mir unterhielt, hatte zu einem Bruch zwischen uns geführt. Ich verließ mich darauf, dass dieser Bruch vorübergehender Natur war, eben so lange, bis das Gericht den Sorgerechtsstreit entschieden hatte. Es war unfassbar, dass ein einzelner Mann so viel Angst innerhalb einer Familie bewirken konnte, zu deren Zerstörung er selbst beigetragen hatte. Alices Mann war Rechtsanwalt, ein richtig gewiefter Kerl mit sehr viel Erfahrung. Ich glaube nicht, dass er an Eifersucht litt, auch wenn er es gern so darstellte. Jemand anderes hatte sich an seinem Eigentum vergriffen, sein maskulines Selbstbild untergraben und seine Domäne bedroht. Allein die Tatsache, dass er seine Frau verdächtigte, ein Verhältnis mit einem Kleinstadtanwalt zweifelhaften Rufs zu haben, machte ihn gefährlich. Zu allem Überfluss stimmte es ja. Falls es ihm gelingen sollte zu beweisen, dass dieses Verhältnis fortbestand, solange der Kampf um das Sorgerecht für die beiden Töchter noch nicht beendet war, würde es ihm gute Chancen einräumen, vor Gericht zu gewinnen. Ich hatte solche Fälle schon früher erlebt. Alice hatte das vor mir erkannt und entsprechende Maßnahmen getroffen. Er hat ein Detektivbüro engagiert, Svend. Die überwachen mich. Ich bin sicher, dass sie auch mein Telefon angezapft haben. Sogar eine Ermittlerin bei der Kripo konnte kaltgestellt werden, wenn der Druck stark genug wurde. Das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren, war ihr größter Albtraum.

Wir mussten eine Pause einlegen, selbst ich hatte das begriffen.

Ich rief sie im Büro an. Es war kurz nach vier.

»Hier Anderson.« Ihre professionelle Stimme klang kurz angebunden und präzise. Aufgrund ihres amerikanischen Backgrounds hatte sie eine gute Schule durchlaufen, auch wenn die kleine, norwegisch geprägte Stadt Fargo, unsterblich geworden durch den Film der Gebrüder Cohen, keine sehr großen Herausforderungen geboten hatte. Aber sie hatte gelernt, eine Waffe zu benutzen.

»Ich bin’s«, sagte ich.

Erst blieb es still. Wir hatten seit zwei Wochen nicht miteinander gesprochen.

»Ja«, antwortete sie dann leicht unterkühlt. »Wie geht’s dir?«

»Nicht gut«, gab ich zurück. »Überhaupt nicht gut.«

»Was ist passiert?«

»Ich hab mir Probleme eingehandelt.«

»Ich dachte, du würdest was Neues erzählen«, sagte sie ironisch, besann sich aber. »Was ist los?«

»Ein Selbstmord«, sagte ich. »Zumindest nehme ich das an.« Ich gab ihr die Kurzversion. »Theoretisch könnte es sich auch um Krankheit oder einen Unfall handeln, aber ich habe kein gutes Gefühl. Sie ist nicht mal fünfzehn geworden und ich fühle mich verantwortlich.«

»Warum ist sie denn zu dir gekommen?«

»Ich weiß nicht genau«, sagte ich. »Aber sie hat mir das Bild eines Penis gezeigt, das sie auf dem Handy ihrer Schwester gefunden hatte. Sie wollte, dass ich herausfinde, wer dahintersteckt.«

»Ein Penisbild?«

»Ja«, sagte ich. »Von einem erwachsenen Mann, zumindest sah es so aus.«

»Du glaubst also, es hat irgendwas mit einem sexuellen Übergriff zu tun?«

»Ist es nicht naheliegend, so was zu vermuten?«

»Dafür, dass du nicht mehr weißt, ziehst du voreilige Schlüsse.«

»Mag sein«, sagte ich. »Aber es gab da irgendetwas an ihr, das mich beunruhigt hat.«

»Verstehe. Kannte sie die Missbrauchsfälle, an denen du gearbeitet hast?«

»Nicht dass ich wüsste.« Ich erzählte Alice von den Narben auf Elviras Arm. »Es ging ihr nicht gut. Ich hatte das Gefühl, dass es da etwas gab, womit sie nicht so recht rausrücken wollte.«

»Missbrauch und Selbstverletzung. Was glaubst du, was kommt zuerst?«

»Gute Frage. Weißt du, ich mochte das Mädchen wirklich, eine kleine Persönlichkeit. Sie kam zu mir, weil sie Hilfe wollte, und ich habe nicht einen Finger gerührt. Das ist die ganze beschissene Wahrheit.«

»Kann ich irgendwas tun?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Du könntest ein bisschen rumschnüffeln, dich mal umhören, was die Ermittler in Tønsberg im Zusammenhang mit dieser Geschichte so treiben, ob sie da überhaupt irgendwas machen.«

»Was ist mit Mørk?«, fragte sie. »Kannst du dich nicht an ihn wenden?«

»Davon gehe ich aus. Aber da ist noch was, worum ich dich bitten möchte.«

»Ich ahnte es schon.«

»Guck doch mal nach, ob du ähnliche Fälle findest. Junges Mädchen, fast noch ein Kind, von einem Erwachsenen missbraucht. Ihr hattet in letzter Zeit doch mehrere solcher Fälle, oder?«

»Es gab ein paar«, erwiderte Alice knapp. »Willst du etwa andeuten, wir hätten da so eine Sache wie damals in Vågå, als der Bürgermeister dieses Mädchen missbraucht hat?«

»Keine Ahnung. Aber vielleicht gibt es einen Modus Operandi, irgendwas, nach dem ich suchen sollte.«

»Du willst den Fall also weiterverfolgen?«

»Ich glaube schon«, sagte ich. »Würdest du das nicht auch tun? Und überprüf doch bitte auch ihre Familie, ja?«

»Ich sehe mal, was ich tun kann. Ach, und Svend?«

»Ja?«

»Der Termin für die Verhandlung wird bald festgesetzt.«

»Das ist gut«, sagte ich. »Du wirst gewinnen. Soll ich als Zeuge aussagen?«

Schon bei unserer allerersten Begegnung hatte mir ihr Lachen gefallen.

Nachdem ich in einem der hochgejubelten Tønsberger Hafenrestaurants eine Mahlzeit verschlungen hatte, traf ich meine Entscheidung.

Elvira Widerbergs sommersprossiges Gesicht wollte nicht verschwinden. Es wurde ständig deutlicher.

Als ich Wilhelm Mørk anrief, ging er ungewöhnlich schnell ans Telefon. »Ich bin’s«, sagte ich.

»Das höre ich«, erwiderte er. »Ich habe schon darauf gewartet, dass du dich meldest.«

»Wieso? Haben wir eine Verabredung?«

»Wenn du nicht angerufen hättest, wären wir wohl gezwungen gewesen, dich herzubringen.«

»Ach ja?«, sagte ich beunruhigt. »Worum geht es denn?«

»Du solltest hierherkommen. Sofort.«

Sein Ton gefiel mir nicht. »Möglicherweise«, sagte ich.

»Um deiner selbst willen«, fuhr Mørk unbeirrt fort.

»Ich werde mal sehen, ob ich noch einen Termin dazwischenquetschen kann.«

Abendliche Stille hatte sich im Präsidium ausgebreitet, als ich das Gebäude betrat. Auf dem Weg nach oben zu Mørk begegnete ich einer der neuen, jungen Polizeijuristinnen. Dass sie schon eine qualifizierte Anwältin war, erschien mir wie ein Wunder. Ich hätte einen Monatslohn darauf verwettet, dass sie gerade mal die Vorprüfungen an der Uni absolviert hatte. Mich beschlich das unangenehme Gefühl, taxiert zu werden, als wir einander auf der Treppe entgegenkamen.

Die Tür zu Mørks Büro war geschlossen, ungeachtet dessen klopfte ich nicht an.

Er telefonierte, als ich die Tür öffnete. Ich befreite den Besucherstuhl von einem Papierstapel und machte es mir bequem, während ich Mørk von der Seite anblickte. Im Gegensatz zu uns anderen war er dem normalen Alterungsprozess anscheinend nicht ausgesetzt. Elegant bis in die Fingerspitzen saß er da und hielt eine schlanke französische Zigarette in der Hand. Er führte ein Gespräch mit einer Person, bei der es sich vermutlich um die neue Rechtsmedizinerin des Krankenhauses handelte, eine junge Frau, zu der Mørk eine Beziehung unterhielt, wie ich fürchtete. Um ihretwillen.

Lächelnd beendete er das Gespräch und drehte sich dann zu mir. »Was hattest du mit dem jungen Mädchen zu schaffen?«

Mir fiel beinahe das Handy aus der Hand. »Wovon redest du?«

»Elvira Widerberg. Ziemlich besonderer Name, nicht wahr?«

»Voller Poesie«, entgegnete ich. »Woher weißt du das?«

»Was denn?«

Die Wortklauberei begann mich zu langweilen. »Vielleicht könntest du mir mal verraten, was los ist?«

»Du wirst in ihrem Tagebuch erwähnt. Als Letzter«, fügte er lakonisch hinzu.

»Im Tagebuch?«, fragte ich tonlos. »Was ist mit ihr passiert?«

»Am Sonntagmorgen wurde sie tot im Badezimmer ihres Elternhauses gefunden.«

»Aber wie ist sie gestorben?«

»Wir haben nur ein vorläufiges Untersuchungsergebnis. Sie wurde mit mehreren Schnitten im Arm in der gefüllten Badewanne gefunden, aber es sieht aus, als sei sie ertrunken.«

»Wie bitte?«

»Auf dem Fußboden haben wir ein leeres Pillenröhrchen gefunden. Tolvon. Das Schlafmittel der Mutter. Wir glauben, dass sie im Laufe des Abends, während ihre Eltern nicht da waren, die Badewanne füllte, eine nicht unbeträchtliche Menge Pillen schluckte und sich mit einem Rasiermesser den Arm aufschlitzte, während sie in der Wanne lag.«

»Ich glaube, sie hat das gemacht«, sagte ich. »Sich zu ritzen, meine ich.«

»Woher weißt du das?« Seine Stimme klang scharf.

»Ich hab die Narben gesehen.«

Mørk gab keinen Kommentar. »Nun, also«, fuhr er schließlich fort, »der Blutverlust war erheblich, aber anscheinend nicht groß genug, um den Tod herbeizuführen. Die Schlafmitteldosis allein war wahrscheinlich auch nicht ausreichend, aber da streiten die Gelehrten.«

»Du meinst, sie ist eingeschlafen?«

»Ja, die Pillen und der Blutverlust haben sie möglicherweise so geschwächt, dass sie eingeschlafen sein kann. Es sieht so aus, als sei sie einfach ertrunken.«

»In ihrer eigenen Badewanne? Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Sie wurde erst am Sonntagmorgen gefunden. Aufgrund des warmen Wassers ist es schwierig, den genauen Todeszeitpunkt zu bestimmen. Wir reden hier von einer Zeitspanne von mehreren Stunden.«

Ich brauchte ein wenig Zeit, um diese Informationen zu verdauen. »Also, was glaubt ihr jetzt? War es ein Unfall?«

»Was glaubst du

Die Frage überraschte mich. »Keine Ahnung. Ich kannte sie nicht.«

»Ach so.«

Unmut vermischte sich mit Schuldgefühlen. Eine elende Kombination. »Wieso wurde sie erst am nächsten Tag gefunden?«, fragte ich. »Waren ihre Eltern nicht zu Hause?«

»Elvira und ihre Schwester hatten ein eigenes Badezimmer im Untergeschoss. Als die Eltern gegen Mitternacht nach Hause kamen, haben sie nicht nachgesehen. Sie sind gleich zu Bett gegangen.« Mørk machte eine vielsagende Pause. »Das behaupten sie jedenfalls. Und ehe du fragst: Die Schwester war in der Nacht nicht zu Hause.«

»Nicht zu Hause? Sie ist doch erst siebzehn.«

»Wie ich sehe, bist du gut informiert.«

Ich ignorierte den ironischen Tonfall. »Wo war sie denn?«

»Angeblich bei einer Freundin.«

»Angeblich?«

»Wir untersuchen das noch«, erwiderte Mørk knapp. »Der Großvater war da, aber der ist am frühen Abend wieder nach Hause gefahren. Er wohnt in Oslo. Was weißt du eigentlich über Elvira Widerberg?«

»Nicht viel«, sagte ich. »Bearbeitest du den Fall?«

»Es gibt keinen Fall. Vorläufig nicht«, fügte er betont hinzu. »Es gibt noch eine andere Erklärung, die wir nicht ganz ausschließen können.«

»Wovon redest du?« Mein Bauchgefühl sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Nichts stimmte. Kleine Mädchen durften nicht auf diese Weise sterben. Sie sollten groß werden und ein langes Leben führen. Ich hätte irgendetwas unternehmen müssen und es nicht einfach so beiseiteschieben dürfen. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.

»Es ist ungeklärt, ob die Wohnungstür verschlossen war. Die Schwestern haben einen separaten Eingang.«

»Und wieso ist das unklar?«

»Der Notruf ging um 09.13 Uhr ein. Polizei und Rettungswagen waren um 09.27 Uhr vor Ort. Der Vater hat am Treppenaufgang auf sie gewartet, dann sind sie gleich hinein. Zu diesem Zeitpunkt war die Eingangstür zum Untergeschoss unverschlossen, wobei der Vater aber behauptet, dass er die Tür aufgeschlossen hätte.« Mørk legte eine Pause ein. »Angesichts der Umstände kann man eben nicht ganz sicher sein, ob seine Erinnerung korrekt ist, wenngleich er erstaunlich gefasst schien.«

»Er ist Pastor«, sagte ich.

»Das wusstest du also?« Mørk sah mich nachdenklich an. »Die Mutter hat einen Schock erlitten. Sie erinnert sich an gar nichts.«

»Habt ihr irgendwas gefunden, was darauf hindeutet, dass die Kleine an dem Abend Besuch hatte?«

»Keine interessanten Spuren, nein.«

»Was meinst du mit interessant?«, fragte ich.

»Es waren natürlich noch andere Personen in der Wohnung. Wir sind gerade dabei, die Spuren zu sortieren. Außerdem«, Mørk legte eine seiner typischen Pausen ein, »gab es einen Extraschlüssel für die Wohnungstür, versteckt an der Mauer hinter der Garage.«

»War der Schlüssel vorhanden?«

»Ja, sicher.«

»Hinter der Garage?« Ich sah ihn skeptisch an. »Könnte ihn vielleicht irgendwer gefunden haben?«

»Das lässt sich nicht ausschließen.« Mit keiner Miene verriet Mørk, was er eigentlich dachte.

»Hatte sie irgendwelche Verletzungen?«, fragte ich weiter. »Habt ihr was Verdächtiges gefunden?«

»Nein.« Mørk blies einen perfekten Rauchring in die Luft. Der schwebte durch den Raum und blieb über meinem Kopf hängen. »Allerdings hinterlässt es nicht unbedingt Spuren, wenn man ein wehrloses Mädchen ein paar Minuten unter Wasser drückt.«

»Glaubst du, dass es sich so abgespielt hat?«

»Ich glaube gar nichts.« Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Eigentlich hätte Mørks Angewohnheit in einem öffentlichen Büro nicht erlaubt sein dürfen, aber der Regelverstoß schien ihn nicht zu quälen. »Es sah auffällig aufgeräumt aus«, sagte er plötzlich.

»Im Badezimmer?«

»Ja.«

»Inwiefern?«

»Tja, ihre Sachen waren ordentlich aufgehängt, die Handtücher zusammengefaltet, die Schuhe exakt nebeneinander, alles war in schönster Ordnung.« Wilhelm Mørks Blick verriet nicht, was er dachte. »War sie ein Ordnungsmensch?«

»Woher soll ich das wissen? Ich kannte sie nicht.«

»Ich hab so was schon erlebt.« Er sah mich nachdenklich an. »Bei Selbstmördern. Sie räumen erst auf, ehe sie den letzten Schritt gehen.«

»Sie war doch noch ein Kind«, sagte ich. »Es muss ein Unfall gewesen sein.«

»Vielleicht«, erwiderte er knapp.

»Was hat sie in ihr Tagebuch geschrieben?«

Mørk antworte nicht sofort. »Das zu hören, würde dir nicht gefallen«, sagte er dann.

»Lass mich das entscheiden.«

»Ich habe das Tagebuch nicht hier, aber ich konnte es lesen.«

Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Mann, der den Kopf ins Zimmer streckte, hatte offenbar nicht den Anstand, um anzuklopfen.

»Ich hörte, dass Sie im Haus gesehen wurden, Rechtsanwalt Foyn«, begann er nicht gerade besonders höflich. Kriminalchef Åsen war ein geplagter Mann. »Wir müssen uns unterhalten.« Er blickte Mørk streng an, der ihn völlig ignorierte, woraufhin Åsen mich barsch anstarrte. »In meinem Büro.« Hustend zog er sich wieder zurück.

Ich stand auf. »Jetzt spuck’s schon aus«, sagte ich.

»Sie hat über dich geschrieben. Allerdings ein wenig speziell für eine Vierzehnjährige, würde ich sagen.«

Ich sank zurück auf den Stuhl. »Was sagst du da?«

»Anscheinend hat sie von dir fantasiert. Es waren doch wohl Fantasien?«

Ich sah ihn angewidert an. »Sie hat mich letzten Freitag in meiner Kanzlei aufgesucht. Das war das einzige Mal, dass ich sie gesehen habe.« Ich war unsicher, ob das die ganze Wahrheit war.

Mørk hob die Hände. »Bleib mal ganz ruhig.« Er wirkte jetzt ernst. »Aber du musst dich darauf einstellen, dass nicht alle das so leichthin akzeptieren. Du hast hier nicht nur Freunde, wie du weißt. Und außerdem«, jetzt schien er wirklich bekümmert, »da gibt es noch mehr.«

»Und das wäre?« Ich war noch immer verwirrt, gar nicht sonderlich ängstlich.

»Laut Obduktionsbericht war sie keine Jungfrau. Oder um genauer zu sein, es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sie sexuelle Erfahrung hatte. Aber so was kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen. Und dieses Bild, das sie dir geschickt hat, was, in aller Welt, sollte das bedeuten? Wir haben ihren Mobilfunkverkehr überprüft«, fügte er erklärend hinzu. »Standardverfahren.«

»Ach ja? Sie hat mir gesagt, dass sie das Foto vom Handy ihrer Schwester hatte. Elvira wollte ihr helfen und hat es an mich weitergeleitet. Sie bat mich, den Mann zu finden.«

»Und darauf hast du dich eingelassen?« Mørk schüttelte den Kopf.

»In einem schwachen Moment«, gab ich zu. »Sie tat mir einfach leid.«

»Dieses Foto kommt nicht von Johanna Widerbergs Handy, das kann ich dir jedenfalls sagen.«

»Ach ja?«, sagte ich. »Und wer hat es dann geschickt?«

»Auf dem Handy der Schwester gab es keine Fotos dieser Art.«

Es war also so, wie ich geahnt hatte. Elvira hatte von sich selbst gesprochen.

»Lass ihn nicht warten.« Mørk zeigte auf die Tür. »Åsen kennt Elviras Vater, und soweit ich weiß, kannte er auch sie. Sie sind Mitglieder in derselben Loge.« Es war kein Geheimnis, dass der Kriminalchef Freimaurer war. Ein natürliches Sammelbecken für Geistliche und Juristen. Bis jetzt hatte ich noch kein Angebot zur Aufnahme in die Loge erhalten.

Kriminalchef Åsen blickte kurz auf, als ich die Tür öffnete. »Setzen Sie sich, wir werden hier ein ganz informelles Gespräch führen.« Mit ausdrucksloser Miene sah er mich an. »Elvira Widerberg. Was hatten Sie mit ihr zu schaffen, Foyn?«

»Sie hat mich in meiner Kanzlei aufgesucht«, sagte ich. »Das ist alles.«

»Letzten Freitag, wenn ich das richtig verstehe?«

»Ja.«

»Und dann starb sie.«

»Ist das eine Frage?«, erwiderte ich.

Er sagte nichts, starrte mich bloß an.

»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte ich. Das schlechte Gewissen hatte mich nicht verlassen, war aber jetzt mit Neugier und wachsendem Unmut vermischt. Was bildete er sich eigentlich ein? Und wieso hatte die Kleine mich in die Sache mit hineingezogen?

»Sie haben recht, Foyn.« Eine Sekunde lang sah ich den Menschen hinter der Maske aufblitzen, dann nahm er wieder seine Angriffsposition ein. »Wie erklären Sie sich das Tagebuch?« Er hielt mir ein rosa Buch unter die Nase. »Es muss doch wohl einen Grund dafür geben, dass ausgerechnet Sie hier eine Rolle spielen?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

»Es sieht fast so aus, als kannten Sie einander. Was haben Sie dazu zu sagen?«

»Nicht viel«, entgegnete ich. »Sie können gern die ganze Geschichte hören, sie ist nicht lang.« Ich erzählte ihm, was ich wusste. Ich hatte nichts zu verbergen.

»Hm«, sagte er nachdenklich, nachdem ich fertig war. »Anhand ihrer Internetchronik konnten wir sehen, dass sie Sie ein paarmal gegoogelt hat, auch bevor sie zu Ihnen in die Kanzlei kam. Ist es denkbar, dass sie so eine Art Stalker war?« Dass mich irgendwer als Objekt ausgesucht haben könnte, schien mir unbegreiflich. »War sie möglicherweise von Ihnen besessen, ohne dass Sie etwas davon wussten?«

Ich war geradezu beeindruckt von Åsens Fähigkeiten. Auch mir war der Gedanke gekommen. »Das ist natürlich möglich«, sagte ich erstaunt. »Tønsberg ist eine kleine Stadt. Aber weshalb?«

»Eine gute Frage, Foyn.« Åsens Gesicht war unergründlich. »Was glauben Sie?«

Ich wich der Frage aus. »Was wissen Sie über die Probleme der Kleinen?«

»Das können wir Ihnen nicht verraten.« Jetzt war er wieder der Alte.

»Gab es da irgendwelche Kontakte zum Jugendamt?«

»Die gab es nicht, auch wenn sie ein paar Probleme hatte. Die Eltern verstehen überhaupt nichts, aber die sind natürlich in einem Schockzustand.«

»Sie hat von ihrer Schwester gesprochen«, sagte ich. »Aber das war vielleicht eine Art Projektion?«

Erstaunlicherweise schien er mit dem Begriff vertraut zu sein. »Das ist nicht undenkbar, Foyn.«

»Haben Sie vollständig ausgeschlossen, dass es sich um Mord handeln könnte?«

»Keine Anzeichen weisen darauf hin.«

»Was ist mit der Schwester? Haben Sie rausgefunden, wo sie gewesen ist?«

Åsen setzte ein düsteres Lächeln auf. »Die übliche Geschichte. Sie ging aus dem Haus und sagte, dass sie im Laufe des Abends wiederkäme. Doch tatsächlich ist sie mit ein paar älteren Freunden und Freundinnen in ein Wochenendhaus gefahren. Auf Tjøme«, fügte er hinzu. »Sie haben nichts damit zu tun.«

»Sieht nicht so aus, als hätten die Eltern sonderlich viel Kontrolle über ihre Töchter«, sagte ich.

Åsen blickte mich resigniert an. »Haben Sie nicht auch eine Tochter, Foyn?«

»Doch, ja«, erwiderte ich. »Aber sie steht schon längst nicht mehr unter meiner Kontrolle.« Ich unterließ zu erwähnen, dass das sowieso kaum je der Fall gewesen war. Ich wusste, dass Åsen drei Töchter im Teenageralter hatte. »War nicht der Großvater da?«

»Mütterlicherseits, ja«, fügte Åsen kurz hinzu. »Axel Schøtt verließ das Haus gleich nach den Hauptnachrichten im Fernsehen. Laut Aussage der Eltern sollte er eigentlich über Nacht bleiben, aber da Johanna angeblich am Abend wieder zurück sein wollte, hielt er das mit dem Babysitting für überflüssig.«