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Kriminalstorys

APPETIZER

Schwein versus Hund – wer eignet sich besser für die Trüffelsuche? Éric Jaumard, Trufficulteur aus dem Örtchen Monteux bei Carpentras, weiß die Antwort: »Das Schwein ist einfach unpraktisch. Viel größer, riecht streng, passt nicht ins Auto. Der Hund ist einfach der angenehmere Begleiter.«

Jean Bagnol

Trüffeldiebe

Es war die Stunde der Diebe. Mitternacht war vorbei, die Menschen auf dem Land zwischen den Weingütern am Fuße des Mont Ventoux und den struppigen Hügeln des Dentelles de Montmirail lagen längst in einem tiefen Schlaf. Und es blieb genug Zeit bis zum Morgengrauen, wenn die ersten Frühaufsteher sich aus ihren Decken schälten. Genug Zeit, um das kostbare Gut aus dem Boden zwischen den Eichen zu graben.

Die Diebe kamen mit einem kleinen Peugeot-Lieferwagen. Sie waren zu zweit, einer führte den Hund, einen Kurzhaar-Pointer-Mischling. Beide hatten sie Taschenlampen dabei, deren Licht sie mit einem Tuch dämpften.

Die beiden Männer sprachen nicht, auch der Hund war darauf dressiert, keinen Laut von sich zu geben, obwohl er aufgeregt an der Leine zog. Die Männer wussten, hier auf dem Land trugen die Geräusche weit, und wer weiß, vielleicht trieb den Besitzer des Eichenwaldes gerade der Harndrang aus dem Bett. Er wüsste sofort, was nächtliche Stimmen auf seinem Grund zu bedeuten hatten, und hier hatte jeder ein Gewehr im Schrank stehen.

Schon am Fuße der dritten Eiche begann der Hund mit leisem Winseln, im Boden zu wühlen. Der Hundeführer zog ihn mit einem energischen Ruck zurück. Sein Begleiter grub vorsichtig in der von altem Laub bedeckten Erde. Da war er, ein dunkler, unscheinbarer Klumpen. Der Mann zog ihn hervor, hielt ihn sich unter die Nase, schnupperte daran. Dann nickte er seinem Begleiter zu: fest und aromatisch, nicht verfault.

Fast drei Stunden lang füllten sich die Männer den Leinenbeutel. Dann, als der Geruchssinn des Hundes erschöpft war, kehrten sie zu ihrem Wagen zurück. Sie waren zufrieden mit ihrer Beute. Obwohl die Trüffelzeit erst begonnen und die schwarzen Knollen noch nicht ihr volles Aroma erreicht hatten, würde ihnen der Inhalt des Beutels weit über zweitausend Euro einbringen. An den Bauern, der die Eichen gepflanzt und jahrelang gepflegt hat, damit zwischen ihren Wurzeln vielleicht eines Tages der kostbare schwarze Trüffel wachsen konnte, verschwendeten sie keinen Gedanken. Sie waren Diebe. Unerkannt verschwanden sie in der Nacht.

»Émile, ich kann da nichts machen.« Sergeant Lucien Brell breitete in einer hilflosen Geste die Arme aus. »Dein Hof fällt nicht in meine Zuständigkeit, du musst dich an die Polizei in Carpentras wenden.«

Émile Cotard schnaubte verächtlich aus. »Carpentras? Die rühren keinen Finger für einen Trüffelbauern. Dieser eitle Gockel Minotte bewegt sich nur, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist.«

»Ja, aber er ist der zuständige Kommissar, ich bin nur für Mazan und seine Umgebung zuständig.«

Émile Cotard starrte finster vor sich hin. Die knorrigen, braun gebrannten Hände zu Fäusten geballt, saß er vor Brells Schreibtisch im ›Zuckerwürfel‹, wie der Containeranbau, in dem die Gendarmerie von Mazan untergebracht war, spöttisch von den Einwohnern genannt wurde.

»Zuständig!« Émile Cotard schnaubte wieder aus. »Danach haben wir früher nicht gefragt. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, wenn Not am Mann war, und dein Vorgänger, der alte Thibault, hätte sich von diesem Zuständigkeitskram nicht abhalten lassen.«

Brell wollte etwas erwidern, doch Cotard redete sich in Fahrt.

»Zweitausend Euro, so viel waren die Knollen wert, die sie mir geklaut haben!«

»Das kannst du doch nicht wissen …«

»Mindestens«, unterbrach Cotard den Gendarmen. »Und wenn wir nichts unternehmen, holen sie mir in ein paar Wochen die richtig wertvollen aus dem Boden. Mensch, Lucien, ich lebe von den Trüffeln.«

»Ich werde ein förmliches Gesuch nach Carpentras …«

»Ach komm, hör doch auf.« Cotard winkte ab. »Ich sage dir, was ich machen werde: Ich lege mich mit ’ner Flinte auf die Lauer.«

»Das tust du nicht, Émile, das verbiete ich dir!«

»Was ich auf meinem Grund und Boden tue, geht niemanden etwas an. Schreib du dein Gesuch, ich werde meinen Besitz schützen.«

Cotard ging zur Tür. Mit der Hand auf dem Türgriff wandte er sich noch einmal um. »Früher, da haben wir uns geholfen, Lucien.«

Dann war er fort und Lucien Brell fühlte sich wie ein Verräter. Er tat das, was er immer tat, wenn er sich beruhigen musste: Er machte sich etwas zu essen.

Er holte eine Leinenserviette aus der Schublade und breitete sie vor sich auf dem Schreibtisch aus. Dann brach er ein Stück von dem knackfrischen Baguette ab, das er vom Markt mitgebracht hatte, belegte es mit Banon-Käse, strich Lavendelrillette darauf und platzierte zuoberst zwei Aprikosenscheiben. Er aß, wischte sich dann mit der gebügelten Leinenserviette Mund und Finger ab, faltete sie sauber zusammen und verstaute sie wieder in der Schublade. Danach, mit gefülltem Magen, konnte Brell endlich über das Problem Émile Cotard nachdenken.

Was er dem Trüffelbauern über die Zuständigkeit erklärt hatte, war tatsächlich das Problem. Es ging ihm ebenso gegen den Strich wie Émile, aber als Chef de Police von Mazan war er an diesen ›Zuständigkeitskram‹, wie Émile es genannt hatte, gebunden.

Auf der anderen Seite kannte er Männer wie Émile Cotard, eigenwillige Provenzalen, von der Sonne gebacken, vom Mistral gegerbt und die Fingernägel dunkel von der Erde, auf der sie aufgewachsen waren. Émile würde das Unrecht nicht hinnehmen. Dann aber, wenn er es mit einem erschossenen Trüffeldieb zu tun bekäme, würde Commissaire Minotte aus Carpentras wahrscheinlich sehr schnell aktiv werden.

Verdammtes Pack! Manchmal waren es Einzelgänger, die in der Trüffelsaison ihr Geschäft neben den offiziellen Märkten aus den offenen Heckklappen ihrer Autos betrieben und die Delikatesse an ahnungslose Touristen verkauften. Nicht selten wurde dabei mit Wasser oder sogar Bleisplittern das Gewicht erhöht.

Oder vielleicht waren es auch Diebe aus Avignon oder gar Marseille, die für die korsische oder chinesische Mafia arbeiteten. In diesem Fall landete die Ware meist in Restaurants an der Küste. Es steckte viel zu viel Geld in dem Geschäft, als dass nicht irgendwelche Gauner mitmischten. Der Gelackmeierte war der Bauer, der Jahre in die Aufzucht der Eichen steckte, um die kostbaren Knollen überhaupt wachsen zu lassen.

Sergeant Lucien Brell pumpte einmal seinen mächtigen Brustkorb mit Luft voll und stieß sie mit einem schweren Seufzen wieder aus. Genau in dem Moment ging die Tür erneut auf.

»Na, das ist ja mal ein Seufzer, der die Welt erbeben lässt«, sagte Blandine Hoffmann.

Sergeant Brell räusperte sich, in Gegenwart der Reporterin des Vaucluse matin wurde er immer verlegen.

»Bonjour, Madame Hoffmann, äh … was kann ich … ähm, für Sie tun?«

»Mein lieber Lucien«, strahlte die blonde Frau den Polizisten an und schloss die Tür hinter sich, »waren wir nicht schon einmal viel vertrauter miteinander?« Sie ließ sich auf den gleichen Stuhl nieder, auf dem eben noch Émile Cotard gesessen hatte, und schlug die nylonbestrumpften Beine übereinander.

Sergeant Brell, der neben der Schwäche für Blandine Hoffmann eine besondere Schwäche für ihre Beine hatte, musste sich wieder räuspern. Ihre Vertrautheit bezog sich zu seinem unendlichen Bedauern lediglich darauf, dass sie sich mit dem Vornamen anredeten und zumindest Blandine ihn, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit waren, auch duzte. Eine eher geschwisterliche Vertrautheit, wie er sich eingestehen musste. Es war nun einmal so: In einem Mann mit seinem Leibesumfang sahen die wenigsten Frauen mehr als einen Bruder.

»Wie schön, Madame, ähm, Blandine, wie geht’s?«

Blandine Hoffmann schaute sich betont gleichgültig in der kleinen Wache um. »Ach, ich bin gerade in der Gegend gewesen, und da dachte ich mir, ich schaue kurz bei meinem alten Freund Lucien Brell vorbei und höre mal, was es so Neues gibt.«

»Ach, eigentlich nicht viel. Das ist hier ja nicht Marseille oder Avignon.«

Blandine zog eine Schnute. »Ach, Lucien, ich will die Wahrheit sagen. Ich brauche unbedingt eine Story. Haben Sie nicht irgendetwas für mich? Einen Einbruch? Jemand schlägt seine Frau oder besser noch: Eine Frau schlägt ihren Mann? Ir-gend-et-was?«

Mit großen blauen Augen bettelte sie ihn an und sofort wurde er porös. Was konnte er dieser wunderbaren Frau nur bieten?

Da kam ihm ein Gedanke. Er berichtete ihr von Émile Cotard und dem Trüffeldieb. Dabei dachte er sich, dass er mit einem Artikel im Vaucluse matin vielleicht auch die Bullen aus Carpentras auf Trab bringen könnte. Doch Blandine Hoffmann wiegte skeptisch den Kopf. »Pilzdiebstahl?«, fragte sie zweifelnd.

Brell reckte entrüstet seine Schultern. »Pilzdiebstahl?!« Augenblicklich brach sich sein Frust, nichts für Émile tun zu können, Bahn. Hinzu kam die ganze Ungerechtigkeit der Welt, der er als kleiner Gemeindepolizist machtlos gegenüberstand. »Ein Kilo dieser ›Pilze‹ bringen zwischen fünfhundert und tausend Euro! Bis sie wachsen, dauert es über fünfzehn Jahre! So ein Diebstahl ist existenzvernichtend!«

Blandine hatte sich nach vorn gebeugt, den Ellenbogen auf ihr Knie gestützt, das Kinn auf die Hand, und betrachtete den aufgeregten Gendarm mit dem Ausdruck einer Katze, die einen Teller voller Rahm vor sich hat. »Ach, Lucien«, schnurrte sie, »wie männlich Sie sind, wenn Sie in Rage geraten.«

Brells Hände wischten unsichtbare Krümel von der Tischplatte. Ehe er seine Verlegenheit überwinden konnte, fuhr sie fort.

»Also, etwas anderes wäre es natürlich, wenn wir diesen Trüffeldieb auf frischer Tat ertappen könnten. Das wäre eine Story.«

In Brells überraschtem Geist tauchten Bilder auf, in denen er mit Blandine Hoffmann Stunden in irgendwelchen Steineichenwäldern verbrachte. Die aktuellen nächtlichen Temperaturen spielten in diesen Bildern keine Rolle. Ebenso wenig tauchte das Wort ›Zuständigkeit‹ darin auf.

»Aber wir wissen ja gar nicht, wo und wann sie wieder zuschlagen«, versuchte er einen schwachen Einwand.

Blandine Hoffmann beugte sich zu ihm herüber, was ihm einen fast gynäkologischen Einblick in ihr Dekolleté gewährte.

»Dann müssen wir uns eben Mühe geben«, sagte sie mit dunkler Stimme.

Es war die vierte Nacht, die sie zusammen unter dem weiten Sternenhimmel des Vaucluse verbrachten. Und mittlerweile hatten sie ihre Ausrüstung perfektioniert. Brell hatte ihnen nicht nur Daunenjacken besorgt, sondern auch Armeeschlafsäcke, in denen sie eingekuschelt den Geräuschen der Nacht lauschten, die Sterne bestaunten oder über das Leben sprachen. Die meiste Zeit aber beschäftigten sie sich mit dem Essen.

Lucien Brell, der ein überzeugter Vegetarier war, hatte schon am ersten Abend eine Auswahl seiner Pasteten und Tartes mitgebracht. Blandine, bekennende Allesfresserin, hatte kurze, entzückend lustvolle Laute von sich gegeben, als Brell ihr auf kleinen Stückchen Zwiebel- oder Bauernbrot nach und nach seine Auswahl zu kosten gab. Ihre Begeisterung hatte ihn inspiriert.

Am zweiten Abend brachte er ihr zwei winzige Trüffel mit. »Man unterscheidet bei den La melan zwischen den Aromen Café und Chocolat«, erklärte er leise, während er ihr zwei kleine Rabasses, wie die Provenzalen ihre Mont-Ventoux-Trüffel nannten, auf ein Holzbrettchen hobelte. Sanft träufelte er frisches grünes Olivenöl darüber und garnierte es mit einer Prise Fleur de Sel aus der Camargue. »Probieren Sie es.«

»Du«, sagte sie.

»Du«, wiederholte er.

Er verschwieg ihr, dass der Trüffel Frauen nachgiebiger und Männer liebenswürdiger machen sollte, so das Gerücht. Als Nächstes rieb er zwei Scheiben eines jungen Camemberts mit etwas Trüffel ein. Wie sie daran roch, kostete, genoss – er hätte endlose Nächte so verbringen können.

Am dritten Abend – sie stießen gerade mit einem hervorragenden Fondrèche aus der Gegend von Mazan an – überraschte Blandine Lucien Brell mit einem großen Glas selbst eingelegter Reineclaude-Pflaumen aus dem sonnenübergossenen Tal der Nesque. Sie dufteten nach einem gestohlenen Sonntagnachmittag, weißen Kissen unter einem schattigen Baum an einem murmelnden Bach. »Ich mache sie mit einem Hauch Armagnac aus der Gascogne«, erklärte Blandine. »Ich nenne sie ›meine beschwipsten Pfläumchen‹.«

»Aha«, raunte er heiser.

Brell hatte sich den Ort ihrer Wache genau überlegt. Bei Émile würden die Diebe sicher nicht gleich wieder zuschlagen. Doch es gab in dessen Nachbarschaft einen Haselnuss-Steineichenwald, in dem hervorragende Trüffel wuchsen.

Sicherheitshalber hatte Brell sowohl den Besitzer Luc als auch Émile von seinem Vorhaben unterrichtet. Schließlich wollte er nicht von den wütenden Bauern irrtümlich über den Haufen geschossen werden.

Bisher war nichts passiert. Mal abgesehen davon, dass er diese Nächte mit Blandine Hoffmann verbracht hatte. Nebeneinander in ihre Schlafsäcke eingehüllt, hatten sie sich über Rezepte ausgetauscht. Anfangs noch flüsternd, da sie ja mit den Dieben rechneten. Daher hatte Brell auch seine Dienstwaffe dabei. Eigentlich aber hatte der Sergeant vor, das Problem mit seiner amtlichen Autorität und seiner beachtlichen Körpermasse zu lösen.

Am vierten Abend nun begannen sie ihre Mahlzeit mit einem Aperitif aus Tomatensorbetcreme auf kleinen Salzbrezeln. Dazu gab es einen milden Crémant d’Alsace. Brell konnte nicht verhindern, dass der Korken mit einem nicht sehr lauten, aber dennoch vernehmlichen ›Plopp‹ aus der Flasche kam.

»Hoppla«, sagte er vergnügt. Das Flüstern hatten sie irgendwann sein lassen.

»Das ist aber ein temperamentvoller«, lachte Blandine.

»Madame Hoffmann«, sagte Brell gespielt förmlich, »darf ich Ihnen ein Gläschen kredenzen?«

»Oh, mon cher Commandant, ich bitte darum.«

Während Lucien Brell ihnen einschenkte, rückte Blandine in ihrem Schlafsack etwas dichter an ihn heran. »Weißt du, Lucien, wenn die Diebe gar nicht mehr aufkreuzen …«

»Ja?« Brell wurde auf einmal richtig warm in seinem Armeeschlafsack.

»… dann schreibe ich über zwei Menschen, die die Trüffel bewachen.«

»So?«

»Ja.« Sie rückte noch ein wenig näher.

Jetzt spürte er durch den Daunenstoff ihre Hüfte und ihre Schenkel.

»Ich weiß nur noch nicht, ob ich da alles erzählen kann, was wir beide in diesen Nächten erleben.«

Ihr Gesicht war jetzt ganz nah an seinem, ihre blauen Augen spiegelten die Sterne. Und ihre Lippen, oh, diese wundervollen Lippen … In Lucien Brell wallten Gefühle auf, die er schon seit Langem vergessen geglaubt hatte. Er war nicht mehr der dicke Brell, der mit einer Frau …

Was war das?!

Sie hörten es beide. Das Geräusch eines Wagens, der sich näherte. Der anhielt und dessen Motor ausgestellt wurde. Sie sahen sich an, erschrocken, zweifelnd, erwartungsvoll.

Eine Tür öffnete sich, schlug zu, eine zweite folgte.

»Komm«, raunte Brell entschlossen.

Sie hatten sich für ihre Wache einen Hügel über dem Wald ausgesucht, hier würden die Diebe nicht herkommen. Verborgen von einem Busch spähten sie den Hang hinab. Der Halbmond tauchte den Wald in ein fahles Licht. Knorrig gewachsene Bäume, die in diesem Licht wie Kobolde aussahen. Sie bemerkten beide die Bewegung am anderen Ende der Eichenbaumreihen.

»Es sind zwei«, raunte Blandine in Brells Ohr.

Ihr Atem, so dicht, und ihr Duft nach Frau und Trüffeln jagten ihm kleine Schauer über die Haut. Gleichzeitig spürte er den Jagdinstinkt des Polizisten. Heute Nacht würden Handschellen klicken. An seiner Seite holte Blandine die Kamera aus dem Futteral und steckte das Blitzlicht auf.

»Erst wenn ich es sage«, flüsterte er in ihr Ohr zurück und konnte sich gerade noch davon abhalten, es zu küssen.

»Klaro«, formte Blandine mit den Lippen.

Brell überlegte. Unwahrscheinlich, dass der Hund sie witterte, er war auf Trüffel dressiert. Außerdem wehte der Wind aus einer für sie günstigen Richtung. Lucien würde die Diebe unten vorbeigehen lassen, um dann hinunterzulaufen und ihnen den Rückweg zu versperren.

So weit der Plan.

Dummerweise gab es etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Es war Blandine, die es zuerst bemerkte.

Die beiden Trüffeldiebe waren gerade an ihrem Hügel vorbei und Brell war im Begriff hinunterzugehen, als Blandine ihn am Arm packte. »Da ist noch jemand«, flüsterte sie hektisch und zeigte auf zwei Schatten, die sich quer durch den Wald auf die Diebe zubewegten.

Brell runzelte die Stirn. »Was …?«, brachte er gerade noch hervor, als die beiden Neuankömmlinge zwei starke Lampen entzündeten, mit denen sie die anderen zwei Wilderer blendeten.

»Arrêtez, salauds!« – Halt, Mistkerle, rief eine Stimme, in der Brell einen harten Akzent zu erkennen glaubte.

Erschreckte Rufe, Taschenlampen, die sich aufeinander richteten.

»Was wollt ihr? Wer seid ihr?«

»Her mit den Knollen und verschwindet. Das ist unser Revier.«

Jetzt erkannte Brell, dass die zwei Überraschungsgäste Waffen auf die Diebe gerichtet hatten. Was zum Teufel ging hier vor?

»Verpisst euch, wir waren zuerst hier.«

»Seht ihr das in unseren Händen?«

Jetzt erkannte Brell den Akzent: Es war korsisch.

»Wenn ihr schießt, haben wir gleich die Bullerei der ganzen Gegend am Hals.«

»Das werdet ihr nicht mehr erleben.«

Blandine packte Brell erneut hart am Arm und wies auf die Seite des Waldes, von der die Diebe gekommen waren. Brell konnte es nicht fassen. Da kamen noch zwei Gestalten an!

»Alle nehmen Hände hoch«, brüllte eine Stimme mit deutlich chinesischem Akzent. »Sonst wil schießen tot!«

Brell stöhnte auf. Die chinesische Mafia.

Während unten am Hang sechs Männer mit Revolvern herumfuchtelten und sich mit diversen Akzenten gegenseitig anschrien, schauten Brell und Blandine sich ratlos an.

»Und jetzt?«, wisperte sie.

Brell hatte keine Ahnung, wusste aber, dass er hier mit polizeilicher Autorität nicht weiterkommen würde.

»Habe ich euch, ihr Mistkerle! Jetzt gibt’s Eiersalat!«

»Auch das noch«, schimpfte Brell unterdrückt.

Émile Cotard und sein Nachbar Luc kamen von der anderen Seite. Sie richteten langläufige Gewehre auf die zerstrittenen Diebe.

»Verdammt, wer seid ihr denn alle?«, brüllte Émile.

»Gewehle weg!«, kreischten die Chinesen.

»Alle Waffen lunter – scheiße: runter!«, brüllte einer der Korsen.

»Ihr könnt uns mal.«

»Dies ist ein freies Land.«

»Fleies Land?«

»Wo kommen denn die Chinesen her?«

»Ich bin Korse, du Ochse.«

»Du nennst mich Ochse?«

»Ein blödel Kolse?«

Brell zog seine Waffe. »Ich muss da jetzt runter, sonst gibt es ein Gemetzel.«

»Nein, Lucien, bitte«, Blandine hielt ihn am Arm fest.

»Hel mit die Tlüffel.«

Brell machte sich los. Mit der entschlossenen Wucht eines Kampfroboters stapfte er den Hügel hinab. Lampenstrahlen zuckten durch die Nacht, wütende Worte flogen durch die Luft.

Niemand bemerkte den Gendarmen, bis er beinahe zwischen den Streitenden stand. Er riss den Arm mit der Waffe hoch.

»Polizei! Alle die Waffen runter und auf den Boden legen!«

Eine Sekunde lang herrschte Stille, und Brell glaubte schon, dass er es geschafft hatte. Da blitzte hinter ihm Blandines Kamera auf.

Im Nachhinein war nicht mehr zu ermitteln, was während der anschließenden Schießerei genau passierte. Aber die Amtsärztin aus Carpentras konnte feststellen, dass eine Ladung Schrot aus Émile Cotards Flinte bei einem der Chinesen im Gesäß landete. Der wurde zusätzlich von einer korsischen Kugel im Bein getroffen. Diesen Schützen wiederum traf eine Kugel von einem der Trüffeldiebe, die mittlerweile auch ihre Waffen hervorgeholt hatten. Leider war diese Kugel tödlich. Sein korsischer Kollege hingegen wurde nur in den Fuß getroffen. Wer überhaupt nichts abbekam, waren Émile und sein Nachbar. Letzterer richtete selbst keinen weiteren Schaden an. Seine altersschwache Flinte machte nur einmal ›Klick‹, und das war’s.

Brell stand einfach mit seiner Dienstpistole in der Hand da, während sich die Mitglieder der unterschiedlichen Gangs gegenseitig zerlegten. Als alles Pulver verschossen war, hatte er als Einziger noch Munition im Magazin. Seiner Aufforderung, die Waffen niederzulegen, leisteten nun alle, die das noch konnten, umstandslos Folge.

Blandine, die mit ihrem ersten Foto das Geballer in Gang gesetzt hatte, konnte mit einer Superstory für den Vaucluse matin aufwarten. In der natürlich der Chef de Police Lucien Brell als der große Held wegkam.

»Ach, Lucien«, sagte sie, als sie ihn Tage später im ›Zuckerwürfel‹ besuchte. »Ich werde unsere Nächte in den Eichenwäldern nie vergessen.«

Das würde Brell auch nicht, aber er traute sich nicht, das zu sagen.

»Was meinst du«, sagte Blandine und setzte sich mit halbem Po auf seinen Schreibtisch. »Ob wir das noch mal machen können? Vielleicht im Sommer, wenn wir keinen Schlafsack brauchen?« Dabei betrachtete sie ihn mit einem Blick, der Brell das Blut unter die Haut trieb.

»Ich werde eine Ratatouille-Tarte mit mildem Ziegenkäse aus Arles und Zitronenthymian aus meinem Garten machen«, sagte er rau.

»Und ich bringe meine beschwipsten Pfläumchen mit«, hauchte sie.

APPETIZER

In der sogenannten Roadkill Cuisine ist der Name Programm: Die Zutaten für die Menüs liegen tatsächlich auf der Straße. Anhänger der nicht unumstrittenen Ernährungsmethode betonen, dass sich aus im Straßenverkehr zu Tode gekommenen Tieren ein köstliches Mahl zubereiten lässt, vorausgesetzt, das Ganze geschieht innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach einem Wildunfall. Vorteile der Roadkill-Ernährungsweise sehen sie zudem in den geringen Kosten sowie der Tatsache, dass Kadaverfleisch von Fuchs, Igel oder Dachs einen höheren Nährstoffgehalt besitzt als Fleisch aus dem Supermarkt, weil es mager und frei von Zusatzstoffen oder Antibiotika ist.

Ilka Stitz

Mutterglück

Für seine Kinder nur das Beste, wie man so schön sagt. Aber am Ende ist das Beste doch nie gut genug. Ist doch so.

Meine Tochter Nadine und ich, wir haben nicht viel gemeinsam. Nur die Mahlzeiten, die waren uns schon immer wichtig.

Als sie noch bei mir wohnte, machten wir aus dem Zusammensitzen beim Abendessen ein Ritual. Seit ihrem Auszug gibt es das allerdings nur noch an meinem Geburtstag und zu Weihnachten. Und wenn sie Liebeskummer hat. Dann weint sie sich bei mir aus. Das Tiramisu zu diesem Anlass ist ebenfalls eine lieb gewordene Tradition.

Für meine Tochter habe ich stets ein offenes Ohr, schon von klein auf. Alles konnte sie mir erzählen, immer war ich für sie da. Sogar zu mir ins Restaurant durfte sie jederzeit kommen, egal, wie viel ich auch zu tun haben mochte, da war meine Chefin kulant. Seit ein paar Jahren sehe ich Nadine allerdings noch seltener.

Aber immer zu Weihnachten! An den Feiertagen machen wir es uns immer besonders schön. Da habe ich frei und koche nur für uns beide. Nadines Vater … reden wir nicht von dem, ein ganz unerquickliches Thema.

Zum Fest gibt es bei uns immer ein Ragout vom Hirsch, mit Spätzle. Selbst gemacht natürlich.

Da war der erste Freund von Nadine, dieser Thorsten. Zehn Jahre ist das jetzt her. Du meine Güte! Dessen Mutter war Schwäbin, aber Spätzle schaben konnte sie nicht. Das hat er mir erzählt, der Thorsten, als er einmal Weihnachten mit uns feierte. Verrückte Welt – eine Schwäbin, die keine Spätzle machen kann.

Sonst war Thorsten ja eher unauffällig, ein Wunder, dass ich mich überhaupt an seinen Namen erinnere. Spindeldürr war er, aber ein guter Esser, doch, das muss ich sagen. Den Teller hat er immer blank geputzt.

Anders als dieser Dunkle mit den schrecklichen Tätowierungen … Nadine hatte schon immer ein Händchen für besonders kaputte Typen. Mal abgesehen von Thorsten, der war ja eher durchschnittlich. Dieser andere dagegen, an dessen Namen kann ich mich gerade überhaupt nicht mehr erinnern …

Aber an seinen Dreitagebart! Nadine fand ihn schick. Ich finde so etwas ungepflegt. Aber erst diese Tätowierungen, ich will gar nicht wissen, wo er überall welche hatte … ekelhaft. Wenn diese Bildchen wenigstens irgendeine Bedeutung hätten. Ach ja, Carlo hieß dieser Kerl, jetzt fällt es mir wieder ein. Wie dieser dicke Kater.

Von Kopf bis Fuß tätowiert war auch Marcel, den sie nach Carlo hatte. Ganz und gar mit chinesischen Zeichen beschriftet, den linken Arm runter, den rechten wieder rauf. Oder umgekehrt. Ich habe ihn gefragt, was da steht. Irgendwas von Konfuzius, behauptete er. Bestimmt so was wie: Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Irgend so ein kluger Kalenderspruch sicherlich.

Na ja, genauso gut könnte da auch Schweinefleisch süß-sauer, zwölf fünfzig stehen, wer kann das schon nachprüfen. Ich bin heute noch stolz, dass ich seinerzeit verhindern konnte, dass Nadine sich eins von diesen Geweihen auf das Hinterteil hat sticheln lassen. Später hätte sie das bereut, das hat sie letztens selbst zugegeben.

Aber ein traumhaftes Gulasch konnte der Marcel kochen. Das hätte ich nicht gedacht. Selten hatten wir an Weihnachten ein derart leckeres Essen. Und ich koche wirklich gut.

Dann kam Klaus. Klaus war Vegetarier! Hanfhose, Wollsocken und Sandalen sommers wie winters, selbst gestrickte Pullover – aber ein Feind des bunten Körperschmucks. Er roch etwas streng. Die Beziehung dauerte lange genug, um mir seinen Namen zu merken und die Vielfalt an Sojawürstchen, Veggie-Aufstrichen und Räuchertofu kennenzulernen. Das kann man essen, sicher. Aber doch nicht zu Weihnachten.

Die fleischlosen Erfahrungen konnten sich noch eine Zeit lang bewähren, denn auch der nächste Freund war Vegetarier. Wenn das so weitergegangen wäre … So viele Rezepte kannte ich gar nicht, trotz der Übung mit Klaus. Ich arbeite in einem argentinischen Grillrestaurant, und das mit Überzeugung.

Der Nächste aß ja dann auch wieder Fleisch. Sebastian, ein seltsamer Junge – bei Nadine war das zu erwarten. Aber als Mutter gibt man die Hoffnung nie auf, doch noch irgendwann einen anständigen jungen Mann präsentiert zu bekommen.

Der ›bunte Sebi‹, hat sie ihn liebevoll genannt, denn er trug eine geringelte Wollmütze auf dem Kopf und die Hose in den Kniekehlen hängend. Was hat Nadine noch gesagt, war der? Ein Nerd? Ach nein, ich glaube, das war der mit der dicken schwarzen Brille und den glasigen Augen; der war irgendwann davor. Zwischen Carlo und … Wer soll da auch den Überblick behalten?