Umschlag

Jürgen Kehrer

Wilsberg –

Ein bisschen Mord muss sein

Kriminalroman

Der Autor

Jürgen Kehrer wurde 1956 in Essen geboren. 1974 von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze nach Münster geschickt, fand er das Leben in dieser Stadt bald so angenehm, dass er noch heute dort wohnt.

1990 erschien sein erster Kriminalroman Und die Toten lässt man ruhen. Damit nahm die beeindruckende Karriere des sympathischen, unter chronischem Geldmangel leidenden, münsterschen Privatdetektivs Georg Wilsberg ihren Anfang. Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein ist der neunzehnte Wilsberg-Roman.

1995 wurde Wilsberg für das Fernsehen entdeckt und ermittelt seitdem auch regelmäßig in der Samstagabendkrimireihe im ZDF.

Neben den Wilsberg-Krimis schreibt Jürgen Kehrer historische und in der Gegenwart angesiedelte Kriminalromane, Drehbücher für das Fernsehen und Sachbücher.

www.juergen-kehrer.de

Goldstück

Eines Nachts, ich war allein

ging in den neusten Klub hinein

Alles glänzte, alles schwitzte

Durch das Dunkel ein Scheinwerfer blitzte

der fiel auf dein Gesicht

war geblendet von dem Licht

konnte es erst nicht glauben

dachte, das Schicksal würd’s mir nie erlauben

Ohh

Goldstück – mit dir hab ich nur Glück

Goldstück – ohne dich werd ich verrückt

Goldstück – aufgelesen, aufpoliert

mit meinem Goldstück hab ich die Liebe erst kapiert

Wir verstanden uns auch ohne Wort

Das kam später, am anderen Ort

Dort redeten wir ohne Unterlass

bis der Mond sich färbte grau und blass

Und als die Sonne am Himmel stand

Wusste ich genau, was ich in dir fand

Hätt ich dich nicht aufgelesen

wär’s mit mir aus gewesen

Ohh

Goldstück – mit dir hab ich nur Glück

Goldstück – ohne dich werd ich verrückt

Goldstück – aufgelesen, aufpoliert

mit meinem Goldstück hab ich die Liebe erst kapiert

Deine Seele, merkt’ ich bald

war nicht finster, niemals kalt

Nein, sie glänzte wie ein Stück

feinstes Gold, reines Glück

Goldstück – mit dir hab ich nur Glück

Goldstück – ohne dich werd ich verrückt

Goldstück – aufgelesen, aufpoliert

mit meinem Goldstück hab ich die Liebe erst kapiert

Text/Musik: Martina Hillenbrand

1

Ich war älter geworden. Noch nicht alt genug, um morgens keine Lust zum Aufstehen zu verspüren. Und doch längst aus dem Alter heraus, in dem mich noch etwas überraschen konnte. Bei der Arbeit. Im Leben. Die Aufträge, die ich als Privatdetektiv bekam, ließen sich in drei oder vier Kategorien einteilen. Ebenso wie meine Auftraggeber. Die gleichen Pappnasen wie vor zwanzig Jahren. Schon auf den ersten Blick kannte ich ihre Probleme – und auch die Lösungen. Sagte sie ihnen natürlich nicht sofort, schließlich musste ich Geld verdienen. Außerdem hatten sie einen Anspruch darauf, sich für einmalig zu halten. Also hörte ich ihnen interessiert zu, stellte Fragen, machte mir Notizen, fuhr ein bisschen herum, legte mich auf die Lauer, redete mit ergiebigen und unergiebigen Zeugen, schrieb Berichte und machte ein Häkchen unter den Fall, wenn meine Rechnung beglichen worden war. Zum Glück gab es immer noch genug Menschen, die enttäuscht oder betrogen wurden – oder einfach nur krankhaft misstrauisch waren. Irgendwann würde ich zu alt für diesen Mist sein. Aber daran wollte ich lieber noch nicht denken.

Vielleicht lag es auch am kaltnassen Winterabend, dass mein Gefühlszustand mit jedem Tritt in die Pedale trüber wurde. In Münster gab es durchaus schöne Monate – der Januar gehörte definitiv nicht dazu. Beinahe hätte ich es deshalb abgelehnt, meine gefütterte Jacke anzuziehen und mich auf den Weg zum Horsteberg zu machen. Zumal der Mann am Telefon nicht mal seinen Namen genannt hatte. Allerdings war mir die Stimme merkwürdig bekannt vorgekommen. Wie die ältere, müdere, rauchigere Ausgabe einer Stimme, die ich vor vielen Jahren oft gehört hatte. Eine Weile grübelte ich darüber nach, welches Gesicht dazu passte, dann gab ich es auf. »Bitte! Es ist sehr wichtig für mich«, hatte der Mann gesagt. Und: »Geld spielt keine Rolle.«

Immerhin hatte er so meine Neugier geweckt. Und meinen Geschäftssinn. Wie auch in den Jahren zuvor war nach Weihnachten eine Auftragsflaute eingetreten. Seit drei Tagen hatte ich alles erledigt, was ich mir zu erledigen irgendwann vorgenommen hatte. Allmählich fing ich an, mich zu langweilen. Also hatte ich alle Bedenken, die ich normalerweise gegen anonyme Anrufer hege, beiseitegewischt und mich auf mein Fahrrad gesetzt. Vom Kreuzviertel aus brauchte ich gerade mal fünf Minuten bis zum Dom. Der Dom liegt zwar nicht auf einem Berg, sondern nur ein paar Meter oberhalb der Aa, die ich überquerte, um zum klerikalen Zentrum der Stadt zu gelangen, doch in Ermangelung höherer Erhebungen weit und breit hatte man eine dunkle Gasse hinter dem Gotteshaus auf den Namen Horsteberg getauft. Eine sehr dunkle unbelebte Gasse, besonders zu dieser Tages- und Jahreszeit. Gut geeignet als Falle für naive Privatdetektive.

Ich überlegte, wer mich vielleicht in eine solche locken wollte. Im Laufe meines Berufslebens hatte ich etliche Männer und Frauen ins Gefängnis gebracht – und die meisten von ihnen waren inzwischen wieder auf freiem Fuß. Dass sich der eine oder die andere von ihnen noch immer an kindische Rachegelüste klammerte, war keine hohle Theorie. Vor gut einem Jahr hatte mir einer meiner ältesten Kunden einen Bauchschuss verpasst und ein paar Tage lang hätten die mich behandelnden Ärzte keine größeren Beträge auf mein Überleben verwettet. Eine Vorhöllenerfahrung, die ich nicht unbedingt noch einmal machen wollte.

Ich schloss mein Fahrrad ab und ging langsam um den Dom herum. Noch wäre es möglich gewesen, einfach umzudrehen.

Der Mann hatte eine kompakte, gedrungene Gestalt und trug einen teuer aussehenden Fellmantel, wie ihn sich Zuhälter gerne umhängen. Zum Auftritt einer Halbweltgröße passte auch die getönte Brille, die etwa ein Drittel des Gesichtes verdeckte. Aus dem Rahmen fiel jedoch die lächerliche Zipfelmütze, unter der er sein Haar versteckte. Der Mann zog eine behandschuhte Hand aus der Manteltasche und winkte in meine Richtung. Je näher ich kam, desto mehr erinnerte mich das Gesicht rund um die Brille an jemanden, mit dem ich vor Urzeiten an etlichen Kneipentresen gestanden hatte. Und dann förderte das Langzeitgedächtnis endlich einen Namen zutage.

»Wolfram«, sagte ich. »Wolfram Schniederbecke.«

Er schnitt eine Grimasse, als hätte ich ihm ein in der Hosentasche vergrabenes, klebriges Bonbon angeboten. »Kein Mensch nennt mich Wolfram.«

Das wusste ich natürlich. In den letzten drei Sekunden hatten sich die Synapsen in meinem Gehirn wie verrückt verknotet und spuckten nun jede Menge Informationen aus. Mein alter Kumpel Wolfram, der in unserer gemeinsamen Studienzeit als Punkmusiker auf der Bühne gestanden hatte, nannte sich seit rund zwanzig Jahren Wolf Schatz und beglückte die kleine verfolgte Mehrheit der Schlagerfans im Land mit seichten Liedern. Da ich kein Anhänger von Schlager- und anderen Paraden war, hatte sich unser Kontakt deshalb darauf beschränkt, dass er mich gelegentlich in Ärztewartezimmern aus Peoplemagazinen anlächelte. Die dazugehörigen Schlagzeilen handelten von Affären, Alkoholproblemen, Trennungen, Versöhnungen, ehelichen und unehelichen Kindern. Was man als Schlageraffe eben so treibt, um mindestens einmal pro Woche den Klatschreportern Zucker zu geben.

»Schon komisch«, sagte ich. »Damals, als du im Odeon deinem Publikum Bier über den Kopf geschüttet hast, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können, dass du mal zum Goldschatz mutieren würdest.«

Seit seinem Hit Goldstück, der sich ungefähr drei Milliarden Mal verkauft hatte, hieß Wolf Schatz bei betagten Verehrerinnen und in einschlägigen Medien nur noch Goldschatz.

»War ’ne geile Zeit damals«, grinste der Schlagersänger. »Aber irgendwann musste ich mich entscheiden: entweder beim Punk bleiben und mir früher oder später als Drogi den goldenen Schuss setzen – oder Kohle scheffeln. Auf irgendeine Art und Weise prostituieren wir uns doch alle. Ist es nicht so, Schorsch?«

»Schorsch nennt mich übrigens auch keiner mehr«, gab ich zurück.

Er machte sich nicht die Mühe, den Handschuh auszuziehen, als er mir die Hand entgegenstreckte. »Wie du meinst. Bleiben wir bei Georg und Wolf.«

Ich schlug ein. »Warum das Versteckspiel?«

»Ich wollte nicht, dass du einen Fotografen zum Treffen mitbringst.«

»So wenig Vertrauen?«

»Sagen wir einfach: Ich habe eine Menge Scheiße erlebt.«

»Wie seinerzeit auf der Jacht der Tennisspielerin, als dich ein Paparazzo unten ohne erwischt hat?«

»Ich rede von Leuten, die so getan haben, als wären sie meine Freunde. Aber als es darum ging, ein Stück vom Kuchen abzubekommen, haben sie mich, ohne mit der Wimper zu zucken, der Meute zum Fraß vorgeworfen.«

»Die Schlagerszene ist ein Haifischbecken, was?« Ich schaute mich um, rechts ragten die Mauern des Doms in die Höhe, links stand die unbescheidene Herberge eines Weihbischofs. »Und einer dieser Haie hängt dir wohl gerade am Bein, sonst hättest du mich nicht in die dunkelste, nach Weihrauch stinkende Ecke Münsters bestellt.«

»Da hast du verdammt recht, Georg«, sagte Wolf. »Der Scheißfisch knabbert bereits an meinen Knochen.«

»Und wie kann ich dir helfen?«, kürzte ich das Geplänkel ab. Die Kälte kroch durch die Schuhsohlen in meine Füße. So faszinierend die Verwandlung des rebellischen Punkers Wolfram in den geölten Schlagerfuzzi Wolf auch war – eine Grippe wollte ich für dieses Erlebnis nicht in Kauf nehmen. Dazu hatten wir uns emotional und einkommensmäßig zu weit voneinander entfernt.

»Du kommst gleich zum Geschäft, wie?« Wolf klang enttäuscht.

»Wenn es dir lieber ist, kannst du mir vorher noch ein Autogramm geben. Eine meiner Nachbarinnen kann ich damit bestimmt glücklich machen.«

»Schon gut.« Er senkte die Stimme. »Du sollst einen Botendienst für mich erledigen. Genauer gesagt: jemandem Geld bringen.«

»Das du demjenigen schuldest?«

»Ja.«

»Und du machst es nicht selbst, weil … Lass mich raten: es gefährlich ist.«

»Für dich nicht.«

»Ah«, sagte ich. »Klingt gut. Musst du aber trotzdem erklären.«

»Georg.« Er legte mir seine braune Lederhand auf die Schulter. Unter dem Fellmantel blitzte eine breite Goldkette auf. Noch so ein Zuhälterattribut. »Ich habe Spielschulden. Mich beim Pokern verzockt.«

Ich glaubte ihm kein Wort. »Warum hast du nicht eine deiner vielen Millionen angebrochen und die Schulden bezahlt?«

»Du machst dir völlig falsche Vorstellungen.« Er wirkte tatsächlich ein bisschen kleinlaut. »Seit ein paar Jahren läuft es nicht mehr so gut. Mein letzter Hit liegt schon lange zurück. Und versuch mal, deinen Lebensstandard einzuschränken, den du dir über viele Jahre aufgebaut hast. Das fällt verdammt schwer.«

»Stimmt«, sagte ich. »Manchmal kaufe ich mir eine neue Hose, obwohl die alte noch eine Saison halten würde.«

»Spar dir deine Witze«, tat er gekränkt. »Ich habe laufende Kosten: die Häuser, die Kinder, da geht jeden Monat ein großer Batzen weg. Und blöd, wie ich war, habe ich dann noch angefangen zu pokern. Nächtelang. Immer größere Beträge. Ich war regelrecht süchtig, hab mich mit Kaffee und Tabletten wach gehalten. Konnte es kaum abwarten, bis es wieder weiterging. Sag von mir aus, dass ich ein Idiot bin. Tatsache ist, dass die mich ausgenommen haben wie eine Weihnachtsgans.«

»Wer sind die

»Leute in Berlin. Das lief in Hinterzimmern von Klubs in Friedrichshain. Der Mann, der die Spiele organisiert, ist Russe. Boris.«

»Und diesem Boris schuldest du Geld?«

Wolf nickte. »Irgendwann ist mir das Bargeld ausgegangen. Da habe ich Schuldscheine unterschrieben. Nach ein paar Tagen Ausnüchterung ist mir klar geworden, dass die mich reingelegt hatten, dass das eine abgekartete Sache war.«

»Du hast dich geweigert zu zahlen?«

»Richtig.«

»Also lag es doch nicht an fehlendem Geld, sondern an mangelnder Zahlungswilligkeit«, stellte ich klar.

»Nenn es meinetwegen, wie du es willst. Die haben mich übers Ohr gehauen.«

»Du könntest zur Polizei gehen«, schlug ich vor.

»Sehr lustig, Georg. Glücksspiel ist illegal, da hänge ich mit drin. Und jeder Bulle, dem ich das beichte, braucht höchstens eine Minute, um die Telefonnummer der BILD-Zeitung herauszufinden.«

»Das hättest du dir früher überlegen sollen. Oder hast du wirklich geglaubt, dass Russen, die Boris heißen, auf ihr Geld verzichten?«

»Ich war wütend.«

»Und blauäugig«, ergänzte ich. »Dieser Boris ist gerade in Münster, nehme ich an?«

»Er wartet in einem Hotelzimmer auf mich.« Wolf nahm die Brille ab und wischte mit der Handschuhhand über seine Augen. »Georg, ich hab Schiss. Kannst du für mich hingehen?«

»Mit oder ohne Geld?«

»Mit. Ich habe es aufgetrieben. Es liegt in meinem Auto. Du fährst hin, gibst ihm die Kohle und haust wieder ab. Ich warte hier.«

»Von welcher Summe reden wir?«

»Hunderttausend Euro.«

Ich pfiff anerkennend. »Bist du dir sicher, dass ihr nicht Monopoly gespielt habt?«

Wolf wirkte gekränkt. »Bei fünfzig Euro Mindesteinsatz sind ein paar Tausender schnell weg. Und wir haben meistens erst aufgehört, wenn es draußen wieder hell wurde.«

»Wer waren deine Mitspieler?«

»Denkst du, wir haben Visitenkarten ausgetauscht? Nur Vornamen, das gehört zu den Regeln. Boris hat die Runden zusammengestellt. Er hat mich angerufen und mir gesagt, wo ich hinkommen soll. Nie zweimal zu demselben Ort – aus Sicherheitsgründen.«

»Hat Boris eigentlich einen Nachnamen?«

»Er wurde Taitscha genannt, der Deutsche. Mehr weiß ich nicht. Und falls du dich nach seiner Handynummer erkundigen willst: Die war natürlich blockiert.« Wolf wurde ungeduldig. »Was ist jetzt, Georg, machst du es oder machst du es nicht?«

»Wie hast du Boris kennengelernt?«

Der Schlagersänger stöhnte. »Du stellst Fragen, Georg.«

»Weil ich den Löwen gerne kenne, zu dem ich in die Höhle steige.«

»Heißt das, du übernimmst den Job?«

»Kommt auf die Antworten an.«

»Ein Bekannter, der gelegentlich pokert, hat mir von den Spielen erzählt. Ich habe ihn gebeten, Boris meine Nummer zu geben. Das ist alles.«

»Warum Berlin?«, fragte ich.

»Weil ich in Berlin halbwegs anonym leben kann, wir haben da eine kleine Zweitwohnung. Wenn ich in Münster ein Kaugummi auf die Straße spucke, redet am nächsten Tag die halbe Stadt darüber.« Er rieb seine Hände aneinander. »Komm schon, Georg, eine Stunde Arbeit. Maximal.«

»Und ganz ohne Risiko, wenn ich dich richtig verstehe?«

»Was soll dir schon passieren? Boris ist sauer auf mich, nicht auf dich.«

Ein Teil der Geschichte mochte stimmen. Er hatte sie so flüssig erzählt, dass ich sie nicht für komplett ausgedacht hielt. Aber garantiert hatte er mir nicht alles verraten. Einige schmutzige Details schlummerten bestimmt noch unter der Decke. Andererseits: Was hatte ich schon zu verlieren? Boris würde mich nicht gleich erschießen, wenn ich ihm einen Haufen Geld brachte. Vielleicht war es nicht genug Geld und ich würde den Auftrag bekommen, auf dem Rückweg eine unangenehme Drohung für Wolf Schatz mitzunehmen. Doch damit konnte ich leben. Denn eines hatte ich mit Wolf gemeinsam: Meine Geschäfte liefen in letzter Zeit auch nicht so gut.

»Ich mach’s«, sagte ich. »Allerdings wäre vorher noch eine Kleinigkeit zu regeln.«

Wolf griff in die Innentasche seines Mantels und zog einen Bündel Geldscheine heraus. »Zweitausend als Vorschuss. Noch mal dreitausend, wenn du den Job erledigt hast. Okay?«

Das entsprach in etwa meinen Vorstellungen.

Das Pokergeld befand sich tatsächlich in Wolfs italienischem Sportwagen, in einer ledernen, vermutlich ebenfalls italienischen Aktentasche. Ich zählte nicht nach, aber es sah nach einer ganzen Menge aus. Vom Domplatz aus fuhr ich nicht direkt zum Hotel, sondern hielt kurz vor meiner Wohnung an. Nicht, weil ich bei meinen Nachbarn mit der Nobelkarosse angeben wollte, sondern um den Vorschuss zum Briefkasten und damit in Sicherheit zu bringen. Denn ich hielt es nicht für ausgeschlossen, dass mich Boris oder seine Leute filzen würden. Und so leicht wollte ich meinen hart erarbeiteten Vorschuss nicht wieder hergeben.

Das Hotel, in dem Boris logierte, hatte eine Handvoll Sterne auf seinem Schild. Es lag in der Nähe des Aasees und war nur ein paar Fahrradminuten vom Zentrum entfernt, die ideale Absteige für Geschäftsleute und Wissenschaftler. Und russische Mafiosi.

Ich parkte in der Nähe des Eingangs, die Kühlerhaube in Richtung Straße. Bei Jobs wie diesem ist es wichtig, schnell wegfahren zu können. Für den Fall, dass einem jemand hinterherrennt.

Der Nachtportier musterte mich gelangweilt, ich nickte ihm freundlich zu und ging zu den Aufzügen. Boris wohnte im Zimmer 319, hatte mir Wolf verraten. Als ich mich der Zimmertür näherte, merkte ich, dass sich mein Herzschlag ein wenig beschleunigte. Auf hoher See, vor Gericht und bei russischen Gangstern weiß man nie so genau, was einen erwartet. Ich holte Luft und klopfte.

Keine Reaktion.

Ich klopfte erneut, diesmal lauter. Wieder nichts. War ich zu spät? Oder Boris auf der Toilette? Ich lauschte an der Tür. Keine Stimmen, keine Musik oder Fernsehgeräusche, kein gar nichts. Ich beschloss, Boris fünf Minuten zu geben.

Nach zwei Minuten öffnete sich die Aufzugtür. Ein älteres Paar, in Lästereien über eine befreundete Familie vertieft, kam heraus. Im Vorbeigehen warf mir die Frau einen zutiefst skeptischen Blick zu. Klar, ein Mann, der nachts unmotiviert auf einem Hotelflur herumsteht, wirkt irgendwie unseriös. Ich zuckte mit den Schultern und lächelte harmlos, als würde ich auf die Frau meiner Träume warten, die noch mit der Auffrischung ihres Make-ups beschäftigt war.

Die Sekunden verstrichen. Noch eine Minute. Erneut öffnete sich die Aufzugtür. Ein einzelner Mann, in Anzug und mit Fliege, sehr unrussisch aussehend.

Der Mann verlangsamte seine Schritte. »Kann ich Ihnen helfen?«

Ich deutete auf die Tür: »Zimmer 319?«

»Nein.«

»Dann nicht.«

Er guckte mich unsicher an, überlegte anscheinend, ob er unsere Begegnung dem Hotelpersonal melden müsste. Mir reichte es, die fünf Minuten waren sowieso um. Ich wünschte dem Mann einen schönen Abend und schlenderte zum Aufzug. Aus der Kabine heraus sah ich, dass er noch immer vor Zimmer 319 stand. Falls er mich belogen hatte und zufällig Boris hieß, war das schlecht für ihn. Heute Abend würde er vergeblich auf sein Geld warten.

Auch an der Hotelbar saß niemand herum, der die Aura eines knallharten Pokerkönigs verströmte. Ich verließ das Hotel und blieb überrascht stehen. In Wolfs Wagen saß jemand. Ein Mann mit langen blonden Haaren. Die langen, blond gefärbten Haare waren Wolfs auffälligstes Merkmal, wenn sie nicht gerade unter einer Zipfelmütze steckten. Wieso wartete Wolf vor dem Hotel auf mich, wenn er so große Angst vor Boris hatte, wie er behauptete?

Der Mann im Auto drehte den Kopf ein wenig zur Seite. Im selben Moment gab es einen fürchterlichen Knall und der Wagen verwandelte sich in eine Feuerkugel.

2

Ich flog. Quer durch das Hotelfoyer bis zu einem Blumenkübel. Da blieb ich liegen. Glasscheiben zersplitterten lautlos auf dem Steinboden, Menschen klappten ihre Münder wie Fische auf und zu. Wahrscheinlich tobte um mich herum ein Höllenlärm, nur hören konnte ich nichts. Jedenfalls nicht die Geräusche, die zu den Glasscheiben und den schreckverzerrten Gesichtern der Menschen um mich herum passten. Stattdessen kreischte in meinen Ohren ein schrilles Pfeifen wie von einem altmodischen Wasserkessel, den jemand auf dem Herd vergessen hat. Ich atmete ein, soweit es der Schmerz im Brustkorb zuließ, und beschloss, erst einmal nichts zu machen.

Nach einer Weile verebbte das Pfeifen, dafür drangen aufgeregte menschliche Laute in mein Bewusstsein. Rufe nach Feuerwehr und Polizei, untermalt von hysterischen Schreien. Ich stützte mich auf meine Ellenbogen und bewegte die Beine. Anscheinend war nichts gebrochen. Auch die Rückenschmerzen hielten sich in Grenzen. Ich begriff, dass ich gleich doppeltes Glück gehabt hatte: zum einen, weil sich die automatische Hoteltür zum Zeitpunkt der Explosion noch nicht hinter mir geschlossen hatte, sodass mein Flug nicht durch die dicke Scheibe gebremst wurde. Und zum anderen, weil ich bei meiner Landung ein paar Zentimeter vor dem massiven Steingutkübel liegen geblieben war. Wäre ich nur einen halben Meter weiter geflogen, hätte ich mir an dem Blumentopf mit ziemlicher Sicherheit ein massives Schädeltrauma eingefangen. Und womöglich eine Lebensfortsetzung als verkabelte Fleischpflanze.

Ich setzte mich auf und merkte, dass Flüssigkeit auf mein Hemd tropfte. Blut. War ich doch schwerer verletzt? Ich tastete mein Gesicht ab und fand einen Schnitt an der Wange. Vermutlich von einem Glassplitter.

»Kann ich Ihnen helfen?« Ein Mann in Hoteluniform.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein, alles gut.«

»Sie bluten.«

»Nur ein Kratzer.«

Er schien nicht überzeugt. »Die Krankenwagen sind gleich da.«

»Andere hat’s bestimmt schlimmer erwischt als mich.« Ich lächelte demonstrativ und wischte mir das Blut aus dem Gesicht. »Sehen Sie. Kaum der Rede wert.«

»Wie Sie meinen. Aber bleiben Sie bitte ruhig liegen, bis ein Arzt zu Ihnen kommt.« Er ging weiter. Immer korrekt, diese Hotelleute. Nicht mal die Krawatte hatte der Typ gelockert.

Ich schaute mich um. Draußen brannte Wolfs Sportwagen. Von Wolf selbst waren wahrscheinlich nur noch Einzelteile übrig. Die Spurensicherer würden im weiten Umkreis nach ihnen suchen müssen.

Die Tasche, fiel mir ein. Wo war eigentlich die Tasche mit dem Geld? Vor dem Hotel hatte ich sie noch in der Hand gehalten. Ich drehte mich um. Da lag sie, an der Wand. Bald würde die Polizei auftauchen und mir jede Menge Fragen stellen. Auf die ich erstaunlich wenige Antworten wusste. Würde man mir glauben, dass mich Wolf Schatz mit einem Haufen Geld zu einem Boris geschickt hatte, von dem ich nicht einmal den Nachnamen kannte? Und dass ich keine Ahnung hatte, wieso Schatz mit dem Wagen, den ich vor dem Hotel abgestellt hatte, in die Luft geflogen war? Nicht mal ich selbst würde mir die Geschichte abnehmen. Was mich dummerweise zu einem Tatverdächtigen beförderte.

Krabbelnd machte ich mich auf den Weg zur Wand. Es gab noch eine andere Möglichkeit: Ich konnte die Tasche nehmen und verschwinden. Durch das schmale Zeitfenster, das mir bis zum Erscheinen der ersten Ermittler blieb.

An der Wand richtete ich mich auf. In der Senkrechten machte mir der Rücken mehr zu schaffen als in der Waagerechten, er fühlte sich an, als ob eine Herde Büffel über ihn hinweggetrampelt wäre. Aber ich stand. Und ein bisschen später klappte es auch mit dem Gehen. Steif wie ein englischer Aristokrat schritt ich mit der Aktentasche in der Hand durch die Hotelhalle, umkurvte Verletzte, die vom Hotelpersonal und hilfreichen Gästen umsorgt wurden, stieg über zerborstenes Glas und dann war ich draußen. Die kühle Luft tat mir gut, obwohl ich immer noch nicht richtig tief einatmen konnte.

Inzwischen war ein Löschfahrzeug eingetroffen, die Feuerwehrleute erstickten den Brand unter einem Berg Schaum, darunter waren die Überreste von Wolfs Nobelkarosse nur noch zu erahnen. Zwei Streifenwagenbesatzungen hatten sich ebenfalls eingefunden, die Uniformierten sicherten den stinkenden Schrotthaufen und drängten die wachsende Meute der Schaulustigen zurück. Niemand beachtete mich, als ich erst hinter einigen Zierbüschen und danach in dem Wäldchen verschwand, das sich zwischen Hotel und Aasee ausbreitete. Ein paar Minuten später erreichte ich den Uferweg und strebte am nachttrunkenen See entlang der Innenstadt entgegen. Hätte ich nicht das Bild von Wolf, der sich eine Sekunde vor dem Knall zu mir umdrehte, als Endlosschleife im Gedächtnis und den Geruch von verbranntem Benzin und Leder in der Nase gehabt, wäre der Anblick des beleuchteten Doms über dem schwarzen Wasser beinahe schön gewesen.

Ich benötigte eine halbe Stunde, um zu meiner Wohnung im Kreuzviertel zu gelangen. Und ungefähr genauso lange, bis ich mich meiner Kleidung entledigt hatte und unter der Dusche stand. Das heiße Wasser entspannte meinen geschundenen Rücken. Gegen die innere Kälte half es allerdings wenig. Ich trocknete mich ab, zog Pyjama und Morgenmantel an und schleppte mich zu meinem Lieblingssessel im Wohnzimmer, der gleich neben der kleinen Bar stand. Mit zitternden Fingern schraubte ich eine Flasche Single Malt auf und goss mir reichlich ein. Der Whisky brannte in der Kehle. Vielleicht würde er auch die Bilder und den Geruch wegätzen.

Nach dem zweiten Glas fragte ich mich, was ich für Wolf Schatz empfand. Schon damals, als er noch ein ganz kleines Licht am Firmament des Showbusiness gewesen war, hatte mich seine großkotzige Art zugleich angezogen und abgestoßen. Klar, ich beneidete ihn um seine Selbstsicherheit und die Frauen, die ihn anhimmelten. Und doch glaubte ich, dass hinter dem Zynismus, mit dem er sich über alles und jeden lustig machte, eine Menge Unsicherheit steckte. Man kam ihm nie wirklich nahe. Sobald die Gefahr bestand, dass sich Vertrautheit einstellen könnte, zerstörte er mit einer arroganten Bemerkung die Harmonie. So blieb er, trotz Rampenlicht und Frauenschar, die für eine Nacht mit ihrem Idol Schlange stand, ein einsamer Mensch.

Und war es vermutlich bis zu seinem Tod gewesen. Warum hatte er mich nicht eingeweiht? Warum hatte er mir nicht erzählt, was ihn wirklich bedrückte? Was es mit den hunderttausend Euro und diesem Boris auf sich hatte? Dass es nicht um eine simple Begleichung von Spielschulden ging, stand für mich inzwischen fest. Wieso sollte Boris das auf einem silbernen Tablett offerierte Geld nicht nehmen und stattdessen seinen Schuldner in die ewige Zahlungsunfähigkeit bomben? Das sah nach einem ganz schlechten Geschäftsmodell aus. Kein professioneller Krimineller würde so handeln.

Aber vielleicht hatte ja gar nicht Boris den Sprengstoff gezündet, sondern jemand anders. Aus Gründen, die ich nicht kannte.

Was auch immer Wolfs Problem gewesen war, er hatte es mir nicht verraten. Dumm für ihn und gefährlich für mich. Hätte ich beim Verlassen der Hotelhalle ein paar Sekunden weniger getrödelt, würde ich jetzt neben Wolfs gesammelten Teilen auf einem Metalltisch im rechtsmedizinischen Institut liegen. Ich trauerte nicht um Wolf, ich war wütend auf ihn.

Ich goss mir ein drittes Glas Whisky ein. Das letzte für heute, nahm ich mir vor. Bis es leer war, musste ich noch eine Entscheidung treffen. Ich öffnete die Aktentasche und untersuchte den Inhalt. Ausschließlich Geldscheine, gebraucht und nicht mit Farbe markiert. Wie ich Wolf einschätzte, hatte er keinem anderen Menschen seine Absicht verraten, mich als Minenhund einzusetzen. Was sollte mich also daran hindern, das Geld zu behalten? Eigentlich stand es mir sogar zu. Als Gefahrenzulage, als Schmerzensgeld und als Entschädigung dafür, von Wolf verarscht worden zu sein. Andererseits machte mich die Aktentasche zu einem Teil des Spiels. Vielleicht würde doch jemand nach ihr suchen. Die Polizei, Boris oder ein unbekannter Mitspieler, der gute Chancen hatte, mich auf dem falschen Fuß zu erwischen. Mit all diesen Leuten wollte ich möglichst wenig zu tun haben. Und deshalb würde ich morgen zu Wolfs Witwe fahren und ihr die Tasche übergeben. Damit würde der Fall für mich erledigt sein.

Ich trank den letzten Schluck der giftgelben, nach Torf riechenden Flüssigkeit und schloss die Augen. Fast im selben Moment schlief ich ein.