Umschlag

Christiane Höhmann

Skywalk

Kriminalroman

 
 

 

Die Autorin

Christiane Höhmann arbeitete nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium fünfundzwanzig Jahre lang als Gymnasiallehrerin. Sie hat Sachbücher, Kurzgeschichten, Essays und Romane veröffentlicht und erhielt 2007 den ›Akademiepreis Wolfenbüttel‹ in der Sparte Literatur. Heute ist sie als Autorin, Dozentin und Coach in Paderborn tätig.

2014 erschien ihr Kriminalroman Untervörde im Grafit Verlag.

www.christiane-hoehmann.de

 

Für Emmi

 

Und ist da nicht ein Morgen mehr.

Verloren.

Herbert Grönemeyer

 

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.

Wer die Wahrheit weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.

Bertolt Brecht

Prolog

Sie steht am Abgrund und schaut hinunter. Eben noch ist sie gelaufen, gestolpert, gestürzt und in Wut geraten. Dann kam der Hass.

Jetzt breitet sie die Arme aus und fliegt. Bis zum Meer ist es nicht weit. Sie kreist über dem Wasser, riecht Salzluft und betrachtet ihr Spiegelbild in der glatten Fläche. Ein Schleier von Haaren weht ihr ins Gesicht. Der Mund lacht, die Augen strahlen. So sieht sie sich gerne.

Wind kommt auf, ein Donnergrollen. Das Meer wirft kein klares Bild mehr zurück, es verzerrt die Züge, die zarte Haut wird aufgerollt. Die Flügel zittern in der Luft, sie muss sie in Bewegung setzen, beginnt zu kreisen und fliegt davon.

Vor ihr taucht der Berg auf. Sie möchte sich zu ihm legen, das muss man auch, wenn man so müde ist. Ein Windstoß schiebt sie in einen Vorsprung am Felsen. Sie fällt. Gras und Moos fangen sie auf. Es ist weich und warm.

Bewegen darf sie sich nicht, sonst stürzt sie ab.

Sonntag, 15. Juni

1

Als das Telefon klingelte, schreckte er hoch. Sein Blick fiel auf die Uhr: halb vier. Monika würde ihn nicht stören, die wusste, dass er heute zu Hause bleiben und sich auf seine Vorbereitungen konzentrieren musste. Das mündliche Abitur hatte angefangen und in den nächsten Tagen waren einige Schüler zu prüfen.

Er stand hastig auf, noch tief in Gedanken, und rammte sein Knie unter die Schreibtischplatte. »Verdammt!« Der Schreibtisch war zu niedrig, das Telefon darauf funktionierte nicht. Das war schon lange so. Was aber nicht hieß, dass sich je etwas daran ändern würde. Er bahnte sich vorsichtig seinen Weg durch zwei Bücherstapel auf dem Boden. Im Flur rieb er sich das Knie und griff nach dem Hörer, wobei er mit der Linken seine Jacke aufhob, die von der Garderobe gefallen war. »Roland Leifeld.«

»Hören Sie zu«, sagte eine Stimme, die vermutlich einem jungen Mann gehörte. »Nehmen Sie sich in Acht. Wir raten Ihnen, den eingeschlagenen Kurs zu ändern, sonst wird das Konsequenzen haben.«

»Aha«, sagte Roland belustigt. »Wer spricht da? Sind Sie das, Tim?«

Oft mussten Schüler in dieser Prüfungszeit dringend Luft ablassen und erlaubten sich solche Streiche. Am liebsten bei den Paukern, die ihrer Meinung nach den Stress verursachten. Aber wer immer das war, er wollte seinen Namen nicht nennen und kein Gespräch anfangen. Stattdessen legte er sofort auf. Ganz schön gewählt hatte sich der Anrufer ausgedrückt, hoffentlich schafft der das nächste Woche auch, wenn er in der Prüfung schlotternd vor uns sitzt und zum Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen befragt wird, dachte Roland. Er hängte die Jacke vorsichtig an einen wackligen, halb aus der Wand gerissenen Garderobenhaken, den er dabei zurückschob.

Dann ging er zurück zum Tisch, streckte seine Beine darunter und vertiefte sich in die Arbeit. Wo war er stehen geblieben? Der Anruf ging ihm nicht aus dem Kopf.

Als er anfing, in den Lehrbüchern zu blättern, fiel ihm der gelbe Zettel in die Hand, den er am letzten Montag als Erstes in seinem Postfach in der Schule gefunden hatte. Sozusagen als Begrüßung nach dem Wochenende. Umgehend zum Gespräch. Darunter das Kürzel JZ. Die Post-it-Zettel verteilte der Schulleiter, der es im Allgemeinen vermied, seine Leute selbst anzusprechen, wenn er etwas zu meckern hatte. Die meisten der Kollegen am Anne-Frank-Gymnasium besaßen eine Sammlung von Klebezetteln, auf denen ihnen vorgeworfen wurde, zu spät in eine Konferenz oder in den Unterricht gekommen zu sein, Pausenaufsichten versäumt oder Türen nicht abgeschlossen zu haben.

Auf diesem Wege allerdings eine Aufforderung zum dienstlichen Gespräch zu erhalten, war ungewöhnlich. OSTD Joseph Zweig musste ein echtes Anliegen haben. Roland hatte den gelben Zettel an sich genommen und war in die Q1 gegangen und danach, in der Pause, ins Sekretariat. Frau Krause, die bei allem Getöse um sie herum immer ruhig und freundlich blieb, hatte ihn kurz angeschaut und ihren Kalender herangezogen. »Morgen, zwei Uhr. Nach der siebten Stunde. Frau Perlebeck ist auch dabei«, informierte sie ihn leise.

»Worum geht es?«

Die Sekretärin legte einen Finger auf ihre geschlossenen Lippen. Beim Weggehen ärgerte sich Roland bereits. Er hatte ein Recht darauf zu erfahren, warum er zum Gespräch gebeten wurde.

»Das können wir so nicht machen«, hatte der Schulleiter das Gespräch am Tag darauf begonnen. Roland hatte ihn schweigend gemustert. Joseph Zweigs Gesicht zeigte einen erschöpften Ausdruck. Immer, wenn Roland den Direktor sah, fiel ihm ein, wie smart er mal gewesen war. Sein gutes Aussehen – blonde, kragenlange, leicht gelockte Haare, ein Adonis-Gesicht – und sein lässiges Auftreten hatten bei Kollegen und Schülern spontan Sympathien ausgelöst. Schulleiter zu werden, war Zweigi, dem beliebten Sportlehrer, nicht in den Sinn gekommen, bis der damalige Chef angefangen hatte, ihn zu fördern. Neben seiner Begabung für Ballspiele hatte Joseph nämlich früh ein Händchen für Computer gehabt, von denen sich der alte Chef bis zum Ende seiner Laufbahn erfolgreich hatte fernhalten können.

Zweigis jetziger Job machte ihn offenbar nicht glücklich, er lächelte kaum noch.

»So kann die Festschrift nicht in Druck gehen«, präzisierte Perlebeck, die stellvertretende Schulleiterin an Zweigs Seite. Roland sah in ihr teigiges Gesicht mit den fettigen Haaren, denen wie immer jeder Schnitt fehlte.

Dass sie jetzt stellvertretende Schulleiterin war – ein typisches Beispiel dafür, wie Beförderungen in Heilenburg zustande kamen: Beziehungen und langes Zudienen.

»Wie bitte?« Er lachte.

Das war das Absurdeste, das er seit Langem gehört hatte. Andrea und er arbeiteten seit einem Jahr an der Festschrift zum hundertfünfzigjährigen Bestehen des Anne-Frank-Gymnasiums. Sie hatten neben den Unterrichtsverpflichtungen endlos recherchiert und jede freie Minute in Archiven und mit Schreiben verbracht. Jetzt sollte die Schrift noch von der Leitung abgesegnet werden und nächste Woche in den Druck gehen.

Doch die beiden anderen lachten nicht. Das konnte nicht ihr Ernst sein. Rolands Blick wanderte von Perlebeck zu Zweig und dann aus dem Fenster. Draußen sah man eine Sandsteinecke des altehrwürdigen Gymnasiums, das ein imposantes Gebäude war. Am Anfang, nachdem er widerstrebend nach Heilenburg, in Mutters neues Haus, gezogen war, hatte er gerne hier gearbeitet. Hohe Räume, altmodische Flure mit dem typischen Schulgeruch, eine echte Pennäleratmosphäre. Das Gebäude erinnerte ihn an seine eigene Schule damals, eine Welt, in der er sich besonders gefühlt hatte. Obwohl sich auch das als Illusion entpuppt hatte, als er in der achten und neunten Klasse gewesen war und schlimm drangsaliert wurde.

Während er Zweig und Perlebeck immer noch schweigend ansah, wanderten seine Gedanken zu Martha. Seiner Tochter ging es gut, seitdem er sie vor ein paar Jahren im Weserschloss untergebracht hatte. Ein Internat am Fluss, gerade mal sechzig Kilometer von Heilenburg entfernt. In einer so traditionellen Atmosphäre lernen und leben zu können, musste auch sie als Privileg empfinden.

Seine Ernüchterung bei der Arbeit im Anne-Frank-Gymnasium war schleichend gekommen. Aber wenn man sich fest auf die Schüler und die eigenen Fachinteressen konzentrierte, konnte man es immerhin aushalten.

»Sie werden mir sicher mitteilen, wieso die Festschrift so nicht in Druck gehen kann?«, wandte er sich an die Perlebeck. Wie immer staunte er, wie schnell ihr die Gesichtszüge entglitten.

»Es gibt ein paar Qualitätsmängel, die dir die Kollegin im Einzelgespräch erläutern wird«, warf Joseph eilig ein. »Frau Perlebeck wird einen Termin mit dir ausmachen.«

Das kann nicht wahr sein, dachte Roland. Die Perlebeck war nicht mal vom Fach, sie war Geografin. Und auch im Deutschen lag nicht ihre Hauptbegabung, wie ihre schriftlichen Ankündigungen und Weisungen zeigten, die nicht wenige Fehler enthielten. Welche Mängel wollte die ihm unter die Nase reiben?

Die Sekretärin sah nicht auf, als er an ihr vorbeiging. Und am nächsten Tag nahm ihn Andrea beiseite. »Es geht um deinen Artikel. Sie wollen, dass wir ihn herausnehmen.«

»Was?«

Sie sah um sich, zog ihn auf einen Stuhl und sprach leise weiter. »Das kannst du nicht wissen, aber der frühere Schulleiter, dieser Nazi, über den du schreibst, das war Perlebecks Onkel.«

»Und was spielt das für eine Rolle?« Seit wann ließ sich die Kollegin vom Heilenburger Filz beeindrucken?

Andrea sprach immer noch leise. »Kennst du die Familie nicht? Einer der Söhne des Onkels unterrichtet am Städtischen Gymnasium und nebenbei gibt er Klavierunterricht, eine Tochter praktiziert in der Langen Straße als Röntgenärztin. Sie ist gerade für die ehrenamtliche Leitung einer katholischen Sozialstelle geehrt worden.«

»Edelgard Horstkämper?«

Andrea nickte.

»Und der Bruder?«

»Benno.«

»Ja«, sagte Roland. Benno Horstkämper kannte er flüchtig. Hatte der nicht auch mal Martha Klavierstunden gegeben? War aber schon eine Weile her. Er sah Andrea stumm an und dann aus dem Fenster. Die belebte Straße verschwamm vor seinen Augen. Angst, Jammer, Schein und Lüge, dachte er, so nannte Markus Orths die vier Säulen des traditionellen deutschen Gymnasiums in seiner Satire Lehrerzimmer.

»Und was machen wir jetzt?« Andrea hatte ihren Arm auf seinen gelegt und sah ihn mitfühlend an.

Roland zögerte nicht mit der Antwort: »Dieser Artikel ist für die Festschrift notwendig. Der Schulleiter in den Vierzigerjahren war ein Mörder. Dazu muss sich die Schule stellen. Ich werde mir nicht den Mund verbieten lassen.«

»Das ist aber nicht allein deine Entscheidung.« Die Kollegin war blass geworden und ihre Stimme hatte einen spitzen Unterton angenommen.

Sie nahm den Arm weg und stand auf. Roland sah sie bedauernd an. Ihre Chancen, als Frau befördert zu werden, standen in einer so konservativen Stadt nicht gut und überdies fiel sie in manchen Konferenzen dadurch auf, dass sie nicht bereit war zu bestätigen, was der Schulleiter und seine Zuträger ausgeklügelt hatten. Wie man hörte, klagte sie vor Gericht gegen Zweig, weil sie bei der letzten Beförderung übergangen worden war. Darüber wollte oder durfte sie nicht sprechen.

»Tut mir leid«, hatte Roland abschließend gesagt. »Wir sollten uns nicht unser Werk kaputt machen lassen. Aufrichtig bleiben, das ist das Wichtigste.«

Die Kollegin hatte ihn nur stumm angesehen, den Kopf geschüttelt, sich auf dem Absatz umgedreht und war weggegangen.

Das Gespräch mit Andrea hatte am Mittwoch stattgefunden und in den letzten Tagen war von der Festschrift nicht mehr die Rede gewesen. Heute war schon Sonntag. Man konnte gespannt sein, wie die Sache weiterging.

Roland klebte den gelben Zettel an seine Schreibtischlampe und senkte den Kopf wieder auf das Geschichtsbuch.

Erst das Gespräch mit der Schulleitung und heute der seltsame Anruf. Diesmal wurde ihm sogar gedroht. Handelte es sich doch nicht um einen Schülerstreich? Hingen beide Dinge womöglich zusammen? Wenn er den eingeschlagenen Kurs nicht ändere, würde etwas passieren. Aber was?

Er brütete noch über diesen Fragen, als ihn ein unerwartetes Geräusch zusammenfahren ließ. Das Telefon. Zum zweiten Mal an einem Sonntagnachmittag, an dem er normalerweise nicht zu Hause war, sondern bei seiner Freundin in Kassel. Neunzehn Uhr. Er hatte nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Das Klingeln hörte nicht auf.

Schließlich erhob er sich vorsichtig, um sich nicht wieder zu stoßen, und ging widerstrebend in den Flur. »Mutter.« Natürlich, das war klar. Wie gewohnt, verbrachte sie ihr Wochenende zusammen mit Martha in der Ferienwohnung in Gieselwerder. Und obwohl sie nur zwei Tage dort waren, schaffte es seine Mutter, ihn täglich anzurufen.

»Martha ist weg.«

»Wer?«

»Was meinst du mit ›wer‹? Deine Tochter! Sie ist verschwunden! Du musst sofort herkommen.«

»Was?« Seine Gedanken jagten. Eine Stunde Fahrt und spät in der Nacht zurück? Das ging nicht, er hatte morgen einen anstrengenden Arbeitstag vor sich. Unterricht und Prüfungen.

»Nach Gieselwerder? Musst du denn nicht selbst arbeiten? Du kommst doch sowieso nach Hause zurück, lässt sich das nicht anders regeln?«

Jetzt schrie seine Mutter. »Deine Tochter ist weg! Sie ist von einer Radtour nicht wiedergekommen. Du musst nach ihr suchen! An der Weser, im Ort, was weiß ich wo. Sofort. Ich kann nicht mehr.« Schluchzend legte sie auf.

Jetzt war Roland alarmiert. War da etwas dran? So was konnte sie sich doch wohl nicht ausdenken, um ihn von der Arbeit loszueisen? Wobei es bei Eva Leifeld nicht viel gab, was es nicht gab. Er drückte die Kurzwahltaste. »Mutter«, sagte er, »geht Martha denn nicht an ihr Handy?«

Zuerst hörte er nur ihr Schluchzen, dann sprach sie endlich weiter. »Sie hat es doch nicht mit. Ihre warme Jacke auch nicht. Es ist kalt! Nur noch zehn Grad. Es hängt in der Steckdose in ihrem Zimmer. Sie ist weg.«

»Mutter, ganz ruhig. Hör mir jetzt mal zu. Was hat Martha an diesem Wochenende gemacht? Hast du das Internat angerufen?«

Die verzerrte Stimme am anderen Ende wurde laut und verzweifelt, als Eva ihm erzählte, was sie wusste. Viel war es nicht und es klang alles ziemlich wirr.

»Ich bin alleine. Bitte komm her, ich werde sonst noch wahnsinnig«, schloss sie erschöpft, bevor sie auflegte.

Roland blieb, den Hörer in der Hand, im Flur stehen und rieb sich nervös das Knie. Ihm war flau. Aber er durfte jetzt auf keinen Fall durchdrehen. Nerven bewahren, sagte er zu sich selbst. Ganz ruhig bleiben. Mühsam versuchte er, sich zusammenzureimen, was an diesem Wochenende passiert war. Martha wollte zusammen mit ihrer Freundin Sophia mit dem Fahrrad von Gieselwerder nach Beverungen fahren und dort, in Sophias Elternhaus, übernachten. Sophias Eltern hatten auch eine Ferienwohnung in Gieselwerder, im selben Haus wie Eva, daher kannten sich die Mädchen. Heute Nachmittag wollten Sophia und Martha zurückkommen. Martha musste ja wieder ins Internat zurück, morgen war Schule.

Das wird sich alles aufklären, beruhigte er sich wieder. Er gähnte und schob die Brille hoch. Wenn er an so einem Tag mal rausginge und sich bewegte, statt immer am Schreibtisch zu hocken, wäre er auch nicht ständig müde.

Im Schlafzimmer warf er ein paar Sachen in seinen Rucksack. Wo war bloß sein Handy? Vielleicht hatte Martha ihn längst angerufen. Nein, nicht sehr wahrscheinlich. Sie würde jeden anrufen, aber ihn immer zuletzt. Er wühlte die Kleidung auf dem Stuhl gegenüber vom Bett durch. Getragene Hosen, zwei Pullis, dazwischen ein paar Hemden. Aber kein Handy. Schließlich lief er durch sein Arbeitszimmer und die Küche und wählte im Flur seine Mobilnummer. Vergeblich.

Erst als er die Autotür öffnete, ließ er den Gedanken zu, dass Mutter vielleicht nicht ohne Grund außer sich war. Martha verbrachte fast jedes Wochenende mit ihr an der Weser. Das Kind konnte von dort schnell wieder im Internat sein. Die beiden kamen gut miteinander aus und Mutter hatte Martha im Griff. Trotz Pubertät. Jedenfalls tat sie so. Ihm gab Martha ja schon eine ganze Weile keine Chance mehr, zu ihr durchzudringen. Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, Flügel. Den ersten Teil habe ich auf jeden Fall erfüllt, beruhigte er sich zum wiederholten Mal. Und am zweiten Teil arbeiten wir.

Martha hatte heute Nachmittag zurück in Gieselwerder sein müssen, war sie aber nicht. Andererseits: Er konnte sich vorstellen, dass eine Vierzehnjährige sich nicht immer ganz so verhielt, wie es ihre Oma von ihr erwartete. Er grinste, als er daran dachte, was er in dem Alter unternommen hatte. Seine Mutter ahnte bis heute nichts davon. Plötzlich sah er sich selbst als Fünfzehnjährigen auf einem Ausflug mit Kumpels betrunken an einem Abgrund stehen, an den Hannoverschen Klippen, eine Bierflasche in der Hand. Die Felsen waren so steil, dass er nicht hatte nach unten schauen können, ohne ins Schwanken zu geraten. In dem Augenblick hatte er sich so frei gefühlt, so überirdisch. Davonfliegen, das wäre es gewesen. Bis ihn ein Kumpel zurückgerissen hatte. Hansi fand solche Scherze völlig daneben.

Sicher hing Martha irgendwo ab, bei einer Freundin. Oder sie war doch schon auf eigene Faust zum Internat zurückgefahren. In dem Alter testete man Grenzen.

Als er auf dem Fahrersitz saß, griff er zielsicher nach seinem Handy, das ihm mal wieder aus der Jackentasche gerutscht und in die Ritze zwischen Sitz und Autotür gefallen war, wählte Monikas Nummer und sprach kurz mit ihr. Dann telefonierte er noch einmal mit Mutter. Um zwanzig Uhr mussten alle Internatsschüler im Weserschloss sein. Die Uhr im Auto zeigte halb neun. Martha war noch nicht wieder aufgetaucht.

Montag, 16. Juni

2

Als er die Tür der Ferienwohnung aufschloss, hörte er Mutter im Wohnzimmer telefonieren. Roland ließ den Rucksack im Flur fallen und warf seine Jacke in Richtung Garderobe. Es war höchste Zeit, die Polizei einzuschalten. Er nickte Eva zu und griff nach seinem Handy. Der Beamte am anderen Ende der Leitung tat so, als gehöre eine Vermisstenmeldung zu seiner täglichen Routine. »Ein Mädchen? Vierzehn? Und wo genau? Moment eben.«

Man hörte das Klicken der Tastatur und ein Rascheln von Papier, dann ein gedämpftes Gespräch, offenbar überprüfte er irgendetwas. Wäre das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn er etwas zu Martha fand?

»Nur die Ruhe«, sagte der Beamte, als er wieder dran war, seine Stimme klang provozierend sachlich, »in dem Alter sind sie oft bei Freunden und kommen irgendwann zurück. Hat es vielleicht Streit gegeben?«

»Nein, überhaupt nicht, sie war mit ihrer Freundin auf einer Radtour. Hören Sie, Sie müssen nach ihr suchen.«

»Wo ist die Freundin jetzt? Wie heißt sie? Geben Sie mir bitte die Adresse.«

Roland gab ihm Sophias Daten durch und der Beamte fuhr fort: »Sollte Ihre Tochter morgen bis zehn Uhr nichts von sich hören lassen, rufen Sie uns bitte wieder an.«

»Was? Sie tun gar nichts? Aber es ist Nacht und sie ist schon seit gestern …« Als Roland die Stimme hob, zuckte seine Mutter zusammen und beendete ihr Gespräch abrupt. Auf ihren Wangen hatten sich rote Flecken gebildet.

»Ich habe der Streife Bescheid gesagt, die in der Gegend ist. Die Kollegen schauen sich um. Morgen kümmert sich der Kriminaldauerdienst um Sie. Wahrscheinlich ist Ihre Tochter dann schon wieder da.«

Roland tippte auf ›Beenden‹, fluchte halblaut und lief so schnell aus dem Haus, dass seine Mutter Mühe hatte, hinterherzukommen. Er warf keinen Blick zurück und wartete nicht auf sie. Seltsam hallte seine Stimme durch die leeren Straßen. Er konnte sich kaum noch an die Zeiten erinnern, in denen er Marthas Namen laut gerufen hatte. Lockend, liebevoll, scharf, jetzt zunehmend verzweifelt. Wenn er innehielt, hörte er Mutters Stimme hinter sich wie ein Echo.

Auf dem dunkler werdenden Tanzeplatz versammelten sich Leute, die aufmerksam geworden waren, sie standen da und redeten halblaut auf Eva ein, die es längst aufgegeben hatte, Roland zu folgen. Nicht alle kannten Martha, aber alle wiederholten den Namen des Mädchens und machten ihr Verschwinden zu ihrer eigenen Angelegenheit. Niemand hatte das Kind gesehen. Skandalös, dass die Polizei nichts unternehmen wollte. Die Fernsehkrimis zeigten doch, wie ganze Kompanien mit Schutzanzügen durch den Wald zogen und mit Stöckchen im Unterholz stocherten. Aber es war eben wie immer. Um das, was in einem kleinen Weserdorf passierte, brauchten sich die Behörden nicht mitten in der Nacht zu kümmern. Das war denen doch egal!

Einige der Nachbarn begannen, Suchtrupps zu bilden, die sofort aufbrechen wollten. Roland erhob die Stimme und versuchte, die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich zu lenken. Warum überhaupt sollte seine Tochter hier sein, in Gieselwerder? Sie war unterwegs verschwunden, irgendwo, auf einer Radtour am Fluss. Die Leute sahen ihn so entgeistert an, als habe er ihre Bedeutung in dieser Angelegenheit schmälern wollen. Seine Mutter fiel ihm ins Wort und half ihnen, die Suche zu organisieren.

So hat das keinen Sinn, dachte Roland und setzte sich ab. Zurück am Ferienhaus, stieg er kurz entschlossen ins Auto und fuhr in Richtung Karlshafen. Wann immer es ging, wechselte er von der Bundesstraße auf den Radweg am Fluss. Es war sehr still, kein Mensch unterwegs, weder Radfahrer noch Spaziergänger. Und natürlich begegnete ihm nicht eine einzige Polizeistreife.

Eine ruhige Frühsommernacht. Der Mond erhellte den Weg. Roland war sich nicht sicher, ob er Martha hier aufgreifen wollte. Aufgreifen, dachte er, war das nicht das Wort, das sie immer für verschwundene Jugendliche gebrauchten? Wer verschwand, war weggelaufen und wurde irgendwo, meistens in einem Bahnhof oder einer Fußgängerzone, aufgegriffen. Drogensüchtige oder Kleinverbrecher. Auf jeden Fall Ausreißer. Aber lieber das, als sie in der Nacht hier in der Wildnis zu finden.

Als er langsam die Bundesstraße in Richtung Bad Karlshafen fuhr und dabei immer wieder Blicke in die Büsche rechts und links der Straße warf, klingelte sein Handy.

Endlich, dachte er. Martha will abgeholt werden. Sie ruft mich an. Endlich! Er bremste scharf und bog eilig in eine dunkle Parkbucht ein.

Am Telefon war seine Mutter. Mit kleiner Stimme fragte sie ihn, wo er sei und wann er zurückkäme. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Plötzlich platzte er damit heraus, was ihm die ganze Zeit im Kopf herumgegangen war. Er hatte sich immer auf seine Mutter verlassen. Ihm war auch nichts anderes übrig geblieben, nachdem Martha nur noch hier und im Internat sein wollte. Wie konnte sie das Kind alleine wegfahren lassen, über Nacht, auf eine Radtour? Martha war erst vierzehn.

Eva verteidigte sich mit schriller Stimme. »Es war alles geplant und abgesprochen. Sie wollten bei Sophias Eltern übernachten!«

»Ja, aber die Reims waren gar nicht zu Hause. Sie waren nicht in Beverungen. Die Mädchen waren also ohne Aufsicht! Und wer sagt dir, dass auf so einer Tour immer alles glattgeht? Was wäre, wenn sie einen Unfall gehabt hätten? Und genauso ist es gekommen: Irgendwas ist schiefgegangen.«

»Martha ist umgekehrt, hat Sophia gesagt. Sie wollte nicht mehr mit Sophia weiterfahren.«

»Ja, und was hattest du für diesen Fall vorgesehen, dass es ihr nicht gefiel und sie zurückwollte?«

»Sie hätte mich anrufen können. Ich war doch den ganzen Tag über zu Hause! Außerdem kennt sie den Weserradweg im Schlaf!«

»Sie hatte das Handy nicht mit.«

Abrupt beendete Mutter die Verbindung. Scheiße, dachte Roland. Ich hätte sie nicht auch noch fertigmachen dürfen.

Wie lange er auf dem einsamen Parkplatz im Auto gesessen und in die Dunkelheit gestarrt hatte, hätte er später nicht mehr sagen können.

Dienstag, 17. Juni

3

Gegen drei Uhr morgens kehrte er nach Gieselwerder zurück. Der Ort war längst wieder still geworden. Er setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer und wartete. Zwischendurch starrte er auf sein Handy und dachte an die Zeit, die verging. Der Albtraum bewegte sich auf ihn zu. Und da saß er, ihm völlig ausgeliefert.

Als es hell wurde, war ihm klar, dass es keine Hintertür, keine Möglichkeit mehr gab, Marthas Verschwinden logisch zu erklären, und dass sie tatsächlich seit eineinhalb Tagen weg war.

Er wollte nicht länger warten, telefonierte noch einmal mit der Polizei und lief dann los. Hinter jeder Ecke musste sein Mädchen hervorkommen, sie musste sich am Campingplatz aufhalten, auf einem der Spielgeräte, im Schwimmbad oder zwischen den Jugendlichen, die nachmittags am Weserufer herumhingen. Wenn er Martha ein paar Tage lang nicht gesehen hatte, war er immer verwundert darüber, wie lässig sie auftrat und sich benahm. Sie zog ein Haargummi aus der Hosentasche und band die Haare hoch zu einem lockeren Dutt, wie ihn die Mädchen plötzlich wieder trugen. Er sah ihren schmalen Hals an, die Art, wie sie ihren Kopf hielt, den schön geschwungenen Nasenrücken. Sie erinnerte ihn immer häufiger an ihre Mutter. Jedenfalls daran, wie Britta ausgesehen hatte, als er sie kennengelernt hatte.

Manchmal streifte sein Blick Marthas langen, schlanken Oberkörper und blieb kurz an dem etwas ausladenden Po hängen. Die Schönheit seiner Tochter beunruhigte ihn mehr, als dass sie ihn freute. Auch andere Männer mussten sehen, wie besonders sie war. Jemand, der ihm sicher gar nicht gefiel, würde vielleicht irgendwann die Hand nach ihr ausstrecken, und dann hätte er sie verloren. Was für ein Unsinn, dachte er schnell, sie gehört mir nicht. Und sie war schon eine ganze Weile nicht mehr sein kleines, liebes Mädchen.

»Du hast mir doch gar nichts zu sagen«, hatte sie ihm neulich entgegengeschleudert, als er ihr irgendwas verboten hatte, er wusste nicht mal mehr, was. »Was mischst du dich denn überhaupt ein?«

»Lernt ihr in der Schule, so mit euren Eltern zu reden?«

»Chill dein Leben, Alter.«

»Was hast du gesagt?«

»Ich hab gesagt: Take it easy, Daddy.« Sie hatte kokett gegrinst und beim Hinausgehen einen seiner Bücherstapel umgestoßen. »Sorry.«

»Auf deine Entschuldigung kann ich verzichten«, murmelte er, aber sie hörte ihn schon nicht mehr. Niemand hob die Bücher wieder auf.

Martha hasste seine Unordnung. »Ey, hier kann man es echt nicht aushalten!«, hatte sie früher manchmal gesagt, wenn sie wegfahren wollten, er aber noch etwas suchen musste, oder wenn sie das Sofa freischaufeln musste, um fernsehen zu können. Natürlich räumte sie selbst nicht in der Wohnung auf, auch nicht ihr eigenes Zimmer. Nur bei der Großmutter, da war alles picobello. Inzwischen hatte Martha aufgehört, ihm seine Schlamperei vorzuhalten. Aber er wusste, was sie dachte. Dabei war er nicht unordentlich. Im Gegenteil, weil er in allem so genau war, konnte er nicht damit anfangen, Ordnung zu schaffen. Es würde zu viel Kraft kosten und bei Weitem zu lange dauern. Martha lachte nur und verwies auf ihre Oma, wenn er ihr das zu erklären versuchte.

Der Uferweg war leer. Ein paar Likörfläschchen standen neben und auf der Bank, auf der die Jugendlichen ihre dreckigen Schuhe abstellten, wenn sie auf der Lehne saßen, der Mülleimer daneben quoll über von Flaschen. Roland ließ sich auf die Bank fallen. Er starrte in die Weser. Von jetzt an war alles gefährlich. Aber dieser Fluss strömte weiter, egal, was passierte.

Auch als es zu regnen begann, blieb Roland sitzen. Wenn er nur lange genug ausharrte, wenn er den Regen klaglos ertrüge, käme Martha garantiert den Weg entlanggeschlendert. Sie verbrachte ihre halben Wochenenden hier mit der Clique. Das hatte er nicht gewusst, aber seine Mutter. Wenn Martha nicht bald wieder da war, würde eine neue Zeitrechnung beginnen. Ihm wurde kalt.

Die Bäume verschwanden hinter dem Regenschleier, nur noch das Glitzern, das vom Fluss kam, erhellte den Parkweg. Es war so still. Eigentlich war es hier immer ruhig, sogar im Sommer, wenn überall an der Weser Touristen unterwegs waren. Die Stille dröhnte in seinem Kopf. Er schüttelte sich. Er musste zurück in die Ferienwohnung. Aber er konnte heute auf keinen Fall mit Mutter zusammen in Gieselwerder bleiben. Sonst würde er durchdrehen. Außerdem konnte er seine Klassen nicht noch einen Tag lang im Stich lassen. Und erst recht nicht die Prüflinge.

Er schloss die Tür zu Evas Wohnung auf und blieb im Flur stehen. Im Wohnzimmer waren Stimmen zu hören. Zwei Kriminalbeamte, eine jüngere Frau und ein dicker Kommissar, sahen auf und unterbrachen das Gespräch mit Eva, als er das Zimmer betrat. Sie hätten auch einige Fragen an ihn. Seltsame Fragen. Natürlich konnte er nicht nachweisen, dass er am Wochenende in seiner Wohnung gewesen war. Aber wieso brauchte er überhaupt ein Alibi für die Zeit, in der sein Kind verschwunden war? Ihm blieb man die Antworten auf seine Fragen schuldig. Immerhin: Die Suchaktion war in vollem Gange. Man würde Martha finden. Anwohner wurden befragt und Zeugen gesucht, die die Mädchen auf dem Radweg gesehen hatten.

Sophia und ihre Familie wussten nichts über Marthas Verbleib. Die beiden Mädchen hatten sich am Samstagabend in Bad Karlshafen getrennt und waren in unterschiedliche Richtungen gefahren.

Nach dem Gespräch mit den Kriminalbeamten fing Roland an, seinen Rucksack zu packen. Er hätte gerne noch einen Kaffee getrunken, aber er wollte nicht zum Frühstück bleiben. Weg, weg, weg, dachte er. Bloß nicht mehr warten.

»Und ich?«, fragte seine Mutter, als er zur Tür ging. »Was soll ich jetzt machen?« Ihre Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht, die Bluse und der Rock waren zerknittert. Roland erschrak. Seine Mutter sah heute so alt aus, wie er sie noch nie gesehen hatte.

»Soll ich dich mitnehmen?«, fragte er, aber dann fiel ihm ein, was der Polizist dringend empfohlen hatte. Einer von ihnen sollte auf jeden Fall vor Ort erreichbar bleiben. Und Eva hatte sich bei der Bibliothek in Heilenburg bereits krankgemeldet. Arbeitsfähig war sie nicht, das sah man auf den ersten Blick.

»Kennst du nicht jemanden, der zu dir kommen und dich unterstützen kann? Eine Freundin vielleicht?«

Sie antwortete nicht.

Als er eine Stunde später in Heilenburg ankam, war ihm, als führe er durch eine fremde Stadt. Wie immer waren die Straßen verstopft und viele Leute zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. An jeder Ampel musste er halten. Aber er hatte den Ort noch nie so gesehen wie heute. Als er an der Burg vorbeikam, überlegte er, was für einen Sinn es hatte, eine so alte Ruine zu erhalten. Man hatte das Gemäuer in den letzten Jahren besucherfreundlich restauriert. Abends wurde es intensiv angestrahlt und beleuchtete die Straßen der Altstadt. Was sollte das Ganze? Wusste hier niemand, was im Leben eigentlich von Bedeutung war?

Wenig später betrat er das Anne-Frank-Gymnasium, ging zur vierten Stunde in seine Klasse und erteilte seinen Unterricht wie an jedem Dienstag. Als wäre in der Zwischenzeit in seinem Leben überhaupt nichts vorgefallen.

Am frühen Nachmittag schob er sich zu Hause im Stehen ein Brot hinein. Bloß nicht hinsetzen, dachte er. Nur nicht ins Nachdenken kommen. Er warf einen Blick aus dem Küchenfenster. Die Wolken hatten sich geöffnet und die Sonne schien kräftig durch den Spalt. Er musste noch mal hinaus, bevor die Prüfungen begannen.

Aus dem Stapel ungebügelter Hemden im Waschkeller zog er ein Poloshirt, ohne auf die Farbe zu achten. Er hätte auch Sandalen gebrauchen können, aber er wusste beim besten Willen nicht, wo die vom letzten Jahr waren.

Ohne nachzudenken, lenkte er seine Schritte zum Heilenburger Stadtpark. Achtlos lief er an den aufgestellten Skulpturen vorbei – nackte Männer und Frauen aus irgendeinem Gestein in liegenden Posen –, die er schon lange nicht mehr wahrnahm.

Während er den Seerosenteich umrundete, versuchte er zu rekonstruieren, was in den letzten beiden Tagen über Mutter und ihn hereingebrochen war. Wahrscheinlich hatte Monika recht mit ihrer Mahnung, sich zu notieren, was wann passierte, wen er anrief und mit wem er sprach, damit ihm nicht alles entglitt.

Und jetzt umrundete er den Seerosenteich offenbar schon zum zweiten Mal, bemerkte er plötzlich, als er wieder an den Ast stieß, der auf dem Weg lag.

Schweiß durchnässte sein Hemd, er achtete nicht darauf. War Martha weggelaufen? Welchen Grund hätte sie dafür haben können? Ohne Handy? Es hatte keine Anzeichen dafür gegeben, dass etwas nicht in Ordnung war. Nicht mal die Mutter, die jetzt seit drei Jahren tot war, schien ihr besonders zu fehlen. Ihre Oma verhätschelte Martha ganz schön, und auch er tat, was er konnte. Was zugegeben in letzter Zeit wenig gewesen war. Aber seitdem er seine Tochter mal zu Monika mitgenommen hatte, fand sie es nicht mehr so krass, dass er das Wochenende nach Möglichkeit bei seiner Freundin verbrachte. Monika musste seit ihrer Scheidung den Biohof alleine führen und hatte darüber hinaus ihre alte Mutter zu pflegen. Damit konnte man sie nicht alleinlassen.

Martha war nicht weggelaufen. Auf die Idee kam ein Kind vielleicht, wenn die Alten nervten, und das taten Mutter und er wahrhaftig nicht. Und auch sonst hatte sie doch eher Kinderprobleme und nicht die Sorgen der Erwachsenen, die immer bemüht waren, alles Schwierige von ihr fernzuhalten oder für sie zu lösen.

Ein Unfall, dachte er plötzlich. Sie war ja mit dem Rad unterwegs gewesen. War sie vom Weg abgekommen, lag irgendwo verletzt und konnte keine Hilfe rufen?

Nein, dachte er. Dann wäre sie doch längst gefunden worden. Man suchte intensiv nach ihr. Die Straßen und Wege an der Weser waren ruhig, aber nicht völlig verlassen.

Aber wieso war sie seit so vielen Stunden verschwunden und über Nacht nicht wieder aufgetaucht?

Weil sie es nicht konnte. Jemand hinderte sie daran, zurückzukommen, hielt sie irgendwo versteckt. Es musste so sein. Martha war entführt worden! Nein, dachte er wieder. Was für ein idiotischer Gedanke! Natürlich hatte er von grauenhaften Sachen gehört, Kinder wurden von Spielplätzen mitgenommen und an die Pornoindustrie verkauft. Sie kamen entweder gar nicht oder aber viele Jahre später drogenabhängig zurück. Aber so etwas kam auf dem Land nicht vor, in Schneewittchens eigenem Dorf. Vergeblich versuchte er, den Gedanken wegzudrängen.

Eine Entführung, um von ihm Geld zu erpressen, kam überhaupt nicht infrage, er war weder reich noch berühmt. Bei ihm gab es nichts zu holen.