Umschlag

Dirk Schmidt

Task Force Hamm 

ertränkt, erhängt, erschossen

Kriminalroman

 
 

Der Autor

Dirk Schmidt, geboren 1964, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet als Werber, Autor und Schriftsteller, verfasste zahlreiche Kriminalhörspiele und schrieb mehrere Drehbücher. Seit 2011 verantwortet Dirk Schmidt mit seiner Task Force Hamm die Beiträge des WDR für den ARD-Radio-Tatort.

KRAMSKI

»Rien ne va plus.«

Scholz’ Blick scheint bereits die endlose Leere seiner Zukunftsaussichten zu ermessen, als die Kugel losschnellt. Drei Stunden und eintausendneunhundert Euro ist es her, dass er am Roulettetisch Platz genommen hat. Alles, was Vorfreude, Hoffnung und Zuversicht war, ist Müdigkeit gewichen, mehr noch, einer so tief empfundenen Ermattung, dass Scholz zum ersten Mal in seinem Leben versteht, warum manche Menschen sich nach einem Spielbankbesuch das Leben nehmen. Das immerhin wäre ein Leichtes. Im Handschuhfach seines geleasten Mittelklassefahrzeugs in der Metallicsonderlackierung Polaris White, das gerade mal achtzehntausend Kilometer auf dem Tacho hat, befindet sich eine Pistole, Modell SIG Sauer P6. Er hätte acht Schüsse. Die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg liegt, ganz im Gegensatz zu allem, was Scholz heute Abend in der Spielbank versucht hat, bei hundert Prozent.

»Siebzehn.«

Die Siebzehn ist seine Glückszahl. Scholz hebt den müden Blick und erwidert das freundliche Nicken des Croupiers mit einem gequälten Lächeln. Er hat gewonnen. Fast vierhundert Euro. Etwa ein Viertel der Summe, die er heute Abend verspielt hat. Schön, aber zu spät, viel zu spät.

Ein einsamer Barmann poliert seinen Tresen, der Pianist spielt zum dritten Mal Back for good und im Salon Bella Vista brummt ein Staubsaugerroboter. Scholz lockert mit einer Hand seine geliehene Krawatte und schiebt mit der anderen dem Croupier einen Jeton über den Tisch. Er darf nicht vergessen, die Pistole aus dem Handschuhfach zu nehmen, bevor er den Wagen morgen früh zurück zum Autohändler bringt und versucht, sich irgendwie aus dem Leasingvertrag zu lügen. Aus dem Augenwinkel bemerkt er, dass sich jemand neben ihn setzt. Die nächste arme Sau, die blöd genug ist, ihr Leben auf das Klack-Klack einer Elfenbeinkugel zu setzen. Und dann hört er noch ein Klack-Klack.

Eine leicht schwankende, etwas zu blonde, etwas zu dünne, etwas zu blasse Frau stöckelt durch das gekachelte Foyer, dann dämpft der Teppich das Geräusch ihrer Pumps. Scholz’ Blick folgt ihr. Wäre es nicht viel günstiger, den Frauen und nicht dem Glück im Spiel nachzujagen? Aber am Ende des Tages bringt Sex es irgendwie nicht. Beim Sex ist man – im Idealfall – in Gesellschaft und Scholz zockt vielleicht auch deshalb, weil er im Moment der Momente ganz mit sich allein sein möchte.

Die Frau stöckelt weiter, bleibt für einen Augenblick stehen und schüttelt kurz, aber heftig den Kopf. Ihre Lider hängen auf halbmast, aber ihr Gang ist jetzt wieder gerade, die Schritte sicherer. Der Pianist zwinkert ihr zu. Scholz kann aus seiner Position nicht erkennen, ob sie die Geste erwidert oder vielleicht sogar angefangen hat mit der Zwinkerei.

Der Mann am Klavier trägt einen Ohrstecker. Aus Gold, mit Brilli drin. Und eine dazu passende Krawattennadel. Mit noch einem Brilli drin. Zwischenfazit: Für einen Typen, der hier und heute die Werktagsspätschicht abreißt (und jetzt auch noch die Unverfrorenheit besitzt, And that’s why they call it the Blues anzuspielen), hat der Pianist entschieden zu viel Geld.

Die Frau setzt sich umstandslos auf einen relativ hohen Barhocker. Sie rührt mit dem kleinen Finger in ihrem Drink – nicht im Mindesten betrunken. Scholz hatte sie nicht weiter beachtet, als sie zu den Toiletten ging, weil sie sich ganz normal bewegte. Erst ihr Schwanken hat seine Aufmerksamkeit geweckt.

Stellt sich die Frage, ob der Pianist hier der Haus- und Hofdealer oder ihr Zuhälter ist. Sie braucht den Stoff bestimmt, weil sie sonst nicht durch die Nacht kommt. Hundert Euro darauf, dass der Pianist für mindestens fünfhundert Ocken Koks in der Tasche hat. And that’s why they call it deutscher Kriminalbeamter. Warum funktioniert Scholz’ Instinkt nicht so prima, wenn es um Rot oder Schwarz und Ich-mach-für-heute-mal-Schluss geht?

»Und … welche Zahl bringt heute Glück?«

Das war dieser Mensch neben ihm. Wurde bereits erwähnt, dass Scholz allein und ungestört sein möchte? Scholz dreht sich mit allen Anzeichen großer Qual zur Seite und schaut sich den Mann in Ruhe an. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist nicht in Ordnung. Man kann darüber hinwegsehen, dass der Typ unter fünf freien Tischen jenen wählt, an dem Scholz sitzt, und von acht leeren Stühlen den neben ihm. Man kann sogar dieses komische Gefühl ignorieren. Dieses Gefühl, das einem sagt, dass der Typ nicht zum Spielen hier ist. Was Scholz nicht ignorieren kann, ist die zutiefst bedrohliche Tatsache, dass er dem Mann schon einmal begegnet ist.

»Zahlen bringen kein Glück. Entweder hat man Glück oder nicht. Und wenn man Glück hat, fällt die richtige Zahl.«

Der Mann sieht an Scholz vorbei, während er spricht. »Na, dann danke für die Aufklärung. Welche ist denn Ihre Glückszahl?«

»Das ist eine zu persönliche Frage. Außerdem möchte ich gern allein sein, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Sagt’s und nimmt zwei Fünfzigeurojetons, die er auf der Siebzehn und der Vierunddreißig platziert. Der Croupier nickt Scholz zu, setzt den Kessel in Bewegung, wirft die Kugel und sagt seinen Spruch. Der Mann auf dem anderen Stuhl wartet gar nicht erst, bis die Kugel fällt. »Lust auf ein Bier?«

»Passt gerade gar nicht … Glückssträhne.«

»Ich bestell schon mal.«

Der Typ erhebt sich mit dem halblautleisen Stöhnen, mit dem Männer über Fünfzig sich erheben, und geht in Richtung Bar. Scholz steckt seine Zigaretten, den Autoschlüssel und die restlichen Jetons ein, schaut noch zu, wie die Kugel ins Fach mit der Neun fällt, und folgt ihm. Es dauert genau zwei Schritte, bis Scholz’ Erinnerungsvermögen einsetzt. Kramski. Der Mann heißt Kramski, Vorname vergessen oder nie gewusst. Kramski, der sich, in einer schwer zu bestimmenden, zwischen LKA und den Kreispolizeibehörden angesiedelten Position, um alles kümmert, was durch den Rost fällt, schiefgeht und repariert werden muss. Kramski ist ein Feuerlöscher und Fehlerausbügler, ein Wogenglätter und Ungeschehenmacher mit – was man so hört – glänzenden Kontakten zur Presse und in die Politik. Und Kramski hatte offensichtlich einen langen Tag. Sein Anzug wirft Falten, wo keine sein sollten, zwei seiner drei Ringe trägt er unter den Augen und als Scholz jetzt zu ihm tritt, bemerkt er den leicht muffigen Geruch, der von Kramskis Achseln ausgeht. »Kramski?«

»Der bin ich.« Kramski nimmt einen tiefen Schluck aus dem Bierglas und wischt sich den Schaum von der Oberlippe, bevor er weiterspricht. »Sie haben also von mir gehört.«

»Wir sind uns sogar schon mal über den Weg gelaufen. Vor zwei Jahren in Köln. Sie hatten mit dem Hyseminfall und den Vorwürfen der türkischen Gemeinde zu tun. Es gab eine Pressekonferenz im Präsidium und danach stand ich mit einigen Kollegen zusammen auf dem Flur und Sie kamen aus dem Saal. Sie haben ihre Hand auf meine Schulter gelegt, während Sie sich von der Runde verabschiedeten.« Wenn Kramski von Scholz’ Erinnerungsvermögen beeindruckt ist, lässt er sich das nicht anmerken. Er leert sein Glas und bestellt nach. Scholz’ Pils ist unberührt. »Niemand konnte mir damals sagen, was Sie eigentlich genau machen«, fügt Scholz hinzu.

»Sie meinen beruflich? Ich bin bei der Polizei, wie Sie. Ich bin allerdings kein Polizist, wenn Sie das meinen. Deshalb war es für mich auch gar nicht so leicht, Sie zu finden.«

»Sie hätten morgen früh in mein Büro kommen können.«

»Morgen habe ich einen Termin im Justizministerium.«

»Schön für Sie.«

Doof. Was für eine alberne Kleinmädchenreplik: Schön für Sie. Scholz ist nervös und wenn er nervös ist, ist das gar nicht gut.

Kramski hat sich – oh Wunder – nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lassen. Er hebt sein Glas, trinkt und setzt ab. »›Krisenmanager‹. Ich glaube, dieses Wort müsste es treffen. Immer wenn was schiefgeht bei der Polizei, komme ich und biege es wieder gerade.«

Und dann schwingt die Stimmung plötzlich um. Kramski hat fürs Erste genug getrunken, seine Augen werden schmal und seine Stimme bekommt etwas Schneidendes, das eine mögliche Entgegnung von Scholz von vornherein unterbindet. »Sagen Sie jetzt lieber nichts mehr – bevor Sie etwas Falsches sagen. Ich bin wegen Ihnen hier … Es sieht sehr schlecht aus. Sie haben seit elf Monaten keine Alimente an Ihre Exfrau bezahlt und laut Ihrer letzten Bankauskunft fünfundvierzigtausend Euro Schulden.«

»Haben Sie mir nachspioniert?«, hakt Scholz ein.

»Großartig spionieren war nicht nötig. In Ihrem Fall fliegen einem die Fakten nur so zu.«

Nicht so schnell, Freundchen, denkt Scholz. Einen deutschen Beamten kann man nicht so einfach verdächtigen. Selbst wenn man ihn in einem Spielkasino abpasst. »Trotzdem haben Sie ohne eine formelle Dienstaufsichtsbeschwerde keine legale Handhabe, sich in mein Privatleben einzumischen. Das wird Konsequenzen haben.«

Jetzt mischt sich Mitleid in Kramskis Stimme. »Scholz … Es dauert noch ein paar Tage und dann explodiert Ihnen Ihr Leben in der Fresse. Aber wenn Sie unbedingt eine …«, Kramski macht eine kleine und durchaus schön gesetzte Pause, »… formelle Dienstaufsichtsbeschwerde wollen … Kostet mich einen Anruf. Führe ich die Beschwerde eben selbst. Habe ich halt eine Beschwerde.«

Und in diesem Moment ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Scholz den Ernst der Lage begreift. Es ist nicht so, dass er den Gedanken, sich um Hab, Gut und Leben zu zocken, nicht schon einmal zugelassen hat, aber demgegenüber stand immer die feste Überzeugung, dass die Bank auch mal verliert. Er hat es selbst erlebt. Es gibt Tage, da ist die Bank am Arsch, da ist Bankenkrise und man verlässt das Kasino mit Bargeld im Wert einer mittleren Eigentumswohnung in der Tasche. ›Tage‹ ist übertrieben, einen solchen Tag gab es, aber der war es wert. Scholz würde alles geben, um dieses Gefühl noch einmal zu erleben: die fingernagelbeißende Anspannung, die herzrasende Angst und dann die alles befreiende Euphorie, als die letzte Kugel so fällt, wie sie fallen sollte. Nichts, gar nichts, lässt sich mit diesem Gefühl vergleichen. Das kann man nur am Spieltisch erleben und vielleicht in abgemilderter Form im Job. Natürlich ist eine Mordermittlung im Vergleich zu drei, vier, fünf, sechs sauber nacheinander fallenden Kugeln wie ein handgemachter Abgang gegenüber einem überwältigenden Orgasmus und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Scholz hat im Lauf seiner Karriere Mordfälle erlebt, die ihn in emotionale Abgründe und Erkenntnistiefen führten, die er zuvor nicht kannte. Menschen können anderen Menschen Dinge antun, die jenseits des Fassbaren liegen, und Scholz hat sich mehr als einmal in Situationen befunden, in denen Mitleid, Ekel und das pure Erschrecken sich explosiv vermischten. Als könne man sich anstecken an dem Hass, der einem begegnet. Dort zu stehen, vielleicht in einem abgefuckten Hotelzimmer, auf einer Lichtung unweit einer Autobahn oder in einem Schuppen am Rand einer Wohnsiedlung, oft so früh am Morgen, dass die Zeit für Worte noch lange nicht gekommen ist, was aber nichts macht, da es eh keine gäbe. Dort zu stehen, der Spurensicherung bei der Arbeit zuzusehen und sich aus dem Morast wieder hochzukämpfen, kann einem helfen, sein eigenes Scheißleben eine Weile in der Spur zu halten. Aber solche Fälle sind selten. Fälle, wie der der Frau, die kürzlich ihre achtjährige Tochter und sich selbst absichtlich vergiftet hat.

Tatsächlich fehlen einem dafür nicht mal die Worte, es sind nur immer dieselben. Es war ein Satz aus tausend schlechten Filmen, der Scholz durch den Kopf schoss, als er in der Wohnung stand, in dieser aufgeräumten, frisch geputzten Wohnung, und auf das Kind starrte. Ein Kleidchen aus blauem Samt, eine weiße Bluse, ein Teddybär im Arm und alles roch gut. Die beiden hatten nicht lange gelegen, die Nachbarin hatte schon so was geahnt – »Die war schon immer komisch.« –, und dann der Moment, in dem er begriff, dass die Wohnung für die Nachwelt geputzt und aufgeräumt worden war. Das Mädchen war gezielt so angezogen worden, um später in dieser Aufmachung gefunden zu werden. Der weiße Schaum vor ihrem Mund. Ansonsten nichts Auffälliges. Und so kam Scholz zu dem Satz: »Sie sieht aus, als ob sie schläft Was für eine Scheiße! Gab es keine besseren, ehrlicheren Worte? Sie hatte völlig unverschuldet das unfassbare Pech gehabt, jemandem vertrauen zu müssen, der dieses Vertrauen nicht verdient hatte.

So in etwa las es sich dann in Scholz’ Fallnotizen. Pech. In einem solchen Fall kann man den Bericht des Gerichtsmediziners fast unverändert zu den Akten geben und ansonsten sehen, dass man früh Feierabend macht. Pech. Unglück. Darauf läuft wohl alles hinaus.

Und hier und jetzt, während die Erinnerungen durch seinen Kopf rasen, bekommt Scholz Angst. Scheißangst. Wenn Kramski ihn feuert, ist alles aus. Dann wartet das sogenannte wahre, das sogenannte richtige Leben. Das Um-acht-im-Büro-um-fünf-den-Bleistift-fallen-lassen-am-Wochenende-im-Garten-grillen-Leben. Das Papa-Mama-Kleinkredit-Familienkutsche-Dauerkarte-zwei-Wochen-türkische-Riviera-all-in- clusive-Leben. Das würde Scholz keine zwei Monate durchhalten. Während seine Gedanken in Richtung Handschuhfach schweifen, fällt ihm immerhin ein Wort ein, das seine Situation exakt umreißt: »Kacke.«

Kramski nickt. »Also: Selbstanzeige, vorläufige Suspen-dierung, Attest auf Spielsucht. Ein paar Wochen Krankenschein. Sperrung für alle bundesdeutschen und angrenzenden Kasinos.«

»Und dann?«

»Dann sehen wir weiter. Ich will erst mal wissen, wie Sie sich führen.«

Kramski scheint zu bemerken, wie tief getroffen Scholz ist. Seine Stimme bekommt ein jovial-kumpelhaftes Knuffeltimbre: »Jetzt trinken Sie erst mal Ihr Bier aus, Scholz. Und dann gehen wir Ihre Dienstwaffe suchen.«

SUSANNE

Es gibt nicht viel, was man über Scholz wissen muss. Man mag ihn im Kölner Kriminalkommissariat Eins. Er kommt gut klar, ist umgänglich, hinreichend eloquent, lässt den lieben Gott einen guten Mann und Fünfe gerade sein, ist ein Mensch wie du und ich und was man sonst noch so sagt, wenn man keine Ahnung hat, was man sagen soll, weil der Mensch, über den man redet, sich nie und niemals in die Karten gucken lässt. Mit ein bisschen Glück hätte alles immer so weitergehen können, wäre nicht irgendwann ein Anruf der Bank eingegangen, der jenen langsamen, aber stetigen, mäandernden, aber letztlich unaufhaltsamen Informationsfluss in Gang setzte, der eine halbwegs funktionierende Bürokratie ausmacht.

Irgendwann erreicht der Fluss auch Kramski, der den Anruf zum Anlass nimmt, um eines Tages im Büro des Banksachberaters zu sitzen und sich die Zahlen zeigen zu lassen.

Sein nächster Weg führt zu Scholz’ Exfrau. Susanne, Mitte dreißig, also in Scholz’ Alter, hübsch, nett, freundlich, Lehrerin, nicht dumm. Susanne Lennart, geschiedene Scholz, gelingt es, ihren Verflossenen mit fünf Worten zu charakterisieren: »Es muss was los sein.«

Kramski nickt, nippt am Tee und lässt sie reden.

»Wir sind nicht im Streit auseinandergegangen, die Scheidung war ein Klacks. Er ist ein guter Mann. In jeder Hinsicht. Ich habe ihn ziemlich geliebt.«

Kramski überlegt, ob er die Frage wirklich stellen muss oder ob sie selbst darauf kommt. Sie kommt drauf: »Sie wollen wissen, warum unsere Ehe gescheitert ist.«

Kramski will.

»Eines Abends lerne ich diesen Typen kennen – lassen Sie mich ausreden, es ist nicht so, wie Sie jetzt denken. Einen Typen, irgendeinen Typen. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß oder ob ich ihn auf der Straße erkennen würde, aber an dem Abend war er der Richtige. Er bringt mich nach Hause, ich nehme ihn mit rein, zünde Kerzen an und lege Kind of Blue auf. Und der Typ wird ein bisschen nervös, weil er die Fotos an der Wand und am Kühlschrank gesehen hat, und meinen Ehering hat er auch bemerkt. Also fragt er mich, ob es nicht möglich wäre, dass mein Mann irgendwann nach Hause käme. Und ich muss lachen. Ich habe laut gelacht und der Typ hat doof geguckt. Geheult habe ich erst, als ich später unter der Dusche stand.«

Als Nächstes kramt Kramski in seinem Textbausteinarchiv und spult die Version zum Thema Job, Überstunden, emotionale Beanspruchung, harte Tage, lange Nächte und die daraus resultierenden Gefahren, die jeder Polizistenehe drohen, ab. Er ist noch nicht mal bis zu den Überstunden gekommen, als Susanne ihn unterbricht: »Nee, das hatte mit seinem Beruf nichts zu tun. Ich kann ganz gut alleine und sein Job war nie ein Problem. Er ist einfach ruhelos. Er kann nicht anders. Das hat man besonders gemerkt, wenn wir für ein paar Tage weggefahren sind. Wohin war ihm egal, aber es musste was los sein. Egal was. Zwölf Minuten hat er für den Petersdom gebraucht. ›Toll, echt schön, und was machen wir jetzt?‹ Irgendwann kam er gar nicht mehr nach Hause. Und irgendwann hat es mir nichts mehr ausgemacht. Und das war es dann.«

Kramski verabschiedet sich von Susanne und macht sich an den Formalkram. Wie tief steckt Scholz drin? Hat er nur Schulden bei seiner Bank oder noch woanders? Hat er Mittel und Wege gefunden, an Bares zu kommen? Gibt es Unregelmäßigkeiten, Auffälligkeiten? Vielleicht Angehörige von Mordopfern, die Geld vermissen? Manche behaupten, Kramski sei kein richtiger Bulle, ihm fehle der Stallgeruch. Aber Kramski ist Bulle genug, um in so einem Fall keinen Stein auf dem anderen zu lassen.

Es dauert noch zwei Wochen, bis er mit Scholz fertig ist. Und dann ist Kramski sicher, dass der Kriminalbeamte sauber geblieben ist. Scholz hat Scheiße gebaut und sich um Kopf und Kragen gezockt, aber er hat die entscheidende Grenze nicht überschritten. Dafür hat er einen Stein im Brett bei Kramski, dafür gibt es Punkte und es kann nicht schaden, bei Kramski zu punkten.

Fahl glänzt die Metallicsonderlackierung Polaris White im trüben Schein der Parkplatzbeleuchtung. Ein Druck auf den elektronischen Autoschlüssel und die Karre leuchtet auf wie ein Weihnachtsbaum. Scholz und Kramski erreichen den Wagen und Scholz macht eine hilflose Geste. »Und jetzt?«

»Ab nach Hause – Sie fahren.«

Sie steigen ein und Scholz lässt den Wagen an. Bevor er den Gang einlegt, deutet er auf das Handschuhfach. Kramski öffnet es, steckt die Dienstwaffe ein und lehnt sich zurück, als wolle er ein Nickerchen machen. »Wie spät ist es?«

Scholz sieht auf die Uhr. »Schon halb zwölf.«

»Aber nicht zu spät. Es ist nie zu spät.«

Scholz begreift. »Was wird das? Eine Abschiedsrede?«

Kramski reagiert nicht. Er hat schon ganz andere in den Pausen zwischen zwei Sätzen verhungern lassen. Es dauert bis zur Autobahn, ehe Kramski wieder das Wort ergreift. »Köln.«

Scholz fährt auf der rechten Spur. Er fühlt sich seltsam erleichtert. Das ist normal, vielen Mördern geht es ebenso. Wenn die Handschellen einschnappen, hat man endlich Ruhe. Eigentlich ist Kramski das Schlimmste, was Scholz passieren konnte, und trotzdem fühlt er sich gut.

»Mögen Sie Köln?«, hakt Kramski nach.

Scholz mag Köln sogar sehr. Er hat sich vom ersten Moment an wohlgefühlt in der Stadt. Eigentlich kommt Scholz aus dem Süddeutschen und ist zum Studium in Köln gelandet. Die Stadt gefiel ihm sofort. Die Leute haben die Ruhe weg und es ist nicht so piefig wie in Stuttgart oder Hannover. Hamburg ist zu kühl und München abseits des legendären Nachtlebens zu langweilig. Frankfurt ist zu leer und Berlin zu voll, aber Köln ist genau richtig. Es gibt schönere Städte. So viele, dass man sie kaum zählen kann. In Köln ist es eng und viele Häuser stehen einfach da wie hingeschissen, aber jeder lässt jeden sein und was will man mehr? Aber was interessiert es Kramski, ob Scholz Köln mag? Vielleicht will er nur reden? »Köln ist okay.«

»Was heißt okay?«

»Okay heißt okay. In Ordnung. Man kann es da aushalten. Der Dialekt ist scheiße, aber man gewöhnt sich dran.«

Kramski ist nicht zufrieden. »Man gewöhnt sich dran. Und an was muss man sich noch gewöhnen?«

Scholz muss kurz nachdenken. Selbstverständlich kommen ihm aus dem Stegreif eine Vielzahl von gewöhnungsbedürftigen kölnischen Eigenheiten in den Sinn, aber er braucht eine Weile, um die für ihn wichtigste in die richtigen Worte zu fassen. »Die in Köln finden alles, was aus Köln kommt, großartig. Die Musik kann noch so schlecht sein, die Idee noch so banal, kommt es aus Köln, ist es kölsch und damit automatisch geadelt.«

Kramski weiß offensichtlich nicht so recht, was er entgegnen soll. Er zuckt mit den Schultern. »Wie heißt es, ›man gewöhnt sich an alles‹?«

»Es ist ein bisschen wie mit einer chronischen, aber nicht sofort tödlichen Krankheit: Trotz Einschränkung kann man sein Leben weiterhin in Ruhe leben.«

»So wie bei Zucker?«

Scholz nickt. »Wenn man so will. Köln ist ein bisschen wie Diabetes.«

Kramski brummt etwas Unverständliches, sammelt sich einen Moment und setzt dann neu an. »Ich frag noch mal: Würden Sie Köln vermissen oder nicht?«

Scholz denkt eine Weile nach. Kramski kann ihn achtkantig aus der Polizei herausschmeißen, aber nicht aus Köln. Was soll das also?

Sie wollen ihn versetzen! Das muss es sein. Warum sollte Kramski sonst fragen? Scholz wägt seine Worte gründlich ab. Wenn es darauf ankommt, ist er rhetorisch ganz gut unterwegs. »Ich würde Köln vermissen. Aber ich glaube, ich werde in nächster Zeit einiges vermissen. Ich denke, dass es so nicht weitergeht. Es muss sich was ändern. Ich muss mich ändern. Ich bin dazu bereit. Und wenn sich auch meine Adresse ändern muss, dann ist das eben so.«

»Sie wollen unbedingt Bulle bleiben, was?«

Scholz lässt sich Zeit mit der Antwort. Und dann: »Ja, will ich. Unbedingt.«

»Dann beantworten Sie meine Frage.«

»Ja, im Fall des Falles würde ich Köln vermissen. Aber nicht so sehr, dass ich es nicht aushalten könnte.«

»Wenn Sie meinen.«

Scholz muss kurz zu Kramski hinüberschauen, weil er den letzten Satz nicht richtig einordnen kann. Aber Kramskis Gesicht gibt keine Geheimnisse preis. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«

Kramski lässt Scholz noch eine Weile zappeln. Zwei Männer nachts auf einer Autobahn. Mittelstreifen, Begrenzungslinien, gelblich fahle Scheinwerfer und immer mal wieder in der Ferne die Lichter einer Groß-, Mittelgroß- oder Kleinstadt, dazwischen Dunkelheit. Der Wagen surrt mit Tempo hundertsechzig durch die Nacht und Scholz wünscht, dass er morgen noch ihm gehören würde. Und dann doch – Kramski kratzt sich an der Nase, während er das eine Wort sagt, das Scholz’ Leben für immer verändern wird: »Hamm.«

»Was ist Hamm?«

MARIO

Was Hamm ist? Hamm ist, wenn zwei Bullen am späten Abend auf einer Landstraße neben einer Leiche stehen und sich anbrüllen. Bei der Leiche handelt es sich um einen toten Mann, offensichtlich ein Fußgänger, der von einem Auto erfasst wurde und an den Folgen starb. So weit nicht ungewöhnlich, aber der Mann liegt falsch. Wenn man von Herringen in Richtung Wischerhöfen schaut, liegt er auf der rechten der beiden Fahrbahnen und das ist eigentlich nicht möglich. Angenommen, er ist am Rand der linken Fahrbahn entlanggelaufen, wie man es normalerweise tut, dann hätte ihn der aus Wischerhöfen entgegenkommende Wagen nach links in die Böschung befördern müssen. Oder, zweite Möglichkeit, der Mann ist am rechten Fahrbahnrand entlanggelaufen, wie man es eigentlich nicht machen sollte. Dann hätte ihn der aus Herringen in Richtung Wischerhöfen fahrende Wagen nach rechts in die Böschung befördern müssen. Dort, wo er liegt, kann er eigentlich nur liegen, wenn er in der Mitte der Straße gelaufen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass vor ungefähr zehn Minuten ein Anruf in der Notrufzentrale eingegangen ist:

 

Freiton.

Ansage: »Polizeinotruf, bitte legen Sie nicht auf.«

Freiton.

Zentrale: »Polizeinotruf.«

Anrufer: »Ja, tach, es geht um den Unfall bei Wischerhöfen.«

Zentrale: »Wie ist denn Ihr Name bitte?«

Anrufer: »Das spielt keine Rolle.«

Zentrale: »Die Nulleinsneunsiebenfünfzehnneunzehnelf, ist das Ihre Nummer?«

Anrufer: »Ich ruf von einem Kollegen aus an, ich bin ja nicht ganz doof.«

Zentrale: »Kollege?«

Anrufer: »Was ist jetzt? Wollen Sie was wissen oder nicht?«

Zentrale: »Sie sprachen von dem Unfall bei Wischerhöfen?«

Anrufer: »Ich sag nur eins: Der muss schon tot gewesen sein. Außerdem hatte ich es eilig.«

Zentrale: »Jetzt fangen Sie mal von vorne an, sonst kommen wir hier nicht weiter.«

Anrufer: »Also, ich hatte eine Ladung Schweine zu Westfalenfleisch gefahren und war mit dem Traktor auf dem Rückweg. Ohne Last läuft der gute sechzig Kilometer die Stunde und ich wollte Fußball gucken und es wurde schon dunkel. Da muss ich den Mann übersehen haben.«

Zentrale: »Sie haben einen Mann überfahren.«

Anrufer: »Der lag da aber schon. Das hat nur ganz kurz Buck-Buck gemacht, dann war ich drüber.«

Zentrale: »Über einen Mann.«

Anrufer: »So isses.«

Zentrale: »Der auf der Fahrbahn lag.«

Anrufer: »Ich dachte erst, das ist ein Teppich, den einer verloren hat, oder ein totes Reh. Außerdem bin ich nur über die Beine gefahren, wenn ich den, sagen wir mal, am Oberkörper erwischt hätte, da komme ich mit dem Fendt gar nicht drüber, da bleibt der mir vorne am Häcksler hängen.«

Zentrale: »Wo sind Sie jetzt?«

Anrufer: »Wer will das wissen?«

Zentrale: »Ich schicke einen Wagen vorbei.«

Anrufer: »Der war schon tot. Gucken Sie sich den mal an.«

Zentrale: »Sie bleiben, wo Sie sind, der Streifenwagen ist in zehn Minuten da.«

Anrufer: »Arschloch.«

Verbindung unterbrochen.

Die beiden Bullen, die auf der Landstraße stehen und sich anbrüllen, müssen im Moment noch von einer doppelten Fahrerflucht ausgehen. Ansonsten scheinen die Angaben des anonymen Anrufers so weit den Tatsachen zu entsprechen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Mann, der das Pech hatte, angefahren zu werden, noch ein weiteres Mal überrollt.

Bei den beiden Bullen handelt es sich um Ditters und Latotzke. Georg Latotzke ist Anfang dreißig und von gedrungener Statur. Er trägt die Haare halblang und Klamotten, die man einem fünf bis acht Jahre jüngeren und acht bis zehn Kilo schlankeren Mann so gerade eben durchgehen lassen würde. Peter Ditters ist etwas älter als Latotzke, gleicht diesen Umstand allerdings durch sein gepflegtes Äußeres und den tadellosen Sitz seines Freizeitanzugs aus der Kollektion eines großen schwedischen Oberbekleidungshandelsunternehmens wieder aus. Ditters brüllt und Latotzke brüllt zurück. Die Tatsache, dass sie sich nicht leiden können und sich heute ganz besonders wenig zugetan sind, hat mit ihrer Lautstärke aber nicht viel zu tun. Hamm ist, wenn der zum Einsatz gerufene Rettungswagen ungefähr achtzig Meter vom Fundort der Leiche entfernt an einem geschlossenen Bahndamm steht und warten muss, bis der ICE aus Köln durch ist. Hamm ist, wenn der Fahrer des Rettungswagens trotz der Unausweichlichkeit der Situation keinen Sinn darin sieht, seine Sirene abzustellen. Also müssen die beiden Männer brüllen, so laut es geht. Hamm ist, wenn die Spurensicherung aus Dortmund anreist.

»Komm, ist kalt«, brüllt Latotzke.

»Dann zieh dir doch was an«, gibt Ditters zurück.

»Ich setze mich jetzt in den Wagen.«

»Nicht solange der Unfallort nicht gesichert ist.«

Latotzke schweigt und geht ein paar Schritte, um sich aufzuwärmen. Natürlich hat Ditters recht. Ditters hat viel zu oft recht. Sie können ihre Unterhaltung eh nicht fortsetzen, weil jetzt der Zug an ihnen vorbeirast. Also bleiben sie eine Weile stumm und lauschen dem Dröhnen. Sie stehen da wie vergessene Spielfiguren und warten darauf, dass das Leben weitergeht. Dann verebbt der Lärm des Zugs und kurz darauf öffnet sich die Schranke. Der Krankenwagen beschleunigt und kommt mit quietschenden Reifen wieder zum Stehen. Endlich schweigt auch die Sirene. Der Fahrer steigt aus und kratzt sich am Ohr. Ein Notarzt folgt ihm und wirft einen kurzen Blick auf den Toten, ohne Ditters und Latotzke zu beachten. »Dann mach ich mal die Papiere fertig.«

Ditters Stimme nimmt sofort die hohe Tonlage an, in die er immer verfällt, wenn er sich aufregt. Und Ditters regt sich leicht auf. »Moment mal, wollen Sie den Mann nicht erst mal untersuchen?«

»Der ist tot.«

»Das weiß ich auch.«

»Was gibt’s da also zu untersuchen?«

Ditters Stimme schafft es, nicht ohne Mühe, eine halbe Oktave tiefer. »Was weiß ich? Sie sind der Arzt.«

»Eben.«

Und schon geht’s wieder eine halbe Oktave nach oben. »Was heißt ›eben‹? Sie können doch keinen Totenschein ausstellen, ohne eine Untersuchung durchzuführen.«

Der Arzt blickt Ditters irritiert an und sieht dann zu Latotzke hinüber, der die Szene stumm und stoisch beobachtet. Da hier keine Hilfe zu erwarten ist, hebt er ebenfalls die Stimme und erwidert: »Doch, ich kann. Warum? Weil ich Arzt bin. Warum genau? Weil es mehrere sichere, untrügliche, totenscheinreife Zeichen dafür gibt, ob jemand tot ist oder nicht. Manche ergeben sich bei einer Untersuchung, andere auf den ersten Blick. Bei diesem Toten hier reicht der erste Blick. Niemand sieht so aus und lebt noch. Niemand. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Ditters schweigt. Bockig wie immer, findet Latotzke. Wenn man ihn fragen würde, dann ist Ditters sowieso ein bisschen zu rechthaberisch. Aber ihn fragt niemand.

Der Arzt scheint hier fertig zu sein: »Sie wissen ja sicher, dass wir ihn nicht im Krankenwagen mitnehmen können. Der ist nur für Lebende. Ich muss weiter. Die Unterlagen schicke ich Ihnen dann zu.«

Arzt und Sanitäter steigen in den Krankenwagen und Ditters murmelt ihnen ein »Arschloch« hinterher. »Schwuffe«, murmelt der Arzt zurück und schlägt die Tür zu. Und zack – Ditters ist wieder auf hundertachtzig. »Habe ich richtig gehört? Hast du mich Schwuffe genannt? Hab ich das wirklich gehört?«

Wenn es eine Antwort gab, geht sie unter im ohrenbetäubenden Lärm der Sirene. Ditters brüllt den sich entfernenden Rücklichtern noch ein »Wichser« nach und braucht dann eine kurze Auszeit, bevor er sich entrüstet an Latotzke wenden kann: »Hast du das gehört?«

»Was?«

»Er hat mich Schwuffe genannt.«

»Und?«

»Das ist eine Beleidigung.«

»Nicht, wenn man zuvor jemanden Arschloch nennt. Das habe ich nämlich gehört. Außerdem stimmt das doch.«

Und wieder klingt Ditters wie ein Sopransänger im Knabenchor. »Was soll das denn bitte heißen?«

»Du bist doch schwul.«

»Deshalb muss ich mich doch nicht Schwuffe nennen lassen.«

»Du hast aber angefangen.«

»Das ist mal wieder so typisch, dass du das nicht verstehst!«

»Erklär es mir.«

»›Schwuffe‹ bezieht sich ausschließlich auf meine vermutete sexuelle Präferenz. Ich sage ›vermutet‹, weil der Typ nicht wissen kann, ob ich homosexuell bin. Schließlich habe ich ihm ja nicht den Schwanz gelutscht. Ein ›Arschloch‹ ist etwas anderes. Ein Arschloch kann jeder sein. Männer, Frauen, Alte, Junge – Arschloch sagt etwas über den Charakter eines Menschen aus.«

Ditters entdeckt eine Veränderung in der Mimik des Kollegen. Offenbar ist ein Gedanke in Latotzkes Hirn eingedrungen und sucht verzweifelt einen Ort zum Andocken. Er saust rechts und links und oben und unten durchs Latotzkegehirn und findet nicht mehr raus. Ditters kennt diesen Gesichtsausdruck. Er ist nicht selten. Wahrscheinlich ist Latotzke schon bei ›Präferenz‹ ausgestiegen. Es bringt nichts, weitere Worte zu machen. Man muss jetzt Geduld haben.

»Jeder kann ein Arschloch sein?«, vergewissert sich Latotzke.

»Genau.«

»Aber nicht jeder ist schwul.«

»Da denkt aber jemand mit.«

»Sagen wir mal, du wärst ein Arschloch. Nur mal so.«

»Ein hypothetisches Arschloch?«

»Genau«, bestätigt Latotzke.

»Gut. Sagen wir, ich wäre ein Arschloch.«

»Dann wärst du ein schwules Arschloch, oder?«

Ditters ist sich nicht sicher: Ist das jetzt grenzdebil oder bauernschlau? Macht sich Latotzke über ihn lustig oder meint er es ernst? Leider gibt es selbst für einen brauchbaren Kriminalisten wie Ditters keine Anhaltspunkte. Latotzkes Gesicht ist nichtssagend, sein Blick so leer wie die Landstraße.

»Stimmt. Und wenn du ein Arschloch wärst, wärst du ein notgeiles Singlearschloch mit einer Pornosammlung.«