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Horst Eckert

Schwarzer Schwan

Thriller

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© 2011 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund
Internet: www.grafit.de
E-Mail: info@grafit.de
Alle Rechte vorbehalten.
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
eISBN 978-3-89425-858-0

Ein Verbrecher wird erschossen, der andere regiert.
Schenk ma no an Wodka ei, die Welt is kompliziert.

Georg Ringsgwandl

Teil I – Strippenzieher

Teil I

Strippenzieher

1.

Grelles Licht blendet mich. Ich möchte … weiterschlafen …

Wie aus weiter Ferne höre ich Geräusche. Etwas kratzt und schabt und klappert. Die Umgebung verschwimmt. Helle Flecken tanzen vor meinen Augen. Ich kann mich auf nichts konzentrieren.

Scheiße, was ist los mit mir?

Ich versuche, mich aufzusetzen. Fürchterliche Stiche in meinem Kopf, wie lange Nadeln, die mir jemand ins Hirn schiebt.

Wo bin ich überhaupt? Das ist nicht die Wohnung meiner Tante!

Die Pritsche ist hart. Die Wände sind weiß, kein Fenster, keine weiteren Möbel. Die Geräusche kommen näher. Dreht sich da ein Schlüssel in einem Schloss?

Mein Mund ist trocken. Mein Kopf … als hätte ich gesoffen … aber das habe ich nicht!

Keinen Schimmer, wie ich hierhergekommen bin …

Die Tür schwingt auf. Mein Herz pocht rasend schnell. Die Umrisse eines Mannes. Ein Klirren, als ich zurückweiche. Da ist etwas Kaltes, Schweres um mein Handgelenk.

Ich kann es nicht glauben …

Die Stimme ist mir unbekannt: »Willkommen in deinem neuen Zuhause.«

Mama! Mama, sag mir, dass das nur ein böser Traum ist!

2.

Lilly gähnte, zugleich war sie aufgeregter als bei jedem Vorstellungsgespräch. Sie und Patrick trugen Businessklamotten und taten, als studierten sie die Anzeige auf dem Monitor.

Ganz oben wurde ein Flug nach Antalya angekündigt – Touris, uninteressant.

Dann folgten Geschäftsflieger-Destinationen: Berlin, Dresden, München.

Es war kurz nach sechs, für Lillys Empfinden noch mitten in der Nacht. Aber hier war bereits eine Menge los.

Frankfurt, Barcelona, Berlin.

»Siehst du den Dicken im grauen Anzug?«, fragte Patrick.

»Wo?«

»Na, dort drüben. Der perfekte Otto.«

So nannte Patrick eine mögliche Zielperson. Er wünschte sich einen pädophilen Otto. Einen heimlichen Kinderficker mit nackten Gören auf der Festplatte seines Laptops, den man leicht erpressen konnte. Aber auch einem Normalbürger sollte es eine Stange Geld wert sein, einen stibitzten Aktenkoffer samt Inhalt zurückzuerhalten. Glaubte Patrick.

Lilly staunte, wie gelassen ihr Freund war. Und er sah verdammt gut aus, als sei er einer Armani-Anzeige entstiegen. Dabei stammte sein Anzug von H&M.

Sie hatten lange überlegt, wie sie ihre finanzielle Lage aufbessern konnten. Seit sie ihr Studium beendet hatten, hangelten sie sich von Praktikum zu Praktikum. Manchmal gab es fünfhundert Euro im Monat, dann wieder gar nichts – außer der Hoffnung auf eine Festanstellung, die regelmäßig enttäuscht wurde.

Lillys Ersparnisse waren so gut wie aufgebraucht und ihre Eltern nicht in der Lage, sie zu unterstützen. Patrick war zu stolz, seine Alten um Geld anzuhauen. Beide schrieben Bewerbungen am laufenden Band. Erst gestern hatte man Lillys Mappe bewundert, aber etwas von Einstellungsstopp erzählt. Und dass sie auf der Liste angeblich ganz oben stünde – davon wurde sie nicht satt.

Sie hatte dafür plädiert, eine Waffe zu benutzen. Raubüberfälle in dunklen Ecken. Wenn schon kriminell, dann richtig. Aber Patrick hatte ihr das ausgeredet. Er hielt sich für den strategischen Kopf.

Gestern hatte Patrick die Lage am Hauptbahnhof sondiert, sich dann aber für den Flughafen entschieden. Weniger Bullen, größere Fische.

Lillys Horrorvorstellung: in der Abflughalle jemandem über den Weg zu laufen, der sie kannte.

»Action, Süße«, raunte ihr Freund – nur die Heiserkeit in seiner Stimme verriet Anspannung. Er schlenderte auf die Kaffeebar zu.

Jetzt erkannte Lilly, welchen Otto Patrick meinte.

Das geht nicht gut.

Lilly bezog Posten bei den Aufzügen und ließ den Blick schweifen, um sich zu vergewissern, dass sie sich im toten Winkel der Überwachungskameras befand.

Patrick hatte die Bar erreicht. Der Otto war ein großer Kerl mit halblangem Haar, Lilly sah ihn nur von hinten. Dunkler Anzug, der um den Rücken spannte, Catcherfigur, fast so breit wie lang. Er stellte sein Köfferchen ab, ein kleines Ding aus Alu. Zugleich zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche und sprach die Bedienung hinter dem Tresen an.

Patrick näherte sich dem Otto, reckte das Kinn und studierte die Angebotstafel, die über der Espressomaschine hing.

Das kann nicht gut gehen!

Lilly packte den Griff ihrer Tasche fester. Patrick wollte dieses abgewetzte Ding aus Kunstleder später auf der Flucht mit der Beute tauschen. Der Plan: Während Lilly den OttoKoffer über das Treppenhaus zum Auto schaffte, würde er mit dem alten Plastikteil vor der Aufzugtür warten und den Harmlosen spielen, falls die Bullen ihn ansprachen. Sehen Sie, Wachtmeister, der Herr muss mich verwechselt haben, denn das ist nicht seine Tasche, sondern meine …

Sie zitterte vor Aufregung. Hier liefen die Typen umher, die am Wirtschaftsboom verdienten, von dem seit einem Jahr alle redeten, und der nach ihrem Eindruck auf der Ausbeutung einer Generation von Praktikanten beruhte. Das Land ging den Bach runter. Die Steuerzahler mussten für die Spekulationsverluste der Banken und die angebliche Rettung Griechenlands aufkommen, nur die Reichen wurden noch reicher. Lilly war informiert. Sie las die Zeitung, vor allem den Wirtschaftsteil, auch wenn sie die Dinge anders bewertete als die meisten Redakteure, die darüber schrieben: Eigentlich war ein breiter Aufstand angesagt, nicht eine individuelle Aktion.

Lilly setzte ihre Sonnenbrille auf. Im Gang zum Parkhaus gab es jede Menge Kameras, todsicher.

Jetzt: Patrick schnappte sich das Aluding.

Der Catcher bemerkte es sofort und bekam Patrick am Arm zu fassen.

Scheiße, ich wusste es!

In diesem Moment reichte die Bedienung das Wechselgeld über die Theke. Patrick riss sich los und ließ den Koffer fallen. Der Dicke bückte sich danach und schien zu überlegen, ob er die Verfolgung aufnehmen sollte, doch Patrick war bereits in den Shopping-Arkaden zwischen Boss und Etro verschwunden.

Der Catcher wandte sich der Asiatin hinter dem Tresen zu, steckte die Münzen ein und wanderte mit seiner Tasse an den nächsten Stehtisch, das Aluköfferchen nicht mehr loslassend. Rasch trank er den Espresso aus und schlug dann den Weg zu den Flugsteigen ein.

Minuten vergingen.

Lilly malte sich aus, dass die Sicherheitsleute Patrick beobachtet hatten. Dass er in einem fensterlosen Kabuff im Kellergeschoss des Düsseldorfer Flughafens feststeckte. Dass die Bullen ihm zusetzten. Würde Patrick sie verraten?

Hinter ihr öffnete sich die Aufzugtür. Reisende schoben ihre Rollkoffer vorbei.

Dann ein leiser Pfiff. »Hey, Süße!«

Lilly fuhr herum. Patrick rieb sich den Arm, wo der Catcher ihn gepackt hatte. Er drückte den Schalter. Lilly trat zu ihm in die Kabine, bevor sich die Tür wieder schloss.

»Der Typ hatte sowieso kaum etwas dabei«, berichtete Patrick. »Der Koffer war viel zu leicht.«

Eine Etage tiefer stiegen sie aus. Ankunftsebene. Übergang zum Parkhaus zwei.

»Sag mir Bescheid, wenn du eine Toilette siehst«, bat Patrick und blickte sich um.

Lilly ergriff seine Hand und beschleunigte ihren Schritt. »Erst mal weg von hier!«

Eine Horde fröhlicher Frauen strömte aus dem Raum mit den Gepäckbändern in den Empfangsbereich. Braun gebrannt und im Urlaubsfummel. Lilly fragte sich, woher die Leute kamen. Zwei Jahre lang hatte sie auf jegliche Reise verzichten müssen, und dabei würde es auf absehbare Zeit auch bleiben, wenn ihre Raubzüge nichts einbrachten.

»Wart hier auf mich!« Patrick hatte Toiletten entdeckt und steuerte die Tür mit dem Männer-Zeichen an.

Kaum war sie hinter ihm ins Schloss gefallen, stürmte Patrick auch schon wieder heraus – eine Aktentasche aus braunem Leder in der Hand. Er eilte in Richtung Parkhaus.

Lilly drängte sich durch die Menge und hastete ihrem Freund hinterher. Sie senkte den Kopf und wagte es nicht, sich umzusehen.

Garantiert hat uns die Security im Blick.

Sie fanden den Polo. Patrick zückte den Autoschlüssel. »Magst du fahren?«

Lilly schüttelte den Kopf. Sie war viel zu aufgeregt.

Auf der Heimfahrt sprachen sie kein Wort. Vor ihrem Wohnblock in Ratingen-Lintorf setzte Patrick das Auto in eine freie Lücke. Die Sonne strahlte unter der Wolkendecke hervor und ließ die Regenpfützen schillern. Lilly kniff die Augen zusammen. Sie stellte fest, dass sie ihre Sonnenbrille verloren hatte.

In der Wohnung angekommen, verschwand Patrick aufs Klo und rief: »Allein die Tasche ist etwas wert, was meinst du?«

Er hatte recht: feines, genarbtes Leder, edle Beschläge, so gut wie neu.

Die Spülung rauschte, Patrick kehrte in die Küche zurück. »Mach das Teil auf, Süße.«

»Ich?«

»Unser erstes Beutestück. Stand ganz allein im Vorraum. Der Besitzer wollte es anscheinend nicht auf die vollgepissten Fliesen mitnehmen. Jetzt mach schon auf!«

»Hat dich wirklich niemand gesehen?«

»Garantiert nicht. Höchstens von hinten.«

Lilly hob das Lederding prüfend an. Viel konnte auch hier nicht drin sein. Der Deckel hatte zwei Zahlenschlösser, aber sie waren unverriegelt. Lilly ließ sie aufschnappen.

Sie sahen hinein. Papierkram. Ein leeres Brillenetui und ein Ladegerät fürs Handy. Kein Laptop. Von wegen Görenfotos auf einer Festplatte.

Sie mussten wohl noch öfter ran.

Lilly zog die Stirn kraus. »Vielleicht sollten wir es doch eher so machen, wie ich es vorgeschlagen habe.«

»Bewaffnet? À la Bonnie und Clyde?«

Oder wie Meinhof und Baader, dachte Lilly. Den Massen ein Beispiel geben. Das kapitalistische System erschüttern.

»Mit den beiden ist es nicht gut ausgegangen«, sagte Patrick.

»Na und?«, gab Lilly zurück. »Was haben wir schon zu verlieren?«

3.

Als Dominik Roth sein Spiegelbild betrachtete, fragte er sich, warum ausgerechnet er zu denjenigen gehörte, die schon mit Ende zwanzig jeden Tag ein weißes Haar mehr bekamen. Dieses Mal an der Schläfe, er zupfte es aus.

Am Stress bei der Arbeit kann es nicht liegen, dachte er.

Duschen, Tee kochen, das allmorgendliche Müsli mit der Tageszeitung. Aus dem Schlafzimmerschrank zog er ein kurzärmliges Hemd. Der Wetterbericht hatte Sommerhitze vorhergesagt.

Dominik wandte sich an das Foto seiner Frau, das auf dem Nachtkästchen stand. »Weißt du noch, damals, als ich bei der Polizei anfing?«

Natürlich erwartete er nicht, dass Nelly ihm antwortete. Aber er musste ab und zu reden. Auch nach drei Jahren war ihm die Stille in der Wohnung nicht geheuer.

Sein Leben trat auf der Stelle. Es graute ihm davor, zum Präsidium zu fahren.

Karo, die Schreibkraft des KK 21 – Betrug, Glücksspiel und Beamtendelikte –, telefonierte, als Dominik das Geschäftszimmer betrat. Sie winkten sich einen Gruß zu und Dominik schnappte sich die Umlaufmappe. Im Stehen las er, was andere Dienststellen aktuell beschäftigte.

Eine Serie von Einbrüchen in Kaiserswerther Einfamilienhäuser hatte in der Nacht ihre Fortsetzung erfahren. Ein etwa achtzehnjähriger Exhibitionist erschreckte im Zoopark kleine Mädchen. Und aus einer Werkstatt im Stadtteil Eller war ein hundertvierzig Kilo schweres Reifenwuchtgerät gestohlen worden – alle Achtung. In Unterrath hatte ein bewaffneter Mann einen Supermarkt überfallen, war aber ohne Beute abgehauen, nachdem es der um Hilfe schreienden Kassiererin gelungen war, sich in einen Nebenraum einzuschließen. Dominik musste an Nelly denken.

Er legte die Mappe zurück. Alles war spannender als der Kram, mit dem er täglich zu tun hatte. Er leerte sein Eingangsfach.

Karo hatte ihr Telefonat beendet. »Kurt hat gefragt, wann du dein Schießtraining hast.«

»Und, wann ist es?«

»Morgen Nachmittag um vierzehn Uhr. Weißt du doch, Dominik. Hab ich dir auch ins Fach gelegt.«

Kurt Dell war der Dienststellenleiter. Und das Üben mit der Waffe war in letzter Zeit zum Politikum hochgejazzt worden. Eine auflagenstarke Boulevardzeitung hatte herausgefunden, dass einige Beamte nur alle Jubeljahre trainierten. Der Artikel hatte für Wirbel gesorgt. Stress im Ministerium, Druck auf die Behördenleitung, ein Wust an Berichten und Memos und am Ende eine Anordnung: Ausnahmslos jeder Polizeibeamte musste nun alle zwölf Monate einen bestandenen Schießtest nachweisen.

Dominik hatte sich seit der Sache mit Nelly vor dem Schießen gedrückt. Er konnte sich ohnehin nicht vorstellen, wozu er bei seiner derzeitigen Arbeit die Walther P99 benötigen sollte.

In seinem Büro riss er das Fenster auf, um den Mief abziehen zu lassen, den Akten und alte Möbel verströmten. Schon jetzt war es warm. Auf dem Kalenderblatt des Tages stand ein Spruch von Kurt Tucholsky: Es gibt vielerlei Lärm, aber nur eine Stille.

Die musst du erst einmal finden, dachte Dominik. Er ließ den Papierkram auf den Schreibtisch klatschen. Draußen dröhnte ein Bus vorbei, Autos hupten. Dominik schloss das Fenster wieder.

Es klopfte, die Tür ging auf und Kurt streckte seinen verschwitzten, runden Kopf herein. Er zeigte mit dem Finger auf Dominik. »Morgen Nachmittag, ja?«

»Schon gut, Kurt. Ich stell mir vor, das Ziel wärst du, dann treffe ich garantiert.«

Der Dienststellenleiter hob den Daumen und verzog sich wieder.

Dominik kippte den Rest Wasser aus dem Behälter der Espressomaschine auf seine Topfpflanze, die er von seinem Vorgänger übernommen hatte und die wie ein roter Rasierpinsel blühte. Aus dem Vorraum der Toilette holte er frisches Wasser.

Während die Espressomaschine ihr automatisches Spülprogramm absolvierte, überflog Dominik die neuen Anzeigen. Vierzehn Fälle waren es heute. Seit eine Verbrauchersendung des WDR über das Thema berichtet hatte, stieg die Zahl von Tag zu Tag. Die Firmen, um die es ging, trugen klingende Namen à la Glückspartner, Vorteilschance plus, Winneraction 24 oder Jackpot-Oase und schossen aus dem Boden wie Pilze nach einem Sommerregen. Leute in Callcentern verkauften naiven Trotteln am Telefon die Teilnahme an Internetlotterien, ein lukratives Geschäft.

Zocken – die größte Leidenschaft der Menschheit, zumindest kam es Dominik so vor. Das musste in den Genen liegen. Je höher der in Aussicht gestellte Gewinn, desto gründlicher brannten die Sicherungen durch. Ob bei Bankenbossen oder kleinen Rentnern.

Die meisten Anzeigensteller hatten als Anlage die Vertragsbestätigung des Glücksspielanbieters beigeheftet. Voll blumiger Verheißungen: »Eintragung in zweihundert tolle Gewinnspiele«, »täglich die Chance auf eine Million«, »mindestens eintausend Lottytipps im Monat« – was immer ›Lotty‹ auch bedeuten mochte.

Vor allem Bewohner von Seniorenheimen schienen zur Zielgruppe solcher Sprüche zu gehören und natürlich war es fies, die schwindende Urteilskraft einsamer Alter auszunutzen, aber in den Augen der Staatsanwaltschaft lag kein Betrug vor. Zu unkonkret seien die versprochenen Leistungen. Dominik blieb nichts anderes übrig, als in jedem einzelnen Fall den Betroffenen oder ihren Angehörigen zu raten, die Zahlungen zu stoppen und auf Mahnungen oder Inkasso-Drohungen nicht zu reagieren. Vor Gericht zogen diese Firmen erfahrungsgemäß nicht.

Noch vor wenigen Monaten wären all diese Briefe unbeantwortet im Papierkorb gelandet. Doch eines Tages hatte der Innenminister das Thema Verbraucherschutz für sich entdeckt. Es war wie immer: Medieninteresse, ein Politiker, der Punkte sammeln wollte, und die Polizeibehörden mussten es ausbaden. In diesem beschissenen Fall: Dominik Roth.

Wie sollte er einer Frau, die er kennenlernte, seinen Beruf erklären? Ich arbeite in einem Kommissariat, das für Betrugsfälle zuständig ist, sammle Anzeigen, die zu nichts führen, vertröste die Bürger mit Formbriefen und tippe Statistiken, die im Keller des Innenministeriums vergammeln … Klang das etwa sexy?

Die Sonne begann, sein Büro aufzuheizen. Dominik zog an der Strippe der Jalousie, doch in der Mitte hingen ein paar Lamellen schief und klemmten.

Er kehrte an seinen Tisch zurück. Als letztes Blatt im Stapel fand Dominik die schriftliche Bestätigung seines Termins im Schießstand.

Mittwoch, also morgen, um vierzehn Uhr.

Dominik streckte die Hand aus. Kein Zittern. Auch keine plötzliche Übelkeit beim Gedanken an die Ereignisse vor drei Jahren. Allenfalls ein geringfügig beschleunigter Puls.

Weil Dominik damals beschlossen hatte, dass er nie wieder in die Situation geraten wollte, schießen zu müssen, hatte er den Wach- und Wechseldienst quittiert und war bei der Kripo und den Betrügern gelandet.

Ihm war klar, dass er an der Schießübung nicht vorbeikam. Er musste sie bestehen, denn falls er durchfiel, würde er die Waffe abgeben müssen. Die Folge wäre eine Untersuchung seiner Polizeidiensttauglichkeit. Man würde ihn nicht gleich entlassen, aber in die Verwaltung versetzen. Grauenhafte Vorstellung. Als Alternative bliebe Urban Ermittlungen – der Chef der aufstrebenden Detektei war sein ehemaliger Partner. Aber wollte er auf Dauer dort landen?

Dunkel erinnerte sich Dominik daran, was ihn einst bewogen hatte, sich für den Polizeidienst zu bewerben: Arbeit tun, die ihm sinnvoll vorkam.

Wenn er wenigstens ab und zu in einer Mordkommission mitarbeiten könnte. Oft verlangte ein komplexer Fall mehr Kräfte, als dem KK 11 gerade zur Verfügung standen. Dominik besuchte regelmäßig einschlägige Fortbildungen und zählte zum MK-Pool, zumindest auf dem Papier. Bislang hatte man ihn jedoch erst ein einziges Mal angefordert.

Ich muss endlich wieder Tritt fassen, dachte Dominik.

4.

Hanna Kaul nannte es den Deal-Modus. Sie war bis zum Äußersten angespannt. High, als hätte man ihr eine Adrenalininfusion gelegt.

Seit Wochen arbeitete Hanna an der Strukturierung eines Milliardenkredits, der den Kunden, die Mitteldeutsche Kali AG in Göttingen, derzeit Nummer fünf auf dem Weltmarkt, in die Lage versetzen sollte, den US-Mitbewerber Potassium Global Corp. zu übernehmen – und damit zur Nummer zwei aufzusteigen. Lutz, Hannas Teamchef, der sie bislang stets ausgebremst hatte, war in Urlaub. Zum ersten Mal in ihrer Karriere hatte sie die Chance, ein Bankensyndikat zu führen, statt nur mitzuschwimmen, sich dabei einen Namen zu machen und nebenher einen guten Bonus einzufahren. Sie war zweiunddreißig. Höchste Zeit, auf sich aufmerksam zu machen, wie sie fand. Sie durfte nur keinen Fehler begehen.

Mehrere Bieter waren scharf auf den US-Konzern, trotz der anhaltenden Krise auf dem Kalimarkt. Die Vorteile einer Übernahme lagen auf der Hand: verbesserte Marktposition, Vervollständigung der Produktpalette, Synergien in Produktion, Vertrieb und Logistik – wer jetzt nicht aktiv wurde, konnte selbst unter die Räder geraten.

Wieder eine E-Mail: Die Mitteldeutsche Kali AG bat um günstigere Kreditkonditionen. Das Pokern hörte nicht auf.

Hanna überlegte, welchen Spielraum sie noch hatte. Gab sie nach, würde die RheinBank zu wenig an der Fusion verdienen. Blieb sie stur, drohte ein kaltblütigerer Konkurrent das Mandat der Mitteldeutschen zu gewinnen. Wie Hanna es auch drehte und wendete, sie balancierte auf schmalem Grat, zumal das Risiko bestand, dass sich der Kunde mit dem Firmenzukauf überhob. Nach Hannas Berechnungen würde das Targetunternehmen genügend Profit abwerfen, um aus dem Cashflow die Kreditkosten zu stemmen. Aber wer konnte für die Erfüllung aller Planungen garantieren? Ein fauler Milliardenkredit wäre fatal für die RheinBank und das von ihr geführte Konsortium, selbst wenn ein Kali-Konzern als Sicherheit zufiel – im Worst Case war dieses Pfand schon morgen deutlich weniger wert und bescherte massive Ausfälle.

Das Telefon schrillte.

»Hanna Kaul, RheinBank AG, Structured Corporate Finance.«

»Hi, Hanni!« Britta, ihre ältere Schwester.

Für die hatte sie jetzt wirklich keine Zeit.

»Ich ruf an wegen …« Die Verbindung war schlecht, Hanna verstand nur Bruchstücke. »… Leonie …«

»Britta, wo steckst du? Ich hör dich kaum.«

»… Bescheid geben …«

»Du, Britta, entschuldige, aber lass uns heute Abend telefonieren. Ich bin gerade ziemlich im Stress.«

Aus dem Hörer kam nur noch Knistern und Knacken, Hanna legte auf. Sie blickte auf das gerahmte Urlaubsfoto neben dem Telefon: Nebel über Reisfeldern, bewaldete Hügel, der Himmel hellblau und rosa. Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise war sie nach Nordthailand gefahren, um in Yogakursen zu lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ihre Drei-Sekunden-Meditation: Sich in die Landschaft versenken …

Gedanken freiräumen …

Ruhe finden …

Hanna griff nach dem Dossier und schlug noch einmal die Key Facts nach: Umsatz, Ergebnis vor Zinsen und Steuern, Brutto-Cashflow. Investitionen und Abschreibungen. Working Capital, Personalaufwand, EBIT-Marge und Enterprise Value. Return on Investment, Value Added. Und: Restrukurierung, Workout, Kreditabschreibung. Zum Teil kannte sie die Zahlen bereits auswendig.

Auch mit der technischen Seite hatte sich Hanna vertraut gemacht: Heißverlösung, Flotation, Elektrostatik, Trocknung und Granulierung. Und sie hatte die Geschäftsprognosen der einzelnen Produktsparten studiert: Steinsalz, Sylvin, Carnallit und Kieserit. Spezialdünger, Mehrstoffdünger, Pflanzenschutz- und –pflegemittel. Speise-, Gewerbe-, Industrie- sowie Auftausalze – Bombenumsätze im deutschen Winter.

Hanna Kaul, die Kali-und-Salz-Koryphäe.

Kein Zweifel: Potassium Global und Mitteldeutsche waren gesund. Es gab keine versteckten Risiken. Vor allem die Landwirtschaft der Schwellenländer brauchte in zunehmendem Maß die Düngemittel der Kaliindustrie. Der Megatrend sprach für die Branche, auch wenn der Weltmarkt derzeit noch schwächelte. Die RheinBank konnte mit dem geplanten Großkredit nur gewinnen.

Ihr Monitor zeigte den Eingang einer neuen E-Mail an. Absender war Martin, ein Kollege, der ihr bei dem Deal half. Hanna ignorierte die Nachricht. Martin war ein Zweifler, der stets Schwachpunkte zu entdecken meinte. Einen maroden Maschinenpark, unflexible Lieferverträge, Tarifstreitigkeiten. Die Gutachten der Anwälte und Wirtschaftsberater hatten ihn jedes Mal widerlegt. Dass deren Berichte noch nicht vollständig vorlagen, machte Martin nervös.

Damit half er ihr nicht weiter, Hanna musste die Anfrage aus Göttingen in der nächsten Stunde beantworten. Jederzeit konnte eine andere Bank das Mandat erhalten oder ein Konkurrent der Mitteldeutschen zuschlagen.

Hanna rief einen Juristen von Smith-Dudley an, einer Wirtschaftskanzlei, die weltweit für die RheinBank tätig war. Während der Anwalt sich meldete, traf die nächste E-Mail ein, die Hanna nicht ignorieren konnte: Abteilungsleiter Ahrendt erwartete sie zu einem Meeting in fünf Minuten.

Auch das noch. Hatte Martin den Alten mit seinen Zweifeln angesteckt?

Während der Smith-Dudley-Anwalt über Unterschiede zwischen deutschem und amerikanischem Unternehmensrecht dozierte, klemmte Hanna den Hörer zwischen Ohr und Schulter, um die Unterlagen einzusammeln, die sie für das Gespräch mit ihrem Chef brauchen würde.

Ein leises Tuten zeigte an, dass ein zweiter Anrufer in der Leitung wartete. Weil der Anwalt ihr offensichtlich nicht weiterhelfen konnte, würgte Hanna ihn ab – und bereute es im nächsten Moment.

»Endlich ist der Empfang gut«, tönte Britta aufgekratzt aus dem Hörer.

»Hör zu, Schwesterherz …«

Britta plapperte einfach weiter. »Du weißt doch, Jan und ich fliegen morgen in aller Herrgottsfrühe, und du wolltest Leonie solange zu dir nehmen. Sag mir, wann wir vorbeikommen können. Leonie sitzt neben mir. Ich habe auf Mithören gestellt.«

»Hallo, Tantchen!«, krähte das Mädchen aus dem Hintergrund.

Auch das noch. Hanna hatte die Sache völlig verdrängt. Für die meisten Menschen begann jetzt die Ferienzeit. Britta, Lehrerin und alleinerziehende Mutter, wollte mit ihrem neuen Lover einen romantischen Kurztrip nach Venedig unternehmen und Leonie währenddessen bei ihrer Tante parken. Hanna liebte ihre Nichte, auch wenn sie derzeit in einem schwierigen Alter war. Und sie gönnte ihrer Schwester das Liebesglück. Aber Britta kam damit im denkbar schlechtesten Augenblick. Hanna überlegte, wie sie die beiden noch abwimmeln konnte.

»Oder hast du uns etwa vergessen?«, fragte Britta – nur halb im Scherz.

»Nein, nein. Hallo, Leonie. Ein andermal würde ich mich sehr freuen, aber im Moment komme ich vor Mitternacht nicht nach Hause.«

»Du lässt dich zu sehr ausbeuten von deiner Bank, Hanni!«

»Ich bin nun mal keine Beamtin.«

»Hör zu, wir kriegen das schon hin. Ich hab ja deinen Zweitschlüssel. Du musst dich um gar nichts kümmern. Leonie kocht dir etwas Leckeres zum Abendessen.«

»Pizza!«, rief das Mädchen dazwischen.

Hanna seufzte. »Nicht nötig. Wie gesagt, es wird Mitternacht.«

»Danke Schwesterherz, ich wusste, dass ich auf dich zählen kann.«

»Bis später, Tantchen!«, ergänzte Leonie.

Hanna betrachtete den Hörer, dann legte sie ebenfalls auf. Warum habe ich mich nicht durchgesetzt?

Und schon klingelte das Telefon erneut.

Diesmal kontrollierte sie das Display. Eine Nummer mit Göttinger Vorwahl. Der Kunde.

Schnell ein Blick auf das Foto: Nebel, Hügel, Sonnenaufgang. Ruhe und Ordnung der Gedanken.

Hanna holte tief Luft und schaltete die Synapsen ihres Gehirns wieder auf Kalimärkte und Kreditkonditionen.

Dr. Schmidt, Finanzvorstand der Mitteldeutschen Kali AG, war höchstpersönlich in der Leitung. Hanna mochte Schmidts Stimme. Sie war voller Selbstbewusstsein und Verlässlichkeit.

Doch nun klang der Mann wie verwandelt. »Haben Sie unsere Mails bekommen?«

»Ich schreibe gerade die Antwort.«

»Über Industriekontakte habe ich eben erfahren, dass die Chinesen ihr Angebot erhöht haben, weil auch sie in den USA Fuß fassen wollen. Sie müssen uns wirklich helfen, Frau Kaul.«

»Inwiefern?«

»Wir brauchen dringend einhundert Millionen mehr, um mitzuhalten! Die RheinBank …«

Hanna unterbrach: »Bei aller Freundschaft, Herr Dr. Schmidt, aber das sprengt Ihre Verschuldungsfähigkeit. Ich sehe nicht, wie Sie die Rückzahlung innerhalb der Kreditlaufzeit darstellen könnten.«

»Dann will ich mit Ihrem Chef reden!«

»Von ihm bekommen Sie höchstens zu hören, dass ich Ihnen schon viel zu weit entgegengekommen bin. Ich habe den Fall intern bereits mehrfach verteidigen müssen.«

»Hören Sie, wenn wir die momentane Wachstumschance nicht wahrnehmen, kann es eng für uns werden, angesichts der weltweiten Absatzprobleme.«

»Bitte? Und wie war das mit dem ›Megatrend‹? Laut Ihren Expertisen springt die Konjunktur im Düngemittelsektor doch wieder an!«

»Ja, ganz sicher. Es scheint sich nur zeitlich ein wenig nach hinten … Aber auch wenn es nicht ganz so schnell geht, wie von den Volkswirten erwartet, als Nummer zwei weltweit werden wir …«

»Nicht so schnell – was heißt das?«

»Wir müssen die Amerikaner schlucken, sonst werden wir geschluckt. Denken Sie an die Arbeitsplätze in den deutschen Bergwerken!«

Heuchler, dachte Hanna. Du hast nur deinen Vorstandsposten im Kopf. Hanna versuchte, ruhig zu bleiben. Ihr war klar geworden: Die anderen Banken waren abgesprungen. Nur sie ging noch mit. Sonst würde Schmidt anders auftreten.

»Sie wollen also den Gesamtkredit um einhundert Millionen aufstocken, einfach so?«

»Einhundertzwölf, um exakt zu sein.«

»Die Summe ist nicht das Hauptproblem.«

»Sondern?«

»Wir werden die Provisionen anheben müssen. Und den Zinssatz.«

»Frau Kaul, Sie dürfen die Geschichte für uns nicht noch teurer werden lassen!«

»Einen Moment.« Hanna legte den Hörer weg und zählte leise bis fünf. Der Kali-Fuzzi sollte zappeln. Jetzt brauchte er die RheinBank mehr als umgekehrt.

Sie hob den Hörer wieder ans Ohr und bemühte sich um die entscheidende Portion Selbstbewusstsein in ihrer Stimme. »Okay. Weil Sie es sind und weil wir den Vertrag schon so gut wie perfekt haben: Ich bin bereit, unseren Gremien die Erhöhung vorzulegen. Morgen Mittag trifft sich unser Gesamtvorstand. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass wir die Zustimmung bekommen und dann auch noch so schnell, wie Sie das wünschen. Was die Sache einfacher machen würde, wäre eine Structuring Fee, über die wir in einem Side Letter zum eigentlichen Vertrag Einigung erzielen sollten. Und die Provision sollte nicht weniger als einhundertzwanzig Basispunkte betragen – on top.«

»Ich dachte …«

»Wir können das Geld nicht drucken. Und wir müssen dem Bankenkonsortium etwas bieten, damit es mitzieht.«

»Eins Komma zwo Prozent?«

»Dafür könnte ich den Zinssatz stabil halten. Keine andere Bank bietet Ihnen das so günstig. Nicht für diesen Kreditrahmen. Nicht bei dieser Unsicherheit am Markt.«

»Zusätzlich zu dem, was wir beredet haben?«

»Richtig.«

»Sagen wir … einhundert Basispunkte?«

Fast hätte Hanna laut gelacht. »Hundertfünfzehn. Das letzte Wort.«

»Hundertzehn?«

»Nein.«

»Kommen Sie, treffen wir uns in der Mitte.«

»Nein, unmöglich.«

Stille in der Leitung. Hanna knabberte an ihrer Unterlippe. Ihr war trotz der Klimaanlage heiß geworden, aber sie wusste, dass es dem Mann am anderen Ende nicht besser ging.

»Okay«, sagte Schmidt, fast tonlos.

Bingo!

Hanna nahm ihre Unterlagen und machte sich auf den Weg zu ihrem Abteilungsleiter.

Deal-Modus: Sie hatte die Mitteldeutsche Kali AG im Griff.

Sie hatte die Welt im Griff.

5.

Lothar Mierscheid kontrollierte den Sitz seiner blau-rot gestreiften Krawatte. Gleich würde er vor dem Deutschen Bundestag reden.

Von seinem Platz in der hintersten Reihe überblickte er weitgehend verwaiste Bänke. Mierscheid schätzte die Zahl der anwesenden Kolleginnen und Kollegen auf schlappe fünf Prozent der gewählten Volksvertreter – wenn nach den Reden von Regierungsmitgliedern und Fraktionschefs die Kamerateams abzogen, büßte das Parlament seinen Rang als Verhandlungsort der gesellschaftlichen Interessen schlagartig ein. Und auch Mierscheid hätte sich jetzt lieber mit einem seiner Freunde aus der Finanzwelt zum Schnitzelessen im Borchardt getroffen.

Siebzehnte Wahlperiode, 124. Sitzung, erste Beratung des dritten Ergänzungsgesetzes zur Finanzmarktstabilisierung, eingebracht von den Fraktionen der schwarz-gelben Koalition. Mierscheid mochte Berlin auch nach neun Jahren nicht. Aber Reden zu halten und Parteilinien zu vertreten war vermutlich das, was er am besten konnte.

Er holte sein Handy hervor und las noch einmal die beiden SMS-Nachrichten, wegen derer er sich auf die Rednerliste hatte setzen lassen. Die erste stammte von Helmut Frantzen, Kommunikationschef und Mitglied des Vorstands der Düsseldorfer RheinBank AG: Versäumen Sie es bitte nicht, im Plenum unseren Standpunkt einzubringen.

Immerhin hatte er ›bitte‹ geschrieben.

Und dann die Aufforderung von Paula Busch, Berliner Repräsentantin der Deutschen Börse AG: Lieber Lothar, misch dich ein. Erinnerst du dich noch an früher?

Dass Frantzen ihn kontaktierte, war Mierscheid gewohnt.

Aber Paula? Es musste dreizehn Jahre her sein, dass sie zuletzt ein längeres Wort miteinander gewechselt hatten.

Mierscheids Vorredner, Nothbeck von den Sozis, appellierte mal wieder an die gesellschaftliche Verantwortung der Besitzenden und fand kein Ende. Seit Jahren die gleiche Leier: Wer vom Boom des Finanzsektors profitiert habe, solle auch für die Kosten aufkommen, die durch das Platzen der Blase entstanden seien. Als wäre die Krise nicht Schnee von gestern.

Nothbecks Gesten wirkten, als habe er sie noch zu Zeiten der Großen Koalition von der Kanzlerin abgekupfert: die sanfte Faust, das Fingerzelt, die halbe Segnung.

Endlich spärlicher Applaus, der SPD-Mann sammelte seine Zettel vom Pult und die Vizepräsidentin rief den nächsten Redner auf.

Lothar Mierscheid, CDU, Abgeordneter des Wahlkreises Neuss eins, Rheinland. Mitglied des Finanzausschusses, eines der vierzehn, die seine Fraktion stellte. Mierscheid ließ sich Zeit auf dem Weg zum Pult, nahm zuerst einen Schluck aus dem Wasserglas und blickte über die mit blauem Stoff bezogenen Stuhlreihen. Weniger als dreißig Abgeordnete waren jetzt noch im Saal – die Frage, ob das Ganze noch als Demokratie durchging, stellte sich Mierscheid schon lange nicht mehr.

»Meine Damen und Herren, wer in der jetzigen Situation Zweifel an der Redlichkeit und Effizienz der deutschen Finanzwirtschaft sät, um die Bürgerinnen und Bürger aus parteitaktischem Kalkül zu verunsichern, handelt gewissenlos und schadet unserem Land!«

Mierscheid spulte seine Sprüche ab, ein Manuskript hatte er für solche Beiträge noch nie gebraucht. Er gab Nothbeck Kontra und mimte den unverdrossenen Marktliberalen, als hätte die Finanzkrise nicht auch seine Weltsicht ins Wanken gebracht. Er sprach sich gegen jede Regulierung aus – Aufsichtsräte und Aktionäre wüssten am besten, was gut für ihre Unternehmen sei. Und auch er versuchte sich an den Gesten der Kanzlerin: So groß ist der Fisch – mit gegenläufigem Wackeln der beiden Hände.

Wieder einmal fühlte sich Mierscheid als Schauspieler in einem Stück, das anderswo geschrieben wurde. Aber immerhin stimmte die Gage.

»Ich kann nur davor warnen, über das Ziel hinauszuschießen. Jeder Alleingang würde Deutschland als Finanzstandort nachhaltig beschädigen. Aktionismus führt ins wirtschaftliche Abseits und tötet den Aufschwung!«

Ein paar Fraktionskollegen klopften zustimmend auf ihre Tische, ohne den Blick aus ihren Zeitungen zu heben.

Mierscheid sah hinüber zur Regierungsbank, wo Staatssekretär Malte Lichtenberg fast allein die Stellung hielt. Mierscheid gingen Paulas Worte nicht aus dem Sinn: Erinnerst du dich noch an früher?

Die Neunziger: Im Orts- und Kreisverband der CDU hatte sich Mierscheid durch rebellische Reden gegen Helmut Kohl hervorgetan. Die Partei sei vom Mief zu befreien und in die Zukunft zu führen – was hatte er sich aufgeregt, als der Alte sich weigerte, seine Spender offenzulegen! Noch weiter zurück, die Achtziger: Abi und Studium, Öko-Flausen im Kopf. Gemeinsam mit Malte hatte er Krötenzäune gebaut und die Viecher zur Laichzeit in Eimern über die Landstraße getragen.

Heute bedeutete Krötenwanderung auch für Mierscheid, möglichst viele Euros auf das eigene Konto abzuzweigen.

Er fing Maltes Blick auf. Der drahtige Mann, der früher sein bester Freund gewesen war, wirkte müde, fast lethargisch. Malte Lichtenberg, siebenundvierzig Jahre alt, beamteter Staatssekretär im Finanzministerium, galt bei den meisten als Wunderknabe der Regierungskoalition, nicht nur bis zum Banken-Crash von 2008. Obwohl Lichtenberg der SPD angehörte, hatte man ihn nach der letzten Bundestagswahl auf dem Posten behalten, da sich die Geldwirtschaft für ihn stark gemacht hatte. Er hatte die Münchner Hypo Estate verstaatlicht, einen Immobilienfinanzierer, der kurzzeitig sogar gleichauf mit Deutscher Bank und RheinBank zum Dax-Konzern aufgestiegen war, und damit einen weit größeren Zusammenbruch verhindert – zumindest hatten sich sämtliche Beteiligte auf diese Sprachregelung verständigt.

Schlappe einhundertdreißig Milliarden hatte Malte Lichtenbergs Coup die Steuerzahler bislang gekostet. Grüne und Linkspartei witterten darin einen Skandal. Ein Untersuchungsausschuss stand bevor und Mierscheid legte Frantzens Nachricht dahin gehend aus, dass er auch dazu etwas sagen sollte.

Versäumen Sie es bitte nicht, unseren Standpunkt einzubringen – immerhin zählte die RheinBank AG zu den Profiteuren der damaligen MHE-Rettung und hatte kein Interesse, Lichtenberg zu opfern. Und damit stand auch fest, was Mierscheid vertreten würde.

Als Finanzpolitiker war er den großen Bankinstituten der Republik, vor allem des Rheinlands, ohnehin eng verbunden. Zudem gehörte er nicht nur dem Beirat der RheinBank-Stiftung an, sondern auch dem Kommunalen Gesprächskreis Nordrhein sowie dem Kuratorium Strukturpolitische Fragen – allesamt Gremien, die am Tropf des großen Geldkonzerns hingen, üppig dotierte Posten. Man kennt sich, man hilft sich.

Ebenso klar war ihm, welches Interesse Paula verfolgte. In der Neusser Clique war sie der strahlende Mittelpunkt gewesen, sie hatte jedes Herz erobert. Natürlich hatte sich auch Mierscheid in diesen Engel verliebt. Doch dann heuerte Malte Lichtenberg als junger Referent im Bundesfinanzministerium an und Paula folgte ihm nach Berlin. In Mierscheids Augen hatte sie sich eindeutig für den Falschen entschieden.

Vier Jahre später schickte die CDU des Kreises Neuss ihren neuen Hoffnungsträger Lothar Mierscheid in die Hauptstadt. Wir haben alle unseren Weg gemacht, dachte Mierscheid. Malte verfolgte an der Wilhelmstraße seine Karriere, Paula war Lobbyistin geworden und schrieb an sämtlichen Gesetzen mit, die zur Liberalisierung der Kapitalmärkte beschlossen wurden – nicht nur privat galten die beiden als gutes Team.

Lieber Lothar …

Mierscheid rückte die Mikros noch einmal zurecht und hob die Stimme: »Dieser famose Untersuchungsausschuss ist nur ein weiteres, durchsichtiges Wahlkampfmanöver! Im besten Fall ein teurer Nachhilfeunterricht für die Kolleginnen und Kollegen der Opposition. Aber wie ich Sie kenne, meine Damen und Herren, werden Sie auch daraus nichts lernen!«

Applaus und Gelächter aus den Reihen der Koalition. Ein Blick zur Regierungsbank – Staatssekretär Lichtenberg stierte vor sich hin und zeigte keine Regung.

6.

Mierscheid eilte durch den Tunnel zum Paul-Löbe-Haus, wo im fünften Stock sein Büro lag. Es ärgerte ihn, dass die Kollegen während seines Auftritts in der Zeitung gelesen hatten. Er fand, dass die meisten Leute ihn als Redner unterschätzten, zumindest jenseits der Schützenfeste von Neuss, Dormagen und Grevenbroich.

Vor den Aufzügen traf er Volker Paschke, Parteifreund und Fraktionskollege, sein Wahlkreis befand sich irgendwo im Ruhrgebiet. Wie Mierscheid war Paschke jemand, der im Hintergrund die Strippen zog, wenn auch für andere Interessensgruppen.

»Ich rechne mit dir«, sagte Paschke mit ausgestrecktem Zeigefinger.

»Zählst du mal wieder deine Schäfchen?«

»Wenn es in der Fraktionssitzung zum Showdown kommt, müssen wir vorbereitet sein.«

»Geht’s um unsere strahlende Zukunft?«

Mit einem hellen Signalton glitt die Tür der Kabine auf. Sie betraten den Lift und drückten unterschiedliche Knöpfe.

»Sag bloß nicht, du fällst auch schon um!«

Paschke war ein Mann der Stromindustrie. Seit der Katastrophe in Japan standen die ältesten deutschen Kernkraftwerke still und wurden auf ihre Haltbarkeit hin abgeklopft. Das sogenannte Moratorium als Abklingbecken für die Ängste der Wähler – und trotzdem war die Wahl in Baden-Württemberg für die Partei in die Hose gegangen. Die vier großen Energiekonzerne drängten darauf, ein paar der Atommeiler wieder anwerfen zu können. Sie waren abgeschrieben und wahre Gelddruckmaschinen, zumal für den Müll und etwaige Unfallschäden die Steuerzahler aufkommen mussten.

Es gärte in der Unionsfraktion. Einigen Kollegen ging das Moratorium noch nicht weit genug. Sie predigten den Atomausstieg, um bei den nächsten Landtagswahlen nicht noch mehr Prozente an Rot-Grün zu verlieren. Zu den Ausstiegsbefürwortern zählte angeblich auch der Umweltminister – an dessen Stuhl sägte Paschke am eifrigsten. Auf welche Seite sich die Kanzlerin schlagen würde, war noch unklar.

Mierscheid hatte einst einen Pakt mit Paschke geschlossen. Folgte der Kollege ihm in Fragen der Finanzpolitik, so hob Mierscheid sein Händchen für Paschkes Energievorschläge. Aber insgeheim musste Mierscheid zugeben, dass die Havarie von Fukushima sein Meinungsbild ähnlich erschüttert hatte wie seinerzeit der Crash auf den Finanzmärkten.

Vierter Stock, Paschke musste raus. Gerunzelte Stirn, bohrender Blick.

»Also, kann ich mit dir rechnen, Lothar?«

Mierscheid nickte. »Weißt du doch.«

Er öffnete die Tür zum Büro seines Referenten, ein kleines Kabuff, das vermutlich einmal als Teeküche geplant gewesen war. Der Junge hieß mit Vornamen Clemens, war blass und beunruhigend untergewichtig, aber ein schlaues Kerlchen – er hatte bereits mit Anfang zwanzig sein Studium der Politikwissenschaft mit besten Noten beendet. Zudem war sein Onkel der bedeutendste Landmaschinenhändler im Kreis Neuss und unterstützte Mierscheids Wahlkämpfe mit großzügigen Zuwendungen.

»Ich habe die Rede mitgeschnitten«, erklärte der Junge.

»Gut, dann formulierst du jetzt daraus eine Pressemeldung. Schreib auf: Überschrift, Lothar Mierscheid, Doppelpunkt, deutsche Finanzinstitute auf gutem Weg. Forderung nach Regulierung beschädigt den Aufschwung der Wirtschaft. Und so weiter.«

Clemens starrte seinen Chef an, ohne etwas zu notieren.

»Das kriegst du doch hin, oder?«, fragte Mierscheid.

»Aber meinen Sie nicht, man sollte …«

»Was denn, Clemens?«

»Wenn … Na ja, wenn die Politik die Banken gewähren lässt, ist die nächste Krise doch programmiert. Die großen Geldinstitute sollten zerlegt werden! Trennung von Kundengeschäft und Investmentbereich, das fordern alle unabhängigen Experten. So groß, wie die wichtigen Banken jetzt sind, kann jede einzelne von ihnen den Staat erpressen, weil sie als systemrelevant gilt und niemals pleite gehen darf!«

Mierscheid zweifelte am Verstand seines Referenten. Unabhängige Experten – wo gab es denn so etwas? Er starrte zurück.

Der Junge machte sich an die Arbeit. Na also.

»Und nimm den Satz, in dem ich vor nationalen Alleingängen warne, als wörtliches Zitat und schick die Erklärung über den großen Verteiler raus. Die Wähler zu Hause sollen wissen, dass sich ihr Abgeordneter einsetzt.«

Der Referent seufzte. Mierscheid ignorierte es.

In seinem Zimmer öffnete er die Klappe des Sideboards unter dem gerahmten Sankt-Quirinus-Stich und holte den achtzehn Jahre alten Châteauneuf-du-Pape heraus. Er kredenzte sich ein Glas und nahm es mit an seinen Schreibtisch.

Er hängte das Sakko über die Stuhllehne, legte die Füße hoch, um den Kreislauf zu beruhigen, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann wählte er die Nummer des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbands, ließ sich mit dem Geschäftsführer verbinden und gab ihm die gewünschte Zusage für eine kleine Rede im Hinterzimmer des Café Einstein in der nächsten Woche. Die Banker aus dem Rheinland spendierten sich und ausgewählten Journalisten einen Berlintrip inklusive eines Treffens mit dem Fraktionsvorsitzenden der Union. Auch das würde Mierscheid organisieren – und der Verband sich mit einem dicken Umschlag bei ihm revanchieren.

»Stimmt es, dass die Kanzlerin mit der Börsenumsatzsteuer liebäugelt?«, erkundigte sich der Mann aus der Heimat nun.

»Ach was. Nach den kommenden Landtagswahlen wird davon keine Rede mehr sein.«

Der Verbandsfuzzi war zufrieden.

Mierscheid lockerte seinen Krawattenknoten, nahm einen weiteren Schluck vom Rotwein und rief den Neuss-Grevenbroicher Anzeiger an, um sicherzugehen, dass Clemens die Presseerklärung nicht umsonst verschickte.

Der Chefredakteur versprach eine halbe Seite – auf das Lokalblatt war Verlass.

Schließlich sortierte Mierscheid den Packen Post auf seinem Tisch. Die Einladungen für den Abend interessierten ihn am meisten.

Feines Papier, geprägte Firmenlogos, persönliche Anrede. Es waren Kleinigkeiten, aber sie machten Mierscheid das Leben im Hauptstadtalltag erträglich.

Der Energiekonzern Vattenfall veranstaltete eine Vernissage in Diekmanns Austernbar, wo eine namhafte Fernsehtussi aus ihrem Buch über den ›Kulturverfall in der Politik‹ lesen würde – bei den Treffs des Stromerzeugers ging es stets um das Schöne, Gute, Wahre. Mierscheid fragte sich, ob er schon wieder Volker Paschke begegnen wollte, dem Strippenzieher der Atomlobby.

Doch er liebte Austern.

Der Verband der Automobilindustrie lud zur Vorpremiere von La Traviata in die Staatsoper Unter den Linden ein. Immer noch ein Dankeschön für die Abwrackprämie – wer wusste schon, ob sie nicht bald wieder nötig würde. In der Oper träfe Mierscheid garantiert mehr Abgeordnete als im Plenarsaal. Allerdings hinterher vielleicht auch die scharfe Sopranistin, die als Violetta angekündigt war.

Verdi gefiel ihm ebenfalls.

Und schließlich der Wilhelm-Noske-Preis. Alljährlich eine hässliche Statue für eine ›gesellschaftspolitische Leistung, die Horizonte öffnet‹, wie es im Hochglanzfaltblatt hieß. Preisträger und Laudatoren waren meist Schauspieler, Popsternchen und Exkanzler – die übliche Prominenz, mit der sich Veranstalter gern schmückten.

Mierscheid hasste langweilige Lobreden.

Aber den Wilhelm-Noske-Preis verlieh die Deutsche Börse AG. Und deren Vertreterin in der Bundeshauptstadt hieß Paula Busch.

Das Telefon schrillte, Soltau war dran, einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden von CDU/CSU. Mierscheid stellte sich das Gesicht des Kollegen vor: schmallippig, blassblaue Augen, von hoher Stirn bekrönt.

Soltau klang noch mürrischer als sonst. »Wir suchen einen Obmann für den neuen Untersuchungsausschuss und …«

»Der Ausschuss beginnt am Montag – und ihr habt noch keinen Obmann?«

»Wir haben … äh … wir haben an dich gedacht, Lothar.«

Mierscheid war überrascht. Obmann zu sein war etwas für Leute, die nach Höherem strebten. Mierscheid wirkte lieber im Hintergrund. Und Soltau gehörte nicht gerade zu seinen Freunden – irgendwo war da ein Haken.

»Machst du’s?«, wollte Soltau wissen.

»Ich dachte, Katholiken aus Nordrhein-Westfalen gelten derzeit als überrepräsentiert.«

»Spielt keine Rolle.«

»Soll ich etwa die Wahrheit über Lichtenberg und die Münchener Hypo Estate aufdecken?«

»Bitte?«

»Nur ein Scherz.«

»Pass auf, Lothar: Es gibt einen Deal mit der SPD. Wir unterstützen nicht nur Malte Lichtenberg, sondern schonen auch seinen damaligen Chef aus Zeiten der Großen Koalition. Im Gegenzug werden die Sozis darauf verzichten, die Kanzlerin vor den Ausschuss zu zerren. Das käme so kurz vor den nächsten Wahlen nicht gut rüber. Noch eine Pleite wie in Baden-Württemberg kann sich die Partei nicht leisten.«

»Und wieso ich?«

»Das musst du die Kanzlerin fragen.«

»Ach, die Kanzlerin höchstpersönlich?«

»Angeblich ist dein Name auf dem Geburtstagsdinner gefallen, das sie für Dingendorff von der RheinBank ausrichten ließ.«

Parteifreund Soltau hält nichts von meiner Berufung, hörte Mierscheid heraus.

»Also, machst du’s?«, fragte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende noch einmal barsch.

Mierscheid versprach, darüber nachzudenken.

7.

»Und wir werden viel Spaß miteinander haben, Leonie!«

Was will der Typ?

Scheiße, ich bin gefangen! Ein Eisenring um mein Handgelenk. Eine verdammte Kette. Das andere Ende ist eingemauert. Ich zerre daran. Mein Herz pocht, mein Kopf droht zu explodieren. Vor meinen Augen flimmert es. Ich schnappe nach Luft und trotzdem ist mir, als müsste ich ersticken.

Der Mann reagiert nicht im Geringsten. Er packt Lebensmittel in einen Kühlschrank. Äpfel, Joghurt, Mineralwasser. Dann hält er etwas hoch, um es mir zu zeigen.

Es gelingt mir, den Blick scharf zu stellen.

Woher weiß der Kerl, dass ich Müsliriegel mit Honig-Cranberry-Erdnuss-Füllung mag? Ich schreie aus vollem Hals. Das Schwein soll mich losmachen, sofort!

Er strahlt mich an wie ein neues Auto oder etwas, was man sich ganz arg zu Weihnachten gewünscht und tatsächlich gekriegt hat.

Mama, Tante Hanni, holt mich hier raus!

In meinem Leben hatte ich noch nie so große Angst.

8.

In der Komischen Oper an der Behrenstraße herrschte Eingangskontrolle wie bei einem Staatsbesuch, aber immerhin gab es keine Schlange mehr – die Gala mit der Preisverleihung hatte längst begonnen.

Mierscheid ließ die Abtast-Prozedur über sich ergehen und eilte auf dem weinroten Teppich der Freitreppe nach oben, wo er ein zweites Mal seine Einladung vorzeigen musste.

Dann atmete er tief durch und betrat den Saal.

Vorn, unter den Scheinwerfern, leuchteten Blumengebinde und ein goldenes Pult. Der Redner – war das nicht Steinmeier? An der Bühnenrückwand die Projektion einer rotierenden Preisstatue, dazu das Logo der Deutschen Börse AG und ein Schriftzug: Visionen und Vorbilder, Wilhelm-Noske-Preis 2011.

Ein rascher Blick ins Programmheft: Michail Gorbatschow, EU-Kommissionspräsident Barroso sowie ein Fußballspieler aus München erhielten heute den Preis für das Öffnen von Horizonten. Der Saal war gut gefüllt. Mierscheid blickte auf hochtoupierte Mähnen und perlenbehängte Hälse, auf Anzugschultern voller Schuppen. Hinter ihm ragten zwei Ränge empor, doch die Gesichter dort konnte er im Dunkeln nicht erkennen.

Irgendwo war Paula.

Und vermutlich war auch Malte hier.