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Jacques Berndorf

 

 

Eifel-Liebe

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Originalausgabe © 2002 by GRAFIT Verlag GmbH

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

korrigiert nach den neuen Regeln deutscher Rechtschreibung

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagillustration: Peter Bucker

eISBN 978-3-89425-815-3

Jacques Berndorf – Pseudonym des Journalisten Michael Preute – wurde 1936 in Duisburg geboren und lebt heute in der Eifel. Er war viele Jahre als Journalist tätig, arbeitete unter anderem für den stern und den Spiegel, bis er sich ganz dem Krimischreiben widmete.

Seine Siggi-Baumeister-Geschichten haben Kultstatus, im Grafit Verlag sind erschienen: Eifel-Blues, Eifel-Gold, Eifel-Filz, Eifel-Schnee, Eifel-Feuer, Eifel-Rallye, Eifel-Jagd, Eifel-Sturm, Eifel-Müll, Eifel-Wasser, Eifel-Liebe, Eifel-Träume und Eifel-Kreuz.

Für meine Frau Geli.

Für Monika und Ralf, auf dass die Buchhandlung und der Verlag blühen.

Für Wolfgang Menzel zum 60. – und alle die, die er zu einem lächelnden Leben braucht.

Und die ganze Breite des Lebens für Ille und Pit!

 

You can get it if you really want

 

(amerikanische Ansicht)

 

 

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Ich hatte bisher immer angenommen, die Logik sei eine universale Waffe, und jetzt musste ich plötzlich erkennen, dass ihre Kraft und Gültigkeit davon abhängt, wie man sie einsetzt und gebraucht. Andererseits hatte mich das Zusammensein mit meinem Meister gelehrt (und sollte mich in den nächsten Tagen noch immer besser lehren), dass die Logik zu mancherlei Dingen nützlich sein kann, sofern man sie nur im rechten Moment beiseite lässt …

 

Umberto Eco, Der Name der Rose

Inhalt

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ERSTES KAPITEL

 

Ich wurde wach und wusste sofort, dass es regnete. Das Wasser singt auf den Blättern der Bäume ein ganz eigenes Lied, die Morgenjubilate der Vögel sind verhalten, klingen nach einem leicht melancholischen Piano. Zuweilen kam eine Bö und warf den Regen heftig gegen das schräg gestellte Fenster über meinem Kopf. Ich weigerte mich, die Augen zu öffnen, lauschte in die Welt hinein und fühlte mich hervorragend, locker, leicht und windschlüpfrig. Diese Sekunden des Glücks waren kurz.

Ich hegte immer schon den Verdacht, dass die beiden Kater im Garten es hören, wenn ich die Augen aufschlage. Sofort beginnt ihr aufdringliches Lied vom drohenden Hungertod. Auch mein Hund musste den Hauch vom Stoffknistern meines Kopfkissens wahrgenommen haben. Er begann, zögernd und leise zuerst, dann hoch und grell zu jaulen, während er in schneller werdendem Rhythmus an der Tür kratzte.

Landleben hat etwas archaisch Schönes.

Ich linste vorsichtig zum Wecker, es war acht Uhr. Prompt sprang das Radio an und lärmte hinaus in meine stille Welt. Thomas Nettelmann sprach die Nachrichten auf SWR 1 und er sprach sie beneidenswert wach. Da hatte es unser aller Bundeskanzler doch tatsächlich übers Herz gebracht, den Verteidigungsminister zu feuern. Zeit seines Amtes hatte der hartnäckig wie ein preußischer Gartenschlauch operiert, der sich ohne Wasserdruck bemüht, aufrecht zu stehen.

Das war eine gute Nachricht. Die Skandälchen in deutscher Politik haben immer etwas vom Ambiente der Gartenzwerge. Zweifellos würde der Geschasste behaupten, die Deutschen seien noch nicht reif für einen Mann wie ihn. Glücklicherweise kam der Redakteur von SWR 1 dann auf die Idee, eine Nummer vom alten Satchmo anzubieten: die Edelschnulze What a wonderful world. Aber nicht die Standardnummer, sondern die, in der der Drummer einen Latinrhythmus unterlegt und der alte Haudegen so klingt wie eine Harley-Davidson im Standgas. Das ist richtig schön und macht die Welt weich.

Ich stand auf und öffnete die Schlafzimmertür, woraufhin mein Hund Cisco Anlauf nahm und im Bett landete. Diesen Moment genießt er jedes Mal wie einen endgültigen Kick. Anschließend wühlte er sich unter mein Kopfkissen, vielleicht weil das so schön roch, und kam zum Erliegen.

»Hund«, sagte ich, »es gibt ein Häppchen.«

Ich zog den Bademantel über und befand mich auf der dritten Stufe ins Erdgeschoss, als er mir japsend ins Kreuz flog. Wir haben so unsere Rituale.

In der Küche bekam Cisco das versprochene Häppchen, dann füllte ich die Schüsseln der Kater mit Industriefutter und stellte sie auf die Terrasse. Ich nahm zwei Hand voll Koi-Sticks für die Gartenteichbewohner und strich frohgemut und leicht beschürzt durch mein bescheidenes Biotop. Als ich, so grell ich konnte, pfiff, kamen sie alle, dreißig oder vierzig, ich hatte es aufgegeben, sie zu zählen. Zuweilen schwimmen im Hochsommer fünfzig bis sechzig Babyfische im Flachwasser, was darauf hindeutet, dass die Viecher Liebe machten. Die Regel aber ist, dass die Kleinen von heute auf morgen wieder verschwinden, vermutlich weil die Eltern sie zum Fressen gern haben.

Plötzlich begriff ich, aus welchem Grund ich so eine unverschämt gute Laune hatte. Ich war allein, ich hatte das Haus und den Garten ganz allein für mich. Ein seltsam beglückender Zustand. Meine Gefährtin Vera war zum Landeskriminalamt nach Mainz gefahren, weil ihre Vorgesetzten sie angerufen und irgendeinen dringlichen Umstand für ihre Teilnahme an einer Konferenz geltend gemacht hatten. Vermutlich wollten sie ihr trotz ihres Urlaubsjahres irgendeine Ehrenaufgabe anhängen. Behörden sind so.

Das Haus meiner Freunde Emma und Rodenstock in Heyroth war fertig gebaut, ein Traum in der Mischung ›aus Alt mach Neu‹. Seltsamerweise hielten sie sich jedoch nach wie vor meistens bei mir in Brück auf. Vielleicht war es Gewohnheit, vielleicht war es die Sehnsucht, in mir so etwas wie einen Freund und Sohn zu haben. Warum, zum Teufel, hatten sie eigentlich nicht einfach einen vergrößerten Wintergarten an mein Haus gebaut?

Wie auch immer, die beiden waren weit fort, in den USA. Irgendwo abseits von Washington im Shenondoah Valley zur Beerdigung einer der siebenundvierzig hochbetagten US-Tanten von Emma. Emmas Familie ist eine gewaltige, tratschreiche, kosmopolitische Mischpoke.

So konnte ich, nackt und schmutzige Wirtinnenverse grölend, Billard auf dem Dachboden spielen. Ich konnte laut Heine rezitieren oder vielleicht Hamlets Monolog. Ich konnte, o Wunder, in jeden Raum meines Hauses grußlos und ohne zu klopfen hineinstürmen und brauchte nicht zu befürchten, auf irgendeine Person zu stoßen, die sich möglicherweise gestört fühlte. Ich konnte … ich konnte tatsächlich alles tun, ohne auf Widerstand zu stoßen. Welch ein Fest für meine ausgetrockneten Sinne!

Wenn man vom Teufel spricht – mein Handy schrillte, ich ließ mich auf einem Gartenstuhl nieder, der etwas geschützt vor dem Regen stand, zog mir züchtig den Bademantel über die Blöße und sagte brav: »Krematorium, Ofen vier.«

»Hei, Alter!«, brüllte Rodenstock, als stünde er neben mir. »Wir wollten uns nur kurz melden. Wir feiern immer noch Tante Hannahs Abgang. Und es gibt eine Menge netter Menschen hier. Meine Frau stellt mich dauernd mit den Worten vor: Das ist mein letzter Mann!« Er kicherte.

»Ihr müsst doch, ihr … Es ist bei euch mitten in der Nacht«, sagte ich zaghaft.

»Das ist richtig. Aber ich sagte schon, wir feiern noch ein bisschen. Was macht die Eifel? Ist da noch Leben?«

Er musste betrunken sein. Immer wenn er mich mit ›Alter‹ anredete, war er betrunken.

»Hier ist nichts los.«

»Na, nicht schlimm«, grölte er. »Warte mal, meine Frau will noch mit dir reden.«

Drei Sekunden Hörerübergabe.

»Baumeister, Schätzchen«, kam Emmas Stimme über den Großen Teich und klang nach sechzig holländischen Zigarillos. »Wie geht es dir? Nein, antworte nicht. Es geht dir schlecht, weil du allein bist.«

»Wieso das? Ich feiere meinen Freiheitstag. Du hast mit Vera telefoniert?«

»Richtig, Schätzchen. Also, mein Mann …«, jetzt kicherte auch sie. »Mit dem mache ich richtig Staat. Meine Leute hier sagen, er wäre eine himmlische Mischung aus dem alten Kontinent, aus erstklassiger Bildung und englischem Gentleman. Und sie können nicht fassen, dass er ein Bulle ist. Die Frauen sagen alle, er wäre richtig süß. Wenn ich ihm das verrate, schmeißt er mit dem Ming-Porzellan. Na ja, Tante Hannah hat es ja jetzt endlich geschafft. Wurde auch irgendwie Zeit. Sie war ja schon über neunzig. Und die rechte Hüfte machte nicht mehr mit und immer brauchte sie wen, der den Rollstuhl schob. Nun hat sie sich einfach verabschiedet. Gießt du auch immer die Blumen in Heyroth?«

»Ja, Emma.«

»Das ist fein. Weißt du, man denkt ja bei Beerdigungen immer über das Leben nach. Und ich finde, dass wir dich haben, ist sehr schön.« Sie schniefte. Mit Sicherheit war auch sie angeheitert. »Ach, Baumeister, Schätzchen, wie vermissen wir dich. Bei der nächsten Beerdigung musst du unbedingt mitkommen. Meine Leute werden sicher auch dich heiß und innig lieben. Du holst uns doch in Frankfurt ab?«

»Aber klar. Wisst ihr schon, wann?«

»Nein, morgen früh steht ja noch die Testamentsverlesung aus. Tante Hannah hatte ziemlich viel an den Füßen, weißt du. Und dann muss ich meinen Mann unbedingt noch einem anderen Teil meiner Mischpoke vorführen. Soll ich dir etwas mitbringen?«

»Ja, eine Harley-Davidson, bitte, und eine ganz große Tüte dieser furchtbaren amerikanischen Freiheit.«

»Erbschleicher!«, schimpfte Emma und brach das Gespräch ab.

Ich hatte trotz des Bademantels einen eiskalten Hintern bekommen und verzog mich schleunigst in mein Haus. Als ich im heißen Wasser in der Badewanne saß und meinen verwandtenfreien Tag plante, meldete sich Vera aus Mainz. Sie war im Gegensatz zu den Amerikanern nüchtern.

»Baumeister, ich habe hier noch eine Weile zu tun. Wie geht es dir? Und liebst du mich noch?«

»Gut. Eben habe ich mit Emma gesprochen. Sie versaufen das Fell der alten Tante Hannah und sind gut drauf. Was wollen sie denn von dir?«

»Das ist eine etwas längere Geschichte«, erwiderte sie zögerlich. »Ich erzähle sie dir später. Ich muss jetzt noch mal ins Office. Es geht um den Jahresrückblick, weißt du?«

»Aha«, sagte ich, weil mir sonst nichts einfiel. »Ruf mich an, bevor du einfliegst.«

»Das mache ich, Baumeister, das mache ich.«

Endlich grölte ich: »Frau Wirtin hat auch einen Schmiiiied …« Von irgendwoher tauchte mein Hund auf und stellte sich mit beiden Vorderläufen auf den Badewannenrand. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, zu mir ins Wasser zu hüpfen.

Schließlich legte er sich auf die Matte vor der Wanne und spielte beleidigt. Das kann er meisterhaft.

Ein wenig später ging ich frisch wie der junge Tag und gut gekleidet nach unten und setzte mir einen Kaffee auf, wobei ich mich fragte, wie ich eigentlich bis dahin ohne Kaffee überlebt hatte. Der erste Becher war noch nicht zur Hälfte geleert, als die alte Frau kam.

Sie kam zu Fuß, nicht mit irgendeinem Auto, was mich erstaunte, denn der Eifler erscheint grundsätzlich mit seinem Auto, vielleicht noch mit einem Truck oder einem Schlepper, ein Moped kommt auch vor. Aber niemals zu Fuß. Zu Fuß kommen sie nur zu Beerdigungen.

Die alte Dame kam also zu Fuß, war klein und mit einem Gesicht gesegnet, das voller Misstrauen schien. So als ob sie Böses von mir gehört hätte. Vor dem linken Wohnzimmerfenster machte sie Halt, nahm eine kleine schwarze Handtasche in beide Hände, zog eine Brille daraus hervor, setzte sie sich auf die Nase, entfaltete einen Zettel, starrte auf meine Hausnummer und schien dann zufrieden. Sie verschwand aus meinem Blickfeld und schellte.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, was ich dachte: Sie sammelt – Kleider für Sibirien, für die Waisenbetreuung der katholischen Landfrauen, für eine Patenpfarrei in Timbuktu, Jugendheime in Rumänien, was wusste ich.

Ich öffnete die Haustür.

»Das ist aber gut«, begann sie mit höchst energischer Stimme. »Man weiß ja nie, ob Sie für unsereinen überhaupt zu sprechen sind. Sind Sie dieser Journalist?«

»Bin ich«, nickte ich freundlich. »Was kann ich für Sie tun?«

Sie lächelte leicht. »Hier draußen geht das aber nicht.«

Sie war fein angezogen, schwarze Stoffe, glänzende, solide Schuhe, eindeutig von guter Qualität. Ihre Augen waren ruhig und gelassen in einem Gesicht voller Falten, die wie Strahlen um diese Augen gruppiert waren, so als habe ein schlechter Grafiker nachgeholfen.

»Selbstverständlich«, sagte ich. »Kommen Sie herein. Gleich links. Wie ist es mit einem Kaffee? Gerade frisch.«

»Das wäre schön«, sagte sie und ging an mir vorbei ins Wohnzimmer. »Das dauert nämlich eine Weile.«

»Aha«, murmelte ich und spazierte in die Küche, um alles zu holen, was wir zum Kaffeetrinken brauchten.

»Es geht nämlich um ein Geschäft«, sagte sie weiter in einem Ton, als sei ausgerechnet das ja nun selbstverständlich.

»Aha«, sagte ich wieder und goss ihr ein. »Milch, Zucker?«

»Eine Winzigkeit Zucker.« Sie sah sich um. »Viele Bücher und Bilder hier.«

Ich löffelte ihr die gewünschte Winzigkeit Zucker in ihren Kaffee und gab mir den Anschein von leichter Strenge. »Wer ich bin, wissen Sie anscheinend. Aber wer sind Sie?«

Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt, die kleine schwarze Handtasche akkurat neben sich auf der Sitzfläche. Jetzt griff sie danach und drehte sie in ihrem Schoß. »Ja, richtig«, sie lächelte flüchtig über sich selbst. »Ich bin die Oma Ohler.«

»Das ist schön für Sie. Und wer, bitte, ist Oma Ohler?«

»Nun, ich«, entgegnete sie und drehte weiter ihre Beruhigungspille, die kleine schwarze Handtasche. Dann musste sie lachen und wirkte einen Moment lang wie Pippi Langstrumpf. »Ach Gott! Ach Gott!«

»Sie können mit mir reden wie mit einem kranken Pferd.« Ich mochte sie, was immer sie wollte.

Sie stellte die Handtasche neben sich. »Also, ich fang mal von vorne an.«

»Das ist gut«, sagte ich und stopfte mir die Saturnia von Savinelli, die durch ihre Massigkeit signalisierte, ich sei ein netter, gemütlicher älterer Kerl.

»Mein Name ist Gertrud Ohler, ich bin achtundsiebzig. Ich komme aus Meerfeld. Das ist …«

»Ich kenne das«, sagte ich.

»Ja, gut. Mein Bruder hat mich hierher gefahren. Ich habe gedacht, ich melde mich nicht telefonisch an, weil ich gedacht habe, dann sagen Sie Nein. Weil, Sie sind wahrscheinlich sehr beschäftigt.«

»Wo ist denn Ihr Bruder? Sitzt der in einer Kneipe beim Bier?«

»O nein, so einer ist der nicht. Der wartet unten bei der Kirche auf dem Parkplatz. Ich will ihn nicht dabeihaben. Das geht den im Grunde nichts an.«

»Aha, so ist das. Dann legen Sie mal los.«

Sie griff wieder nach der blödsinnigen Handtasche. »Ich mache mir Sorgen.« Sie senkte den Kopf und schluchzte unvermittelt. Sekunden später hatte sie sich wieder im Griff und stellte die Handtasche ab. »Tja, das ist schwer. Nun, wo fange ich an? Oder nein, ich erzähle mal, wie das jetzt ist. Also, die Ehe von meiner Enkelin ist kaputt, sie wohnt jetzt zusammen mit … mit einem anderen Mann in meinem Haus. Ich verstehe das alles nicht. Ich habe die Grundschuld auf mein Haus nicht mehr und brauche mir eigentlich keine Sorgen zu machen. Nur der Junge, der macht mir Sorgen. Der geht daran kaputt, das ist mal sicher. Und Kinsi ist weg und kein Mensch weiß, wo er steckt. Das ist auch noch nie vorgekommen.« Sie schwieg und lächelte unsicher.

»Das klingt nach einer sehr privaten Geschichte, das klingt so, als könnte ich überhaupt nichts für Sie tun. Sie haben einen Haufen Sorgen. Aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen.«

Sie war maßlos enttäuscht, um ihren Mund zuckte es.

Da setzte ich schnell hinzu: »Wer ist denn der Junge, der da kaputtgeht?«

Sie neigte ihren Kopf und antwortete leise: »Rolf, Rolf Hennef heißt er. Wir sagen immer nur Rolli.«

»Wie kommen Sie eigentlich auf mich?«

»Sie haben doch ein Buch geschrieben. ›Wenn du alt wirst in Deutschland‹. Das waren doch Sie. Und da steht drin, dass Sie in Altenheimen nachgeforscht haben, wie es alten Leuten dort geht. Und da habe ich gedacht, dass Sie auch in dieser Sache … na ja, mal nachforschen könnten.«

»Ihre Sache ist aber eine sehr private Sache, eine Familiengeschichte vermutlich. So etwas mache ich grundsätzlich nicht.«

»So!«, stellte sie zornig fest. Die Kinnpartie wurde hart wie bei einem Mann. »Ich dachte ja auch, dass ich das bezahle. Ich meine, Sie müssen ja bezahlt werden. Ich dachte, Sie gucken sich das an und forschen nach und ich zahle Ihnen eintausend auf die Hand. Vorher meinetwegen.«

Ich fühlte mich flüchtig an Philip Marlowe erinnert und musste grinsen. »Ich bin aber kein Privatdetektiv.«

»Tausendfünfhundert«, sagte sie flach, als säßen wir bei einer Partie Poker.

Ich stellte sie mir mit ihrem Sparbuch vor einem Bankschalter vor, wie sie das Geld einpackte. »Oma Ohler, das geht nicht. Ich bekomme Geld von Tagezeitungen und Magazinen, wenn sie etwas von mir drucken. Ich nehme nie privates Geld, ich bin nicht bestechlich, mich kann man nicht kaufen. Was Sie brauchen, ist ein privater Ermittler.«

»Die sind aber teuer!«, warf sie ein. »Ich habe schon rumgefragt.«

Einen Moment wartete ich, ich wollte, dass sie überlegte. »Sie haben Kummer bis zum Hals, nicht wahr?«

Sie nickte und griff statt einer Antwort wieder zu dieser blöden kleinen Handtasche.

»Na gut, erzählen Sie. Fangen Sie mit einer Person an. Ihrer Enkelin zum Beispiel. Die anderen kommen von selbst dazu.«

»So geht es«, murmelte sie. »Also, meine Enkelin ist die Anna, sie ist jetzt zweiunddreißig Jahre alt und Sozialarbeiterin bei der Caritas. Eigentlich hat sie Krankenschwester gelernt. Sie ist die Tochter meiner Tochter. Die heißt Agnes Vaals. Aber das ist nicht wichtig. Anna lernte einen jungen Mann kennen. Bei einer Disco. Das ist der Rolli. Der ist jetzt fünfunddreißig. Er ist ungelernter Maurer, arbeitet aber als Polier. Er ist gut und nett zu mir. Erst lebten die beiden in einer Mietwohnung in Manderscheid. Er arbeitete wie verrückt. Und er unterstützte es, dass die Anna umschulte und Sozialarbeiterin wurde. Sie haben zwei Kinder, einen Sohn, eine Tochter. Sieben und neun Jahre alt. Die ersten Jahre ging alles gut, bis das jetzt vor ein paar Monaten irgendwie knallte, sozusagen explodierte. Ich weiß ja nicht genau, was dahinter steckt, aber …«

»Bitte, in der Reihenfolge bleiben. Wann explodierte das genau und was war das für eine Explosion?«

»Das ist jetzt vielleicht acht, neun Wochen her. Rolli hat einen Chef, das ist der Besitzer der Bauunternehmung, bei der Rolli arbeitet. Der … Nein, halt, ich erzähle es anders. Die ersten Jahre ging das mit den beiden sehr gut, die Kinder sind ganz prächtige Kinder. Dann wurde mir klar, dass die Wohnung in Manderscheid zu klein wurde. Mein Mann ist schon vor fünfzehn Jahren gestorben, ich lebe allein in unserem Haus. Meine Tochter hat mit ihrem Mann auf dem rückwärtigen Teil meines Grundstücks ein Haus gebaut, so blieb die Familie zusammen. Ich hocke da also allein in meinem Haus und denke: Wieso bin ich allein, warum sollen die Kinder nicht hier einziehen? Ist doch Platz genug. Also habe ich mit Rolli geredet, ob sie nicht Lust haben, in mein Haus zu ziehen. Er war begeistert, machte Pläne. Er wollte mein ganzes Haus umbauen, neue Heizung, neue Bäder, all solche Dinge. Mir war das recht. Und ich habe eine Grundschuld auf das Haus aufgenommen. Hundertzwanzigtausend Euro. Rolli legte los. Alles ganz allein. Und jetzt kommt dieser Chef vom Rolli ins Spiel. Der hat die Baufirma und kriegt alles Baumaterial billiger. Rolli konnte alles bei ihm kaufen. Und der Chef machte bei mir die Bauleitung, mit Anna zusammen. Ich fand es von Anfang an komisch, dass Rollis Chef morgens um acht vor der Tür stand und die Anna ihn einließ. Sie hatte oft fast nichts an. Aber ich habe nichts gesagt. Die müssen ja wissen, was sie tun, habe ich gedacht. Heutzutage ist eben alles anders als zu meiner Zeit. Jedenfalls endete das so, dass …«

Ich musste sie stoppen. Sie berichtete tatsächlich von einer miesen privaten Familienkeilerei. »Oma Ohler, genau so ein Fall ist nichts für mich. Noch einmal: Als Journalist kann ich da nicht helfen. Gleich werden Sie erzählen, dass der Chef von Rolli bei Rollis Frau landete …«

»Ja, ja, ja«, unterbrach sie mich hart. »Nicht nur das, er landete in meinem Haus. Und er löste die Grundschuld bei der Bank ein und sagte angeberisch: Oma, das ist doch egal. Für dich ist bis an dein Lebensende gesorgt. Ich kriegte einen Brief, in dem steht, dass ich Wohnrecht habe bis an mein Lebensende und dass er aufkommt für ein Altenheim und die Kosten der Pflege, wenn ich eine brauche.« Oma Ohler sprach voller Zorn.

»Was macht Rolli jetzt?«

»Der hat wieder eine Wohnung in Manderscheid und redet nicht mehr. Mit keinem, nicht mal mit mir. Er geht wie ein Gespenst rum, sagen alle.«

»Was ist mit Anna?«

»Die sagt, es wäre alles schön und in Ordnung und ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Mein Leben lang nicht mehr. Und sie sei glücklich mit dem … mit diesem … Rainer Bliesheim.«

Ich unterbrach erneut: »Der Mann hat sich scheinbar eingekauft, so einfach ist das. Und niemand kann so etwas verbieten.«

»Aber das geht doch nicht! Und ich bin ja deshalb hier, weil dahinter … Da stimmt was nicht. Der Bliesheim gehört doch auch zu der Clique. Und, sicher, er hat eine Baufirma. Aber woher hat er so viel Geld, einfach mal eben so hundertzwanzigtausend Euro hinzublättern? Und außerdem ist Kinsi verschwunden.« Sie hielt sich wieder an ihrer kleinen Handtasche fest.

»Was für eine Clique? Und wer ist Kindi?«

»Nicht Kindi, Kinsi mit s. Das ist einer aus unserem Ort, einer, der vom ganzen Ort durchgefüttert wird.« Sie lächelte leicht. »Der ist wie ein Kind, obwohl er schon zweiundvierzig ist. Jetzt ist er weg.«

Sie schwieg und sah mich erwartungsvoll an, als sei diese Nachricht irgendeine besondere Reaktion wert.

Jeder Journalist kennt eine Menge Leute, die aus ganz alltäglichen Vorfällen unbedingt das große, bedrückende Geheimnis machen wollen, die unbedingt und zwanghaft Unvorstellbares träumen, als bestünde unsere Welt nur aus Betrug und Gefahr. Ich hatte diese Leute scharenweise erlebt und fast keiner hatte wirklich Bedeutsames zu berichten gewusst – aber sie alle litten unter Ängsten. Die Welt dieser alten Frau war zusammengebrochen, nichts stimmte mehr, und ihre Angst und ihre Wut waren verständlich.

»Oma Ohler, zum letzten Mal: Das ist eine höchst private Geschichte. Ihre Enkelin bringt einen neuen Mann ins Haus, der hat viel Geld und kauft Ihr Haus. Zudem sichert er Ihre Zukunft ab. Der Ehemann Rolli rennt wie ein Verirrter durch die Gegend, weil seine kleine Welt kaputtgegangen ist. Das ist privat, verstehen Sie? Da ist nichts herauszufinden. Und jetzt verschwindet noch ein Mann aus Ihrem Dorf und Sie flüstern darüber in geheimnisvollen Andeutungen, obwohl der möglicherweise auf Mallorca am Strand liegt und Tequila schlürft.«

»Der liegt nicht auf Mallorca am Strand, der ist einfach weg!«, giftete sie, stellte das Handtäschchen neben sich und atmete hastig ein und aus. Dann griff sie erneut an: »Es ist doch so, dass Kinsi immer um diesen Bliesheim herum war. Der schenkte ihm zum Beispiel zwei Euro, wenn er auf sein Auto aufpasste, obwohl da gar nichts aufzupassen war. Kinsi schleppte auch die Einkaufstaschen von Anna. Und er saß mit den beiden im Auto, wenn sie irgendwo hinfuhren. Und jetzt ist Kinsi weg, obwohl er eine Freundin in Münstermaifeld hat, verdammte Hacke! Entschuldigung. Wenn ich mich aufrege, fluche ich und das darf man ja nicht. Die Freundin hat gesagt, Kinsi wollte kommen. Das ist jetzt mehr als vierzehn Tage her und Kinsi ist einfach weg. Das ist in zweiundvierzig Jahren nicht passiert. Wieso passiert das jetzt?«

»Ich weiß nicht, warum das jetzt passiert, aber was soll ich tun …«

Sie öffnete das Handtäschchen, nahm ein kleines schwarzes Notizbuch heraus, blätterte darin und sagte dann kühl wie eine Flunder: »Zweitausend auf die Hand.«

Sie kramte weiter in dem Täschchen und zog einen kleinen schwarzen Lederbeutel heraus. Sie entnahm ihm vier Fünfhunderteuroscheine und legte sie vor mich hin. »Es ist nicht so, dass Sie mir was schenken sollen.«

»Es geht nicht um das Geld«, sagte ich knapp. »Stecken Sie es wieder ein. Das, was Sie an Hintergründen wissen wollen, werden Sie selbst herausfinden. Das Geld legen Sie besser für Rollis Kinder zurück. Sie fühlen sich mies. Das kann ich gut verstehen. Gibt es denn keinen Geistlichen im Dorf, mit dem Sie reden können?«

»O nein. Da kriege ich doch nur zu hören, dass unser Herr das alles so gerichtet hat und dass ich Demut üben soll. Ich hatte eine Freundin, die Eva-Maria, die ist nun schon ein paar Jahre tot. Die ist mal zu ihrem Pfarrer gegangen, weil ihr Mann jeden Tag was … was von ihr wollte. Einfach so und nicht mit Liebe. Da hat der Pfarrer gesagt: Gute Frau, der Herrgott hat das so eingerichtet. Wenn dein Mann das jeden Tag haben will, dann musst du demütig schweigen und ihm das geben. Daran ist sie gestorben. Und, stellen Sie sich mal vor, die Eva-Maria war damals schon über fünfzig! Wo kommen wir denn da hin?«

»Das ist eigentlich ein nicht erlaubter Vergleich«, sagte ich sanft, hatte aber keine Hoffnung, dass sie das akzeptierte.

»Ha!«, rief sie prompt. »Ich weiß schon, auch ich soll mich in Demut üben. Will ich aber nicht. Einen eigenen Pfarrer haben wir ja sowieso nicht mehr. Man kennt den ja nicht mehr so gut. Na ja, der Kaplan vielleicht. Das nennt sich jetzt eine Seelsorgeeinheit.«

»Was wollen Sie eigentlich?«

»Ich will, dass Anna wieder vernünftig wird und Rolli zurückholt. Und dass dieser Bliesheim mitsamt seiner Clique verschwindet. Für immer und ewig. Und dass Kinsi wieder auftaucht und …«

»Das alles können Sie vielleicht auch allein schaffen. Treten Sie allen Beteiligten einmal kräftig in den Arsch und vergessen Sie nicht, den Schuh stecken zu lassen. Vielleicht klappt das ja. Privates Kuddelmuddel ist nicht meine Sache. Ihr Geld müssen Sie wieder einstecken.«

Sie nickte betrübt, raffte die Scheine zusammen, steckte sie in den kleinen Beutel und den wiederum in die Handtasche.

»Ich habe es versucht«, sagte sie trocken mit einem breiten Mund. »Nichts für ungut.«

Ich brachte sie zur Tür und sah ihr nach, wie sie davonging. Eine alte, mutige und würdevolle Frau mit viel Kummer und einem Bauch voller Wut.

Sie hatte mich nachdenklich gemacht, ich trödelte herum und dachte darüber nach, wie die alten Eifler wohl mit den neuen gesellschaftlichen Regeln zurechtkommen mochten, die im Grunde keine Regeln waren, nur die stille Übereinkunft, alle alten Regeln brechen zu können.

Im Teich waren drei oder vier Wolken aus Fadenalgen aufgestiegen, um zu blühen.

Ich fischte sie ab und erinnerte mich an meinen Vater, der mich einmal zu einer Pfütze auf einem Feldweg geführt hatte, um mir zu erklären: »Sieh dir diese Fadenalgen an. Man muss sich fragen, wo sie herkommen. Im Sommer wird die Pfütze verschwinden. Die Algen liegen dann vollkommen trocken und nicht mehr erkennbar im Erdreich, sind weg. Aber sie verschwinden nur scheinbar, sie sind wieder da, wenn es regnet.« In der Regel hatte er hinzugefügt: »Die meisten Menschen wissen nichts davon. Gar nichts. Woher auch? Aber es ist wie ein Wunder.«

So war er, mein Alter.

 

Als Oma Ohler mich anrief und triumphierend schnaufte: »Jetzt isser wieder da! Aber er hat sich aufgehängt«, war es mittags ein Uhr, die Sonne hatte sich durchgesetzt.

»Wer hat sich aufgehängt?«

»Na, Kinsi«, entgegnete sie trocken. »Sie können sagen, was Sie wollen, irgendwie passt das nicht.«

»Wo hat er sich denn aufgehängt?«

»In der Scheune vom alten Karl. Der verkauft Heu und Stroh an die Betriebe in Belgien und Holland. Und er lagert das in einer Scheune, eigentlich eher eine Halle. Da soll sich Kinsi aufgehängt haben, so sagen die Leute. Jedenfalls ist er tot. Ich wollte nur Bescheid sagen.« Der letzte Satz war ein feiner Stich gegen den überheblichen Journalisten, der sich angemaßt hatte, nichts zu glauben und nichts wichtig zu nehmen.

»Das ist gar nicht nett«, sagte ich. »Ist die Polizei schon da?«

»O ja. Jetzt warten sie auf einen Arzt oder so. Na ja, wir werden ja sehen, was dabei rauskommt.«

»Danke für die Information«, intonierte ich lahm.

Ich wusste, dass es überhaupt keinen Sinn machen würde, mit mir zu diskutieren. Ich bin hoffnungslos neugierig und Oma Ohlers Bemerkungen waren da wie Benzin im Buschbrand.

Ich versprach meinem Hund, sehr schnell wiederzukommen, aber er zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass er nicht an einer fremden, gänzlich uninteressanten Leiche herumschnüffeln durfte.

Die ewige Baustelle an der zukünftigen Autobahnauffahrt in Dreis, die seit Monaten aus dem betonierten Versprechen einer zukünftigen Unterführung bestand, hielt mich kurz auf. Weiter ging es nach Kradenbach und Rengen, Daun und über die Bundesstraße nach Manderscheid, dann steil rechts hinein in das Tal der Lieser und ihren so unfallträchtigen Kurven und löchrigen Asphalt. In der Anfahrt nach Meerfeld überlegte ich, dass dieses Dorf Vorlage für ein Bilderbuch sein könnte.

Ein Mann, ein gewichtiger, glatzköpfiger, freundlich wirkender Fünfziger, fuhrwerkte mit einem Reisigbesen im Rinnstein vor seinem Häuschen herum.

»Guten Tag. Ich suche die Scheune vom alten Karl. Die …«

»Weiß schon. Wo Kinsi hängt. Da sind Sie richtig. Da vorne bis zum Wendehammer, dann kommt ein Feldweg. Den bis zum Ende, dann links, dann sehen Sie es schon. Ist ja furchtbar, das mit Kinsi.«

»Was war er für ein Typ?«

Der Dicke stützte sich auf den Besenstiel. »Ein bisschen zurückgeblieben, aber ein netter und hilfsbereiter Mensch. Wieso der wohl so was gemacht hat? Meine Frau sagt ja, ich soll da nicht hingehen, weil da schon genug Leute rumstehen.«

»Sie könnten mir den Weg zeigen«, schlug ich aufmunternd vor, weil Macker einander helfen müssen.

Er zeigte sich augenblicklich begeistert, legte den Reisigbesen in den Rinnstein und rannte um mein Auto herum.

»Klar zeige ich dir den Weg. Erst mal geradeaus.« Dabei schnaufte er und schnallte sich an. »Dass Kinsi das getan hat, will mir nicht in den Kopf. Sicher, wollen mal sagen, er war ein bisschen doof. Aber er war immer gut gelaunt. Hast du ihn gekannt?«

»Nein, habe ich nicht. Ich bin von der Presse, ich bin von Berufs wegen neugierig.«

»Ach so«, er wusste nicht, wie er das bewerten sollte. »Na ja. Da oben ist Polizei. Schon seit morgens.«

»Wer hat ihn gefunden?«

»Der alte Karl. Der ist raufgegangen, weil ein Holländer heute Nachmittag Stroh holen wollte. Da vorne rein und dann nach links.«

»War Kinsi beliebt?«

»Ja, war er. Ganz gleich, wer ein Fest machte, Feuerwehr oder Sportverein oder die Junggesellen oder so, immer war er da, immer half er. Zwar hatte er meist keinen Job. Mal hier und da, mal im Wald, mal bei einem Landwirt, aber meistens nix. Das Sozialamt kam für ihn auf. Er konnte kaum schreiben, eigentlich überhaupt nicht. Er war wie ein Kind, weißt du. Da vorne, da kannst du es sehen, da ist es.«

Rechts war eine Wiese, die sich lang über den Hang erstreckte. Darauf befand sich ein großes, geducktes, flaches Gebäude, eine Halle aus Aluminiumfertigteilen. Der Zaun um die Wiese war neu. Es gab eine Durchfahrt zu der Halle, vor der ein paar Trecker und Pkw standen und ein Streifenwagen der Polizei. Zwischen den Fahrzeugen bildeten ein paar Männer eine Gruppe, die nun zu uns hersahen und beobachteten, wie wir ausstiegen. Der Dicke ging gleich zu den Männern rüber.

Im Zaun war eine breite Lücke, die durch ein Gestänge geschlossen werden konnte. Die Lücke bewachte ein Polizist, der sich sichtlich langweilte. Zum Glück kannte ich ihn flüchtig.

»Ist das richtig, hat sich Kinsi hier erhängt?«

Er grinste. »Normalerweise sage ich nicht Nein und nicht Ja. Aber in diesem Fall kann ich sagen: Er hängt da drin an einem Querholm.«

»Und ihr wartet jetzt auf die Beamten der Todesermittlung?«

»Auch richtig. Aber die lassen sich Zeit, weil sie noch einen anderen Fall in Wittlich haben.«

»Wie sieht das aus? Hängt er schon lange da? Er wird ja wohl schon seit Tagen vermisst.«

»Na ja, so wie es aussieht, hängt er da eine Weile. Sie können aber ruhig gucken. Nur nicht fotografieren.«

Darauf erwiderte ich nichts und ging auf die etwa fünfzig Meter entfernte Halle zu.

In das große Tor war eine normale, kleine Tür eingelassen. Sie stand offen. Hinter mir hörte ich das gedämpfte Gemurmel der Männer, links, ein wenig entfernt, jagten sich Eichelhäher in einem Gebüsch. Weit über dem dunklen Schattenriss der Halle kreiste ein Turmfalke in der hellen Sonne und ich überlegte sekundenlang, ob es normal war, dass diese Räuber um diese Nachmittagszeit jagten. Dann tauchte ich in das Dämmerlicht, das sofort derartige Gedanken auslöschte. Immer wenn ich einen Schock erwarte, denke ich über irgendeine Sache nach, die völlig unwesentlich ist.

Kinsis Anblick war kein Schock.

Ich habe mich leidlich kennengelernt. Ich weiß, dass Anblicke grausamer Natur mich weniger schockieren als der Geruch, den sie ausströmen. Es roch nicht neutral, es roch warm nach Heu und Stroh. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, an alte Scheunen mit einem Gewirr an schweren dunkelbraunen Balken, an Glasdachziegeln, vor die Generationen von Spinnen ihre Netze gewirkt haben, an das leise Rascheln von Mäusen.

In das leicht geneigte Dach der Halle waren Lichtbahnen eingelassen, das Auge gewöhnte sich schnell an den Dämmerzustand. Etwa alle sechs Meter waren massive Querträger aus Eisen eingespannt. Kinsi hing am vierten, ziemlich genau in der Mitte der Halle.

Es war leicht zu begreifen, wie er es gemacht hatte. Er war rechts mit einer Leiter auf einen hohen Haufen Strohballen gestiegen, der bis an das Dach reichte. Vorher hatte er die Schlinge gezogen und das andere Ende des Seils über den Träger geworfen. Dann war er – die Schlinge um den Hals – von der Leiter oder direkt vom Stroh aus in die Tiefe gesprungen. Die Leiter stand noch da, als sei es Sekunden vorher passiert.

Ich trat langsam näher.

Kinsi war kein abschreckender Toter, er strahlte so etwas wie Gelassenheit aus. Nicht einmal sein Gesicht war sonderlich verzerrt. Es war das Gesicht eines Mannes, der immer ein jugendlicher, gut aussehender Typ gewesen war. Und dass er lange dort hing, war auch klar, denn der sichtbare Hautton war grau bis braun.

Jemand links von mir sagte gemütlich: »Noch eine Woche und er wäre vollständig mumifiziert gewesen. Dafür sorgt der trockene Luftzug hier drin.«

Der Mann war sehr jung und saß, eine Zigarette rauchend, auf einer umgedrehten Schubkarre. »Sie sind von der Presse, nicht wahr?«

»Ja, ich bin Journalist. Was schätzen Sie, wie lange er hier hängt?«

»Mindestens eine Woche, wahrscheinlich sogar länger. Ich warte auf den Gerichtsmediziner.«

»Ich hörte, dass es einen weiteren Fall in Wittlich gibt.«

»Nicht nur das. In Wittlich handelt es sich um eine Selbsttötung. Aber in Kues ist irgendeine Sexgeschichte mit tödlichem Ausgang passiert. Wieso machen die Leute so was Blödes?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich.

Der Kripomann war schmal und blond und sah höchst intellektuell aus, was wahrscheinlich auf die randlose Brille zurückzuführen war.

»Ich habe mit Leuten aus dem Dorf gesprochen. Sie sagen, dieser Kinsi sei kein Selbstmordkandidat gewesen.«

»Ja, das hörte ich auch«, bestätigte er.

Nach einer Weile fügte er hinzu: »Man steckt nicht drin. Vielleicht war er ja auch besoffen.«

»Möglich«, entgegnete ich lahm. »Darf ich Kinsi fotografieren?«

Er war erstaunt. »Na klar, ich habe nichts dagegen. Aber ist das … ist das nicht irgendwie morbide?«

Ich ging um den Leichnam herum und schoss ein paar Fotos. »Schon. Aber irgendwie ist es auch eine bestimmte Form von Erinnerung, die man nicht mehr schönreden kann. Es zwingt zur Wahrheit, wissen Sie.«

»So habe ich das noch nie gesehen. Sie haben doch eine Freundin, die beim Landeskriminalamt in Mainz ist, nicht wahr? Und Ihr Name ist – Baumeister.«

»Ja. Warum?«

»Nur so«, murmelte er. »Polizistenehen gehen oft kaputt.«

»Man muss daran glauben, dass man eine Chance hat«, sagte ich leichthin. »Eine Chance reicht doch. Das ewige Glück ist eine Erfindung der Dummen. Ich will mal wieder. Sagen Sie mir Bescheid, wenn etwas an dieser Sache faul ist? Oder nein, ich kann ja selbst Ihren Chef Kischkewitz anrufen. Er ist ein alter Freund von mir.«

»Das ist auch so einer, bei dem vielleicht die Ehe kaputtgeht, weil er ständig weg ist und nur noch seinen Job kennt.« Der Mann zuckte zusammen, als habe er etwas zur Sprache gebracht, was mich absolut nichts anging.

»Und Sie haben wahrscheinlich eine Freundin, die heiraten möchte.« Ich grinste.

Er lächelte leicht. »Stimmt«, nickte er. »Ich weiß einfach nicht, wie ich mich entscheiden soll. Ich will noch auf die Polizeihochschule.«

»Versuchen Sie es trotzdem. Wenn Sie es nicht versuchen, fragen Sie sich eines Tages, ob Sie nicht was verkehrt gemacht haben. Machen Sie es gut.« Ich verließ die Halle und war sauer auf mich. Wieso, um Himmels willen, geben wir ständig anderen Menschen Ratschläge, die wir selbst nicht befolgen?

Ich schlenderte über die Wiese zu der Männergruppe. Der Dicke, der seiner Frau entkommen war, bemerkte leutselig, er könne auch zu Fuß zurückkehren, also machte ich mich gemächlich allein auf den Heimweg. Vielleicht war der Rest des Tages für Billard gut und anschließend für ein Video, zum Beispiel Antonias Welt. Gute Filme sind so selten.

Ich war noch unterwegs, als Vera sich schon wieder meldete und mit Kleinmädchenstimme sagte: »Baumeister, es dauert mindestens noch zwei Tage. Ich muss an zwei wichtigen Konferenzen teilnehmen.«

»Aber ja, das macht doch nichts. Keine Eile. Ich fühle mich sauwohl allein. Du musst dich nicht hetzen, lass dir Zeit. Da kommt anscheinend viel Arbeit auf dich zu, oder?«

»Ja«, sagte sie nur. »Gibt es bei dir was Besonderes?«

»Ich habe mir einen Suizidfall angeschaut. Langweilig. Ja, das ist gut für dich, wenn du deinen Kollegen hilfst.«

»Meinst du das wirklich so?«

»Das meine ich wirklich so. Du bist schließlich eine gute Polizistin. Und ich verkomme hier nicht. Wenn du während deines Urlaubsjahres deiner Truppe helfen willst, dann tu das.«

Vor meiner Haustür stand ein Korb. In dem Korb befand sich eine verschlossene Warmhalteschüssel. Maria Latten hatte mir Nudeln mit Gehacktem zugedacht. Gute Nachbarn muss man haben – und wenn die auch noch kochen können, ist es der Himmel.

Oma Ohler und ein Selbstmörder namens Kinsi – vielleicht ein Tag der Kuriositäten.

Und ich bekam es mit einer weiteren Kuriosität zu tun. Etwas musste mit meiner Billardplatte nicht in Ordnung sein, denn Kater Paul lag vor dem Fußende, Satchmo auf der gegenüberliegenden Seite. Beide pressten sich platt auf die Dielen und nur ihre Schwanzenden zuckten vor Nervosität. Cisco lag ebenso platt auf der Sofalehne und betrachtete das Ganze von seinem Feldherrnhügel, als überwache er eine höchst sensible Operation. Es war sehr still.

Ich sagte kein Wort, setzte mich auf einen Stuhl, der an der Längsseite der Platte stand, und starrte gebannt auf das, was zunächst nicht passierte. Weil es ziemlich schnell langweilig wurde, nahm ich den Tabakbeutel und eine 300er-Winslow und stopfte sie betulich. Ich würde sagen, ich machte keinen Lärm, aber beide Katzen sahen mich so an, als litte ich vorübergehend unter einer geistigen Verwirrung. Am vorwurfsvollsten schaute mein Hund.

Ich zündete die Pfeife an, wobei mein Feuerzeug einen geradezu mörderischen Krach machte. Zwischen zwei Zügen hörte ich dann, was Sache war. In meiner Billardplatte rumorte es, ganz ohne Zweifel eine Maus. Nein, es waren zwei Mäuse, es mussten zwei sein, denn es rumorte links und es rumorte rechts. Es gab einen Ausgang links, nämlich das Fach, in das versenkte Kugeln rollten, und es gab einen Ausgang rechts für die weiße Kugel.

Paul bewegte sich. Träge und scheinbar desinteressiert schlich er zu dem einen Fach und stellte sich hoch, um durch das Fenster zu schauen, in dem die bunten Kugeln sichtbar waren. Er kratzte ganz vorsichtig an der Glasplatte, wahrscheinlich um herauszufinden, ob die Mäuse reagierten. Die reagierten nicht, rumorten aber leise weiter in den hölzernen Gängen des Tisches herum.

Es tat sich wieder etwas. Satchmo reckte sich hoch und zog sich geräuschlos in das Fach, in dem die weiße Kugel lag. Das Fach schien bequem, der Kater rückte sich zurecht und blies seinen Atem in einen der Rollwege.

Mir wurde klar: Meine Katzen versuchten, die Mäuse aus dem Tisch zu treiben. Falls die Mäuse klug waren, würden sie sich nicht davon beeindrucken lassen. Aber sie ließen sich davon beeindrucken. Sie bewegten sich offensichtlich nach links auf die Position zu, die Paul ursprünglich eingenommen hatte. Doch der war viel zu gerissen, auf diese Position zurückzuschleichen. Er bewegte keinen Muskel.

Satchmo stieg aus dem Fach der weißen Kugel und machte sich erneut auf dem Boden platt.

Dann plumpste es sanft. Die erste Maus kugelte aus dem einen Fach, schnupperte an den Dielen und wollte sich auf und davon machen. Aber sie hatte keine Chance, Paul war über ihr, als sie noch keine fünfzig Zentimeter zurückgelegt hatte. Er nagelte sie auf der Diele fest und nahm sie dann vorsichtig ins Maul, um ein wenig mit ihr zu spielen.

Aber noch war mindestens eine Maus in dem Kasten und Satchmo lauerte bewegungslos auf das nächste graue Bällchen, das vom Himmel fallen würde.

Weil sich das Mäuschen im Kasten wahrscheinlich langweilte und nicht allein bleiben wollte, plumpste es tatsächlich auch kampflos vor Satchmos Nase aus dem Ablagekasten. Selbst in der Eifel gibt es dämliche Mäuse. Satchmo nahm es gelangweilt in Empfang und legte die rechte Pfote auf das Tierchen.

Dann allerdings wurde es ekelhaft im Katzenprogramm. Beide, Paul und Satchmo, nahmen je eine Maus ins Maul und hüpften elegant auf das grüne Tuch, um mit den Mäusen das letzte und letztlich blutige Spiel zu treiben. Auf meinem wunderbaren, grün leuchtenden Velours.

»Verdammte Scheiße!«, brüllte ich.

Die Kater sahen mich etwas irritiert an, die Mäuse im Maul.

»Runter da, verdammte Hacke! Das ist meine Billardplatte und kein Metzgertisch!«

Da hüpften sie herunter und verschwanden die Treppe hinunter. Mein Hund Cisco lief hinter ihnen her, weil er es wahrscheinlich spannend fand, was sie alles mit den Mäusen anstellten, bevor die notgedrungen ihren Geist aufgaben.

Ich trug Marias Nudeln auf den Dachboden und schob einen Streifen in den Videoplayer. Zu einem kuriosen Tag gehörte ein kurioser Film, daher hatte ich mich für Das fünfte Element entschieden. Ich kam bis zu der Stelle, an der Bruce Willis mehrmals sehr überzeugend »Padabum«, »Padabum« zu der kaum bekleideten Bewohnerin eines fremden Planeten sagt, dann gerieten meine Pläne erneut durcheinander.

Das Telefon schrillte und eine glückselige Emma sagte eine Oktave zu hoch: »Baumeister, ich erbe!«

»Aha!« Mehr fiel mir dazu nicht ein.

»Ja, stell dir das vor! Kein Geld, keine Aktien, keine Staatspapiere oder so ein Pipikram. Mehr so genannte Sachwerte. Rate mal, Baumeister.«

»Emma!«, mahnte ich. »Ich verstehe nichts von Sachwerten. Vielleicht ein Dutzend Einfamilienhäuser oder so was?«

»Viel spannender.«

»Also, ich weiß nicht. Eine Bohrinsel vor Florida?«

»Nein, Baumeister, nein. Einmal darfst du noch.«

»Das Oval Office im Weißen Haus.«

»Du willst mich verhohnepipeln. Nein, es sind sechzehn Autos. Aber nicht irgendwelche Autos, sondern sechzehn Cadillacs. Von 1959 bis 1975, von jedem Jahr einen. Und alle funkelnagelneu. Ich weiß, du glaubst das nicht, aber es stimmt. Damit du es glaubst, gebe ich dir jetzt Rodenstock.«

»Hallo, Baumeister, das ist wirklich wahr«, dröhnte Rodenstock. »Die verblichene Tante Hannah hat sechzehn Jahre lang jedes Jahr den neuesten großen Cadillac gekauft, obwohl sie selbst niemals ein Auto gefahren hat, sie konnte gar nicht wegen der deformierten Hüfte. Jetzt hat meine Frau diese sechzehn Dinger am Bein und freut sich wie ein kleines Kind, obwohl man solche Blechdosen eigentlich nicht fahren sollte. Sie brauchen mehr Sprit als eine mittlere Kleinstadt zur Elektrizitätsgewinnung.«

»Kannst du mir verraten, was ihr mit sechzehn Schaukeln dieser Art in Heyroth machen wollt? Vielleicht für jeden Meter zum Lokus ein neues Auto?«

»Es sind schöne Autos, Baumeister, wirklich schöne Autos. Emma hat bereits entschieden, was damit passiert. Sie bietet sie am Golf von Oman irgendwelchen Scheichs an. Die sind verrückt genug, so was haben zu wollen.«

Ich hatte einige weitere Szenen des Spielfilms angeschaut, als das Telefon sich wieder meldete.

»Kischkewitz!«, giftete der Chef der Wittlicher Mordkommission wie eine Kriegserklärung. »Wie kommt es, dass du bei dem Erhängten namens Kinsi in Meerfeld auftauchst? Der Mann ist doch, verdammt noch mal, ganz unwichtig.«

»Mag ja sein«, sagte ich behutsam. »Aber ich hatte vorher Besuch von Oma Ohler. Und die sagte mir, möglicherweise sei der verschwundene Kinsi ja nicht einfach verschwunden. Als ich dann von seinem Selbstmord hörte, dachte ich, mich laust der Affe!«

»Wer ist Oma Ohler?«

»Ach, die kennst du nicht. Sie ist eine energische, komische, nette Alte.« Ich erzählte ihm kurz von Oma Ohler, soweit das kurz überhaupt möglich war. »Tja, dann rief die alte Dame hier erneut an und sagte so ungefähr: Ätsch! Das war, nachdem sie erfahren hatte, dass man Kinsi in der Scheune entdeckt hat. Und weshalb rufst du jetzt hier an?«

»Na ja, weil du da aufgekreuzt bist. Wenn du irgendwo aufkreuzt, kann man davon ausgehen, dass es sich lohnt, da aufzukreuzen.«

»Willst du dich in mein Hirn einschleichen und mir mitteilen, dass irgendetwas mit Kinsis Tod nicht stimmt?«

»Nein, nein«, erwiderte er schnell. »Das ist es nicht. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Aber ich werde einen meiner Leute zu dieser Oma Ohler schicken. Und sei es auch nur, um jeden Verdacht einer Fremdeinwirkung auszuschließen.«

»Du hast einen neuen Mann, nicht wahr? So ein junger mit intellektueller Brille.«

»Ja, der ist gut«, murmelte Kischkewitz. »Er muss nur darauf trainiert werden, systematischer vorzugehen. Und nicht zu vorschnell zu urteilen. Mach es gut, Baumeister, und höre weiter das Gras wachsen.«

»In diesem Sinne«, sagte ich. »Arbeit hast du ja genug.«

»Stimmt. Eine Selbsttötung in Wittlich, unten an der Mosel eine Schweinerei mit tödlichem Ausgang bei so einem Sexspielchen, dann dein Kinsi in Meerfeld. Und seit zwei Stunden ein erschossener Jungförster bei Duppach, dicht an der belgischen Grenze.«

»Erschossen? Ein Förster? Wilderer?«

»Wilderer wahrscheinlich nicht. Eher schon ein Profi. Der Mann ist in einem Buchenhochwald auf einem breiten, gut ausgebauten Weg mit einem Gewehr aus großer Entfernung direkt in den Kopf geschossen worden. Meine Spezialisten sagen …«

»Was nennst du denn eine große Entfernung?«

»Wollte ich gerade erklären. Sie sind der Meinung, dass nach Art des Geschosses auf ein Gewehr mit Zielfernrohr geschlossen werden kann. Entfernung einhundertfünfzig bis zweihundert Meter. Punktgenau zwischen die Augen. Näheres gibt es erst, wenn das Projektil unter dem Mikroskop war. Der Förster war jung und dynamisch und wollte in sechs Wochen nach Neuseeland auswandern. Er hatte dort schon eine Stelle fest. Er scheint so der Typ Sunnyboy gewesen zu sein, Gegner sind keine festzustellen. Seine Verlobte ist nach der Nachricht durchgeknallt, die musste in die Psychiatrie eingewiesen werden.«

»Wo ist das genau passiert?«

»Erinnerst du dich an das alte Adenauer-Haus? Unterhalb der Ruine in einem schmalen Taleinschnitt steht eine alte Jagdhütte an einem Bach. Einige Meter weiter gibt es ein paar Forellenzuchttümpel. Kannst du folgen?«

»Sehr gut. Bei der Hütte sollte ursprünglich die Stromversorgung für Adenauer eingerichtet werden.«

»Richtig. Nun müssen wir uns fragen, was der Jungförster da wollte. Er war da nicht zuständig. Zuständig war er im Raum Meisburg und Wallenborn und das liegt verdammt viele Kilometer weit weg.«

»Was sagt die Verlobte?«

»Sie hat keinen Schimmer, wie der Junge da hingekommen ist, wo er starb.«

»Wie heißt er?«

»Ach Gott, willst du dir das antun? Na gut, er heißt Klaus Mertes, war achtundzwanzig Jahre alt.«

»Ist er schon in der Pathologie?«

Kischkewitz lachte bitter auf. »Was glaubst du, wie schnell wir mit all dem durchkommen? Der liegt immer noch genau da, wo er gefunden wurde. Die Spurenleute versuchen herauszufinden, von wo aus genau geschossen wurde. Wir hoffen, dass der Schütze die Patrone nicht aufgehoben und eingesteckt hat. Sobald wir den Toten abtransportieren, wird die Spurenlage bekanntlich unklar. Willst du dir das ansehen?«

»Warum nicht? Ich habe in den letzten Stunden bereits eine Verabredung mit einem Toten eingehalten. Wo wohnte dieser junge Mann denn?«

»In Pantenburg. Kennst du das?«

»Klar. Mach es gut.«

Es würde noch mindestens zwei bis drei Stunden hell sein und ich war ohnehin betriebsam. Ich setzte mich in den Wagen und fuhr los. Cisco schaute mir so elendiglich nach, dass ich daran dachte, ihm nachher etwas Leberwurst zukommen zu lassen. Ich nahm die B 410 nach Gerolstein und dann die schmale alte Straße nach Scheuern und Duppach, die kurvenreich, eng und kompliziert an die alten Zeiten gemahnte, als Straßen noch so gebaut werden mussten, wie das Gelände es zuließ.

Ich kam zu spät.