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eISBN 978-3-89425-855-9

Der Autor

Theo Pointner, 1964 geboren in Bochum, lebt in Essen. Er hat Betriebswirtschaft studiert und ist Leiter des Medizin-Controllings eines Krankenhauses im Ruhrgebiet.

Seit 1992 schreibt er Kriminalromane und löst mit Abgesang das furiose Ende des zuletzt erschienenen Highscore auf.

www.theopointner.de

 

Inhalt

Prolog

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Prolog

»… Er kann mit links und kann mit rechts … meistens schießt er mit rechts … wie gegen England … so, genug der Prognosen, hoffentlich trifft er, das ist das einzig Wichtige. Brehme gegen den Elfmetertöter Goycochea … JAAAAAAAAA … Tor für Deutschland, 1:0 durch Andreas Brehme, alles wie gehabt, mit rechts flach ins linke Eck, Goycochea wusste alles, nur halten konnte er ihn nicht. Eine hochverdiente Führung für die deutsche Fußballnationalmannschaft, vier Minuten und vierzig Sekunden vor dem Ende des Spiels. Aber dieser Teufel im argentinischen Tor hatte wieder die Hände dran, das ist ein Elfmeterkiller, muss man sagen. Das hat er natürlich gesehen gegen England, aber platzierter kann ich einen Elfmeter nicht schießen, hart aber präzise …«

Gelangweilt drehte er den ohnehin schon leise gestellten Ton ab und Gerd Rugenbauers Stimme erstarb. Natürlich war es so gekommen, wie er es Thomas und Stephan prophezeit hatte, Deutschland würde das Ding gewinnen, bei den Gauchos fehlte der erste Sturm, und so wie der Kaiser die Deutschen auf Trab gebracht hatte, konnte nichts schiefgehen. Aber es hatte lange gedauert, er hatte schon eine Verlängerung befürchtet. Jetzt war das Spiel entschieden, die letzten Minuten eine uninteressante Zugabe.

Stöhnend wischte er sich den Schweiß von der Stirn, hier in den Zimmern unter dem Dach waren mindestens fünfunddreißig Grad, draußen war es schon seit Tagen tropisch warm. Die Hitze war sogar fast noch schlimmer als in Italien, wo zurzeit die Fußball-WM stattfand. Vater hatte gefragt, warum er die Übertragung denn um Himmels Willen oben in seinem Zimmer sehen wollte und nicht unten beim Rest der Familie, die noch durch den Besuch zweier Onkel und Tanten aufgebläht worden war. Tante Sabine war ja ganz in Ordnung, mit der konnte man sich gut unterhalten, aber Tante Beate, Onkel Karl und Onkel Markus – vor allem Onkel Markus – waren einfach nur die Katastrophe. Behandelten ihn, als wäre er ein Kind, dabei ging er schon in die sechste Klasse, das erste Jahr Gymnasium war gerade vorbei. Da war man doch nun wirklich kein dummes Kind mehr …

Der Schweiß rann aus seinem dichten Haarschopf, und obwohl er nur eine kurze Sporthose trug, klebte ihm diese bereits am Leib. Das Handtuch, mit dem er sich regelmäßig den Schweiß abwischte, war nahezu tropfnass.

Seine Zunge verdorrte am Gaumen, bei Beginn des Spiels hatte er sich nur eine Dose Fanta mitgenommen, die war schon nach zehn Minuten leer gewesen. Seitdem hatte er nichts mehr getrunken. Natürlich hätte er sich Nachschub holen können, in der Halbzeit etwa, aber das hatte er sich nicht getraut. Womöglich hätte seine Familie ihn genötigt, unten zu bleiben und das Spiel im Wohnzimmer weiterzuschauen. Und dann wäre seine einmalige Chance vielleicht vertan gewesen.

Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass das Spiel wieder angepfiffen worden war. Noch knapp vier Minuten, ein bisschen Nachspielzeit, aber die würde nicht ins Gewicht fallen. Fast wünschte er sich, dass die Argentinier noch den Ausgleich erzielten, aber er glaubte nicht daran. Zu harmlos waren sie während der zurückliegenden fünfundachtzig Minuten gewesen, und nun, mit dem kassierten Elfmetertor würden die Schritte noch länger werden. Nein, die WM war entschieden. Er musste sich beeilen.

Er fühlte sich gut, besser jedenfalls als sonst, an normalen Tagen. Wenn er mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Faszination das Verhalten der anderen Kinder in der Schule beobachtete. Wie sie miteinander spielten, lachten oder stritten und er zumeist angewidert danebenstand, spürte er förmlich, wie das Leben an ihm vorbeizog. Dabei bemühte er sich, so zu sein wie seine Klassenkameraden, wie Thomas und Stephan, die während des Unterrichts neben ihm saßen und mit ihm Freundschaft schließen wollten. Inzwischen gelang es ihm recht gut, sich anzupassen und sich so zu benehmen, wie es anscheinend von ihm erwartet wurde. Jedoch musste er bei allem, was er sagte oder tat, erst abwägen, was in der jeweiligen Situation angebracht wäre.

Instinktiv wusste er, dass er anders war, dass er nicht zu den anderen Kindern gehörte und nur ein Geduldeter war, der auf einem schmalen Grat wanderte, von dem er jederzeit abstürzen konnte.

Umso größer war vor etwa einem Monat seine Überraschung gewesen, als er zum ersten Mal am eigenen Leib etwas erlebte, was ihm, aufgrund seiner guten Beobachtungsgabe, bei den anderen als Freude, Anspannung, ja sogar Erregung bekannt war. Natürlich wusste er theoretisch über die Existenz von Gefühlen Bescheid, aber dass die Realität, die bisher in seinem Leben keinen Platz gehabt hatte, so überwältigend sein konnte, hatte er nicht vermutet. Genauso wusste er theoretisch, wie man Auto fuhr, er hatte es bei Vater oft genug beobachtet. Linken Fuß auf die Kupplung, mit rechts Gas geben und bremsen, dazu hin und wieder die Gangschaltung bewegen. Aber saß er deshalb schon selbst hinter dem Steuer? Na bitte.

Hoppel rührte sich kaum noch. Die zusammengebundenen Hinterläufe ragten schlaff und ausgestreckt unter dem Rumpf des Kaninchenkörpers heraus, die ebenfalls verschnürten Vorderläufe scharrten noch ab und zu hektisch auf dem alten, zerfledderten Küchentuch, das er unter das Tier gelegt hatte, damit kein Blut seinen Teppich verschmutzte. Das klägliche Grunzen und die wimmernden Laute aus dem fest mit Packband verknoteten Maul hatten etwa Mitte der zweiten Halbzeit aufgehört. Seitdem schien sich das Tier in sein Schicksal ergeben zu haben.

Das Kaninchen seiner Schwester blutete aus etlichen Wunden, die er dem Tier mit der Spitze eines Küchenmessers zugefügt hatte. Das weiß-braune Fell war rot verschmiert, im ganzen Zimmer hatte sich ein intensiver, kupferhaltiger Geruch ausgebreitet.

Gleich zu Beginn seiner … tierorientierten Versuchsmaßnahme hatte sich sein Herzschlag beschleunigt und am ganzen Körper eine Gänsehaut ausgebreitet. Er verspürte keine Lustgefühle, keine Befriedigung, wenn er nach mehreren Minuten den nächsten Schnitt an dem Kaninchen ansetzte. Er wollte es nicht niedermetzeln, er wollte lediglich ausprobieren, ob sich seine Gefühle steigerten, je vielfältigere Schmerzen er dem Tier zufügte.

Aber genau das passierte nicht. Natürlich war er aufgeregt und er verspürte eine gewisse Vorfreude, doch beide Gefühle wurden weder stärker noch schwächer. Wenn man einen passenden Vergleich dafür suchte, dann wäre diese Erregung ein See, der bei absoluter Windstille spiegelglatt zwischen seinen Ufern liegt; mit ungeahnten Tiefen unter der Oberfläche, die sich in ihrem dunklen, nassen Gefängnis noch nicht bemerkbar machen konnten.

Der Schiedsrichter auf dem Fernsehschirm reckte gerade seinen Daumen in die Höhe. Noch eine Minute.

Countdown, irgendwann geht alles einmal vorbei. In dieser Minute musste er es zu Ende bringen.

Hoppel atmete ganz flach, der geschundene Kaninchenkörper hob und senkte sich bei den Atemzügen nur noch unmerklich.

Jetzt kam es darauf an, ein letzter Versuch blieb ihm noch. Er drehte das Tier auf die Seite und setzte das Messer gut zwei Finger unter dem Maul an die Kehle.

Er erinnerte sich daran, dass er zum ersten Mal diese merkwürdige Reaktion seines Körpers gespürt hatte, als er mit Martin vom Fußball nach Hause gelaufen war. Sie hatten gerade ihre neuesten fußballerischen Heldentaten repetiert, als Martin plötzlich aufgeregt in den Straßengraben gezeigt hatte. Dort hatte eine Katze gelegen, die wohl wenige Minuten zuvor von einem Auto angefahren worden war. Martin war erschrocken stehen geblieben, während er selbst fasziniert näher gekommen war. Die Katze hatte noch gelebt, aber sie sah schlimm aus. Aus dem Mund, aus den Ohren und aus dem After sickerte beständig Blut, der Körper war völlig verdreht, sodass mit Sicherheit auch die Wirbelsäule gebrochen war.

Er war in die Hocke gegangen und hatte irgendwann alles andere um sich herum vergessen. Vor Überraschung hatte er gestöhnt, die Katze hatte noch ein letztes Mal die Augen aufgerissen und war dann erstarrt. Minutenlang hatte er noch bei dem toten Tier gehockt, bis Martin ihn an der Schulter gefasst und weggezogen hatte.

Als er die Klinge nun ansetzte, zuckte Hoppel nur einmal. Beim Schnitt in die Kehle entfuhr seinem Maul ein letztes Grunzen, dann war das Kaninchen endlich erlöst.

Einen Moment hatte er noch abgewartet, ob der Tod des Tieres endlich auch seine Erlösung bringen würde, aber das war nicht der Fall. Er fühlte sich genauso wie zuvor.

Achselzuckend wischte er schließlich das Messer an dem mittlerweile blutgetränkten Küchentuch ab, zerschnitt die Fesseln an den Läufen des Tieres und setzte die Klinge an der Schnur um das Maul an. In dem Moment flog die Tür zu seinem Dachzimmer auf …

1

»Wo liegt sie?«

»Gleich da vorne. Wenn Sie auf Höhe des Streifenwagens ankommen, sehen Sie den Tatort schon.«

Kriminalhauptkommissar Berthold Hofmann nahm seufzend die Pfeife aus dem Mundwinkel und bedachte den Streifenpolizisten mit einem strafenden Blick. »Den Fundort.«

»Bitte?«

»Sie sagten, dass wir dann den Tatort sehen könnten. Im Moment handelt es sich lediglich um den Fundort der Leiche, ob die Person auch dort getötet wurde, wissen wir noch nicht.«

Der uniformierte Beamte lief knallrot an und drehte nervös seine Mütze in den Händen. »Stimmt«, stotterte er. »Sie haben natürlich recht.«

Hofmann nickte gnädig, schlug den Jackenkragen hoch, um sich gegen den unwirtlichen Sprühregen zu schützen, und ging weiter.

»War das wirklich nötig?«, hörte er eine amüsierte Frage hinter sich.

Hofmann blieb stehen und drehte sich um. Der Mann, der sich die ganze Zeit hinter ihm gehalten hatte, konnte gerade noch rechtzeitig stoppen.

»Wie meinen Sie das?«, fragte Hofmann und sah seinen Begleiter überrascht an.

Tobias Gröne wischte sich den leichten Regenfilm von seiner Stirn und entgegnete den Blick seines Vorgesetzten herausfordernd.

»Kommen Sie«, meinte er dann. »Der Junge ist doch gerade mal ein paar Monate bei der Truppe, der lernt das schon noch. Ein kleiner, dezenter Hinweis hätte es auch getan, anstatt ihn gleich abzukanzeln.«

Der Leiter des Bochumer KK 11, des Dezernats für die Bearbeitung von Gewaltdelikten, steckte seine Pfeife wieder in den Mund und runzelte verärgert die Stirn. Der Neue war mit seinen einszweiundachtzig zwar nur einen Hauch größer als er selbst, aber aufgrund seines durchtrainierten Körpers wirkte Gröne um Welten imposanter. Unter den kurzen schwarzen Haaren leuchteten zwei dunkelbraune Augen, der mit einem schmalen Kinnbart umrahmte Mund schien ständig sanft zu lächeln. Hofmann verstand, warum sich mittags in der Kantine schätzungsweise neunzig Prozent der Kolleginnen nach Gröne umdrehten.

»Gerade bei jungen Kollegen«, dozierte Hofmann, Rauchwolken produzierend, »sollte man von Beginn an darauf Obacht geben, dass sie auch bei Details peinlich genau sind. Wenn sich erst mal ein gewisser Schlendrian eingeschlichen hat, dann kriegt man solche Fehler nicht mehr aus ihnen heraus.«

»Was Hänschen nicht lernt …«, murmelte Gröne in seinen Bart und deutete mit dem Kopf über Hofmanns Schulter in Richtung eines Streifenwagens. »Wir werden erwartet, glaube ich.«

Hofmann rührte sich keinen Millimeter. »Finden Sie das etwa nicht?«

»Doch, natürlich. Ich wette, das passiert dem Kollegen nicht noch einmal.«

Hofmann zog erneut tief an seiner Pfeife, nickte und setzte seinen Weg fort.

Der Streifenwagen, den Hofmann ansteuerte, parkte auf einem Brachgelände im Bochumer Norden, unweit der Stadtgrenze zu Herne. Offiziell gehörte das Stück Land zum Volkspark, mit der Bezeichnung konnten allerdings nur die wenigsten Bochumer etwas anfangen. Zum Glück war es Samstag früh, noch vor acht Uhr, und aufgrund des ekligen Wetters gab es kaum Spaziergänger oder andere Schaulustige.

Wie der junge Beamte beschrieben hatte, konnte Hofmann auf Höhe des Streifenwagens in etwa zehn Metern Entfernung grob einen menschlichen Körper ausmachen. Die Leiche lag zur Hälfte unter einem Gebüsch, so als habe sie jemand weggeworfen, weil er ihrer überdrüssig geworden war.

Drei weitere Streifenbeamte schirmten den Fundort gegen Passanten ab, ein Team der Kriminaltechnik war bereits an der Arbeit. Als die Gestalten in den Schutzanzügen den Hauptkommissar entdeckten, grüßten sie flüchtig.

Hofmann nickte zurück. »Habt ihr schon was?«, fragte er in die Runde.

»Nicht den kleinsten Fetzen«, bekam er zur Antwort. »Sie können ruhig näher ran, direkt um die Leiche sind wir fertig.«

Gröne gesellte sich zu seinem Vorgesetzten und holte tief Luft. Er war erst vor zwei Wochen nach Bochum versetzt worden und seine erste Mordermittlung startete genau jetzt.

»Nervös?«, fragte Hofmann.

»Nicht die Spur. Und Sie?«

Ohne ein weiteres Wort ließ der Leiter des KK 11 seine Pfeife von einem Mundwinkel in den anderen wandern und trat näher an die Leiche heran. Er verzog unbewusst das Gesicht.

Der Körper gehörte zu einem jungen Mädchen, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, aber Teenager gingen heutzutage ja oft für älter durch. Die Tote war vollständig bekleidet, was auf den ersten Blick gegen ein Sexualverbrechen sprach. Das Gesicht des Mädchens lag zu drei Vierteln in der Erde, auf dem restlichen, sichtbaren Stück erkannte Hofmann Blutergüsse und verwischtes Blut. An den Handgelenken zeichneten sich deutlich Spuren eines Seils oder eines Stricks ab. Sie war gefesselt worden und hatte vor ihrem Tod mit Sicherheit einige schlimme Stunden durchlitten.

»Verflucht«, murmelte Gröne, der sich knapp einen Meter hinter Hofmann aufhielt. »In der Praxis ist das doch was völlig anderes.«

»Ihre erste Leiche?«, fragte Hofmann, ohne sich umzudrehen.

»Nein, natürlich nicht. Aber bisher musste ich noch nie in so einer Sache ermitteln.«

»Dann sollten Sie Ihre Beklemmungen schnellstens verlieren. Haben Sie die Beschreibung der Vermissten dabei?«

»Was? Ach ja, hier.« Gröne kramte ein DIN-A-4-Blatt aus seiner Jackentasche hervor und reichte es Hofmann.

»Wollen wir doch mal sehen«, murmelte der Hauptkommissar. »Svenja Maslarski, am dreizehnten April fünfzehn Jahre alt geworden, ein Meter achtundsechzig groß, circa fünfundfünfzig Kilo, lange rot gefärbte Haare, graue Augen, Piercing in Nase und Oberlippe. Als sie das letzte Mal gesehen wurde, trug sie ein grünes Männerhemd, einen roten Jeansrock, schwarze Leggins und rote Laufschuhe. Der Beschreibung nach zu urteilen, ist sie das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, meinen Sie nicht?«

»Drei Tage vermisst«, sagte Gröne leise. »Verdammt, Mädchen, wo warst du so lange?«

»Werden wir herausfinden«, erklärte Hofmann selbstbewusst, faltete das Blatt zusammen und gab es Gröne zurück. »Was meinen Sie, wie lange sie schon hier liegt?«

»Maximal seit heute Nacht. Gestern dürften hier genügend Spaziergänger gewesen sein, als es noch nicht regnete. Da wäre sie schon viel früher gefunden worden. Ich denke, der Täter hat sie in den frühen Morgenstunden hier abgeladen.«

»Vermutlich haben Sie recht«, gab Hofmann nickend zurück.

Neben den beiden Männern tauchte einer der Kriminaltechniker auf. Schnaufend zog er sich die Kapuze vom Kopf und fuhr mit den Händen durch seine schweißnassen Haare.

»Ihr solltet sie mal umdrehen«, meinte er leicht keuchend. »Schöne Sauerei da direkt unter ihr.«

Hofmann und Gröne wechselten einen schnellen Blick, dann trat der Neue zur Leiche, fasste sie an der Schulter und drehte sie auf den Rücken.

»Um Himmels Willen«, entfuhr es Hofmann, als er das blutgetränkte Hemd erblickte. »Da hat sich jemand regelrecht an ihr ausgetobt.«

»Ich tippe auf erstochen«, meinte der Kriminaltechniker und kramte ein Behältnis mit einem Asthmaspray hervor, von dem er sich zwei Hübe in den Mund drückte. »Der Stoff ist an einigen Stellen regelrecht zerfetzt, anscheinend hat dieser Irre sich in einen wahren Rausch gemetzelt.«

»Ist der Gerichtsmediziner schon informiert?«

»Klar, müsste jeden Moment kommen. Die Fotos sind auch schon alle fertig. Sobald Sie im Büro sind, haben Sie die Abzüge auf dem Schreibtisch.«

»Gut«, lobte Hofmann. »Reifenspuren oder etwas anderes?«

»Null. Bis jetzt könnte man fast meinen, dass das Mädchen hierhin gebeamt worden ist. An dem Gebüsch ist noch nicht mal der kleinste Ast abgeknickt. Der Mörder wusste anscheinend, wie er keine Spuren hinterlässt.«

»Läuft hier in der Gegend vielleicht ein Serientäter rum, von dem ich noch nichts weiß?«, fragte Gröne.

»Wäre mir neu. Wir haben zurzeit keine einzige Akte offenstehen, die in das Schema hier passt.«

»Ich hoffe, wir müssen uns nicht an derartige Anblicke gewöhnen«, seufzte Gröne.

2

Das Wasser lag so flach da wie eine Glasfläche, nur vereinzelt kräuselten sich ein paar winzige Wellen, wenn ein zarter Windhauch aufkam. Aus dem stahlblauen Himmel brannte die Sonne heiß herunter und die Wasseroberfläche reflektierte das Licht zusätzlich, sodass man keine zwei Sekunden ohne Sonnenbrille auf das Meer blicken konnte.

Die Aussicht von der Nordspitze aus war einfach traumhaft. Von hier aus konnte man meinen, bis zur Nachbarinsel seien es nur ein paar Hundert Meter, die ein geübter Schwimmer ohne Probleme bewältigen könnte. Der Leuchtturm von Amrum bohrte sich wie eine Kerze aus den Dünen, seine schlanke Gestalt war weit und breit das Höchste, was das Auge ausmachen konnte.

Katharina fröstelte trotz der Wärme. Schützend legte sie die Arme um den Oberkörper. Auf ihren sonnenverbrannten Unterarmen hatte sich Gänsehaut gebildet.

Langsam ging sie ein, zwei Schritte zurück und setzte sich auf die Decke, auf der sich ihr Rucksack, ein Buch und eine Kanne mit Tee befanden. Aus dem Rucksack kramte sie eine Strickjacke hervor, als sie hineingeschlüpft war, goss sie sich einen Becher Tee ein. Das Getränk dampfte noch, obwohl sie es schon vor zwei Stunden eingefüllt hatte.

Der Platz hier an der Nordspitze war morgens vor Ankunft der ersten Fähre, die zu dieser Jahreszeit Horden von Touristen ausspie, ein Ruhepol für Katharina geworden. Hier in der Einsamkeit konnte sie ihre Gedanken schweifen lassen, stundenlang im Sand sitzen, mit leerem Blick über das Wasser starren, bis ihr Kopf endlich frei war. Und manchmal, ja, manchmal gelang es ihr nach solchen Tagen sogar, in der Nacht mehr als die inzwischen obligatorischen zwei, maximal drei Stunden Schlaf zu finden.

Einige Windböen kamen auf, vereinzelte Sandkörner wehten unter ihre Sonnenbrille und brachten ihre Augen zum Tränen. Ein paar der Körner hatten es auch zwischen ihre Zähne geschafft.

»Hab ich mir doch gedacht«, grummelte es plötzlich hinter Katharina. »Mädchen, anstatt dich hier in den Dünen zu verstecken, solltest du mit dem Fahrrad über die Hallig strampeln, in die Nordsee springen oder dir meinetwegen einen hinter die Binde kippen.«

»Tu ich doch«, antwortete die Kriminalkommissarin tonlos, rückte ein kleines Stück für den Bären zur Seite. »Ist nur kein Alkohol drin. Den spare ich mir für heute Abend auf.«

Hinnerk Harms verdrehte übertrieben die Augen, wuchtete seine Masse von etwas über zwei Zentnern zu Katharina auf die Decke und schnappte sich die Thermoskanne. Unter seinem feuerroten Haarschopf funkelten zwei dunkle Augen unternehmungslustig, obwohl ein geübter Beobachter darin auch einen gewaltigen Brocken Sorgen entdeckt hätte.

»Spökenkram«, knurrte er, wobei er einen zweiten Becher aus Katharinas Rucksack hervorholte und sich Tee einschenkte. »Kandis hast du nicht dabei?«

Katharina schüttelte wortlos den Kopf und blickte angestrengt auf das Meer. So gern sie den rothaarigen Riesen auch hatte, im Moment stand ihr nicht der Sinn nach einer Unterhaltung.

Die drei Wochen auf der Hallig Hooge waren wie im Flug vergangen. Schon morgen würde sie, nachdem sie mit der Fähre übergesetzt hatte, zurück ins Ruhrgebiet fahren, zurück zu ihrem Job, ihrer Wohnung und zurück zu dem ganzen Scheiß, dem sie am liebsten für immer und ewig entflohen wäre. Am Montag würde sie wieder an ihrem Schreibtisch im Polizeipräsidium Bochum sitzen, dem selbstgefälligen Gehabe ihres neuen Chefs Berthold Hofmann ausgeliefert sein, der noch nicht mal in der Lage war, ohne fremde Hilfe einen Dreijährigen festzunehmen, dem die geklauten Gummibärchen noch aus dem Mund quollen. Doch Berthold war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Auch der Neue hatte inzwischen angefangen. Und zu allem Überfluss ging der einzige Kollege, bei dem sie ihre privaten Sorgen loswerden konnte, Karl Heinz Gassel, Ende nächsten Monats in Pension. Dann würde sie niemanden mehr haben, der für sie da war.

Katharina spürte Panik in sich aufsteigen. Da war es wieder, das Gefühl, dass ihr die Kehle zugeschnürt wurde, kaum dass die mühsam antrainierte Leere in ihrem Kopf wieder verdrängt wurde. Ihre Finger krampften sich um den Becher, der sich, wäre er aus Plastik gewesen, längst in ein unförmiges Etwas verwandelt hätte. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen, ohne dass diesmal Sandkörner schuld waren.

Harms leerte geräuschvoll seinen Becher, stellte ihn ab und sah Katharina von der Seite an. Gut zwei Jahre war es jetzt her, dass er die Kommissarin kennengelernt hatte. Plötzlich hatte sie hinter ihm gestanden, auf der Hallig, in seinem Garten, als er den Schuppen endlich neu angestrichen hatte, und hatte ihm eine wilde Geschichte von Mord und Totschlag erzählt, und er als ehemaliger Meisterhacker wäre der Einzige, der ihr bei dem Fall helfen könnte. Damals hatte er in einer Krise gesteckt und sie abblitzen lassen. Er wollte nichts mit den Angelegenheiten dieser Frau und des Mörders, hinter dem sie her war, zu tun haben, aber Hanne, seine damalige Freundin und jetzige Frau, hatte ihm Zunder unter dem Hintern gemacht.

Damals war er es gewesen, der beinahe völlig und endgültig in seinem Selbstmitleid zu ertrinken drohte. Dank der blonden Frau neben ihm hatte er diese Phase überwunden. Und jetzt, da sie tagtäglich mit Dämonen auf ihren Schultern zu kämpfen hatte, fühlte er sich sozusagen verpflichtet, ihr beizustehen.

»Weißt du«, unterbrach er schließlich behutsam die Stille, »vielleicht solltest du heute noch etwas mit deinem Sohn unternehmen. Immerhin seht ihr euch die nächsten drei Wochen nicht. Und Arne fände das bestimmt toll.«

Katharina schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Meinst du wirklich? Seit wir auf der Insel sind, bin ich doch nur Luft für ihn. Ich glaube eher, er wird gar nicht merken, dass ich morgen fahre.«

»Erzähl nicht so einen Stuss«, antwortete der Computerspezialist energisch. »Der Junge ist zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Insel, wir haben die ganze Zeit über bombastisches Wetter gehabt, dazu hat er genügend Spielkameraden, mit denen er rumtoben kann. Sei doch froh, dass er sich hier so wohlfühlt und sich endlich wie ein normaler Junge benimmt.«

Kaum hatte Harms seinen Satz beendet, wurde ihm sein Lapsus bewusst. Wütend über sich selbst kniff er die Augen zusammen. »Entschuldige«, murmelte er, »das war nicht so gemeint.«

»Ich weiß«, gab Katharina zurück. »Ich freue mich doch selbst darüber, dass es ihm hier gut geht. Sein Psychologe würde ihn wahrscheinlich nicht wiedererkennen. Aber das hat nichts mit mir zu tun, sondern vielmehr mit der Insel, der See, mit dir, mit Hanne und mit Tjark.«

»Und natürlich überhaupt nicht damit, dass er seine Mutter endlich mal länger sieht als nur zwei Tage an jedem zweiten Wochenende?«

»Nein«, behauptete Katharina entschieden. »Er gibt mir immer noch die Schuld dafür, was damals passiert ist. Und das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich seinen Vater zum Krüppel gemacht habe.«

Harms schüttelte resignierend den Kopf. »Blödsinn. Du tust gerade so, als ob du Ulli und Arne eigenhändig in diesen verfluchten Aufzug verfrachtet hättest.«

Die Kommissarin schleuderte ihren Becher in den Sand und sprang wütend auf. »Aber wessen Schuld soll es denn sonst gewesen sein? Dieses Arschloch wollte mich fertigmachen, wollte seine perversen Spiele mit mir spielen. Und wenn ich … wenn ich besser …«

»Wenn du was?«, fragte Hinnerk ruhig und schaute sie ruhig an, bis Katharina seinen Blick erwiderte.

»Ich hätte besser auf sie aufpassen müssen«, erklärte sie schwach.

»Und wie hättest du das schaffen sollen? Gab es für dich wirklich eine Chance, das Unglück zu verhindern?«

»Es gibt immer …«, begann Katharina mit brüchiger Stimme, verstummte aber, als ihr die Tränen wieder in die Augen traten.

Hinnerk angelte sich erneut die Thermoskanne und versuchte, beim Eingießen des Tees die jämmerlichen Geräusche, die die Kriminalkommissarin von sich gab, zu ignorieren. »Hör mal«, meinte er schließlich, als ihm die Konversationspause zu lang dauerte. »Arne ist doch ein ganz normaler Junge. Okay, er hat eine extreme Erfahrung gemacht, er braucht einen Psychologen, er wird wahrscheinlich noch ein oder zwei Jahre benötigen, bis der Klops aus seinen Gedanken verschwunden ist. Aber du bist ihm keine große Hilfe, wenn du hier flennend durch die Gegend läufst, dich abkapselst und deinen Sohn spüren lässt, dass du ihm gegenüber vor Schuldgefühlen zerläufst. Glaubst du wirklich, Arne merkt das nicht?«

»Ich weiß nicht mehr, was ich noch denken soll«, flüsterte Katharina kraftlos. »Manchmal glaube ich, der Junge hasst mich. Wegen dem, was ich ihm und seinem Vater angetan habe. Ulli lässt keine Gelegenheit aus, mich seine Verachtung spüren zu lassen. Ich würde an seiner Stelle vielleicht genauso reagieren.«

Harms kippte den restlichen Tee in sich hinein, stützte sich mit der Hand ab und hievte sich hoch. Er wuchtete seine Pranke auf die Schulter der zierlichen Frau vor ihm. Katharina hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. »Was zwischen Ulli und dir abläuft, kann ich nicht beurteilen«, erklärte er ruhig. »Aber was mit Arne ist, kapiert sogar ein plumper Insulaner. Der Junge braucht dich, dringend! Ich wette mit dir, wenn du ihn gleich fragst, ob er Lust hat, mit dir um die Insel zu radeln oder einen Drachen steigen zu lassen, werden seine Augen leuchten. Verdammt, tritt dir endlich selbst in den Arsch! Morgen fährst du zurück und holst ihn erst in drei Wochen wieder ab. Soll er seinen letzten Tag etwa ohne dich verbringen?«

Katharina starrte angestrengt auf das Wasser. Musste sie das Offensichtliche wirklich beantworten?

3

Tobias Gröne parkte den Vectra am Straßenrand und schaltete den Motor aus. Stirnrunzelnd starrte er an der schmutzigroten Fassade des dreistöckigen Wohnhauses empor. Mandy Maslarski war unter dieser Adresse zusammen mit ihrer als vermisst gemeldeten und höchstwahrscheinlich toten Tochter Svenja gemeldet.

»Hartz IV lässt grüßen, was?«, murmelte er mehr zu sich selbst, während Hofmann bereits aus dem Auto stieg. Der Leiter des KK 11 strich sein Sakko glatt und warf seinem Mitarbeiter einen ungeduldigen Blick zu. »Schon mal so was gemacht?«, fragte er.

»Was?«

»Eine Todesnachricht überbracht.«

Gröne schüttelte den Kopf. »Nein. Aber da wird man wahrscheinlich niemals Routine drin haben, oder?«

Hofmann seufzte theatralisch. »Ganz im Gegenteil. Es wird es bei jedem Mal schlimmer.«

Gröne überholte seinen Chef und steuerte die Haustür mit dem Klingelbrett an. »Wenn Sie wollen, mach ich das«, bot er an, die Namen neben den Knöpfen studierend. »Irgendwann muss ich ja anfangen, warum also nicht sofort?«

Hofmann zog einen winzigen Moment überrascht die Augenbrauen hoch, nickte aber nur. Bisher hatte sich noch kein Neuer mehr oder weniger freiwillig für diese unangenehme Pflicht gemeldet. So viel Engagement hatte er bei einem Neuling bisher nicht erlebt. Wenn das so weiterging, war Gröne garantiert schnell eine wirkliche Verstärkung.

Als der Abteilungsfrischling den entsprechenden Namen gefunden hatte, drückte er auf die Klingel. Beinahe sofort ertönte ein grässliches Surren und der Kommissar drückte mit der Schulter die Tür auf. Im Hausflur empfing die beiden Polizisten ein Duftgemisch aus vergammeltem Abfall und einem Parfum, das in der Literflasche höchstens fünf Euro kosten konnte.

Mandy Maslarski wohnte im Dachgeschoss. Aufgrund der Vermisstenakte wussten Gröne und Hofmann, dass die kleine, schmale Frau, die ihren Weg durch das Treppenhaus mit großen Augen verfolgte, gerade zweiunddreißig Jahre alt war. Oben angekommen, stand das tote Mädchen im Türrahmen. Natürlich konnte es nicht sein, aber hätte die junge Frau behauptet, sie wäre die ältere Schwester der Toten, Hofmann und Gröne hätten ihr geglaubt.

Ängstlich sah die junge Frau die Beamten an. Als Hofmann in seine Jackentasche griff, um seinen Ausweis hervorzuholen, zuckte sie deutlich zurück.

»Frau Maslarski?«, fragte er so sanft wie möglich.

»Ja. Wer sind Sie?«

»Kripo Bochum, mein Name ist Hofmann, das hier ist mein Kollege, Herr Gröne. Dürfen wir vielleicht einen Moment hereinkommen?«

Statt eine Antwort zu geben, trippelte die Frau einige Schritte rückwärts. Gleichzeitig legte sie die rechte Hand auf die Brust, eine hilflose Geste des Schutzes.

Gröne trat an Hofmann vorbei und machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Frau Maslarski, bitte. Sie sollten sich vielleicht setzen.«

Die zierliche Person schluckte und ging so lange rückwärts, bis sie gegen die nächste Tür stieß. »Was wollen Sie hier?«, fragte sie nahezu tonlos.

»Frau Maslarski, Sie haben Ihre Tochter als vermisst gemeldet. Deshalb sind wir hier.«

»Haben Sie Svenja gefunden?«

»Wir sollten uns erst mal setzen, okay?«

Gröne war langsam auf die Frau zugegangen und konnte nun ihre Hände fassen. Mit sanftem Druck dirigierte er Maslarski in den Raum am Ende der Diele, in dem er aus den Augenwinkeln das Wohnzimmer erkannt hatte.

Während der Neue die Mutter des toten Mädchens überredete, endlich Platz zu nehmen, trat auch Hofmann näher. Die Einrichtung war billig, aber sauber, abgesehen von einigen durcheinandergeratenen Zeitschriften befand sich offensichtlich alles am vorgesehenen Platz. Die Stirnseite des Raumes wurde von einem Selbstbauregalsystem dominiert, in dem sich einige Bücher, Nippessachen, Bilderrahmen, altes Kinderspielzeug, ein kleiner Fernseher und eine kompakte Stereoanlage befanden. An der Wand gegenüber stand eine dreisitzige Couch, deren Polster einige Brandlöcher aufwiesen. Die überquellenden Aschenbecher auf dem Couchtisch gaben einen dezenten Hinweis darauf, wer die Verursacherin der Löcher sein könnte. Die Wand hinter der Tür zierte eine Fototapete mit einem kitschigen Strandmotiv, ein altmodischer, ausgefranster Ohrensessel stand vor den Palmen.

Gröne und die Frau hatten sich derweil auf der Couch niedergelassen, deshalb hockte sich Hofmann auf die Vorderkante des Sessels.

»Frau Maslarski«, begann Gröne gerade mit dem Hauptakt. »Wir haben sehr, sehr schlechte Nachrichten für Sie.« Dabei hielt er noch immer die Hände der Frau nahezu zärtlich in seinen eigenen.

»Was ist mit Svenja?«, fragte das verängstigte Häufchen Elend.

»Heute früh wurde die Leiche eines jungen Mädchens gefunden«, erklärte Gröne mit sanfter Stimme. »Und ich fürchte, dass es sich dabei um Ihre Tochter handelt.«

»Nein«, hauchte Mandy Maslarski.

»Leider kann ich Ihnen nichts Angenehmeres berichten. Nach der Beschreibung und dem Foto, das Sie den Kollegen auf der Wache dagelassen haben, gehen wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich um Svenja handelt.«

Hofmann kannte das, was jetzt kam, leider nur zu genau. Das anfängliche Leugnen der offensichtlichen Tatsachen, die letzten, verzweifelten Hoffnungsfitzelchen, dass das Ganze entweder ein Irrtum oder ein gut inszenierter schlechter Witz war. Und dann, ganz langsam, das Akzeptieren der Realität. Zu oft hatte er es selbst erlebt, wenn er der Überbringer dieser fürchterlichsten aller Nachrichten gewesen war. Und auch jetzt lief es wieder nach diesem Schema ab. Obwohl er es kannte, wünschte er sich für die nächsten zwanzig, dreißig Sekunden überallhin, an irgendeinen Ort, nur nicht in dieses beengte, fürchterlich verqualmte Wohnzimmer, in dem sein Kollege die fassungslos stammelnde und schluchzende Mutter ihres Mordopfers gerade in den Arm nahm. Einen Moment überlegte er, Gröne später den Tipp zu geben, sich nicht zu sehr emotional zu involvieren, doch er verwarf die Idee. Gewisse Sachen musste jeder selbst lernen, da halfen keine Ratschläge.

Als der Tränenstrom abzuebben begann, stand Hofmann auf und öffnete das Fenster. Warme Luft strömte in den Raum und verdrängte den kalt gewordenen Tabakgeruch. Sogar Hofmann als leidenschaftlicher Pfeifenraucher brauchte hin und wieder eine Ladung frischer Luft.

Das Schluchzen kam nicht mehr kontinuierlich, sondern nur noch in kurzen Schüben. Hofmann gönnte der Frau eine weitere Minute, bevor er die unvermeidliche Fragerunde beginnen konnte.

»Was … was ist denn passiert?«, stammelte Frau Maslarski unter einem Vorhang glatter, roter Haare, die ihr ins Gesicht hingen. »Wieso ist sie tot?«

Gröne entließ die fassungslose Mutter aus seiner Umarmung. Unschlüssig warf er Hofmann einen fragenden Blick zu. Nach dessen Nicken holte Gröne tief Luft.

»So wie sich der Fall darstellt, ist Svenja eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie …«

»Gewaltsam? Heißt das, sie wurde umgebracht?«, kreischte Frau Maslarski und grub ihre Fingernägel in Grönes Arm, der sich noch in ihrer Reichweite befand.

»Ich weiß, das ist furchtbar schwer für Sie«, mischte sich Hofmann nun doch ein. »Glauben Sie mir, wir werden alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um den Täter zu überführen. Allerdings müssen wir dazu mehr über Svenja wissen. Über ihr Leben, ihre Hobbys, ihre Gewohnheiten. Können Sie uns dabei helfen?«

»Ja«, kam die leise Antwort.

»Wann haben Sie Svenja zum letzten Mal gesehen?«

Mandy Maslarski zauberte ein unbenutztes Papiertaschentuch aus dem Zeitschriftenwust hervor und schnäuzte geräuschvoll hinein.

»Das letzte Mal? Am Dienstagmorgen. So um sechs. Bevor ich da zur Arbeit gegangen bin.«

»Was arbeiten Sie?«

»In ein Supermarkt. Im Lager oder ich füll die Regale auf. An der Kasse hab ich auch schon mal gesessen, aber nur wenn gar kein anderer da ist.«

»Und Svenja war da schon auf? Obwohl Ferien sind?«

»Ja. Sie ist keine Schlafmütze. Steht immer freiwillig so früh auf. Auch zur Schule. Da muss ich mir nie Sorgen machen.«

Sowohl Gröne als auch Hofmann fiel auf, dass sie eigentlich in der Vergangenheitsform von ihrer Tochter sprechen müsste.

»Was hatte sie an dem Tag vor?«

»Svenja wollte zu Chantal. Das ist ihre beste Freundin. Die beiden wollten noch ein Tag zusammen abhängen. Chantal ist Mittwoch zu ihrem Vater gefahren. Der lebt in Wolfsburg. Da wollten sie sich noch mal sehen vorher.«

»Ist sie bei ihrer Freundin angekommen?«

»Ja. Ich hab Chantal auf Handy angerufen. Svenja war an den Tag bei ihr. Bis kurz vor fünf.«

Hofmann sah von dem kleinen Block, in dem er einige Notizen gemacht hatte, auf. »Aber gesehen haben Sie Svenja nicht mehr?«

»Nein. Ich musste Dienstag länger arbeiten. Ich war erst um vier zu Hause. Und an den Tag, ich mein Dienstag, da geh ich immer zu meine Mutter. Die ist in Riemke im Altenheim. Als ich zurück war, bin ich noch kurz in die Wanne. Und dann ins Bett. Musste ja an den nächsten Tag wieder früh raus. Und da war Svenja nicht in ihrem Zimmer. Das Bett war unbenutzt.«

»Hat sie so etwas schon früher gemacht? Über Nacht wegzubleiben, ohne Sie vorher zu informieren?«

»Nie«, bekräftigte Frau Maslarski lauter als nötig. »Svenja ist nicht so eine. Die kommt zehn Minuten eher. Aber nicht zu spät.«

»Gab es jemanden, zu dem sie hätte gehen können?«, fragte Gröne, der sich immer noch über die roten Striemen strich, die ihm die Nägel seiner Sitznachbarin zugefügt hatten. »Eine andere Freundin? Einen Freund? Was ist mit ihrem Vater?«

»Svenjas Vater«, spie Maslarski beinahe aus. »Nee, auf keinen Fall. Ich hab schon Jahre nichts mehr von dem gehört. Svenja hat mal eine Karte gekriegt. Das war an ihr neunten Geburtstag. Seitdem nichts mehr.«

»Also auch keine Unterhaltszahlungen?«

»Keinen Cent«, schnaufte Maslarski. »Das Amt findet den auch nicht. Deshalb geh ich ja die ganze Zeit arbeiten. Auch mal zwei Jobs. Damit wir überhaupt klarkommen.«

»Hatten Sie Streit mit Ihrer Tochter?«, fragte Hofmann unvermittelt.

»Streit?«

»Vielleicht hatte Svenja ja einen Grund, über Nacht nicht nach Hause zu kommen. War sie in der Schule gut?«

»Wir hatten kein Streit. Und in der Schule war sie okay. Nicht die Beste. Aber sie schaffte das.«

Die Tränen flossen wieder. Hofmann sah ein, dass er Mandy Maslarski eine Pause gönnen musste, sonst war aus ihr heute nichts mehr rauszubekommen.

»Darf ich mir Svenjas Zimmer ansehen?«

Maslarski nickte kraftlos.

Der Hauptkommissar erhob sich und bedeutete Gröne mit einem Blick, bei Maslarski zu bleiben. Mitunter erfuhr man die wertvollsten Details, wenn man nicht direkt nachfragte, sondern einfach nur die Ohren auf Empfang stellte.

Svenjas Zimmer hatte die Ausmaße einer Hundehütte. In die maximal zehn Quadratmeter waren ein einfaches Bett, ein einsturzgefährdeter Kleiderschrank, ein Kinderschreibtisch, ein Stuhl, ein Sessel, Regale und ein Weidenkorb für die Schmutzwäsche gepresst. Wenn man im Zentrum des Zimmers stand und die Arme ausstreckte, stieß man unweigerlich irgendwo an.

Die erste Untersuchung war oberflächlich, aber zu mehr hatte Hofmann im Augenblick keine Zeit. Die Kriminaltechnik würde sowieso noch das Unterste nach oben kehren.

Auf dem Schreibtisch lag nichts, womit man im Zimmer eines Teenagers nicht auch rechnen durfte. Überwiegend Schulsachen, Notizen, Kopien, alte Klassenarbeiten. Svenjas Mutter hatte nicht gelogen, der Notenschnitt lag beständig zwischen zwei und drei. In den Schubladen Krimskrams, rein gar nichts, was dem Hauptkommissar einen Grund für den Tod des Mädchens hätte verraten können.

Hofmann seufzte und wandte sich dem Kleiderschrank zu. Die Menge der Tops, Röcke, Leggins und weiterer Teile hielt sich in Grenzen, nur wenige sahen neu aus. Bestimmt keine Garderobe von jemandem, der regelmäßig shoppen gehen konnte.

Unten im Schrank stand eine Tasche aus Kunstleder. Hofmann zog sie hervor und klappte den Verschluss nach hinten. Weitere Schulbücher kamen zum Vorschein, daneben einige Hefte und ein kleiner Taschenkalender.

Neugierig schlug Hofmann ihn auf und wurde enttäuscht. In der aktuellen Woche waren überhaupt keine Eintragungen, in den Wochen davor nur spärliche Notizen. Meistens beschränkten sich die Hinweise auf anstehende Klassenarbeiten, Geburtstage und ganz selten auf die eine oder andere Fete. Dafür befand sich im vorderen Teil ein Adressverzeichnis, in dem vierzig oder fünfzig Namen nebst Telefonnummern aufgelistet waren.

Der Hauptkommissar schlug den Kalender zu und steckte ihn in die Innentasche seines Sakkos. Fürs Erste musste das hier reichen.

Im Wohnzimmer übte sich Gröne im Trösten. Svenjas Mutter schien langsam zu verstehen, was die Beamten ihr da gerade gesagt hatten. Vielleicht noch zwei, drei Fragen, bis sie nicht mehr zu der Frau durchdringen würden.

»Frau Maslarski, hatte Svenja keinen Computer?«, erkundigte sich Hofmann von der Tür aus.

»Für so was hatten wir kein Geld«, stammelte Frau Maslarski. »Aber … aber sie sollte einen zum Geburtstag kriegen. Wenn sie sechzehn wird. Als Überraschung.«

Diese eine Frage hatte ausgereicht: Die Schultern der Frau begannen erneut zu zucken, der nächste Weinkrampf kündigte sich an. Für heute reichte es.

»Können wir jemanden anrufen?«, fragte Gröne. »Der bei Ihnen bleiben kann? Einen Verwandten? Oder eine Freundin?«

»Petra«, schluchzte Frau Maslarski. »Von gegenüber. Bitte, wenn Sie …«

Hofmann nickte seinem Kollegen zu. »Kümmern Sie sich bitte darum? Ich warte unten.«

4

Katharina atmete tief durch und schnappte sich die Tasche, die neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Ihre Finger berührten schon den Hebel, mit dem sie die Fahrertür öffnen konnte – da verließ sie der Mut.

Sie parkte in Bochum Stiepel vor dem allein stehenden Prachtbau, in dem sie bis vor einiger Zeit selbst mit Ulli und Arne gewohnt hatte. Damals hatten sie das Haus mit mehr Glück als Verstand für einen Spottpreis kaufen können. Damals, bevor es klick in ihrem Kopf gemacht und sie ihr Leben und ihre Familie für einen kleinen zusätzlichen Kick in den Abfalleimer befördert hatte.

In Momenten wie diesen bedauerte die Kommissarin, in einem Akt übermenschlicher Anstrengung wieder zur Nichtraucherin geworden zu sein. Einerseits hätte sie eine Extraportion Nikotin jetzt gut gebrauchen können, andererseits hätte sie einen Grund gehabt, noch ein paar Minuten herauszuschinden.

Beim nächsten Anlauf schaffte sie es, die Tür zu öffnen und mit wackeligen Beinen auszusteigen. Die leichte Stofftasche baumelte von ihrer Schulter, seufzend verschloss sie den Wagen und begann ihren persönlichen Gang nach Canossa.

Ihr letzter Besuch war gerade drei Wochen her, als sie Arne für den gemeinsamen Urlaub auf der Hallig abgeholt hatte. Ulli hatte demonstrativ auf seine Krücken gestarrt und nur das Allernotwendigste mit ihr gesprochen. Seiner Stimme war deutlich anzumerken gewesen, wie mühsam er seine Wut unterdrückte. Hätte Arne nicht mit gepacktem Rucksack und mit leuchtenden Augen bei ihnen gestanden, wäre der Krieg zwischen Ulli und ihr sicher in die nächste Runde gegangen.

An Katharinas Schlüsselbund klimperte immer noch der Schlüssel für die Türen des Hauses, aber selbstverständlich benutzte sie die Klingel. In der Zeit, bevor der Summer ertönte, sandte sie mehrere kurze Stoßgebete gen Himmel, dass Uli nicht daheim wäre, sondern irgendwo anders den herrlichen Sommerabend genoss. Dass dieser Wunsch nicht realistisch war, wusste sie selbst, denn ohne fremde Hilfe schaffte Ulli höchstens hundert Meter aus eigener Kraft.

Im Hausflur war es einige Grade kühler als in der Sonne, doch die Gänsehaut auf ihren Oberarmen war mit dem plötzlichen Temperaturunterschied nicht zu erklären.

Noch durch das helle Sonnenlicht geblendet, erkannte Katharina dennoch, dass der Schatten, der in der Wohnungstür stand, nicht zu Ulli gehörte. Eindeutig eine weibliche Silhouette. Anscheinend blieb ihr heute auch nichts erspart.

»Hallo«, grüßte Katharina leise. »Ist Ulli da?«

Die Frau im Türrahmen schnaufte als Kommentar einmal und gab den Eingang frei. Katharina raffte die Schlaufen ihrer Tasche und trat ein.

Nach dem Unfall war Ulli, etliche Operationen und eine Reha später, in das Erdgeschoss gezogen. Zwar hatte er diesen Umzug schon länger ins Auge gefasst, doch jetzt blieb ihm, wenn er nicht ständig auf einen Treppenlift angewiesen sein wollte, keine andere Wahl.

Der Unfall. Bei dem Absturz im Fahrstuhlschacht hatte sich Ulli multiple Brüche zugezogen, beide Beine und die Hüfte waren mehrfach durchgeknackst, ebenso wie etliche Rippen. Ganz zu schweigen von den inneren Blutungen und Quetschungen. Ein paar Tage hatte sein Leben am seidenen Faden gehangen. Bis sich seine Vitalwerte einigermaßen erholt hatten, war er in ein künstliches Koma versetzt worden. Als er daraus aufgeweckt worden war, begann ein Operationsmarathon.

Arne hatte diese schlimmen Momente äußerlich fast unverletzt überstanden, anscheinend hatte der Junge einen Schutzengel gehabt, der über ihn gewacht hatte. Eine Platzwunde am Kopf, ein Handgelenksbruch und jede Menge Prellungen – dank der Tatsache, dass Ulli seinen Sohn instinktiv an sich gepresst und somit die Wucht des Sturzes für Arne abgefangen hatte, war dem Jungen körperlich nichts weiter geschehen.

Seelisch sah das schon etwas anders aus. In den ersten vier Monaten nach dem Ereignis hatte er sich geweigert zu sprechen. Erst nach und nach hatte ein unermüdlicher Kinderpsychologe wieder Zugang zu ihm gefunden, seitdem ging es in kleinen Schritten aufwärts. Dennoch war der Junge weit davon entfernt, so unbeschwert und fröhlich zu sein wie früher.

Ein Poltern riss Katharina aus ihren Gedanken. Ohne es recht registriert zu haben, stand sie bereits auf der Terrasse. Ullis Versuch aufzustehen endete darin, dass er seine Krücken in der Gegend verstreute. Fluchend versuchte er sie einzusammeln, wobei sich die Liege, auf der er seine ramponierten Knochen gelagert hatte, gefährlich neigte.

»Hallo«, wiederholte Katharina ihren Gruß.

»Hi«, gab Ulli kühl zurück. »Wieder zurück aus dem Norden?«

»Ja. Es war toll.«

»Schön«, antwortete Ulli. »Geht’s Arne gut?«

Katharina lehnte sich, da Ulli sie nicht aufforderte, Platz zu nehmen, gegen die Terrassentür und nickte. »Supergut. Ich hab dir etwas mitgebracht. Hat er gestern noch für dich gemacht.«

Sie griff in den Beutel und beförderte eine durchsichtige Flasche ans Tageslicht, die bis knapp unter den Schraubverschluss mit Sand gefüllt war. Auch einige kleine, bunte Muscheln waren zu sehen.

»Er hat darauf bestanden, mit mir kreuz und quer über die Insel zu laufen und überall ein wenig Sand abzufüllen. Damit du auch was von der Hallig hier zu Hause hast.«

Ulli schluckte kurz, als er die Flasche entgegennahm und vorsichtig neben seine Liege stellte. Er hatte wohl doch beschlossen liegenzubleiben.

»Wie geht es dir?«, fragte Katharina.

»Prima«, schnaufte Ulli. »Gestern hab ich meine Bestzeit im Zum-Klo-Hinken um sagenhafte anderthalb Sekunden verbessert. Wenn ich so weitermache, schaffe ich es garantiert zu den nächsten Paralympics.«

»Das war eine ernst gemeinte Frage«, seufzte Katharina.

Ulli zog die Augenbrauen zusammen. »Was willst du hören?«, giftete er. »Dass ich immer noch nur mit einer geballten Ladung Schmerzmittel schlafen kann? Dass ich kommende Woche die neunte Operation über mich ergehen lassen muss? Um danach wieder in eine dieser verfluchten Reha-Einrichtungen verfrachtet zu werden?«

Katharina horchte auf. »Eine weitere OP?«

»Ja. Wenn alles gut läuft, besteht tatsächlich die Chance, dass ich irgendwann wieder ohne Krücken laufen kann … in etwa sechs bis sieben Monaten.«

»Das wäre doch fantastisch«, meinte Katharina mit verzagtem Enthusiasmus.

»Und wie«, schnaubte Ulli. »Die Chance liegt sogar bei sagenhaften zwanzig Prozent! Aber in meiner Lage ist man nicht unbedingt wählerisch.«

Hinter sich hörte die Kommissarin ein schlurfendes Geräusch. Als sie sich umdrehte, sah sie die Frau, die ihr die Tür geöffnet hatte, mit zwei Kaffeebechern durch das Wohnzimmer näher kommen.

»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht«, meinte Katharina und trat ein wenig zur Seite, um nicht mit der dampfenden Brühe übergossen zu werden. »Ich bin Katharina.«

»Ich weiß, wer du bist«, gab Ullis Besucherin ungerührt zurück. Sie reichte dem Hausherrn einen der Kaffeebecher und setzte sich auf die andere Sonnenliege.

»Na, dann bist du mir gegenüber ja eindeutig im Vorteil«, konterte Katharina nicht ohne eine gewisse Schärfe in der Stimme.

»Lasst den Blödsinn«, meldete sich Ulli, nachdem er an dem Kaffee genippt hatte. »Katharina, das ist Carmen. Wir haben uns vor Kurzem kennengelernt. Carmen arbeitet bei dem Chirurgen, der mich in seiner Praxis so gut es geht wieder zusammenflickt.«

»Sprechstundenhilfe?«, tippte die Kommissarin.

»Assistenzärztin«, fauchte Carmen bissig.

»Ups!« Während sich Katharina auf die Lippen biss, nahm sie die neue Favoritin ihres ehemaligen Verlobten etwas genauer in Augenschein. Die Medizinerin war keine Schönheit, aber doch attraktiv. Vielleicht eins fünfundsechzig groß, mit normaler Figur, war das Auffallendste an ihr das Paar strahlender blauer Augen, das sie unter dem kurz geschnittenen schwarzen Haar angriffslustig anfunkelte. Eine Frau, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick bemerkte, die einem nach dem zweiten aber mit Sicherheit in Erinnerung blieb.

»Kriegst du das mit Arne auf die Reihe?«, fragte Ulli unvermittelt.

»Was?«

»Wenn ich wieder im Krankenhaus bin.«

»Ach so. Ja, das müsste gehen. Wenn ich im Präsidium früh genug Bescheid sage, richten die meine Dienstzeit danach aus. Dann mach ich für die paar Tage eben keine Bereitschaft.«

»Wochen. Ich gehe danach direkt in Reha«, erinnerte Ulli.

»Auch kein Problem. Länger als vier Wochen wirst du ja nicht weg sein, oder?«

Ulli zuckte die Achseln und widmete sich erneut seinem Kaffee.