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Originalausgabe
© 2011 by GRAFIT Verlag GmbH
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Alle Rechte vorbehalten.
eISBN 978-3-89425-850-4

Titel

Gabriella Wollenhaupt

Grappa und die Seelenfänger

Kriminalroman

Die Autorin

Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 den ersten Auftritt. Seitdem stellte sie ihre Schlagfertigkeit in mehr als zwanzig Fällen unter Beweis.

Zwischendurch wagte die Autorin einen Ausflug in die Historie: Leichentuch und Lumpengeld spielt im Vormärz und steht den Grappa-Krimis in Sachen Witz und Ironie in nichts nach.

www.gabriella-wollenhaupt.de

Inhalt

Humor

Die Personen

Der neue Chef will’s gemütlich

Kann man Idiot tanzen?

Acht Dynamiken und ein lauer Wind

Nur keine Pressestelle

Singen für den toten Papa

Superstars und Cinderella

Die »ackrobatin« an der Stange

Naaa naa naa na, na na na …

Brutal, rücksichtslos, gemein und irgendwie toll

Feuer frei auf Unterdrücker

Wilde Rosen und wache Kameras

Auch Menschen kann man mitbringen

Bärchens Einstand

Der Titan ist ehrlich

Saltimbocca und Fotos

Schlechte Nachrichten

Kurse, Kurse, Kurse

Eine unverhoffte Einladung

Wer kann sensibel?

Wie singt man dunkelhaarig?

Klare Wolken am Horizont

Es ist wohl der Erfolg, der sensibel macht

Auch Zwillinge sterben allein

Post von Monika

Wie reinigt man eine Seele?

Liebesleid und Leserbriefe

Und noch ein Brief der besonderen Art

Kriegsähnliche Handlungen

Sprengbombe im Elfenbeinturm

Ein Sekretär mit Geheimfach

Zu schwach, den Irrweg zu erkennen

Mandelhörnchen, Männer, Müdigkeit

Ein skurriles Grammofon

Jackos Schwester und ganz viele Pailletten

Gettoblaster und Goldring

Bärchen ist schon unterwegs

Vom Pop-Titan zum Pop-Thetan

Sonderkommission Superstar

Weiße Schürze an kariertem Rock

Mein Allerweltsgesicht wird erkannt

Erleuchtete Mahlzeiten

Es gibt ganz schlechte Alibis

Brett – betäubt und benommen

Es wird immer unklarer

Immer wieder Glencheck

Harras auf der Flucht

Clara schreibt sich anders

Brett hält sich prächtig

Auch Männer können mit Damenpistolen schießen

Ein Zuhause für Träume und Tränen

Brett bohrt dünne Bohlen

Blechbläser, Holzbläser und die große Kultur

Gefangen in einem Garten

Auch Margarete kann kariert

Hysterische Mutter und bunte Pullover

Reden hilft Denken

Schein und Sein

Ein Kommissar mit Heiligenschein

Nachruf auf Grappa

Im geheimnisvollen Garten

Wer gräbt, der findet

Schon manche Schlacht geschlagen

Florida gegen Bayreuth

Story ohne Fakten – kein Problem!

Spätkapitalistisches Lotterleben

Nix mit Meer!

Rübezahl und Rumpelstilzchen

Ein Mustang in Knallrot

Mädels am Strand – supercool

Kein Geständnis – keine Anklage – keine Auslieferung

Lederhaut und lecker Essen

Beinhart und erfolgsorientiert

Rot steht für Warnung

Ambulanz und endlich Urlaub

Ein roter Mustang ist kein Fluchtwagen

Extra vergine ohne Chili

Epilog

Ach ja, noch was:

Humor

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
und weil mich doch der Kater frisst,
so will ich keine Zeit verlieren,
will noch ein wenig quinquillieren
und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch (1832–1908)

(Bei der Abfassung dieses Gedichts dachte Busch möglicherweise an einen Castingshow-Juror, ohne zu wissen, dass es so jemanden je geben würde.)

Die Personen

Birsen Aslan – hat kein Gold in der Kehle
Carsten »Bärchen« Bibermag Spielzeugtiere
Clara Billerbeckmuss wieder einsteigen
Sven Billerbeckist schon eingestiegen
Pitt Brett hat immer alle Bohlen im Zaun
Danny Forehead – darf mitmischen
Robert Fuchs – lebt doch nicht ewig
Maria Grappa – singt nur noch in der Wanne
Simon Harras möchte aussteigen
Egon Hold – mag es schmutzig
Peter Jansen – übernimmt ein neues Kommando
Dr. Friedemann Kleist – ist zu hilfsbereit
Elizabetha Lazeira – macht einen guten Eindruck
Jessica von Neuenfels – weiß, was Kunden mögen
Wayne Pöppelbaum –liebt keine Teddybären
Sarah, Susi, Stella – schlagen sich tapfer
Anneliese Schmitz – dealt mit süßen Drogen
Dr. Berthold Schnack – möchte es ganz seriös
Annabell Stickel – sorgt für erleuchtetes Wohl
Arnold Weber – verliert gleich zwei Mal
Bettina und Monika Weber – gehen falsche Wege
Margarete Wurbel-Simonis – kommt nicht zum Zug

Der neue Chef will’s gemütlich

Seit einer Woche belagerten diese Leute jetzt schon das Verlagshaus. Aufgetaucht waren sie ganz plötzlich. Meist bildeten sie eine Dreiergruppe. Sie sprachen Passanten an, reichten ihnen Flugblätter und versuchten, sie in eine Diskussion zu verwickeln. Es war kaum möglich, ihnen auszuweichen. Vor zwei Tagen hatte ich mir ein Flugblatt zustecken lassen, um meine Ruhe zu haben.

»Die kommen von irgendeiner Sekte«, klärte mich Simon Harras auf. Er war hinter mich getreten und blickte jetzt ebenfalls durch das Redaktionsfenster nach unten auf die Straße.

»Ich weiß«, entgegnete ich. »Sie nennen sich Die Erleuchteten oder so ähnlich.«

»Ein bisschen Erleuchtung hat noch niemandem geschadet«, stellte er fest. »Besonders heute!«

»Ich wünschte, der Tag wäre schon vorüber. Ich kann mir diesen Job ohne Peter nicht vorstellen.«

»Sei nicht so depri, Grappa. Wird schon nicht so schlimm werden«, tröstete der Sportreporter. »Der Neue kocht auch nur mit Wasser.«

Ich blickte Simon zweifelnd an. »Dir kann ja nicht viel passieren, Sportfuzzi. Auf Fußball und Autorennen stehen die Leute immer. Bei mir sieht das anders aus!«

»Genau! Unsere Leser bestimmen den Inhalt der Zeitung. Und die stehen nun mal auf Blut, Sperma und Verbrechen. Und das sind doch deine Spezialitäten.«

»Das ist ja ganz was Neues, dass die Leser die Inhalte in privatwirtschaftlich organisierten Presseorganen bestimmen«, hielt ich dagegen. »Ich hätte da eher auf die Anzeigenkunden, die Industrie- und Handelskammer oder die SPD-Spitze getippt.«

»Grappa, mach dich locker!« Harras haute mir eine Hand auf die Schulter. »Du bist hier nicht auf einem Gewerkschaftskongress und bisher hast du dich noch immer gut gewehrt.«

Inzwischen hatte sich das Großraumbüro gefüllt. Die Sekretärinnen Susi, Stella und Sarah waren erheblich aufgerüscht. Kostümchen, frische Locken, lackierte Nägel und höhere Schuhabsätze als üblich.

»Wow!«, entfuhr es Harras. »Alles für den neuen Chef, Mädels?«

»Eine von uns könnte seine Chefsekretärin werden«, erklärte Susi. »Die interne Stellenausschreibung hängt schon aus.«

»Genau«, nickte Stella. »Bewerbungsschluss war letzten Freitag. Und wir drei sind die einzigen Bewerberinnen. Das hat mir eine Freundin aus der Personalabteilung gesteckt.«

Simon wanderte um die drei Grazien herum und musterte sie unverhohlen. »Also, ich wüsste jedenfalls nicht, welche von euch Süßen mir den Kaffee bringen sollte«, schleimte er dann. »Ich hätte da wirklich ein Entscheidungsproblem.«

»Deshalb wirst du auch nie Chef«, warf ich ein.

»Ich erfülle jedenfalls alle verlangten Kriterien«, erklärte Sarah.

»Wir etwa nicht?«, kam es einstimmig von Susi und Stella.

»Na ja«, lächelte Sarah süffisant. »Ich kann zum Beispiel Englisch … Könnt ihr das auch?«

Susi und Stella verzogen ihre Münder. »Ja, ja. Du und dein Englisch. So super ist das gar nicht nach nur einem kleinen VHS-Kurs«, meinte Susi verächtlich. »Letzte Woche stand doch auf der Mittagskarte Brathering … ein ganz einfacher deutscher gebratener Hering mit Kartoffelsalat. Und was machst du?«

»Du hast Brässering bestellt«, übernahm Stella die Antwort. »Die Kantinenfrau hat nur Bahnhof verstanden. So viel zum Thema: Sarah kann Englisch.«

»Möge die Beste von euch gewinnen«, wünschte ich. »Und jetzt wollen wir das Objekt eurer Begierde kennenlernen. Kommt ihr?«

 

Volles Haus. Sogar auf den Fensterbänken des Konferenzraumes hatten sich die Mitarbeiter des Verlages platziert, um die Inthronisierung des neuen Chefredakteurs mitzuerleben.

Das war er also. Mein neuer Chef. Er saß neben Peter Jansen und war für mich das einzige unbekannte Gesicht im Raum. Ein perfekt gekleideter schlanker Mann mit dunklem Menjoubärtchen und weißem, dichtem Haar. Vermutlich etwas älter als ich. Peter Jansen trug zur Feier des Tages seiner Verabschiedung ein Hemd statt des üblichen T-Shirts.

Ich spürte einen Stich. Über zwanzig Jahre lang hatten er und ich zusammengearbeitet und mehr als einmal hatte er mich aus Situationen gerettet, die mich meinen Job hätten kosten können. Ein solches Vertrauen würde ich nie wieder zu einem Kollegen aufbauen können.

»Das ist Dr. Berthold Schnack, mein Nachfolger«, erklärte Jansen. »Ich hoffe, Sie alle werden ihm das Wohlwollen entgegenbringen, das Sie mir geschenkt haben.«

Der Neue hüstelte und lächelte in die Runde. Dann sprach er, aber ich ließ die Worte an mir vorbeirauschen, ohne auf den Inhalt zu achten. Schnack hatte eine einschläfernde Stimme.

»Ach, du Schreck«, flüsterte Harras.

»Was?«

Jetzt hörte ich hin. Schnack erwähnte seine beruflichen Stationen. Pressestelle eines Krankenhausträgers, Chefredaktion einer christlich orientierten Wochenzeitung, Fraktionssprecher im Landtag.

»Ich freue mich auf die neue Aufgabe«, behauptete er. »Und darauf, das Bierstädter Tageblatt wieder zu einer familienfreundlichen und bürgerlichen Zeitung zu machen, die man auch auf dem Tisch liegen lassen kann, wenn Kinder im Haus sind.«

Jansen bekam einen leeren Blick. Das war herbe Kritik an ihm. Schließlich hatte er in den letzten zwanzig Jahren die Tendenz der Zeitung geprägt.

»Also lieber eine Blaulichtgeschichte weniger und einen Bericht über eine Eltern-Kind-Freizeit mehr«, erläuterte Schnack. »Der Geschmack hat sich in den letzten Jahren geändert. Weg von Krawall und Stress, hin zu einer neuen Innerlichkeit und Gemütlichkeit. Die Menschen sollen sich beim Lesen unserer Zeitung aufgehoben fühlen. Sehnsucht Familie – als neues Stichwort. Das Tageblatt muss seinen Weg zur Heimatzeitung neu definieren. Auch die örtliche Kultur könnte etwas mehr Aufmerksamkeit vertragen. Wir haben schließlich einen Bildungsauftrag.«

Margarete Wurbel-Simonis nickte unmerklich und warf mir einen triumphierenden Blick zu.

Freu dich nicht zu früh, dachte ich grimmig.

Schnack philosophierte über die Leser-Blatt-Bindung, neue Serien, die seiner Meinung nach noch nie geschrieben worden waren, die Straffung der Redaktionslogistik und Nachwuchsförderung. Die Sätze rauschten erneut an mir vorbei. Ich dachte nur eins: Die Ära Jansen ist zu Ende.

Kann man Idiot tanzen?

Wayne Pöppelbaum saß allein im Großraumbüro. Er hatte bei Schnacks Ankündigung, die Polizeiberichterstattung herunterfahren zu wollen, den Konferenzraum verlassen. Den Polizeifunk abhören und bei allen Notlagen möglichst vor dem Eintreffen der Streifen- und Rettungswagen vor Ort zu fotografieren, das war sein Job. Darum nannten wir ihn unseren »Bluthund«.

»Das sieht nicht gut aus für uns, Grappa-Baby«, murmelte er, als ich zu ihm trat.

»Ach was«, log ich. »Wir finden andere Themen, die dir Spaß machen und über die wir berichten können.«

»Genau.« Er lachte spöttisch. »Spannende Jubilarehrungen, aufregende Parteitage und schmutzige Erotikfeste im Seniorenzentrum.«

»Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird«, sagte ich halbherzig. »Was will er denn machen, wenn im Rathaus Kokspartys gefeiert werden? Oder wenn auf der A 2 ein Lkw aufs Stauende auffährt und zehn Autos ineinanderschiebt? Die unschönen Dinge einfach verschweigen?«

»Ganz klein fahren«, entgegnete Pöppelbaum. »Statt sechzig nur zehn Zeilen. Und keine Fotos mehr.«

»Abwarten. Jansen gibt heute Abend übrigens einen Umtrunk zu seinem Abschied«, wechselte ich das Thema. »Sehen wir uns?«

Pöppelbaum nickte. »Ich muss los. Zahnarzt. Halt die Ohren steif, Grappa.« Er trollte sich.

Im Lokalradio brachten sie einen Bericht über Ausdruckstanz. Gutes Radiothema. Eine beseelte Reporterin erklärte, wie man den eigenen Namen tanzt. Kann man auch Idiot tanzen?, fragte ich mich und dachte an den neuen Chef. Das hätte ich gern gelernt.

Ich trat zum Fenster.

Die Straße glänzte vor Nässe. Menschen hasteten vorbei, verborgen unter Regenschirmen. Die Anhänger der Sekte, zwei Männer und eine junge Frau, harrten aus. Sie hatten unter einem Vordach Schutz gesucht.

Ein Mann mit hochgeschlagenem Kragen und Hut näherte sich der Frau und sprach sie an. Sie wandte sich ab und wich einen Schritt zurück. Der Mann folgte ihr, griff ihren Arm. Sie riss sich los.

Flugblätter glitten zu Boden. Die beiden anderen Männer wurden aufmerksam, doch bevor sie sich einmischen konnten, flüchtete der Angreifer und verschwand zwischen zwei Häusern.

Die drei Erleuchteten sammelten die Papiere von der regennassen Straße auf. Plötzlich näherte sich ein dunkles Auto. Bremsen quietschten, der Wagen stoppte.

Der Mann mit dem Hut sprang heraus und stürzte sich auf die Frau. Er packte sie, öffnete die hintere Tür und drückte die Frau ins Wageninnere. Dann sprang er wieder zur Beifahrerseite und stieg ein. Mit aufheulendem Motor raste der Wagen davon.

Acht Dynamiken und ein lauer Wind

Eine Entführung am helllichten Tag. Das war ein Ding!

»Konnten Sie sich das Kennzeichen des Fahrzeugs merken?«, fragte der Polizist.

Ich verneinte. »Es war einfach zu weit weg und ich hatte meine Lesebrille auf der Nase. Außerdem ging alles blitzschnell.«

Zwei Beamte waren ins Verlagshaus gekommen, einer saß mir gegenüber, der andere machte draußen auf der Straße Fotos und versuchte, weitere Zeugen für die Entführung zu finden.

»Können Sie den Entführer beschreiben?«

Ich tat mein Bestes, aber wiedererkannt hätte ich den Mann nicht.

»Beschreiben Sie die Person, die in den Wagen gezerrt wurde!«

Auch die Frau hatte ich nicht so deutlich gesehen, dass ich sie hätte identifizieren können.

»Ich weiß nur, dass sie jünger ist als ich und ziemlich schlank. Die Haare waren unter einer Regenkapuze verborgen. Aber die beiden Männer von der Sekte müssen doch wissen, wer sie ist.«

»Die Herren haben es vorgezogen, nicht auf uns zu warten«, entgegnete der Polizist. »Aber die Kollegen befinden sich bereits im Hauptquartier der Kirche und führen Vernehmungen durch.«

 

Fast hätte ich Jansen gefragt, wie viele Zeilen ich haben konnte für diese Geschichte. Eine Entführung direkt vor meinen Augen.

Die Polizeipressestelle hatte für den Nachmittag eine Mail mit Fakten angekündigt. Mir blieb Zeit genug, mich über die Kirche der Erleuchteten zu informieren.

Ihr Zeichen war ein achtendiges Kreuz, dessen Zacken die acht Dynamiken symbolisieren sollten. Was waren die acht Dynamiken?

Ich überflog die Texte, die ich im Netz entdeckte, und fand das Ganze ziemlich kompliziert. Ich las:

Die erste Dynamik ist der Überlebenswille, die zweite Dynamik entspricht der Ebene der Familie und der sexuellen Fortpflanzung. Auf der dritten und vierten Ebene geht es um soziale Gruppen und die Menschheit als Ganzes, auf der fünften um alle Formen des Lebens und auf der sechsten um das physikalische Universum. Die siebte Dynamik ist der Geist oder die Spiritualität, die achte die Unendlichkeit, Alleinheit oder Gott.

Krauses Zeug. Die Erleuchteten waren in der Gesellschaft ziemlich umstritten. Zumindest in Europa. In den USA hatte die Sekte mehr Erfolg, einige berühmte Hollywood-Schauspieler waren Mitglieder.

Wie auch immer. Vor meinen Augen war eine Frau gegen ihren Willen in ein Auto gezerrt und entführt worden.

 

Am frühen Nachmittag kam die Mail aus dem Polizeipräsidium. Die entführte Frau hieß Monika W. und war gar nicht entführt worden. So hatte sie selbst ausgesagt.

Die angeblich Geschädigte gab an, dass sie von ihrem Vater Arnold W. ins Auto »verbracht« worden war.

Vorausgegangen sei ein häuslicher Streit um die Zugehörigkeit der Monika W. zu einer Gemeinschaft, die sich selbst als Kirche der Erleuchteten bezeichnet. Monika W. wird gegen ihren Vater keine Anzeige erstatten. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Na toll, dachte ich, das war’s dann mit der Geschichte: Ein besorgter Vater entführt seine Tochter, weil er nicht mit dem einverstanden ist, was sie glaubt.

Schade, eine echte Entführung wäre eine gute Gelegenheit gewesen, den neuen Chefredakteur von der Bedeutung der Blaulicht-Geschichten zu überzeugen.

Wenig später erhielt ich erneut eine Mail – dieses Mal vom neuen Chef. Er bestellte mich für den nächsten Tag zu einem Mitarbeitergespräch.

Ich rief Harras an.

»Ich muss da auch hin«, erklärte er. »Genau wie alle anderen. Ist doch gut, dann wissen wir wenigstens, welcher Wind hier künftig weht.«

»Lau wird er sein, der Wind«, prophezeite ich.

 

Jansens Abschied. Er hatte die Kantine des Verlagshauses ausgesucht, ihn zu begehen. Das Essen war deftig und westfälisch: Mettbrötchen, Möpkenbrot, Pfefferpotthast, Rührei mit Schinken und Zwiebelschmalz.

Ich stand mit Pöppelbaum und Harras an der Biertheke, als Jansen zu uns trat. Wir wussten nicht, was wir sagen sollten.

»Guck nicht so bedröppelt, Grappa-Baby«, lächelte er. »Es wird schon nicht so schlimm werden. Das Leben besteht aus Veränderungen.«

»Solche will ich aber nicht!«, murrte ich.

»Was soll ich denn sagen? Ich übernehme eine Stadt, die finanziell völlig marode ist, mit Politikern, die bisher nur durch ihre Intrigen und ihre Machtgier aufgefallen sind«, entgegnete der designierte Oberbürgermeister Bierstadts. »Und ich übernehme einen Verwaltungsapparat, der dermaßen unbeweglich und faul ist, dass man das große Heulen bekommen kann. Und in diesen Laden soll ich Ordnung bringen!«

»Grappa ist geschockt, weil der Schnack was von Familienzeitung und Bildungsauftrag gefaselt hat«, versuchte Pöppelbaum, mich zu interpretieren. »Sehnsucht Familie – so nennt er das. Das passt nicht zu den heißen Geschichten, die sie bisher geschrieben hat.«

»Warte doch erst mal ab, Grappa«, sagte Jansen. »Der Schnack hat eine Chance verdient, oder? So fair bist du doch hoffentlich?«

»Ja, klar«, meinte ich lustlos.

»Eine Möglichkeit bleibt«, Jansen legte seinen Arm um meine Schultern. »Wenn’s gar nicht geht, kannst du in der Pressestelle der Stadt anfangen.«

»Nee, bitte nicht!«, entfuhr es mir. »Alles – nur keine Pressestelle. Dann reiße ich lieber alten Frauen die Handtasche weg.«

»Das war doch mal ’ne echte Grappa-Ansage«, grinste Harras. »Hart aber herzlich. Und was trinken wir jetzt?«

 

Der Abend endete feuchtfröhlich. Ich nahm ein Taxi nach Hause. Als ich ausstieg, wunderte ich mich nur kurz, dass im Haus Licht brannte. Ich hatte ihm neulich einen Schlüssel gegeben. Und nun benutzte er ihn zum ersten Mal. Ich lächelte.

Nur keine Pressestelle

»Sag mal, neigst du zum Schlafwandeln?«, fragte Friedemann Kleist beim Frühstück.

»Nicht dass ich wüsste«, entgegnete ich und schnitt den Pavé d’Affinois an.

»Du wolltest aufstehen und deinen Namen tanzen«, grinste er.

»Bitte?« Ich ließ die Kaffeetasse sinken. »Ich habe noch nie meinen Namen getanzt! Ich weiß gar nicht, wie das geht. Hab ich denn Maria oder Grappa getanzt?«

»Weder noch. Ich konnte es grad noch verhindern. Ich hab dich nicht aus dem Bett gelassen.« Seelenruhig mümmelte Bierstadts Chefermittler sein Brötchen.

»Du hast mich festgehalten? Ich kann mich an nichts erinnern«, meinte ich verwirrt. »Und warum wollte ich meinen Namen tanzen?«

»Das hab ich dich auch gefragt.«

»So ein Blödsinn.«

»Mir klang es halb reflektiert.«

»Und? Nun lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«

»Dein neuer Chef habe dir befohlen, deinen Namen zu tanzen. Das bekam ich zur Antwort. Dieser Mann scheint dir auf der Seele zu liegen.«

»Ich hab gleich ein Gespräch mit ihm«, erklärte ich. »Er hat Änderungen angekündigt. Das hatte ich wohl alles im Kopf heute Nacht. Er will das Tageblatt zu einer bräsigen Familienzeitung machen.«

»Das heißt?«

»Weniger Polizeireportagen«, antwortete ich. »Mehr regionale Kultur, Brauchtum, Heimatgefühl.«

»Und das gefällt dir nicht«, nickte Kleist.

»So ist es. Es kann sein, dass er mein Ressort wegrationalisiert.«

Mein Lebensabschnittspartner fixierte mich. »Das wäre schlimm«, sagte er dann.

»Wird schon nicht so arg werden«, versuchte ich selbst, mir Mut zuzureden. »Gemordet wird immer, betrogen, gelogen und bestochen auch. Das kann keine Zeitung den Lesern vorenthalten. Dass ich das dann schreibe, dafür sorge ich schon.«

»Genau.« Kleist erhob sich und räumte das Geschirr in die Maschine. »Und wenn es ganz schlimm kommt, dann komm zu uns in die Polizeipressestelle. Ein Kollege geht bald in Pension.«

»Herzlichen Dank!«, schnaubte ich. »Warum will mich plötzlich jeder in eine langweilige Pressestelle abschieben? Wenn du so weitermachst, tanze ich gleich deinen Namen. Ich glaube nicht, dass du das sehen willst. Immerhin hat Friedemann zehn Buchstaben.«

 

Schnack hatte Jansens Möbel entsorgt und sich neu eingerichtet. Alles sah sehr edel aus. Mahagonischränke bis unter die Decke, ein futuristischer Schreibtisch, die Promotionsurkunde im Goldrahmen an der Wand, daneben Pokale. Ich tippte auf Golf. Vervollständigt wurde das Ambiente durch eine kleine Galerie von Daumier-Repliken.

»Setzen Sie sich bitte, Frau Grappa.« Schnack deutete auf den Freischwinger vor dem Schreibtisch. Ich schätzte die Distanz zwischen uns auf einen Meter fünfzig.

»Kaffee?«

Ich nickte. Das Gebräu aus der metallicschwarzen Thermoskanne schmeckte abgestanden.

»Ich möchte einiges ändern«, begann er. »Ich habe es ja gestern bereits angedeutet. Das Tageblatt ist thematisch in die Jahre gekommen – und mit ihm die Mitarbeiter, die die Inhalte geprägt haben.«

»Dazu gehöre auch ich«, stimmte ich zu. »Was wollen Sie dagegen tun? Alle über fünfzig erschießen?«

»Aber, aber, Frau Grappa!« Schnack hüstelte. »Man hat mir ja schon einiges über Ihren … so ganz eigenen, rustikalen Humor erzählt. Lassen Sie uns reden – wie vernünftige Menschen es zu tun pflegen.«

»Einverstanden!« Ich schenkte ihm mein süßestes Lächeln. »Wie alt sind Sie eigentlich? Mitte fünfzig? Oder älter?«

Schnack schluckte. »Sie missverstehen mich völlig. Stellen Sie sich unsere Zeitung als kulturelles Unternehmen vor. Ähnlich wie ein Schauspielhaus. Wenn an einem Theater ein neuer Direktor anfängt, ändert er das Programm und bringt eigene Schauspieler mit. So weit gehen wir natürlich nicht. Aber gewisse Reformen müssen sein.«

»Die Zeitung als moralische Anstalt? Kommt das nicht ein bisschen zu spät? Schiller hat eine solche Wandlung in Bezug auf das Theater versucht, aber gelungen scheint das nicht zu sein. Sonst hätte ich in den letzten Jahrzehnten keine Themen gehabt.«

Er runzelte die Stirn. »Wenn wir die bedauerlichen Ereignisse, die oft unsere Gerichte beschäftigen, unnötig breittreten, geben wir ihnen zu viel Raum, Frau Grappa.«

»Was wollen Sie mir sagen?« Ich hatte keine Lust mehr auf Geschwätz.

»Sie sind eine gute Reporterin. Beherrschen Ihr Handwerk. Sind schnell und mutig. Auf all diese Eigenschaften möchte ich nicht gern verzichten.«

Er machte eine Pause, strich sich über sein Menjoubärtchen und sah mich mit wässrigblauen Augen an. Er wollte mir wohl Gelegenheit geben, mich für diese Lobhudelei zu bedanken.

»Versuchen Sie doch einfach mal, Ihren Themenkreis zu erweitern. Es geschieht auch abseits von Blut und Sperma viel Spannendes in Bierstadt.«

»Das Spannendste hab ich mir doch schon ausgesucht: die Verbrechen. Und dabei bleibe ich auch.«

Schnack lachte. »Man hat wirklich nicht untertrieben, als man mir Ihre Hartnäckigkeit beschrieben hat.«

 

Eine halbe Stunde später saßen wir alle in der Redaktionskonferenz. Die Regularien wurden besprochen, Themen gesucht und die Termine verteilt.

Ich schlug vor, eine Reportage über die Kirche der Erleuchteten zu machen, die ihre Opfer seit Tagen gegenüber dem Verlagshaus suchte. Auch die Fast-Entführung erwähnte ich. »Vielleicht komme ich ja an den Vater der Frau heran. Der hat bestimmt einiges zu erzählen über diese Sekte.«

»Über diese Kirche ist in überregionalen Zeitungen sehr viel geschrieben worden«, meinte Schnack. »Das ist wohl kaum zu toppen. Insiderberichte, Aussteigerschicksale – das volle Programm. Dem wollen wir doch nicht hinterherlaufen, liebe Kollegin.«

»Ist das ein Nein?«, fragte ich.

»Was denn sonst?«, schnippte Margarete Wurbel-Simonis.

»Danke, dass Sie meine Worte erklären.« Schnack lächelte sie an, aber sein Blick war eisig. »Ich habe eine andere Idee, Frau Grappa. Einer der Privatsender wird in Bierstadt ein großes Casting mit sage und schreibe dreitausend Kandidaten ausrichten. Für die Show Wir suchen dich, Superstar!, abgekürzt WSDS. Ich stelle mir eine Begleitreportage vor. Die Logistik dieser Schau von Anfang bis Ende, Vorbereitungen, Kandidateninterviews, Homestorys über die Jurymitglieder und so weiter. Das ganz große Wohlfühlprogramm für unsere Leserinnen und Leser.«

»WSDS?«, stieß ich verdattert hervor. »Ich hab diese Show nie gesehen.«

»Das macht nichts, Frau Grappa. Es gehört doch zur Journalistentugend, sich ganz schnell in neue Themen einzuarbeiten. Die bisherigen Sendungen kann man im Web finden. Man nennt das Vidcast. Sehen Sie sich das mal an! Außerdem ist die Sendung relativ simpel strukturiert: Junge Menschen, die glauben, dass sie singen können, stellen sich einer Jury.«

»Vollprolls«, urteilte Harras. »Vorbestrafte langzeitarbeitslose junge Menschen, die keinen Bock auf eine Ausbildung haben.«

»Das Prekariat hat dieser Sendung und dem Sender erhebliche Marktanteile verschafft, Kollege Harras.« Schnack räusperte sich. »Und es wird unserem Blatt eine Auflagensteigerung bescheren. Die Kollegen von der Anzeigenabteilung sind schon voller Engagement bei der Akquise.« Zu mir gewandt setzte er hinzu: »Also, Frau Grappa, ich zähle auf Sie. Das erste Casting ist in ein paar Tagen. Bis dahin sind Sie im Stoff!«

 

Schnacks verlogene Art war mir auf den Magen geschlagen. Ich verkniff mir den Becher Kaffee, den ich mir nach der Konferenz zu holen pflegte, und verzog mich in meine Einzelzelle, um meine Wunden zu lecken.

Vielleicht war die Pressestelle der Stadt doch eine Alternative. Irgendwann. Aber jetzt noch nicht. Ich würde mich erst mal durchboxen.

Schnack war schlau, denn gegen das Casting-Thema war nicht wirklich etwas zu sagen. Ein aufsehenerregendes Verbrechen war nicht geschehen. Ich konnte ja schlecht eine Anzeige schalten, in der ich die Mörder, Betrüger und Räuber der Umgebung zu erhöhten Aktivitäten aufforderte, um mir meinen Job als Polizeireporterin zu retten.

Singen für den toten Papa

Diese Castingshow war eine Mischung aus Zirkus, Jahrmarkt, Vorhölle und Kulturschock.

Die Landesmedienanstalt beurteilte sie so: In einem Massenmedium wird vorgeführt, wie Menschen herabgesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden. Antisoziales Verhalten wird als Normalität dargestellt. Dies kann Werten wie Mitgefühl, Respekt und der Solidarität mit anderen entgegenwirken.

In der Konferenz hatte ich gelogen, denn natürlich hatte ich die Show schon gesehen und mich dabei köstlich amüsiert. Da thronten drei Richter hinter einem Tisch, angeführt von einem Schlagerproduzenten namens Pitt Brett, über dessen Sprüche sich alle Welt aufregte, nur weil er absolut ehrlich war. Dass sein Wortschatz nicht den Ansprüchen einer höheren Töchterschule genügte, war seit Jahren bekannt. Dennoch hatte diese Schau einen erstaunlichen Zulauf – besonders von schlecht oder gar nicht ausgebildeten jungen Frauen und Männern, darunter viele mit dem sogenannten Migrationshintergrund.

In jeder WSDS-Staffel gab es jede Menge falsche Gefühle und Schicksalsschläge: Gefängnis, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Drogen. Der Proll, der aus dem Jugendknast entfleucht war, hielt sich genauso geeignet für eine Popkarriere wie das sechzehnjährige Pummelchen, das für seinen angeblich toten Vater im Himmel trällerte.

Dreitausend Kandidaten aus dem Umland hatten sich für das Casting in Bierstadt angemeldet. Die Stadtverwaltung hatte dem Sender die große Halle im Veranstaltungszentrum zur Verfügung gestellt.

Ich lud mir ein Info-Paket aus dem Netz zusammen und rief bei der Pressestelle des Senders an.

Der Anrufbeantworter verwies auf den nächsten Tag. Auch gut, dachte ich, dann eben morgen, verschickte aber eine Mail. Darin erklärte ich die Absicht des Tageblatts, eine die Show begleitende Serie von Reportagen zu bringen, und bat um Interviewtermine.

 

Draußen vor dem Verlagshaus hatten wieder drei Erleuchtete Position bezogen. Die Frau war nicht dabei, sie hatten das Entführungsopfer also ersetzt. Ich trat auf den Stand zu.

»Möchten Sie sich informieren?«, fragte einer der Männer. »Wissen Sie, wer wir sind?«

»Deshalb bin ich doch gekommen, um das zu erfahren.«

»Dann schauen Sie sich unser Informationsmaterial in Ruhe an«, lud er mich freundlich ein. »Wenn Sie Fragen haben oder etwas nicht verstehen, sagen Sie bitte Bescheid.«

Mein Blick streifte über den Tisch. Bücher und zusammengeheftete Schriften. Und einige Werke über Dianetik, die ich schon aus meiner Recherche im Netz kannte. Dianetik war wohl ein Allheilmittel für menschliche Probleme.

»Die Dianetik zeigt den Weg zur größeren Harmonie zwischen Körper und Geist«, erklärte der Mann, der meinem Blick gefolgt war.

»Wer will die nicht«, nickte ich. »Und jede Kirche hat ihre eigenen Methoden, ihn aufzuzeigen.«

»Das Buch Dianetik ist schon seit mehr als fünfzig Jahren ein Bestseller und hat die Menschheit verändert.«

»Die Bibel auch«, lächelte ich.

»Die Bibel ist eine Ansammlung von Kindergeschichten. Wir wenden uns an den Menschen von heute, der sich in seinem schöpferischen Tun nicht einschränken lassen will. Die Methoden der Dianetik lösen die Störungen auf, die uns das frühere Leben beschert hat. So wird der Mensch wieder zu einem erleuchteten spirituellen Wesen.«

»Hört sich anstrengend an«, meinte ich.

»Ist es aber nicht. Jeder, der unserer Kirche beitritt, wird angeleitet. Wir bieten ausführliche Kurse an und …«

Eine junge Frau trat zu uns.

»Hier ist neues Material, Bruder«, sagte sie und legte einen Packen Flugblätter auf den Tisch. »Soll ab sofort verteilt werden.«

Sie musterte mich. Ich machte das Gleiche mit ihr, aber ich konnte sie nicht als die Frau identifizieren, die ins Auto gezerrt worden war. Dann war sie auch schon wieder verschwunden.

Ich nahm eines der Flugblätter. Auf ihm prangte ein Foto von Pitt Brett. Darunter stand:

Das ist eine unterdrückerische Person! Eine unterdrückerische Person will jede Unternehmung oder Gruppe, die Verbesserung anstrebt, vernichten oder fertigmachen. Der Ausdruck ›unterdrückerische Person‹ ist eine andere Bezeichnung für eine antisoziale Persönlichkeit. Alle Merkmale, die als diejenigen einer unterdrückerischen Person klassifiziert werden, sind diejenigen von Geisteskranken.

Zuletzt wurde in dicken Lettern gefordert: Boykott gegen den Seelen-Verbrecher Brett!

»So schlimm ist er nun auch wieder nicht«, kommentierte ich. »Ich finde eher, dass die Kandidaten in seiner Show nicht alle Bohlen am Zaun haben. Die machen das schließlich freiwillig mit. Warum sind die Erleuchteten denn so auf die Seelen schlecht singender Teenies aus?«

»Jeder Mensch sollte zu seinem ursprünglichen Wesen zurückkehren. Zu den Quellen des Ichs«, leierte der Bruder seine Thesen runter.

»Welchen der vielen Götter, die im Himmel rumsitzen, beten Sie denn nun an?«

»Wir beten keinen Gott an«, erklärte er. »Das ist kindisch. Wir setzen auf den Menschen, der durch uns und unsere Lehren die aus den Fugen geratene Welt retten kann und soll. Alle Lebewesen haben das Ziel zu überleben. Der Mensch besteht aus dem Körper, dem reaktiven und analytischen Verstand sowie dem Thetan, der dem ewigen und unzerstörbaren Wesenskern vergleichbar ist.«

»Dann vertreten Sie eine Psychosekte«, stellte ich fest.

»Das behaupten unsere Gegner, ja. Wenn Sie sich wirklich für unsere Gemeinschaft interessieren, dann empfehle ich Ihnen, den Oxford-Persönlichkeitstest zu machen.«

Er reichte mir zusammengeheftete Blätter, die mit unzähligen Fragen in kleiner Schrift bedruckt waren. Ein abendfüllendes Programm.

»Geht es Ihrer Glaubensschwester gut?«, erkundigte ich mich.

Er sah mich fragend an.

»Die junge Frau, die von ihrem Vater ins Auto gezerrt wurde.«

»Davon weiß ich nichts«, antwortete mir der Erleuchtete. »Mein Bruder und ich sind erst seit heute Morgen hier. Gestern haben andere den Dienst am ungläubigen Menschen versehen.«

»Sie wissen nichts von dem Vorfall?«, hakte ich nach. »So eine Entführung am helllichten Tag bleibt ja nicht unbemerkt. Ich stand da oben am Fenster und habe alles beobachtet.«

Ich deutete auf das Fenster. Die beiden Männer folgten meinem Finger mit ihrem Blick, sahen sich kurz an und ich hatte das Gefühl, dass es bei ihnen klick machte.

»Wir wissen nicht, wovon Sie sprechen«, lautete die reservierte Antwort.

»Hat man Ihnen verboten, darüber zu reden?«

»Nein. Unser Kampf gilt allerdings weiterhin allen unterdrückerischen Personen.«

»Ja, wie Pitt Brett.«

 

Nachdenklich fuhr ich nach Hause. Warum hatte die Kirche der Erleuchteten wohl ausgerechnet Pitt Brett und seiner Castingshow den Kampf angesagt?

Heute fand ich Friedemann Kleist nicht in meinem Haus vor. Schade. Anrufen wollte ich nicht, das hätte nach Klammern ausgesehen.

Ich öffnete eine Flasche Wein, setzte mich vor den Rechner und zog mir eine WSDS-Sendung rein. Nach einer Stunde Fremdschämen schaltete ich die Kiste aus. Mein unbemanntes Bett wartete.

Superstars und Cinderella

Ein wunderschöner Frühsommermorgen überraschte mich. Ich trank die erste Tasse Milchkaffee im Garten – umgeben von blühenden Büschen, ersten Rosenknospen, toskanischen Schwertlilien und Pfingstrosen. Seitdem ich im ländlichen Teil Bierstadts lebte, dachte ich nicht mehr so sehnsuchtsvoll an meinen Plan, mir ein Haus aus Stein in der Provence zu kaufen. Lavendel wuchs hier auch, und wenn die Erderwärmung weiter fortschritt, gab es in hundert Jahren auch in unseren Breiten Oliven- und Feigenbäume.

Ich checkte meine Mails, duschte und fuhr zur Redaktion. Der Weg war der gleiche wie immer, doch die Fahrt fiel mir schwerer, je näher ich dem Verlagshaus kam.

Als ich schließlich den Motor abstellte, klingelte mein Handy. Es war Pöppelbaum.

»Wo bist du?«

»Auf dem Parkplatz vor dem Verlagshaus. Warum?«

»Es gibt Ärger.«

»Wieso?«

»Wegen dir«, antwortete Pöppelbaum. »Denn diese Sektenfuzzis haben sich über dich beschwert. Ausgerechnet bei Schnack.«

Ich überlegte. Was ging hier ab? »Was soll ich denn getan haben?«

»Ich weiß es nicht, Grappa-Baby. Schnack will dich sofort sprechen. Ich wollte dich nur vorwarnen.«

»Danke, Wayne.«

»Und? Du weißt wirklich nicht, was du angestellt hast?«, fragte der Bluthund.

»Meinen Job gemacht – jemandem auf den Schlips getreten. Aber auf der nach oben offenen Grappa-Recherche-Skala erst auf der ersten Stufe.«

»Dann kann Schnack sich ja langsam an deinen Stil gewöhnen«, hörte ich den Fotografen durch den Hörer grinsen. »Und denk daran: Nur die Harten kommen in den Garten.«

Bevor ich die Treppen zum Eingang des Gebäudes nahm, um mich dem Duell zu stellen, rief ich Friedemann Kleist an.

»Hallo, Maria«, meldete er sich freundlich. Meine Stimmung besserte sich. »Ich muss gleich in eine Dienstbesprechung.«

»Dann hast du wenig Zeit. Ich hab nur eine Bitte. Ich brauche den Namen der jungen Frau, die vorgestern entführt worden ist – von ihrem eigenen Vater.«

»Den Fall kenne ich nicht«, entgegnete der Hauptkommissar. »Aber ich informiere mich gerne.«

»Das Ganze hat mit der Kirche der Erleuchteten zu tun, die zurzeit vor dem Verlagshaus auf Seelenfang ist.«

»Verstehe. Diese Sekte ist uns nicht unbekannt. Sie bedrohen und bekämpfen ihre Gegner auf eine sehr unangenehme Art. Aktuell haben die sich diesen Fernsehstar vorgenommen.«

»Pitt Brett?« Ich wunderte mich. »Das wisst ihr schon?«

»Ich habe das Flugblatt auf meinem Schreibtisch liegen«, berichtete Kleist. »Der Sender, für den dieser Fuzzi auftritt, hat Polizeischutz verlangt. Aber dazu fehlt uns das Personal. Jetzt bemühen die Fernsehleute kommerzielle Personenschützer.«

»Kannst du den Namen der Frau herausbekommen?«

»Ich werde den Kollegen bitten, die Frau zu kontaktieren. Oder den Vater. Wenn sie einverstanden sind, mit dir zu sprechen, gebe ich deine Telefonnummer weiter. Wäre das in Ordnung für dich?«