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eISBN 978-3-89425-849-8

 

Lucie Flebbe

Fliege machen

Kriminalroman

Die Autorin

Lucie Flebbe (vormals Klassen) kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und Kindern in Bad Pyrmont.

Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als beste Newcomerin in der Sparte Romandebüt ausgezeichnet. Der zweite Fall für Lila Ziegler folgte 2010 mit Hämatom.

www.lucieflebbe.de

Inhalt

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

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47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

Danke

1.

Vor mir stand ein Schlumpf.

Ein kleiner, stinkender Schlumpf, der zu allem Überfluss hicksende Heulgeräusche von sich gab wie ein defekter Feuermelder.

Mein Name ist Lila, ich bin zwanzig Jahre alt und ich habe definitiv den falschen Job.

Dabei war heute erst mein zweiter Tag als Praktikantin in der Schlumpfgruppe des Zwergenland-Kindergartens in Bochum-Langendreer. Aber es war bereits die dritte vollgeschissene Hose an diesem Vormittag und die brachte mich dazu, meine Berufswahl zu überdenken. Wieso zum Teufel hatte ich mich zu dieser Arbeit überreden lassen?

»A-a«, jaulte der breitbeinig vor mir stehende rothaarige Schlumpf namens Till mit tränenüberströmtem Gesicht.

Gehörte der Toilettendienst eigentlich nur zu meinem Aufgabenbereich?

Ich sah zu Doro und Birgit hinüber. Die Erzieherin und die Gruppenleiterin waren mindestens genauso zuständig.

Doch die taten dreist, als würden sie Tills Gejodel überhören. Durch das mit tanzenden Schneemännern aus Tonkarton beklebte Fenster betrachteten die Frauen tuschelnd die Hinterteile der beiden Hausmeister, die im Außenspielbereich ein im Sand stehendes Klettergerüst reparierten.

Auch ich warf einen kurzen Blick nach draußen. Gut, das Gesäß vom alten Berti war wahrscheinlich nicht das Objekt des allgemeinen Interesses. Die fünfzig Kilo Übergewicht seines Bauchs zogen ihn nach vorn, wodurch der hintere Bereich der blauen Arbeitshose heruntergerutscht war und die Aussicht auf zwei nicht gerade knackig wirkende Arschbacken freigab.

Zweifellos war es die Hinternansicht von Bertis neuem Kollegen, die die Aufmerksamkeit der beiden Kindergärtnerinnen fesselte. Von vorn betrachtet hätte der Neue in seinem verschmierten Blaumann, dem kratzigen Strickpullover und der tief ins schlecht rasierte Gesicht gezogenen Mütze Bertis fünfzig Kilo leichterer kleiner Bruder sein können. Doch aus unserer momentanen Perspektive betrachtet, war unübersehbar, dass sein Hintern die Hose ausfüllte.

»A-aaaaaa!«, schrie Till jetzt so trommelfellvernichtend laut, dass mir die Grenzen meines Aufgabenbereichs augenblicklich wurscht wurden.

»Ist ja gut!«, zischte ich gereizt. »Komm schon mit.«

Seufzend betrachtete ich den nassen braunen Fleck auf der Rückseite von Tills winziger – oha! – Levis-Jeans, während ich das kreischende Kind in den Waschraum mit den winzigen Kindertoiletten schob. Im Vorbeigehen schnappte ich mir eine Ersatzhose aus dem für derartige Notfälle bereitstehenden Pappkarton.

Ich hasste diesen Job.

 

»Na, haste alles im Griff, Süße?«, quatschte mich jemand an, als ich Tills Gekreische eine gute Viertelstunde später endlich abgestellt hatte und ihn wohlriechend wieder ins allgemeine Gewusel entließ.

Die Stimme war mir näher gekommen, als es sich gehörte, denn sie berührte als warmer Lufthauch mein Ohr und roch nach Kaffee. Als ich mich umdrehte, sah ich den Ärmel eines dunkelgrauen Strickpullis über die Bartstoppeln unter der Nase wischen.

Ein Blick durch die Glastür, die in den Außenspielbereich führte, sagte mir, dass die beiden Erzieherinnen die Hausmeister inzwischen mit einem Becher Kaffee vor den frostigen Januartemperaturen gerettet hatten.

Der dicke Berti stand schniefend vor den beiden Frauen. Mit seinen Gartenhandschuhen umschloss er den Kaffeebecher, der in seinen Pranken wie eine Puppentasse wirkte, während er das Neueste von seiner Bandscheibe berichtete.

Sein Kollege mit dem knackigen Hintern hingegen war zu mir herübergeschlendert, und die Blicke von Doro und Birgit verrieten mir, dass das nicht der Plan der beiden Erzieherinnen gewesen war.

Die Augen des Mannes waren schmutzig grau und kalt wie die Wolken am Winterhimmel. Sein Blick wanderte prüfend an meinem engen, schwarzen Rollkragenpulli hinunter. Das dunkle Outfit hatte ich ausgesucht, weil es seriöser wirkte als die bunten Schlabberpullover mit Blumenaufnähern, die ich normalerweise bevorzugte. Der amüsiert glitzernde Blick des Hausmeisters blieb an dem durchsichtigen Plastikmüllbeutel hängen, aus dem Tills Markenjeans ihren unangenehmen Duft verströmte.

»Ich hab immer alles im Griff«, knurrte ich.

»Okay.« Der Möchtegerngärtner zog sich die Mütze von der Glatze, stopfte sie in die Tasche seines schmierigen Blaumanns und lehnte sich lässig an die Wand. »Ich dachte ja nur, ich könnte dir vielleicht helfen.«

Jetzt ließ ich meinen Blick abschätzend wandern. Er war nicht viel größer als ich, aber deutlich älter, achtunddreißig, um genau zu sein. Schlecht rasiert, schmutzig und durchtrainiert versprühte er einen schmuddeligen Hafenarbeiter-Sex-Appeal, der mir gerade den Neid der beiden Erzieherinnen einbrachte.

Seit letztem Freitag arbeitete Ben Danner als Hausmeister im Zwergenland. Und weil er seine Kaffeepause mit mir verquatschte statt mit Doro und Birgit, würden sie mich zur Strafe bestimmt auch noch die nächsten zwanzig vollen Hosen wechseln lassen.

Na warte, du Frauenschwarm.

Ich strich mir die schulterlangen, blonden Haare hinter die Ohren und klimperte ihn mit einem himmelblauen Augenaufschlag an. »Wenn Sie so nett fragen, Herr Danner, seien Sie doch so lieb und bringen Sie das hier für mich in den Keller zur Waschmaschine, ja?«

Ich hielt ihm den duftenden Müllbeutel unter die Nase.

Danner verzog angewidert das Gesicht.

Ich lächelte liebenswürdig.

Wütend schnappte er mir die Stinketüte aus der Hand.

 

»Was wollte der denn von dir?«, erkundigte sich Doro, als ich mich gleich darauf zu den beiden Erzieherinnen gesellte.

Ich winkte ab: »Hat mich blöd angequatscht. Der scheint auf der Suche zu sein.«

»Pfft, Kerle.« Birgit verdrehte die Augen. Ihr Gesicht verriet, was sie von Männern hielt, die Frauen anbaggerten, die ihre Töchter sein könnten. Birgit war eine ungeschminkte Endvierzigerin, deren typisch praktischer Hausfrauenkurzhaarschnitt mir sagte, dass sie einen gut verdienenden Mann und zwei Kinder auf dem Gymnasium hatte und Hausmeisterhintern nur so lange interessant fand, wie sie ihre Ehe nicht gefährdeten.

Doro hingegen horchte interessiert auf: »Du meinst, der ist Single?« Sie sah sich schnell nach Danner um. Gemeinsam mit Berti machte er sich wieder draußen am Klettergerüst zu schaffen.

»Och nö, Doro«, stöhnte Birgit. »Letzte Woche warste doch erst mit dem Fensterputzer beim Italiener.«

»Ach, hör auf! Der Idiot hat mich bezahlen lassen und sich dann nicht mehr gemeldet«, winkte Doro ab.

Doro war also definitiv auf der Suche. Und zwar dringend. Das Ticken ihrer biologischen Uhr war selbst im Getöse der durcheinanderkreischenden Schlumpfgruppe zu hören. Sie war geschminkt, mollig und trug auch mitten im Winter ein Shirt, das ihr üppiges Dekolleté nicht versteckte. Ihre flusigen Haare waren sehr lang und blondiert, auch wenn ihr ein kürzerer Haarschnitt sicher besser gestanden hätte. Ein eindeutiges Signal an die Männerwelt.

Für eine unverheiratete Frau wäre der dreißigste Geburtstag eigentlich genau der richtige Zeitpunkt, um sich eine wilde, blaue Punkfrisur zuzulegen, überlegte ich nachdenklich.

»’n leckeren Hintern hat er ja«, bremste Doro meine Überlegungen. Die Handwerker im Sandkasten fesselten bereits wieder die Aufmerksamkeit der Erzieherin. Den Jungen in Latzhose neben ihrem Bein, der gerade einem kleinen Türken eine Spider-Man-Figur auf den Kopf donnerte, schien sie nicht zu bemerken.

Der Türke heulte los.

»Fresse, du Asi!«, schnauzte der moppelige Latzhosenträger, von dem ich bisher geglaubt hatte, er könne noch gar nicht sprechen.

»Justin!«, schnappte Birgit scharf und bückte sich nach dem heulenden Kind, während Justin zusammen mit Spider-Man flüchtete.

»Ja, der Hintern ist okay«, bestätigte ich Doro.

»Er vermisst übrigens sein Handy, hat er mir erzählt«, bemerkte ich. »Du hast nicht zufällig eins gefunden?«

Doro schüttelte den Kopf. Ein verträumtes Lächeln huschte über ihre rougeroten Wangen: »Erst letzte Woche habe ich meine Uhr verloren. Wir sind wohl beide schusselig, das passt ja.«

Ja klar. Selbst eine Kuppelbörse im Internet hätte beim Vergleich der Persönlichkeitsprofile nicht mehr Gemeinsamkeiten finden können.

»Ich könnte ihn ja mal ansprechen, was meinst du?«, überlegte Doro mit einem erneuten verklärten Blick auf Danners Gesäß.

Mann, sein Arsch wird mit Sicherheit kein Gespräch mit dir beginnen!

Ich zuckte die Schultern: »Versuch es. Du hast ja nichts zu verlieren.«

Die Aufregung färbte Doros Wangen unter der Schminkschicht noch ein wenig dunkler. Hastig wühlte die Blonde ihr eigenes Handy aus der Tasche.

Als sie die Tür zum Außenbereich aufschob, wehte ein eisiger Luftzug den kalten Stoff meiner Jeans gegen meine Schienbeine. Ich drückte die Tür hinter der Erzieherin zu und beobachtete, wie sie ihr Dekolleté als Blickfang zurechtschubste, während sie durch den angefrorenen Sand auf die beiden Hausmeister zustapfte.

 

2.

Es war Viertel vor sieben an diesem Montagabend, als ich durchgefroren die Kneipe in Bochum-Stahlhausen erreichte. Der Schriftzug Bei Molle leuchtete einladend neben einer Werbung für das Bier der Bochumer Fiege-Brauerei. Die Hände tief in den Taschen meiner alten Cordjacke vergraben, stieß ich die Tür mit der Schulter auf.

Der Laden war eine echte, altmodische Kneipe, mit beige gefliestem Boden und einem mit Spirituosen überfüllten Regal hinter dem glänzend polierten Tresen. Die Polster der hölzernen Stühle und Sitzbänke waren passend zu den Tischdecken rot kariert. Es gab Fußballfotos und VfL-Flaggen an den Wänden, ein elektronisches Dartspiel, einen Flipper und einen Computer, an dem man für zwei Euro Trivial Pursuit spielen konnte.

Müde ließ ich mich auf einen Stuhl am Tisch direkt neben der Theke plumpsen: »Hi, Molle.«

Was für bescheuerte Arbeitszeiten! Bisher war mir verborgen geblieben, dass Kindergärtnerinnen Schicht arbeiten mussten. Aber tatsächlich wurden die ersten Kinder morgens um halb sieben abgegeben und die letzten erst gegen neunzehn Uhr wieder abgeholt. Dass Mütter ihre Berufung neuerdings nicht mehr in der Rolle der preisgünstigen Haushälterin ihrer Ehemänner fanden, sondern sich flexibel und motiviert an die Zweiundzwanzig-Uhr-Öffnungszeiten bei Penny anpassten, war für Erzieherinnen kein Anlass zur Freude.

Und für ausgebeutete Praktikantinnen war das ein Fluch. Den Vormittag von sieben bis zwölf hatte ich bei den Vormittagsschlümpfen verbringen dürfen. Nach einer arbeitnehmerfeindlichen dreistündigen Mittagspause ging es von drei bis sechs weiter mit den Nachmittagsgnomen. Teildienst nannte man diese freizeitverhindernde Elf-Stunden-Schicht. Wohl der Grund, aus dem im Gegensatz zu mir die meisten der Kindergärtnerinnen halbtags arbeiteten. Nur Noch-Single Doro war genauso lange anwesend wie ich.

Der Wirt wischte sich die vom Spülen nassen Hände an der Schürze ab, die stramm seinen Bauch umspannte. Er kam um die Theke herum und schob mir einen großen, dampfenden Becher unter die Nase: »Mach ruhig Feierabend, Lila. Ich schaff das hier heute Abend schon allein.«

Ich schloss meine steifen Finger um die Teetasse: »Quatsch. Ich bin gleich wieder fit.«

Das warme Porzellan erzeugte ein schmerzhaftes Pochen in meinen rot gefrorenen Händen.

Im gleichen Moment schlang sich ein kräftiger, männlicher Unterarm um meinen Hals, nahm mich in den Schwitzkasten. Ich ließ den Becher stehen, krallte meine Finger in den kratzigen Strickärmel und versuchte fluchend, mich zu befreien – aussichtslos.

»Kannst du mir vielleicht verraten, wie deine moppelige Kollegin auf die Idee kommt, sie und ich hätten viele Gemeinsamkeiten?«

Lachend japste ich nach Luft.

»Keine Ahnung, warum alle Frauen auf deinen Gammellook fliegen«, log ich frech.

Danner dachte nicht dran, seinen Griff zu lockern. Er kippte mich mitsamt meinem Stuhl nach hinten und sah von oben auf mich herab: »Du hast mir das Huhn mit Torschlusspanik nicht zufällig auf den Hals gehetzt?«

»Nicht ›zufällig‹«, grinste ich. »Ich hab ermittelt. Dafür bezahlst du mich, falls du dich erinnerst. Und deinen Hintern hast du immer noch selbst vors Fenster gehalten.«

Danners graue Augen funkelten.

»Immerhin hab ich herausgefunden, dass in unserer Gruppe kein fremdes Handy gefunden worden ist«, berichtete ich, noch immer kopfüber nach hinten hängend.

Danner runzelte die Stirn: »Moppelchen hat aber was anderes behauptet.«

Ich verdrehte die Augen: »Mann, du wirst doch nicht auf den ältesten Trick der Welt reinfallen! Das Ding, mit dem sie dich angequatscht hat, war natürlich ihr eigenes Telefon. Die brauchte doch einen Vorwand, um dich angraben zu können.«

»Und hilfsbereit, wie du bist, hast du ihr den passenden Vorwand geliefert.« Abrupt ließ der Detektiv meinen Hals los und eine Sekunde später lag ich samt Stuhl auf dem Boden.

Während er sich auf einen freien Platz fallen ließ, rappelte ich mich hoch. Ich griff meine Teetasse: »Und was hast du heute rausgefunden?«

Molle stellte Danner ein Bier auf die karierte Tischdecke.

Der Detektiv zuckte die Schultern: »Berti ist kein Genie, aber seinen Job nimmt er sehr ernst. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der sich eine Erpressung ausdenkt.«

Das war nämlich der Grund, aus dem Simone Müller-Wunk, Leiterin der Kindertagesstätte Zwergenland, die Detektei Danner mit den Ermittlungen im Kindergarten beauftragt hatte. Die gepflegte, eher streng wirkende Diplom-Pädagogin hatte eine kurze, aber offenbar heftige Affäre mit dem dicken Berti gehabt. So heftig immerhin, dass auf dem Handy der Kindergartenleiterin mehrere Videos entstanden waren, die zeigten, wie der Hausmeister die schicke Rothaarige auf ihrem Schreibtisch beglückte.

Zu gern hätte ich gewusst, wie genau das ausgesehen hatte, denn meiner Meinung nach konnten weder die zierliche Diplom-Pädagogin noch der Schreibtisch eine Nummer unter Bertis Massen ohne größere Schäden überstehen.

Doch leider waren die lehrreichen Aufnahmen letzte Woche samt Handy verschwunden. Und weil Simone Müller-Wunk seit elf Jahren mit Peter Wunk, einem biederen Beamten der Agentur für Arbeit, verehelicht war, befürchtete sie nun, dass der dicke Berti ihr nach dem Ende ihrer kurzen Beziehung das Handy entwendet hatte. Die Kindergartenleiterin glaubte, der Hausmeister sei bis über beide Ohren verliebt und wolle sie zwingen, zu ihm zurückzukehren. Oder noch schlimmer – er zeigte die interessanten Aufnahmen ihrem Mann, um so die Trennung zu provozieren.

Also hatte sie Danner und mich beauftragt, das Telefon schnellstmöglich wiederzubeschaffen.

»In Bertis Werkstatt habe ich jedenfalls kein knallrotes Handy gefunden.« Danner nippte an seinem Bier.

Dank der Signalfarbe sollte Frau Müller-Wunks Telefon eigentlich nicht zu übersehen sein. Stilbewusst hatte die Kindergartenleiterin es nämlich passend zu Haaren, Handtasche und Schuhen in ihrer Lieblingsfarbe gekauft.

Im Klartext waren wir mit unseren Ermittlungen also keinen Schritt vorangekommen. Das bedeutete, mir stand morgen ein weiterer Tag in der Schlumpfgruppe bevor. Seufzend rutschte ich vom Stuhl und trat neben Molle hinter den Tresen.

 

»Wofür schuftest du hier, Mädchen? Lohnt sich doch nicht! Benutz dein Köpfchen nicht nur zum Haarefärben, denk mal drüber nach.«

Inzwischen war es halb neun und ich wollte zurück an den Tisch an der Theke, an dem Danner und meine Teetasse auf mich warteten. Nach einem Tag unter kreischenden Kleinkindern war meine Toleranz für die Vollstrammen in Molles Kneipe begrenzt.

Wortlos stellte ich dem Idioten das nächste Fiege-Bier hin. Dabei betrachtete ich seine violett verfärbte Kartoffelnase etwas länger als nötig und überlegte, wie dick und blau sie erst anschwellen würde, wenn ich sie mit einem schnellen, gut platzierten Karatehieb zertrümmerte.

Die geplatzten Adern auf den Wangen des Mannes und die stark gerötete, von Knubbeln, alten Aknenarben und Bartstoppeln unebene Haut seines Gesichtes verrieten mir, dass er seinen Kopf seit Jahren nur benutzte, um Alkohol in seinen Körper zu füllen. Zumindest entschuldigten die freundlich geschätzten drei Promille, die er heute bereits in seine Blutbahn gepanscht hatte, seine hirnfreien Sprüche ein klitzeklein wenig und bewahrten dieses Mal sein bunt schillerndes Riechorgan vor dem Zusammenstoß mit meiner Handkante.

Ich sparte mir eine Antwort.

»Die wollen dich auslutschen«, lallte er hinter mir her. »Alle! Bei Vater Staat fängt’s an und bei der lieben Familie hört’s auf! Wenn du ’n dickes Auto unterm Arsch hast, lieben se dich. Aber wenn de inner Gosse liegst, trampeln sogar die Penner auf dir rum!«

Seine Zunge schien ihm beim Sprechen im Weg zu sein, was ihn aber nicht am Weiterfluchen hinderte. »Dat is unser doller Sozialstaat. Der lässt dich nich mehr hochkommen, wenn du einmal auf die Schnauze jefallen bist!«

Er setzte das Bierglas an die rissigen Lippen und trank mit großen Schlucken.

»Bring das mal Ben und Lenny, Lila!« Molle schob seinen beschürzten Bauch hinter der Zapfanlage hervor und reichte mir zwei Gläser. Sein grauer Haarkranz wippte um das von hellen Bartstoppeln übersäte Gesicht und Lachfältchen runzelten sich in seinen Augenwinkeln, als er mir über die halbmondförmige Brille hinweg zuzwinkerte: »Sonst fangen die auch noch an zu randalieren.«

Ich trug die beiden Biergläser zum Tisch an der Theke, an dem neben Danner jetzt auch Danners bester Kumpel Kriminalkommissar Lennart Staschek saß.

»Wieso schmeißt Molle den Penner nicht endlich raus?«, knurrte Staschek genervt. »Der hatte doch schon vorm Mittag genug.«

Der anschmiegsame braune Kaschmir des Pullunders harmonierte perfekt mit dem dicken, welligen Haar des Kommissars und seinen schönen, kastanienfarbenen Augen. Die Wahl der samtweichen Oberbekleidung schien sogar auf seine Stimme abgestimmt zu sein, deren Klang einen Versicherungsverkäufer im Telefondienst vermuten ließ. Dass Staschek seinen guten Geschmack gern auf seine Frau schob, hatte ich ihm noch nie so ganz abgekauft. Denn das schmale Gesicht des Polizisten schien auch jetzt im Januar ansprechend gebräunt, was ich mir nur mit heimlichen Solariumbesuchen erklären konnte. Und zu denen zwang ihn vermutlich doch eher die eigene Eitelkeit als seine patente Ehefau. In jedem Fall hätte der attraktive Kommissar besser auf ein Werbeplakat für Haarpflegeprodukte gepasst als in eine schmuddelige Kneipe in Bochum-Stahlhausen.

Ich stellte die Gläser auf den Tisch.

»Molle setzt doch nicht mal den Köter des Typen vor die Tür«, beantwortete Danner Stascheks Frage gerade abwinkend.

Missbilligend musterte der Detektiv den zottigen, kleinen Hund, der neben den verdreckten Schuhen des Besoffenen auf dem Boden hockte. Form und Farbe des Tieres ähnelten einem verschimmelten Wischmopp, der mithilfe der Schädlingskolonien, die ihn bevölkerten, ein Eigenleben entwickelt hatte. Das Schwanzende des haarigen Bodenputzers konnte man nur vom Kopfende unterscheiden, weil es freundlich hin- und herwedelte, während Herrchen weiter wahllos über Regierung, Gesellschaft, Finanzamt, die Krise, das Wetter und das wackelnde Bein des Barhockers schimpfte.

Danner lehnte sich zurück und klaute dem Besoffenen die unter dessen Arm klemmende Tageszeitung. Der Schimpfende bemerkte den Diebstahl nicht.

»Molle würde den auch einziehen lassen, wenn er dreist genug schnorrt«, brummte Danner und begann, die Schlagzeilen zu studieren.

Gemeiner Tiefschlag in meine Richtung. Ich funkelte den Detektiv wütend an.

Gut, ich hatte mich dreist reingeschnorrt, in die gemütlich-schmuddelige Männer-WG von Danner und Molle – aber ich hatte zumindest nicht gerochen, als hätte ich ein halbes Jahrzehnt lang nicht geduscht. Und ich soff auch nicht die Kneipenvorräte leer.

»Der sucht bestimmt ein trockenes Plätzchen für die Nacht«, vermutete Staschek. »Gleich kriegt er von mir ein kostenloses Taxi und eine Gratisübernachtung in der Ausnüchterungszelle.«

Der Penner hatte sich mittlerweile über die Theke zu Molle gebeugt, damit der dicke Wirt ihm auch ganz sicher zuhörte. Er war klein und stämmig und seine Haare und sein Bart hatten eine starke Ähnlichkeit mit dem Fell seines Hundes. Zu einem geflickten, klein karierten Sakko trug er eine ausgefranste Fliege um den Hals. Irgendwann war das Ding vermutlich mal rosa gewesen. Damit erinnerte er an einen traurigen Clown.

Immerhin ließ der Wohnungslose ein paar Eurostücke auf die Theke klimpern und bezahlte sein Bier. Anscheinend hatte er genug Geld für einen Vollrausch erbettelt. Was leider mal wieder die weit verbreitete Annahme bestätigte, dass Penner die Almosen, die man ihnen gab, sowieso nur versoffen.

»… und die Scheißweiber sind auch alle nur Finanzbeamte mit Titten. Guck dir nur die Göre da an!«, schimpfte er, ohne Luft zu holen, weiter und schwappte mit seinem Bier in meine Richtung.

Interessiert richtete ich mich auf.

Anscheinend war seine Nase für heute doch noch nicht außer Gefahr.

»Noch nicht mal volljährig und verdreht den Kerlen schon den Kopf, die Schlampe! Das haste drauf, wa?«, pöbelte er mich jetzt direkt an. »Den alten Fliege kannste aber nicht bezirzen, du kleine Nutte!«

Danners Stuhl polterte zu Boden. Doch weil ich keine zwei Meter neben dem Besoffenen gestanden hatte, war ich schneller.

Ich packte den Clown an seiner fransigen Fliege und schubste ihn mit dem Rücken gegen die Theke.

»Pass auf, was du sagst, du Arsch!«, zischte ich wütend.

Der Penner hustete mir eine Wolke aus Alkohol und Mundgeruch entgegen und seine Fusselbürste kläffte aufgeregt meine Füße an.

Ich spürte Muskeln, die ich unter dem dicken, kratzigen Stoff seines Sakkos nicht erwartet hatte. Unkontrolliert ruderte er mit den Armen – nicht so sehr, weil er sich gegen meinen Griff wehren wollte, sondern eher, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich hätte Schwierigkeiten gehabt, ihn festzuhalten, hätte Danner nicht einen Moment später den rechten Arm des Penners gepackt und Staschek den linken.

»Das war’s für heute, Fliege«, brummte Molle und deutete mit dem Kopf zur Tür.

Ich ließ den Sakkokragen los.

»Du kannst dir aussuchen, ob du die Nacht in der Ausnüchterungszelle oder im Obdachlosenasyl in Gelsenkirchen verbringen willst«, informierte ihn Staschek.

»Oder im Krankenhaus«, ergänzte Danner freundlich.

Na toll, das Arschloch bekam auch noch eine Gratisübernachtung für seine große Fresse. Ärgerlich plumpste ich am Tisch neben der Theke vor meine Teetasse und schnappte mir die Zeitung, die Danner dem Penner entwendet hatte.

Ich blätterte durch die Schlagzeilen, während Danner und Staschek den Obdachlosen zur Tür schoben. Doch die Überschriften kannte ich bereits, das Blatt war mindestens zwei Wochen alt. Wahrscheinlich benutzte der Typ es auf seiner Parkbank als Decke.

»Ihr versteht ja echt kein Spaß, wa? Locker bleiben, Leute, kommt nich wieder vor, ehrlich!«, versicherte der Penner. »Mach mir ma noch ’n Bier, Molle, ja?«

»Dir machen wir hier heute gar nichts mehr«, klärte Staschek ihn auf.

»Du wills’ mir vorschreiben, wie viel ich saufen darf?«, wurde der Penner schon wieder lauter. »Arrogante Wichser seid ihr Bullen! Aber wenn ihr selber mal auffe Fresse fliegt, werdet ihr euch an meine Worte erinnern! Dann merkt ihr schon, dat der alte Fliege recht hatte. Jetzt sach wat, Molle! Sach deinen Bullen, dat ich noch ’n Bier krieje!«

Molle zögerte.

»Och nö, Molle!«, stöhnte Staschek.

Seufzend stellte der dicke Wirt ein neues Glas auf die Theke: »Deine letzte Chance, Meister.«

»Mann, Molle!« Wütend ließ Danner den Arm des Besoffenen los. Der taumelte zur Seite und polterte gegen einen Barhocker.

»Adoptier lieber ’ne Katze!«, schnauzte Danner den Wirt an.

Doch wie immer prallte Danners Ärger wirkungslos an Molle ab.

Der Penner stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tresen. »Wär janz schlecht, wenn se mich heute einbuchten würden«, verriet er Molle. »Ich muss nämlich noch auffe Jagd gehn, weißte?!«

»Auf die Jagd?« Über seine Brille hinweg blickte Molle den Betrunkenen streng an. »Und was willste jagen?«

Fliege lehnte sich noch ein bisschen weiter zu ihm hinüber. Molle wich vor dem Atem des Penners zurück.

»Vampire«, verkündete der Vollstramme verschwörerisch.

Molle zog eine buschige Augenbraue in die Höhe.

Doch der Alte nickte ernsthaft: »Blutsauger, die lauern da draußen überall, weißte?«

Ich blätterte kopfschüttelnd in der Zeitung. Was für ein Spinner. So was passierte eben, wenn man sich sein Gehirn mit ’ner Flasche Korn pro Tag wegballerte.

Beinahe ironisch, dass die Schlagzeile ausgerechnet in der Zeitung, unter der der Mann offenbar jede Nacht schlief, Gepanschter Schnaps lautete. Daneben ein Foto von einem zerfetzten Sportwagen. 2,3 Promille! – Nach Silvesterfeier verunglückt Bauunternehmer tödlich in seiner S-Klasse, las ich. Wollten die Veranstalter mit Billigschnaps Geld sparen?

Tja, da hatte auch der Sportwagen dem Gehirn nichts mehr genutzt. Immerhin würde sich Fliege, der Penner, wohl nicht mit einer S-Klasse ins Jenseits befördern.

Ich warf die Zeitung neben das Bierglas des Obdachlosen auf den Tresen.

»Ich lass mir nix mehr gefallen, ich nicht!«, wetterte Fliege lauter. »Heute ist endgültig Schluss! Ich spiel das Scheißspiel nicht mehr mit! He, merk dir das, du Nutte! Du kriegst auch irgendwann die Quittung!«

Bevor ich begriff, dass der Besoffene sich umgedreht hatte und wild gestikulierend auf mich zuwankte, hatte Danner ihn an der Schulter gepackt. »Jetzt ist endgültig Schluss, Kollege! Abmarsch!«

Deutlich sah ich die Spannung von Danners Oberarmen unter seinem schlabberigen Rolli. Doch trotz seiner durch Hanteltraining aufgepumpten Muskeln konnte auch der Detektiv den Betrunkenen nicht ganz mühelos zum Gehen überreden.

»Molle, alter Kumpel«, lallte der Obdachlose noch, während Danner ihn zur Tür schob. »Pass auf meine Mücke auf, okay?«

Mit einer schwungvollen Armbewegung, unter der sich Danner gerade noch wegduckte, deutete der Mann auf den wedelnden Wischmopp, dessen Leine am wackelnden Hockerbein festgebunden war. »Ich hol ihn nachher wieder ab.«

Endlich schwankte der Besoffene hinaus.

»Dann sag mal Hallo zu deinem neuen, vollautomatischen Staubwedel«, grinste Danner, nachdem die Kneipentür hinter dem Obdachlosen zugeklirrt war.

Molle war hinter der Theke vorgetreten und betrachtete den fiependen Flusenfänger misstrauisch. Hinter den dunklen Fellzotteln, die dem Tier in die Stirn hingen, blinzelte es mit glänzend schwarzen Knopfaugen treuherzig zurück.

»Du glaubst doch selbst nicht, dass der den heute noch abholt«, unkte Danner. »Fliege schnarcht garantiert schon auf irgendeiner Parkbank. Sei froh, wenn der das Vieh in drei Wochen zurückhaben will.«

»Ich kapier nicht, warum du den Penner überhaupt reinlässt«, tippte Staschek sich an die Stirn.

»Nun mach mal langsam, Herr Kommissar.« Molle bückte sich ächzend und löste die Hundeleine vom Stuhlbein. Irgendwo im Fell versteckt klimperte ein Halsband. »Unter der Brücke kann jeder landen.«

»Ja, sicher, ist mir letzte Woche erst passiert«, spottete der Kommissar.

Molle schnaufte verärgert: »Sei dir mal nicht so sicher, dass du da nie hinkommst, nur weil du ein fettes Beamtengehalt nach Hause schleppst.«

Molles Worte wärmten mich.

 

Gegen halb elf verabschiedete sich der letzte Gast. Nur Mücke, die schwanzwedelnde Schädlingskolonie, war – wie Danner vorausgesagt hatte – noch immer da.

Seufzend beschloss Molle, noch eine Runde Gassi zu gehen.

 

3.

Heute war Gemüsetag.

Gelber Gemüsetag, um genau zu sein. Gestern war roter Gemüsetag gewesen und der morgige Mittwoch würde ein grüner Gemüsetag werden.

Die Gemüsetage dienten wohl hauptsächlich dazu, die Schlumpfmütter in drei Gruppen einteilen zu können. Jeden Morgen lieferten verschiedene Kategorien von Frauen ihren Nachwuchs in dem zweistöckigen Gebäude mit den bunt bebastelten Fenstern ab.

Erstens gab es die Supermamis, die Vollzeitmütter, die jeden Morgen noch eine gute Stunde auf den winzigen Stühlen im Gruppenraum hocken blieben und die die Tupperboxen ihrer Kinder am Montag vorschriftsmäßig mit sämtlichen Sorten roten Gemüses gefüllt hatten. Tatsächlich waren da nicht nur Tomaten und Paprika oder Radieschen aufgetaucht, sondern auch Sorten, die ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Rote Bete, dunkelrote Hokkaido-Kürbisse und eine rötliche Zwiebelsorte zum Beispiel. Heute, am gelben Gemüsetag, hatten die Markenjeans tragenden Supermami-Sprösslinge Dinge wie Ingwerwurzeln und Steckrüben in ihren Frühstückstaschen.

Zweitens gab es die Chaos-Queens, die Berufstätigen, deren Kinder auch mal ungebügelte Shirts oder zwei verschiedene Socken trugen und die ihre Sprösslinge vor der Arbeit im Laufschritt in der Kita ablieferten. Die Chaos-Queens hatten die Gemüsetage am Montag verschwitzt und die Supermamis konnten gnädig darauf hinweisen, dass ihre Kinder genug Gemüse für alle dabeihatten. Um nicht als überforderte Rabenmütter dazustehen, besorgten die Chaos-Queens in ihren Frühstückspausen schnell noch eine ordnungsgemäß gefärbte Paprika und kritzelten sich eine Notiz auf die Handfläche, um die Farbe des nächsten Gemüsetages nicht zu vergessen.

Und drittens gab es die Asis. Ein typisches Beispiel dafür war die quadratische Frau, die den prügelnden Latzhosenträger Justin in der Schlumpfgruppe absetzte. Auch an den Gemüsetagen hatte der kleine Schläger eine BiFi und ein Snickers dabei, was die Mutter mit den Worten begründete: »Der mag kein Obst.«

Ach so – und neuerdings gab es noch eine vierte Gruppe: die Väter!

Laut Doro eine sehr seltene Spezies, die erst seit Einführung der Vätermonate des neuen Elterngeldes vereinzelt zu beobachten war. Die neuen Helden des Alltags: Väter in Elternzeit. Auch die hatten natürlich nie das passende Gemüse dabei, aber das brauchten sie auch nicht, denn für einen Mann war es ja schon eine geradezu heroische Leistung, sich überhaupt der Herausforderung der Kindererziehung zu stellen. Die Väter wurden schon bewundert, wenn sie ihrem Nachwuchs die Straßenschuhe gegen Puschen tauschten.

Statt sich den Ingwerwurzeln ihrer Schützlinge zu widmen, lauerte Doro den ganzen Vormittag auf Danner. Der hatte es unter Vortäuschung einer Schreibtischreparatur geschafft, in das Büro von Simone Müller-Wunk zu gelangen. Im Vorbeigehen hatte ich ihn unter dem Schreibtisch liegen sehen, während der dicke Berti in einer Ecke lehnte und verträumt die Arbeitsplatte vor dem PC betrachtete. Doro – frisch blondiert – war im Laufe des Morgens übrigens zwölf Mal auf nicht unbedingt kindergartentauglichen Pumps an der offenen Bürotür vorbeigestöckelt.

Vielleicht hatte Simone Müller-Wunk ihr Handy ja auch nur verlegt und die ganze Aufregung war umsonst?

»Kein Handy – aber der Schreibtisch ist hin«, berichtete Danner, als er in der Mittagspause seinen klapprigen Geländewagen vor Molles Kneipe parkte.

Heute war es beißend kalt. Mein Atem bildete eine helle Wolke vor meinem Mund.

»Die Arbeitsplatte ist durchgeknackt«, fuhr Danner grinsend fort. »Die Müller-Wunk behauptet, sie habe sich draufgestellt, um ein Bild aufzuhängen. Sieht aber eher danach aus, als hätte Berti tatsächlich seine drei Zentner für ’n Quickie da draufgewuchtet.«

Danner drückte die Tür zur Gaststätte mit der Schulter auf und zog sich in der gleichen Bewegung die Mütze von der Glatze. Ich berührte den Messingtürgriff mit der Hand, die Kälte des Metalls tat mir an den Fingern weh.

Die Kneipe hingegen hatte Molle wie immer gut geheizt und es roch deftig nach Grünkohl. Auf unserem Tisch an der Theke standen bereits zwei dampfende Töpfe.

Ich setzte mich auf meinen Platz, Danners Stuhl neben mir war schon besetzt.

»Der Flohverteiler ist ja immer noch da, Molle!«, meckerte der Detektiv sofort.

Dem pelzigen Stuhlbesetzer entging Danners Angriff nicht, prompt ließ er ein empörtes Knurren hören.

»Schwing deinen haarigen Hintern von meinem Platz!«, knurrte Danner wütend zurück.

Einen Augenblick lang starrten sich Detektiv und Hund feindselig an.

»Rück halt einen weiter«, beendete Molle den Streit und zeigte auf Stascheks leeren Stuhl. »Lenny ist ja nicht da.«

Der Sieger der Auseinandersetzung hob triumphierend die feuchte, glänzend schwarze Nase. Danner fixierte ihn drohend, während er sich mir gegenüber fallen ließ.

»Was machen eure Ermittlungen?«, erkundigte sich Molle und schob mir einen Teller hin.

Danner winkte ab.

»Zur Abwechslung könntet ihr mal was für mich rausfinden.« Molle füllte meinen Teller, während Danner sich mit seiner Gabel schon eine Kartoffel aus dem Topf spießte.

Der Detektiv deutete mit dem aufgepikten Gemüse auf seine Stirn: »In der Mittagspause, oder was?«

»Wenn hier kein Essen auf dem Tisch stünde, hättet ihr allemal genug Zeit«, gab Molle zurück.

»Was sollen wir denn für dich rausfinden?«, erkundigte ich mich neugierig.

Molle deutete auf den Hund: »Fliege ist immer noch nicht aufgetaucht …«

Ach.

»Welch Überraschung.« Danner verdrehte die Augen. »Wir rennen bestimmt nicht los und suchen die Parkbank, auf der dein Penner seinen Rausch ausschläft. Ich hab dir doch gleich gesagt, dass du den nicht so schnell wiedersiehst.«

»Wir hatten minus sechs Grad heute Nacht«, appellierte Molle an unser Mitgefühl.

»Mann, Molle!« Mitgefühl zählte bekanntlich nicht zu Danners Stärken.

»Für euch Meisterdetektive ist es doch eine Kleinigkeit, Fliege wieder aufzutreiben«, änderte Molle prompt seine Taktik und versuchte es mit Schleimen.

»Die Kleinigkeit könnten wir uns sparen, wenn du Möchtegernpfadfinder nicht jeden Tag eine gute Tat vollbringen müsstest«, motzte Danner weiter, weil er auch gegen Schleim jeder Art von Natur aus resistent war. »Kannst du nicht fürs Rote Kreuz spenden wie jeder andere normale Mensch?«

»Kannst du nicht deine Miete zahlen und dir dein Essen selber kochen wie jeder andere normale Mensch?«, konterte Molle, allmählich wirklich wütend. »Iss endlich und dann treib den verdammten Penner auf, damit ich die Ratte wieder loswerde. Der hat mir in die Bude gepinkelt heute Nacht.«

 

4.

Unsere Mittagspause war also nach knapp zwanzig Minuten beendet.

»Na schön, also was haben wir?«, fragte ich, während ich mir noch schnell meinen grünen Schlabberpulli über mein braves Praktikantinnen-Outfit zog und mir einen dicken Schal um den Hals wurschtelte.

Danner setzte seine Mütze wieder auf und schloss den Reißverschluss seines dunkelblauen Winterparkas bis ans unrasierte Kinn: »Wir wissen, dass Fliege an dem Abend noch ein paar Vampire jagen wollte.«

»Also suchen wir ihn auf dem Friedhof in irgendeiner Gruft?«, alberte ich, während ich mich bemühte, meine alte, blaue Cordjacke über den beiden Pullis zuzuknöpfen. Wegen Schal und Rollkragen ließen sich die oberen Knöpfe nicht schließen. Sobald die Müller-Wunk uns bezahlt hatte, musste ich mir unbedingt eine Winterjacke besorgen.

»Versuchen wir erst mal rauszufinden, wo sich Fliege rumtreibt, wenn er sich nicht bei Molle durchschnorrt«, schlug Danner vor.

 

Schon seit ein paar Tagen war es lausig kalt. Die Temperaturen krochen selbst gegen Mittag kaum mehr über den Gefrierpunkt.

Nach knapp fünfzehn Minuten Fußweg von unserer Detektei bis in die Innenstadt schlotterten mir die Knie. Ein klirrend kalter Wind heulte durch die engen Häuserschluchten der Bochumer Innenstadt und fraß sich durch meine zwiebelartig übereinandergeschichtete Kleidung.

Als wir den Westring überquerten, pfiff eine so boshafte Böe die Straße hinunter, dass ich den Rücken gegen den Wind drehte. Wir ließen uns ein Stück den Gehweg hinunterpusten, bis Danner am Willy-Brandt-Platz vor dem Rathaus plötzlich innehielt.

»Aha«, sagte er nur und wechselte die Richtung.

Das Bochumer Rathaus war ein kantiger, sechs Stockwerke hoher Klotz aus dickem Stein. Beeindruckend, beinahe bedrohlich, wie eine Festung. Die Fenster am Burgtor waren mit gusseisernen Gittern gesichert, die massiven Türen mit Metall beschlagen.

Heute fehlte diesem Ort jede Farbe. Der dick bewölkte Januarhimmel war grau, die Steinplatten des Willy-Brandt-Platzes waren grau, die Festungsfront des Gebäudes war grau. Nicht mal die Stämme der wenigen kahlen Bäumchen hoben sich von der Farblosigkeit dieses Ortes ab. Die Baumkronen hatte man passend zu den kantigen Formen des Platzes schnurgerade gestutzt.

Grau schien auch die in Lumpen gehüllte Gestalt, die im Schutz des von schweren, eckigen Steinsäulen getragenen Dachüberstandes des Rathauses hockte.

Auf einem platt gedrückten Pappkarton saß der Mann auf der Steinbank, die sich an der gesamten Rathausfront entlangzog. Sonnenschein mochte diese Sitzgelegenheit angenehm warm aufheizen, doch bei diesen Temperaturen drohte man daran festzufrieren.

Neben dem Mann stand eine Bierflasche. Unter einem Schlapphut quollen schulterlang strähnige Haare hervor und das eingefallene Gesicht hatte eine unnatürlich gelbe Farbe. Über den Jochbeinen spannte sich die schlecht durchblutete Haut der Wangen, sodass ich die Konturen des Schädelknochens darunter erahnen konnte.

»Tach«, meinte Danner. »Wir suchen Fliege.«

»Wat?«

»Fliege.« Danner zupfte am Kragen seines Parkas. »Kollege von dir. Nicht besonders groß, kräftig, hat ’nen kleinen, schwarzen Hund und trägt ’n Sakko.«

»Kenn ich nich.«

Danner kramte sein Portemonnaie hervor und zog fünf Euro heraus. »Wirklich nicht?«

»Nur vom Sehen«, erinnerte sich der Penner prompt.

Ich betrachtete die Bierflasche, die der Mann nun mit beiden Händen umklammerte. Seine Finger waren lang, knochig, die Gelenke viel dicker als die Glieder dazwischen, die Nägel gelb, eingerissen und schmutzig.

»Weißt du, wo wir ihn finden?«

»Nö.«

»Kennst du jemand, der weiß, wo wir ihn finden?«

Der Obdachlose musterte Danner mit getrübtem Blick. Sogar seinen Augen fehlte eine Farbe, fiel mir auf. Das Weiße darin war gelblich verfärbt.

Danner zog weitere fünf Euro aus dem Portemonnaie.

»Frag mal die Weiber«, riet der Penner.

»Welche Weiber?«

»Ist egal.«

 

Als Nächstes versuchten wir es bei der Tafel, die an jedem Wochentag an einer anderen Ausgabestelle nicht mehr haltbare Lebensmittel aus Supermärkten, Geschäften und Restaurants an Bedürftige verteilte.

Mein Handy war internetfähig und ein kurzer Blick auf die Homepage der Tafel hatte uns verraten, dass die Ausgabe dienstags praktischerweise ab dreizehn Uhr an der Pauluskirche in der Innenstadt stattfand.

Nach fünf weiteren Minuten zu Fuß durch die von der Kälte leer gefegte Einkaufszone erreichten wir die schmale Gasse, die auf den Kirchhof führte.

Auch hier bemerkte ich die Enge. Vierstöckige, hellgraue Gebäudewände grenzten den Platz vor der Kirche ein. Mir kam es vor, als rückten sie immer näher. Uralte, mit Efeu bewachsene Bäume reckten knorrige Stämme und kahle Äste zwischen den Häusern zum Himmel empor. Efeu rankte sich auch um die hohen Bleiglasfenster des kurzen Sandsteinbaus mit dem spitz in die Wolken pikenden Kirchturm.

Ich staunte nicht schlecht über die Menge dick vermummter Menschen, die sich dem Wetter zum Trotz zwischen der halbhohen Kirchenmauer und einem provisorischen Bauzaun vor dem Eingang versammelt hatte.

»Würde mich interessieren, ob die Sonntagspredigt genauso gut besucht wird«, bemerkte Danner.