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Der Autor

Ernst Solèr, geboren 1960 in Männedorf am Zürichsee, lebte bis zu seinem Tode im Juli 2008 als Autor und Journalist in Zürich. Er studierte kurzzeitig Ethnologie und versuchte sich u.a. als Rockgitarrist, Spieleerfinder und Quizkandidat. 1987 begann er eine Karriere beim Schweizer Fernsehen, wo er sich als Redakteur und Produzent diverser TV-Sendungen einen Namen machte. Ernst Solèr arbeitete außerdem regelmäßig für das Schweizer Radio DRS.

Staub im Paradies ist Ernst Solèrs vierter Kriminalroman um den launischen Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantonspolizei. Der Autor debütierte 2006 mit Staub im Feuer, es folgten Staub im Wasser (2007) und Staub im Schnee (2008).

Staub im Paradies spielt im Februar 2007 in Zürich und Umgebung sowie in Sri Lanka. Die Handlung ist rein fiktiv, Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Vorfällen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Zu beachten ist, dass Tamilen und Singhalesen Ja meinen, wenn sie den Kopf schütteln, und Nein, wenn sie nicken.

Mario hört von einer Leiche

Detektivwachtmeister Mario Fehr blickte auf seine Rado. 9.35 Uhr. Sein Exchef Fred Staub saß wohl bereits im Flieger nach Colombo, um im sri-lankischen Dschungel seine abgöttisch verehrte Tochter zu besuchen. Mario war froh, dass der Alte endlich weg war und nie mehr in die Abteilung Besondere Verfahren zurückkehren würde. Die Verantwortlichen hatten Staub kürzlich zum neuen Kommandanten der Kantonspolizei erkoren, weswegen er nach seiner Reise nach Sri Lanka dann wohl im obersten Stockwerk über seinen ehemaligen Mitarbeitern thronen würde.

Besondere Verfahren wurde jetzt von Staubs bisherigem Stellvertreter Michael Neidhart geleitet. Der war zwar immerhin um einiges ausgeglichener als Staub, letztlich aber genauso hart und parteiisch wie sein Vorgänger. So hatte sich Michael beispielsweise nicht im Geringsten dagegen gewehrt, dass anstatt Mario ausgerechnet dessen Bürokollegin Gret zur neuen stellvertretenden Chefin der Abteilung befördert wurde. Im Gegenteil. Der ›hübsche Michael‹, so sein Spitzname, hatte dieses Vorgehen sogar öffentlich unterstützt.

Mario konnte es nicht fassen, dass man ihn derart schnöde übergangen hatte. Abgesehen von dem alten Wirrkopf John Häberli war nämlich eindeutig er der Dienstälteste in der Abteilung. Aber die Verantwortlichen hatten nun mal Gret auserwählt. Ein Affront sondergleichen, auch wenn sie selbst wenig dafür konnte.

Mario linste durch die getönten Gläser seiner Hugo-Boss-Brille zu ihr hinüber und betrachtete Gret ausgiebig. Sie brütete angestrengt über irgendeinem Bericht. Die Frau war hübsch, besonnen und immer freundlich. Aber trotzdem nicht sein Typ: viel zu ehrgeizig und selbstständig für seinen Geschmack. Im Grunde hatte er im ganzen Gebäude der Kantonspolizei bis heute noch nicht ein einziges weibliches Wesen gesichtet, das ihm zugesagt hätte. Verwunderlich war das nicht. Mario war sich längst darüber im Klaren, dass er bei der Berufswahl komplett danebengegriffen hatte. Polizist zu werden war ein Bubentraum gewesen und mehr nicht – die Arbeit bei der Kriminalpolizei nervte ihn längst zu Tode. Gut, andere träumen davon, Lokomotivführer zu werden, und merken dann bei der fünfhundertsten Fahrt von Zürich nach Eglisau ebenfalls, dass Traum und Realität wenig miteinander zu tun haben. Aber trotzdem, wie hatte es nur so weit kommen können?

Sein Job bot keinerlei Abenteuer, sondern lediglich ständig neue Verwicklungen, neue Kompetenzstreitigkeiten, neue Frustrationen und am schlimmsten: alle paar Wochen wieder frische Leichen.

Einen Scheißberuf hatte er sich ausgesucht, genau wie es ihm sein Vater prophezeit hatte. Belastend, verbrauchend und schlecht bezahlt. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder verdiente bei der Coop Bank das Dreifache. Ohne Gefahr zu laufen, in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, um im Dreck nach Toten zu wühlen.

Mario schielte schon seit Längerem nach einer anderen Beschäftigung, doch leider lief man als Polizist auf einem ziemlich toten Gleis. Am ehesten kam wohl noch der Wechsel zu einem privaten Sicherheitsdienst infrage.

»Alles klar?«, riss ihn Grets Stimme aus seinen Gedanken.

»Ja, äh, sicher«, stotterte Mario und ärgerte sich wieder einmal über seine eigene Unbeholfenheit. Gret störte sich immerhin nicht daran, wofür er ihr dankbar war – auch wenn sie ihm natürlich trotzdem nie als neue Stellvertreterin hätte vorgezogen werden dürfen.

Er beobachtete, wie sie sich mit dem Handrücken ihre weißblonden Haare aus dem Gesicht strich, lächelte und die Papiere in ihren Händen zurück auf ihr Pult legte.

»Staub dürfte wohl bald in Colombo eintreffen«, sagte sie und blickte wehmütig zum Fenster hinaus. »Ich werde ihn vermissen.«

Na klar, dachte sich Mario, der Alte hatte schließlich auch vom ersten Tag an einen Narren gefressen an der jungen Frau aus Basel. Gerüchteweise war er sogar mehrfach mit ihr ausgegangen.

»Er kommt ja wieder, wenn auch nicht zurück in unsere Abteilung«, meinte er und Gret nickte abwesend.

»Lass uns zur Sitzung gehen«, schlug Mario nach einem erneuten Blick auf seine Rado vor. Gret murmelte Zustimmung, schnellte hoch und schritt ihm voran in den Gang hinaus. Ihre Figur war klasse, das musste Mario zugeben: sehr schlank, aber dennoch wohlproportioniert. Und gut zu kleiden wusste sie sich auch. Nur leider hatte sie den falschen Beruf gewählt. Wer will schon eine Polizistin bei sich zu Hause? Besonders eine, die so ehrgeizig war wie Gret. Kein Wunder, dass sie allein lebte!

Aber auch er war leider Single, seit mehr als zwei Jahren schon. Ein ziemlich ambitionierter Versuch mit einer Dentalhygienikerin im vergangenen Herbst hatte nichts gebracht außer Ärger und Selbstzweifel: Die Frau war bald zu ihrem Exfreund zurückgekehrt, einem Historiker, der in seiner Freizeit als Nordic Walker herumstöckelte und zwanzig Jahre älter war als sie. Nicht gerade die Art von Konkurrenz, gegen die man gerne den Kürzeren zog. Die Geschichte nagte immer noch an Mario.

Er musste dringend über seine Zukunft nachdenken. Am besten irgendwo am Meer. Überstunden, die es abzubauen galt, hatte er weiß Gott genug, und da er außerdem recht flott fuhr, reichten ihm knapp sechs Stunden an die Côte d’Azur. Er würde Michael nach der Sitzung fragen, ob er ein paar Tage freimachen könne, irgendwelche spannenden Fälle standen derzeit ohnehin nicht an.

Ohne Staub fehlte etwas im Sitzungssaal, das musste sich Minuten später auch Mario eingestehen. Die Mitarbeiter von Besondere Verfahren kauerten hinter den hufeisenförmig angeordneten Pulten wie eine Herde hirtenloser Schafe. Eng beisammen und leicht desorientiert. Michael Neidhart mühte sich zwar wacker, Energie zu versprühen, aber Staubs Charisma hatte er zugegebenermaßen nicht. Sofern man die Launenhaftigkeit und das selbstgefällige Gebaren des Alten denn als Charisma bezeichnen wollte.

»Wir haben eine Anfrage um Unterstützung von der städtischen Leib und Leben«, richtete Michael einen Blick in die Runde, der wohl optimistisch wirken sollte, aber vielmehr leichte Unsicherheit verriet. »Sie haben einen erstochenen Tamilen und vermuten, dass es um Schutzgelderpressung oder um was Politisches geht, wofür ihnen angeblich die Zeit fehlt.«

»Wie bitte? Was denken die sich eigentlich? Dass sie jeden schwierigen Fall einfach an uns abtreten können?«, erboste sich Kollegin Bea Tschannen.

Der greise John Häberli unterstützte sie mit einem Hustenanfall. Auch Mario zog skeptisch die Mundwinkel nach unten.

»Es kann sicher nicht schaden, wenn wir uns die Leiche mal anschauen, denke ich«, ignorierte Michael alle Einwände. »Gret und Mario, würdet ihr das übernehmen? Weit ist es nicht. Der Tote liegt immer noch vor dem Hinterausgang des Kinos Riff Raff.«

Also schon wieder eine beschissene Leiche. Mario war in der Stimmung, spontan zu kündigen. Aber leider zahlte sich seine schmucke Dreizimmerwohnung in Erlenbach nicht von selbst. Genauso wenig wie der neu geleaste Peugeot 307, die feinen Anzüge und die Segelkurse im Sommer. Seufzend erhob er sich und schlich hinter Gret her, die bereits auf den Gang hinausgelaufen war. Er hätte auf seinen Vater hören und wie sein Bruder eine Banklehre machen sollen.

Staub fliegt ins Paradies

Ich sitze in einer Boeing 767 der deutschen Fluggesellschaft Condor am Fenster und betrachte die Wolken unter mir. Eigentlich müsste ich aufs Klo. Aber ich verspüre wenig Lust, mich in den engen Gang hinauszuzwängen, obwohl ich in der Fliegertoilette wenigstens meine Ruhe hätte. Meine liebe Ehefrau Leonie neben mir befindet sich nämlich gerade in einer hochgradig erregten Diskussion mit Adrienne, der konfusen Freundin meines Sohnes Per. Es geht um die jüngste gewalttätige Geschichte Sri Lankas. Während Leonie ihr aus drei Artikeln der Neuen Zürcher Zeitung zusammengeklaubtes Wissen zum Besten gibt, erhitzt sich Adrienne über solch böse Dinge wie den Kolonialismus und die Globalisierung. Es würde mich nicht wundern, wenn ich schon in den nächsten Minuten schlichtend eingreifen müsste. Wenn der Flieger nicht sogar notlanden muss.

Mein Sohn Per hat es natürlich wieder mal schlau angestellt und döst in der Reihe hinter uns träge vor sich hin, fern aller streitlustigen Verwandten.

Wir befinden uns derzeit irgendwo über dem Mittelmeer und werden Sri Lanka in rund fünf Stunden erreichen. Tochter Anna hat versprochen, dass sie uns am Flughafen abholt, und will uns dann erst mal in ein Fünfsternehotel an der Südküste bringen, wo wir uns akklimatisieren sollen.

»Woran denn?«, hatte ich sie am Telefon gefragt und sie hatte mir daraufhin so ungefähr alles aufgezählt, was mir traditionell auf die Nerven geht: Hitze, Feuchtigkeit, Lärm, Menschenmassen, scharfes Essen und Insekten aller Art.

Ich freue mich durchaus, Anna zu sehen. Schade nur, dass sie nicht im Tessin nach Hirschkäfern sucht, sondern im Dschungel Malariamücken jagt. Aber gut, die lieben Kinder sollen machen dürfen, wonach es sie gelüstet. Und immerhin wird Anna bald Doktorin der Biologie sein, was mich durchaus stolz macht. Frau Doktor Staub, das klingt wahrlich nicht übel. Besser jedenfalls als Hauptmann Staub.

Leonie und Adrienne sind unverhofft verstummt. Ein vorsichtiger Seitenblick verrät mir, dass an die Stelle heftigen Disputs intensives Schmollen getreten ist. Gut so, dann kann ich vielleicht noch ein wenig schlafen, bevor ich meinen Fuß in das sri-lankische Tropenparadies setze. Oder mir nochmals überlegen, warum in aller Welt ich mich dazu habe überreden lassen, nach diesen Ferien Kommandant der Zürcher Kantonspolizei zu werden. Denn um ehrlich zu sein: Davor graut mir jetzt schon. Sitzungen ohne Ende mit Polithengsten, die keinen Schimmer von wahrer Polizeiarbeit haben und mich mit ›Major Staub‹ ansprechen werden. Entsetzlich!

Bereits morgen in zwei Wochen soll ich zum Antrittsbesuch bei unserem kantonalen Polizeidirektor Jucker erscheinen. Einem Mann, der in seiner Freizeit afrikanische Kunst sammelt und das Polizeiwesen im Kanton Zürich ungefähr so stark prägt wie ein Mäuschen den Pegelstand eines Ozeans, in den es brünzelt.

Immerhin tritt Jucker bei den kommenden Wahlen im März zurück. Vermissen werden ihn nur diejenigen, die früher näher mit seiner Vorgängerin, Regierungsrätin Durrer, zu tun hatten, einer aufgedonnerten Furie der rechtspopulistischen SVP, die heute ein anderes Departement führt und nirgendwo weniger Wählerstimmen erhält als in der Gemeinde, in der sie aufgewachsen ist und immer noch wohnt. Dort also, wo man sie kennt.

»Was denkst du denn über den Kolonialismus, Fred?«, fragt mich die bildhübsche Adrienne über Leonies Kopf hinweg und richtet ihre stahlblauen Augen, die unter einer pechschwarzen Wuschelmähne hervorblitzen, auf mich. »Dadurch, dass die Engländer die Tamilen bewusst bevorzugt haben und mit ihnen zusammen die singhalesische Mehrheit knechteten, wurde der Grundstein für den Krieg doch erst gelegt. Oder etwa nicht?«

»Das ist viele Jahrzehnte her, meine Liebe, das Land wurde bereits 1948 in die Unabhängigkeit entlassen«, belehrt Leonie sie ungefragt.

Ich brumme jetzt doch, ich müsse leider dringend aufs Klo, und hieve mich aus meinem Sitz. Natürlich ertönt genau in diesem Moment eine Durchsage aus den Lautsprechern, die von Turbulenzen spricht.

»Krieg ist Blödsinn, so oder so«, knurre ich deshalb und lasse mich wieder in das Polster fallen.

»Vielen Dank für diesen wirklich substanziellen Beitrag, Fred«, frotzelt Leonie, während sich von hinten der durch ein Luftloch aufgerüttelte Per zu Wort meldet, um gähnend zu fragen, ob wir schon da seien.

Gret geht ins Kino

Vier Tage waren vergangen seit ihrem ersten Blick auf den toten Tamilen vor dem Riff Raff. Gret erinnerte sich bestens. Der Mann war seitlich zusammengekrümmt im schmutzigen Kies gelegen und hatte hässliche Stichwunden aufgewiesen: zwei braun geränderte Schlitze im Rücken. Nachdem sie und der lustlose Mario den Toten ausgiebig betrachtet hatten, war er in das Institut für Rechtsmedizin abtransportiert worden, wo er bis heute in einer Kühlbox lag.

Die Ermittlungen hatten sich wie erwartet mühsam entwickelt. Sie wussten bis heute noch nicht einmal, wer der Tote war. Seine Fingerabdrücke waren weder auf dem Migrationsamt noch beim Bundesamt für Flüchtlingswesen noch in irgendeinem Polizeiarchiv weltweit registriert. Diverse Mails und Faxschreiben an allerhand Ämter und Behörden in Sri Lankas Hauptstadt Colombo waren bis dato unbeantwortet geblieben. Auch die Veröffentlichung von Bildern des Toten hatte keinerlei Hinweise auf seine Identität gebracht.

Laut Ralf Strich vom Kriminaltechnischen Dienst war der kräftig wirkende, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alte, für einen Tamilen auffallende ein Meter zweiundachtzig große Mann nicht an demselben Ort erstochen worden, an dem seine Leiche gefunden wurde. Getötet worden war er vermutlich mit einem scharf geschliffenen Messer mit einer rund fünfzehn Zentimeter langen Klinge. Als letzte Mahlzeit in seinem Leben hatte der Mann ein Lammcurry verspeist und Bier getrunken. Sein linker Oberarm wies eine schlecht verheilte, tiefe Schnittwunde auf und mindestens einmal im Leben hatte ihn die Malaria geplagt.

Das Problem war, dass aus den ortsansässigen Tamilen einfach nichts herauszubekommen war. Die Mitarbeiter von Besondere Verfahren waren zwar überall herzlich begrüßt worden und hatten literweise süßen Tee vorgesetzt bekommen. Erfahren aber hatten sie rein gar nichts: Die Leute lebten gern hier, von Schutzgeld hatten sie noch nie gehört, um Politik scherten sie sich nicht.

Tatsächlich bereiteten die rund sechstausend Tamilen in Zürich vergleichsweise wenig Probleme. Unter den achtzig Prozent Ausländern in den Zürcher Gefängnissen waren sie stark unterproportional vertreten. Dennoch waren sie natürlich nicht alle nur Zuckerbuben, wie Gret ein Blick ins Journal gezeigt hatte, eine Computerdatei, in der sämtliche Einsätze der Kantonspolizei protokolliert wurden. Eine wüste Keilerei in Dübendorf, eine durch Messerstiche schwer verletzte Ehefrau in Uster, ein Eifersuchtsdrama mit zwei Toten in Turbenthal – die Tamilen trugen durchaus ihren Teil zur Kriminalitätsstatistik der Schweiz bei.

Neben schweren Fällen fand sich im Journal auch viel Groteskes. So wurde etwa die Verhaftung von drei Tamilen erwähnt, die – gegen ein saftiges Entgelt – deutschunkundigen Landsleuten zu Führerscheinen verholfen hatten, indem sie statt derer mit gefälschten Ausweisen zur Theorieprüfung angetreten waren. Und vor drei Tagen hatte ein Team der schwer bewaffneten Einsatztruppe Diamant die Räumlichkeiten einer mittelgroßen Werbeagentur gestürmt, um einen Tamilen abzuführen, den die Werber als Mädchen für alles eingestellt hatten: Der Mann hatte vom Fax der Agentur aus eine Bombendrohung an das Sicherheitsministerium in Colombo geschickt.

Dass Schweizer Tamilen den Guerillakampf in Sri Lanka auf vielfältige Weise unterstützten, war ein offenes Geheimnis. Auch dass Mitglieder der paramilitärischen Befreiungsorganisation LTTE Landsleute mit teilweise unzimperlichen Methoden zur Zahlung von Schutzgeldern zwangen, die in die Kriegskasse der Liberation Tigers flossen, bestritt niemand. Selbst die Höhe der erpressten Gelder war bekannt: Fünftausend Franken jährlich wurden Laden- und Restaurantbesitzern abgeknöpft, notfalls unter Androhung von massiven Repressalien gegen Angehörige in der Heimat.

Die Erpressungen waren kürzlich sogar Gegenstand einer Interpellation im Kantonsparlament gewesen, woraufhin sich der Gott sei Dank bald scheidende Regierungsrat Jucker zu einer überaus nichtssagenden Antwort bequemt hatte. Das entsprach seinem üblichen Verhalten, war diesmal aber nicht seine Schuld: Die zuständige Spezialabteilung 1 führte tatsächlich seit zwei Jahren keine Dossiers mehr zu diesem Thema, da es angeblich unmöglich war, den Beteiligten etwas nachzuweisen. Einerseits hüteten sich die Betroffenen, Anzeige zu erstatten, andererseits verlief die Grenze zwischen freiwilliger Spende und strafrechtlich relevanter Erpressung fließend. Und über so etwas wie V-Männer oder Spitzel in der Tamilenszene verfügte die Zürcher Polizei nicht.

Gret hatte gerade ein ergebnisloses Treffen mit dem Redakteur einer wöchentlich erscheinenden tamilischen Zeitung voller Veranstaltungshinweise hinter sich und befand sich auf dem Weg in die Neugasse zum Kino Riff Raff. Die Kollegen von der Stadtpolizei hatten im Zuge des Leichenfundes von einer angeblichen Schlägerei unter Tamilen in diesem Kino gehört.

Gret durchquerte zu Fuß das Zeughausareal. Sie schätzte die Temperatur auf rund fünf Grad, die Stadt lag unter einer kompakten Hochnebeldecke, wie so oft im Winter. In Basel schien sicher die Sonne, dachte sie ein wenig wehmütig, denn das Winterwetter war am Rhein wirklich besser. Aber sie hatte sich in ihrem Beruf weiterentwickeln wollen und hier in Zürich hatte man ihr die Chance dazu gegeben. Außerdem hatte sie irgendwann schlichtweg genug gehabt von der Stadt am Rhein – speziell von ihren Männern.

Einige Obdachlose belagerten krakeelend die Holzbänke auf der Wiese des Zeughaushofs, ihre Hunde tobten durch ein kreisförmiges Labyrinth aus Blumen und Sträuchern, das Freiwillige angelegt hatten und seit Jahren wacker hegten. Jetzt im Februar bestand es allerdings nur aus zerzaustem, erfrorenem Gestrüpp.

Gret erreichte die Kanonengasse und ging durch die Militärstrasse bis zur Langstrasse. Dort nahm sie die bei vielen Zürchern unbeliebte Unterführung, die vom Stadtkreis 4 in den Kreis 5 führt. Ihre derzeit beste Freundin Zoé, eine Buchhändlerin, die wie sie selbst erst vor Kurzem von Basel nach Zürich gezogen war, nahm für diese wirklich nicht sehr lange Strecke prinzipiell den Bus, seit sie spät nachts einmal von Fixern belästigt worden war.

Heute Morgen allerdings war die Unterführung fast leer, lediglich zwei dick vermummte Velofahrer rasten Gret entgegen. Sie trat wieder in das trübe Tageslicht, trank an dem aus drei Betonquadern lieblos zusammenzementierten Brunnen vor dem Latinoschuppen Flair Bar La Gozadera einen Schluck Wasser, überquerte die Röntgenstrasse, passierte an der gleichnamigen Bushaltestelle eine Gruppe pöbelnder jugendlicher Albaner, schwenkte dann in die Neugasse ein und meldete sich schließlich am Schalter des Kinos.

Der Geschäftsleiter komme gleich, informierte sie eine Frau mit schrecklichen orangefarbenen Streifen in ihrem zu einem Pilz geschnittenen braunen Haar, und Gret sah sich in dem verwaisten Barraum um und betrachtete die Filmplakate an den Wänden. Eine schräge Komödie aus Spanien, ein Drama aus Dänemark, ein Schweizer Dokumentarfilm über die letzten Bergbauern des Landes.

Das Riff Raff setzte ausschließlich – und, wie sie vermutete, ziemlich erfolgreich – auf kleinere Filme abseits des Hollywoodmainstreams. Sie selbst war auch schon hier gewesen, zuletzt vor gut einem Vierteljahr mit einem Staatsanwalt, der ihr erst gefallen hatte, dann aber schnell zu fordernd geworden war.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, sprach sie ein rund vierzigjähriger, jugendlich wirkender Mann mit Hornbrille und Kapuzenpullover an.

»Gerne, einen Latte macchiato, wenn das geht«, antwortete Gret und der Mann strebte wortlos lächelnd davon. Sie ließ sich auf einen der Hocker nieder und lauschte dem Mahlen der Maschine. Nach einer Weile hörte sie Geschirr klappern und dann kam der Mann zurück und platzierte zwei hohe Gläser, Löffel und Unterteller auf das Bartischchen. Er setzte sich ihr gegenüber und musterte sie interessiert aus tief liegenden, fast kohlschwarzen Augen.

»Sind Sie wirklich von der Kripo?«, fragte er etwas schnoddrig.

»Leiten Sie tatsächlich ein Kino mit vier Sälen?«, entgegnete Gret im gleichen Tonfall.

Der Mann grinste. »Entschuldigung, ich wollte nicht respektlos sein. Ich staune nur. Denn wenn hier mal Polizei auftaucht, dann meist in Uniform und mit grimmigen Gesichtern.«

»So wie am Sonntag?«

»So wie am Sonntag«, bestätigte er. »Es ist nicht so, dass wir hier besonders polizeifreundlich wären, aber wir wussten uns wirklich nicht mehr anders zu helfen, als die 117 zu wählen.«

»Was genau war denn los?«, fragte Gret und rührte im Milchschaum ihres Kaffees herum.

»Sehen Sie, vor rund zwei Jahren hat sich eine Gruppe Tamilen an uns gewandt und angefragt, ob es möglich sei, jeweils sonntags einen Kinosaal zu mieten, um darin eigene Filme vorführen zu dürfen. Natürlich sagten wir sofort zu. Im Kino Uto, in dem diese Veranstaltung bis dahin stattgefunden hatte, ging es aus irgendwelchen Gründen nicht mehr. Und bei den anderen Kinos der Stadt stießen die Leute offenbar auf pure Ablehnung. Das Ganze entwickelte sich bestens und wurde zu einem richtigen Happening. Es wurden Filme gezeigt, im Hinterhof Tische und Bänke aufgestellt, gegessen, getrunken und getanzt, es war jedes Mal ein kleines Volksfest. Nur kam es leider in jüngster Zeit vermehrt zu heftigen Auseinandersetzungen.«

»Worum ging es dabei?«

»Wenn ich das wüsste! Klar ist nur, dass die Leute offensichtlich keinen Alkohol vertragen. Erst haben sie sich nur verbal angefeindet. Aber letzten Sonntag kam es hier zu unglaublich gewalttätigen Szenen, zu einer richtig brutalen Schlägerei mit Verletzten und weinenden Kindern.«

»Kennen Sie diesen Mann?«, fragte Gret unvermittelt und zog das Foto des erstochenen Tamilen hervor.

»Der war dabei, hat aber eher zu schlichten versucht, wenn ich mich recht erinnere«, versicherte ihr der Kinomann nach einem kurzen Blick auf das Bild. »Und ich glaube, er hat der ganzen Gruppe einige Getränke spendiert, bevor die Schlägerei losging.«

»Waren denn auch Verwandte oder Freunde von diesem Mann da?«

»Schwer zu sagen. Ich habe ihn ja nicht extra beobachtet.«

»Wären Sie gegebenenfalls in der Lage, weitere Beteiligte dieser Schlägerei zu identifizieren?«, fragte Gret.

Der Mann nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und seufzte: »Jetzt, mit vierzig, arbeite ich also auch noch mit der Polizei zusammen! Wer hätte das gedacht.«

»Wir alle entwickeln uns weiter«, grinste sie. »Und außerdem arbeiten Sie ja mit mir zusammen, oder?«

Er sah sie forschend an und lenkte dann ein: »Das ist natürlich ein Argument. Wie heißen Sie denn? Mit Vornamen, meine ich.«

»Du darfst mich Gret nennen«, hörte sie sich sagen. »Und du?«

»Ich heiße Felix.«

»Dir gehören diese Kinos?«

»Schön wär’s!«, prustete er. »Wir sind mehrere. Ich fungiere als eine Art Betriebsleiter.«

»Immerhin«, meinte Gret. »Werdet ihr weitermachen mit den Filmnachmittagen?«

»Wir diskutieren das im Moment gerade heftig. Mir reicht es ehrlich gesagt ziemlich. Aber ich will und kann das nicht allein entscheiden.«

Gret trank ihren Latte macchiato leer und Felix zündete sich eine Parisienne Mild an. Er sah ziemlich gut aus mit seinen schwarzen Locken und den dunklen Augen hinter der Brille. Zudem war er schlank und schien zumindest gelegentlich ins Fitnesstraining zu gehen.

»Gehen wir zusammen mittagessen?«, fragte er sie plötzlich.

Gret blickte auf ihre Swatch und zögerte.

»An der Heinrichstrasse gibt’s einen ganz erträglichen Tamilen«, ließ der Mann nicht locker.

Gret gab schließlich nach. Eine warme Mahlzeit konnte ihr nicht schaden, und außerdem ergab sich dadurch vielleicht sogar die Möglichkeit, gleichzeitig weitere Informationen zu sammeln.

Felix entfernte sich kurz, um seinen Mantel zu holen, und sie studierte erneut die Filmplakate an den Wänden. Sie liebte es, ins Kino zu gehen, aber sie ging ungern allein. Sie nahm sich vor, Zoé demnächst einmal darauf anzusprechen. Oder Michael Neidhart.

Als Felix wenig später in einem alten, aber schicken grauschwarzen Mantel zurückkam, marschierten sie los. Im Zickzack durch Luisenstrasse, Josefstrasse, Gasometerstrasse und dann links in die Heinrichstrasse Richtung Westen. Zwei große Tafeln, die goldbehangene Grazien in dünnen Saris zeigten, signalisierten den Eingang zu dem Lokal, das einer Leuchtreklame über der Tür nach Sivas hieß.

Im Innern des Gebäudes trällerte ein Fernseher kitschige Lieder, Plastikblumen und anderer Tand unterstützten die fremdländische Atmosphäre, ein großformatiges Plakat an der Wand zeigte den Strand vor einem Luxushotel. Gret dachte kurz an Staub und hoffte, dass er seine Ferien genoss und sich nicht mit seiner Frau stritt.

Ein eilfertiger Kellner führte sie an einen Tisch ganz in der Ecke, rückte die Stühle zurecht und strich das weiße Papiertischtuch zwischen den türkisfarbenen Tischsets glatt. An der Wand prangte eine Kuckucksuhr, deren Pendel rastlos hin- und herschwang. Gret bestellte ein Masala Dosai, eine Art Pfannkuchen aus Linsen- und Reismehl, gefüllt mit einem Brei aus Erbsen, Kartoffeln, Zwiebeln und verschiedenen Gewürzen. Felix entschied sich für das Jaffna Sea, ein Fischcurry mit verschiedenen Gemüsesorten, Reis und einem Stück frittiertem Schwertfisch. Dazu orderten sie eine Kanne Tee.

»Der Besitzer«, deutete Felix auf einen vorbeihastenden Mann. »Sag ihm ja nicht, dass es meine Idee war, hierherzukommen!«

»Du magst die Polizei nicht, oder?«, fragte Gret ihn.

»Ganz so simpel ist es nicht«, antwortete er. »Natürlich, ich war eher wild in meiner Jugend und der Anblick eines Polizeiautos löste bei mir reflexartig Angst aus, selbst wenn ich gerade weder mit Hasch durch die Gegend fuhr noch mit einem frisierten Mofa. Aber klar, heute kann es vorkommen, dass ich froh bin, wenn ich einen Streifenwagen sehe. Oder eine nette Polizistin.«

»Hört, hört«, kommentierte sie und er lachte.

»Wie bist du denn zur Polizei gekommen?«

»Ich wollte es immer.«

»Es muss doch einen tieferen Grund geben«, beharrte Felix auf einer Antwort.

Gret zögerte.

»Es gab schon ein auslösendes Moment«, meinte sie dann.

»Aber das verrätst du mir nicht, oder?«

»Nein.«

»Vielleicht ein andermal?«

Sie schüttelte den Kopf und sah, wie der Kellner die üppig gefüllten Teller herantrug. Das Gericht schmeckte ihr ausgezeichnet. Felix erzählte ihr beim Essen einiges über das Kinogeschäft, die Probleme mit Verleihern und Behörden. Er wirkte intelligent, wach und zeitweise sehr sarkastisch. Alles in allem äußerst sympathisch.

Der Restaurantchef kam sogar persönlich an ihren Tisch und fragte nach, wie es schmeckte. Er schien Felix gut zu kennen.

»Wie immer hervorragend«, meinte der jedenfalls und Gret pflichtete ihm bei.

Der Chef schüttelte wohlgefällig seinen Kopf, Zeichen der Zustimmung bei den Tamilen, wie sie in den vergangenen Tagen gelernt hatte.

»Kam der auch zu den Filmnachmittagen?«, erkundigte sich Gret, als der Mann sich wieder entfernt hatte.

»Er machte einen Teil des Caterings.«

»Ich muss nachher mit ihm sprechen«, meinte Gret.

»Wartest du noch, bis ich bezahlt habe?«, fragte Felix.

»Nicht dass er dich noch mit einer Polizistin in Verbindung bringt, gell!«, frotzelte sie zurück.

»Das wird er ohnehin tun«, seufzte Felix theatralisch.

»Welch ein Jammer für den Leiter eines linksalternativen Kinos«, lachte sie ihn aus.

»Du sagst es«, stöhnte er.

Der Kellner unterbrach die Fopperei und servierte ihnen ungefragt zwei Gläser Lassi mit Röhrchen. Der dickflüssige ungesüßte Joghurt mit Mangogeschmack war ein Gaumenschmaus, Gret genoss ihn mit geschlossenen Augen.

»Darf ich dich mal anrufen? Privat, meine ich«, hörte sie Felix’ Stimme.

»Eine Polizistin?«, riss sie mit gespieltem Schrecken ihre Augen auf.

»Ach, komm schon. Ich bin Single und du auch, oder?«, fragte er staubtrocken.

Gret fühlte sich irgendwie ertappt. Sah man es ihr also schon an! Was sollte sie sagen? Typen wie Felix waren ihr Verhängnis, das wusste sie. Aber die anderen interessierten sie nun mal nicht. Und vielleicht ging es irgendwann ja mal gut.

Dennoch schwieg sie zunächst ein paar Sekunden und ließ ihre Augen nochmals durch das Lokal wandern. Rund zwanzig Leute sorgten für ordentlichen Betrieb, mehr als die Hälfte von ihnen waren Tamilen.

Felix wirkte plötzlich verlegen und winkte nervös nach der Rechnung.

»Ich übernehme das«, stellte er klar und zückte seine Brieftasche.

»Wenn du darauf bestehst.«

Gret kritzelte wortlos ihre Natelnummer auf die Rückseite ihrer offiziellen Visitenkarte und überreichte sie Felix. Und so gut er es auch zu verstecken versuchte: Sie erkannte, wie sehr er sich freute.

»Ich melde mich«, versprach er dann auch. »Bis bald also. Und viel Erfolg bei deinen Ermittlungen!«

Er erhob sich, schüttelte ihr die Hand und verzog sich mit einem vielversprechenden Blick.

Fünf Minuten später fragte Gret an der Bar nach dem Chef des Lokals und präsentierte ihm ihren Ausweis.

Staub läuft in die Falle

Ich knattere neben Anna in einem offenen Jeep die löchrige Straße von Matara nach Pelmadulla hinauf. Der Sarong, der meine schöne Tochter notdürftig umhüllt, flattert im Fahrtwind und ich rutsche auf meinem wunden Hintern unruhig hin und her und betrachte die Umgebung.

»Ein prächtiges Land«, meint Anna beim Anblick der im Wind wogenden Palmen und der vorbeihuschenden Kinderscharen in ihren weiß leuchtenden Schuluniformen.

Ich muss ihr zustimmen: Das Land ist durchaus fantastisch. Schade nur, dass dies auch allerhand Insekten gemerkt haben.

Und was für welche! Die Mücken auf Sri Lanka verzichten beispielsweise auf jegliches Tanztheater und steuern einem, den Stachel voraus, geradewegs ins Gesicht. Weder wildes Umsichschlagen noch helle Kleidung noch ständiges Einschmieren mit Anti-Brumm nützen auch nur das Geringste. Diese Mistviecher sterben lieber zermatscht den Heldentod, als erst einmal abwartend um einen herumzusurren. Schweizer Mücken sind dagegen flügellahme Lachnummern.

Gestern Abend zählte ich rund zwanzig Mückenstiche auf meinem Körper, plus ungezählte Wanzeneinstiche am Hintern, die ich mir zuzog, als ich in einem Strandcafé in Unawatuna einen frisch gepressten Fruchtsaft trank. Auf einem Korbsessel, den offenbar eine weit verzweigte Wanzenfamilie zu ihrer Heimat auserkoren hatte.

Anna hat mir versprochen, dass es im Bergland, wo das Hamawella Malaria Research Center liegt, kühler ist und damit auch weniger Insekten umherschwirren. Natürlich bin ich neugierig, die Forschungsstation und das Haus zu sehen, in dem meine Tochter derzeit lebt. Ich habe mich ihr deshalb sofort angeschlossen, als sie nach drei ruhigen Tagen, die sie mit uns am Meer verbracht hatte, verkündete, sie müsse zurück an die Arbeit.

Der Rest meiner Familie ist einstweilen in Unawatuna geblieben und setzt ihr faules Urlaubsleben fort. Das heißt, Leonie räkelt sich Romane lesend am Strand und Per versucht, seiner Adrienne das Windsurfen beizubringen, bevor er abends mit ihr um die Häuser zieht. Am Wochenende wollen sie alle nach Hamawella nachkommen. Anstandshalber – ich denke nicht, dass sie ernstlich darauf erpicht sind, sich vom Meer beziehungsweise von ihrem Fünfsternehotel wegzubewegen.

»Was ist eigentlich mit deinem Freund?«, frage ich Anna durch das Geratter des Motorenlärms hindurch. »Kommt der dich auch mal besuchen?«

Sie schweigt verdächtig lange und starrt stur geradeaus auf die holprige Straße.

»Na?«, hake ich unerbittlich nach.

»Ich hab hier jemand anders kennengelernt«, gesteht sie schließlich.

»Einen Forscher?«

»Ja, einen Tropenmediziner und Mikrobiologen von der hiesigen Universität in Kandy.«

Aha.

»Tschaggat Kanagasundram heißt er. Er leitet unsere Forschungsgruppe und freut sich sehr, dich kennenzulernen.«

»Das will ich ihm auch raten!«, knurre ich.

Sie grinst und ich blicke wieder in die hügelige Landschaft hinaus und beschließe, mich weiterer Kommentare zu enthalten. Das Liebesleben meiner Tochter aus erster Ehe ist nicht gerade eintönig. Aber über die Macht, dies zu ändern, verfüge ich leider nicht, weshalb ich schon vor Jahren murrend beschlossen habe, sie in Gottes Namen einfach machen zu lassen, solange es ihr dabei gut geht. Das scheint durchaus der Fall zu sein. Jedenfalls hat sie das Ende ihrer Beziehungen und Affären immer relativ gelassen hingenommen. Jetzt ist sie also bei einem Farbigen als Freund angekommen, bravo! Zugegebenermaßen irritiert mich das ein wenig, auch wenn der Anteil an Idioten meiner Meinung nach bei allen Rassen und Nationalitäten ziemlich exakt gleich hoch ist. An weniger guten Tagen beziffere ich ihn gerne mit rund fünfundneunzig Prozent.

In Pelmadulla machen wir Rast. Das heißt, wir stellen den Jeep in den mageren Schatten einiger Palmen und suchen nach einer Bar, in welcher der Kühlschrank funktioniert. Viele freundliche Helfer weisen uns in alle möglichen Richtungen, bis wir schließlich in einer mit Palmwedeln bedeckten Bretterbude tatsächlich einen funkelnagelneuen Kühlschrank finden, der uns von seinem Besitzer entsprechend stolz vorgeführt wird. Leider funktioniert der Generator, der das Gerät normalerweise mit Strom versorgt, im Moment gerade nicht.

Deshalb trinken wir einmal mehr Tee und setzen uns auf dicke Zeitungsbündel, die uns gegen etwaige Wanzen in den Korbstühlen schützen sollen. Wieder bedauere ich, dass in diesem Land kein anständiger Kaffee zu bekommen ist, nicht einmal in unserem Luxushotel. Ich hätte mir unbedingt ein Glas Instantkaffee mitbringen sollen! Aber andererseits: Wer rechnet denn schon mit solchen Widrigkeiten?

Plötzlich springt Anna erfreut auf: Zwei Weiße kommen um die Ecke und begrüßen meine Tochter herzlich. Es sind Mitglieder ihres Forschungsteams, die mir sofort stolz vorgestellt werden.

»Rainer Schütz ist Mikrobiologe, Jürg Deiss Biochemiker«, sagt Anna.

Ich schüttle den beiden brav die Hand. Sie sehen zwar nicht aus, wie ich mir Forscher vorstelle, sondern eher wie ausgemergelte Tramper. Aber immerhin verhalten sie sich so, als wären sie ganz begeistert, mich kennenzulernen. Nach einigem Hin und Her setzen sie sich zu uns. Der Barbesitzer wieselt dauerlächelnd um uns herum und verschiebt mehrfach die Unterteller und Teegläser auf dem Holztisch. Selbst meine Packung Muratti verschont er nicht und platziert sie drei Mal um. Auch Rainers einheimische Goldleaf werden sorgsam zurechtgerückt, bis sie im richtigen Winkel zu den dampfenden Teegläsern liegen.

»Möchten Sie eine?«, bietet mir Rainer eine seiner Kippen an. Ich schätze ihn auf gute dreißig und einen Meter neunzig. Seine Storchenbeine stecken in beigefarbenen Shorts, um seine Brust schlottert ein dünnes grünes Seidenhemd. Er hat hellblondes Kraushaar auf dem sonnenverbrannten Kopf und sieht aus, als ob er sich seit mindestens drei Tagen nicht mehr rasiert hätte.

»Gerne«, sage ich und inhaliere bald den Rauch einheimischen Krauts. Die Glimmstängel schmecken leicht süßlich, aber durchaus angenehm.