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Die Autorin

Lucie Klassen kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie machte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und lebt in Bad Pyrmont.

Schon mit vierzehn Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text: Red Light – Die Geschichte eines Rennpferdes (erschienen in dem spanischen Verlag alhulia).

Neben dem Beruf sorgt eine Tochter dafür, dass sie oft erst zur Geisterstunde zum Schreiben kommt.

1.

Mein Name ist Lila.

Ich bin zwanzig Jahre alt, habe mein Abi in der Tasche und bin auf dem Weg nach Bielefeld, um dort mein Jurastudium zu beginnen.

Wenn ich fünf Jahre Paragrafenbüffelei hinter mir habe, liegt ein Traum von einer Zukunft als Anwältin vor mir. Ich werde blassrosa Kostümchen tragen – rosa genug, um aufzufallen, und blass genug, um kein öffentliches Ärgernis zu erregen. Meine Pumps werden zum Kostümchen passen und mein Lippenstift zu den Pumps. Die Haare werde ich zu einem strengen, blonden Pferdeschwanz zusammenbinden und alle männlichen Kollegen werden davon träumen, wie ich ihn öffne und meine Mähne sexy über meine Schultern schüttele (was natürlich nie passieren wird). Und ich werde eine Brille tragen, obwohl ich keine brauche, weil Blondinen in rosa Kostümen ohne Brille dämlich wirken. Ich werde immer ein Handy am Ohr haben und eins in Reserve in meiner Dreihundert-Euro-Echtleder-Handtasche von Prada. Selbstverständlich werde ich Cabrio fahren – oder zumindest einen absolut unpraktischen Zweisitzer.

Und meine Eltern werden platzen vor Stolz!

Wie gesagt, ein Traum von einer Zukunft.

Nur leider nicht mein eigener! Ich selbst spürte einen ausgeprägten Brechreiz, wenn ich mir das vorstellte. Ich hatte noch nie ein Kostüm angehabt, egal in welcher Farbe. Und passende Pumps erst recht nicht.

Tatsächlich war ich so ziemlich das genaue Gegenteil einer karrieregeilen Anwältin. Das Einzige, was ich jemals in Blassrosa tragen würde, waren meine Haare. Ich liebte Wollpullis, die mir bis an die Knie reichten, und meine Jeans waren mit bunten Handabdrücken verziert. Handtäschchen fand ich lächerlich und Echtleder war gegen meine Überzeugung.

Die Schule hatte ich in den letzten drei Jahren so oft geschwänzt, dass die Religionslehrerin meinen Namen im Klassenbuch für einen Druckfehler gehalten hatte. Ich las die EMMA, protestierte schon mal vor dem Zoo Hannover für die Freiheit der Meerschweinchen und hatte in einer eigenwilligen Interpretation unserer Theater-AG Aschenputtel oben ohne gespielt.

Und das Allerletzte, was ich mir wünschte, war, dass meine Eltern stolz auf mich sein konnten!

Ich hatte noch nie auf meine Eltern gehört – wieso fing ich ausgerechnet heute damit an?

Landschaft tauchte hinter dem Fenster des Zuges auf, sauste vorbei und war wieder verschwunden, bevor ich hingesehen hatte. An meiner Stirn spürte ich das Zittern der Scheibe, an der mein Kopf lehnte, und das Dröhnen der Räder auf den Schienen summte in meinen Ohren.

In meiner geballten Faust hielt ich noch immer den Zettel. Zornig knüllte ich das Papier fester zusammen, meine Fingernägel bohrten sich so schmerzhaft in meine Handfläche, dass sie möglicherweise blutete.

Aber ich hörte nicht auf.

Meine Wut brodelte kochend heiß vor sich hin. Ich musste sie an irgendetwas auslassen, und wenn es nur dieser Fetzen Papier war.

Zugegeben, dieses Mal hatte mich mein Vater verblüfft. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, mit meinem nicht gerade brillanten Abischnitt von 2,9 und der Extrarunde, die ich in der elften Klasse gedreht hatte, ohne Wartezeit studieren zu können.

Um ehrlich zu sein, hatte ich es auch nicht vorgehabt.

Doch vor zwei Wochen hatte mein Vater ohne Vorwarnung verkündet, ich hätte einen Studienplatz in Bielefeld bekommen. Jemand sei kurz nach Semesterbeginn abgesprungen und ich könne nachrutschen.

Das hatte mich wirklich erstaunt, denn ich hatte mich nicht mal auf die Warteliste setzen lassen. Doch das hatte offensichtlich mein Vater für mich erledigt.

»Und was studiere ich?«, erkundigte ich mich.

Meine Eltern sahen mich so verständnislos an, als hätte ich gefragt, wie man sich nach dem Kacken den Arsch abwischt.

»Jura natürlich, Schätzchen!«

Natürlich.

Doch das war noch nicht alles! Zusammen mit der Einschreibung hatten sie mir auch gleich den Mietvertrag für eine Zwei-Zimmer-Bude in der besseren Gegend nahe der Uni und die Zugfahrkarte für den ICE in die Hand gedrückt.

Kein Problem für den Herrn Oberstaatsanwalt! Ein Anruf genügte und schon hatte sein missratenes Töchterchen Studienplatz und Wohnung. Scheißegal, wie grottenschlecht mein Abi war.

Ich knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Die Oma, die mir gegenübersaß, warf mir einen strengen Blick über den Goldrand ihrer Brille zu. Ihre toupierte Dauerwelle leuchtete in dem gleichen hellen Lila wie meine aus Überzeugung ungekämmten Haare.

Allein das hätte doch ein bisschen Frauensolidarität aufkommen lassen können.

Denkste.

Ohne Zweifel gehörte sie zu der Sorte alter Tanten, die kreative Frisuren, moderne Musik und spielende Kinder so erfreulich fanden wie ein mittelgroßes Hühnerauge.

Ein vorbeiwatschelnder Zweijähriger lenkte den Unmut der Oma von meinen Haaren ab, indem er ein altes Kaugummipapier vom Boden aufhob und sorgfältig in der winzigen Kapuze seiner Jacke verstaute.

Der Zug wurde langsamer.

Bielefeld Hauptbahnhof las ich auf dem Schild, das an meinem Fenster vorbeihuschte.

Die Oma erhob sich und stolzierte zur Tür.

Ich faltete bedächtig den zerknüllten Zettel auseinander, strich ihn glatt und betrachtete ihn nachdenklich.

Mit zehn hatte ich das erste Mal geraucht, mit elf gekifft – und das nur aus einem Grund: Weil mein Vater es streng verbot.

Als meine Mutter mir erklärt hatte, die Tochter des Oberstaatsanwaltes könne keinen zerknitterten Cord tragen, hatte ich mir noch eine blaue Punkfrisur dazumachen lassen.

Und als meine Eltern von mir verlangten, für die mündliche Bioprüfung zu pauken, um meinen Abischnitt aufzumöbeln, hatte ich die Nacht durchgesoffen.

Ich beobachtete, wie der kleine Ordnungsfanatiker neben meinen Füßen einen angelutschten Lolli in seiner Kapuze verschwinden ließ.

Gab es einen vernünftigen Grund, aus dem ich ausgerechnet heute damit anfangen sollte, meine Prinzipien zu ignorieren?

Mir fiel keiner ein.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Entschlossen zerriss ich die Uni-Einschreibung und genoss das Triumphgefühl beim Ratschen des Papiers.

Dann stopfte ich die Schnipsel zu dem anderen Abfall in die Kapuze des Kindes.

Ungefähr hundert Kilometer später fiel mir ein, dass mein Fahrschein schon lange ungültig sein musste. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wohin der Zug fuhr.

Kurz dachte ich über meine Möglichkeiten nach: Hundert zerknitterte Euro steckten in meiner Hosentasche, die Klamotten in meinem Rucksack reichten höchstens für eine Woche und es regnete.

Eine Regenjacke hatte ich nicht dabei.

Ich rutschte ein Stück zur Seite, als sich drei Jungs zu mir in die Sitzreihe zwängten. Zwei von ihnen plumpsten auf die Bank gegenüber, der Dritte lümmelte sich neben mich und stellte lässig ein Bein aufs Polster.

Sie waren jünger als ich, fünfzehn vielleicht, und verständigten sich durch eine Sprache, die wie eine Mischung aus Türkisch, Kölsch und dem Inhalt von Comic-Sprechblasen klang.

Wenigstens fühlten sich meine neuen Begleiter von meiner Frisur nicht persönlich angegriffen. Sie zogen ihre Handys hervor und hämmerten darauf herum.

Draußen veränderte sich die Landschaft. Seit einiger Zeit gab es weniger Wiesen und Felder. Zwischen den blattlosen Bäumen an der Bahnstrecke wuchsen immer öfter Schallschutzwände aus Beton in die Höhe. Mal verschwanden Häuser dahinter, mal wuchsen sie als eckige, graue Säulen in den grauen Himmel.

Die Namen auf den Schildern der Bahnhöfe klangen bekannt. Hamm, Kamen und Dortmund – ich landete im Ruhrgebiet!

Die drei Comicfiguren rissen mich aus meinen Gedanken.

»Fuck, Fettbacke kommt!«

»Ey, walz – walz!«

»Los, wech!«

Sie sprangen auf und stolperten eilig durch den Mittelgang davon.

Echt unauffällig!

Ich spähte durch den Zug.

Ein Bauch in einer blauen Schaffneruniform quetschte sich durch den Gang. Über dem Bauch kam ein Kinn, dann noch eins und obendrauf thronte der Kopf, wie ein zu stramm aufgepusteter Luftballon.

Die Körperfülle des Schaffners war für Zugfahrten denkbar ungeeignet. Er hatte das gleiche Problem wie Kinderwagen und Rollstühle: Er passte nicht zwischen den Sitzreihen hindurch. Er musste sich erst seitlich drehen, um voranzukommen.

»Nächster Halt: Bochum Hauptbahnhof«, meldete eine freundliche Lautsprecherstimme.

Ich stand auf und zog meinen Rucksack von der Gepäckablage, als hätte ich nur auf diese Ansage gewartet. Ohne Eile schlenderte ich den drei Jungen nach.

»Wenn meine Olle mitkrischt, dat ich jeschwänzt hab und schwarzjefahren bin, isset Handy wesch!«, raunte einer der Jungen dem anderen zu, als ich mich neben sie an die nächste Tür stellte.

Der ICE wurde langsamer. Doch schon schob der Schaffner seinen Bauch heran: »Fahrkartenkontrolle!«

»Wir müssen hier raus, Alter!«, motzte einer der Schwarzfahrer frech.

»Wenn ich deine Karte nicht sehe, steigst du nirgendwo aus!«

Und siehe da: Die drei begannen brav, in ihren Taschen zu kramen.

Der Zug bremste leise quietschend ab.

»Mitkommen!«, befahl der Uniformierte. »Alle vier!«

»Moment mal!«, protestierte ich empört. »Ich gehöre nicht zu denen!«

»Dann zeig mal dein Ticket!«

Ich begann ebenfalls in meinen Hosentaschen zu wühlen.

Draußen schob sich der Bahnsteig vors Fenster.

»Das Theater kannste dir sparen, Frolleinchen!«

»Vorsicht!«, fuhr ich den Dicken an. »Ich bin über achtzehn, ich werde mich beschweren, wenn Sie mich duzen! Außerdem beschwere ich mich wegen Diskriminierung, denn die Anrede ›Fräulein‹ ist seit Jahrhunderten abgeschafft! Und wegen Verleumdung, denn das hier ist ja wohl eine Fahrkarte!«

Der Zug kam mit einem Ruck zum Stehen.

Ich winkte den Jungen hinter meinem Rücken, die Tür zu öffnen.

»Hah!«, schnappte der Schaffner triumphierend. »Die war nur bis Bielefeld gültig!«

»Das hier ist ja auch Bielefeld oder wollen Sie mir erzählen, wir hätten es in zwei Stunden bis Hongkong geschafft?«

Er starrte mich an, als wollte ich ihn verarschen.

Gut, wollte ich auch.

Trotzdem schluckte er es: »Sitzen Sie auf den Ohren? Das hier ist Bochum!«

»Tatsächlich? Da habe ich aber lange geschlafen!«

Hinter mir ging mit einem leisen Zischen die Tür auf und die drei Jungen rannten, so schnell sie konnten, davon.

Ich sprang weniger eilig aus dem Zug und winkte dem Schaffner noch mal freundlich zu, denn er konnte sich unmöglich schnell genug bewegen, um mich einzuholen.

2.

So stand ich an einem düsteren Montagnachmittag im Eingang des Bochumer Hauptbahnhofes und starrte durch die Glastüren hinaus in den Regen. Um mich herum schlugen Menschen die Kragen ihrer Jacken hoch, spannten bunte Schirme auf und eilten zielstrebig davon.

Ich blieb stehen.

Die Häuserfront der Bochumer Innenstadt baute sich drohend wie eine Festung vor mir auf. Die Gebäude waren riesig, grau, mit spiegelnden Fensterfronten. Links außen erhob sich ein Wolkenkratzer mit an die fünfzehn Stockwerken, auf dessen Dach, dicht unter den tief hängenden Wolken, sich ein Mercedes-Stern drehte. Rechts von mir standen zwei ähnliche Klötze. Die Hochhäuser wirkten wie Wachtürme einer gewaltigen Ritterburg. Eine schmale Spalte in dieser Mauer führte in die Innenstadt.

Ein Stück entfernt, mitten auf der Straße, entdeckte ich ein riesiges Stahlgebilde, das an einen Container erinnerte, der irgendwann aus dem Frachtraum eines Flugzeuges gestürzt war, sich senkrecht in den Asphalt gebohrt hatte und dort seit ein paar Jahrzehnten ungestört vor sich hin rostete.

Was zum Teufel sollte ich hier?

Ein bärtiger Mann, der sich die Kapuze seines gelben Regenmantels tief ins Gesicht gezogen hatte, schlurfte auf mich zu.

Die Glastür, hinter der ich stand, öffnete bereits automatisch, während er noch drei leere Bierdosen in den überquellenden Mülleimer vor dem Eingang stopfte.

Ein kalter Windstoß sprühte mir den Regen entgegen.

Der Bärtige kam herein, zog eine zusammengefaltete Pappe unter seinem Regenmantel hervor und breitete sie auf dem Boden aus.

Einen Moment lang sah ich zu, wie der Mülleimer draußen die Bierdosen wieder hochwürgte und in die Pfützen aufs Pflaster spuckte, wo der Wind sie davonrollte.

Der Mann hockte sich neben mir auf den Boden. Er roch so ähnlich wie der Mülleimer und um seinen Hals baumelte ein selbst beschriftetes Schild, auf dem Obdachlos zu lesen war.

Der feindselige Blick unter seinen wuchernden Augenbrauen sagte mir deutlich, dass er sein trockenes Plätzchen hier nicht mit mir teilen wollte. Dabei schien sein Regenmantel, im Gegensatz zu meiner alten, blauen Cordjacke, wasserdicht zu sein. Ich nahm allerdings nicht an, dass er mir glauben würde, dass wir seit ein paar Stunden Kollegen waren.

Also trat ich hinaus in den Regen.

Sofort spürte ich, wie die dicken, kalten Tropfen mir hart auf die Jacke prasselten, meine Haare durchschlugen und mir lila Strähnen ins Gesicht klebten.

Wohin jetzt?

Ich hatte keine Ahnung.

Natürlich konnte ich wieder zurück in den Bahnhof. Irgendein Zug würde mich von hier wegbringen.

Nur wohin?

Dieser Ort war genauso gut wie jeder andere. Was nutzte es, ziellos von einem Zug in den nächsten zu steigen, wenn ich nicht wusste, wohin ich wollte?

Zumindest würde hier sicher niemand nach mir suchen.

Ich vergrub die Hände tief in den Taschen meiner Jacke und ging los.

Geradeaus.

Über eine vierspurige Straße hinweg, auf die schmale Schlucht zwischen den Betonwänden der Stadt zu.

Außer mir war kaum jemand unterwegs. Ein paar vereinzelte Menschen hasteten mit gesenkten Köpfen und vorgehaltenen Schirmen in die Geschäfte.

Ich lief in der Mitte der Fußgängerzone, ohne mich vor dem Regen zu schützen. Das wäre sowieso sinnlos gewesen.

Hinter den beleuchteten Fenstern einer Eisdiele herrschte auch im Oktober Betrieb, das Licht war hell und warm, während die düsteren Wolken hier draußen für eine verfrühte Dämmerung sorgten.

Ich brauchte eine Bleibe für die Nacht oder ich würde doch meinem Kollegen im Bahnhofseingang Gesellschaft leisten müssen. Aber ich besaß nur hundert Euro. Wenn ich mir ein Hotelzimmer nicht mit einer tausendköpfigen Kakerlakensippe teilen wollte, reichten hundert Euro für ungefähr drei Tage.

Wie findet man Montagnachmittag in einer fremden Stadt ein möglichst kostenloses Dach über dem Kopf?

Ratlos lief ich weiter, zwischen hohen Gebäuden hindurch, an beleuchteten Geschäften vorbei. Ein Platz tat sich auf, doch auch er war von steilen Häuserfronten umringt.

Die Enge dieser Stadt hatte etwas Bedrohliches, das mich schneller gehen ließ.

Der Regen schlug Blasen auf dem Pflaster, als ich den nächsten Platz erreichte. In seiner Mitte hockten einige gusseiserne Gestalten auf einer Bank. Ich schlich an ihnen vorbei, weiter geradeaus.

Beinahe erleichtert stellte ich fest, dass ich die Innenstadt offenbar hinter mir gelassen hatte.

Die Häuser wurden niedriger, die Straßen schmal, die Gehwege schmutzig. Unzählige Zigarettenkippen klebten neben Kaugummis, und dass das Pflaster des Fahrradweges einmal eine Farbe gehabt hatte, war nur noch zu erahnen.

Im Eingang eines Erotiklokals wartete eine weitere Obdachlose darauf, dass der Regen nachließ. Die Frau ähnelte einer Wasserleiche: Ihr Gesicht war aufgedunsen und bleich, mit dunkelblauen Augenringen und Haaren, die an Seetang erinnerten. Ihre zitternden Finger tasteten nach dem Hals der halb leeren Bierflasche, die aus ihrer Tasche ragte.

Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass sie nicht älter als ich selbst sein konnte. Mir lief ein Schauer über den Rücken, und das lag nicht am Regen, der meine Jacke allmählich durchweicht hatte.

Noch konnte ich zurück.

Vielleicht konnte ich mit Mama darüber reden, dass ich nicht studieren wollte? Dass ich einfach noch Zeit bräuchte? Vielleicht ein Jahr nach Amerika gehen oder so?

Meine Mutter würde Selbstfindungsblabla vielleicht verstehen.

Nein, würde sie nicht!

Nicht zu studieren verstieß gegen alle Prinzipien meiner Eltern, die im Großen und Ganzen besagten, dass ihre Kinder mit fünfundzwanzig ein Diplom in der Tasche haben sollten und mit dreißig einen Doktortitel.

Andererseits war ein Doktortitel besser als das Obdachlosenheim.

Es würde mich nur eine Entschuldigung kosten.

Verdammt, es kostete mich mehr!

Ich könnte auch gleich auf Knien rutschend zugeben, dass jedes blau gefärbte Haar, jeder Joint, den ich geraucht, und jeder Heavy-Metal-Freak, mit dem ich auf dem Sofa meiner Eltern geschlafen hatte, umsonst gewesen war. Dass ich auf meine so lang ersehnte Freiheit schon beim Anblick der ersten Schwierigkeiten verzichtete und schnellstmöglich ins bequeme Nest zurückwollte.

Nein!

Und wenn ich im Bahnhofseingang übernachtete: Nein!

Mit einem wütenden Ruck blieb ich stehen.

Das Regenwasser lief mir aus den Haaren übers Gesicht in den Kragen meiner Jacke. Meine Hände und Füße spürte ich vor Kälte kaum noch. Und meinen blauen Rucksack hatte der Dauerregen dunkel gefärbt, mit Sicherheit war nichts vom Inhalt trocken geblieben.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich einfach geradeaus gegangen war. Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand.

Im Licht der Straßenlaterne sah ich mich um.

Die Straßenlaterne. Es war dunkel!

Wann war das passiert?

Hinter mir bewegte sich etwas!

Erschrocken fuhr ich herum. In einem Kneipeneingang, kaum ein paar Meter von mir entfernt, stand schon wieder ein Penner. Er machte es sich auf einer mit dreckigen Fußspuren übersäten Matte bequem. Neben ihm ließen sich zwei große, weiße Hunde nieder und auf seinem Pappschild stand: Arbeitsloser Schäfer aus Ungarn braucht Futter für seine Tiere.

In dem Augenblick stand mein Entschluss fest. Nur weil ich ohne eine trockene Unterhose vor einer schmuddeligen Kneipe in dieser trostlosen Stadt stand, würde ich nicht zu meinen Eltern zurückkriechen!

»Ist dein Glückstag heute!«, sagte ich zu dem ungarischen Schäfer und drückte ihm den zerknitterten Hundert-Euro-Schein aus meiner Hosentasche in die Hand.

Eine Sekunde lang starrte er auf das Geld. Dann hielt er sich das Pappschild über den Kopf und rannte durch den Regen davon. Die beiden Hunde sprangen auf und trotteten ihm, dicht an die Hauswand gedrückt, nach.

3.

Schnell nahm ich den frei gewordenen Platz des Obdachlosen ein und stellte mich selbst unter. Einen Augenblick lang betrachtete ich den ungepflegten Biergarten direkt an der Straße. Die drei Tische und die bunten Plastikstühle waren schon vor Wochen im Laub einer einzelnen Eiche versunken.

Ich warf einen Blick auf das matt beleuchtete Schild über der Tür. Bei Molle hieß der Laden. Daneben wurde für eine Biermarke geworben, deren Namen ich noch nie gehört hatte.

Nicht mal ein Bier konnte ich mir jetzt noch leisten. Und ohne ein Glas in der Hand würde ich mich da drinnen nicht aufwärmen dürfen.

Mein Blick streifte die Briefkästen im Eingang. J. Schröder stand an dem einen Blechkasten. Er hatte eine Beule. B. Danner – Privatdetektei las ich auf dem zweiten und merkte, wie sich im gleichen Moment mein Gehirn in Gang setzte.

Ich hatte eine Idee!

Nein.

Das konnte nicht mal ich bringen.

Oder doch?

Wenn ich die Nacht nicht im Bahnhofseingang verbringen wollte, wurde es Zeit, dass ich eine Unterkunft fand. Und das Wort ›Privatdetektei‹ hatte meine Neugier geweckt.

Mein Vater konnte Schnüffler nicht ausstehen. Als Staatsanwalt hatte er öfter mit privaten Ermittlern zu tun. Die Verteidigung beauftragte sie, Entlastungsmaterial für die Angeklagten zu beschaffen, und mein Vater explodierte regelmäßig vor Wut darüber. Er selbst vermied jeden Kontakt zu Privatdetektiven und verließ sich ausschließlich auf seine Polizisten.

Ich hatte noch keinen Detektiv persönlich kennengelernt. Meine Vorstellung von dem Beruf basierte daher auf Fernsehserien und den Berichten meines Vaters. Deshalb retteten Privatdetektive in meiner Fantasie hauptsächlich schöne Heldinnen aus bedrohlichen Situationen, trieben den bösen Oberstaatsanwalt in den Wahnsinn und ähnelten alle irgendwie Pierce Brosnan.

Ich würde es mit B. Danner versuchen.

Zugegeben, ich hatte schon besser ausgesehen. Ich war klitschnass, meine Nase rot gefroren – und wenn ich geahnt hätte, dass es nötig sein würde, hätte ich etwas Figurbetonteres als einen knielangen, lila Wollpulli getragen.

Aber wenn B. Danner männlich war, besaß er ein Mindestmaß an Beschützerinstinkt. Und dann reichten meine blauen Augen aus, damit er mich nicht im Regen stehen ließ.

Wenn B. Danner nicht männlich war, dann hoffentlich lesbisch.

In meiner Jackentasche fand ich neben zwei Tampons und meinem angenagten Federhalter auch den Umschlag, aus dem ich im Zug die Einschreibung für die Uni gezogen hatte.

Welche Adresse hatte dieses Haus?

Annastraße 28.

So ordentlich, wie es mit vor Kälte steifen Fingern möglich war, kritzelte ich die Anschrift als Absender auf das Kuvert. Meine Jacke zog ich aus, schnallte sie an meinen Rucksack und stellte fest, dass mein durchnässter Pulli doch ziemlich figurbetont an meinem Busen und meinen Hüften klebte.

Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Haare und wischte mit dem Ärmel unter meinen Augen entlang, um die mit Sicherheit verlaufene Wimperntusche zu beseitigen. Schließlich wollte ich nur ein bisschen männlichen Beschützerinstinkt hervorrufen, keinen Herzinfarkt vor Schreck.

Dann trat ich in den Hausflur.

Gedämpfte Musik drang durch eine zerkratzte, alte Tür. Dort ging es in die Gaststätte.

Ich schaltete das Licht ein.

An die Wand gegenüber hatte jemand übergroß FUCK gesprayt. Es dauerte eine Weile, bis ich daneben das schmale, kleine Schild mit den schlichten schwarzen Buchstaben entdeckte:

Detektei Danner
Zweiter Stock

Werbeposter und Leuchtreklamen schienen in diesem Gewerbe nicht notwendig zu sein.

Ich stieg die Treppe hinauf.

Was ich hier versuchte, widersprach allen Du-darfst-aufkeinen-Fall-trampen- und Sprich-nie-mit-fremden-Männern-Regeln, die man mir je eingetrichtert hatte.

Die Du-darfst-auf-keinen-Fall-trampen-Regel hatte ich allerdings schon vor zwei Jahren gebrochen, als ich in den Sommerferien auf diese Weise bis Rom gekommen war.

J. Schröder las ich neben der Klingel im ersten Stock.

Ich folgte der Treppe weiter hinauf. Sie endete vor einer Wohnungstür. Wieder dauerte es einen Augenblick, bis ich das schmale Schildchen mit dem Hinweis auf die Detektei direkt unter der Klingel entdeckte.

Drinnen brannte Licht, ich konnte es durch einen Türspalt sehen.

Mein Herz begann warnend zu pochen, doch ich hörte nicht darauf. In der Kneipe unten herrschte Betrieb, zur Not konnte ich schreien. Die Chancen, gehört zu werden, standen nicht schlecht.

Ich drückte den Klingelknopf, bevor mich mein Mut verlassen konnte.

Einen Augenblick lang tat sich nichts.

Dann hörte ich Schritte, die Sicherheitskette rasselte. Im nächsten Moment schwang die Tür auf.

Ich zog die Brauen hoch.

Der Kerl, der mir gegenüberstand, war eindeutig männlich. Aber dann endete die Ähnlichkeit mit meiner Pierce-Brosnan-Fantasie auch schon. Größer als ich schien er nur, weil er eine Stufe höher stand, dafür war er doppelt so alt wie ich, vielleicht vierzig. Die Haare, die der Typ noch hatte, waren so kurz geschoren wie sein Dreitagebart. Vermutlich stellte er den Rasierer auf drei Millimeter ein und benutzte ihn auch gleich als Kamm. Sein Rolli war schwarz, die ausgebeulte Jogginghose ebenfalls. Hätte ich seinen Beruf erraten sollen, hätte ich auf Rausschmeißer oder hauptberuflicher Rechtsradikaler getippt.

Er musterte mich auf entmutigende Weise unbewegt: »Ja?«

Erst in dem Moment erinnerte ich mich an die Rolle, die ich spielen wollte. Vor Schreck hatte ich das Gefühl, rot zu werden, was mir normalerweise nie passierte.

»Onkel Max?«, begann ich mit meinem Auftritt, obwohl mir der erste Eindruck sagte, dass ich hier kaum eine Chance hatte.

»Was ist los?«

»Onkel Max! Sag nicht, du hast vergessen, dass ich heute komme? Ich bin Lila!«

Der Mann runzelte die Stirn.

»Na, da kann ich ja am Bahnhof warten, bis ich anfange zu schimmeln!«, plapperte ich weiter. »Jetzt lass uns hier nicht rumstehen! Mein Rucksack ist schwer, ich bin klitschnass und mein Magen knurrt seit drei Stunden!«

Ich wollte mich an ihm vorbeidrängeln, doch er hielt mich mit einem schnellen Griff am Arm zurück: »Ich bin nicht Onkel Max und ich kenne dich nicht! Also verpiss dich!«

»Was soll das heißen: Du bist nicht Onkel Max?«

»Kannst du nicht lesen oder was?« Er deutete mit einem knappen Kopfnicken auf das Schild an der Tür.

Ich tat, als entdeckte ich es erst jetzt.

»Dein Name ist nicht Max Ziegler? Und deine Schwester heißt nicht Dorothea?«

Er hielt es nicht für nötig zu antworten.

»Aber ich hab doch deinen Brief bekommen!« Ich zerrte den Umschlag aus meiner Hosentasche. »Hier, ich hab ihn dabei!« Meinen Rucksack stellte ich auf der Türschwelle ab. »Da steht eindeutig Annastraße 28! Das ist doch hier, oder etwa nicht?«

Der Detektiv warf einen kurzen Blick auf die Anschrift: »Bist du bescheuert, oder was? Beckum steht hier, nicht Bochum!«

»Was?« Mit gespieltem Erstaunen nahm ich das Kuvert. Einen Augenblick lang betrachtete ich den Umschlag ungläubig.

Dann biss ich mir auf die Unterlippe und probierte es mit einem himmelblauen Augenaufschlag: »Scheiße!«

»Dann hätten wir das ja geklärt.« Er wandte sich ab und griff nach der Türklinke. »Du hast Glück, Ermittlungen unter fünf Minuten berechne ich nicht.«

Ich dachte nicht daran, meinen Rucksack von der Türschwelle zu nehmen. »Und wo soll ich jetzt hin?«

»Ist das mein Problem?«

»Es ist schon fast sieben! Heute kriege ich keinen Zug mehr, außerdem hab ich keine Kröten für die Rückfahrt. Ich sitze hier fest!«

»Dann such dir ein Hotel.«

»Hörst du schwer? Ich hab kein Geld!«

Er wollte die Tür zudrücken.

Ich wischte mir durchs Gesicht.

Er verdrehte die Augen: »In Gelsenkirchen gibt’s ein Obdachlosenasyl. Adresse steht im Telefonbuch.«

Idiot!

Na schön, ein letzter Versuch.

Augenaufschlag, Schmollmund, zitternde Unterlippe: »Kann ich nicht hier bleiben? Du hast doch sicher ein Sofa und es ist ja nur für eine Nacht!?«

»Hast du getrunken oder was? Ich lass doch nicht jeden Penner in meine Wohnung!« Er gab meinem Rucksack einen Tritt und knallend fiel die Tür ins Schloss.

Mit dem Fuß stoppte ich mein Gepäck, damit es nicht die Treppe hinunterpolterte.

Mist!

Wie hatte ich mir einbilden können, dass mich ein Wildfremder wegen ein paar Krokodilstränen auf seinem Sofa übernachten ließ? Mein Augenaufschlag wirkte vielleicht bei alternden Englischlehrern, die meine selbst unterzeichneten Entschuldigungen durchgehen lassen sollten – aber nicht bei einem bekennenden Arschloch wie diesem Typen. In der Rekordzeit von nur zweieinhalb Minuten war es ihm gelungen, meine schöne Vorstellung vom ritterlichen Privatdetektiv wie eine Seifenblase über einem Kaktus zerplatzen zu lassen.

Ich bückte mich nach meinem Rucksack. Also zurück zu Plan A: der Bahnhofseingang.

»Morgen früh bist du verschwunden, verstanden? Keine Drogen und kein Alk – und denk nicht mal dran, auch nur einen Kugelschreiber mitgehen zu lassen!«

Erschrocken fuhr ich herum. Ich hatte nicht gemerkt, dass Danner die Tür hinter mir wieder geöffnet hatte.

»Beweg dich, bevor ich es mir anders überlege!«, knurrte er ungeduldig, als ich zögerte.

Ich beeilte mich, hinter ihm herzustolpern.

4.

Die Wohnungstür führte direkt in einen Raum, der anscheinend Büro und Wohnzimmer zugleich war.

Vor dem Fenster sah ich einen Schreibtisch, darauf PC, Scanner, Drucker und ein paar Ablagen, randvoll mit losen Blättern. Auf dem Boden daneben wuchs ein Aktenberg bis in Augenhöhe. Das Regal, das eine ganze Zimmerwand füllte, war vollgestopft mit Aktenordnern, Papierstapeln und einzelnen Zetteln.

Mitten im Zimmer auf dem hellen Teppich standen ein altes, graues Sofa und ein Sessel. Davor ein niedriger Couchtisch mit schwarzer Granitplatte, auf dem ich zwei leere Bierflaschen und eine Socke bemerkte.

An der Wand hing ein Flachbildfernseher (Fünfzig-Zoll-Bildschirm, für eine Männerwohnung wohl wichtiger als die Dusche), darunter befanden sich der digitale Sat-Receiver, Video- und DVD-Rekorder und die Stereoanlage. Und in einer Vitrine entdeckte ich Flaschen verschiedener Hochprozentiger plus die passenden Gläser.

Drei Türen hatte der Raum. Und drei Fenster. Auf den Fensterbänken türmten sich neben vereinzelten Topfpflanzen weitere Akten, die den Stapel neben dem Schreibtisch wohl zum Einstürzen gebracht hätten.

Danner war durch eine Tür verschwunden, hinter der ich alte, bräunliche Fliesen erkennen konnte.

Das Bad.

Ich stellte meinen durchweichten Rucksack neben das Sofa auf den hellen, nicht mehr ganz sauberen Teppich.

»Hier!« Ein Handtuch flog auf mich zu.

Ich fing es auf.

Der Detektiv hatte außerdem ein Kissen mitgebracht und ging an mir vorbei zum Sofa. Ich beobachtete ihn, während ich mir die Haare trocken rieb.

Er war doch etwas größer als ich. Nachdenklich betrachtete ich die Breite seiner Schultern und den Umfang seiner Arme. Sogar unter dem schwarzen Rolli konnte ich seine Muskeln erkennen und es waren nicht wenige.

Der Kerl hatte Kraft.

Mehr als ich in jedem Fall.

Automatisch wanderte mein Blick zur Wohnungstür. Er hatte die Sicherheitskette vorgelegt.

War ich eigentlich vollkommen bescheuert, mich von so einem schrägen Typen in seiner Wohnung einschließen zu lassen? Der konnte alles sein, vom Drogendealer bis zum Psychopathen – wobei ich ihm, wenn ich darüber nachdachte, den Psychopathen eher zutraute.

Natürlich hütete ich mich, mir meine Überlegungen anmerken zu lassen. Ich rubbelte meinen Nacken trocken.

»Häng die nassen Klamotten ins Bad. Hast du was anderes dabei?«

Ich warf einen Blick auf meinen Rucksack, um den herum sich ein gut sichtbarer, nasser Fleck auf dem hellen Teppich ausbreitete.

Danner verfolgte meinen Blick und verdrehte die Augen: »Du gehst mir jetzt schon auf den Sack! Über der Wanne hängen saubere Pullis. Hast du wenigstens schon gegessen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»War klar«, brummte er missmutig.

Ich klemmte meinen Rucksack unter den Arm und lief ins Badezimmer. Die Tür drückte ich hinter mir zu, aber es gab keinen Schlüssel. Der Raum war eng, zwischen Klo, Waschbecken und Badewanne konnte man sich gerade noch umdrehen. Die alten Fliesen waren teilweise gerissen und bei genauerer Betrachtung nicht braun, sondern beige – was den Gesamteindruck aber nicht positiv beeinflusste.

Die geöffneten Türen des Schrankes unter dem Waschbecken dienten als Handtuchhalter und zwischen den Stapeln von Badelaken im Innern entdeckte ich weitere Aktenordner. Die Duschgelflaschen der letzten zwei Jahre stapelten sich auf dem Badewannenrand. Darüber schwebte ein ausziehbarer Wäschehalter, auf dessen durchhängenden Leinen immer mindestens zwei Pullover übereinander hingen. Alle waren trocken. Anscheinend nahm Danner nur den herunter, den er gerade tragen wollte.

Ich griff ein paar seiner Pullis, um Platz für meine eigenen Klamotten zu schaffen. Danners Sachen waren allesamt dunkel: schwarz, marineblau und anthrazit.

Auch das sprach eher für den Psychopathen.

Mein lila Wollrolli wirkte zwischen seiner Wäsche wie ein Papagei, der mit einem Schwarm Raben nach Süden ziehen wollte. Nachdem die Kleidungsstücke, die ich angehabt hatte, schwer und tropfend auf den Leinen baumelten, zog ich ein Teil nach dem anderen aus dem Rucksack, wrang es aus und hängte es ebenfalls auf. BHs und Unterhosen landeten der Einfachheit halber auf der Badewannenkante. In der Mitte des Rucksacks fand ich schließlich eine Jeans, die bis auf ein feuchtes Bein unbeschadet geblieben war.

Zum Glück, denn ich konnte vielleicht einen Pullover von Danner tragen, aber mit Sicherheit hielt kein Gürtel eine seiner Hosen auf meinen Hüften. Und in Unterhose durch die Wohnung eines Psychopathen zu spazieren, da legte ich keinen besonderen Wert drauf.

Ich nahm den Fön, der an seinem eigenen Kabel über dem Spülkasten baumelte, und während ich erst das Hosenbein und dann meine Haare trocknete, fragte ich mich, warum Danner wohl einen Fön besaß.

Schließlich suchte ich mir einen dunkelblauen Pulli aus. Meine Fingerspitzen verschwanden in den Ärmeln, die Schultern hingen auf meinen Oberarmen.

Als ich aus dem Bad trat, stand ein Teller mit Rührei auf dem Couchtisch. Ich hockte mich aufs Sofa, rollte die zu langen Ärmel hoch und zog die Knie unter den Pulli.

Danner kam aus der Küche und stellte eine Flasche Wasser, Pfeffer und Salz auf den Tisch, bevor er sich mir gegenüber in den Sessel fallen ließ.

Ich musterte den dampfenden Teller misstrauisch.

»Stell dich nicht an! Ich hab’s nicht vergiftet.«

Vielleicht nicht absichtlich, überlegte ich. Der Blick in sein Bad hatte mich jedenfalls nicht auf Anhieb von seinen Fähigkeiten als Hausmann überzeugt.

Ich spießte ein Stück Ei mit der Gabel auf und schob es zögernd in den Mund.

»Mmmm!«

Es schmeckte tatsächlich!

»Okay, Lila – das ist doch dein Name, nicht wahr?«

Ich nickte kauend.

»Ich geh noch joggen.«

Ach ja, er hatte Turnschuhe angezogen und eine Regenjacke – schwarz, wen wunderte es?

»Komm ja nicht auf die Idee, in meinen Sachen zu schnüffeln, die Kette vorzulegen oder andere dumme Witze zu machen, ich verstehe keinen Spaß!«, warnte er mich. »Und Finger weg vom Fernseher. Du kannst auf dem Sofa pennen, das ist alles. Du weißt, wo das Klo ist, ansonsten wird hier nichts angerührt. Morgen früh bist du verschwunden. Und solltest du vergessen, den Pullover dazulassen oder sonst irgendwas von meinen Sachen, dann finde ich dich und liefere dich persönlich bei den Bullen ab. Mit Anzeige und allem Drum und Dran! Nicht vergessen, das ist mein Job.«

Ich nickte noch einmal.

Er zog sich eine Mütze über die Glatze und im nächsten Moment fiel schon die Tür hinter ihm zu.

Ich war allein in der Wohnung.

Ich hatte ein Dach über dem Kopf und Rührei im Magen.

Ich hatte es geschafft!

Natürlich konnte ich es nicht lassen, Küche und Schlafzimmer zu inspizieren, bevor ich es mir auf dem Sofa gemütlich machte.

In der Küche gab es einen Esstisch mit drei Stühlen, auf denen sich Wäsche und Akten türmten. Herd und Geschirrspüler waren nicht neu, aber blitzsauber. Unter dem Tisch lagen ein paar Hanteln.

Das Erstaunlichste war allerdings die hohe Kühl-Gefrierkombination, in der bis auf drei Flaschen Bier, Ketchup und einen Aktenordner gähnende Leere herrschte.

Wo zum Teufel hatte Danner die Zutaten für das Rührei hergeholt?

Und die Pfanne hatte er anscheinend gleich gespült! Ehrlich gesagt, hätte ich ihm unterstellt, dass sie in ihrem eigenen Fett die nächsten drei Wochen am Herd festklebte.

Auch das Schlafzimmer war unerwartet ordentlich. Die Decke auf dem breiten Bett aufgeschüttelt. Die Gardinen ließen freien Blick auf die Straße zu und alle Türen und Schubladen der Kiefernschrankwand waren geschlossen. Pierce Brosnan meldete sich zurück und ich malte mir aus, zwischen Danners Unterhosen eine halbautomatische Waffe zu finden. Doch als ich die Schranktüren keine Sekunde nach diesem Gedanken öffnete, waren die meisten Fächer – leer!

Eigentlich nicht erstaunlich, da ich den größten Teil von Danners Garderobe ja schon im Bad entdeckt hatte.

Zwei Anzüge hingen in den Plastiktüten der Reinigung, einige – dunkle – Boxershorts hatte Danner in eine Schublade gestopft und in einem der Fächer lagen zwei dicke, abgewetzte Lederpolster, wie sie Kampfsportler benutzten, um beim Sparring Hiebe und Tritte zu parieren.

Zurück im Wohnzimmer rollte ich mich in die Sofadecke ein und schaltete Danners Fernseher an. Mittlerweile war es nach acht, stockdunkel und der Regen trommelte noch immer auf die Dachfenster.

Zufrieden zappte ich durch die Programme.

5.

Ich bekam nicht mit, wann Danner zurückkehrte.

Ich hatte nicht riskieren wollen, dass er mich beim Zappen erwischte und doch noch vor die Tür setzte, deshalb hatte ich den Fernseher bald wieder ausgeschaltet. Und war beinahe sofort auf den durchgesessenen Sofapolstern eingeschlafen.

Was mich am nächsten Morgen weckte, war eine dröhnende Männerstimme.

»Mach gefälligst dein Telefon an! Die hysterische Kuh hat mich um sieben Uhr morgens aus dem Bett geklingelt! Ich bin nicht deine Sekretärin, verdammt noch mal!«, brüllte jemand direkt vor dem Sofa.

Samt Decke sprang ich auf. Der Bauch, vor dem ich im nächsten Moment stand, sprang genauso schnell einen ganzen Meter zurück.

Der Dicke starrte mich an, als wäre ich kein Mädchen auf einer Couch, sondern ein Vampir, der sich gerade aus seinem Sarg erhoben hatte.

Der Mann war nicht nur fett, sondern auch groß und genauso unrasiert wie Danner. Die paar grauen Haare, die dem Dicken noch nicht ausgegangen waren, trug er beinahe schulterlang und um seinen Bauch hatte er eine ehemals weiße Schürze gewickelt, auf der sich mehrere Handabdrücke abzeichneten. Hinter halbmondförmigen Brillengläsern umgaben so viele Lachfältchen die flinken, dunklen Augen, dass er sogar noch fröhlich aussah, als er mich musterte wie eine in die Decke eingerollte Ratte.

Bei dem hätte ich einziehen sollen, war mein erster Gedanke. Im Gegensatz zu Danner war dieser Mann mir auf Anhieb sympathisch. Und mit Sicherheit war er nicht völlig resistent gegen Mitleid jeder Art.

»Guten Morgen!«, grinste ich.

Er überlegte offensichtlich, was er darauf antworten sollte. »Sind Sie mit Danner verwandt?«, brachte er schließlich heraus.

Ich schüttelte den Kopf.

»Eine Freundin?«

Ich verneinte noch mal.

»Eine Klientin?«

Auch nicht.

»Was zum Teufel machen Sie dann hier?«

»Ich bin Lila«, sagte ich, als würde das alles erklären.

Sein Blick sagte mir, dass das nicht alles erklärte.

»Ich bin Molle, mir gehört die Kneipe unten.« Er verschränkte abwartend die Hände auf dem Bauch, dem er vermutlich seinen Namen verdankte.

»Ich bin neu in der Stadt«, klärte ich ihn auf. »Gestern hat es gegossen wie aus Eimern und ich hatte kein Geld für ein Zimmer. Ich wusste nicht, wo ich hin sollte.«

»Und da hat Danner Sie hier schlafen lassen? Umsonst?«

Ohne Zweifel glaubte er mir kein Wort. »Kommen Sie, ich mache uns unten Frühstück«, brummte er belustigt. »Solange können Sie sich eine bessere Geschichte ausdenken.«

Frühstück?

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Danners Pulli und meine Jeans hatte ich noch an und so folgte ich Molle barfuß die Treppe hinunter.

In der ersten Etage deutete Molle auf die Tür von J. Schröder: »Meine Wohnung.«

Es hätte mich auch überrascht, wenn Molle als Name in seinem Ausweis gestanden hätte.

»Aber Frühstück mach ich uns unten.«

In der Kneipe war niemand.

Kein Wunder, es war gerade erst Viertel nach sieben.

Molle wies mit einem Kopfnicken auf einen Tisch direkt neben der Theke, auf dem ausgebreitet die Tageszeitung lag.

Ein Becher stand daneben. »Kaffee?«

»Tee, wenn es keine Umstände macht.«

Ich setzte mich. Weitere Tische standen in Nischen vor den Fenstern. Die Polster der Stühle und Bänke waren mit rot kariertem Stoff überzogen. Es gab Topfpflanzen auf den Fensterbänken, Fußballfotos und eine VfL-Flagge an den Wänden, ein elektronisches Dartspiel, einen Flipper und einen Computer, an dem man für zwei Euro Trivial Pursuit spielen konnte.

Ich zog die Beine zum Schneidersitz auf den Stuhl, damit meine nackten Füße nicht an dem gefliesten Boden festfroren, und entdeckte hinter den Wodkaflaschen auf dem Tresen mein Spiegelbild.

»Oje!« Hastig fuhr ich mir mit den Fingern durch die lila Zotteln, die von meinem Kopf abstanden wie die Mähne eines toupierten Löwen.

Im nächsten Moment vergaß ich mein Frisurproblem, denn Molle balancierte einen Korb mit duftenden Brötchen, Kaffee, Marmelade, Honig, Nutella, Käse, Aufschnitt, ein Ei und Tee auf einem Tablett herein.

»Wow!«, stotterte ich. »Hören Sie, Herr Molle, ich kann das nicht bezahlen, ich –«

Er schnaufte empört. »Herr Molle? Das lassen Sie mal schnell wieder bleiben! Wenn Sie wollen, können wir uns duzen. Oder bestehen Sie auf ›Frau Lila‹?«

Er grinste.

Ich grinste zurück: »Auf keinen Fall. Also, Molle, ich hab keine Kohle für ein Frühstück wie in der Präsidentensuite.«

»Geht aufs Haus.«

Der Dicke ließ sich mir gegenüber auf einem der Stühle nieder. »Sieht Danner ähnlich, hat plötzlich ’n Gast und nicht mal ein Ei im Kühlschrank!«

»Gestern Abend hat er aber noch Rührei gemacht«, widersprach ich und schmierte dick Nutella auf eine Brötchenhälfte. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Molle schmunzelte.

»Ach, das Rührei kam von dir!«, begriff ich. »Meine Oma hätte es nicht besser gemacht! Wenn ich in der Nähe bleibe, komme ich öfter vorbei.«

»Wo willste denn hin?«, erkundigte sich Molle.

Ich zuckte die Schultern und biss in mein Brötchen. »Schätze, ich such mir ’n Job und ’n Zimmer. Und wenn ich etwas Geld zusammenhabe, esse ich bei dir Rührei.«

Molle musterte mich über den Rand seiner Brille hinweg: »Haste schon mal gekellnert?«

Ich riss die Augen auf.

»Nee? Na, macht nix, das haste schnell raus. Ich brauch ’ne Aushilfe. Vier Abende die Woche, vielleicht auch mehr, mal sehen.«

»Gibst du jedem einen Job, der sich hier auf deine Kosten durchfuttert?«, wunderte ich mich.

»Den meisten«, erklärte Molle ungerührt. »Ich kann dich ja wieder feuern. Sechs Euro die Stunde, was ist?« Er streckte mir seine Hand entgegen.

Weil ich in der Linken gerade die Teetasse hielt, klemmte ich das Brötchen zwischen meine Zähne und schlug ein.

»Ich hab übrigens schon mal gekellnert«, berichtete ich dann. Zwei Jahre lang, um genau zu sein. Bis mein Bruder gepetzt und meine Mutter einen Riesenaufstand gemacht hatte.

»Umso besser«, brummte Molle zufrieden.

Ich kratzte mich am Kopf: »Dann brauch ich nur noch ’ne billige Bude. Fällt dir da zufällig auch was ein?«

Dein Gästezimmer vielleicht?, ergänzte ich in Gedanken.

Mir entgingen die Lachfältchen, die sich plötzlich von den Augenwinkeln aus über sein Gesicht ausbreiteten, nicht.

»Was?«, bohrte ich sofort nach.

»Du wirst es nicht glauben, aber mir fällt wirklich was ein!« Er rieb sich das stoppelige Kinn.

»Jetzt mach’s nicht so spannend!«

»Da Danner dich bisher nicht gefressen hat, könntest du einfach bleiben, wo du bist.«

»Bei Danner?«, wiederholte ich stirnrunzelnd. »Ich glaube nicht, dass er sich darüber freuen wird.«

»Der freut sich nicht mal über ’n Sechser im Lotto. Die Frage ist: Hältst du es mit ihm aus? Oder treibt er dich heute noch in den Wahnsinn?«

Ich zuckte die Schultern: »Bisher komme ich ohne Zwangsjacke zurecht. Aber er wird nicht begeistert sein, mich überhaupt noch hier anzutreffen.«

»Och«, winkte Molle ab, »das lass mal meine Sorge sein.«

6.

Als Danner eine halbe Stunde später in der Kneipe auftauchte und mich das dritte Brötchen essen sah, sagte sein eisiger Blick mehr als genug. Polternd ließ er eine Sporttasche auf den Boden fallen.

»Bist du immer noch nicht verschwunden?«, meckerte er, klaute mir das Brötchen samt Teller und setzte sich neben mich auf den noch freien Stuhl.

Molle zog eine buschige Braue hoch und schob meinen Teller wieder zu mir zurück. »So schnell wirst du sie nicht loswerden. Sie ist meine neue Aushilfe«, klärte der Dicke den Detektiv auf.

»Die? Du hast se doch nicht alle!«

Danner verzichtete auf einen Teller und schnitt ein Brötchen auf. Die Krümel verteilten sich auf der rot karierten Tischdecke.

»Sie braucht nur noch eine Schlafgelegenheit.« Molle sah interessiert zu, wie Danner nach der Butter angelte. »Und ich dachte, weil sie deine Couch schon kennt, bleibt sie einfach, wo sie ist!«

Klirrend landete Danners Messer auf dem Tisch: »Bist du bescheuert? Die schnorrt sich hier rein und du willst sie einstellen? Die könnte drogenabhängig sein oder klauen wie ein Rabe! Oder ’n durchgeknallter Zuhälter ist hinter ihr her! Auf alle Fälle lügt sie, sobald sie den Mund aufmacht!«

Ich horchte auf.

Das stimmte.

Ich log eigentlich immer. Meist grundlos, wahrscheinlich aus Gewohnheit, vielleicht war es aber auch pathologisch. Tatsächlich fielen mir schneller zwei bis drei passende Lügen ein, als dass ich die Wahrheit über die Lippen brachte.

Die Wahrheit blieb mir gewöhnlich im Hals stecken, wie ein vergiftetes Apfelstück.

Verständlicherweise kamen so eine ganze Menge Lügen zustande. Da war es entscheidend, den Überblick zu behalten und nicht jedem etwas anderes zu erzählen. Deshalb erfand ich nicht einfach irgendwas, sondern verbog nur die Tatsachen ein bisschen.

Das machte ich mittlerweile schon so lange, dass mir nur selten noch Fehler passierten. Das letzte Mal hatte mich mein Vater beim Lügen erwischt, als ich elf war. Tatsächlich gingen die meisten Menschen wohl davon aus, dass ich vielleicht aufsässig und angriffslustig war, aber zumindest jedem meine Meinung ehrlich ins Gesicht sagte.

Es war unheimlich wichtig, nie bei einer Lüge ertappt zu werden, denn das Wort ›Lügnerin‹ klebte wie das Preisetikett an einem Geburtstagsgeschenk. Zu lügen war für die meisten Leute ein schlimmerer Betrug als ein Seitensprung nach vierzig Jahren Ehe. Genau genommen rechneten viele doch sogar mit dem Seitensprung – nach vierzig Ehejahren ganz besonders. Wenn also ein notgeiler Mittsechziger zugab, mit einer Siebzehnjährigen in die Kiste zu steigen, war das lobenswert ehrlich und es hieß nachsichtig: Wenigstens steht er dazu!

Bei einer Lüge waren die Leute nachtragender, ungeachtet der Tatsache, dass wohl die meisten Menschen logen, wahrscheinlich sogar mehrmals am Tag.

Aber erwischen lassen durfte man sich eben nicht.

Deshalb erstaunte mich, dass Danner, der bisher kaum mit mir gesprochen hatte, auf Anhieb zu wissen glaubte, in welchem Ausmaß ich log.

»Wer lügt nicht?«, zuckte Molle die Schultern.

Ich schwieg.

»Vergiss es trotzdem! Wer auf meiner Couch pennt, bestimme immer noch ich!«

»Nur, solange du Miete zahlst! Und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich seit drei Monaten keinen Cent von dir gesehen.«

Danner hörte auf zu kauen und funkelte Molle drohend an: »Du weißt genau, dass du die Kohle kriegst.«

»Bis dahin arbeitet zumindest deine neue Untermieterin was ab.«

Wütend sprang Danner auf und klatschte beide Hände auf den Tisch, dass die Marmeladengläser in die Luft hüpften. Sein Blick war so kalt, dass Molle eigentlich sofort auf seinem Stuhl hätte festfrieren müssen.

Doch Molle verschränkte nur herausfordernd die Arme, während mir unbehaglich zumute wurde.

Danner musterte mich scharf: »Was hast du ihm erzählt?«

Er stand zu dicht neben mir, ich spürte das starke Bedürfnis, ein Stück von ihm wegzurutschen. Doch ich zwang mich, seinem Blick standzuhalten. »Er ist allein draufgekommen, ehrlich!«

Danners Augen waren beunruhigend, kalt und klar und grau wie schmutziges Eis. Doch plötzlich blitzten Funken darin auf und waren genauso schnell wieder verschwunden.

Ich blinzelte irritiert.

»In Ordnung«, nickte er überraschend.

Wie bitte?

Danner ließ sich zurückfallen, schnappte sein Brötchen und drohte mit dem Messer in Molles Richtung: »Aber wenn sie ’ne Serienmörderin ist, hältst du mir eine todtraurige Grabrede, ist das klar?«

Molle schob ihm einen Pott Kaffee hin: »Du bist nicht derjenige, um den ich mir Sorgen mache.«

Danner löste einen Schlüssel von seinem Bund und warf ihn neben meinen Teller auf den Tisch: »Krieg ich Ärger mit dem Jugendschutz?«

»Keine Panik. Ich bin einundzwanzig.«

»Na schön. Du kannst die Wäsche machen und aufräumen. Finger weg von meinen Klamotten und geh mir nicht auf die Nerven, klar?«

»Klar.«

»Und das Wichtigste: Sprich nicht mit meinen Klienten!«

»Wieso nicht?«

»Weil du sonst rausfliegst.«

Danner kippte seinen Kaffee runter, steckte ein halbes Käsebrötchen ein und griff nach seiner Sporttasche.

»Hat der heute einen besonders guten Tag?«, erkundigte ich mich bei Molle, nachdem die Tür hinter Danner zugefallen war.

Der Dicke nickte: »Normalerweise ist er ein Morgenmuffel.«

»Toll.«

»Glaub mir, nach ein paar Jahren fällt dir das kaum noch auf.«