1

Wilsberg geht ins Varieté

Lieber wäre ich ganz weit weg gewesen. Am Strand einer All-inclusive-Insel in der Südsee mit bunten Cocktails und lächelnden Einheimischen. Oder wenigstens unter den robusten Händen einer sächselnden Masseurin in der Wellnessabteilung eines Fünf-Sterne-Hotels irgendwo zwischen Kassel und Eisenach. Nur bloß nicht hier, in Münster. Wo alles nach Stillstand und Gewohnheit roch. Meine von langen Jahren des Alleinlebens vergilbte Wohnung ebenso wie die ausgetretenen Pfade, die ich jeden Tag im Kreuzviertel beschritt. Die telefonischen Glückwünsche, die mich erreichten, hatten den schalen Beigeschmack des Bedauerns. Fünfzig. Ich war heute fünfzig geworden. Was sollte da noch kommen? Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon in einer der schicken Seniorenresidenzen sitzen, die jetzt überall hochgezogen wurden. Noch einen Kamillentee, Herr Wilsberg? Kommen Sie heute zu unserem Derrick-Nostalgie-Abend? Vielleicht können Sie ja ein paar Geschichten aus Ihrem Privatdetektivleben erzählen?

Grauenhaft. Ich nahm mir vor, etwas zu ändern. Mich, meine Wohnung, meine Gewohnheiten. So ging das nicht weiter. Aber das erzählte ich weder Franka noch Stürzenbecher, die mir gratulierten. Auch nicht meiner Exfrau, die ihren alten Groll hinunterschluckte und drei Minuten lang ohne jede Spitze auskam. Pia Petry hätte ich es vielleicht erzählt. Doch die rief nicht an. Konnte sie auch nicht, denn ich hatte ihr nie mein Geburtsdatum verraten. So brauchte ich wenigstens nicht auf ihren Anruf zu warten.

Jetzt musste ich nur noch den Abend überstehen. Sarah, meine Tochter, hatte mir den gemeinsamen Besuch eines Varietés geschenkt. Keine Ahnung, wie sie darauf gekommen war, dass mir so etwas gefallen würde. Aus ihrer vierzehnjährigen Sicht war ein Varieté vermutlich die angemessene Unterhaltung für einen älteren Herrn. Jedenfalls lag ich punktgenau im Altersdurchschnitt der distinguierten grauhaarigen Herren und Damen in Abendgarderobe, die die Mehrheit des Publikums stellten.

Sarah lächelte unsicher. »Wie findest du es?«

»Toll«, sagte ich. »Es ist klasse.«

Ich war fest entschlossen, mich zu amüsieren. Schon um Sarahs willen, die für die nicht gerade billigen Eintrittskarten ihr Taschengeld gespart hatte. Denn Sarah war definitiv das Beste, was mir in meinem bisherigen Leben passiert war.

Wir standen im Foyer des erst vor einem halben Jahr eröffneten Theaters, das Münsters Hafenviertel um eine weitere Attraktion bereicherte. Durch die großen Glasfenster konnte man auf die andere Seite des Hafenbeckens, den sogenannten Kreativkai, schauen. Wegen der überraschend milden Herbsttemperaturen flanierten dort jede Menge Kneipengänger. Selbst einige rote Sonnenschirme trotzten dem kalendarischen Oktober. Nur im Beach-Club war der weiße Sand wieder dem grauen Beton gewichen.

Sarah trank Cola, ich Bier. Bis zur Pause hatten wir ein ukrainisches Paar auf dem Einrad, einen spanischen Jongleur und eine sehr gelenkige Schwedin am Trapez gesehen. Außerdem einen Magier, der sich Stefano Monetti nannte, jedoch bis in die blonden Haarwurzeln und die akzentfreie Aussprache sehr deutsch wirkte. Monetti hatte ein paar Kartentricks vorgeführt und dann seine Assistentin Anna in eine Kiste gelegt, die er mit einer Säge fachgerecht in zwei Hälften teilte und auseinanderschob. Auf der einen Seite strampelten Annas braune Beine, auf der anderen ragte ihr schwarz gelockter Kopf aus dem Verschlag. Doch obwohl Monetti mit theatralischer Geste die blutverschmierte Säge präsentiert hatte, war das Publikum nur mäßig überrascht, als Annas wunderschöner Körper am Ende wieder zusammenfand und sie unverletzt auf die Bühne kletterte.

»Wer gefiel dir am meisten?«, fragte Sarah.

Sie selbst favorisierte den spanischen Jongleur. Wegen seiner Fingerfertigkeit, behauptete sie. Ich tippte darauf, dass die zum Zopf gebundenen, langen Haare und der glutäugige Blick den Ausschlag gegeben hatten, verkniff mir jedoch einen Kommentar.

»Die Assistentin des Magiers«, sagte ich.

»Wieso das?« Sarah zog ihre gezupften Augenbrauen in die Höhe. »Die hat doch gar nicht viel gemacht.«

»Nein, aber sie sieht gut aus.«

»Papa!« Die Augenbrauen sackten nach unten, dafür schielten die Augen zur Decke. »Du bist jetzt fünfzig. Hört das denn nie auf?«

»Nein«, sagte ich. »Das hört nie auf. Außerdem ist man mit fünfzig noch nicht scheintot.«

Der Gong ertönte. Wir gingen in den Saal zurück und setzten uns an unseren Tisch in der ersten Reihe.

Das männliche Moderatorenpaar, das sich in Clownskostümen durch das Programm kalauerte, kündigte ein ostasiatisches Körperwunder an. Drei zierliche Chinesinnen verbogen sich und ihre Partnerinnen derart, dass einige Zuschauerinnen im Saal schmerzhaft aufstöhnten. Und dann traten erneut Monetti und Anna auf die Bühne.

Sarah stieß mich in die Seite. »Die ist viel zu jung für dich!«

Anna sah wirklich fantastisch aus. Statt der hautengen Gymnastikkleidung, die sie in der Kiste getragen hatte, war sie jetzt in ein elegantes pinkfarbenes Kleid gewandet, das ihre dunkle Haut noch besser zur Geltung brachte. Monetti, den ich auf Mitte dreißig schätzte, gab seinerseits eine moderne Version des Zauberers ohne Frack und Fliege. Mit seinem schlichten schwarzen Anzug und dem grauen Rollkragenpullover hätte er auch angestellter Ernährungsberater einer Krankenkasse sein können.

Monetti legte Anna auf die Lehnen mehrerer Stühle und zog dann einen nach dem anderen weg, bis sie nahezu frei in der Luft schwebte. Lediglich ihre linke Ferse ruhte auf dem letzten verbliebenen Stuhl. Das Publikum applaudierte begeistert.

Während der Magier seine Assistentin wieder auf die Füße stellte und die beiden sich artig verbeugten, räumten Helfer die Requisiten weg und postierten eine große Glasscheibe auf der Bühne. Spannungsmusik dröhnte aus den Lautsprechern.

»Und jetzt, meine Damen und Herren«, verkündete Monetti mit leichtem Tremolo in der Stimme, »werden Sie Zeugen des gefährlichsten Experiments, das es in der Magie gibt. Mit dieser Pistole hier …«, eine schnelle Bewegung und er hielt eine Pistole ins Scheinwerferlicht, »… wird meine Assistentin Anna auf mich schießen.« Monetti schaute kurz zu Anna und wandte sich dann wieder an das Publikum. »Aber keine Angst, mir wird nichts geschehen. Ich werde die Kugel mit den Zähnen auffangen. Das klappt …«, Kunstpause, »… fast immer.«

Einige zögerliche Lacher im Saal.

»Doch glauben Sie nicht, dies sei nur ein Trick.« Monetti machte eine ausladende Geste. »Diese Glasscheibe ist der Beweis. Wenn Anna auf mich schießt, stehe ich dahinter. Die Kugel wird also zunächst das Glas durchschlagen und anschließend mich treffen. Sollte die Scheibe unversehrt bleiben, bekommen Sie Ihr Eintrittsgeld zurück.«

Erneute Lacher.

»Damit nicht genug …«, der Zauberer präsentierte zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand eine Kugel, »… ich bin bereit, das Projektil von Ihnen überprüfen zu lassen. Anna!«

Anna nahm ihm die Kugel ab und schaute sich suchend um. Nach einem Moment des Zögerns fing sie meinen Blick auf und kam auf mich zu.

»Natürlich«, murmelte Sarah.

Ich ergriff die ausgestreckte Hand der Assistentin und kletterte auf die Bühne. »Einen Applaus für unseren mutigen Helfer!«, forderte Monetti.

Unter dem Beifall der Zuschauer und begleitet von Annas Lächeln wog ich das Geschoss in der Hand.

»Und?«, fragte Monetti, wobei er mir ein Mikrofon vor den Mund hielt.

»Sieht echt aus«, sagte ich pflichtbewusst.

»Es sieht nicht nur echt aus, es ist auch echt«, gab der Magier zurück. »Ritzen Sie bitte eine Markierung hinein. Damit Sie hinterher bestätigen können, dass ich das richtige Projektil aufgefangen habe.«

Anna reichte mir ein Messer und ich ritzte eine kleine Kerbe in die Umhüllung. Dann schob Anna die Kugel so in den Lauf der Pistole, dass nicht nur ich, sondern auch alle anderen den Vorgang verfolgen konnten.

Monetti klopfte mir auf die Schulter. »Vielen Dank! Sie dürfen sich wieder setzen.«

Ohne Annas Hilfe kehrte ich auf meinen Platz zurück.

»Die ist doch nicht wirklich echt, oder?«, flüsterte Sarah.

»Doch. Aber ich wette, das ist nicht die Kugel, die abgefeuert wird.«

Inzwischen stand Monetti etwa zwei Meter hinter der Glasscheibe und lockerte grimassierend seine Mundmuskulatur. Anna ging zum rechten Bühnenrand.

Trommelwirbel setzte ein.

»Bist du bereit?«, fragte der Magier seine Assistentin mit gespielter oder echter Anspannung.

»Ich bin bereit«, kam die prompte Antwort. Die dunkle Stimme hatte einen deutlichen Akzent.

Anna hob langsam die Pistole.

Der Trommelwirbel stoppte abrupt.

Sie schoss.

Die Glasscheibe splitterte.

Der Magier wankte, streckte Hilfe suchend seine rechte Hand aus, fiel nach hinten und blieb reglos auf dem Bühnenboden liegen.

Hinten im Saal klatschte jemand. Wahrscheinlich ein kurzsichtiger Besucher, dem entgangen war, was allen anderen den Atem stocken ließ: der Ausdruck des Entsetzens auf Monettis Gesicht und ein roter Fleck auf seiner Stirn. Falls das zur Show gehörte, hatte Monetti einen verdammt makabren Humor. Ich schaute zu der Assistentin hinüber. Sie ließ die Pistole fallen, ihre Hände zitterten. Da war ich mir sicher, dass etwas schiefgegangen war.

Sarah tastete nach meinem Arm. »Was soll das?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich mit flacher Stimme.

»Der steht doch gleich wieder auf, oder?«

»Vorhang!«, rief jemand hinter der Bühne.

Langsam und ein wenig in den Schienen knirschend bewegten sich die beiden Vorhanghälften von den Seiten bis zur Bühnenmitte. Der Körper des Magiers verschwand hinter dem schweren dunkelroten Stoff. Plötzlich begannen alle zu reden, das Gemurmel wurde untermalt von sanft plätschernder Klaviermusik, die aus den Lautsprecherboxen drang.

Sarah sah mich auffordernd an. Irgendetwas musste ich tun.

»Ich schau mal nach«, sagte ich zu Sarah und streichelte ihre Hand. »Bin gleich wieder da.«

Ich stieg auf die Bühne und schob mich durch den Vorhangspalt in der Mitte. Die beiden jungen Männer, die die Glasscheibe getragen hatten, beugten sich über Monetti. Anna kniete neben ihm und redete, seinen Arm umklammernd, in ihrer Muttersprache auf ihn ein. Meine Spanischkenntnisse reichten gerade aus, um das Wort muerto zu verstehen. Und tot war Monetti tatsächlich. Der starre Blick und die wächserne Gesichtsfarbe ließen keinen anderen Schluss zu.

»Verschwinden Sie!«, hörte ich eine aufgeregte Frauenstimme. »Sie haben hier nichts verloren.«

Ich schaute hoch. Eine Frau in olivfarbenen Cargohosen und braunem Pullover baute sich vor mir auf. Ihr energischer Ton und das übergestülpte Headset mit Ohrknopf und schmalem Mikro wiesen sie als jemanden aus, der hinter der Bühne Anweisungen gab.

»Hören Sie!« Ich hob beruhigend die Hände. »Wir sind alle schockiert. Es bringt nichts, uns gegenseitig anzuschreien. Das Wichtigste ist jetzt, die Polizei und einen Krankenwagen zu verständigen.«

»Sie sollen verschwinden, habe ich gesagt!«

»Halt deinen Mund!« Anna war aufgesprungen und sah aus, als wollte sie sich auf die Frau im Rollkragenpullover stürzen.

Ich packte Annas Schultern und zog sie ein Stück zurück. »Beruhigen Sie sich!«

Zuerst funkelte sie mich an, dann wurde ihr Blick glanzlos und ein heftiges Zittern durchlief ihren Körper. Ich legte meinen Arm um ihre Hüfte und hielt sie fest.

»Holen Sie einen Stuhl und eine Decke!«, sagte ich zu einem der Bühnenhelfer. »Die Frau hat einen Schock.«

Bis er das Gewünschte gebracht hatte, lehnte Annas Kopf an meiner Schulter. Dabei flüsterte sie Sätze, die an niemanden oder die ganze Welt gerichtet waren. Am wenigsten vermutlich an mich.

Ich schob die Assistentin auf den Stuhl und legte ihr die Wolldecke über die Schultern. »Meine Tochter befindet sich unten im Zuschauerraum. Deshalb muss ich Sie jetzt allein lassen. Aber ich würde gern mit Ihnen reden. Morgen oder übermorgen. Wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Hier!« Ich drückte ihr meine Visitenkarte in die Hand. »Rufen Sie mich an!«

Sie nickte mechanisch, doch ihre Augen verrieten nicht, ob sie meine Worte verstanden hatte.

Ich nahm den Helfer ein Stück zur Seite. »Sorgen Sie dafür, dass die Frau ärztlich versorgt wird. So ein Schock kann lebensgefährlich sein.«

Inzwischen hatte die Bühnenmanagerin die beiden Clowns vor den Vorhang geschickt. Sie redeten von einem Unfall. Monetti sei verletzt und auf dem Weg ins Krankenhaus, allerdings gehe es ihm bereits wieder besser. Was man so lügt, um die Leute zu beruhigen und das Geschäft nicht zu vermiesen.

Sarah wartete am Bühnenrand. »Es ist also nicht so schlimm?«, fragte sie, noch bevor ich zu ihr hinuntergeklettert war.

Ich überlegte einen Moment, ob ich mit den Clowns gemeinsame Sache machen sollte. Doch spätestens am nächsten Tag würde Sarah ohnehin die Wahrheit erfahren. »Der Magier ist tot«, sagte ich. »Komm! Lass uns nach Hause fahren.«

Während wir uns durch die Reihen zum Ausgang bewegten, baten die Moderatoren um Verständnis, dass die übrigen Künstler sich nicht in der Lage sähen, die Vorstellung fortzusetzen. Die Geschäftsführung würde sich jedoch außerordentlich großzügig zeigen und alle Anwesenden zu einem weiteren, kostenlosen Besuch einladen, man müsse nur die heutige Eintrittskarte vorzeigen.

Schweigend verließen wir das Varieté. Sarah ließ den Kopf hängen und ich suchte nach dem richtigen Satz, um sie ein bisschen aufzumuntern. Schließlich sagte ich: »Das tut mir leid, dass der Abend so enden musste. Aber bis dahin war es ein wirklich schöner Geburtstag.«

»Was redest du für einen Blödsinn?«, gab Sarah patzig zurück. In ihren Augen schimmerten Tränen. »Es war der schlimmste Abend, den ich je erlebt habe. Und wieso tut’s dir leid?« Ihre Stimme bekam einen hysterischen Ton. »Ich bin auf die bescheuerte Idee gekommen, dir eine Eintrittskarte für das Varieté zu schenken. Hätte ich mir ja denken können, dass das eine Katastrophe wird.«

»Unsinn.« Ich legte meine Hand auf ihre Schulter. »Du kannst nichts dafür, dass der Mann gestorben ist. Und mir tut’s leid, weil ich damit wahrscheinlich besser umgehen kann als du.«

»Du meinst, weil ich noch nie gesehen habe, wie jemand stirbt? Weil ich die Bilder in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde und ich heute garantiert nicht einschlafen kann? Und, falls doch, einen Albtraum nach dem anderen haben werde?«

»So etwas in der Art habe ich gedacht«, gab ich zu.

»Und weißt du was? Damit kannst du sogar recht haben. Ich schätze, ich werde heute Nacht die Lampe neben dem Bett nicht ausmachen. Und die Türen zu deinem und meinem Zimmer sollten offen bleiben, ist das klar?«

Im Auto und später in meinem Wohnzimmer diskutierten wir darüber, wieso der Kugeltrick nicht geklappt und ob es sich um einen Unfall oder vielleicht sogar um Absicht gehandelt hatte. Viel zu spät, jedoch einigermaßen gefasst, ging Sarah ins Bett, stand nur noch zwei Mal wieder auf und fiel dann in einen unruhigen Schlaf.

Ich genehmigte mir einen dreifachen Whisky und schaute auf die Uhr. Fünf nach zwölf. Mein Geburtstag war endlich vorbei.

2

Pia Petry geht zum Tanzen

Als ich am Sternschanzenpark aus dem Bus steige, fallen erste Regentropfen vom Himmel. Hamburger Schmuddelwetter. Das hat mir gerade noch gefehlt. Im Laufschritt überquere ich die Schanzenstraße, passiere die Bahnunterführung und schiele zur geschlossenen Wolkendecke hinauf. Mit ein bisschen Glück schaffe ich es vielleicht bis zum Salsa-Club, ohne völlig durchnässt zu werden.

Ich schaffe es nicht. An der Abzweigung zur Susannenstraße kommen die ersten Windböen auf. Und kurz darauf fällt das Wasser wie aus Kübeln gegossen vom Himmel. Als ich im Cucaracha einlaufe, bin ich von Kopf bis Fuß tropfnass.

Mein Tanzpartner, Miguel Lopez, der hinter dem Tresen steht und Bananen auf einem großen Holzbrett zu gigantischen Pyramiden aufschichtet, mustert mich aus schmalen Augen. »Hola, Pia«, sagt er. »Was hast du gemacht? Dancing in the rain?«

»Nein«, sage ich. »Es war eher running in the rain.«

Leise fluchend schäle ich mich aus meinem feuchten Mantel und ziehe meine Schuhe aus, die so nass sind, dass sie an meinen Füßen kleben.

Ich sehe mich um. »Ist Isabel schon da?«

Miguel schüttelt den Kopf.

»Ist ja nicht gerade typisch für sie, dass sie zu spät kommt.«

»But for you«, antwortet er und sieht demonstrativ auf seine Uhr.

»Zehn Minuten«, erwidere ich. »Was sind schon zehn Minuten. Du als Kubaner solltest eine etwas großzügigere Einstellung zur Zeit haben.«

»Alles Vorurteile«, sagt er grinsend und kommt hinter dem Tresen hervor. »Need a towel?«

Ich nicke, angele mir eine von den Früchten, die eigentlich als Verpflegung für die Schüler der nachfolgenden Tanzkurse gedacht sind, und beobachte Miguel, der in einem Seitenraum des Clubs verschwindet. Die Tanztrainer im Cucaracha sprechen normalerweise Spanisch und Englisch. Gott sei Dank gehört Miguel zu den wenigen, die auch ein bisschen Deutsch können. Was die Verständigung beim Unterricht ungemein erleichtert.

Während ich die Banane esse, muss ich wieder an unser erstes Zusammentreffen denken. Das war vor zwei Jahren. Bei einem Salsa-Crashkurs für Anfänger. Da stand Miguel plötzlich vor mir, in viel zu weiten, auf den Hüften sitzenden Hosen, einem kurzärmeligen, engen T-Shirt und einer Wollmütze auf dem schwarzen Haar. Ich fand ihn zu klein. Und zu schmal. Ständig hatte ich Angst, ich könne ihn zerbrechen, sollte ich ihn zu fest anfassen. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass er härter und zäher ist, als er aussieht. Und dass er nicht umsonst im Ruf steht, der beste Tänzer im Club zu sein. In allen Kursen prügeln sich die Mädchen um ihn. Was auch der Grund ist, warum ich ihn mir als Tanzpartner für meinen Privatkurs ausgesucht habe.

Als er zurückkommt, trägt er über der Schulter ein Handtuch, das er mir mit einer lässigen Bewegung zuwirft.

»Was machen wir heute?«, frage ich und rubble mir die Haare trocken.

»Linksdrehungen.« Miguel sieht wieder auf die Uhr.

»Sollen wir Isabel anrufen?«, frage ich. »Vielleicht hat sie vergessen, die Stunde in ihrem Kalender einzutragen.«

Nachdenklich betrachtet er mich. Dann zückt er sein Handy, tippt eine Nummer ein, wartet und klappt es wieder zu.

»Die Mailbox«, sagt er und kaut auf seiner Unterlippe.

»Na ja. Die Linksdrehungen können wir eigentlich doch auch allein üben, oder?«, schlage ich vor.

»I know where she lives«, erwidert er. »In der Juliusstraße. Direkt neben dem Haus, in dem ich wohne.«

»Meinst du, ihr ist etwas passiert?«

Miguel schüttelt den Kopf. »But it’s strange. She never comes late.« Er greift nach seiner Jacke, die über einem der Barhocker liegt. »Let’s go!«

Angewidert sehe ich auf meine nassen Schuhe. Die Vorstellung, da wieder hineinschlüpfen zu müssen, ist mir zuwider.

»Muss das sein?«, frage ich und bekomme keine Antwort. Miguel hat den Club schon verlassen.

Mit feuchten Haaren, nassem Mantel und eiskalten Füßen laufe ich durch das Schanzenviertel. Miguel hinterher, der ein viel zu hohes Tempo vorlegt. Dabei weiß ich jetzt schon, wie die Geschichte enden wird. Wahrscheinlich liegt die gute Isabel mit ihrem aktuellen Lover im Bett und ist wahnsinnig erfreut, uns zu sehen. Oder es ist überhaupt niemand zu Hause. Und wir klingeln uns die Finger wund.

Miguel hastet bei Rot über die Ampel und verschwindet in der Juliusstraße. Als ich dort ankomme, sehe ich ihn vor einem dunkelgrün gestrichenen Jugendstilhaus. Er winkt mir kurz zu und geht hinein. Na wenigstens hat er so lange gewartet, bis ich in Sichtweite war. Im dritten Stock hole ich ihn wieder ein. Er steht vor einer sperrangelweit geöffneten Wohnungstür.

»The door was open«, sagt er und ist sichtlich verunsichert.

Ich schnappe nach Luft. Meine Kondition ist zurzeit nicht die beste.

»Warum rennst du eigentlich so?«, frage ich und halte mich am Treppengeländer fest.

»I’ve got a strange feeling …«

»Männer und Gefühle.« Ich verdrehe die Augen und nähere mich der Tür. »Isabel!«, rufe ich. »Bist du zu Hause?«

Keine Antwort. Ich betrete den schmalen Flur und räume fast die Garderobe ab, die rechts von mir an der Wand befestigt und mit so vielen Mänteln und Jacken vollgehängt ist, dass ich kaum daran vorbeikomme. Zur Linken geht es in eine winzige Küche, mit weißen Einbauschränken und einem von zwei Stühlen flankierten Tisch. Das Bad ist lang und schmal, gelb gefliest und sehr sauber. Die Räume liegen in einem trüben Dämmerlicht, was daher rührt, dass die Rollläden zur Hälfte heruntergelassen sind. Eine Gewohnheit, die Isabel wahrscheinlich von zu Hause übernommen hat, wo die Sonne ein bisschen häufiger und ein bisschen intensiver scheint als in Hamburg.

Als ich das Wohnzimmer betrete, ist das Erste, was ich sehe, ein offener Koffer. In dem Unterwäsche, Pullis, Jacken und Schuhe in wildem Durcheinander liegen.

»Wollte sie verreisen?«, frage ich Miguel erstaunt.

Doch der starrt mich nur mit großen Augen an, so als habe er meine Frage gar nicht gehört.

Ich blicke mich weiter um, mustere die dunklen, altmodischen Holzmöbel, registriere den bunten Ikea-Teppich auf den braun lasierten Holzdielen, die blauen Glasvasen, die auf dem Esstisch zu einem Stillleben arrangiert sind, die Briefumschläge, die daneben liegen. Über der braunen Couch hängt ein mit Heftzwecken befestigtes Poster: weißer Sand, türkisfarbenes Meer, eine Palme, die von links ins Bild ragt. Darüber steht: Bienvenido a Varadero. Ein Hauch von Kuba im kalten Deutschland.

Miguel ist immer noch hinter mir. Ich wende mich kurz zu ihm um und habe das Gefühl, sein Gesichtsausdruck wird von Minute zu Minute panischer.

»Sie ist bestimmt nur kurz runter, um den Müll wegzubringen«, versuche ich, ihn zu beruhigen.

Dann stoße ich die Tür zum Schlafzimmer auf. Und alle Hoffnung ist dahin. Isabel liegt auf dem Bett. In Jeans und T-Shirt. Ein völlig normaler Anblick, wären da nicht ihre weit aufgerissenen Augen und der starre, zur Decke gerichtete Blick. Sie ist tot. Und sie ist eines gewaltsamen Todes gestorben. Die dunkelroten Strangulationsmale an ihrem Hals und die geplatzten Äderchen im Weiß ihrer Augäpfel sind deutliche Indizien. Trotzdem greife ich nach ihrem Handgelenk. In der Hoffnung, noch einen Hauch von Puls zu ertasten. Doch da ist nichts.

»Miguel, wir müssen die Polizei …«, sage ich und drehe mich zu ihm um. Aber hinter mir steht kein Miguel. Dafür höre ich laut polternde Schritte im Treppenhaus.

Ich fasse es nicht! Er haut ab. Erst schleppt er mich, von unheilschwangeren Gefühlen getrieben, hierher und jetzt macht er sich aus dem Staub. Lässt mich in dieser beschissenen Situation einfach allein. Mit einem Mal fühle ich mich nur noch müde und deprimiert. Warum immer ich, denke ich. Warum muss immer ich über irgendwelche Leichen stolpern. Ich wollte nichts weiter als Salsa tanzen. Ich hatte mich darauf gefreut, mich vorbereitet, heute Morgen sogar vor dem Spiegel geübt. Und jetzt tanze ich nicht Salsa, sondern stehe neben der Leiche der Frau, die mir die Linksdrehungen hätte beibringen sollen.

Resigniert sehe ich auf sie herab. Auf ihren durchtrainierten schmalen Köper, auf ihr langes, schwarzes Haar, um das ich sie immer beneidet habe, auf ihre gebräunte Haut, die jetzt nicht mehr braun, sondern fast weiß wirkt. Ich habe sie gemocht, aber nicht besonders gut gekannt. Es gab keine privaten Gespräche, keinen Gedankenaustausch, keine schwesterlichen Gefühle. Und doch berührt mich ihr Tod, dieser Ausdruck von Erstaunen, den ich in ihren Gesichtszügen wahrzunehmen glaube.

In der ganzen Wohnung gibt es nicht einen Hinweis auf einen Einbruch oder einen Kampf. Sogar ihr Schmuck, eine schmale goldene Halskette und eine goldene Kreole mit einem leuchtend roten Rubin, liegt unberührt auf dem Nachttisch. Sie muss ihren Mörder gekannt, ihm vertraut und ihn hereingelassen haben. Sie hat nicht damit gerechnet, dass er tun würde, was er getan hat.

Ich reiße mich von ihrem Anblick los und überlege, was ich tun soll. Die Polizei anrufen, ist mein erster Gedanke. Mein zweiter, erst einmal nichts zu überstürzen. Ich werde mich ohnehin einer Menge unangenehmer Fragen stellen müssen. Da kann ich mich vorher auch noch ein bisschen umsehen. Schließlich bin ich Privatdetektivin.

Da ich beim Durchsuchen ihrer Sachen keine Fingerabdrücke hinterlassen möchte, fische ich ein Tempo aus meiner Manteltasche und öffne mit dem Tuch in der Hand Isabels Kleiderschrank. Neben einer Reihe leerer Bügel finde ich mehrere aufwendig gearbeitete Abendkleider, die alle sehr schmal geschnitten, hoch geschlitzt und entweder hinten oder vorn tief dekolletiert sind. Das ist keine normale Abendgarderobe, wie man sie zur Opernpremiere oder auf Kreuzfahrtschiffen zum Captain’s Dinner trägt, das ist Showkleidung. Für Showgirls, die keine Hemmungen haben, ihren Körper zu zeigen. Ich frage mich, wann Isabel die getragen hat. Bei Salsa-Vorführungen? Salsa ist zwar sehr sexy und die weiblichen Profis tanzen in provozierend knappen Kleidchen, aber diese mit Pailletten, Strasssteinen und exotischen Federn geschmückten Kreationen wollen mir nicht so recht zu Salsa passen.

Ich schließe den Kleiderschrank und kehre ins Wohnzimmer zurück, öffne die Türen eines alten Sideboards, ziehe Schubladen auf, studiere die in schmalen Billyregalen aufgereihten Buchrücken. Neben spanischsprachigen Romanen entdecke ich auch einige Bücher in Deutsch. Einen Reiseführer über Kuba, ein Buch über kubanische Voodoo-Religionen und drei Bücher zum Thema Zauberei. Alles nicht sonderlich ergiebig. Auch die Briefe auf dem Tisch bringen mich nicht weiter. Zwei Bankauszüge, die zeigen, dass Isabel ein Konto bei der Haspa hatte. Mit einem Guthaben über fünfhundert Euro. Eine Rechnung von Vattenfall und ein handschriftlich verfasstes Schreiben auf Spanisch. Absender Carmen Ortega, Cuba. Wohl jemand aus Isabels Familie.

Ich lege die Briefumschläge zurück und gehe ins Schlafzimmer, sehe mich ein letztes Mal um. Habe ich etwas vergessen?

Das Bett! Ich spähe darunter. Nicht eine Staubfluse, dafür entdecke ich einen silbernen Bilderrahmen. Das Glas ist zerbrochen und hat auf dem Foto einen Kratzer hinterlassen. Vorsichtig entferne ich die Glassplitter und ziehe das Foto heraus. Isabel in den Armen eines älteren Mannes. Im Hintergrund tiefblaues Meer bei strahlend schönem Wetter. Ich komme wieder hoch, öffne die Schublade des Nachtschränkchens und lasse den kaputten Rahmen und die Glassplitter darin verschwinden.

»Was machen Sie da?«

Erschrocken fahre ich herum und stehe vor einem Mann, der mich mit grimmiger Miene mustert.

»Erst mal möchte ich wissen, wer Sie sind«, sage ich und stecke die Aufnahme unauffällig in meine Gesäßtasche.

»Hauptkommissar Lademann«, schnarrt der Mann und hält mir einen scheckkartengroßen Ausweis unter die Nase. Knapp eins achtzig groß, mit schütterem Blondhaar und eng stehenden kleinen Wieselaugen ist er der Typ, der im Tapetenmuster verschwindet. Unansehnlich bis zur Unkenntlichkeit. Das weiß er auch. Und macht es mit Dominanz und Aggressivität wett.

»Pia Petry«, antworte ich im gleichen Ton. »Privatdetektivin.«

Er reißt die Augen auf. »Privatdetektivin«, wiederholt er und spricht das Wort aus, als müsse er sich gleich übergeben. Dann huscht sein Blick zu Isabel. »Was ist mit der Frau?«

»Tot«, sage ich.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, eilt er zu ihr und greift nach ihrem Handgelenk.

»SIE IST TOT«, wiederhole ich.

»Davon überzeuge ich mich lieber selbst«, kommt es bissig zurück. Doch schon nach wenigen Sekunden lässt er Isabels Arm auf das Bett zurückfallen. Offensichtlich hat auch er keinen Puls tasten können. »Haben Sie die Frau ermordet?«

»Klar«, sage ich. »Jeden Tag eine gute Tat.«

Lademann seufzt. »Glauben Sie, das ist der richtige Zeitpunkt für Scherze?«

»Ich habe sie nicht umgebracht«, sage ich genervt. »Oder was glauben Sie, warum ich sonst noch hier herumstehe?«

»Was haben Sie da gerade gemacht?«

»Meine tägliche Gymnastik. Ich bin heute leider noch nicht dazu gekommen.«

»Wenn Sie Beweismaterial beiseitegeschafft oder Spuren vernichtet haben, dann können Sie was erleben.«

Drohend macht er ein paar Schritte auf mich zu. Da betreten ein Streifenpolizist und ein grauhaariger Mann mit Arzttasche den Raum. Der Mediziner eilt zu Isabels Leiche, während sich der junge Beamte an der Tür postiert.

Lademann fährt mit der Hand durch sein verbliebenes Resthaar. »Dann erzählen Sie mal. Wer ist die Tote und was haben Sie hier zu suchen?«

»Sie ist meine Tanzlehrerin. Isabel Ortega. Wir waren im Cucaracha zu einer Privatstunde verabredet. Und da sie nicht aufgetaucht ist, bin ich hierhergekommen …«

»Sie wussten, wo sie wohnt?«

»Ja«, behaupte ich. »Sie hat es mir mal erzählt.«

Keine Ahnung, warum ich Miguel nicht erwähne. Aber irgendein diffuses Bauchgefühl signalisiert mir, vorsichtig zu sein. Auch wenn ich davon ausgehen muss, dass er es war, der die Polizei alarmiert und mich in diese beschissene Situation gebracht hat.

»Wer hat Sie informiert?«, frage ich.

»Wir haben einen anonymen Anruf bekommen.«

»Von einem jungen Mann?«, rutscht es mir nun doch heraus. Am liebsten würde ich mir auf die Zunge beißen.

»Wie kommen Sie darauf?«, fragt Lademann sofort.

»Nun, nach Raub sieht die Sache ja nicht gerade aus.« Ich deute mit dem Kopf zu Isabels Schmuck. »Eher nach einem Mord aus Leidenschaft. Und da ist es doch naheliegend, dass der Anrufer ein Mann war.«

»Vorausgesetzt, der Anrufer ist der Täter …«

»Sieht so aus, als wäre sie stranguliert worden«, unterbricht uns der Arzt, der seine Utensilien wieder zusammenpackt. »Die Leiche muss in die Rechtsmedizin.«

»Können Sie noch mehr sagen?«, fragt Lademann.

Der Arzt schüttelt den Kopf. »Da müssen Sie schon die Obduktion abwarten«, antwortet er, lässt die Verschlüsse seiner Tasche zuschnappen und geht eilig hinaus.

»Was ist eigentlich mit der Spurensicherung? Gucken Sie mal, wo die bleiben!«, wendet sich Lademann an den jungen Streifenpolizisten, der daraufhin seinen Wachposten an der Tür verlässt.

»Nun zu Ihnen.« Lademann fixiert mich mit kaltem Blick. »Wie lange sind Sie schon in der Wohnung? Und warum haben Sie uns nicht angerufen?«

»Ich war gerade mal fünf Minuten hier, bevor Sie kamen. Und anrufen konnte ich nicht, weil ich mein Handy zu Hause vergessen habe.«

»Tatsächlich?« Lademann zieht zweifelnd die Augenbrauen hoch.

Ich nicke heftig und höre, dass aus meiner Jackentasche Let’s get loud von Jennifer Lopez dringt. Die Klingelmelodie meines Mobiltelefons.

3

Wilsberg erfährt Geheimnisse der Zauberei

»Sie hat heute die Mathearbeit nicht mitgeschrieben, weil sie vor lauter Kopfschmerzen und Übelkeit keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich habe sie erst mal ins Bett gesteckt. Aber wenn sie morgen immer noch völlig daneben ist, werde ich mit ihr zu einem Kinderpsychologen gehen müssen.«

Der vorwurfsvolle Ton meiner Exfrau ließ keinen Zweifel daran, wem sie die Schuld am Gesundheitszustand unserer Tochter gab.

»Sarah wird das schon verkraften«, sagte ich. »Sie ist schließlich kein Kind mehr.«

»Sie tut immer so erwachsen, aber in Wirklichkeit ist sie ein kleines Mädchen, Georg. Du verbringst alle zwei Wochen anderthalb Tage mit ihr. Glaubst du, du verstehst, was in ihr vorgeht?«

»Nein, das habe ich ja nicht mal bei dir verstanden.«

»Spar dir deine blöden Sprüche!«, fuhr mich Imke an. »Ich darf jetzt wieder ausbaden, was du angerichtet hast.«

»Es tut mir ja auch leid, dass sie das miterlebt hat«, sagte ich. »Aber wie, bitte schön, hätte ich es verhindern sollen?«

»Warum musstest du sie überhaupt in dieses idiotische Varieté schleppen?«

»Sarah hat mir die Eintrittskarte zum Geburtstag geschenkt. Ich habe mir diesen Abend weder gewünscht noch jemals erwähnt, dass ich ein Fan von Zaubertricks und Artisten mit Gummikörpern bin.« Mein Vorsatz, nicht die Beherrschung zu verlieren, geriet ins Wanken. »Im Übrigen ist ein Varieté kein gefährlicher Ort. In hunderttausend Vorstellungen kommt es vielleicht einmal zu einem Unfall. Es war einfach Pech, verdammtes Pech.«

»Nur komisch, dass du das Pech anziehst wie ein Scheißhaufen die Fliegen. Wann hast du in deinem Leben das letzte Mal Glück gehabt, Georg Wilsberg?«

Ich starrte den Hörer an. Imke hatte die Gabe, mit traumwandlerischer Sicherheit die Stelle zu treffen, an der es am meisten schmerzte. Ich atmete tief durch. »Kann ich mit ihr sprechen?«

»Mit Sarah? Nein. Sie schläft und ich werde sie nicht aufwecken. Versuch’s heute Abend noch mal.«

Ein Klicken und die Leitung war tot.

Von draußen drang ohrenbetäubender Lärm in mein Büro. Ich ging zum Fenster. Einer meiner Nachbarn schlenderte mit umgehängtem Laubbläser und putzigen roten Ohrschützern durch seinen Garten. Die wenigen Blätter, die er dabei aufwirbelte, hätte er mit einer Harke zehnmal schneller entfernt. Seit der Erfindung des Laubbläsers hege ich den Verdacht, dass Gartenarbeit für manche Männer zum reinen Vorwand geworden ist, den Mitmenschen ungestraft auf die Nerven gehen zu können. Wer auch immer dieses Gerät konstruiert hatte – es musste sich um einen ausgesprochenen Menschenfeind handeln.

Ich schloss das Fenster, gleichzeitig klingelte das Telefon. Mit zwei Schritten war ich am Schreibtisch.

»Wilsberg!«

»Schlechte Laune oder was?«, fragte Hauptkommissar Stürzenbecher.

»Was willst du?«

»Setz dich ins Auto und komm zum Rechtsmedizinischen Institut.«

»Wohin?«

»Zum Rechtsmedizinischen Institut an der Von-Esmarch-Straße«, wiederholte er überdeutlich, als hätte ich ein akustisches Problem.

»Das habe ich verstanden. Aber was soll ich da?«

»Erklär ich dir, wenn du hier bist. Ich erwarte dich in einer Viertelstunde.«

Aufgelegt. Anscheinend hatte nicht nur Imke ihre Freundlichkeit mit den gestrigen Geburtstagsglückwünschen aufgebraucht.

Eine aufreibende Parkplatzsuche und zwanzig Minuten später stand ich vor dem unscheinbaren Neubau im Klinikviertel. Das Rechtsmedizinische Institut war für alle unklaren Todesfälle in der näheren und weiteren Umgebung Münsters zuständig. Wobei die unklaren Todesfälle, wie die Rechtsmediziner in einer empirischen Untersuchung festgestellt hatten, mit der Entfernung von Münster stetig abnahmen. Das mochte daran liegen, dass im Landkreis Borken oder in Ostwestfalen weniger gemordet wurde. Möglich war aber auch, dass die dortigen Kriminalbeamten keine Lust auf Dienstreisen nach Münster hatten und den Ärzten im Zweifelsfall nahelegten, eine natürliche Todesursache zu attestieren.

Ich klingelte und der Pförtner ließ mich in den verschlossenen Vorraum. Nachdem ich meinen Namen und mein Anliegen genannt hatte, hängte er sich ans Telefon.

Es dauerte nicht lange, bis Stürzenbechers massige Gestalt hinter der inneren Glastür auftauchte.

Als ich ihm die Hand schüttelte, glaubte ich, einen leichten Geruch von Verwesung und Desinfektionsmittel wahrzunehmen. Aber das konnte auch die Ahnung dessen sein, was mich erwartete.

»Komm mit runter!«, sagte der Leiter des KK 11. Sein Kommissariat im münsterschen Polizeipräsidium wurde tätig, wenn es um Gewaltverbrechen ging. Hauptsächlich deshalb waren wir uns in den letzten Jahren häufig über den Weg gelaufen. Und trotz aller Probleme, die das mit sich brachte, hatte sich zwischen uns eine Art Freundschaft entwickelt.

»Wer ist eigentlich tot?«, fragte ich, als wir die Treppe hinabstiegen.

»Stefan Hubertus.«

»Wer?«

»Bist du heute schwerhörig?«

»Nein. Aber ich kenne keinen Stefan Hubertus. Nie von ihm gehört.«

»Auf der Bühne nannte er sich Stefano Monetti.«

»Der Magier?«

»Korrekt.« Stürzenbecher schob mich durch eine Schwingtür. »Als wir gestern Nacht seine Assistentin im Krankenhaus aufsuchten, hielt sie deine Visitenkarte in der Hand. So etwas macht mich stutzig. Das verstehst du doch.«

»Das bedeutet gar nichts.« Automatisch fiel ich in eine Verteidigungshaltung. »Ich war gestern im Varieté, mit meiner Tochter. Anna, also die Assistentin, hat mich auf die Bühne geholt, damit ich die Pistolenkugel in Augenschein nehme. Mehr war da nicht.«

»Und bei der Gelegenheit hast du ihr deine Visitenkarte zugesteckt?«

»Nein, das war hinterher, als Monetti oder Hubertus schon umgekippt war. Da habe ich nachgesehen, was mit ihm passiert ist, weil meine Tochter völlig verstört war. Anna tat mir leid, sie stand unter Schock. Ich dachte, es hilft ihr, wenn sie mit jemandem reden kann.«

»Klar«, grunzte Stürzenbecher, »du wolltest nur mit ihr reden.«

»Das ist die Wahrheit.«

»Außerdem sieht sie sensationell gut aus, findest du nicht?«

»Ja«, gab ich zu.

Der Hauptkommissar öffnete eine weitere Tür und wir kamen in den weiß gekachelten, von einer starken Klimaanlage gekühlten Raum, in dem Patienten nicht mehr gepflegt, sondern in Schubfächern aufbewahrt werden und die behandelnden Ärzte mit Instrumenten hantieren, die denen von Schlachtern nicht unähnlich sind.

Stefan Hubertus alias Stefano Monetti lag auf einem Metalltisch in der Mitte. Zumindest das meiste von ihm. Der Rest befand sich in Metallschüsseln auf einer fahrbaren Ablage und hatte ihm vermutlich mal als Herz, Leber oder Niere gedient. Einer der beiden Rechtsmediziner, die sich über den Leichnam beugten, griff gerade mit der behandschuhten Hand in den geöffneten Oberkörper. Ich wandte mich ab und betrachtete die Kacheln an der Wand. Zum Glück hatte ich heute Morgen nur eine Schüssel Müsli gefrühstückt.

»Ist was?«, fragte Stürzenbecher spöttisch.

»Nein, alles in Ordnung«, log ich.

»Herr Professor!«, rief der Hauptkommissar. »Könnten Sie einen Moment zu uns kommen!«

Ich holte Luft und stellte mich der Aufgabe. Der größere der beiden Mediziner streifte die blutbeschmierten Handschuhe ab und zog den Mundschutz nach unten, als er zu uns trat. Seine freundlichen Augen musterten mich fragend, während er die Hand ausstreckte.

»Celenius. Kennen wir uns nicht?«

»Wilsberg.« Ich ergriff seine Hand. »Die alten Damen in St. Mauritz, die wegen medizinischer Versuche sterben mussten. Ich habe Sie damals um Unterstützung gebeten.«

»Richtig.« Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ein interessanter Fall. Ein wirklich sehr interessanter Fall. Dagegen ist unser Magier reine Routine.« Er schaute zu Stürzenbecher. »Darf ich?«

»Reden Sie ruhig!«, sagte der Hauptkommissar.

»Frontaler Kopfschuss drei Zentimeter oberhalb der Augen. Die Kugel hat lebenswichtige Bereiche seines Gehirns zerstört.« Celenius’ hanseatischer Akzent wurde stärker. »Der Mann war praktisch tot, als er auf dem Boden aufschlug. Merkwürdig ist nur, dass das Projektil nicht wieder ausgetreten ist. Ich nehme an, dass die Wucht des Schusses durch etwas Gläsernes abgeschwächt wurde. Wir haben winzige Glassplitter in der Wunde gefunden.«

»Er stand hinter einer Glasscheibe«, bestätigte ich.

»Und vermutlich war das Ganze etwas anders gedacht«, sagte Celenius. »Sonst kann man einen solchen Trick immer nur einmal vorführen.«

»Hubertus hat den Kugeltrick schon Dutzende Male praktiziert«, schaltete sich Stürzenbecher ein. »Normalerweise verschwindet die Metallkugel, die vor den Augen des Publikums in den Lauf eingeführt wird, in einem Geheimfach innerhalb der Pistole. Abgefeuert wird ein hauptsächlich aus Wachs bestehendes Geschoss, das schon vorher im Lauf steckt. Die Wachskugel hat genug Kraft, um die Glasscheibe zu durchschlagen, kann den dahinter stehenden Mann jedoch nicht mehr verletzen.«

»Und was ist schiefgegangen?«, fragte Celenius.

»Das wissen wir noch nicht. Jedenfalls blieb die Metallmunition im Lauf und wurde zusammen mit dem Wachs abgefeuert.«

»Dumm«, nickte der Professor. »Passiert so was häufiger?«

»Selten, aber es kommt vor.«

»Da würde ich doch lieber dabeibleiben, Kaninchen aus einem Hut zu zaubern.«

»Ja«, sagte Stürzenbecher. »Aber wo Herr Wilsberg schon mal da ist, würde ich ihn gern einen Blick auf das Projektil werfen lassen, das sich in Hubertus’ Kopf befand. Er hatte nämlich bei der Vorstellung die Aufgabe, das Beweisstück zu prüfen.«

Celenius schaute mich auffordernd an. »Dann kommen Sie mal mit!«

»Danke.« Ich schluckte. »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich lieber hier stehen bleiben.«

»Ach so, natürlich.« Der Professor machte ein paar Schritte zur Ablage und fischte etwas Metallenes aus einer Schale.

Das leicht deformierte Ding, das nun in meine Hand kullerte, besaß keine Kerbe auf seinem Mantel. »Das ist nicht die Kugel, die ich auf der Bühne gesehen habe«, stellte ich fest.

»Darf auch nicht«, sagte Stürzenbecher. »Der Trick sieht vor, dass Hubertus das Geschoss mit den Zähnen auffängt. Scheinbar jedenfalls. Also muss die Metallkugel vor den Augen des Publikums mit einer anderen vertauscht werden. Hubertus steckt sich die markierte Kugel in den Mund und schiebt sie, sobald der Schuss fällt, rasch zwischen die Zähne. Deine Aufgabe wäre es gewesen, die Markierung wiederzuerkennen und die Echtheit zu bestätigen.«

»Dann müsste er mein Projektil ja noch im Mund gehabt haben«, sagte ich.

»Richtig«, sagte Stürzenbecher.

Wir drehten uns zum Metalltisch um.

»Herr Reich-Ranitz«, rief Celenius.

»Ja?« Der zweite Mediziner schaute auf.

»Haben Sie den Rachenraum des Toten nicht untersucht?«

»Natürlich. Da war …«

»Dann machen Sie es bitte noch mal! Und zwar gründlich!«

»Aber …«

»Tun Sie es einfach!«

Reich-Ranitz murmelte etwas Unverständliches und leuchtete dann mit einer kleinen Taschenlampe in den geöffneten Mund des Magiers. Schließlich nahm er eine Pinzette zu Hilfe.

»Wie ich bereits sagte … Nein, warten Sie! Na so was! Unter der Zunge.«

»Assistenten«, knurrte Celenius.

Reich-Ranitz zog die Pinzette aus dem Mund des Toten und schwenkte sie in unsere Richtung. »Ein Metallprojektil. Unversehrt.« Er betrachtete seinen Fund genauer. »Bis auf eine kleine Einkerbung im Mantel.«

»Ich glaube, ich brauche frische Luft«, sagte ich.

Der Hauptkommissar musterte mich kritisch und griff nach meinem Arm. »Ich begleite dich.«

Vor dem Institut steckte ich mir einen Zigarillo an. Der Rauch schmeckte scheußlich, aber wenigstens verdrängte er den Leichengestank.

»Die Qualmerei wird dich noch umbringen«, sagte Stürzenbecher.

»Was denkst du?«, fragte ich. »War es ein Unfall?«

»Die Assistentin war letzte Nacht ziemlich durch den Wind. Ich habe nicht viel aus ihr herausbekommen. Sie redete dauernd davon, dass jemand vergessen habe, die Garderobentür abzuschließen. Theoretisch wäre es natürlich möglich, dass an der Pistole manipuliert wurde.«

»Und warum nicht praktisch?«

»Weil man dafür ein Insider sein muss. Solche Spezialpistolen werden nicht in hoher Stückzahl hergestellt. Um sicherzugehen, habe ich die Experten vom Landeskriminalamt gebeten, die Waffe zu untersuchen.«

Anna selbst wusste vermutlich, wie die Pistole funktionierte. Dachte ich, sagte es aber nicht.

»Sie heißt Anna Ortega und stammt aus Kuba«, redete der Hauptkommissar unaufgefordert weiter. »Seit fünf Jahren ist sie mit Hubertus zusammen.«

»Die beiden waren ein Paar?«

»Auf der Bühne und im Bett.« Er grinste anzüglich. »Die schönen Frauen sind immer vergeben. Hast du das noch nicht gemerkt?«