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Horst Eckert

Königsallee

Kriminalroman

Der Autor

Horst Eckert wurde 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren. Aufgewachsen in Pressath, in der nordostbayerischen Provinz. Studium in Erlangen und Berlin (Diplompolitologe). Er lebt als Autor in Düsseldorf.

Seine Kriminalromane wurden mehrfach ausgezeichnet und sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt worden.

Bisher sind erschienen: Annas Erbe, Bittere Delikatessen, Aufgeputscht, Finstere Seelen, Die Zwillingsfalle, Ausgezählt, Purpurland, 617 Grad Celsius, Königsallee, Sprengkraft sowie die Anthologie Niederrhein-Blues und andere Geschichten.

www.horsteckert.de

Kommen wir zum Ende

Kommen wir zum Ende

Wenn mich schon keiner hört

Laufe gegen Wände

Hab jeden nur gestört

Das Leben, das ich erbe

Drückt mir so hart aufs Herz

Benutzt mich, bis ich sterbe

Ich spüre keinen Schmerz

Henrike Andermatt, 1986–2007

Inhalt

Prolog

Teil I - Alarmsignale

Teil II - Die Zeugin

Teil III - Stadt der Narren

Teil IV - Verletzungen

Teil V - Dossiers

Danksagung

Prolog

Jewgeni lehnte am Geländewagen, den er vor dem Restaurant Kumatschok abgestellt hatte, und quetschte den roten Gummiball im Sekundentakt, die stechenden Schmerzen in seiner Hand ignorierend. Ihm gefiel nicht, was sich auf der anderen Straßenseite abspielte.

Etwa zwanzig junge Leute hatten sich dort vor dem Büro der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa versammelt, der einzigen ausländischen Institution in diesem Land. Ein Bursche stellte eine Leiter an das Haus, kletterte auf das Dach, riss die Fahne mit dem OSZE-Logo von der Stange und hisste stattdessen einen gelben Lappen mit dem Konterfei Che Guevaras und schwarzem Schriftzug: Proriv.

Die Demonstranten jubelten und skandierten: »Woronin ist ein Räuber! Für ein unabhängiges Transnistrien!«

Jewgeni tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Trotz der Nachmittagshitze hatte er seinen schwarzen Zweireiher anbehalten, der seine Schultern noch breiter wirken und die Waffe im Holster nicht ahnen ließ. Proriv hieß Durchbruch – Jewgeni hatte keine Ahnung, was diese Leute bezweckten.

Niemand ließ sich blicken, weder OSZE-Mitarbeiter noch Polizisten. Dabei wurden in diesem Land politische Meinungsäußerungen sonst nur geduldet, wenn sie vom Präsidenten stammten.

Ein junges Ding, das zu den Demonstranten gehörte, klemmte Flugblätter unter die Scheibenwischer der Autos am Straßenrand, ein paar rostige Ladas und Dacias aus alten Zeiten und teure, schwarze Limousinen mit getönten Scheiben. Vor Jewgenis bulligem Porsche blieb das Mädchen staunend stehen. Er nahm ihm einen Zettel ab.

Schluss mit der Blockade! Schluss mit der imperialistischen Umklammerung!

Auch wenn das Jungvolk auf der offiziellen Linie lag, bewertete Jewgeni die Aktion als Zeichen des Verfalls.

Er fächelte sich mit dem Flugblatt Frischluft zu und blickte der Kleinen hinterher. Diese Beine, dieser Arsch. Knappste Shorts und nur ein dünnes Trägerhemdchen. Man konnte über Tiraspol lästern, aber Jewgeni mochte die Stadt. Jammerschade, dass seine Tage hier gezählt waren.

Vitali Karpow, Finanzdirektor des Magnum-Konzerns, trat aus dem Restaurant. Eine Kellnerin in Kosakentracht hielt dem kleinen, untersetzten Mittfünfziger die Tür auf und knickste. Alexandru, der Wirt, humpelte Karpow hinterher und verbeugte sich mehrfach. Das Transparent, das Alexandru an die Fassade seines Hauses gehängt hatte, war neu: Ganzer Stolz des Volkes – die transnistrische Moldaurepublik!

Jewgeni erinnerte sich daran, dass Alexandru noch vor Kurzem gegen die Schließung rumänischsprachiger Schulen gestänkert hatte. Doch seit eine Benzinbombe ins Kumatschok geflogen war und Präsident Turin als einziger Kandidat auch die jüngste Wahl gewonnen hatte, schrieb der Wirt seine Speisekarten auf Kyrillisch, wie es sich gehörte. Alexandru ahnte nicht, dass ein Machtwechsel bevorstand.

Jewgeni rückte die Sonnenbrille zurecht – ein Prada-Modell, auf Geschäftsreise in Zypern erstanden. Kontrollierende Blicke die Straße des 25. Oktober entlang. Er nannte sich Sicherheitsberater des Magnum-Konzerns und diente den Bossen als Fahrer und erster Leibwächter. Karpow hielt ihn besonders auf Trab.

Die politische Entwicklung machte die Konzernleitung nervös. Man war nicht mehr sicher vor CIA-Agenten, Randalierern von Proriv oder langbärtigen Koranjüngern, die sich beim Waffenkauf betrogen fühlten.

»Der Stör war früher auch besser«, raunte der Finanzdirektor beim Einsteigen. Karpow rülpste und klappte sein Schweizer Taschenmesser auf, um damit zwischen den Zähnen zu stochern.

Jewgeni drehte den Zündschlüssel. Mit einem Schnurren aus acht Zylindern meldeten sich schlappe 350 PS einsatzbereit.

Karpow sagte: »Alexandru will das Kumatschok neu anstreichen. Lauter Sterne in Rot und Gelb.«

Rote Sterne standen für das Regime, gelbe für den Konzern. Magnum-Eigner war Wladimir Turin, der Präsidentensohn, der auch Polizei und Zoll befehligte – dass die Bosse der Firma ihren Stör umsonst bekamen, verstand sich von selbst.

»Dabei kann er sich die Sterne demnächst in den Hintern schieben«, ergänzte Karpow und fuhr fort, seine gelblichen Beißer zu bearbeiten.

Manieren wie ein Schweinebauer, fand Jewgeni. Patruschew, Karpows Vorgänger, war von anderem Zuschnitt gewesen.

Sie passierten die Magnum-Tankstelle, den Magnum-Supermarkt und den Präsidentenpalast mit der Statue, die nach Moskau grüßte. Womöglich waren auch die Tage des guten alten Wladimir Iljitsch gezählt, befürchtete Jewgeni.

Der Wagen krachte in ein Schlagloch.

Karpow fluchte – er hatte sich ins Zahnfleisch gestochen.

Während sie auf der vierspurigen, maroden Leninstraße stadtauswärts rumpelten, fingerte Jewgeni den Gummiball aus der Hosentasche und setzte, mit der Linken lenkend, seine Reha-Übung fort. Es tat verdammt weh, aber er durfte seine Kraft nicht verlieren.

Karpow schielte hin. »Was macht der Bruch?«

»Fast verheilt.«

»Ausgerechnet die Rechte.«

»Welche sonst?«, erwiderte Jewgeni.

Karpow lachte unsicher.

Am Complex Magnum, dem neuen Stadion, ließ sich der Finanzdirektor absetzen. Wie alle Bosse gehörte er dem Vorstand des FC Magnum Tiraspol an.

Jewgeni parkte im Schatten der Arena und putzte seine Sonnenbrille. Er verabscheute den Gedanken an die Wiedervereinigung mit den Rumänisch sprechenden Maisbreifressern vom anderen Ufer des Flusses. Ein Stadion wie dieses hatten sie auf der Westseite nicht. Zweihundert Millionen Euro hatte Wladimir Turin dafür springen lassen. Dank mehrerer Legionäre aus Burkina Faso hätte der Verein fast die Champions-League-Qualifikation geschafft. Den Fußballsport hatte die Abspaltung des Landes von Moldawien nie berührt – auch ohne eine Kapitulation vor den Imperialisten und ihren Marionetten wirkte der Verein als Aushängeschild.

Eine Horde abgemagerter Hunde lief vorbei. Eine Zeitungsseite wirbelte über die breite, betonierte Piste. Ein gelber Stern auf dem Titel – die Magnum-Gazette.

Jewgeni hielt Ausschau nach jungen Frauen.

Ein rostiger Kleinbus fuhr vor und Jewgeni staunte, wie viele Menschen aus der Karre kletterten. Dann erkannte er, dass es sich um einige der Demonstranten von vorhin handelte. Offenbar setzten sie einen Genossen ab, der sich unter zahlreichen Umarmungen verabschiedete und mit seiner Sporttasche im Complex Magnum verschwand.

Ein Mädchen löste sich aus der lärmenden Gruppe und schlenderte auf Jewgeni zu. Es war die Flugblattverteilerin. Er setzte sein Sonntagslächeln auf, damit seine teuren Goldzähne zur Geltung kamen.

Im Stoff ihrer engen Shorts zeichnete sich der Spalt ab – geiles Luder.

»Schickes Auto«, sagte sie.

Er wippte auf den Absätzen. »Porsche Cayenne. Geht ab wie eine Tüte Mücken.«

»Deiner?«

»Hm, wie heißt du, meine Hübsche?«

»Aljona.«

»Schon was vor heute Abend?«

Das Proriv-Mädchen musterte ihn.

Er stellte sich die Kleine gefesselt vor, nackt und um ihr Leben bettelnd. Ja, er könnte Spaß mit der Schlampe haben. Noch einmal richtig auf die Kacke hauen.

Die anderen riefen nach Aljona und sie tippelte zurück zum Kleinbus. Bevor sie einstieg, winkte sie Jewgeni noch einmal zu.

Karpow kam zurück und hatte es eilig, zum Eltromasch-Kombinat gefahren zu werden. Eine Erklärung gab er nicht. Schweinebauer.

Sein Vorgänger Patruschew war aufgeflogen – die Bilanzen frisiert, Geld abgezweigt.

Der Cayenne erreichte die Fabrikanlagen. Eltromasch produzierte Kalaschnikows für den Export. Herzstück des Magnum-Imperiums. Turin senior war nach seiner KGB-Zeit Direktor des Ladens gewesen, bis er die Loslösung von Moldawien betrieben hatte. Seitdem war er jedes Mal als Präsident Transnistriens bestätigt worden, manchmal mit mehr als hundert Prozent der Wählerstimmen.

Bevor er ausstieg, fragte Karpow: »Du warst früher in Deutschland stationiert?«

»Bei der Westgruppe in Wünsdorf, bevor ich zu General Lebed kam. Warum?«

»Sprichst du die Sprache?«

»Natürlich. Ich wurde in Verhörmethoden ausgebildet.« Jewgeni fragte zurück: »Wir gehen doch nicht nach Deutschland, oder?«

Keine Antwort. Karpow verschwand im Verwaltungsgebäude.

Jewgeni knetete den Ball. Deutschland kam nicht infrage, redete er sich ein. Der Präsident, sein Sohn und die halbe Konzernspitze standen als Kriegsverbrecher und Waffenschieber auf der Fahndungsliste von Interpol. Mit echten Pässen kamen sie allenfalls nach Südossetien oder Abchasien.

Im Pförtnerhäuschen lief das Radio. Jewgeni hörte die Nachrichten mit. Erleichtert stellte er fest, dass die Erpressungsabsichten von Gazprom noch nicht durchgesickert waren – ausgerechnet der Staatskonzern des großen Bruderlandes drohte damit, den Gashahn abzudrehen, wenn Transnistrien nicht rasch seine Schulden von fast zwei Milliarden US-Dollar beglich. Natürlich war das Land nicht zahlungsfähig. Der Präsident hatte auf seine persönlichen Rücklagen geachtet, nicht auf die Staatskasse.

Die Turins waren fest entschlossen: Lieber ein rascher Abgang als ein Machtwechsel auf Raten, der womöglich im Knast der Imperialisten endete.

Jewgeni würde den Clan begleiten. Abchasien lag am Schwarzen Meer. Eine schöne Küste, allerdings zu abgelegen für das internationale Geschäft. Wie Jewgeni die Turins einschätzte, war der Westen ihr Ziel. Ein Ort, an dem die Behörden ein Auge zudrückten. Wo man mit Geld vieles regeln konnte. Vielleicht Zypern oder Marbella – zahlreiche Perestroikagewinner hatten dort ihre Zelte aufgeschlagen.

Bloß nicht Deutschland! Schon der Gedanke daran bereitete Jewgeni Magengrimmen.

»Hey!«

Karpow eilte heran und winkte mit hochgerecktem Arm. Wladimir Turin schritt an seiner Seite.

Jewgeni öffnete ihnen die Türen.

Der Präsidentensohn zwinkerte vertraulich und nahm auf dem Rücksitz Platz, den er bevorzugte. »Zum Palast!«

Jewgeni glaubte, die Luft im Auto werde dünn. Das ging ihm jedes Mal so. Der Konzernboss verkörperte alles, was er bewunderte und fürchtete.

Jewgeni fuhr los.

Wladimir sagte: »Ich habe Anna ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter besorgt und prompt plappert sie aus, was es ist.« Anna – Wladimirs fünfjährige Tochter.

»Süß«, antwortete Karpow.

»Nein, dumm!«, blaffte Wladimir seinen Oberbuchhalter an. »Ein Mensch braucht seine Geheimnisse! Anna muss lernen, Kraft daraus zu schöpfen. Wie kann sie wissen, wer sie ist, wenn sie all ihre Geheimnisse preisgibt? Anna darf nicht enden wie dieses Land!«

»Nein, wirklich nicht«, stimmte Karpow zu.

»Zöllner aus EU-Staaten kontrollieren die eine Grenze, CIA-Agenten regieren jenseits der anderen. Wir sollen unsere Flugverbindung nach Zypern einstellen. Und jetzt fällt uns auch noch Gazprom in den Rücken. Man will uns unserer Macht berauben.«

»Diese imperialistischen Hunde!«

»Karpow, du kennst die Summen, die ich verteile. Wenn wir trotzdem nicht mehr Herr im Land sind, brauchen wir eine neue Heimat.«

»So ist es, Chef.«

»Hier sind die guten Zeiten vorbei. Im Westen fangen sie für uns erst an. Was meinst du, Jewgeni?« Der Angesprochene räusperte sich. »Wenn du es sagst, Wladimir.«

Wehmütig dachte Jewgeni an fünfzehn gute Jahre zurück. Vierzigtausend Tonnen an Waffen und Munition hatten die Russen bei ihrem Abzug aus Osteuropa nach Transnistrien geschafft und der Obhut ihrer 14. Armee übergeben. Ein Schatz, der noch längst nicht komplett verhökert war. Kriegsgerät war das begehrteste Exportgut des Landes, noch vor Nutten und Designerdrogen.

»Alle reden von der Globalisierung«, fuhr Wladimir fort. »Wir verkaufen Magnum an die dummen Oligarchen aus dem Donbass und ziehen nach Westen. Trinken wir auf unsere Geheimnisse!«

»Ja, ein Baltyka wäre jetzt nicht schlecht«, stimmte Karpow zu.

»Wer redet denn von Bier!«

Im Rückspiegel beobachtete Jewgeni, wie Wladimir eine Flasche Dom Pérignon aus der Kühlbox angelte und sich am Verschluss zu schaffen machte.

»Hauptsache, du hast keine Geheimnisse vor mir, nicht wahr, Karpow?«

»Um Himmels willen, Chef!«

»Es ist nämlich deprimierend, wenn ich an der Buchführung zweifeln muss. Dein Vorgänger hat mich unendlich enttäuscht. Da fällt mir ein, Jewgeni, wo ist eigentlich dein Gips?«

»War mir lästig. Heilt auch so.«

»Eisenfaust, was?«

»Normal schlage ich auf die Kehle, aber der Kerl hat sich geduckt.«

Der Oberboss wandte sich wieder an den Finanzdirektor. »Jewgeni hat Patruschew den Schädel zertrümmert. Mit der bloßen Faust. Ein einziger Schlag. Beachtlich, Karpow, nicht wahr?«

»Hm.«

»Jetzt stiert der arme Patruschew an die Decke, sabbert und erkennt seine eigenen Kinder nicht. Und warum das ganze Unglück, Karpow?«

»Weil Patruschew …«

»Ach, schweig und nimm!« Der Präsidentensohn reichte zwei volle Gläser nach vorn.

Jewgeni nahm eines davon entgegen und bemühte sich, nichts zu verschütten, während er mit einer Hand um die Schlaglöcher steuerte.

Hier sind die guten Zeiten vorbei …

Bitte nicht Deutschland, dachte Jewgeni. In Wünsdorf hatte ihn eine Schlampe angezeigt, die seine Behandlung überlebt hatte und aus dem Keller entwischt war. Russische Militärpolizei hatte ihn verhört. Dabei waren es seine Kontakte gewesen, die den damaligen Schwarzhandel mit Heizöl aus Armeebeständen möglich gemacht hatten. In jenen Tagen waren die Turins auf ihn aufmerksam geworden.

Zwischen den Lagerhallen flackerte die untergehende Sonne, die sich im Fluss spiegelte. Jewgeni verspürte Wehmut. Die Jahre in diesem seltsamen Landstreifen hatten ihm gefallen. Nirgendwo hatte er seine eigenen Geheimnisse so gut wahren können.

Das Flutlicht im Complex Magnum Tiraspol strahlte bereits, als sie vorbeifuhren.

»Die Spiele werden uns fehlen«, bemerkte Jewgeni.

Im Rückspiegel sah er, wie Wladimir sein Glas hob. »Fußball gibt’s auch anderswo. Wir bauen uns ein neues Stadion, wenn es sein muss.«

»Wo werden wir uns niederlassen?«

Wladimir lachte nur. »Prost«, sagte er – ein deutsches Wort.

Das Brennen in Jewgenis Magen nahm zu.

Hier sind die guten Zeiten vorbei. Dort fangen sie an.

Jewgeni räusperte sich. »In welcher Stadt?«

»Egal, Jewgeni«, antwortete der Präsidentensohn. »Wir kaufen sie!«

Teil I

Alarmsignale

Weil die Menschen halt keine sind.

Ödön von Horváth, Geschichten aus dem Wienerwald

Dienstag, 15. Mai, Blitz, Lokalnachrichten:

GEKKO-BEACH VOR DEM AUS?

Die Zeichen für das beliebte Strandlokal Gekko-Beach im Düsseldorfer Hafen stehen schlecht. Das Verwaltungsgericht lehnte gestern den Einspruch des Betreibers gegen den Räumungsbeschluss ab, den die Stadtverwaltung auf Anweisung von Oberbürgermeister Dagobert Kroll erwirkt hatte. Bereits ab Montag soll das Lokal abgerissen werden, das in den letzten Jahren mit seinem künstlich aufgeschütteten Strand für Karibik-Flair am Rhein gesorgt hatte – grünes Licht für das geplante Hafen-Congress-Centrum (HCC) an gleicher Stelle, das OB Kroll schon jetzt als »Leuchtturm der Düsseldorfer Wirtschaftskraft« lobt.

Gekko-Betreiber Arne Echternach bezweifelt jedoch, dass mit dem Bau des HCC in nächster Zeit zu rechnen ist. Er schlägt einen Kompromiss vor: Bis im Herbst die Bagger anrücken, sollten die Eidechsen bleiben dürfen. Zum Ende der Sommersaison würden sie das Gelände an der Speditionsstraße dem neuen Nutzer übergeben, pünktlich und besenrein.

Von Dagobert Kroll war hierzu keine Stellungnahme zu erhalten. Seine Referentin Simone Beck stellte jedoch klar: »Der Investor für das HCC will klare Verhältnisse. Die Stadt kann es sich nicht leisten, den Anschluss an die Weltspitze der Wirtschaftsmetropolen wegen eines Biergartens zu verspielen.«

Mittwoch, 16. Mai, Morgenpost, Landespolitik:

WIRD ›RICHTER GNADENLOS‹

DEM WERBEN WIDERSTEHEN?

Seine harten Urteile haben Konrad Andermatt, Richter am Düsseldorfer Landgericht, über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus bekannt gemacht. Verbrechen müssten härter und konsequenter bestraft werden, so die Ansicht, die der von seinen Gegnern gern als ›Richter Gnadenlos‹ titulierte 52-Jährige auch im Bundesvorstand der FDP vertritt.

Seinen nordrhein-westfälischen Parteifreunden erscheint Andermatt als idealer Nachfolger für Hansgünter Scheuring, der sein Amt als Landesinnenminister krankheitsbedingt aufgeben musste. Noch hat Andermatt sich nicht entschieden, bittet um Bedenkzeit. Das Etikett »rechtsliberal« kontert er schon mal mit einem sanften Lächeln: »Wenn das bedeutet, endlich dem Recht Geltung zu verschaffen, so bin ich damit einverstanden. Freiheit ist ohne Sicherheit nicht möglich.«

Am morgigen Himmelfahrtstag wollen die Fraktionsspitzen von CDU und FDP die Personalie beraten. Ministerpräsident Fahrenhorst hat signalisiert, den Vorschlag des Koalitionspartners zu akzeptieren. Jetzt liegt es nur noch an Konrad Andermatt selbst, den Sprung ins Kabinett zu vollziehen und aus ›Richter Gnadenlos‹ einen ›gnadenlos guten Minister‹ zu machen.

Donnerstag, 17. Mai, Morgenpost (Feiertagsausgabe), Feuilleton:

KEINE RÜCKKEHR DER ›NACHT‹ IN SICHT

Nächste Woche jährt sich der Raub von Max Beckmanns Meisterwerk Die Nacht aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zum zweiten Mal. Im letzten Jahr wurden die Täter geschnappt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, doch zum Verbleib des 1919 entstandenen Ölbilds, das als Meilenstein der bildenden Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gilt, verweigerten sie jede Aussage.

Die Morgenpost hat sich nach dem Stand der Ermittlungen erkundigt. Zuständig ist das zur Kriminalgruppe ›Organisierte Kriminalität‹ gehörige Kriminalkommissariat 22, das im Mai letzten Jahres in Korruptionsverdacht geraten war, nachdem ein Drogenprozess gegen einen bekannten Düsseldorfer Gastronomen überraschend geplatzt war. Es gab interne Ermittlungen, jedoch keine Ergebnisse. Der Skandal habe keine Auswirkung auf die Suche nach dem Beckmann-Bild, versichert der Polizeisprecher. Nach dem millionenteuren Bild werde weiterhin mit ganzer Kraft gefahndet. Der Kunstmarkt werde überwacht, man gehe jedem Hinweis auf mögliche Hintermänner des Raubs nach. Es sei unvorstellbar, dass ein Kunstwerk dieses Rangs nicht früher oder später wieder auftaucht. Lieber früher, so hofft man in der Kunstsammlung NRW, wo seit zwei Jahren eine empfindliche Lücke klafft.

1.

Der Strick war am Dachbalken befestigt, die Schlinge drückte ihm die Luft ab. Er war zu schwach zum Schreien. Nur noch undeutlich bekam er mit, was die Eindringlinge mit seiner Frau und dem Kind anstellten.

Und die Folterknechte gaben keine Ruhe. Vor Stunden schon waren sie in die Dachkammer gedrungen und hatten die Familie überfallen.

Ihr Anführer war ein feister Mann mit kugelrundem Schädel. Das Haar streng gescheitelt, weißes Hemd, adrette Weste. Er bellte Befehle, ohne seine Pfeife aus dem Mund zu nehmen, packte den Arm des Familienvaters und kugelte mit einem Ruck das Schultergelenk aus.

Ein großer Bursche mit grauer Mütze hielt Sarah zurück, das blonde Kind, das entsetzt seine Mutter anstarrte. Die halb nackte Frau hing mit gefesselten Händen an einem zweiten Seil, ihre Beine zum Spagat gespreizt. Der Schmerz hatte sie in Ohnmacht fallen lassen.

Gaffer verharrten im Hintergrund. Ein Hund kroch unter den Tisch und winselte – der Einzige, der Mitleid zu empfinden schien.

Es war Nacht. Keine Rettung weit und breit.

Ein schreckliches Bild, dachte Jan Reuter. Was muss ein Maler erlebt haben, um so etwas auf die Leinwand zu bringen? Wie hoffnungslos muss er gewesen sein, um dem Grauen einen so kalten Ausdruck zu geben?

Reuter wusste nicht, warum er das Kind in seiner Fantasie Sarah nannte. Vielleicht, weil er sich selbst ein Mädchen wünschte, das er so nennen würde.

Aber nie dürfte es solche Qualen erleben.

Er faltete den Farbausdruck und steckte ihn ein. Weil er mehrere Kopien zu Hause hatte, musste er nicht erst ins Präsidium fahren, bevor er sich mit der Vertrauensperson treffen würde. Er hatte dem Informanten das Bild bereits einmal gezeigt, aber er würde es immer wieder tun.

Der Raub des berühmten Werks von Max Beckmann aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vor zwei Jahren wurde der organisierten Kriminalität zugeschrieben. Damit war Reuters Dienststelle dafür zuständig – das KK 22, dem er seit elf Monaten als Kriminaloberkommissar angehörte.

Zwei Wachleute, junge Männer mit ukrainischem Pass, hatten eines Nachts das Putzpersonal bedroht und das Bild aus dem Rahmen geschnitten. Die Männer waren längst gefasst. Im letzten Herbst das Urteil: sechs Jahre Willich, bei guter Führung vermutlich vier. Die Räuber hielten dicht. Kein Wort über ihren Auftraggeber oder den Verbleib des Gemäldes.

Reuter glaubte zu wissen, wer hinter dem Coup steckte: Manfred Böhr, stadtbekannter Inhaber von Diskotheken und Restaurants. Eine schillernde Figur aus guter Familie, mit Beziehungen und regelmäßiger Präsenz in den Klatschspalten der Presse – die Schreiberlinge bezeichneten ihn je nach Sympathie als »Partylöwen« oder »Düsseldorfer Original«.

Insider kannten Böhr als Koksbaron. Das Pleasure Dome, in dem er die Puppen tanzen ließ, galt als Düsseldorfs Drogenumschlagplatz Nummer eins.

Der Koksbaron gab sich als Kenner der Künste. Keine Vernissage ohne ihn. Galeristen verdienten sich dämlich an ihm. Akademieprofessoren verkehrten in seinen Lokalen. Und das Wachschutzunternehmen, in dem die Ukrainer gejobbt hatten, gehörte zu seinem Firmenimperium.

Reuter war sich sicher: Sobald er das Gemälde fand, war Böhr geliefert. Dann würden ihm weder seine Gerissenheit helfen noch sämtliche Beziehungen. Auch nicht sein Geld, mit dem er korrupte Kollegen schmierte.

Katja kam die Treppe heruntergestiefelt. Sie hatte sich schick gemacht für die anstehende Familienfeier und wich seinem Blick aus – es herrschte dicke Luft, aber Reuter konnte nichts daran ändern. Er hatte den Frühstückstisch gedeckt, inklusive Croissants und frisch gepresstem O-Saft. Mehr als dieses Friedensangebot war nicht drin.

»Mama ist enttäuscht, auch wenn sie es am Telefon nicht zugibt«, murmelte Katja und rührte in ihrem Kaffee.

Reuter reichte Katja den Brotkorb. »Croissants oder Vollkornbrot?«

Auch die Fische im Aquarium bekamen Frühstück – mit einem Schnarren entließ der Futterautomat die programmierte Portion in das Becken.

Seine Freundin schüttelte den Kopf. »Alle werden da sein, nur du hast plötzlich einen Termin. Mama hat die Fete extra auf den Feiertag gelegt.«

»Hör zu, Renate wird es verstehen.«

Er wusste, dass es Katja nicht um den Geburtstag ihrer Mutter ging. Sie selbst fühlte sich vernachlässigt. Zu oft kam er abends erst spät nach Hause. Auch seinen Urlaub hatte er schon ein paarmal verschieben müssen.

Wenn er wenigstens mit Erfolgen glänzen könnte. Dann wäre sie stolz und würde nicht meckern. Ein Durchbruch gegen den Koksbaron wäre mein Karrierebeschleuniger, dachte Reuter. Kripochef Engel hielt große Stücke auf ihn. Zumindest hatte der Leitende Kriminaldirektor das behauptet, als er Reuter ins KK 22 versetzt hatte. Kurz zuvor war ein Prozess gegen Böhr unter spektakulären Umständen geplatzt: Beweismittel waren aus dem Büro des aktenführenden Kollegen verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Reuter noch dem Inneren Dienst angehört, einer Gruppe von Beamten, die dem Führungsstab des Kripochefs angegliedert war und sich um schwarze Schafe in den Reihen der Polizei kümmerte.

Reuters Job war es gewesen, den Skandal aufzuklären. Doch der mutmaßlich bestochene Aktenführer hatte sich als harter Brocken erwiesen. Norbert Scholz, ein alter Hase im KK 22. Ein ausgekochter Kriminalhauptkommissar von Ende vierzig, dessen Einstellung zum Dienst von Zynismus geprägt war. Reuter hatte Scholz zwei Telefonate mit Böhr nachweisen können. Gespräche ohne großen Inhalt: Der eine rief an, der andere legte sofort auf – eine Art stille Verständigung, vermutete Reuter.

In den Augen der Staatsanwaltschaft hatte es nicht für eine Anklage gereicht, die strafrechtlichen Ermittlungen waren bald eingestellt worden. Das interne Disziplinarverfahren ruhte jedoch nur – vielleicht würde sich der mutmaßliche Maulwurf eine Blöße geben, sobald er sich sicher fühlte.

Für die Dauer des internen Verfahrens war Scholz einer Dienststelle zugeteilt worden, in der er weniger Schaden anrichten konnte. Gehaltskürzung, Beförderungsstopp – mehr war ohne Zustimmung des Personalrats nicht drin gewesen.

Unterdessen hatte Böhr seinen Freispruch ausgekostet und sich feiern lassen. Scharte Prominenz aus Politik und Showgeschäft um sich. Spielte das verfolgte Unschuldslamm. Drehte der Polizei eine Nase. Die Puppen tanzten weiter im Pleasure Dome.

Kripochef Engel hatte Reuter auf Scholz’ bisherigen Posten gesetzt und ihm die Ermittlungen gegen den Koksbaron übertragen: Höchste Zeit, frischen Wind ins KK 22 zu bringen.

Doch es gab Widerstand, mit dem Reuter nicht gerechnet hatte. Die Staatsanwaltschaft bremste, wo es nur ging. Kostenmanagement lautete die Devise – der Staat musste angeblich sparen.

Noch in den Neunzigerjahren war die Bekämpfung der organisierten Kriminalität großgeschrieben worden, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Naturgemäß waren die Ermittlungen langwierig und komplex – und damit nicht billig zu haben. Inzwischen gaben die Staatsanwälte jedoch nur noch grünes Licht, wenn der Erfolg vorab garantiert schien. Und der Landesregierung war es ohnehin am liebsten, wenn organisiertes Verbrechen erst gar nicht in der Statistik auftauchte – als sei ausgerechnet Nordrhein-Westfalen frei davon.

Seit Monaten waren auf Böhr nur noch zwei Beamte angesetzt: Reuter und sein Kollege Michael Koch. Im Inneren Dienst hatte Reuter gegen Kollegen größere Geschütze auffahren können als heute gegen Gangsterbanden.

»Kannst du dein Treffen nicht verschieben?«, maulte Katja.

»Wie stellst du dir das vor? Soll ich meinem Informanten sagen, nein, es geht heute nicht, die Mutter meiner Lebensgefährtin feiert sechzigsten Geburtstag?«

»Zum Beispiel.«

Reuter schüttelte den Kopf. Der V-Mann war sein wichtigster Zuträger. Vor zwei Monaten war es mit seiner Hilfe gelungen, einen Kurier abzufangen. Dreißig Kilogramm Kokain waren in die Asservatenkammer gewandert, aber der Fahrer hatte aus Angst um sein Leben jede Kooperation verweigert – das gleiche Phänomen wie bei den Kunsträubern aus der Ukraine.

Reuter löffelte Eigelb, etwas davon tropfte auf die Jeans. Er spuckte auf sein Taschentuch und rieb. Sein Handy klingelte. Er fand es unter der Zeitung. »Jan Reuter.«

»Es klappt mit dem Hotel«, meldete Kollege Koch.

»Wer ist dran?«, fragte Katja dazwischen.

»Michael«, gab Reuter zurück. »Dienstlich.«

Katja verdrehte die Augen.

Reuter verließ den Esstisch und stieg die Treppe hoch. »Wieso das Hotel? Der Inder im Carsch-Haus tut es doch auch.«

»Robby ist nervös geworden. Er verlangt einen Treffpunkt außerhalb der Stadt.«

Im Bad drehte Reuter den Heißwasserhahn auf, befeuchtete ein Handtuch und schrubbte am Hosenbein. Der Fleck blieb.

»Keine Ahnung, was unser Einstein plötzlich hat«, fuhr Koch fort. »Am Telefon war er nicht sehr gesprächig.«

Robby Marthau, der Informant, gehörte der Türsteherszene an. Ein Muskelprotz, angestellt im besagten Pleasure Dome. Seit einiger Zeit nannte er sich Assistent der Geschäftsleitung – reine Angabe.

Die Kollegen von der Rauschgiftfahndung hatten den Türsteher einst mit einer Portion Koks erwischt, die zu groß gewesen war, um als Eigenbedarf durchzugehen. Weil Marthau sich als auskunftsfreudig erwies, hatte ihm der Staatsanwalt ein Angebot gemacht. So war der Diskothekenangestellte als Vertrauensperson an die OK-Ermittler geraten.

Es war Kochs Einfall gewesen, den jungen Russlanddeutschen Einstein zu nennen. Nicht, weil Marthau intelligent wirkte. Eher im Gegenteil.

»Ich geb dir die Zimmernummer durch«, sagte der Kollege.

»Warte.«

Reuter ging hinüber ins Schlafzimmer und tastete zwischen Zeitschriften und Büchern auf dem Nachtkästchen – kein Stift. Sein Blick fiel auf den Koffer seiner Freundin, der geöffnet auf dem Bett lag. Erstaunlich viele Klamotten für eine Übernachtung in der Provinz. Katja war Referendarin für Deutsch und Musik am Max-Planck-Gymnasium. Den Freitag hatte sie unterrichtsfrei, ein Brückentag. Morgen Abend würden sie sich wiedersehen.

Er griff in die Innentasche des Koffers und wühlte nach einem Kugelschreiber. Tampons, lose Kräuterpastillen, Kondome, ein Stift mit Werbeaufdruck.

»Nummer 312«, tönte Kochs Stimme im Hörer.

Reuter stutzte. Wozu Kondome?

»Bist du noch dran?«, fragte sein Kollege.

»Klar.« Reuter wiederholte die Zimmernummer, schnappte sich eine aufgeschlagene Brigitte und kritzelte die Ziffern an den Rand.

»Um zwölf«, fügte sein Kollege hinzu. »Und denk dran: Die Autobahn könnte voll sein. All die Vatertagsausflügler.«

Reuter bedankte sich, beendete das Telefonat und sah sich die Kondome an. Billy Boy. Zwei Pariser in schwarzer Hülle mit dem Aufdruck Perl.

Schritte auf der Treppe.

Reuter steckte die Gummis zurück in die Tasche für lose Kleinigkeiten und riss die Seite mit der Zimmernummer aus der Frauenzeitschrift.

Katja kam ins Schlafzimmer und machte sich am Kleiderschrank zu schaffen. Sie zog ein Paket hervor, das sie obenauf in den Koffer legte. Rosafarbenes Geschenkpapier.

»Was ist da drin?«, fragte Reuter.

»Ein Twinset. Kaschmir und Seide, heruntergesetzt. Renate wird es lieben.«

»Du schenkst immer das Gleiche.«

»Du würdest dich nie darum kümmern, das ist mir klar!«

Reuter fand, dass Katjas Züge etwas Edles hatten, selbst wenn sie aufgebracht war. Jeder sagte, dass sie ein bildschönes Paar waren. Gummis brauchten sie nicht, denn Katja nahm die Pille. Wenn es nach ihm ginge, hätte sie auch darauf verzichten können. Sie waren im besten Alter für Nachwuchs.

Eine Tochter würde ein wahrer Engel sein – Sarah.

Reuter fasste in den Koffer und präsentierte ihr seinen Zufallsfund. »Was soll eigentlich das hier bedeuten?«

»Schnüffelst du in meinen Sachen?«

»Erklär mir, was du vorhast! Fideles Münsterland?«

»Das ist wirklich krankhaft, was du hier veranstaltest!«

Er wedelte mit den Gummis. »Ich warte auf eine Antwort.«

»Ohne Anwalt sag ich gar nichts mehr!«

Katja klappte das Gepäckstück zu und rauschte damit aus der Wohnung.

2.

»Ich habe über jeden ein Dossier. Über jeden!«

Oberbürgermeister Dagobert Kroll stopfte Unterlagen in den Aktenkoffer und zeigte grimmig lächelnd seine tadellosen Zähne. Wie zum Zeichen, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Simone Beck hielt ihrem Chef die Tür auf – der Fortuna-Aufsichtsrat wartete im Besprechungsraum auf seinen Vorsitzenden. Krolls Terminplan zuliebe hatten die Honoratioren das Treffen auf den Feiertag gelegt.

Der OB tupfte sich mit dem Taschentuch die Glatze ab. »Einer von ihnen hatte vor Jahren eine Affäre, die ihn noch heute alles kosten würde, was ihm lieb ist, wenn’s rauskommt. Der andere nennt sich Unternehmer, fährt Jaguar, ist aber pleite. Wissen Sie was, Frau Beck? Seine Gattin beantragt Zuschüsse für die Klassenfahrten der Kinder. Ich hab’s prüfen lassen. Völlig korrekt, dass die Familie Beihilfe kassiert. Aber nach außen spielt der Mann den großen Max, weil er seinen Geschäftspartnern gegenüber als zahlungsfähig erscheinen muss. Dossiers, meine Liebe. So funktioniert Politik!«

Kroll ging zum Schrank, zog einen Fortuna-Schal heraus und schlang ihn um den Hals.

»Der Mann, von dem ich rede, Frau Beck, gehört übrigens der Opposition an, aber er ist mein treuester Gefolgsmann, wenn’s drauf ankommt. Das hat man Ihnen im Studium nicht beigebracht, oder? Bei mir können Sie noch was lernen!«

Kroll verließ das Büro, den Aktenkoffer liegen lassend.

Simone Beck brauchte eine Sekunde, bis sie begriff: Der OB ging davon aus, dass sie ihm das Lederding hinterhertragen würde.

Was sie natürlich auch tat.

Auch dafür hatte Kroll sie offenbar eingestellt und ihr den Titel ›Referentin für Strategische Planung‹ verliehen. Simone machte sich nichts vor: Eine rothaarige Kofferträgerin im Business-Kostüm, die schlanke Beine und eine üppige Oberweite vorweisen konnte, war für das Stadtoberhaupt ein Statussymbol, mit dem es Eindruck schinden wollte.

Ihr sollte es recht sein.

Simone hatte ihre neue Karriere geschickt eingefädelt, wie sie fand. Ein Kurzstudium in Politischer Kommunikation an einem norddeutschen Privatinstitut, das keine Ansprüche stellte, aber klingende Titel verlieh. Das Thema ihrer Examensarbeit hatte sie zielgerichtet gewählt: Kommunale Amtsführung neuen Typs am Beispiel Dagobert Kroll.

Damit hatte sie sich beim Verwaltungschef der Stadt beworben, an deren Uni sie einmal für drei Semester eingeschrieben gewesen war. Zunächst um einen Praktikumsplatz. Natürlich hatte Kroll ihr den Wunsch nicht verweigert – und Simone war es gelungen, einen Schlussstrich unter ihre Hamburger Vergangenheit zu ziehen.

In Rekordzeit von der Praktikantin zur Referentin. Natürlich wollte Simone noch höher hinaus: die Leitung des OB-Büros, einen Chefposten bei Messe oder Flughafen. Oder irgendetwas mit Medien – sie hatte das Zeug dazu.

Kroll betrat den Sitzungssaal und erntete Aufmerksamkeit. Simone kannte die Taktik bereits: Lass die Leute auf deinem Territorium antanzen und erscheine selbst als Letzter.

Sofort raunzte der OB den rotgesichtigen Fortuna-Geschäftsführer an: »Ballscheidt, willst du der Dame nicht den Koffer abnehmen? Sei einmal in deinem Leben ein Kavalier!«

Simone konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ballscheidt war völlig verdutzt. Er deutete sogar eine Verbeugung an, als er Simone das Lederding abnahm. Zu Wochenbeginn hatte es der Geschäftsführer des Traditionsvereins als einziger Funktionär gewagt, in der Morgenpost Einwände gegen die Pläne seines Aufsichtsratsvorsitzenden anzudeuten. Jetzt stolperte er mit dem Aktenkoffer dem OB hinterdrein.

Bei mir können Sie noch was lernen.

Kroll nahm die Parade ab. Wie ein Defilee von Untertanen schüttelten Vereinsvorstände und Aufsichtsräte erst seine Hand, dann die von Simone. Sie spürte, wie ein Teil des krollschen Glanzes auf sie abfiel. Die Leute akzeptierten sie. Mehr noch: Erwachsene Männer und Frauen, die in der Stadt hohes Ansehen genossen, hatten Heidenangst und kuschten.

Dossiers, dachte Simone.

Dann erblickte sie Ulrich Lohmar – und ihr wurde sofort flau im Magen.

Kein Zweifel, er war es: weißes Haar, drahtige Figur, ein wettergegerbtes Gesicht, das jugendliche Frische ausstrahlte. Mitte fünfzig, von Beruf selbstständiger Unternehmensberater. Ein Typ aus ihrem früheren Leben – der Gedanke daran schnürte Simone den Hals zu.

Kroll stellte sie vor: »Frau Beck ist der Engel, den mir der Himmel geschickt hat. Es gibt niemanden im Rathaus, auf den ich mich besser verlassen könnte.«

Der OB wies auf den Weißhaarigen und sagte zu Simone: »Mein Freund Lohmar, ein Ass auf dem Golfplatz. Ich habe ihn in den Vorstand geholt, damit er uns Sponsoren an Land zieht.«

»Angenehm«, antwortete Lohmar – kein Zeichen des Wiedererkennens. Er wandte sich Kroll zu: »Stell dir vor, Dagobert, ich habe tatsächlich jemanden an der Hand, der die Fortuna voranbringen könnte. Wir sollten so rasch wie möglich einen Termin vereinbaren.«

»Das höre ich gern, Ulrich. Frau Beck organisiert meine Agenda.«

Simone nickte und brachte kein Wort heraus. Damals hatte sie sich anders zurechtgemacht. Und vielleicht hatte Lohmar bei ihrer Begegnung in Hamburg die Testosteronausschüttung einen Filmriss beschert. Sie konnte nur hoffen, dass sich der Unternehmensberater tatsächlich nicht erinnerte.

Der Kerl setzte sich neben sie.

Simone vernahm, wie Kroll das Treffen eröffnete: »Wir sind zusammengekommen, weil die Vertragsverlängerung unseres Sportdirektors ansteht. Ich stimme dafür. Wer ist dagegen?«

Der typisch krollsche Frontalangriff.

Alle blickten Ballscheidt an.

»Er mag ja ein ehemaliger Weltmeister sein«, stotterte der Dicke. »Aber er kassiert ein Wahnsinnsgehalt und hat bislang nur Nieten angeheuert. Die Verteidigung ist ein Hühnerhaufen und der Sturm …«

»Ballscheidt, was hast du gegen mich?«, donnerte Kroll.

»Natürlich nichts! Aber …«

»Der Geschäftsführer muss sich den Beschlüssen des Aufsichtsrats fügen. Oder willst du etwa die Satzung infrage stellen, Ballscheidt?«

»Natürlich nicht, aber …«

»Dann stelle ich fest: ohne Gegenstimme angenommen.«

Simone warf einen Seitenblick auf Lohmar. Kein Ring an seiner Rechten. Wenn der Typ nicht verheiratet war, hatte sie nichts gegen ihn in der Hand, überlegte Simone – kein Untreuevorwurf. Kein Dossier.

In diesem Moment drang ein Scheppern von der Straße herauf. Rufe, die lauter wurden. Kroll runzelte die Stirn. Simone stand auf, um für ihn aus dem Fenster zu spähen.

Auf dem Rathausvorplatz bauten junge Leute einen Infostand auf. Einige verteilten Flugblätter. Eine Frau sammelte Unterschriften. Daneben ein Typ mit Megafon.

Transparente: GEKKO-BEACH DARF NICHT STERBEN!

»Demonstranten«, meldete Simone.

Kroll erhob sich. Auch die übrigen Sitzungsteilnehmer traten an die Fenster. Ein Raunen ging durch die Gruppe.

Gekko-Beach war der angesagteste In-Treff der Stadt. Der Inhaber hatte tonnenweise Sand von der Ostsee herangekarrt. Ein neues Wahrzeichen der Stadt. Allerdings eins, das Kroll im Weg war.

Seit Langem plante er das Hafen-Congress-Centrum: zwei Hochhäuser mit Edelbüros und einem Hotel der Klasse Fünf-Sterne-Plus. Natürlich fanden notorische Nörgler ein Haar in der Suppe. Sogar die Zeitungen käuten die Oppositionspropaganda wieder.

»Bezahlte Randalierer!«, wütete Kroll, tippte auf seinem Handy herum, bekam eine Verbindung und brüllte so laut, dass jeder im Saal mithören konnte. Er hatte den Beigeordneten Miehe an der Strippe, den Dezernenten für Wirtschaft und Ordnung. »Sorgen Sie dafür, dass diese Randalierer sofort verschwinden! – Was heißt hier Feiertag? Gefällt Ihnen Ihr Job nicht mehr?«

Das sitzt, dachte Simone. Kroll war ein Naturtalent – Simone bezweifelte, jemals diese Klasse zu erreichen.

Dann spürte sie, wie Lohmar seine Hand auf ihre Schulter legte. Der große, drahtige Mann mit dem weißen Haarschopf lächelte, als ginge ihn die ganze Aufregung nichts an.

»Wir kennen uns, nicht wahr, Frau Beck?«, sagte er leise und zwinkerte.

3.

Um Viertel vor zwölf verließ Reuter die Autobahn im Kreuz Moers.

Seine Gedanken schalteten von Katja zu Robby.

Er war gespannt, was die Vertrauensperson heute zu erzählen hatte. Robby Marthau: vierundzwanzig Jahre alt, eine Tunichtgut-Existenz zwischen Muckibude, Solarium und Disko. Umgänglich und mit einem sonnigen Gemüt gesegnet.

Was den Türsteher auszeichnete, war sein Drang, sich wichtigzumachen. Marthau wollte gefallen, aber darin bestand auch ein Risiko: Manchmal behauptete er Dinge, die er nicht wissen konnte – Reuter hoffte, dass der Junge kein doppeltes Spiel trieb. Ob Robby selbst noch immer dealte, wollte Reuter lieber nicht wissen. Informanten mussten sauber sein, zumindest offiziell.

Das Hotel lag an der Landstraße, kurz vor der Moerser Stadtgrenze. Reuter war pünktlich. An der Rezeption fragte er nach dem Schlüssel.

Die Frau hinter dem Tresen erkannte ihn und wies in Richtung der Aufzüge. »Ihr Kollege ist schon oben.«

Als Reuter die Tür zu Zimmer 312 öffnete, roch er Zigarettenqualm. Kollege Koch lehnte am offenen Fenster und rauchte.

»Spinnst du, Michael?«

»Mach die Tür zu, dann zieht es nach draußen.«

»Willst du etwa die Bude bezahlen?«

Koch schnipste die Kippe ins Freie und schloss das Fenster. Der Deal mit der Geschäftsführung des Hotels lautete, dass die Polizei bei Bedarf ein Zimmer umsonst bekam. Aber höchstens bis vierzehn Uhr und unter der Bedingung, dass es anschließend nicht gereinigt werden musste. Die meisten Räume waren Nichtraucherzimmer. Die Behörde war auf eine Gratisunterkunft angewiesen. Kostenmanagement.

Koch fragte: »Hab ich dir schon erzählt, was die Ehe und ein Hurrikan gemeinsam haben?«

»Ja, hast du.« Keine Lust auf schale Scherze.

Reuter schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Im Dritten eine Sportsendung. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister wurde als Aufsichtsratschef der Fortuna interviewt. Er lobte den Sportdirektor und erging sich in Andeutungen über einen neuen Sponsor, der dem Regionalligisten aus der Klemme helfen würde. Konkretes blieb Kroll schuldig. Schaumschläger, dachte Reuter und knipste die Glotze aus.

Kollege Koch sagte: »Ich habe heute noch ein Date. Wenn meine Frau dich fragt, dann hatten wir bis in den Abend in der Festung zu tun. Aktenarbeit oder so.«

Reuter fielen Katjas Kondome ein.

»Nein«, antwortete er.

»Bitte?«

»Ich lüg deine Frau nicht an. Du missbrauchst ihr Vertrauen. Marion hat es nicht verdient, dass du sie so verletzt.«

»Spinnst du? Sie weiß doch nichts davon. Wie kann sie da verletzt sein?«

»Ich mach bei so was nicht mit.«

»Du bist mir ein schöner Kamerad!« Michael sah auf die Uhr. »Wo bleibt unser Einstein nur?«

Um halb zwei klopfte es. Reuter sprang auf und öffnete die Tür. Robert Marthau trat ein und grinste. »Hey, Leute, was geht so?«

Die Hautfarbe stammte aus dem Sonnenbank-Toaster. Das enge T-Shirt brachte die Türstehermuckis zur Geltung. Eine klobige Goldkette baumelte um den Hals – als bemühe sich Robby, jedem Klischee gerecht zu werden.

Der Junge fuhr sich durch die Haare. Er hatte sich Strähnchen färben lassen. Fleckig wie ein Hyänenpelz.

Zu Reuters Erstaunen war Robby nicht allein. Eine Frau schob sich hinter ihm ins Zimmer, groß und sehr dünn. Nicht viel über zwanzig, langes, dunkles Haar. Ein auffällig kurz gestutzter Pony betonte ein hübsches Gesicht. Ein knappes T-Shirt, boom-boom stand auf der Brust. Die Jeans saß besonders tief auf der Hüfte. Flacher Bauch, spitze Hüftknochen. Wenn der Bund noch tiefer rutschte, würde die Möse frei liegen. Reichlich Kajal um die Augen – betont gelangweilt sah sich Robbys Begleiterin in dem Raum um.

»Wer ist das?«, fragte Reuter. »Und was soll die Verspätung?«

Robby grinste noch immer, als hätte er irgendwelche Pillen geschluckt. Er machte Anstalten, sich auf das gemachte Bett zu lümmeln.

Reuter drückte ihn in einen Sessel und wandte sich an das Mädchen mit dem kurzen Pony. »Du kannst hier nicht bleiben.«

»Das ist Lena«, erklärte Robby.

»Unten ist ein Café, Lena. Bestell dir ’ne Cola.«

»Hab kein Geld dabei«, antwortete sie.

Reuter bugsierte Lena hinaus auf den Flur und wühlte zwei Euro aus seiner Hosentasche. Sie starrte den Eierfleck auf seiner Jeans an. Dann nahm sie das Geld in Empfang und schob ab.

Er kehrte ins Zimmer zurück und verriegelte die Tür. Robbys Grinsen war unsicher geworden, als fühle er sich ohne Lena nicht wohl.

Reuter fuhr ihn an: »Was hast du deiner Freundin über uns erzählt?«

»Sie ist nicht meine …«

»Was dann?«

»’ne Bekannte von Juli.«

Juli – Reuter kannte den Namen. Marthau hatte sie einmal als seine Flamme erwähnt.

»Wer sagt uns, dass sie dich nicht verpetzt?«

»Ist ein feines Sahnestück, die Alte. Bessere Kreise und so. Arbeitet beim Radio.«

»Eine Journalistin? Du tickst wohl nicht richtig! Soll die ganze Welt erfahren: Handlanger des Koksbarons arbeitet für die Polizei? Willst du das?«

»Bin kein Handlanger.«

»Ach ja, Assistent der Geschäftsleitung.«

Reuter wählte die Nummer des Zimmerservice und bestellte Kaffee für drei.

»Und Snickers«, ergänzte Marthau.

Reuter gab den Wunsch weiter.

Der Türsteher leckte sich die Lippen, sein Fuß wippte nervös. Er ließ den Blick schweifen. »Eigentlich ’ne geile Location. Ob es hier auch Suiten mit Whirlpool gibt?«

»Red keinen Scheiß«, sagte Koch.

»Gangbang, versteht ihr? Gebt doch zu, ihr würdet es auch gern mal mit einer wie Lena treiben.« Robby warf Koch eine Visitenkarte zu. »Kommt mal vorbei. Ich geb euch Rabatt.«

Reuter fragte: »Bist du jetzt unter die Zuhälter gegangen?«

»Quatsch. Party ist doch kein Strich.«

Koch klappte den Laptop auf. Sie hatten noch zwanzig Minuten. Reuter stützte die Hände auf Marthaus Sessellehne.

»Zur Sache, Robby. Was gibt’s Neues?«

Der Junge starrte auf den Teppichboden. »Gilt das noch, was ihr mal über euer Zeugenschutzprogramm gesagt habt? Starthilfe in ’ner anderen Stadt und so, wenn’s für mich zu heiß wird?«

»Wieso, wo brennt’s denn?«

Es klopfte. Der Kellner brachte drei Kännchen Kaffee und einen Teller mit Schokoeiern – offenbar von Ostern übrig geblieben. Robby maulte, weil er seinen Lieblingsschokoriegel vermisste. Der Kellner entschuldigte sich – ausverkauft.

Reuter bezahlte, steckte den Beleg ein und schloss die Tür hinter dem Kellner.

Robby zupfte an der Folie eines der Eier und murmelte: »Die Kolumbianer haben Böhrs Eltern als Geiseln genommen. Die sind schon siebzig oder so.«

»Was sagst du?«

»Indirekt ist es meine Schuld. Wegen dem Stoff, den ihr beschlagnahmt habt. Kennt ihr Alfonso aus Amsterdam?«

Reuter nickte. Kolumbianer organisierten den Kokaintransport aus der Karibik nach Schiphol und Frankfurt. Alfonsos Bande stand den rechtsgerichteten Paramilitärs der AUC in Kolumbien nahe. Die Region um Düsseldorf hatten sie bislang Zwischenhändlern wie Böhr überlassen.

»Was fordert Alfonso?«

»Böhr soll ihm den Stoff bezahlen, den ihr abgefangen habt.«

Bingo, dachte Reuter. Wenn die Kolumbianer Geld von Böhr forderten, war dies ein Beleg dafür, dass die dreißig Kilo tatsächlich für den umtriebigen Geschäftsmann bestimmt gewesen waren. Dem Staatsanwalt konnte die Neuigkeit nicht egal sein. Zumindest eine Aufstockung der Ermittlungsgruppe musste drin sein, fand Reuter.

Er beschloss, die Schrauben anzuziehen. »Wo werden die Eltern gefangen gehalten? Wie soll die Geldübergabe vonstatten gehen? Wir sind hier nicht beim Kaffeeklatsch. Fakten, Robby! Sonst müssen wir annehmen, dass du uns verarschen willst. Und das würde dir schlecht bekommen!«

»Ey, was ist das für ein Ton?«

»Wir können den Spieß nämlich auch umdrehen und Böhr einen Tipp geben, woher wir über den Kurier Bescheid wussten.«

Robby sprang auf. »Spinnst du?«

Kollege Koch drückte den Türsteher in den Sitz zurück. »Also?«

»Ich … ich hab gehört, dass der Boss nach Zürich fliegen will.«

Koch setzte sich wieder hinter den Laptop.

Reuter fragte: »Will er Bares besorgen oder bringt er das Lösegeld dorthin?«

»Ey, woher soll ich das alles wissen?«

Koch unterbrach das Tippen. »Beruhig dich, Einstein.«

Robby wurde laut. »Du sollst dich nicht über mich lustig machen!«

Reuter sagte: »Wir haben nur noch fünf Minuten. Denk an unseren Deal.«

»Kann sein, dass der Boss hinschmeißt und alles verkauft, um seine alten Leute freizukriegen.«

»Verkauft? An wen? Alfonso?«

»Glaubt ihr, der Boss erzählt mir das?«

Koch spottete: »Ich dachte, du bist Assistent der Geschäftsleitung.«

Reuter fragte: »Woher weißt du von der angeblichen Entführung?«

»Wieso angeblich?«

»Woher, Robby?«

»Von Sascha.«

Sascha Maisel, ebenfalls Aussiedlerspross und Robbys Türsteherkumpel. Also nur ein Gerücht aus zweiter Hand. Reuter schüttelte den Kopf. Koch verdrehte die Augen.

»Da sollen also Kolumbianer bei Böhr aufgetaucht sein, die ihn erpressen«, fasste Reuter zusammen. »Wir brauchen ihre Namen, Personenbeschreibungen, Autokennzeichen. Mensch, Robby, du weißt doch, wie das läuft!«

Der Informant glotzte ihn an.