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Der Autor

Horst Eckert wurde 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren. Aufgewachsen in Pressath, in der nordostbayerischen Provinz. Studium in Erlangen und Berlin (Diplompolitologe). Er lebt als Autor in Düsseldorf.

Seine Kriminalromane wurden mehrfach ausgezeichnet und sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt worden.

Bisher sind erschienen: Annas Erbe, Bittere Delikatessen, Aufgeputscht, Finstere Seelen, Die Zwillingsfalle, Ausgezählt, Purpurland, 617 Grad Celsius, Königsallee, Sprengkraft sowie die Anthologie Niederrhein-Blues und andere Geschichten.

Prolog

September 1976

Bernd Winkler hatte nicht mehr mit dem Anruf gerechnet.

Es war Samstagnachmittag, der Spätsommer war überraschend noch einmal zur Hochform aufgelaufen, die Schwalben surrten über den Gärten von Kaarst-Vorst und Winkler half seiner Vermieterin, den neu erworbenen Strandkorb auf die besonnte Hälfte der Rasenfläche zu schleppen. Die Witwe trug nichts als ihren schwarz-weiß gepunkteten Bikini – sie war gut in Form für eine Frau, die fast doppelt so alt war wie er. Aber der Strandkorb war Unfug. Sie besaß bereits eine Hollywoodschaukel und zwei Liegen nebst Sitzgarnitur aus Tropenholz.

Stolz nahm sie Platz und lächelte mit geschlossenen Augen in die Septembersonne.

Winkler sah auf die Uhr: Allmählich wurde es Zeit, sich auf den Weg zu machen. Die erste Spätschicht nach zwei freien Tagen. Der Job bei der Schutzpolizei hatte nie seinem Wunschtraum entsprochen, aber es war nun einmal das, was er gelernt hatte, nachdem seine erste Ausbildung zum Hauer im Bergbau an einer hartnäckigen Bronchitis gescheitert war.

Aus dem Kofferradio tönte ein Lied von George Harrison. Ein Sitar surrte, Tablas tockerten. Indische Klänge – Winkler musste an die Frau im roten Kleid denken, die gestern an der Tür geklingelt hatte. Sie war etwa fünfundzwanzig gewesen, Winklers Alter. Langes, in der Mitte gescheiteltes Haar. Um den Hals die typische Holzkette mit Medaillon. Auf der Straße ein VW-Bus mit laufendem Motor, am Steuer ein bärtiger Kerl.

Die Frau hatte Winkler einen Fotoabzug gegeben und einen Gruß von Ma Yoga Shanta ausgerichtet. Es hatte eine Sekunde gedauert, bis bei ihm der Groschen gefallen war: So nannte sich Gabi jetzt. Mit keiner anderen Frau war er so lange zusammen gewesen, immerhin fast zwei Jahre.

Ein Gruß aus einem früheren Leben – noch vor seiner Versetzung nach Düsseldorf war sie in eine Wohngemeinschaft in Süddeutschland gezogen, die sich Ashram nannte. Weißt du, Bernd, ich muss endlich diese bürgerlichen Zwänge abschütteln und mein eigenes Selbst finden.

Gestern: Die Unbekannte im roten Kleid strich Haarsträhnen aus dem Gesicht und klemmte sie hinters Ohr.

»Was soll das?«, fragte Winkler mit Blick auf das Foto – ein blinzelndes Baby in orangefarbener Windel.

»Seine Mutter lässt fragen, ob du uns ein bisschen Geld für ihn mitgeben könntest.«

»Gabi hat ein Kind?«

»Es ist dein Sohn. Swami Anand.«

Winkler war verwirrt. Von ihrer Schwangerschaft hatte er gewusst. Aber Gabi hatte abtreiben wollen. Von einem Swami Soundso hörte er nun zum ersten Mal.

Ihm wurde klar, dass die Unbekannte ihm nur ans Geld wollte. Alles Schwindel: das Foto, der Gruß.

»Verschwinde!«, knurrte Winkler. »Ich sollte dich festnehmen.« Er gab die Aufnahme zurück und knallte der Frau die Tür vor der Nase zu.

Um gleich darauf seine Haltung zu revidieren.

Er riss die Haustür wieder auf. Der VW-Bus fuhr gerade an. Winkler rannte auf die Straße und hob die Hand. Die Bremsen machten ein hässliches Geräusch, als die Rostlaube hielt.

Die Frau kurbelte das Fenster herunter. »Bin ich jetzt verhaftet?«

»Wie heißt du?«

»Ma Deva Sheela.«

»Scheiße, wo steckt Gabi?«

»In Poona. Wir besuchen sie. Wir fahren zum Bhagwan.«

»Gib mir das Foto!«

Die Frau händigte es ihm ein zweites Mal aus.

»Und das ist wirklich mein Sohn?«

»Du heißt doch Bernd Winkler, oder?«

Er kramte in seinem Portmonee. Vier Scheine, gerade mal zweihundert D-Mark. Er gab sie der Rotgewandeten. »Mehr hab ich nicht. Sag Gabi, sie soll mir schreiben.«

Die Frau steckte die Banknoten in ihren Rucksack. Der Typ auf dem Fahrersitz legte den Gang ein. Der Bus rollte los.

»Und sie soll mir weitere Fotos schicken!«, rief Winkler hinterher.

Ma Deva Sheela winkte aus dem Fenster.

Das Geld war er los. Das Kind, falls es seins war, sowieso. Poona – was für ein Scheiß.

Wieder einmal hereingefallen, dachte Winkler. So kann das nicht weitergehen.

Im Haus klingelte das Telefon.

»Garantiert für Sie«, befand die Witwe, zu faul, um aufzustehen. Sie rief ihm hinterher: »Ich habe meinen Simmel auf der Kommode liegen lassen. Wären Sie so freundlich?«

Als Winkler den Flur erreichte, schellte der Apparat immer noch. Er hob den Hörer ab und meldete sich.

»Heute Abend um neun hat er einen Auftritt«, antwortete die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ein hoher Singsang, den Winkler auf Anhieb erkannte. »Höchste Zeit, Winkler, dass Sie den Bastard aus dem Weg räumen! Sie wissen doch, wen ich meine?«

»Ist Ihre Schwester nicht alt genug, um selbst zu entscheiden, wem sie ihr Herz schenkt?«

»Tun Sie, was ich sage, und stellen Sie keine Fragen.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich mich für Ihren Privatkram einspannen lasse?«

»Wollen Sie Karriere machen oder Ihr Leben lang im mittleren Polizeidienst herumkrebsen? Damit wir uns richtig verstehen: Ich kann Karrieren auch verhindern.«

»Ich liebe klare Worte.«

»Gut. Und noch etwas, Winkler.«

»Ja?«

»Dieses Telefonat hat nie stattgefunden.«

Eine Weile stand Winkler unschlüssig da, den Hörer in der Hand, das Freizeichen im Ohr. Der Singsang des Anrufers klang in seinem Kopf nach, bedrohlich und verlockend zugleich. Karriere war zweifellos angesagt, wenn man eine Familie ernähren wollte. Einen kleinen Swami oder die Kinder, die er in Zukunft zeugen und ohne indische Spinnereien großziehen würde.

Als er seiner Vermieterin das Buch in den Garten brachte, hatte sie ihr Oberteil abgelegt. Sonnenöl ließ ihre behäbig daliegenden Brüste glänzen. Die Witwe schien zufrieden zu sein. Mit dem neuen Strandkorb, dem Wetter und einem Mieter, der ihr Niemand ist eine Insel nachschleppte und ihre Titten nicht ignorieren konnte.

In diesem Moment fasste Winkler einen Entschluss.

Jahrzehnte später würde er behaupten, der Anruf an diesem Septembertag habe die entscheidende Antriebsstufe seines Lebens gezündet. Doch solche Erklärungen sind zu simpel. Es bedarf auch einer gewissen Portion Verzweiflung, um Lebensläufe zu sprengen und Existenzen in die Luft zu jagen.

Teil I

Die Rückkehr

Morgen werden wir schneller rennen, unsere Arme noch weiter ausstrecken. Wie Boote gegen den Strom kämpfen wir uns voran, unablässig in die Vergangenheit zurückgeworfen.

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby

1.

Mai 2005

Anna stemmte sich gegen den Gepäckwagen. Fast ihr doppeltes Gewicht, achtundneunzig Kilo Gepäck in zwei Blechkisten und einer Reisetasche – Ausrüstung, Privatkram und jede Menge Mitbringsel aus dem Land, in dem sie fast ein ganzes Jahr gearbeitet hatte.

Der Zollschalter war unbesetzt, in der Ankunftshalle ließ Anna ihren Blick schweifen. Sie hatte Lutz, ihrem Exfreund, auf Band gesprochen, dass er sie nicht abzuholen brauche.

Er war tatsächlich nicht gekommen. Stattdessen bildeten zwei Uniformierte das Empfangskomitee.

»Kollegin Winkler?«, fragte der Ältere, ein untersetzter Kerl mit zwei Silbersternen auf den Schultern.

Händeschütteln und die üblichen Fragen nach dem Flug. Der Oberkommissar stellte sich als Ralf Koslowski vor und nahm ihr den schweren Wagen ab. Sein jüngerer Partner hieß Bader und musterte Anna mit einem interessierten Lächeln, das sie unangebracht fand. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt und war sich sicher, dass sie entsprechend aussah.

Seit dem frühen Morgen war sie unterwegs. Zuerst die schier endlose Autofahrt nach Sarajevo, dann ein verspäteter Flug – beim Umsteigen in München hatte sie die erste Anschlussmaschine verpasst. Anna war froh, endlich angekommen zu sein.

Der grüne Transit parkte am Ende der Taxischlange. Die Kollegen hievten die Kisten in den Transporter. Der Slibowitz klirrte in der Reisetasche. Koslowski kletterte auf den Fahrersitz und ließ den Motor an. Anna kurbelte das Seitenfenster herunter, als könne sie in der milden Abendluft etwas spüren, was sie willkommen hieß.

Der Jüngere beugte sich auf dem Rücksitz vor. »Wie war’s dort unten?«

»Anstrengend.«

Sie wusste, dass ihre Einsilbigkeit unhöflich war, aber sie hatte keine Lust auf Smalltalk. Sie hatte den Auslandseinsatz drei Wochen vor dem regulären Ende abgebrochen und war heimgekehrt, ohne das Okay der Behörden abzuwarten. Vielleicht würde es Ärger geben.

»Würdest du wieder nach Bosnien gehen?«, versuchte es der Kollege noch einmal.

Anna hob nur die Schultern. Der Fahrtwind verwirbelte ihre Frisur. Sie fragte: »Habt ihr Zeit für einen kleinen Umweg?«

»Klar«, antwortete Koslowski.

Anna bat ihn, eine Schleife entlang des Rheins zu fahren. Theodor-Heuss-Brücke, das Oberkasseler Ufer – dann über die Kniebrücke auf die Innenstadt zu.

Das Panorama. Die Lichter der Altstadt, der Rheinturm, die schicken Gebäude am Hafen, die in der Dämmerung glänzten. Große, weite Welt, pflegte ihr Vater nicht ohne Ironie zu sagen.

Zu Hause – ein gutes Gefühl. Čapljina, das öde Kaff im Südwesten der Federacija Bosne i Hercegovine, war weit weg.

An der Brückenauffahrt blickte sie auf das zuversichtliche Lächeln ihres Onkels. Auch am anderen Ende standen riesige Plakate. Noch sechzehn Tage bis zur Landtagswahl.

Anna dachte an ihren Vater, Expolizist und Abgeordneter, der sich ebenfalls wieder um ein Mandat bewarb. Dann fielen ihr seine besten Freunde ein, Karin und Michael Lohse, und deren ermordeter Sohn.

Anna griff an die Innentasche ihrer Jacke, in der Karins Brief steckte. Sofort spürte sie wieder die Unruhe, die er in ihr ausgelöst hatte.

Wieder zu Hause – die Erinnerung an den Albtraum, der Anna zur Flucht nach Bosnien getrieben hatte, meldete sich zurück, stärker als zuvor.

Der Polizeitransporter überquerte zum dritten Mal den Fluss, tauchte in den Rheinalleetunnel und fädelte sich in den Strom der Autos ein, die auf der A 52 die Landeshauptstadt verließen, Richtung Kaarst-Holzbüttgen.

2.

Ihre Eltern hatten im Jahr ihrer Geburt an der Hasselstraße gebaut, in einer heute immer noch schicken Gegend am Südrand von Holzbüttgen. Der weiß gestrichene Flachdachbungalow duckte sich hinter Ziersträuchern und Lärchen, die im Lauf der Zeit in die Höhe geschossen waren. Mit der Putzfrau hatte Anna verabredet, dass der Schlüssel unter einer Tonscherbe im Blumenbeet neben der Doppelgarage liegen würde.

Die Scherbe entpuppte sich als halber Blumentopf, der Hausschlüssel hing gemeinsam mit zwei weiteren an einem roten Plastikanhänger, auf dem der SPD-Schriftzug prangte.

Als Anna den Eingang öffnete, stieg ihr sofort der Geruch ihrer Kindheit in die Nase. Sie drehte den Dimmer. Die Deckenlampe ließ das Blattgold am handgeschnitzten Rahmen des Ankleidespiegels glitzern. Auf der Kommode schimmerte die uralte Buddhafigur aus Alabaster – das Souvenir einer Asienreise ihrer Eltern. Durch das Panoramafenster des Wohnzimmers leuchtete die Sonne herein, die als großer Feuerball hinter den Nachbardörfern Vorst und Linning über den Feldern hing.

Die Kollegen stellten die Kisten auf dem Teppichläufer ab, quittierten das Ambiente mit einem Nicken und verabschiedeten sich rasch. Anna schloss die Tür hinter ihnen. Dann wurde ihr klar, wen sie außer ihrem Vater vermisste.

»Picasso!«, rief sie, doch es tat sich nichts.

In ihrem alten Jugendzimmer stellte Anna die Reisetasche ab. Die Einrichtung war fast unverändert geblieben, seit sie nach dem Abitur ausgezogen und nach Düsseldorf übergesiedelt war. Nur die Bravo-Poster, mit denen sie einst die Wände geschmückt hatte, waren durch gerahmte Drucke antiker Landkarten ersetzt worden.

Anna hatte alles aufgegeben, als sie nach Bosnien gegangen war. Freund, Wohnung, das eigene Auto. Die Rückkehr ins Heim ihrer Kindheit bedeutete zugleich einen Neustart.

Sie riss die Terrassentür auf, um den Duft des Gartens ins Haus wehen zu lassen. Ihr Vater nannte das ›Champagnerluft‹. Noch einmal rief sie nach Picasso, ihrem Zwergschnauzer, den sie in der Obhut ihres Vaters gelassen hatte.

Kein Gekläff antwortete, kein Hecheln eines herbeistürzenden Köters, der sie ansprang und gekrault werden wollte. Nur die Amseln lärmten in den Sträuchern – Anna erinnerte sich daran, dass ihre Mutter es immer als spießig empfunden hatte, in einem Neubauviertel außerhalb der Großstadt zu leben.

Die Blechkisten in der Diele störten. Doch Anna war müde und beschloss, das Auspacken auf morgen zu verschieben. Sie sah sich in der stillen Wohnung um.

Im Arbeitszimmer ihres Vaters hing ein vager Geruch nach Zigarren. Anna strich über das schwarze Leder des wuchtigen Bürosessels.

Neben dem Telefon eine uralte, etwas vergilbte Kinderzeichnung. Anna wunderte sich darüber, dass das Blatt dort lag. Dann überkam sie sentimentale Freude. Das Gekritzel zeigte eine Frau, einen Mann und einen Zwerg mit Knollennase. Die Köpfe viel zu groß für die Körper, die sie trugen. Am unteren Rand eine Signatur in ungelenk gemalten Großbuchstaben: FÜR PAPA VON ANNA-LUNA.

Sie hasste den Doppelnamen, der auch in ihrem Pass stand. Dabei hatte ihr Vater noch das Schlimmste verhütet. Wäre es nach ihrer Mutter gegangen, trüge sie vermutlich den unaussprechlichen Namen einer ägyptischen Göttin.

Annas Foto stand in einem silbernen Rahmen auf dem Schreibtisch. Im Garten aufgenommen, vor fast einem Jahrzehnt. Sie selbst fand die Nase zu breit, den Mund zu groß. Das brünette Haar hatte sie oft gefärbt, abschneiden und wieder wachsen lassen. Später hatte sie es aufgegeben, allzu große Mühe auf ihr Erscheinungsbild zu verwenden.

Auf der ledernen Schreibunterlage häuften sich Dankesschreiben gemeinnütziger Gesellschaften, die ihr Vater regelmäßig unterstützte, sowie Spendenquittungen von Vereinen, in denen er Mitglied oder Aufsichtsrat war. Die Leute liebten ihn für sein Engagement. Vielleicht nutzten sie seine Großzügigkeit auch nur aus.

Halb verdeckt eine aufgeschlagene Zeitung. Anna war überrascht: Von einer geplanten neuen Zeche im nördlichen Ruhrgebiet war da die Rede, die angeblich rentabel sein würde, weil die Preise für Kokskohle in die Höhe geklettert waren. Ein Foto zeigte fünf Männer in Schutzkleidung, Helme mit Lampen, Gewerkschaftstransparente. Parteikumpel vor Ort.

Anna überflog den Text:

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering (links) hat die von der Deutschen Bergbau AG angestoßene Debatte über die Bedeutung der heimischen Kohle und den Bau einer neuen Zeche begrüßt. Er wollte sich beim Besuch einer Anlage im westfälischen Haltern aber noch nicht auf eine finanzielle Beteiligung des Staates festlegen.

Zwei Begleiter zählte die Zeitung mit Namen auf, den Chef des Kohlekonzerns und den Boss der Bergbaugewerkschaft. Annas Vater wurde nicht erwähnt.

Über dem Empire-Sekretär hing die Wand voller Familienfotos. Drei Jahrzehnte waren dokumentiert: ein junges Paar und ihr freches Balg. Freunde und Verwandte. Auf neueren Bildern fehlte die Mutter.

Anna nahm eine Aufnahme von der Wand, die aus den Siebzigerjahren stammte. Zwei groß gewachsene Burschen mit breiten Koteletten lümmelten sich auf einem Sofa. Der gut aussehende Kerl links war ihr Vater, damals noch Polizeibeamter im Schutzbereich eins.

Sie griff zum Telefon, tippte die Nummer der Reha-Klinik in die Tasten und ließ sich verbinden.

Während sie wartete, studierte sie das Bild noch einmal. Bernd Winkler wies stolz auf seine Schulterklappe: silberne Litze und dicker Stern, das damalige Zeichen für den Dienstrang des Polizeikommissars. Neben ihm posierte Michael Lohse, sein Partner in jenen Jahren.

Die Musik der Warteschleife erstarb, ein Klicken in der Leitung, dann endlich die Stimme ihres Vaters. Er klang frischer als in den letzten Tagen – vom Balkan aus hatte sie mit dem Handy Kontakt gehalten.

»Was macht dein Herz?«, fragte sie.

»Es ist völliger Unsinn, dass du wegen mir deinen Auslandseinsatz abbrichst!«

»Reg dich nicht auf. Wann kommst du nach Hause?«

»Sie wollen mich nur noch übers Wochenende hier behalten.«

»So schnell? Gibt es zu wenig Klinikbetten?«

»Seit der Operation habe ich nur noch ein mentales Problem, sagen die Ärzte. Sie zwingen mich aufs Fahrrad. Ich soll Sport treiben.«

»Wir könnten demnächst gemeinsam joggen.«

»Dazu werd ich keine Zeit haben. Es ist zu viel Arbeit liegen geblieben.«

»Du musst dich schonen, Papa!«

Er widersprach und zählte auf: Ausschüsse, Parteigremien, Auftritte vor der Wahl – als hänge alles an seiner Person. Dass die Genossen in der Landeshauptstadt ihn im letzten Jahr beinahe als OB-Kandidaten aufgestellt hatten, war Anna neu. Wenigstens das hatte er abgelehnt. Als ihr Vater seinen Kampf um höhere Steinkohlesubventionen erwähnte, wusste Anna, dass sie ihn nicht umstimmen konnte, zumindest nicht am Telefon. Bernd Winkler galt als graue Eminenz der parteiübergreifenden Kohlefraktion im Landtag.

Er sagte: »Sven Arnold arbeitet übrigens wieder für mich. Er wird mich fahren und auch sonst eine große Hilfe sein in der Schlussphase des Wahlkampfs.«

Der schöne Sven, dachte Anna. Sie fragte: »Wo steckt eigentlich Picasso?«

»Die Putzfrau sorgt für ihn. Ihre Töchter sind vernarrt in die freche Töle.«

»Ich auch«, erklärte Anna.

»Eifersüchtig? Morgen hast du deinen Hund wieder.«

Sie hängte das Foto zurück. »Ich hab mir gerade die alten Bilder angeschaut. Du und Michael in den Siebzigern. Hattet ihr einen Partykeller in der Wache?«

»Sozialraum, so hieß das. Da war die Altstadtwache noch in der Mühlenstraße. Es hat sich viel geändert.«

Ja, dachte Anna. Früher machten sich die Eltern Sorgen um die Kinder. Jetzt war es umgekehrt.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung riss sie aus den Gedanken. »Du fragst gar nicht nach deiner Mutter.«

»Und?«

»Johanna hat die Abstinenzentscheidung getroffen und sich in Therapie begeben.«

»Zum wievielten Mal?«

»Ihr Allgemeinzustand war wirklich kritisch und ich glaube, sie hat jetzt eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich telefoniere fast täglich mit dem Chefarzt.«

»Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe, wenn sie sich unbedingt totsaufen will?«

»Anna, du sprichst über deine Mutter!« Plötzlich knurrte er: »Warum musstest du dich eigentlich für diese verdammte EU-Geschichte melden?«

»Neugier«, antwortete sie, fast ebenso barsch wie vorhin im Auto.

Nachdem sie aufgelegt hatte, betrachtete sie die restlichen Aufnahmen. Vater war im Lauf der Jahre fülliger geworden, das Haar ergraut. Aber an der Kraft seiner Ausstrahlung hatte sich nichts geändert.

Ein Bild kam Anna neu vor: Braunkohletagebau, ein Grüppchen von Anzugträgern stapfte durch eine schlammige Grube. Ein riesiger Bagger im Hintergrund. Annas Vater hielt sich an der Seite seines Schwagers, des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, der ihn einst in die Politik gebracht hatte.

Sie erinnerte sich an den Kollegen, der auf der Fahrt hierher gefragt hatte: Wie ist Uwe Strom eigentlich so als Privatmensch?

Auf dem Foto wirkte der Landesvater verschmitzt und nachdenklich zugleich – vielleicht lag es auch nur am Sonnenlicht, das ihn die Augen zusammenkneifen ließ. Der Wind zauste sein Haar, die Krawatte wehte über die Schulter.

Sie kannte ihn kaum. Nach der Trennung ihrer Eltern waren Familientreffen selten geworden. Anna konnte nicht einmal sagen, worauf Stroms Wirkung auf die Leute beruhte – auch wenn seine Partei in den Umfragen an Boden verlor, galt der Ministerpräsident noch immer als beliebtester Politiker des Landes. Der Garant des bevorstehenden Wahlsiegs.

Vielleicht war es der verbindliche Ton, den ihr Onkel so gut beherrschte. Als liege ihm jeder einzelne Bürger am Herzen.

Aber sie hasste es, ständig auf Uwe Strom angesprochen zu werden. Als sei es ihre herausragendste Eigenschaft, die Nichte des Ministerpräsidenten zu sein.

3.

Der Abspann lief über die Mattscheibe. Anna schaltete den Fernseher aus. Der Marathon Mann von 1976 – der Film war ein Jahr älter als sie selbst. Eine verstörende Geschichte, so ungewohnt im Vergleich zu dem, was heute in den Kinos lief.

Alles kam ihr plötzlich fremd vor. Das Haus, die Stadt, das eigene Leben. Anna fürchtete, dass ihr Vater nach der Rückkehr aus der Klinik ein anderer sein würde, nicht mehr der Fels, der ihr Rückhalt gab, wann immer sie ihn brauchte.

Sie trank den Rest aus dem Rotweinglas und wählte die Nummer von Lutz, die sie noch immer auswendig kannte. Fast fünf Jahre war Anna mit ihm zusammen gewesen. Sie musste reden und es fiel ihr niemand sonst ein.

»Weißt du, wie spät es ist?«, fragte Lutz.

»Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.«

»Seit wann bist du zurück?«

Im Hintergrund hörte Anna eine weibliche Stimme, die etwas fragte. »Stör ich?«, wollte Anna wissen.

»Komm uns doch mal besuchen«, antwortete er. »Am Wochenende oder so.«

Er hatte ›uns‹ gesagt.

»Es hat sich viel verändert«, fügte Lutz hinzu.

»Das stimmt.«

»Ich hab geheiratet.«

»Gratuliere.«

Anna zog die Wolldecke enger um die Schultern und schlenderte durch das verwaiste Haus. Als könne sie es auf diese Art in Besitz nehmen und das irritierende Gefühl überwinden, wieder Kind zu sein. Im Kaminzimmer fiel ihr Blick auf das Porträt, das Daniel Lohse gemalt hatte. Auf gleichsam überirdische Weise leuchtete Annas Gesicht von der Leinwand herab. Die Farben zart, die Konturen verwaschen – der typische Stil Daniels, der bereits einige Sammler auf sich aufmerksam gemacht hatte, obwohl er noch an der Akademie studiert hatte. Nur an den Rändern fiel auf, dass das Bild unvollendet war.

Sein letztes Werk.

Daniel, der Sohn von Karin und Michael Lohse, den Freunden ihres Vaters aus alten Zeiten. Anna musste an die Umstände denken, unter denen der Kunststudent aus dem Leben gerissen worden war, den sie schon als Baby gekannt hatte.

Zwei Jahre, drei Monate und ein paar Tage war es her.

Anna war damals zur Mordbereitschaft eingeteilt und deshalb als eine der ersten Beamtinnen am Tatort gewesen. Schon bei der ersten Inaugenscheinnahme hatte sie vermutet, dass Daniels Mörder extrem psychisch gestört sein musste, erfüllt von grenzenlosem Hass.

Dass das KK 11, dem Anna angehörte, den Täter schon nach wenigen Tagen gefasst und ihm noch vor Ablauf einer Woche ein Geständnis abgerungen hatte, war für sie eine große Genugtuung gewesen.

Bis dahin hatte sie den Job als Mordermittlerin mit der inneren Distanz versehen, die als Grundlage professionellen Arbeitens galt. Die Tat war ein ›Fall‹, der Tote ein ›Spurenträger‹ – den Wahnsinn dahinter hatte man nach Möglichkeit auszublenden, um das eigene Gleichgewicht zu bewahren.

Der Mord an Daniel hatte alles ins Wanken gebracht.

Mit einem Schaudern verließ Anna den Raum und drückte die nächste Klinke.

Das Gästezimmer, einst als zweites Kinderzimmer geplant. Es diente nun als Rumpelkammer, in der ihr Vater alles aufbewahrte, wovon er sich nicht trennen konnte. Bildbände, Bierkrüge, Schnapspullen mit seltsamen Etiketten – in einem Politikerleben häuften sich eine Menge nutzloser Geschenke an.

Hinter dem Schrank lagerten Bilderrahmen. Anna zog sie hervor. Es waren weitere Arbeiten von Daniel, Porträts junger Männer, hell und körperlos schwebend. Einer davon war Costa, Daniels bester Freund. Die anderen Gesichter konnte sie nicht zuordnen, obwohl sie während der Ermittlung zahlreiche Bekannte Daniels vernommen hatte.

Feinde hatte er angeblich keine gehabt. Nur Kumpel, Freunde, Liebhaber – zu viele davon zu haben, war Daniel offenbar zum Verhängnis geworden.

Ihr Vater hatte das Wunderkind gefördert – immerhin war es sein Patenkind gewesen. Ohne es zu dem Zeitpunkt wissen zu können, hatte er mit dem Erwerb dieser Werke sein Geld lukrativ angelegt. Nach Daniel Lohses spektakulärem Tod waren die Preise in die Höhe geklettert.

Mit einem Anflug von Ehrfurcht schob Anna die Bilder zurück an ihren Platz.

Sie kehrte in das Jugendzimmer zurück. Auf dem Bett lag ihre Jacke. Anna holte den Brief aus der Tasche, den Daniels Mutter ihr nach Bosnien geschickt hatte.

Der Umschlag war knittrig, die Marke halb abgefetzt. Die unvollständige Adresse war mehrfach ergänzt und überschrieben – Anmerkungen bosnischer Postämter auf einem siebenwöchigen Irrweg. So lange hatte der Brief gebraucht, um sich endlich im Büro der EU-Polizeimission von Čapljina einzufinden.

Anna strich das Schreiben auf ihrem Knie glatt. Wieder wunderte sie sich über Karins mädchenhafte Schrift. Schlaufen, die sich nach links neigten, exakt auf gleicher Höhe, obwohl das Blatt nicht liniert war. Vermutlich hatte Karin den Brief in Holzbüttgen in den Kasten gesteckt – nur wenige hundert Meter von der Hasselstraße entfernt stand das Reihenhaus der Lohses.

Vor einer guten Woche war Karin Lohse bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen – sie war auf der A 57 mit dem Zweitwagen der Familie ungebremst gegen einen Brückenpfeiler gerast. Letzten Samstag hatte Anna durch ihren Vater davon erfahren. Vielleicht Selbstmord, so seine Spekulation.

Zwei Tage später hatte Bernd Winkler den Herzanfall erlitten. Bei einem Arbeitsessen in einem Düsseldorfer Restaurant war er ohnmächtig geworden und mit dem Gesicht in die Vorspeise gekippt. Der Abgeordnete hatte Glück gehabt. Nur ein leichter Infarkt, der Notarzt war sofort zur Stelle gewesen. Vaters Sekretärin hatte Zuversicht verbreitet, als Anna sie am Handy ausfragte.

Am darauf folgenden Tag hatte sie den Brief erhalten. Beim Kaffeetrinken in der Polizeistation hatte der Leiter der EU-Mission, ein Kette rauchender Franzose mit Bauchansatz und schiefen Zähnen, fröhlich damit gewedelt. »A love letter for Anna-Luna!«

Karins Zeilen – der dritte Schock aus der Heimat innerhalb weniger Tage.

Sie schrieb, dass sie einen Bekannten Daniels getroffen habe, der überzeugt sei, dass die Polizei den Falschen als Mörder ihres Sohns ermittelt hätte.

Dabei war der Täter vor mehr als einem Jahr vom Landgericht Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Clemens Odenthal, ein arbeitsloser Modezeichner mit verkorkster Kindheit und langer Karriere als Psychiatriepatient, der sich für einen Künstler hielt und Daniel als eine Art Vorbild verehrt hatte.

Odenthal saß seit sechzehn Monaten als Patient der Psychiatrie in einer geschlossenen Station der Landesklinik Langenfeld – weggesperrt für immer, wie Anna inständig hoffte.

Karin teilte weiterhin mit, im Zeugenstand gelogen zu haben. Ihr Sohn habe von einem Kerl berichtet, der ihn bedroht habe. Doch er habe keinen Namen genannt. Auf Drängen ihres Mannes habe sie Odenthal im Prozess belastet, weil sie und Michael von der Schuld des Modezeichners überzeugt gewesen waren.

Es spielt keine Rolle, überlegte Anna. Das Urteil beruhte nicht allein auf Karins Aussage. Es hatte eine Reihe von Indizien gegeben und ein Geständnis des Täters. Dass Odenthal es widerrufen hatte, war reine Verteidigungsstrategie gewesen.

Und schließlich hatte sein Mitbewohner das ursprüngliche Alibi vor Gericht zurückgenommen. Der Fall war damit klar.

Dennoch machte Anna der Brief zu schaffen, denn am Schluss schrieb Karin:

Daniels Bekannter nennt den Namen deines Onkels, den er wegen einer alten Geschichte hasst, die deine Mutter zum Teil bestätigt. Politische Gründe für den Mord an Daniel? Es klingt so abwegig!

Trotzdem nagen in mir Zweifel. Womöglich habe ich mit meiner Aussage einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht und Daniels Mörder läuft noch frei herum. Der Gedanke macht mich fast verrückt …

Mit Michael kann ich nicht darüber reden. Auch Bernd will mich nicht anhören. Deshalb wende ich mich jetzt an dich.

Du warst immer eine gute Freundin für mich, fast wie eine Tochter. Du weißt mehr über Daniels Tod als wir alle und die Wahrheit geht dir über alles. Ruf mich bitte so bald wie möglich an!

Ich weiß weder ein noch aus und habe Angst, etwas ganz Dummes zu tun.

Karin

Anna steckte den Brief wieder ein. Sie hätte zu gern gewusst, wer dieser ominöse Bekannte war, den Daniels Mutter getroffen hatte. Natürlich waren seine Spekulationen aus der Luft gegriffen. Und was sollte das Geraune über ihren Onkel, den Ministerpräsidenten?

Aber Anna hatte Karin im Stich gelassen. Es hätte in ihrer Macht gestanden, die arme Frau zu beruhigen. Sie war die Hilfe schuldig geblieben.

Anna füllte einen Becher mit Leitungswasser, spülte zwei Noctumed hinunter und kroch ins Bett. Es dauerte viel zu lange, bis das Schlafmittel wirkte. Die Gedanken rasten durch Annas Kopf. Karins Beerdigung hatte sie verpasst. Auch ihr Mann tat Anna leid. Innerhalb zweier Jahre hatte Michael seine gesamte Familie verloren.

Und wieder bohrten ihre Schuldgefühle: Vielleicht würde Daniels Mutter noch leben, wenn Anna sie aus Bosnien angerufen hätte.

Sie wünschte sich, ihr Vater wäre gesund und könnte ihr beistehen. Ein Fels zum Festhalten, ein Anker in der Welt.

Anna rollte sich zusammen. Die Tabletten taten endlich ihren Job und erstickten Zweifel und Grübeleien.

4.

November 2003

Mit gemischten Gefühlen betrat Anna, vom Parkplatz an der Neubrückstraße kommend, das Justizgebäude, stieg hinauf in den ersten Stock des L-Blocks und öffnete den Zuschauereingang des Schwurgerichtssaals so leise wie möglich.

Gestern hatte sie vor der großen Strafkammer des Landgerichts aussagen müssen. Sie hatte alle Fragen nach bestem Wissen beantwortet, dennoch schienen einige Kollegen aus der Mordkommission ihr die Schuld dafür zu geben, dass der Ausgang des Prozesses in seinen letzten Verhandlungstagen wieder fraglich war.

Sie setzte sich auf den nächsten freien Stuhl. Ein paar Rentner sandten Blicke, dann legte sich die Unruhe, die sie verursacht hatte. In der ersten Reihe erkannte sie Karin und Michael Lohse.

Annas Kollege Thilo Becker wurde gerade vernommen. Er saß am Zeugentisch, den Zuschauern den Rücken zukehrend. Becker war fast zehn Jahre älter als sie, doch er wirkte jugendlich mit seinem störrischen blonden Lockenschopf. Er antwortete routiniert. Vielleicht geschickter als ich, dachte Anna. Er würde die Sache zweifellos wieder einrenken.

Sie blickte hinüber zu Clemens Odenthal, dem Mörder, der hinter seinem Anwalt auf der Anklagebank kauerte. Ein rotwangiger Typ mit Geheimratsecken. Das einzig Auffällige an ihm war die Brille mit den altmodisch großen Gläsern, die nicht zu dem Schöngeist passten, der zu sein er vorgab. Die Platzwunde an der Stirn, die er sich bei seiner Festnahme zugezogen hatte, war längst verheilt.

Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, während der Pflichtverteidiger sich zurücklehnte und ihm etwas zuraunte – Anna fragte sich, wem Odenthal zuhörte: dem Anwalt oder den Stimmen im eigenen Kopf, die ihn heimsuchten, wenn er seine Tabletten vergaß oder einfach absetzte.

Sie verstand nicht, warum sich Daniel mit diesem kranken Typen abgegeben hatte.

Den Anblick der Leiche würde sie nie vergessen können.

Schon nach wenigen Tagen war dem KK 11 der schwule Modezeichner aufgefallen, dessen Namen mehrere Zeugen genannt hatten. Und bereits beim ersten Besuch hatte sich Odenthal in Widersprüche verstrickt.

»Sie waren zu zweit, Herr Becker?«, wollte der Vorsitzende Richter wissen.

»Ja, Bruno Wegmann und ich.«

»Laut Aussage des Angeklagten waren vier Beamte beteiligt.«

»Er ist mehrfach befragt worden. Das hat sich über die gesamte Woche hingezogen. Insgesamt waren es mindestens fünf Beamte, die ihn einvernommen haben. Aber in dieser Nacht nur Wegmann und ich.«

»Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass die Aussage, mit der sich der Angeklagte belastet hat, unter Androhung oder Anwendung von Gewalt zu Stande gekommen ist?«

»Das ist nicht richtig.«

»Herr Odenthal hat uns erklärt, man habe ihm eine Tüte über den Kopf gestülpt und ihn geschlagen. Sie hätten ihm angedroht, ihn umzubringen und es wie Selbstmord aussehen zu lassen.«

»Die Aufzeichnung der Vernehmung beweist, dass alles korrekt zuging.«

»Die Bänder sind offenbar unvollständig!«, rief Odenthals Verteidiger dazwischen.

Der Vorsitzende rügte den Anwalt und forderte Becker auf, mit seiner Schilderung des Ablaufs fortzufahren.

Anna ging durch den Kopf, wie erleichtert am nächsten Morgen jeder in der Mordkommission gewesen war. Odenthal hatte Details genannt, die nur der Täter kennen konnte. Seine Schuhspuren waren in Daniels Wohnung festgestellt worden und an Odenthals Kleidung hatte die Kriminaltechnik Blutpartikel entdeckt, die nachweislich vom Opfer stammten.

Becker erklärte: »Der Angeklagte hat in meinem Beisein das Protokoll Wort für Wort durchgelesen, bevor er es unterschrieb. Er hat es aus freien Stücken getan und in voller Kenntnis dessen, was es bedeutet. Der Widerruf ändert nichts an der Richtigkeit des Geständnisses.«

Der Richter bedankte sich, aber Anna glaubte ihm ansehen zu können, dass er Beckers Überzeugung nicht teilte.

Jetzt war Odenthals Verteidiger an der Reihe. Der Anwalt setzte seine Lesebrille auf, blätterte in den Unterlagen und neigte sich vor zum Saalmikrofon.

»Ihre Kollegin, Kriminaloberkommissarin Anna-Luna Winkler, hat uns gestern erklärt, dass das Spurenbild am Tatort und an den asservierten Kleidungsstücken meines Mandanten auch dadurch erklärlich ist, dass Herr Odenthal, wie er es hier dargelegt hat, Stunden nach der schrecklichen Tat die Wohnung des Opfers betrat, den Toten entdeckte und dabei anfasste. Stimmen Sie dem zu?«

Anna spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.

Der Kollege zögerte.

»Stimmen Sie Ihrer Kollegin zu oder nicht?«

Becker räusperte sich und senkte die Stimme: »Ja.«

»Etwas lauter bitte, damit das Gericht Sie versteht.«

»Wir sind nicht schwerhörig«, warf der Vorsitzende Richter ein. »Fahren Sie fort.«

Der Anwalt blätterte wieder. »Das Mordopfer war der Sohn eines Kollegen von Ihnen und ist zudem auf eine besonders brutale Weise getötet worden. Da liegt es vielleicht nahe, dass man einen starken Eifer entwickelt und sich bereits beim ersten Verdächtigen an die Vorstellung klammert: Der muss es gewesen sein. Dass man gewissermaßen blind wird anderen Möglichkeiten gegenüber.«

Becker wandte sich an den Richter. »Soll ich das als eine Frage auffassen?«

»Bitte.«

»Dann muss ich verneinen. Bis zum Zeitpunkt des Geständnisses galt für mich wie für jeden Beamten der Mordkommission die Unschuldsvermutung in Bezug auf Herrn Odenthal. Gerade weil es um den Sohn eines Polizeibeamten geht, haben wir mit besonderer Sorgfalt gearbeitet.«

Anna fand, dass sich der Blondschopf passabel aus der Affäre zog.

»Keine weiteren Fragen«, sagte der Anwalt und schien trotzdem zufrieden zu sein.

»Sie auch nicht?«, wollte der Vorsitzende von den Beisitzern und Schöffen wissen. »Nein? Dann geht es um 10.15 Uhr weiter mit der Vernehmung durch den Staatsanwalt.«

Auf dem Gerichtsflur traf Anna ihre Chefin. Kriminalhauptkommissarin Ela Bach zog sie bis hinter die Glastür ins Treppenhaus und fuhr sie an: »Stimmt es, dass du dich für einen Einsatz in Bosnien melden willst?«

»Warum nicht? Es wäre doch nur für ein Jahr.«

»Was willst du dort? Wieso hast du nicht mit mir geredet?«

»Ich bin zu dir gekommen. Erinnerst du dich nicht?«

»Wegen dem dummen Geschwätz?«

»Überall wird behauptet, ich würde meinen Posten im KK 11 irgendwelchen Anrufen meines Onkels verdanken. Das stinkt mir allmählich. In Bosnien wird das anders sein.«

»Sei nicht so dünnhäutig, Anna.«

»Danke. Das ist auch nur so ein Spruch, der mir nicht weiterhilft.«

»Du hast dich doch sonst nicht um das Geschwätz gekümmert. In Wirklichkeit ist es der Mord an dem Lohse-Jungen, stimmt’s?«

»Ja, das auch. Vielleicht brauche ich ein wenig Abstand.«

»Unsinn. Da musst du durch. Die Welt ist nun mal ein gewalttätiges Pflaster. In Bosnien noch mehr als hier.«

»Aber dort geht es mich nichts an.«

»Was meinst du damit?«

»Vielleicht bin ich nicht so robust veranlagt wie du.«

»Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Ich bin kein bisschen robuster als du, Anna. Es ist normal, dass dir ein Fall zu schaffen macht. So geht es jedem von uns. Und zwar immer wieder. Du darfst dir bloß nichts anmerken lassen. Abgesehen davon gefällt mir, wie du deine Arbeit machst.«

»Wirklich? Womöglich kommt Odenthal frei.«

»Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Und schlag dir Bosnien aus dem Kopf. Ich brauche dich, verstehst du?«

»Gibst du mir eine ehrliche Antwort?«

Bach sah Anna mit kaltem Blick in die Augen. »Okay.«

»Hat sich jemand eingemischt, damit ich den Job beim KK 11 bekam?«

»Die Staatskanzlei jedenfalls nicht.«

Anna spürte, dass sie rot anlief. »Und mein Vater?«

»Du weißt, dass er einen guten Draht zu Kriminalrat Engel hat. Und wenn du eine Tochter hättest, würdest du dich ebenfalls für sie stark machen.« Ela berührte Annas Arm. »Aber entscheidend war nicht der Anruf des Expolizisten Bernd Winkler, sondern dass ich dich in unserer Truppe haben wollte.«

Anna rang sich ein Lächeln ab.

Ihre Chefin blickte auf die Uhr, murmelte einen Abschiedsgruß und verschwand ins Treppenhaus. Ihre Schritte hallten nach, bis sich die Glastür schloss.

Anna kehrte zu den Rentnern zurück, die auf den harten Holzbänken palaverten oder in Zeitungen schmökerten, um die Pause zu überbrücken. Über ihnen hing ein riesiges Triptychon, das in christlicher Allegorie Sünder, Jüngstes Gericht und Hölle darstellte – wie fast immer auf solchen Darstellungen fand Anna die dritte Abteilung am interessantesten.

Am Ende des Gangs unterhielt sich Thilo Becker mit dem KK-11-Kollegen Bruno Wegmann, der ebenfalls die Verhandlung verfolgte. Anna gesellte sich zu ihnen.

»Hallo, Luna«, knurrte Becker. Er knetete das Ende seiner gestreiften Krawatte, die Anna nur an ihm sah, wenn er einen Gerichtstermin wahrnahm. »Das schöne Geständnis können wir in der Pfeife rauchen, nachdem unsere Tatortspezialistin ihre eigenen Indizien für fragwürdig erklärt hat.«

»Tut mir leid«, antwortete Anna.

»Du konntest nicht anders«, besänftigte Wegmann.

Anna tröstete das nicht. Becker fragte schnippisch: »Kann dein Onkel denn nicht mal mit dem Richter essen gehen?«

Schritte kamen näher, Anna hörte eine vertraute Stimme. Ihr Vater grüßte sie, gab Thilo und Bruno die Hand und fragte: »Wie isses?«

Anna zuckte mit den Schultern. »Unentschieden.«

»Weniger als das«, entgegnete ihr blonder Kollege.

Bernd Winkler versuchte zu beruhigen: »Heute ist auch noch Karin Lohse dran. Sie wird bestätigen, dass Daniel von Odenthal massiv bedroht worden ist.«

»In den Augen des Gerichts wird das nichts beweisen«, beharrte Becker. »Und wenn der Lehrer bei seinem Alibi für Odenthal bleibt, können wir endgültig einpacken.«

Dabei nickte der Blonde in Richtung eines ordentlich gescheitelten Mannes in blauer Jeans und beigefarbenem Pullover, der wie alle anderen auf die Fortsetzung der Verhandlung wartete. Anna fielen buschige Augenbrauen und eine blasse Narbe am Kinn auf.

Der Mann hieß Kurt Essig und war der Mitbewohner des Angeklagten sowie Zeuge im Prozess. Von ihm stammte das Alibi. Gemeinsames Fernsehen zur Tatzeit – fantasieloser ging es nicht.

Plötzlich erinnerte sich Anna an eine Bemerkung, die Odenthal in einer der Vernehmungen über seinen Kumpel Essig gemacht hatte. Sie hatte sich die Bänder angehört, zum Teil sogar mehrfach.

Anna wurde klar, dass es einen Ausweg gab.

5.

Mai 2005

Als Anna erwachte, zeigte die Armbanduhr elf Uhr dreißig. Selten hatte sie in Bosnien so lange schlafen können. Sie setzte sich auf.

Im Kühlschrank lagen vergammelte Lebensmittel, die Verfallsdaten waren abgelaufen. Anna mistete aus. Schließlich bestand ihr Frühstück aus Knäckebrot und Erdbeermarmelade.

Danach versuchte sie, Michael Lohse anzurufen. Er wohnte in der Edelweißstraße nahe der Bahnlinie, die den Ortsteil Holzbüttgen vom Zentrum der Kleinstadt Kaarst trennte.

Das Freizeichen tutete. Wieder dachte Anna darüber nach, dass sie Michaels Frau im Stich gelassen hatte. Zumindest musste Karin das so empfunden haben. Anna hoffte auf ein Wort von Michael, das ihr die Schuldgefühle nehmen würde.

Doch er hob nicht ab.

Anna brachte den Müll zur Tonne und kaufte im Rewe-Supermarkt an der Königstraße ein. Die Frau hinter der Theke des Backshops erkannte sie. »Sind Sie nicht Bernd Winklers Tochter? Wohnen Sie jetzt wieder in Holzbüttgen?«

»Vorübergehend.«

Als Anna heimkehrte, drückte sie die Wahlwiederholung.

Michael war noch immer nicht zu erreichen.

Anna tippte die Privatnummer ihrer Chefin in die Tasten.

»Bach.«

»Ich bin’s, Anna.«

»Willkommen zu Hause.«

»Danke. Ich wollte dich fragen, ob ich ein paar Tage Urlaub nehmen kann, bevor ich wieder …«

»Kommt gar nicht infrage. Du bist fest eingeplant. Regulärer Dienst plus Mordbereitschaft ab Montag.«

»Aber …«

»Das halbe Kommissariat ist krank, in Urlaub oder auf Fortbildung. Es passt perfekt, dass du vorzeitig zurückgekommen bist. Fürs Erste wirst du ohnehin nur Papierkram zu erledigen haben.«

»Du bist mir nicht mehr böse, weil ich abgehauen bin?«

»Wir verdrängen das, okay? Wo wohnst du jetzt?«

»Bei meinem Vater in Holzbüttgen. Weißt du zufällig eine Wohnung in Düsseldorf?«

»Nein, aber frag mal Ingo Ritter, den Kollegen aus der Kriminalwache.« Ela gab die Nummer des Beamten durch. Sie erklärte, dass Ritter im Nebenjob als Makler arbeite, und tat so, als müsse Anna ihn kennen.

»Früher hat er mit Aktien spekuliert«, sagte Bach. »Nach dem Börsencrash ist er auf Immobilien umgestiegen. Wenn du Glück hast, kann er dir einen Polizistenrabatt aushandeln.«

Anna fragte: »Sonst etwas Neues?«

»Unruhen im Irak, Flugzeugabsturz in Kolumbien, Schuldenlöcher im Staatshaushalt. Das Übliche. Die Wahlen stehen bevor, es hat sechzehn Grad Höchsttemperatur im Rheinland und wir schreiben den 7. Mai.«

»Ich meine, irgendetwas im Fall Odenthal?«

»Ganz Deutschland wünscht dem Kerl, dass er bis zum Ende seiner Tage nicht mehr auf die Menschheit losgelassen wird. Warum fragst du?«

»Nur so. Bis Montag dann.«

»Der Fall beschäftigt dich noch immer?«

Annas nächster Anruf galt Ritter, dem makelnden Kollegen. Die Kriminalwache war nachts und an den Wochenenden im Einsatz, wenn die restliche Kripo Feierabend hatte. Vermutlich hatte sie den Kollegen mal an einem Tatort getroffen.

Seine Stimme ließ die Erinnerung konkreter werden: ein gut gelauntes Lächeln, gekrönt von einem buschigen Schnauzbart. Sonnenbräune wie frisch aus dem Skiurlaub. Der Typ von Mann, der an keiner Kollegin vorbeikam, ohne mit ihr zu flirten.

Ritter fragte: »Altbau in guter Lage mit Balkon oder Dachterrasse?«

»Richtig. Zwei bis drei Zimmer, aber nicht an einer Durchgangsstraße.«

»Klar, das wollen alle. Wie viel kannst du anlegen?«

Plötzlich fiel ihr ein, wo sie ihm zuletzt begegnet war. Am liebsten hätte sie wieder aufgelegt. »Achthundert«, erwiderte sie stattdessen.

Der Kollege ließ sich ihre Handynummer geben und versprach, sich zu melden.

Beim dritten Versuch erreichte sie endlich Michael Lohse.

»Herzliches Beileid«, sagte Anna.

»Ich dachte, du kommst erst im Juni zurück.«

»Mein Vater hatte einen Herzinfarkt.«

»Hab davon gehört.«

»Zum Glück ist es nicht so schlimm. Meld dich mal bei ihm, er wird sich freuen.« Sie nannte ihm die Nummer der Klinik. Dann ergänzte sie: »Papa meint, Karin hätte vermutlich Selbstmord begangen.«

Der Mann am anderen Ende der Leitung räusperte sich. Anna fiel ein, dass sie ihn nicht einmal in den Tagen nach dem Mord an seinem Sohn hatte heulen sehen – ein Macho alter Schule, zumindest gab er sich so. Lohse antwortete: »Es gab keine Bremsspur und keinerlei technischen Defekt. Und Karin hatte über zwei Promille Alkohol im Blut. Alles Weitere ist pure Spekulation.«

»Betrunken am Steuer? Das sieht ihr gar nicht ähnlich.«

»Der Mord an unserem Jungen hat uns alle verändert.«

Anna hatte diesen Satz so ähnlich schon in Karins Brief gelesen. Sie wünschte sich, dass es ein Unfall gewesen war – dann traf sie, Anna, keine Schuld. Sie sagte: »Karin hat mir geschrieben, dass sie sich mit einem Bekannten von Daniel getroffen hat. Hast du eine Ahnung, wer das ist?«

»Ein Bekannter von Daniel? Er hatte zu viele Bekannte.« Lohse wurde lauter. »Zu viele verdammte arschfickende Homo-Freunde!«

»Michael«, versuchte Anna, ihn zu bremsen.

Er stockte, dann sagte er: »Ich weiß, dass solche Typen bisweilen toll darin sind, Ballett zu tanzen oder Klamotten zu entwerfen. Neuerdings moderieren sie auch Shows im Fernsehen oder treten als Politiker auf. Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden und keiner kann mir nachsagen, dass sich Kriminalhauptkommissar Lohse nicht daran halten würde. Aber heute habe ich dienstfrei und man wird in dieser Republik einen Perversen doch noch so nennen dürfen!«

»Hey, du beleidigst deinen toten Sohn.«

»Nein, Anna, nein! Daniel war nicht so. Er wurde verführt. Ich hätte mit ihm in den Puff gehen sollen, als er sechzehn war. Dann wäre alles nicht passiert. Oder meinst du, ich hätte meinem Sohn die Abartigkeit mit den Genen vererbt? Dann wäre ich ja selbst ein Homo. Ich bin’s aber nicht.«

»Karin befürchtete, dass Odenthal womöglich gar nicht der Mörder ist.«

»Absurd!«

»Habt ihr tatsächlich nicht darüber geredet?«

»Wir waren beide fix und fertig. Ehrlich gesagt, herrschte Funkstille bei uns zu Hause. Karin hat mir vorgehalten, dass Daniel noch am Leben wäre, wenn ich ihn nicht aus dem Haus geworfen hätte.« Michael hustete, dann fing er sich wieder und fragte: »Die Vorstellung ist doch abwegig, Anna, oder? Ich bin doch nicht schuld an Daniels Tod!«

»Natürlich nicht.«

»Karin hat in der letzten Zeit sogar ihr Geschäft vernachlässigt. Sämtliche Anfragen hat sie abgewimmelt. Stattdessen setzte sie sich in ihren Polo und gondelte ziellos durch die Gegend. Zumindest hat sie das behauptet.«

Anna erkannte, dass Lohse ihr nicht helfen konnte. Und sie nicht ihm. Der Gedanke an den Brief ließ sie nicht los: Ruf mich so bald wie möglich an. Ich habe Angst, etwas ganz Dummes zu tun.

Michael murmelte leise: »Sag mir, Anna, gibt es überhaupt noch einen Gott? Gibt es Gerechtigkeit? Oder werden wir nur sinnlos herumgeschubst?«

Der Mann tat ihr leid. Odenthal hatte eine ganze Familie auf dem Gewissen.

Anna war froh, dass sie letztlich das entscheidende Indiz hatte beisteuern können, das zur Verurteilung des Mörders geführt hatte.

Wenigstens das war ihr gelungen.

6.

November 2003

Das Haus, das zu Essigs Adresse gehörte, entpuppte sich als gepflegter Altbau mit einer Fassade voller Simse und Stuckverzierungen. Anna tat, als studiere sie die Auslagen im Schaufenster eines Ladens im Nachbarhaus. Sie musste nicht lange warten.

Eine Frau im dunklen Kostüm trat aus der Tür. Sie machte einen gehetzten Eindruck und eilte auf die Kreuzung zu, wo ein Taxi stoppte, das sie offenbar bestellt hatte.

Bevor die Haustür ins Schloss fiel, eilte Anna darauf zu und schlüpfte ins Haus.

Die Wohnung, die Kurt Essig und Clemens Odenthal sich teilten, lag im Erdgeschoss. Obwohl Anna vermutete, dass Essig in diesem Moment noch im Gericht an der Mühlenstraße war, presste sie vorsichtshalber das Ohr an die Tür und lauschte.

Dann kramte sie das kleine Gerät aus der Tasche. Bruno Wegmann kannte sich mit Einbruchswerkzeug aus. Der Kollege hatte in seiner Jugend einem Verein angehört, einer Art Hacker-Gruppe, die sich aus dem Knacken von Schlössern einen Sport gemacht hatte, bei dem es darauf ankam, keine Spuren zu verursachen. Wegmann gab gern damit an und hatte ihr einmal seine Lock-Picking Tools gezeigt, so genannte Spanner und Stifte, mit denen man die Federn im Inneren eines Türschlosses bewegen konnte. Anna hatte sich für die batteriebetriebene Ausgabe entschieden, als sie Wegmanns Schreibtisch nach einem brauchbaren Sesam-öffne-dich durchwühlt hatte.

Sie setzte das Teil an. Es brummte ohne erkennbare Wirkung. Anna stocherte und drückte, doch das Klack, mit dem das Schloss aufspringen sollte, blieb aus.

Ein Poltern auf der Holztreppe über ihr ließ sie innehalten – schwere Schritte, die nach unten trabten.

Anna verzog sich hinter die Kellertür und duckte sich in den Schatten.

Sie bemerkte die Mülltonnen und ihr kam der Gedanke, dass der Hausbewohner vielleicht gerade seinen Abfall herunterbrachte. Mit schnellen Schritten huschte sie hinaus auf den Hof.

Heftig atmend lehnte sie sich gegen die Hauswand. Bleib ruhig, sagte sich Anna, er hat dich nicht bemerkt. Sie blickte sich um. Fleckiger Rasen, ein Beet und ein Geräteschuppen. Ein Reifen hing vom Ast eines Baums als Schaukel für Kinder.

Rundherum vierstöckige Häuser – Anna stand wie auf dem Präsentierteller. Fieberhaft musterte sie die Umgebung. Ein offenes Fenster zu ihrer Rechten war der Ausweg. Sie steckte Wegmanns Werkzeug in die Tasche.

Anna stemmte sich hoch und kletterte in die Wohnung des Mörders, dabei hoffend, dass in diesem Moment niemand in den Hof schaute.

Sie landete in der Abstellkammer. Regale im Dämmerlicht, eine antik wirkende Nähmaschine, ein Karton voller Äpfel. Anna lauschte, dann betrat sie den Flur.

Der plötzliche Anblick einer hageren Gestalt jagte ihr einen Schrecken ein, doch es war nur ihr eigenes Spiegelbild, die Haare zerzaust, die Wangen gerötet.