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eISBN 978-3-89425-820-7

Der Autor

Horst Eckert wurde 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren. Aufgewachsen in Pressath, in der nordostbayerischen Provinz. Studium in Erlangen und Berlin (Diplompolitologe). Er lebt als Autor in Düsseldorf.

Seine Kriminalromane sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt. Bisher sind erschienen: Annas Erbe (1995), Bittere Delikatessen (1996), Aufgeputscht (1997), Finstere Seelen (1999), Die Zwillingsfalle (2000), Ausgezählt (2002), Purpurland (2003), 617 Grad Celsius (2005), Königsallee (2007) und Sprengkraft (2009).

Seine Krimis und Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet.

Mehr Informationen unter: www.horsteckert.de

Inhalt

Der Autor

Der geniale Zetteltrick

Juwelen am Hellweg

Seine größte Story

Servus Oberpfalz

Wege zum Ruhm

Niederrhein-Blues

Nacht über Schwerte

Ex und hopp

Abgehört

Mit allen Mitteln

Hotel Transit

In Lünen stirbst du schneller

Der geniale Zetteltrick

Leo Kösters Hände zitterten, als er die Zigarette anzündete. Er zwinkerte seinem Sohn zu. »So sehen die Typen aus, die’s nicht schaffen, bei der Polizei unterzukommen.«

Der Wachmann schlenderte ihnen entgegen, ein junger Kerl mit aufmerksamem Blick – er erinnerte Leo an die Zeit, als er Uniformen und Waffen noch für Insignien der Würde gehalten hatte.

Dani fragte: »Passt der Mann auf, dass keiner die Euros klaut?«

Der Wachmann lächelte. Trotz der Hitze trug er seinen schwarzen Lederblouson, dazu das Holster an der Hüfte, ein Walkie in der Hand. »Nicht ich allein. Die Landeszentralbank hat den sichersten Tresor in ganz Europa.« Er wandte sich an Leo. »Wie alt ist der Junge?«

Leo verbarg die Zigarette hinter dem Rücken – er zeigte Fremden seinen Tremor nicht gern. »Elf.«

Sein Sohn zerrte ihn weiter, als ob es Dani nicht geheuer war vor dem mit glänzendem Granit verkleideten Hochhauskomplex. Als sie um die Ecke bogen, erkannte Leo die Einfahrt. Ein zweiter Pistolenträger wippte vor dem Tor auf den Fußspitzen, er trug über dem Bierbauch nur das weiße Hemd mit der billigen grauen Krawatte. Im Pförtnerhäuschen saß ein weiterer Wachmann und telefonierte.

Dani quengelte: »Du hast versprochen, dass wir noch zu Unbehaun fahren.« Es war Sonntag, Besuchstag – acht Stunden pro Woche durfte Leo seinen Sohn sehen. Das Eiscafé gehörte seit Monaten zum Programm. Doch Leo zögerte.

Der Transporter bog aus der Berliner Allee in die Marienstraße. Heftig stieß Leo den Rauch seiner Filterlosen aus. Auch Dani starrte jetzt auf den Panzerwagen – dreiachsig, grün-weiß lackiert, gefolgt von zwei grünen Geländewagen der Marke Mercedes, die ebenfalls gepanzert waren und den Kollegen aus Berlin gehörten. Soviel Leo wusste, war das die letzte Fuhre mit den neuen Banknoten aus der Bundesdruckerei. Das Stahltor glitt auf, die schweren Flügel liefen in gut geschmierten Schienen und falteten sich links und rechts der Einfahrt zusammen. Der Dicke winkte den Transporter durch und überprüfte, ob sein Hemd richtig in die Hose gestopft war, als sei er dem neuen Geld eine bella figura schuldig.

Eine Milliarde, dachte Leo – je nach Stückelung konnte das die Summe sein, die gerade im Inneren der Düsseldorfer Landeszentralbank verschwand. Eintausend Millionen Euro in Scheinen, die noch kein Mensch berührt hatte. Das Einhundertsiebenundsechzigfache wartete republikweit auf den größten Geldumtausch der Geschichte.

Der Kurze griff nach Leos Linker. »Du hast es versprochen.«

Leo schnippte die Kippe auf die Straße. »Nur noch ein paar Wochen, Dani. Dann machen sie Papa gesund und uns kann niemand mehr trennen.«

Sie kletterten in den klapprigen Fiesta – die einzige Sorte Karre, die sich Leo seit der Scheidung von Brigitte noch leisten konnte.

Dani fragte: »Kann ich nicht schon heute Abend bei dir bleiben?«

Leo startete und kurbelte das Fenster nach unten. Auf halber Strecke klemmte die Scheibe. Im Radio lief Lady Marmalade, er schaltete es aus. »Großer Becher mit Schoko und Nuss?«, fragte er.

»Korrekt.«

Sie passierten ein letztes Mal den Bankenbau. Der Elfjährige winkte dem jungen Wachmann zu. Dann biss er sich auf die Lippe, als ginge ihm eine Frage durch den Kopf, die er besser nicht stellen sollte.

Auf dem Weg zur Eisdiele warf Leo immer wieder einen Blick in den Rückspiegel. Er beschloss, sein Vorhaben wegen des dunklen BMW hinter ihnen nicht zu ändern. Jetzt hat Brigitte mir also schon einen Detektiv auf den Hals gehetzt, dachte Leo. Als würde seine Ex etwas ahnen. Den Jungen machte er nicht auf den Verfolger aufmerksam – der Kurze war schon nervös genug.

 

Wachtendonk betrat das Büro und warf Papierkram in den Eingangskorb. »Urlaubssperre ab dem 17. Dezember«, stöhnte er, Zwiebelgeruch verbreitend. »Bis Ende Januar. Und ich wollte mit Mutti nach Fuerte. Die neue Währung ist ’ne einzige Katastrophe!«

Leo brummte zustimmend. Er wartete, bis der Kollege wieder draußen war, dann schnappte er sich den obersten Schnellhefter. Der Gedanke an Weihnachtsurlaub ließ ihn kalt. In dieser Behörde hatte er nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, deren Tage gezählt waren. Bis vor gut einem Jahr war Leo die Nummer eins des Spezialeinsatzkommandos gewesen – keiner der Büroheinis, mit denen er jetzt zu tun hatte, konnte sich einen Begriff davon machen, was das bedeutete: vom Hubschrauber abseilen, Gebäude stürmen und Gewalttäter überwältigen, Geiseln befreien. Die Kastanien aus dem Feuer holen. Der Adrenalinkick, der sein Leben bestimmt hatte.

Als das Zittern begann, versetzten sie Leo zur Kriminalwache. Als es schlimmer wurde, steckten sie ihn in die Verwaltung zu Sesselfurzern wie Wachtendonk, der wahrscheinlich nicht einmal einen einzigen Klimmzug schaffte. Die Behörde bildete sich etwas darauf ein, ihren sechsunddreißigjährigen Parkinsonfall nicht in die Pension abzuschieben. Wie gnädig – von den Bezügen, die ihm zustünden, hätte Leo niemals leben können. Nicht bei dieser Krankheit. Nicht bei seiner gefräßigen Ex.

Seit einem halben Jahr saß Leo am Schreibtisch im dritten Stock der Festung, in einem Dienstzimmer mit Blick auf die Oberfinanzdirektion, das er mit Wachtendonk teilte. Leo passte sich nur scheinbar an. Er vertrieb sich die Tage damit, in Zeitschriften über Heilmethoden zu schmökern, die in Deutschland verboten waren, weil Stammzellen von Embryonen dafür nötig waren. Er knüpfte Kontakte und tüftelte Pläne aus, die er prüfte und wieder verwarf.

Was ihn am Leben hielt, war Danis Stolz auf seinen Vater. Für den Kurzen war Leo noch immer Elitepolizist.

Am letzten Freitag beauftragte ihn der Verwaltungschef, den Polizeischutz für die Geldtransporte der zweiten Phase zu organisieren. Das Frontloading: Täglich würden ab September sämtliche Panzerwagen der privaten Sicherheitsbranche durch Stadt und Umland rollen, um Scheine und Münzen aus dem Tresorbunker an der Berliner Allee auf Banken und Handelsunternehmen zu verteilen. Im Ministerium sprachen sie von der größten Gefahrenlage für die Sicherheit der Republik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Münzen waren zu schwer und nicht wertvoll genug. Auch einen Überfall auf die Landeszentralbank schloss Leo aus. Er würde es allein durchziehen – ein Ding, für das du Partner brauchst, birgt zu viele Risiken. Leo bereitete alles vor. Die Klinik in Stockholm hielt ein Bett bereit. Gunnar Andersson, ein Kollege, mit dem er seit Jahren E-Mails schrieb, würde sich um Dani kümmern, solange Leo stationär behandelt wurde. Er hatte Ausweise für sich und den Kurzen besorgt, neue Identitäten. Das Einzige, was ihm fehlte, war eine Panzerfaust.

Leo schlug den Hefter auf. Als er begriff, was er da las, spürte er ein Kribbeln – Adrenalin. Der Polizeipräsident hatte eine Bewilligung unterschrieben, mit der niemand mehr gerechnet hatte: Für die Dauer der Frontloading-Phase hob die Behörde das Verbot für ihre Beamten auf, im Nebenjob bei privaten Wachschutzunternehmen anzuheuern.

Leo wählte, vertippte sich, dann hatte er Fichte Security dran und ließ sich mit dem Personalchef verbinden. Noch hörte man ihm seine Erkrankung nicht an.

»Köster, Polizeipräsidium. Sie suchen Mitarbeiter?«

»Polizist?«

»Ja.«

»Heißt das, Ihr Behördenleiter gibt Sie frei?«

»Nach Feierabend und am Wochenende. Ich hab’s schriftlich und faxe es Ihnen rüber.«

»Und ich dachte schon, ich müsste mich tatsächlich ans Arbeitsamt wenden. Wann können Sie anfangen? Montag, sechzehn Uhr?«

»Ich dachte, erst ab September …«

»Wenn wir das nicht vorziehen, wird das nichts bis Neujahr 2002«, unterbrach ihn die Stimme im Hörer. »Ja oder nein?«

»Montag geht in Ordnung.«

Leo legte auf und wühlte im Ablagekorb, bis er ein Schreiben von gestern entdeckte, in dem Fichte Security um Begleitung für vorgezogene Fahrten bat. Leo faltete den Wisch und ließ ihn in seiner Hemdtasche verschwinden. Die Anfrage war nicht eingetroffen. Kein Polizeibeamter würde den ersten Transport schützen.

Die Panzerfaust konnte Leo abhaken. Er würde im Wagen sitzen.

Er wählte eine Handynummer.

»Ja.« Kasimirs Stimme, mürrisch wie immer. Diese jungen Gangster konnten nicht anders.

»Hier ist Leo. Wir treffen uns schon am Montag um achtzehn Uhr dreißig.«

»Du sagtest doch, erst ab September …«

»Ja oder nein?«

»Wie viel willst du tauschen?«

»Richte dich auf eine Million ein. Es bleibt beim Treffpunkt im Neusser Hafen.«

Leo rechnete mit weit mehr als einer Million, wollte aber einen Teil der Beute in D-Mark waschen, um mit seinem Sohn auf der Flucht über die Runden zu kommen, bis im kommenden Jahr die neue Währung als Zahlungsmittel gelten würde. Dafür brauchte er den Kerl.

»Pro Euro gebe ich dir fünfzig Pfennig. Macht also fünfhundert Riesen in Mark«, sagte Kasimir.

»Nichts da. Eins zu eins, wie vereinbart, sonst schließ ich den Deal mit jemand anders ab. Es gibt genügend geldgierige Gauner, die scharf darauf wären.«

Dass Leo nur Kasimir kannte, brauchte der Kerl nicht zu wissen. Leo hatte keine andere Wahl, als sich auf den mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraften Kokshändler einzulassen.

»Bleib cool, Mann«, erwiderte Kasimir.

»Und wer mich linkt, wird sein Leben lang nicht mehr froh.«

Kasimir ließ ein kurzes Lachen hören. »Klingt ganz nach ’nem abgehalfterten Rambo.«

Leo drückte den Hörer auf die Gabel. Immerhin war Kasimir kein Polizeispitzel. Das hatte er überprüft.

 

Die Einweisung war kurz und knapp. Sie würden zu zweit im Transporter sitzen. Der andere hieß Özdemir, ein kleiner, gedrungener Türke, der kaum redete und seit Ewigkeiten für Fichte fuhr.

Die fehlende Begleitung durch die Schutzpolizei sorgte nur kurz für Unruhe, dann entschied einer der Chefs, dass das Risiko nur gering sei. Wer wusste schon von dem vorgezogenen Transport?

»Was ist in Tüte?«, fragte Özdemir, als sie in die Kabine kletterten.

Leo ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder und angelte die Thermoskanne aus seinem Plastikbeutel. »Tee. Willst du ’n Schluck?«

»Lass mal.«

Leo goss halb voll, bemüht, nichts zu verschütten.

»Alki?«, fragte Özdemir mit einem Blick auf Leos wackelnden Becher.

»Ist ’ne Art von Nervenkrankheit. Und ich mag’s nicht, wenn einer Witze drüber macht.«

Sie fuhren nicht allein. Ein zweiter Transporter folgte. Eine Komplikation, mit der Leo nicht gerechnet hatte.

Sie bogen in die Marienstraße. Der Uniformierte im Pförtnerhäuschen nickte, der Dicke im weißen Hemd winkte, das Stahltor glitt zur Seite. Dahinter ein Hof. Überwachungskameras an den Mauern, ein Kerl im Lederblouson trat ans Seitenfenster und ließ sich das Plastikkärtchen zeigen, das Leo als Mitarbeiter der Wachschutzfirma auswies. Leo sah den groben Stoff der billigen Krawatte und die Maschinenpistole, die der Kerl umhängen hatte.

Ein zweites Tor öffnete sich. Dahinter eine Halle.

Özdemir steuerte den Panzerwagen über eine Grube. Weitere MP-Träger überprüften das Fahrzeug von allen Seiten, auch von unten. Rund zwei Dutzend Metallkisten standen auf der Rampe. Helfer beluden den Transporter. Ein Banker übergab Özdemir den Plan mit der Route. Leo hörte, dass das Geld für Erkrath und Mettmann bestimmt war, und überlegte, wie er es anstellen sollte, dass sie erst nach dem anderen Transporter die Zentralbank verließen.

»Ich muss pinkeln«, sagte er.

Özdemirs Blick zeigte ihm, dass dies eine Premiere war. Nach einigem Hin und Her begleiteten Leo drei Schwerbewaffnete zu einem Waschraum am Ende eines verwinkelten Flurs. Den Tresor bekam er nicht zu sehen.

Leo stützte sich auf das Waschbecken und studierte den Kerl im Spiegel: zu jung für diese Scheißkrankheit, zu stolz, um hinter einem Schreibtisch im Präsidium zu versauern, noch nicht genug am Boden, um klein beizugeben im Streit mit Brigitte.

Er drückte eine Klospülung. Wie lange würde es dauern, bis der zweite Panzerwagen gecheckt und beladen war? Leo musste ihm den Vortritt lassen und dann möglichst unbemerkt die Route ändern. Er sah auf die Uhr – wenn es klappte, würde er trotzdem keine Mühe haben, die Zeit einzuhalten, die er mit Kasimir vereinbart hatte. Danach mit Dani nach Frankfurt rasen und den letzten Flieger nach Stockholm nehmen. Als Menschen, nach denen niemand suchen würde – die Namen auf den Tickets stimmten mit denen auf den neuen Ausweisen überein.

Leo schluckte eine weiße Pille, die ihn wach halten würde. Die nächsten Stunden würden alles entscheiden.

Zurück zum Transporter. Der andere rollte bereits hinaus. Özdemir machte keine Bemerkung über kleine Blasen und kaputte Nerven. Es lief wie am Schnürchen.

Leo zeigte dem Dicken vor der Zufahrt den Daumen und griff in den Beutel, der nicht nur die Thermoskanne enthielt.

»Was soll das?«, fragte Özdemir und meinte die Absperrung einer Baustelle, die sie in eine Seitenstraße zwang. Özdemir stieg auf die Bremse. Der Transporter vor ihnen stieß gerade zurück, als wolle er in einer Einfahrt wenden – vielleicht kam ein Fahrzeug entgegen, das zu breit war, um es zu passieren.

Dann sah Leo die Gruppe vermummter Männer.

Einer von ihnen fuchtelte mit einer Panzerfaust. An der nächsten Kreuzung stand ein dunkler BMW, der Leo bekannt vorkam, und riegelte die Seitenstraße ab.

»Zurück!«, rief Leo seinem Partner zu.

Özdemir ließ die Gänge krachen. Kleine Schweißtropfen traten auf seine Stirn.

Der Kerl mit der Panzerfaust wurde auf sie aufmerksam. Ein dünner, groß gewachsener Mann, der humpelte, als er sich schneller bewegte. Leo kannte diesen Gang: Kasimir – der Gauner hatte seinen Plan erraten und wollte sich nicht mit dem Gewinn aus dem Geldumtausch begnügen.

Özdemir ließ den Motor aufjaulen. Das Heck krachte gegen die rot-weißen Absperrungsplanken. »Am besten wieder in Bank«, keuchte der Türke.

Kasimir lief noch ein paar Schritte hinterher, dann sah er ein, dass er sich entscheiden musste, und wählte den Transporter, den er bereits in die Hofeinfahrt dirigiert hatte.

Leo zog seine P6 aus dem Beutel. Er richtete die Pistole auf Özdemir. »Nein. Nicht die Bank. Die Berliner Allee und hinunter Richtung Bilk.«

Sein Fahrer gehorchte und bog in die sechsspurige Straße, die nach Süden führte.

»Was ist los mit euch?«, krächzte eine Stimme aus dem Funkempfänger. »Wisst ihr nicht, wo’s nach Erkrath geht, oder habt ihr ein Problem?«

Leo erschrak. »Hören die mit?«

Der Türke schüttelte den Kopf.

»GPS-Tracking?«

Özdemir schwitzte und antwortete nicht. Also sendete der Transporter über einen Satelliten Signale, die der Fichte-Zentrale anzeigten, wo genau sie sich befanden. Leo stellte sich einen Monitor in der Leitstelle vor. Blinkende Pünktchen auf einem Stadtplan. Nichts konnte er weniger gebrauchen als das.

Sein Fahrer wischte sich über die Stirn und sagte: »Ich zeig dir, wie kaputt machen GPS, dafür krieg ich Anteil.«

 

Der ungeteerte Weg hinter dem Baumarkt an der Aachener führte zu einer stillgelegten Baustelle. Hier hatte Leo seinen alten Fiesta geparkt. Er wies Özdemir an, den Transporter abzustellen und die Geldkisten aufzubrechen. Zugleich hörte er den Polizeifunk mit dem Handgerät ab, das er ebenfalls mitgebracht hatte.

Er rechnete mit ›Ring 20‹, einem Fahndungsgürtel mit zwanzig Kilometern Radius um die Düsseldorfer Innenstadt. Kein Problem. Wenn die Kollegen jemanden schnappten, dann war es Kasimirs Bande. Bis sie wussten, wer den zweiten Panzerwagen entführt hatte und in welchem Wagen Leo floh, würde er längst über alle Berge sein.

Vierzehn Blechbehälter für ebenso viele Ziele, von Aldi in Erkrath bis zur Volksbank in Wülfrath. Leo rupfte die violetten Bündel aus den Kisten und stopfte sie in seinen Reisekoffer. Glatte, große Scheine, die nach Farbe rochen, nicht nach schmierigen Fingern. Fünfhunderter – die größte Stückelung, die es von der neuen Währung gab.

Es war weit mehr, als er erhofft hatte, Leo schätzte den violetten Haufen auf runde zehn Millionen. Nur mit Mühe konnte er den abgeschabten Koffer verschließen, mit dem er in glücklicheren Jahren gemeinsam mit Brigitte durch die Welt gereist war.

Den Rest überließ er dem Türken. Unmengen von Hundertern, Fünfzigern und kleinen Scheinen – noch ein paar Millionen frischer Euros. Während Leo sich umzog, begann Özdemir, sich die Bündel unter das Hemd seiner Fichte-Uniform zu stopfen.

Zweimal musste Leo die Heckklappe seiner Schrottkarre zuknallen, bis sie hielt. Er legte das Funkgerät auf den Beifahrersitz und raste los. Dabei ärgerte er sich über Kasimir: Weil der Gangster geglaubt hatte, ihn überlisten zu können, musste Leo nun ohne nennenswerten Vorrat an D-Mark fliehen.

Im Äther herrschte Chaos. Auf dem Weg über die Südbrücke hörte Leo zu, wie die Kollegen den dunklen BMW über die A 52 jagten – Kasimirs Bande versuchte es in Richtung Ruhrgebiet. Leo drückte den Kollegen die Daumen.

 

Als er sich Grevenbroich näherte, schnappte er zum ersten Mal seinen Namen auf, und staunte, wie schnell das gegangen war. Aber es war nichts zu befürchten. Er war bereits außerhalb des Zwanzig-Kilometer-Rings, und die Polizei hatte noch nicht ermittelt, was für ein Auto er fuhr.

Aus seiner Tüte fischte Leo sein Handy und wählte die Nummer des Gasthofs, in dem er Dani seit gestern Nachmittag versteckt hielt. Die paar Mark, die Leo bei sich hatte, reichten für eine Tankfüllung, nicht für die Zimmerrechnung. Er musste improvisieren.

Der Kurze ging nach dem ersten Klingeln ran.

»Alles klar bei dir?«, fragte Leo.

»Ja. Mach schnell. Mama kommt mich holen!«

»Die weiß doch gar nicht, wo …«

»Ich hab sie angerufen, damit sie nicht vergisst, Momo zu füttern.« Danis Frettchen – sein Ein und Alles, wenn ihn etwas bedrückte.

»Du hast ihr doch nicht verraten, wo du steckst?«

Schuldbewusstes Schweigen am anderen Ende, dann ein Hämmern gegen eine Tür und gedämpft, aber unverkennbar Brigittes Keifen.

Das Zimmer, das Leo für den Kurzen gemietet hatte, lag im zweiten Stock. Zu hoch für den Elfjährigen, um durch das Fenster abzuhauen.

»Hör zu, Dani. Tu so, als würdest du mit ihr gehen. Wenn ihr unten seid, musst du plötzlich aufs Klo. Aber du gehst den Gang weiter bis zum zweiten Ausgang, verstehst du? An den Toiletten vorbei zur Hintertür. Dann läufst du über den Hof. Am anderen Ende ist ein Tor. Das steht um diese Zeit offen. Dort warte ich auf dich. Verstanden?«

»Cool.«

Bevor Leo noch etwas sagen konnte, war Brigitte im Zimmer und ihre Stimme in der Leitung. Deutlich, laut, sich fast überschlagend: »Leo, du Schwein! Ich sorg dafür, dass du in den Knast kommst! Diesmal werden deine Kollegen dich nicht mehr decken!«

Leo steckte das Handy weg. Seine Ex wusste nicht, wie recht sie hatte. Aber sie würden ihn nicht kriegen. Er raste durch den Ort und suchte die Straße, die hinter dem Gasthof entlangführte.

 

Während Leo vor der Hofeinfahrt wartete, surfte er durch die Funkkanäle. Drei Verletzte bei einer Schießerei, vier Festnahmen beim Zugriff auf dem Kreuz Breitscheid im Norden Düsseldorfs. Kasimir hatte offenbar auf den Einsatz der Panzerfaust verzichtet, vielleicht war es auch nur eine Attrappe gewesen. Özdemir wurde nicht erwähnt. Die Suche konzentrierte sich jetzt auf Leo.

Sie würden sein Konterfei per Fax verbreiten und kopieren. Hunderte von Beamten würden nach ihm suchen – zunächst auf dem Düsseldorfer Flughafen, auf den Bahnhöfen der Landeshauptstadt, an Autobahnsperren, die aber längst hinter ihm lagen.

Man würde sein Gesicht in den Fernsehnachrichten zeigen, doch Leo setzte auf das Phlegma der Bürger – keiner sah genau hin, keiner wollte etwas mit der Polizei zu tun haben. Wenn morgen die Zeitungen sein Bild brachten, würden er und sein Sohn längst außer Landes sein. Schweden sei schön im Sommer, hieß es.

Leo starrte auf die schäbige Rückseite des Hotels. Die Hintertür. Sein Sohn ließ auf sich warten. In weniger als vier Stunden startete die Maschine nach Stockholm vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Es würde knapp werden, wenn sich Dani nicht sputete.

Der Lieferwagen eines Elektroinstallateurs verließ den Hof, ein Blaukittel schlenderte zum Tor, um es zu schließen. Bloß nicht! Leo sprang aus dem Auto und winkte mit seiner Pistole. Der Handwerker erstarrte und riss die Augen auf.

Plötzlich hörte Leo ein Trappeln von Turnschuhen auf dem Asphalt und Rufe, die ihm galten. Er fuhr herum und sah den Kurzen auf sich zurennen, verfolgt von Brigitte und Andreas, ihrem derzeitigen Lover.

Leo rutschte ins Auto, versteckte die Waffe und hielt seinem Sohn die Tür auf. Er startete, bevor Dani sich richtig gesetzt hatte.

Brigitte und ihr Stecher bekamen Staub zu schlucken und wurden im Rückspiegel immer kleiner.

»Mann, war das knapp«, japste der Kurze.

»Du hast deine Tasche dagelassen. Deine Sachen.«

»Ich musste vorne rum. Die blöde Hintertür war abgeschlossen.«

 

Der Kleinwagen raste über die A 46. Am Kreuz Holz wechselte Leo auf die Strecke, die nach Süden führte. Wenn die Kiste hielt, würde er es mit einem Tankstopp in höchstens drei Stunden bis zum Frankfurter Flughafen schaffen.

Wieder hörte er seinen Namen im Funk und drehte den Regler der Handpuste auf. Sie gaben die Beschreibung des Fiesta durch.

Ein neuer Fahndungsring. Kontrollposten an allen Straßen im Umkreis. Das hatte er seiner Ex zu verdanken.

Ausfahrt Otzenrath. Leo blieb keine andere Wahl. Auf Schleichwegen musste er den Braunkohletagebau umfahren, um in den Rücken der Straßensperren zu geraten. Erst kurz vor Köln konnte er sich wieder auf die Autobahn trauen.

Die Karre rumpelte auf löchrigem Asphalt zwischen Feldern voller Mais und Weizen hindurch. Leo stemmte sich gegen das Gaspedal und hatte keinen Blick für die Landschaft zur Rechten und die Ungetüme der Rheinbraun-Bagger zur Linken. Auf die Stoßdämpfer konnte er keine Rücksicht nehmen. Mit weißen Knöcheln umklammerte er den Lenker.

Leo verfluchte Brigitte und Kasimir. Er hatte nichts als einen zerknitterten Blauen im Portemonnaie. Gute alte Clara Schumann. Die zehn Millionen Euros im Kofferraum würden für ihn erst im nächsten Jahr von Wert sein. Und die Zeit bis zum Abflug der gebuchten Maschine lief davon.

»Momo ist krank«, sagte Dani und riss den Vater aus seinen Gedanken.

Leo verringerte das Tempo. Die Funksprüche waren abgerissen. Er wechselte den Kanal. Nichts. Offenbar waren die Kollegen auf die Idee gekommen, dass Leo mithörte. Doch ausschließlich über Handy konnten sie sich nicht verständigen – kaum ein Beamter verfügte darüber, kein Einsatz ließ sich damit steuern. Leo drückte fieberhaft die Tasten, die Antenne zitterte vor seinen Augen.

Endlich hörte er etwas. Streifenwagen der Kreispolizeibehörden von Neuss und Heinsberg. Leo verstand: Die Kreuzung, auf die er zuhielt, war gesperrt.

Er bremste und ließ den Fiesta nach rechts auf einen Feldweg schaukeln. In einer Senke bog er noch einmal ab und rollte hinein in das Meer aus Maisstauden. Er konnte nur hoffen, dass man das Auto von der Straße aus nicht bemerkte.

»Können wir Momo nicht mitnehmen?«, fragte Dani.

Leo wusste, wie sehr Dani an dem Frettchen hing. Er hatte es dem Jungen geschenkt. »Brigitte wird das Tier versorgen«, antwortete er. »Hör zu. Du heißt ab jetzt Krüger, Tobias Krüger. Ich habe sehr viel Geld gestohlen. Wir fliegen nach Schweden, wo es Ärzte gibt, die etwas gefunden haben, das gegen meine Krankheit hilft. Erinnerst du dich an Gunnar Andersson, der dir zum Geburtstag die lustige Mail geschickt hat? Der wird sich um dich kümmern, solange ich im Krankenhaus bin. Und danach fliegen wir, wohin du willst. Versprochen.«

»Wie soll ich heißen?«

»Tobias Krüger. Merk dir das. Wir müssen uns für eine Weile verstecken, verstehst du?«

»Der Name gefällt mir nicht.«

Die Kollegen kamen mit Musik. Aus Richtung Autobahn. Fünf oder sechs Fahrzeuge, schätzte Leo. Sie dröhnten am Maisfeld vorbei. Als der Martinshornlärm verebbte, erkannte Leo, dass sein Sohn Angst hatte.

»An den Namen wirst du dich gewöhnen.«

»Wie lange müssen wir in Schweden bleiben?«

»Ein paar Wochen. Danach bestimmst du, wo’s hingeht. Karibik, Südsee. Wir mieten uns ein Boot. Wir sind jetzt reich. Sehr reich.«

»Ich muss vorher nach Momo sehen. Sie hat seit gestern nichts gefressen. Vielleicht muss sie zum Tierarzt.«

»Deine Mutter macht das schon. Du wolltest doch mitkommen?«

Der Kurze knetete den Stoff seines T-Shirts und schwieg. Die Sonne stand bereits so tief, dass die Stauden Schatten ins Auto warfen. Heute Nacht würde es kaum abkühlen, auf der Rückbank lag eine Decke – vielleicht sollten sie hier im Feld übernachten, morgen weiterfahren und das Ticket auf den nächsten Flug umbuchen. Mit dem Handy konnte er Gunnar und der Klinik Bescheid geben.

Verdammt, das Handy! Leo musste es abschalten, sonst konnte man es orten. Als er es aus dem Beutel kramte, wackelte seine rechte Hand, als rühre er einen Teig.

Sein Sohn murmelte besorgt: »Du musst deine Tabletten nehmen, Papa.«

»Bald ist es vorbei.«

»Wie viel hast du geklaut?«

»Zehn Millionen Euro. In Mark wären das zwanzig Millionen.«

»Krass«, antwortete der Junge ohne rechte Begeisterung. Nach einer Weile ergänzte er: »Oma sagt, der Euro taugt nichts.«

Im Äther war nur noch ein gleichmäßiges Rauschen. Ab und zu ein Knacken.

Leo entdeckte eine Träne, die über Danis Wange rollte. Er fuhr durch das verschwitzte Haar seines Sohnes. Ein kleiner, verletzlicher Junge, kaum Fleisch auf den Rippen. »Willst du wirklich nach dem Frettchen sehen?«

Dani nickte.

»Und was ist mit der Südsee?«

»Sobald Momo gesund ist, komm ich nach.«

Leo hob die Hand, und sie bekräftigten die Abmachung auf die Art, die Dani ihm beigebracht hatte. Klatschen, boxen, die Finger verhaken, dann die Daumen. Rappergruß, so nannte es der Kurze.

Leo rollte zurück auf die Straße. Der Junge schniefte und sah erleichtert aus. Er hatte recht – der Name Tobias passte nicht zu ihm.

Die Nadel der Tankanzeige senkte sich in den roten Bereich. Bis Düsseldorf würden sie es schaffen. Leo beschloss, seinen Plan zu ändern. Er hatte Freunde, die ihn für eine Nacht verstecken würden und ihm ein paar Hundert Mark pumpen konnten. Notfalls würde er sich die Freundschaft mit druckfrischen Euros erkaufen.

 

Der Kurze taute auf. Er erzählte von einem Buch über Schatzsucher, das er gerade las. Dass er die Karibik besser fände als die Südsee.

Leo hörte nur mit halbem Ohr zu. Ein Brummen irritierte ihn. Zuerst dachte er, es käme aus dem Funkgerät, und spielte mit den Frequenztasten. Dann wurde das Geräusch stärker und wandelte sich zum typischen Knattern der Rotorblätter eines Hubschraubers.

Leo spähte nicht nach oben. Er wollte Dani nicht beunruhigen.

Bei Dormagen steuerte Leo auf die A 57 Richtung Krefeld. Viele Autos waren silbergrau – der Heli würde den Fiesta aus den Augen verlieren. Kein Mensch konnte wissen, dass Leo ausgerechnet zurück nach Düsseldorf fuhr. Ohne zu tanken passierte er eine Raststätte. Er wollte rasch in der Stadt untertauchen.

Am Kreuz Neuss-Süd wechselte Leo auf die A 46 und hielt auf die Fleher Brücke zu. Als er die lang gezogene Kurve vor dem Rheinufer erreichte, wurde das Knattern lauter. Auf der anderen Seite des Flusses flackerten Dutzende von Blaulichtern.

Leo erkannte, dass die Autobahn leer war. Beide Fahrbahnen abgeriegelt, vor und hinter ihm. Nur er und die Kollegen – und Dani, der ihn mit großen Augen ansah.

Leo stoppte. Er sah sich um.

Keine Verfolger, offenbar warteten die Beamten auf das Spezialeinsatzkommando. Die Einheit, die er einst angeführt hatte.

»Du steigst jetzt besser aus, Dani.«

»Und du?«

»Mach dir keine Sorgen. Hab ich dir erzählt, dass ich eine Ausbildung als Kampfschwimmer habe?«

Dani schüttelte den Kopf, aber er schien ihm die Schwindelei abzukaufen. »Sie werden denken, dass ich ertrinke, dabei tauche ich ihnen davon. Die Kunst besteht darin, lange genug unter Wasser zu bleiben.«

»Du willst in den Fluss springen?«

»Schau nicht hin. Versprichst du mir das?«

Dani nickte stumm.

»Und vergiss nie, dass dein Papa dich lieb hat«, sagte Leo.

Ein Abschiedskuss auf die heiße Wange des Kurzen.

Ein letzter Rappergruß.

Leo Köster wusste, dass sein Sohn ihm noch nachwinkte, aber er sah nicht in den Spiegel, als er der Straßensperre entgegenraste.

 

Der Junge sagte sich, dass er den stärksten und schlauesten Vater der Welt hatte, wenn man mal von seinem Zittern absah. Die Brüstung der Brücke reichte Dani bis zum Kinn, aber er wusste, dass sein Papa es schaffen würde, darüber hinwegzufliegen. Tatsächlich brach der Fiesta auf der Brückenmitte aus seiner Fahrspur, krachte über Bordstein und Leitplanke, hob mit zwei Rädern vom Boden ab und durchschlug die Brüstung. Funken sprühten, die silberne Kiste drehte sich in der Luft.

Dani hielt den Atem an. Die Heckklappe war aufgesprungen. Eine Wolke aus Geldscheinen wirbelte hervor und dehnte sich aus.

Der Junge begann zu rennen.

Das Auto schlug auf das Wasser und ging sofort unter. Papa war nicht zu sehen. Dani lief weiter, bis zu der Stelle, an der die Brüstung geborsten war.