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eISBN 978-3-89425-819-1

Der Autor

Sebastian Stammsen, geboren 1976 in St. Tönis am Niederrhein, studierte Psychologie. Nach einem Abstecher zum Umweltministerium Baden-Württemberg ist er nun für die Förderung der psychischen Gesundheit an Schulen und Kitas in NRW zuständig. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tönisvorst.

Gegen jede Regel ist sein Krimidebüt.

www.sebastian-stammsen.de

Widmung

Für Katja und Christian

Inhalt

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Montag

Auszüge aus den Vernehmungsprotokollen von Marcel Blumberg

Zwei Monate später

Nachwort

Danksagung

Montag

Die Leiche lag mitten im Wohnzimmer. Auf den ersten Blick sah es so aus, als schliefe der Junge bloß, aber Schlafende hatten nur selten eine blutige Wunde im Rücken. Selbst wenn sie so exzentrisch waren, ihr Nickerchen auf dem Parkett zu halten.

Meine Kollegen von der Spurensicherung waren mit dem Raum schnell fertig geworden. Abgesehen von einem diskreten Rinnsal aus Blut, das von der Leiche wegführte, war es einer der saubersten Tatorte, die ich je gesehen hatte. Das meiste Blut war wohl von den schwarzen Kleidern des Jungen und dem Perserteppich aufgesogen worden. Wir schauten zu, wie der Gerichtsmediziner die Leiche untersuchte.

»Ich glaube, es ist eine Stichwunde«, sagte Karl.

»Du glaubst?«, fragte Nina.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Karl. »Entweder es war eine außergewöhnliche Waffe oder der Täter hat die Klinge in der Wunde mehrfach umgedreht.«

Kriminalkommissarin Nina Gerling war meine Partnerin, Dr. Karl Konermann der diensthabende Gerichtsmediziner.

»Das klingt nicht sehr nett«, sagte ich. Ich bin Kriminalkommissar Markus Wegener. Weder Nina noch Karl beachteten meinen Kommentar.

»Ziemlich tief«, meinte Karl, während er die Ränder der Wunde vorsichtig betastete. Ich fragte mich, wie er auf diese Weise überhaupt eine Aussage über die Wunde machen konnte, aber wahrscheinlich gehörte das zu den Geheimnissen seines Berufes, in die Außenstehende nie einen Einblick erhalten würden.

»Daran ist er gestorben«, sagte Nina. Sie hatte wahrscheinlich recht.

Ich brachte meinen Lieblingsspruch aus dem Detektivspiel Cluedo: »Ich würde sagen, Oberst von Gatow mit dem Dolch in der Bibliothek. Ich meine, im Wohnzimmer.«

Karl und Nina sahen mich kurz an, reagierten aber sonst nicht. Vielleicht hatte ich diesen Witz schon einmal an einem anderen Tatort gemacht.

Karl drehte die Leiche behutsam auf den Rücken und der Tote wurde zu einem Menschen mit Gesicht. Es war ein Junge mit schmalem Körperbau, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, der sich irgendwo auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen befand. Bartflaum spross auf Oberlippe und am Kinn. Seine schwarzen Haare reichten ihm bis auf die Schultern und ich vermutete, dass er auch lebendig ziemlich blass gewesen war.

»Wann ist er gestorben?«, fragte ich.

Karl fuhr damit fort, den Jungen zu untersuchen. »Vor zehn bis zwölf Stunden«, antwortete er. »Heute Nachmittag kann ich den Todeszeitpunkt auf eine halbe Stunde genau eingrenzen.«

Mir wurde flau im Magen, als ich an den Besuch in der Gerichtsmedizin dachte, aber daran führte kein Weg vorbei. Ich sah auf die Uhr. Genau halb zwölf. Der Junge war also irgendwann zwischen 23:30 Uhr am Sonntagabend und 1:30 Uhr heute Morgen getötet worden.

Nina und ich schauten uns an, dann wandten wir uns Richtung Flur und überließen Karl seiner Arbeit. Ohne uns abzusprechen, gingen wir zur Haustür. Zwar arbeiteten wir erst seit elf Monaten zusammen, waren aber von Anfang an ein gutes Team gewesen.

An der Tür stießen wir auf einen weiteren Kollegen von der Spurensicherung. »Gibt es Einbruchspuren?«, fragte Nina.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich habe Fingerabdrücke von der Tür, vom Schloss und von der Klingel genommen.«

»Wie sieht es mit den Fenstern aus?«, hakte ich nach.

Er schüttelte wieder den Kopf. »Im ganzen Haus keinerlei Spuren für einen Einbruch.«

»Danke«, sagte Nina und wir kehrten ins Wohnzimmer zurück. Karl war mit seiner Untersuchung fertig.

Ich sah dem Jungen ins Gesicht und versuchte mir vorzustellen, wie er vor zwölf Stunden noch gewesen sein mochte. Ein blasser, schüchterner Junge, ein Einzelgänger, der gerne für sich blieb. Lange Haare, die ein wenig mehr Pflege hätten vertragen können. Schwarze Kleidung, wie auch im Moment seines Todes mit dem bunten Motiv einer Heavy-Metal-Band auf dem T-Shirt. Ein Junge, der lieber an seinem Computer saß, anstatt sich mit Freunden zu treffen, weil er keine Freunde hatte. Das waren Vorurteile; aber einer der Gründe, warum wir uns auch bei der Polizei von Klischees leiten ließen, war, dass sie meistens funktionierten.

Das Gesicht des Jungen verschwand hinter dem Reißverschluss und der Sack wurde auf die Bahre gehoben. »Wir sehen uns heute Nachmittag«, verabschiedete sich Karl und geleitete seine neue Leiche nach draußen.

Ich sagte zu Nina: »Das könnte schnell gehen.« Wenn wir einen Einbruch ausschließen konnten, musste der Junge seinem Mörder die Tür geöffnet haben. Da es nirgends Zeichen eines Kampfes gab, hatte er den Täter gekannt und ihm vertraut. Zumindest so weit, um ihn nachts ins Haus zu lassen und ihm den Rücken zuzudrehen.

Das schränkte den Kreis der Verdächtigen erheblich ein. Auch die Eltern gehörten eindeutig dazu. Sie hatten ihren Sohn tot im Wohnzimmer gefunden, als sie vor einer Stunde von einem langen Wochenende in Venedig nach Hause gekommen waren. Zumindest hatten sie das ausgesagt.

 

Wir fanden die Eltern in einem kleinen Nebenraum im Erdgeschoss, der von der Spurensicherung schon freigegeben war und der offenbar als kleine Bibliothek fungierte. Klischees funktionierten in den meisten Fällen und dieser war keine Ausnahme. Die Eltern des Jungen waren so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich wusste inzwischen, dass der Vater ein erfolgreicher Manager war und die Mutter Hausfrau. Der Vater war kreidebleich und hielt sich mit versteinerter Miene an der Rückenlehne des Sessels fest, in dem seine Frau mit verquollenen Augen in ein Taschentuch schniefte. Ich fragte mich, warum der Mann sich an der Rückenlehne und nicht an seiner Frau festhielt, aber das hatte vermutlich etwas damit zu tun, die Haltung zu wahren, oder mit etwas anderem, von dem ich nichts verstand.

Ich vergewisserte mich, dass die Frau noch einen ausreichenden Vorrat an Taschentüchern hatte, dann eröffnete ich das Gespräch. Eigentlich die Befragung.

»Herr Maier, Frau Maier, darf ich Ihnen mein Beileid zu Ihrem Verlust aussprechen. Ich bin Kriminalkommissar Markus Wegener und das ist meine Partnerin Kriminalkommissarin Nina Gerling. Wir werden den Fall untersuchen und alles in unserer Macht Stehende tun, um den Täter zu finden.«

Kerstin Maier schluchzte in ihr Taschentuch. Ihr Mann zielte mit seinem Zeigefinger auf mich. »Von welcher Abteilung sind Sie?«, fragte er in einem Tonfall, als wollte er mich verhören. Dabei war es doch umgekehrt.

»Wir sind vom Morddezernat«, sagte ich.

Frau Maier heulte auf und nahm ein neues Taschentuch. Herr Maier spannte seine Kiefermuskeln so stark an, dass ich mich wunderte, warum es nicht knirschte. Ich schaute zu Nina, aber die zuckte nur leicht mit den Schultern.

Ich überlegte, wie ich weitermachen konnte. Bis auf Weiteres würde TobiasVater unser Gesprächspartner sein, und der stand. Deshalb blieb ich auch stehen. Von Mann zu Mann, sozusagen. Nina setzte sich Kerstin Maier gegenüber auf einen Hocker.

»Es tut mir sehr leid, aber wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.«

»Fragen Sie«, knurrte Peter Maier.

Schon jetzt hatte ich das Gefühl, dass die Trauer der beiden echt war und sie nichts mit dem Tod ihres Sohnes zu tun hatten. Aber so wie der Fall sich darstellte, durfte ich mich allein darauf nicht verlassen.

Ich holte mein Notizbuch aus meiner Manteltasche und schlug es auf. Ich benutzte es tatsächlich, um mir Dinge zu notieren, aber manchmal verwendete ich es auch, um die Nerven meines Gegenübers zu testen. Ich blätterte ein wenig in den Seiten herum und brummte etwas wie: »Also, Sie sind heute Morgen um …«

Die Reaktion der Leute war immer interessant und die Reaktion von Peter Maier in diesem Fall nicht überraschend. Er blaffte mich an: »Wir sind heute Morgen um halb elf nach Hause gekommen. Wir haben Tobias im Wohnzimmer gefunden.«

Ich schaute auf, als sei mir das neu, und notierte mir diese Aussage gleich. »O ja, danke. Und woher kamen Sie um diese Uhrzeit?«

Nun knirschten die Zähne von Peter Maier doch noch. »Das haben wir alles schon Ihrem Kollegen erzählt«, sagte er gepresst.

Das stimmte natürlich. Ich schaute ihn deshalb bekümmert an. »Das tut mir leid, Herr Maier. Ich bin nur darüber informiert, dass Sie Ihren Sohn gefunden haben. Wissen Sie, die uniformierten Kollegen sind nicht immer ganz …«

Peter Maier verstand. Dass wir uns beide mit dem Fußvolk in unseren Organisationen herumärgerten, brachte uns näher und stimmte ihn versöhnlicher.

»Wir kamen vom Flughafen«, sagte er matt. »Wir hatten das Wochenende in Venedig verbracht.«

Das Schluchzen von Kerstin Maier war deutlich leiser geworden und Nina bemerkte: »Ein sehr romantisches Reiseziel.«

Ich fand diese Äußerung sowohl geschickt als auch nett und einfühlsam, aber Frau Maier wimmerte, als sei sie geschlagen worden. Ihr Mann funkelte Nina zornig an. Ich tauschte einen Blick mit meiner Kollegin, aber meine Ratlosigkeit spiegelte sich in ihren Augen.

Ich wandte mich an Peter Maier: »Waren Sie geschäftlich in Venedig?«

Er antwortete: »Nein, wir waren nicht geschäftlich in Venedig. Wir waren … Wir wollten … Unser …«

»Unser Therapeut hatte es empfohlen«, platzte Kerstin Maier heraus.

Ich tauschte keinen Blick mehr mit Nina, wir wussten auch so beide, dass sie einen Volltreffer gelandet hatte. Ich würde mir die Sache mit dem Therapeuten noch in mein Notizbuch schreiben, aber jetzt war kein guter Augenblick dafür.

Peter Maier schaute betreten zu Boden und ließ auf diese Weise mehr von seinen Gefühlen erkennen als bei seinen Aussagen zum Tod seines Sohnes. Vielleicht weil es für Scham über Eheprobleme keine Norm zur Bewahrung der Haltung gab.

»Wirklich eine sehr schöne Stadt«, setzte Nina nach.

»Ja, das ist sie«, bestätigte Kerstin Maier mit bebender Stimme.

»Wo haben Sie gewohnt?«, fragte Nina.

Frau Maier nannte den Namen des Hotels.

»Oh«, sagte Nina. »Das ist aber wirklich ein wunderschönes Hotel. Direkt in der Stadt.« Das war deshalb bemerkenswert, weil Leute wie Nina und ich niemals in einem Hotel in der Innenstadt von Venedig übernachten würden, sondern immer in die noch bezahlbaren Unterkünfte vor der Stadt ausweichen mussten, die für Leute wie die Maiers natürlich nicht standesgemäß waren.

Kerstin Maier nickte. Peter Maier sagte: »Hat ein halbes Vermögen gekostet.« Frau Maier schaute ihren Mann mit tränenverhangenen Augen an, dann begann sie wieder zu schluchzen. Ich fand das sehr interessant und nahm mir vor, auch das in mein Notizbuch zu schreiben.

»Wann sind Sie nach Venedig abgereist?«, fragte ich.

»Samstagmorgen. Ich hatte am Freitag noch zu tun. Es wurde kurzfristig eine Konferenz angesetzt, die bis elf Uhr ging.«

»Elf Uhr am Abend?«

Peter Maier nickte. Das waren harmlose Informationen und ich notierte sie mir gleich. Nebenher notierte ich mir unauffällig einige Stichworte zum Zustand der maierschen Ehe.

Ich pfiff leise durch die Zähne. »Ganz schön spät.« Dann fragte ich: »Haben Sie öfter solche kurzfristigen Termine?«

»Wissen Sie, ein Mann in meiner Position …«

Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ein Kriminalkommissar oft gegen seinen Willen mitten in der Nacht unterwegs sein musste, weil Verbrecher über seinen Zeitplan verfügten und nicht er selbst. »Was genau ist noch Ihre Position?«

»Ich bin Vertriebsleiter West.«

»Und das heißt …«

»Ich bin verantwortlich für den Vertrieb unserer Produkte in unserem Vertriebsgebiet West. Das umfasst Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und die westliche Hälfte von Hessen.«

Das war eine wirklich eindrucksvolle Position, wie ich fand. »Und Ihre Produkte sind …«

»Computer, Notebooks, Drucker, Monitore, Server, Handhelds und so weiter. Jeder kennt unsere Produkte, Herr Wegener.«

Das war bestimmt richtig. Ich würde mir das später von Nina erklären lassen müssen. Ich nickte trotzdem. »Ich weiß, dass wir als Polizisten häufig nicht über unsere Termine bestimmen können. Aber ich dachte, ein Mann in Ihrer Position beruft selbst Konferenzen ein und bestimmt auch sonst sehr viel alleine.«

»Ich weiß nicht, wie genau Sie die Wirtschaftsnachrichten verfolgen, Herr Wegener.« Er schaute mich an und ich konnte meine Unwissenheit nicht vor ihm verbergen. »Wir haben derzeit große Probleme mit unseren Produkten. Wir verbauen nur Komponenten eines bestimmten Chipherstellers und installieren nur das Betriebssystem eines bestimmten Anbieters. Und im letzten Jahr hat sich gezeigt, dass das nicht unbedingt das ist, was unsere Kunden wünschen. Nicht mehr, zumindest.«

»Sie haben ein Verkaufsproblem?«

»Wir haben einen Umsatzrückgang von bis zu dreißig Prozent.«

Das klang nach viel. Ich nickte gewichtig.

»Das ruft Personen im Konzern auf den Plan, die weit über mir stehen. Unsere Strategie steht auf dem Prüfstand. Es werden Verantwortliche gesucht, um sie …« Er fuhr sich mit dem Daumen über den Hals.

Die Befragung dauerte erst wenige Minuten, aber ich konnte mir inzwischen das Familienleben dieser Menschen ein wenig besser vorstellen. Vorausgesetzt es stimmte, was Peter Maier sagte. Wir würden seinen Konferenztermin überprüfen und vielleicht musste ich ihn danach unter vier Augen nach seiner Sekretärin fragen. Im Moment war das jedoch nicht notwendig.

»Ist das auch der Grund, aus dem Sie … den Rat eines Therapeuten gesucht haben?«, fragte ich und beglückwünschte mich zu dieser diplomatischen Formulierung.

Peter Maier presste die Lippen zusammen, seine Frau nickte unter neuem Schluchzen.

»Wann sind Sie am Samstag abgereist?«

»Gegen sieben Uhr«, sagte Peter Maier. »Unsere Maschine ging um 8:30 Uhr.«

»Von Düsseldorf?«

»Ja.«

»Haben Sie Ihren Sohn am Samstag noch gesehen?«

»Nein«, antworteten beide gleichzeitig. Kerstin Maier atmete tief durch und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass sie sich weit genug beruhigt hatte, um am Gespräch teilzunehmen.

»Hat er noch geschlafen?«, fragte Nina.

»Er war auf einer dieser Partys«, sagte Kerstin Maier. »Auf einer dieser schrecklichen Partys, Sie wissen schon.«

Ich dachte an Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll.

Nina fragte: »Was für Partys meinen Sie?«

»Ich meine diese Computerpartys. Wo alle ihren Computer mitbringen und diese furchtbaren Spiele spielen.« Sie schnäuzte in ihr Taschentuch.

»Eine LAN-Party?«

Frau Maier nickte. Von so etwas hatte ich schon gehört und dort gab es keine der drei Dinge, die ich mit einer Party in Verbindung brachte, über die sich Eltern üblicherweise despektierlich äußerten. Stattdessen einen Haufen Jugendlicher, die ihre Computer zu einem Netzwerk verbanden und dann die ganze Nacht gegeneinander zockten.

»Er war dort von Freitag auf Samstag?«

»Ja.«

»Könnten wir den Namen und die Adresse haben, wo diese Party stattgefunden hat?«

»Natürlich«, sagte Kerstin Maier. »Das war bei einem Schulfreund. Kai Kupka.« Sie nannte die Adresse.

»Ging Ihr Sohn öfter zu solchen Partys?«

»Vielleicht alle zwei bis drei Monate einmal.«

»Wann haben Sie Tobias denn zum letzten Mal lebendig gesehen?«, fragte Nina.

Beide mussten eine Weile überlegen.

»Donnerstagabend beim Abendessen«, erinnerte sich Frau Maier.

»Sonntagabend beim Abendessen«, fügte Herr Maier hinzu.

Ich war verblüfft. »Es ist fast eine Woche her, seit Sie Ihren Sohn gesehen haben?«

Peter Maier antwortete nicht, er starrte mich nur mit leerem Blick an. Ich fragte mich, ob er über seine Umsatzzahlen nachdachte oder darüber, dass er wegen seiner Umsatzzahlen seine Rolle als Vater aufgegeben hatte. Ich dachte an den Jungen mit dem schmalen Gesicht im Wohnzimmer. Bis jetzt hatten wir eigentlich nur Dinge gehört, die ihn zum Mörder hätten machen können, aber nicht zum Mordopfer.

»Was passierte nach dem Abendessen am Donnerstag?«, fragte Nina.

Kerstin Maier antwortete: »Wir haben um sieben Uhr gegessen. Um Viertel nach sieben waren wir fertig und Tobias ging in sein Zimmer.«

»Tat er das jeden Abend?«

»Ja, ich glaube, er hat meistens noch an seinem Computer gespielt oder irgendetwas im Internet gemacht.«

»Sie glauben?«

Frau Maier seufzte schwer von Trauer und Verzweiflung. »Er hat es mir nie gesagt. Ich habe häufig gefragt, um ihn besser zu verstehen, aber er wollte nicht mit mir sprechen. Ich habe auch ein paarmal versucht, in sein Zimmer zu gehen. Er ist jedes Mal nur wütend geworden.«

»Was heißt das, wütend geworden?«

»Na, eben wütend geworden. Er hat geschrien, mich beschimpft und dann die Tür zugeknallt.«

»Und dann?«

»Was meinen Sie?«

»Na, haben Sie dann aufgegeben?«

»Wir haben uns gestritten.«

»Haben Sie sich oft gestritten?«

»Nicht oft. Nur wenn ich mit ihm reden wollte. Irgendwann habe ich einfach aufgegeben. Er ist immer so wütend geworden. Richtig jähzornig.«

»Haben Sie sich am Donnerstagabend auch gestritten?«

»Nein, da ist er einfach in sein Zimmer gegangen und ich habe ihn gelassen.«

Das war noch nicht einmal auf den ersten Blick ein Motiv, da der Sohn erstochen worden war und nicht die Mutter. Nina wechselte den Ansatzpunkt.

»Hatte Ihr Sohn viele Freunde?«

Kerstin Maier schaute durch Nina hindurch. »Ich glaube nicht. Ich weiß es nicht.«

»Er hatte Mitspieler auf den LAN-Partys«, warf ich ein.

»Ja«, sagte Frau Maier.

»Was ist mit einer Freundin?«, fragte Nina.

Tobias’ Mutter schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

»Oder einem Freund?«, fragte ich.

Herr Maier lief rot an. »Was …?! Nein!«

Ich hätte ihn fragen können, wie er wissen konnte, dass sein Sohn nicht homosexuell war, wenn er ihn nur einmal in der Woche sah. Aber ich wollte den Mann nicht vor den Kopf stoßen. Dazu würde ich später noch genug Gelegenheit haben.

»Was ist mit Feinden?«

Kerstin Maier schüttelte verständnislos den Kopf.

»Hatte Tobias Streit mit Klassenkameraden? Mit Jungen oder Mädchen?«

»Nein … Ich … ich weiß es nicht«, sagte sie matt. Frau Maier und ich hatten wahrscheinlich gerade den gleichen Gedanken, in dem es darum ging, wie wenig sie über ihren Sohn wusste.

»Für mich klingt das, als hätte Tobias sich ziemlich abgekapselt«, sagte Nina vorsichtig.

Kerstin Maier nickte.

Gar nicht mal so dumm der Junge, dachte ich. Über seine Freunde und Beziehungen außerhalb der Familie würden wir mit anderen Personen sprechen müssen. Kai Kupka und der Schulleiter von Tobias’ Gymnasium standen bereits auf meiner Liste.

»Was war am Freitag?«, fragte Nina. »Da haben Sie Tobias nicht gesehen?«

Frau Maier schluchzte. »Nein. Ich habe für meinen Mann das Frühstück gemacht. Und für Tobias. Um halb neun bin ich dann ins Studio gefahren.«

Ich wurde hellhörig, aber die Befragung war bei Nina in guten Händen. »Was für ein Studio meinen Sie?«

»Das Fitnessstudio.« Kerstin Maier nannte den Namen.

Als Kriminalist freute ich mich über eine weitere Information, die leicht zu überprüfen war. Als geschiedener Ehemann dachte ich: Warum müssen sie bloß alle ins Fitnessstudio laufen?

»Wie lange waren Sie dort?«, fragte Nina.

»Bis ungefähr um zwölf Uhr.«

»Sie haben ein langes Trainingsprogramm«, sagte Nina. »Ich komme selbst auf höchstens eine Stunde.«

Ich betrachtete Kerstin Maier etwas eingehender. Ich schätzte sie auf Mitte vierzig, etwa zehn Jahre jünger als ihren Mann. Sie wirkte tatsächlich so, als würde sie viel Zeit investieren, um in Form zu bleiben. Sie hatte dunkelblonde schulterlange Haare, die perfekt frisiert und vielleicht getönt, in jedem Fall aber ohne graue Strähnen waren. Obwohl ihre Augen verquollen und ihr Gesicht von Trauer gezeichnet war, brauchte ich nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, dass Kerstin Maier an anderen Tagen attraktiv und anziehend wirkte.

»Ich trainiere auch eine Stunde. Aber Freitag ist mein Wellnesstag.«

»Was heißt ›Wellnesstag‹?«, hakte ich nach.

»Das heißt, nach dem Training Sauna und Ruhephase. Dann eine Massage. Danach eine kosmetische Behandlung.«

Ich schaute ihr in die Augen. Die Beiträge für das Fitnessstudio waren zweifellos wirkungsvoll investiert. Ich stellte mir Kerstin Maier im Fitnessstudio vor und fragte mich, ob ihr Trainer, ihr Masseur oder ihr Saunapartner sie vielleicht auch attraktiv fanden. Und ich überlegte, wie wohl ihr Ehemann im Vergleich mit all den schönen und durchtrainierten Fitnessmenschen in ihren Augen abschnitt. Der Gedanke erfüllte mich mit einer Traurigkeit, die weit über das Mitgefühl für Peter Maier hinausging.

»Gehen Sie öfter ins Studio?«, fragte Nina.

»Dreimal in der Woche. Montag, Mittwoch und Freitag.«

Daraus schloss ich, dass sie sich Dienstag und Donnerstag vom anstrengenden Training erholen musste. »Was haben Sie am Freitag nach dem Studio gemacht?« Ich wäre sicher nach Hause gefahren, um meine Sachen zu waschen und mir einen schönen Tag zu machen.

Frau Maier sagte: »Ich bin zum Mittagessen gegangen.«

»Allein?«

»Nein, mit einer Freundin. Das machen wir jeden Freitag.«

Auf unsere Bitte hin nannte sie den Namen ihrer Freundin und den des Restaurants. Das kannte ich sogar, allerdings nur vom Vorbeifahren. Ich hatte anhand der davor parkenden Autos geschlossen, dass dieses Restaurant außerhalb meiner Preisklasse lag.

Sie erzählte von sich aus weiter. »Danach war ich beim Einkaufen. Ich brauchte etwas Passendes für Venedig.« Sie ließ offen, für welche Tageszeit oder welchen Anlass in Venedig sie neue Kleidung brauchte, aber das war auch nicht entscheidend. »Ich war gegen sechzehn Uhr wieder zu Hause.«

Anscheinend gab es für Frau Maier keine Verpflichtungen, außer sich fit zu halten, einzukaufen und sich wohlzufühlen. Was auf den ersten Blick verlockend war, verlor seine positiven Seiten, als ich mir vor Augen führte, wie Kerstin Maier nach Hause kam.

Sie berichtete, ihr Sohn sei schon weg gewesen, was sie von einem Zettel erfuhr, den er ihr geschrieben hatte. Zumindest konnte ein Stück Papier keinen Streit mit ihr anfangen.

Ihr Mann war noch nicht zu Hause gewesen, obwohl sie den Abendflug hatten nehmen wollen. Stattdessen fand sie seine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, dass er – wieder einmal – spät, vielleicht sehr spät nach Hause kommen würde.

Auf die Frage, was sie danach gemacht habe, antwortete sie: »Gewartet.« Ihre Stimme klang dabei so bitter wie die Vorwürfe, die meine Frau mir gemacht hatte, wenn ich ihr hatte sagen müssen, dass ich – wieder einmal – spät oder sehr spät nach Hause kommen würde.

Ich begann mich zu fragen, ob uns ein Therapeut hätte helfen können, lenkte meine Gedanken jedoch wieder zu der Befragung, bevor ich abdriften konnte und wichtige Informationen verpasste.

Ihr Mann war gegen 23:30 Uhr nach Hause gekommen. Sieben Stunden waren eine lange Zeit, um nichts zu tun außer zu warten, aber auch das war in diesem Moment nicht entscheidend. Es war offensichtlich, dass uns die Eltern erst einmal nicht weiterhelfen konnten, wenn es darum ging aufzuklären, was Tobias vor seinem Tod gemacht hatte.

»Haben Sie mit Tobias telefoniert, als Sie in Venedig waren?«

Herr und Frau Maier schüttelten den Kopf.

»Wissen Sie, was Tobias am Wochenende sonst noch vorhatte?«

Wieder Kopfschütteln. Frau Maier wurde anscheinend klar, dass sie einen weiteren Punkt versäumt hatte, den eine fürsorgliche Mutter nicht ausgelassen hätte, und begann von Neuem zu schluchzen.

»Könnten Sie uns sagen, wer alles einen Schlüssel zum Haus hat?«, fragte ich.

Peter Maier antwortete: »Nur wir drei und die Haushälterin.«

Das kam mir ungewöhnlich vor. »Haben Sie keine Ver-wandten? Bruder, Schwester?«

»Doch, aber die haben keinen Schlüssel.«

Nina und ich sahen uns an. Das war wiederum aufschlussreich. Dann setzte Nina zur Landung an. »Frau Maier, Herr Maier, haben Sie vielen Dank für Ihre Geduld. Ich weiß, dass es für Sie sehr schwierig war, unsere Fragen zu beantworten. Wissen Sie denn schon, wo Sie übernachten werden?«

Die Maiers wussten es nicht. Sie versuchten auch, einen Blick auszutauschen, was allerdings dadurch unmöglich war, dass Peter Maier hinter seiner Frau stand. Schließlich löste Herr Maier seinen Griff von der Sessellehne und stellte sich vor seine Frau. Sie stand auf und dann fanden sie die Kraft zu einer Umarmung.

Ich nutzte die Zeit, um in meiner Manteltasche nach einer Visitenkarte zu suchen. Als ich eine gefunden hatte, sagte Peter Maier über die Schulter seiner Frau zu uns: »Ich denke, wir werden in ein Hotel gehen. Die Firma nutzt ein Hotel in der Stadt, um Gäste unterzubringen.« Er nannte mir den Namen.

Ich sagte: »In Ordnung. Wenn Sie Ihre Sachen gepackt haben, wird ein Kollege von uns Sie ins Präsidium fahren. Ich muss Sie bitten, Ihre Aussage dort noch zu Protokoll zu geben.«

Peter Maier sah nicht glücklich aus, widersprach aber auch nicht. Ich gab ihm meine Karte. »Vielen Dank, Herr Maier. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, zögern Sie nicht, mich anzurufen. Ich bin jederzeit für Sie ansprechbar.«

Er nahm die Karte, dann schlossen sich seine Arme wieder um seine Frau. Ich schätzte, dass die Maiers solche Momente nicht allzu oft teilten und diese Nähe im Moment dringender brauchten als jemals zuvor. Deshalb gingen wir diskret aus dem Raum.

 

Inzwischen war es halb zwei und in meinem Magen breitete sich eine Vorahnung von Hunger aus. »Wollen wir uns noch sein Zimmer anschauen?«, schlug ich vor.

Das Spurensicherungsteam hatte bisher im Zimmer des Jungen nur fotografiert und wartete wahrscheinlich schon auf uns. Nina seufzte, als wir die Treppe hinaufstiegen. Wir vergewisserten uns, dass die Spurensicherung fleißig das Haus durchkämmte, das Zimmer des Jungen aber unberührt war. Wir erfuhren, dass immer noch keine Einbruchspuren gefunden worden waren. Drei Kollegen begleiteten uns, als wir die Zimmertür öffneten.

Tobias’ Zimmer lag im Halbdunkeln und wurde, auch nachdem Nina das Licht eingeschaltet hatte, nur in den matten Schimmer zweier schwacher Energiesparlampen getaucht. Die Kollegen von der Spurensicherung schwärmten aus und widmeten sich der Einrichtung. Elen marschierte zum Bücherregal, Oliver nahm sich das Bett vor und Simon kümmerte sich um den Schreibtisch. Die drei gingen routiniert vor und würden gute Arbeit leisten. Für mich war nur wichtig, den Raum zu sehen, bevor er durchsucht und umgekrempelt würde. Auf diese Weise konnten wir das Zimmer unverfälscht auf uns wirken lassen, ganz so wie es auch auf Tobias gewirkt hatte. Und das konnte uns eine Menge über ihn verraten.

Der erste Eindruck vom Raum wurde von Schwarz und Heavy-Metal-Bunt bestimmt. Einige Poster erinnerten mich an Iron Maiden zu meiner Zeit, aber auf allen waren Bands zu sehen, die ich nicht kannte. Sie posierten mit Masken, Äxten und Kettensägen, was teilweise lächerlich, teilweise aber auch beängstigend wirkte.

Es war ein ungewöhnlich großes Zimmer und Tobias verfügte über ein paar Einrichtungsgegenstände, die ich in seinem Alter nicht in meinem Zimmer gehabt hatte. Dazu gehörte ein Billardtisch. Ich hatte schon Tische mit grünem und blauem Filz gesehen, aber dieser war mit schwarzem Filz bezogen. Die Art und Weise, wie der Tisch platziert war, hatte etwas Feierliches, fast Sakrales. Im Zwielicht der Beleuchtung schwebte er im Zentrum des Raumes wie ein Altar.

Faszinierte ging ich um den Billardtisch herum. Die Kugeln waren perfekt ausgerichtet und funkelten im Schein der Lampe, als erwarteten sie den ersten Stoß. Etwas an der weißen Kugel weckte meine Aufmerksamkeit. Ich trat einen Schritt näher und beugte mich vor. Die Kugel war nicht weiß. Zumindest nicht so weiß, wie sie hätte sein sollen. Mit einem behutsamen Stoß setzte ich sie in Bewegung, sodass sie eine halbe Umdrehung auf dem schwarzen Filz vollführte. Schwarze Linien liefen über die Kugel und formten die Umrisse eines elfenbeinfarbenen Gesichts. Ich winkte Nina heran. Sie beugte sich ebenfalls vor.

»Das hättest du doch nicht verpassen wollen«, sagte ich.

Die Augen waren weit aufgerissen, der Mund in einem stummen Schrei geöffnet. Ohne dass ich genau verstand warum, sandten diese Linien auf der Billardkugel feine Nadelstiche über meinen Rücken. Sie stiegen über meinen Nacken zu meinem Kopf und richteten meine Haare auf. Das Zimmer hatte sicherlich genügend andere Dinge zu bieten, aber diese Kugel auf dem schwarzen Billardtisch fesselte uns beide. Vielleicht lag es daran, dass sie auf eine Art und Weise bizarr war, mit der wir nicht gerechnet hatten.

Nina sagte: »Das ist … unkonventionell.«

Ich war unschlüssig, ob sich in der Kugel ein gelangweilter Teenager offenbarte oder ein gestörter Geist, aber allein durch das Anstarren der Kugel würden wir das nicht herausfinden. Ich riss mich widerstrebend von dem Billardtisch-Altar los und setzte meinen Rundgang fort.

Tobias hatte ein französisches Bett. Es überraschte mich nicht, dass die Bettwäsche schwarz war. Das Muster bestand aus gelbweißen Totenschädeln. »Ganz reizend«, murmelte ich.

Oliver hatte einen flachen Karton unter dem Bett hervorgezogen. Zumindest bei der Wahl dieses Verstecks war Tobias ganz und gar konventionell. Oliver kramte in der Kiste herum, aber der Inhalt war wenig überraschend. Der Kollege hielt die Hefte hoch und schwenkte sie zu Simon, der an Tobias’ Schreibtisch stand.

»Schau mal«, sagte Oliver.

Simon drehte sich um, dann hielt er uns ebenfalls ein paar Hefte entgegen. »Da kann ich mithalten«, sagte er grinsend.

Ich hob die Augenbrauen. Oliver hatte die klassischen Schönheiten aus Playboy und Penthouse, Simon einige spezialisierte Magazine für Brüste und schwarze Frauen.

»Recht vielseitig«, meinte ich.

»Alles vollkommen harmlos«, sagte Oliver.

Nina stand bei Simon am Schreibtisch und schaute ihm über die Schulter, als er eine der Schubladen durchsuchte. »Hier sind auch noch ein paar passende DVDs.«

Ich ging zum Schreibtisch hinüber und schaute auf die Titel. »Naturkundliche Dokumentarfilme«, kommentierte ich.

»So könnte man das sagen«, bestätigte Simon. Er fragte mit einem breiten Grinsen: »Willst du die sehen, bevor wir sie untersuchen, Markus?«

Ich ignorierte ihn.

Nina rollte nur mit den Augen. »Schaut mal hier.«

Nun kam Tobias’ Computerspielsammlung an die Reihe. Simon ließ den Finger über die Titel gleiten. Es gab keine großen Überraschungen. Wir fanden die gängigen Ego-Shooter, darunter auch Counter-Strike. Aber auch bei den Spielen war Tobias ein wenig vielseitiger als der durchschnittliche Jugendliche. Wir fanden ältere Versionen von Second Life und World of Warcraft und außerdem noch einige Strategie- und Aufbauspiele, von Civilization über Die Siedler bis hin zu Panzer General.

In diesem Moment zahlte es sich aus, dass ich erst eine Woche zuvor einen halben Tag investiert hatte, um eine Kollegin vom Kriminalkommissariat Vorbeugung zu begleiten und mir eine Fortbildung für Lehrer zum Thema Gefahren durch Internet und Videospiele anzusehen. Mir war Ninas Wissensvorsprung einfach auf die Nerven gegangen, und wenn ich eines hasste, dann war es, dumm dazustehen und fragen zu müssen.

Ich konnte nicht alle Spiele zuordnen, aber etwas war doch hängen geblieben. Ich nickte wissend und nahm die Hülle von Civilization. »Kommen Sie nie mit einem Schwert zu einer Schießerei«, sagte ich.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Nina mich verblüfft anschaute. Ich hatte die Fortbildung heimlich besucht.

Simon fragte überrascht: »In welcher Stufe spielst du?«

Ich sagte ganz ernsthaft: »Gottheit.«

Simon schaute mich einen Moment lang an, dann lachte er. »Du verarschst mich doch.«

»Du darfst mich weiter Markus nennen.«

Simon wandte sich wieder dem Schreibtisch zu.

Nina sagte zu ihm: »Wir werden herausfinden müssen, welche Spiele er wirklich gespielt hat.«

»Und mit wem«, ergänzte ich. Denn alle Computerspiele, die wir vor uns sahen, konnte man allein oder auch online gegen seine Mitspieler spielen. Was man natürlich wissen musste.

Nina war immer noch verblüfft. »Genau.«

Simon sagte: »Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich muss alle Protokolle checken. Es hängt eine Menge davon ab, welches Betriebssystem er benutzt hat.«

Im Überschwang sagte ich: »Dann nehmen wir seinen Computer mit.« Ich begann, den Computer zu suchen, konnte aber nur den Monitor entdecken.

Nina lachte auf. »Er steht vor deiner Nase.« Sie zeigte auf einen Kasten mit Griff an der Oberseite, der mich an eine Transportbox für Katzen erinnerte. Nur dass der Kasten schwarz war.

»Natürlich«, sagte ich und ermahnte mich, den Bogen nicht zu überspannen.

»Das ist ein Cube-PC«, erklärte Nina und ich war ihr sehr dankbar, dass es nicht herablassend klang.

Simon sagte: »Das sind Computer, die bei Spielern sehr beliebt sind. Sie sind klein, kompakt und sehr robust. Und außerdem haben sie einen praktischen Griff, wenn man zur LAN-Party möchte.«

»Aber …« Ich zögerte kurz, brachte meine Frage dann aber trotzdem vor. »Ein Laptop wäre doch viel praktischer. Noch kleiner, meine ich.«

»Die Hardware in diesem Cube ist sicher vom Feinsten«, sagte Nina. »So ein Gerät kostet gut und gerne achthundert Euro.«

Ich pfiff leise. Für Tobias mochte diese Preisklasse kein Problem sein, wenn man das Einkommen seines Vaters bedachte. Andere Teenager hatten vielleicht eher Schwierigkeiten, das zu finanzieren.

»Diese Ausstattung in einem Laptop mit einem einigermaßen großen Display würde das Doppelte kosten. Mindestens.«

»Okay, das leuchtet mir ein.«

»Außerdem ist so ein Cube viel flexibler. Man kann Komponenten austauschen, wenn sie veraltet sind, man kann die Festplatte mit einem anderen Spieler tauschen, wenn man will.«

»Ich gebe auf«, sagte ich und hob die Hände.

»Wir nehmen den Rechner mit und checken seine Aktivitäten. Wir sollten aber überprüfen, ob der Junge noch einen anderen Computer hatte.«

Simon machte sich auf die Suche. Er stellte den Schreibtisch praktisch auf den Kopf und sortierte die Sachen aus, die er mitnehmen wollte. Neben dem Computer waren das vor allem CDs. Er suchte außerdem ein Notizbuch heraus und legte zuletzt ein Handy oben auf den Stapel.

Ich schaute mir nacheinander die restlichen Möbel an. Der Billardtisch war das Gravitationszentrum des Zimmers und zog mich wieder magisch an. Elen war mit dem Bücherregal fertig und kam, um den Billardtisch zu untersuchen. Ich zeigte ihr die weiße Kugel. »Die müssen wir unbedingt mitnehmen.«

Elen nickte nur. »Klaro.« Sie untersuchte die anderen Kugeln, aber bis auf die weiße handelte es sich um ganz normale Billardkugeln in ordnungsgemäßem Zustand. Dann ließ sie ihre Hand langsam über den Filz gleiten, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Billardtische bieten sich mit ihren mehr oder weniger großen Hohlräumen unter der Platte von Natur aus als Versteck an. Deshalb begab Elen sich auf die Knie und begann, am Holz entlangzutasten. Das Versteck war nicht raffiniert, aber besser als der Karton unter dem Bett. Tobias hatte in der Öffnung, aus der man die versenkten Kugeln wieder herausnahm, zwei CDs versteckt. Das erschien Elen und mir wenig, angesichts eines solchen Hohlraums, und sie schob ihren Arm bis über den Ellenbogen hinein. Doch außer ein wenig Staub gab der Billardtisch nichts mehr preis.

Umso aufmerksamer betrachtete ich die CDs. Sie waren von Hand beschriftet, eine mit CS-Schule, die andere mit CS-home. Das Wissen aus meiner Fortbildung war noch frisch genug, um mir einen Schauder über den Rücken zu jagen. Elen und ich schauten uns an, aber niemand sprach unseren gemeinsamen Gedanken aus. Ich zwang mich, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und erst einmal abzuwarten, was sich wirklich auf den CDs befand. Sorgsam legte ich sie auf Simons Stapel.

Ich wandte mich wieder dem Bett zu, aber weder Kissen noch Decke oder Matratze verbargen weitere Geheimnisse. Auch unter dem Bett fand sich neben einer dünnen Staubschicht nur eine einsame Spinne, die in heller Panik vor Oliver floh.

Oliver war mit dem Bett fertig und nahm sich den Kleiderschrank vor. »Oha«, sagte er, als er die beiden Flügeltüren öffnete. Die Kleidungsstücke, ausnahmslos schwarz, sogen die spärliche Helligkeit auf und erzeugten die Illusion eines lichtleeren Raums.

»Niemand kann schließlich überall vielseitig sein«, sagte ich.

»Ich glaube, ich erkenne Hellschwarz und Dunkelschwarz«, sagte Nina.

»Na, siehst du.«

»Es könnte sogar Dunkelgrau dabei sein«, murmelte Oliver, als er die Kleidungsstücke herausnahm, um die Rückwand zu untersuchen. »Bestimmt für den Frühling.«

Irgendwie erwartete ich, noch auf etwas zu stoßen, das auf Okkultismus oder Satanismus hinwies, eine Flasche Hühnerblut oder zumindest ein umgedrehtes Kreuz. Vielleicht aber auch Weihwasser, Silberkreuze und Holzpflöcke. Aber dieses Klischee bestätigte sich nicht. Im Bücherregal des Jungen fanden sich lediglich gängige Titel, viele Horrorbände, einige Lehrbücher über Programmiersprachen, die ich nicht kannte, aber auch einige anspruchsvolle Klassiker, die wahrscheinlich dem Deutschunterricht geschuldet waren. Dazu würden uns seine Lehrer sicher etwas sagen können.

Schließlich standen wir alle am Billardtisch zusammen. »Eigentlich nichts wirklich Auffälliges«, sagte Nina.

»Nun ja«, sagte ich. Das Gesicht auf der Kugel schrie immer noch.

»Nichts, was uns dem Mörder näher bringt«, präzisierte Nina.

»Das stimmt wohl«, sagte ich. Auch mein Magen war der Meinung, dass wir in diesem Zimmer fertig waren und die Experten ihre Arbeit machen lassen sollten. Er knurrte lautstark.

Nina hob beschwichtigend die Hände. »Okay, okay. Gehen wir essen.«

Wir überließen das Zimmer unseren Kollegen und machten uns auf den Weg nach unten. Bis alle Spuren gesichert waren, würden noch einige Stunden vergehen.

 

Das Haus der Maiers befand sich im besseren Teil von Krefeld-Forstwald, einem beliebten Wohnort bei Familien, in erträglicher Nähe zur Innenstadt, aber ohne mit den Problemen der Großstadt behaftet zu sein. Ich schätzte das Alter des Hauses, wie auch alle anderen in diesem Baugebiet, auf etwa fünfzehn Jahre, also ein wenig jünger als Tobias es war. Haus und Vorgarten waren tadellos gepflegt, aber die Menschen hinter dieser Fassade lebten in einem Zustand emotionalen Zerfalls, den auch ein gut gemähter Rasen und perfekt gezupftes Unkraut nicht verdecken konnten.

Ich ging zu einem Kollegen in Uniform, der an der Absperrung der Einfahrt die Fragen einiger Reporter abwehrte. Ich sagte: »Dirk, du hast was gut bei mir.«

Er runzelte die Stirn und schaute mich missbilligend an. »Du hast es wieder getan.«

»Ja, ich habe es wieder getan.«

»Ich glaube langsam, es macht dir Spaß.«

»Ich bereue nichts«, gestand ich.

»Was ist so toll daran, abschätzig über Polizisten in Uniform zu sprechen?«

Ich zuckte die Schultern. »Es gibt mir ein Gefühl der Überlegenheit, das ich sonst im Leben nicht habe.«

Dirk schüttelte den Kopf.

Ich sagte: »Ich hatte eine schwere Kindheit.«

»O mein Gott«, sagte er ohne Bedauern.

»Ich gebe einen aus«, meinte ich.

Er strahlte. »Das klingt doch schon ganz anders.« Und er fügte hinzu: »Dann sprich nur weiter schlecht über uns.«

Zu Nina sagte ich: »Und wir gehen essen.«

»Wohin wollen wir?«, fragte Nina.

Ich kannte ein gutes und auch preiswertes italienisches Restaurant in der Nähe, das auf dem Weg zum Präsidium lag, und Nina war einverstanden. Ich verlor das Los, fuhr dorthin und bestellte eine Pizza für mich und eine Pastaspezialität für Nina. Ich wollte Nina nicht zu lange warten lassen, also beeilte ich mich auf der Rückfahrt.

Wir teilten uns ein kleines Büro für zwei Personen. Unsere Schreibtische hatten wir in der Mitte aneinandergestellt, sodass wir uns gegenübersaßen und uns immer gut unterhalten konnten.

In den ersten Monaten meiner Polizeiarbeit hatten Tatorte mich oft so ausgelaugt, dass ich sogar zu erschöpft war, um zu essen. Aber wir hatten diese Phase beide lange hinter uns gelassen. Wir öffneten die Kartons und verschlangen gierig die ersten Bissen.

»Die Eltern sind sonderbar«, sagte ich, nachdem ich mir ein Stück Pizza in den Mund geschoben und nach einem neuen gegriffen hatte.

Nina nickte. »Du bist Sherlock Holmes’ wahrer Erbe.«

»Dann bist du Watson und weißt, was es mit der Billardkugel auf sich hat«, konterte ich.

Nina kaute nachdenklich. Dann schüttelte sie den Kopf. Ich hatte auch keine Idee und wir aßen schweigend weiter. Nina tippte gleichzeitig in Überschallgeschwindigkeit unsere Erkenntnisse des Vormittags in den Computer. Ich bewunderte aufrichtig ihre Fähigkeit, gleichzeitig zu essen, zu tippen und sich mit mir über ein ganz anderes Thema zu unterhalten. Ich hatte nicht vor, ihr nachzueifern.

Plötzlich fragte Nina: »Woher weißt du auf einmal so viel über Videospiele?«

»Ich habe ein Seminar besucht.«

Nina schaute mich an, hin- und hergerissen, ob sie mir das glauben sollte. Obwohl ihr der Zweifel ins Gesicht geschrieben stand, wechselte sie das Thema. »Ich habe ein seltsames Gefühl bei diesem Fall«, sagte sie.

Ich nickte, denn das hatte ich auch.

»Mir fehlt das Motiv.«

»Ich sehe bis jetzt einige Motive, aber der Junge ist ja das Opfer und nicht der Täter«, sagte ich.

Darin waren wir uns einig.

»Sein Vater ist gar nicht vorhanden und seine Mutter versteht ihn nicht.«

»Würdest du ihn denn verstehen?«

»Ich bin nicht seine Mutter«, sagte Nina. Das stimmte natürlich. Ich rechnete kurz nach und stellte fest, dass Nina vom Alter her näher bei mir lag als bei unserem Opfer. Aber nur ganz knapp.

»Die Eltern müssen wir noch einmal befragen«, sagte ich. Nebenher begann ich, auf einem Zettel zu notieren, was als Nächstes zu tun war. Es wurde eine ziemlich lange Liste.

»Morgen.«

Ich nickte. Als wir aufgegessen hatten, fragte ich: »Gehen wir zum Chef?«

 

Kriminalhauptkommissar Reinhold Bühler war der Leiter des Morddezernats und hatte uns beide auch zum Tatort geschickt. Ich war neugierig, wie viele Ermittler er auf diesen Fall ansetzen wollte. Zuerst mussten wir ihm allerdings berichten, was wir erfahren hatten.

Reinhold war ein umgänglicher Mann, ein wenig jünger als ich, und wir kannten uns schon seit über zehn Jahren. Trotzdem schlug uns eine eisige Stimmung entgegen, als wir die Tür zu seinem Büro öffneten. Die Einrichtung hatte sich seit meinem letzten Besuch nicht geändert und ich kannte Reinhold gut genug, um zu erkennen, dass er keinen schlechten Tag erwischt hatte. Folglich musste das Bedrückende in diesem Raum etwas mit den beiden anderen anwesenden Personen zu tun haben. Egon Kamenik und Marla Schickel, innerhalb des Kommissariats auch bekannt als ›Duo infernale‹, lehnten lässig an der Wand. Egons Augen hafteten an jeder meiner Bewegungen, aber anstelle eines höhnischen Grinsens schaute er so griesgrämig drein wie seine Partnerin Marla. Ich hatte eine ungute Ahnung, was das zu bedeuten hatte, weigerte mich aber noch, sie als Tatsache zu akzeptieren.

»Hallo Nina, hallo Markus«, sagte Reinhold und deutete auf die Sitzgruppe, die um seinen Besprechungstisch herum stand. Wir setzten uns. Egon und Marla blieben im Raum, ich musste mich also damit anfreunden, dass sie an der Besprechung teilnahmen.

Ich tauschte einen Blick mit Nina, aber sie ließ sich nichts anmerken. In manchen Dingen war sie professioneller als ich.

Reinhold bat auch Egon und Marla an den Tisch und sie folgten der Aufforderung zögernd. »Bevor wir anfangen, möchte ich noch etwas mitteilen.«

Jetzt kommt’s, dachte ich.

Reinhold fuhr fort: »Ich habe einen Anruf erhalten. Vom Polizeipräsidenten. Der hatte einen Anruf aus dem Innenministerium erhalten … Aber lassen wir das. Kurz gesagt, Peter Maier hat telefoniert und deshalb hat der Polizeipräsident mich gebeten, so viel Personal wie möglich für den Fall Tobias Maier abzustellen.«

Ich tauschte wieder einen Blick mit Nina. Wir waren beide beeindruckt. Reinhold sagte: »Ich habe ihm erklärt, dass wir im Moment ein Personalproblem haben und ich maximal vier Ermittler zur Verfügung stellen kann.«

Natürlich, dachte ich. Vor fünf Tagen war in Krefeld eine Leiche gefunden worden, die die Handschrift eines holländischen Serienmörders trug. Wir hatten deshalb einige Kollegen aus Holland bei uns. Vor allem aber waren die besten und erfahrensten Ermittler auf diesen Fall angesetzt worden. Und das war auch der Grund, warum ich mit Nina überhaupt den Fall Tobias Maier anfassen durfte. Alle anderen waren mit dem Serienmörder beschäftigt. Nun, fast alle anderen.

»Und?«, fragte ich.

»Was, und?«

»Was hat der Polizeipräsident gesagt?«

»Er war nicht beeindruckt«, sagte Reinhold und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Es war eine Geste der Erschöpfung. »Ich sagte ihm, wir können noch den Aktenführer stellen. Daraufhin hat er zugesagt, fünfzehn Ermittler aus anderen Direktionen zu beschaffen.«

Das bedeutete, wenn ich richtig gerechnet hatte, eine Mordkommission bestehend aus zwanzig Personen. Das war unter den gegebenen Umständen sehr beachtlich.

Reinhold fuhr fort: »Du, Markus, wirst die Mordkommission leiten.«

Auch das war sehr beachtlich. Ich saß mit einem Mal aufrecht.

Egon verdrehte die Augen und erinnerte mich daran, dass eben nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Normalerweise konnte sich der Leiter der Mordkommission seine Ermittler aussuchen, aber ich hielt es nicht für ratsam, mit Reinhold über diesen Punkt zu diskutieren.

»Ihr werdet diesen Fall also gemeinsam bearbeiten«, sagte Reinhold und offenbarte damit das Offensichtliche.

Niemand jubelte. In einigen Köpfen formten sich lautlose Flüche, unter anderem in meinem.

»Vielleicht berichtet ihr einfach«, forderte Reinhold mit einem leisen Seufzer.

Nina beugte sich vor und übernahm dankenswerterweise den Anfang. »Tobias Maier, siebzehn Jahre, wurde heute Morgen mit einer Stichwunde im Rücken tot im Wohnzimmer seines Elternhauses aufgefunden.« Nina berichtete über die Befragung der Eltern und von der Durchsuchung seines Zimmers.

Es herrschte eine Weile Stille, nachdem Nina ihre Schilderung beendet hatte. Dann fragte Reinhold: »Habt ihr einen Verdacht?«

Wir schüttelten beide den Kopf. »Noch keinen. Er kannte den Täter. Die Eltern scheiden aus. Wir müssen seinen Freundeskreis abklopfen. Und alle Verwandten im Umfeld.«

»Es gibt noch eine Menge zu überprüfen«, sagte Reinhold.

»Bis jetzt haben wir nur Spekulationen«, sagte Egon. Es klang eher betrübt als spöttisch. Vielleicht dachte er daran, dass er nur umso länger mit mir zusammenarbeiten musste.

Ich sagte: »Wir würden gerne gleich zur Schule von Tobias fahren und mit den Lehrern sprechen.«

Reinhold nickte. »Das solltet ihr tun. Wenn wir davon ausgehen, dass er den Täter gekannt hat, brauchen wir dringend mehr Informationen über den Jungen.«

Es klopfte an der Tür. Ein Kollege steckte den Kopf herein. »Wir haben etwas Neues zu unserem Serientäter.«

Reinhold sprang sofort auf und stürmte zur Tür. »Und überprüft die Aussagen der Eltern!«, rief er uns noch über die Schulter zu, bevor er verschwand. Polizeipräsident hin oder her, Reinhold hatte seine Prioritäten klar gesetzt.

Ich stand ebenfalls auf. »Wollen wir dann zur Schule?«, fragte ich Nina.

»Moment mal!«, sagte Egon und baute sich vor mir auf. Erfreulicherweise war er ein wenig kleiner als ich. Ich reagierte, indem ich eine Augenbraue hob.

»Was sollen wir denn machen, während ihr in die Schule fahrt? Wir kommen mit.«

Ich schüttelte bedauernd den Kopf. »Wenn mich nicht alles täuscht, bin ich Leiter dieser Mordkommission, nicht du.«

Egon wich einen Schritt zurück. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging voraus in unser Büro. »Aber du erinnerst mich an etwas. Komm mit.« Als ich mich auf meinen Stuhl fallen ließ, nahm ich mein Notizblatt und überflog es noch einmal. Die Liste mit Dingen, die es zu tun gab, war immer noch lang. Sehr lang sogar. Sie fing damit an, die Aussagen der Eltern aufzunehmen und ihr Alibi zu überprüfen, beinhaltete das Befragen aller Nachbarn, der Verwandten, Freunde, Kollegen, der Haushälterin und eine ganze Menge anderer Dinge.

Ich gab Egon den Zettel. Er wollte protestieren, aber als er die Liste überflog, schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht. »Alles klar, Markus. Das verstehe ich natürlich. Wir übernehmen den Fitnesstrainer.«

Marla lachte, sagte aber nichts. Ich lachte nicht und sagte auch nichts.

Nina äußerte höflich: »Die Liste ist ziemlich lang, denke ich. Die Kollegen müssen eingewiesen werden, sobald sie eintreffen. Das wird nicht einfach.«

Egons Augen wurden zu Schlitzen.