Copyright

© 2010 by GRAFIT Verlag GmbH
Chemnitzer Str. 31, 44139 Dortmund,
beim Westfälischen Literaturbüro Unna e. V.
und bei den Autorinnen und Autoren
Internet:
E-Mail:
Alle Rechte vorbehalten.
eISBN 978-3-89425-818-4

Herausgeber

Herausgegeben von H. P. Karr, Herbert Knorr und Sigrun Krauß im Auftrag des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V. und der Kulturbetriebe Unna für die Veranstaltergemeinschaft Mord am Hellweg – Tatort Ruhr, Europas größtem internationalem Krimifestival.

 

Mord am Hellweg V – Tatort Ruhr (18. September bis 13. November 2010) ist ein Projekt der Kulturregion Hellweg und der Europäischen Kulturhauptstadt, RUHR.2010 mit/in den Kreisen, Städten und Gemeinden Ahlen, Bergkamen, Bochum, Bönen, Dortmund, Duisburg, Essen, Fröndenberg, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Holzwickede, Kamen, Lüdenscheid, Lünen, Menden, Oberhausen, Oelde, Schwerte, Selm, Soest, Unna, Kreis Unna, Werl, Werne und Wickede (Ruhr) in Zusammenarbeit mit der HanseTourist Unna, der Stiftung Kultur der Stadtsparkasse Schwerte, den Bürger- und Kulturzentren Rohrmeisterei Schwerte, Depot e.V. und dem Theater im Depot (Dortmund), dem Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst, der Evangelischen Akademie Villigst im Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW, MELANGE (Literarische Gesellschaft zur Förderung der Kaffeehauskultur e.V.) und dem Literaturmuseum Westfalen (Kulturgut Haus Nottbeck) unter Federführung des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V. (Dr. Herbert Knorr) und der Kulturbetriebe Unna (Sigrun Krauß M.A., V.i.S.d.P.).

Vorwort

Wilder Westen Wickede
Willkommen in der Mords.Metropole.Ruhr

Wussten Sie, dass der Wilde Westen in Wickede beginnt, dass die Einwohner dieser ›Metropole‹ ihr inneres Gleichgewicht mit indianischen Ritualen wiederzuerlangen versuchen? Kennen Sie den wahren Text der Ruhrgebietshymne? Hat schon mal die Soko Kulturhauptstadt gegen Sie ermittelt? Wissen Sie etwas über die Jagd nach einem Berufskiller auf der Zeche Zollverein? Nein? Dann haben Sie auch keine Ahnung von den Treffen der Kellerjungen von Unna, den dunklen Geheimnissen von Kamen und wissen auch nicht, wer vom Schwanzhammer von Lüdenscheid erschlagen wird!

Doch der Reihe nach …

Als wir 2002 die Idee hatten, für das gerade aus der Taufe gehobene Krimifestival Mord am Hellweg (MaH) die besten deutschsprachigen Krimiautorinnen und -autoren in die Städte und Gemeinden der Kulturregion Hellweg einzuladen und von ihnen ›Krimis auf Bestellung‹ schreiben zu lassen, ahnte niemand, dass aus diesem und den folgenden MaH-Storybänden eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen werden würde. Denn seitdem haben weit über einhundert erstklassige Autorinnen und Autoren – angefangen bei A wie Jürgen Alberts über B wie Oliver Bottini bis W wie Gabriella Wollenhaupt – exklusiv für MaH geschrieben. Das Autorenverzeichnis liest sich wie ein Who’s who der Spannungsliteratur: Doris Gercke, Anne Chaplet, Friedrich Ani, Sebastian Fitzek, Sandra Lüpkes, Ralf Kramp, Jacques Berndorf, Jürgen Kehrer – der Hellweg hatte und hat sie alle. Die Krimibände haben MaH begleitet und den Ruf des Festivals in ganz Europa gefestigt. Das Konzept wurde inzwischen dutzendfach geklaut und kopiert – ein schöneres Kompliment konnte man uns nicht machen. Jetzt halten Sie also unsere fünfte Festivalanthologie in den Händen. Wir hoffen doch sehr, dass Sie das Buch ordentlich bezahlt und nicht entwendet haben!

Auch diesmal haben die besten Krimischreiber den Hellweg zum Schauplatz ihrer Storys gemacht – für die aktuelle Sammlung Mords.Metropole.Ruhr bereisten gleich siebenundzwanzig Krimistars aus siebzehn (!) europäischen Ländern die Städte rund ums Kamener Kreuz, schwärmten aus nach Ahlen und Bönen, nach Werl und Warstein, nach Unna, Kamen, Selm, Menden, Oelde oder Fröndenberg. Sie reisten an aus Finnland, Spanien, Belgien, der Ukraine, Island oder Frankreich, den Niederlanden oder Luxemburg, aus Tschechien, Schottland oder der Türkei und nutzten die Gelegenheit, um Spirit und Lokalkolorit des jeweiligen ›Tatortes‹ zu erspüren und die Schauplätze ihrer kriminellen Fantasien kennenzulernen. So ein Unternehmen musste von langer Hand vorbereitet werden – deshalb waren Jussi Adler-Olsen und Helene Tursten, Andrej Kurkow und Petros Markaris und viele andere bereits vor einem Jahr auf Scoutingtour in der Metropole Ruhr unterwegs.

Was, fragen Sie sich jetzt, hat denn die Metropole Ruhr mit dem Hellweg zu tun? – Eine ganze Menge. Schauen Sie auf die Landkarte: Große Teile des Hellwegraumes gehören zum östlichen Ruhrgebiet. Und da in diesem Jahr die Metropole Ruhr mit RUHR.2010 Europas Kulturhauptstadt ist, hat sich das Festival Mord am Hellweg – Tatort Ruhr ein Stück weit nach Westen ausgedehnt. Und damit sind neben Unna, Lünen, Dortmund oder Hagen nun auch Städte mit Mordsgeschichten vertreten, die mitten im Zentrum der Metropole liegen: Essen, Bochum oder Gelsenkirchen.

Wie keine andere europäische Region befindet sich das Ruhrgebiet im Wandel. Rauchende Schlote sind längst Geschichte, Zechen und Fabriken sind zu Kulturzentren und Theatern umgebaut worden, neue Gewerbe entstehen, soziale Gefüge brachen und brechen auf, der Schmelztiegel der Kulturen bringt eigene Kultur hervor … Kurzum, unsere Krimigäste besuchten eine Region, die sich mehr als je zuvor im Umbruch befindet, die um neue Identitäten ringt. Dieser gesellschaftliche Prozess mit all seinen Facetten als Gesamtsetting für eine internationale Krimianthologie – was will man mehr!

Entstanden ist ein Sammelband mit fünfundzwanzig literarischen ›Auftragsverbrechen‹, wobei das Spektrum des Bandes vom sozial engagierten bis zum satirisch überdrehten Krimi, von der klassischen Kriminalerzählung über den ebenso klassischen Whodunit bis hin zum modernen Psychothriller reicht. Spannendes und Mainstreamiges, aber auch Mysteriöses und Abwegiges haben die Krimiautorinnen und -autoren in den Städten der Hellwegregion gefunden und für ihre spannenden Storys verwendet. Denn wer wusste schon, dass der Wilde Westen in Wickede beginnt und … siehe oben!

Jeder der Herausgeber hat seine ganz persönliche Lieblingsgeschichte in diesem Band. Aber wir werden den Teufel tun und Ihnen verraten, was uns besonders gut gefällt … Denn sonst gehen wir den Weg zur Hölle, so deuteten schon die Brüder Grimm den Namen der kriminellsten Region der Welt …

 

Sigrun Krauß, H. P. Karr, Herbert Knorr

Jussi Adler-Olsen
Der Spalt von Lünen

 

Deutsch von Stefanie Bergmann

Mein Gott, was für ein Konzert! Das war der Hansesaal at it’s best! Bernd Schmidt war in Gedanken beim gestrigen Konzert. Den Spießbürgern eins auf die Mütze! Tolle Frauen, die in dem blauen Licht wie Frühlingshasen umhersprangen, während die Männer ihr Bier kippten und sich von Candy Dulfer auf ihren turmhohen Stilettos verrückt machen ließen. Das war Jazz, wenn es Funk war, und Funk, wenn es Jazz war.

Warum New York, wenn es das auch in Lünen gab?, pflegte er zu sagen. Also gingen die Kinder jetzt in die Leoschule und seine Frau saß im fünften Stock im Rathaus, also blieben sie hier, auch wenn sein Arbeitsplatz in Dortmund war, fünfzig Minuten Autobahnstau von hier entfernt.

Schmidt versuchte, seinen Kater zu ignorieren, als das Telefon klingelte. Die Einsatzzentrale. Es war 6.35 Uhr und die Botschaft simpel: Der Berufsverkehr musste heute ohne Kriminalkommissar Bernd Schmidt auskommen, denn dieses Mal wartete die Arbeit nur sechshundert Meter entfernt auf ihn. In Lünen, am Ende der Borker Straße. Zwei alte Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen.

»Eine Streife aus der Merschstraße ist schon da«, sagte der Kollege am Telefon. »Das Paar, das die Leichen gefunden hat, ist außer sich.«

Mord, sagten sie. Abgesehen von einer zweifelhaften Affäre um eine überfahrene Person war es Jahre her, dass es in Lünen ein Gewaltverbrechen gegeben hatte.

Was Bernd wunderte, als er am Tatort stand, war nicht die Tatsache, dass die Leichen übereinander auf dem eingedrückten Dach eines Lieferwagens hinter der alten Stadtsparkasse lagen. Wenn man den Kopf in den Nacken legte, sah man im obersten Stock ein Fenster offen stehen. Er war auch nicht überrascht von der Identität der beiden – man hatte sie rasch als freundliches Paar in den Achtzigern identifiziert, das sehr lange in genau dieser Wohnung gelebt hatte.

Nein, was ihn wunderte, waren die Umstände: Wie sollte es möglich sein, sich selbst die Kehle durchzuschneiden und sich danach noch aus dem Fenster zu stürzen? Nach Selbstmord sah das nicht aus. Die Frage war also, wer den beiden Alten so übel mitgespielt hatte, wo ihre Wohnung doch so unberührt wirkte. Dass die Tat dort begangen worden war, stand außer Zweifel, die Blutflecken sprachen eine eindeutige Sprache. Aber es gab keinerlei Spuren eines Einbruchs oder Kampfes. Zwar fand man ein paar nicht zu identifizierende Fingerabdrücke in der Wohnung und deutliche Fußspuren auf der Treppe, aber weitere Erkenntnisse brachten die kriminaltechnischen Ermittlungen nicht.

Die Tochter des Paares ging schockiert durch die Wohnung und bestätigte, dass nichts gestohlen worden war und auch sonst alles aussah wie immer. So hatten sie nicht mal ein Motiv.

Bis zum Abend waren Bernd und seine Kollegen kein Stück weitergekommen.

Nein, das war keiner von Kriminalkommissar Bernd Schmidts besten Tagen. Die Erinnerung an Candy Dulfers Auftritt verblasste schnell.

 

Es war in der Zeit, in der die Leichen sich am Ufer des Gniloy Tikich häuften und Soldaten mit zu Totenmasken erstarrten Gesichtern im Wasser trieben. Das hier war Uwe Puppels dritter Feldzug, und das waren schon zwei zu viel. Ewigkeiten war es her, dass ihn seine SS-Uniform mit Stolz erfüllt hatte. Der Rausch, in den ihn Hitlers donnernde Reden im Radio versetzt hatten, war längst verflogen.

Aufgestützt auf sein Gewehr saß er da und blickte über zerschmetterte Panzerwagen und endlose Rauchwolken, während die Granaten um ihn herum einschlugen und alles Leben mit sich rissen. Als die Nachhut ihn auffand, war er völlig paralysiert. Man überlegte, seinem elenden Leben einfach rasch ein Ende zu setzen, zerrte ihn dann aber doch auf den Lastwagen und karrte ihn weg. Manchmal lohnte es sich bei den Kameraden mit Granatenschock doch noch, sie wieder zusammenzuflicken.

Als er im Lazarettzug zurück nach Deutschland saß, begriff er, dass er seinen letzten Schuss abgefeuert hatte. Der Schmerz und die Angst hatten in ihm die Oberhand gewonnen; der Uwe, der mit ausgestrecktem Arm unterm Hakenkreuz gestanden hatte, existierte nicht mehr.

»Wir kriegen euch schon wieder hin, Jungs«, hatte eine Krankenschwester zu ihnen gesagt. »Einen Monat zu Hause und schon seid ihr wieder hier. Die Bolschewiken sollen wissen, dass wir so leicht nicht aufgeben.«

Das waren die Worte, die ihn kurz vor Dortmund aus dem Zug springen ließen. Er stürzte sich im Kugelhagel der Feldjäger die Böschung hinunter und schlich sich hungernd und unter Schmerzen nachts zurück nach Lünen, wo seine geliebte Sigrid auf ihn wartete.

Der Ausdruck, der über ihr Gesicht glitt, als sie ihm die Tür öffnete, drückte keine Freude aus.

Er zog sie dennoch an sich und versprach, dass er sie von nun an nie wieder verlassen würde. Dass für ihn der Krieg vorbei war. Er hatte damit gerechnet, dass sie erleichtert sein, dass ihm ihre ganze Freude entgegenschlagen würde. Stattdessen fragte sie nur: »Hast du etwa vor, dich hier zu verstecken?«

Er sah sie verständnislos an. »Sigrid. So, wie es jetzt läuft, ist der Krieg bald vorbei. Ich bleibe auf dem Dachboden. Dort habe ich alles, was ich brauche, du musst mir nur zu essen bringen.«

»Wenn sie dich finden, richten sie uns beide hin, ist dir das klar? Und selbst wenn sie mich am Leben lassen: Wo soll ich denn hin, wenn ich die Wohnung verliere?«

Er schüttelte den Kopf. Nein, sie würden ihn nicht finden. Die Luke zum Dachboden konnte man von unten nicht sehen. Dort oben, unterm Dach, hatte sein Vater sich ein Fotoatelier eingerichtet. Ordentlich isoliert mit Zeitungsschnipseln und Holzplatten. Über hundert Quadratmeter, unter dicken Dachbalken. Dunkelkammer, Leseecke, Teeküche und Samowar. Sogar eine Toilette gab es. Hier hatte er in der knappen Freizeit seiner Leidenschaft für Fotos von seiner Geburtsstadt Lünen gefrönt. Einzigartige Alben aus den letzten Jahrzehnten hatte er zusammengestellt, die Uwe schätzen gelernt hatte. Erinnerungen an eine Zeit, in denen das Leben einfach und unbeschwert gewesen war.

Sein Vater war ein tüchtiger Handwerker gewesen, ein angesehener Mann, über den man nur Gutes gesagt hatte. Dann hatte ihn die Wirtschaftskrise in den Ruin getrieben, und nur weil der Sparkassendirektor, mit dem er Geschäfte gemacht hatte, ein Ehrenmann gewesen war, hatte er das Nutzungsrecht für die große Wohnung über der Bank bekommen.

»Sie und nach Ihnen Ihr Sohn und seine Familie können hier wohnen«, hatte er zu Uwes Vater gesagt und war mit seinem Büro in die Geschäftsräume im Parterre gezogen, damit oben Platz geschaffen wurde.

Bei den Luftangriffen im Mai 43 waren Uwes Eltern im Haus der Großeltern an der Münsterstraße ums Leben gekommen und Uwe hatte mit seiner Frau das Wohnrecht übernommen.

Natürlich hatte Sigrid recht. Wenn sie ihn fanden, würden sie ihn hinrichten und sie würde die Wohnberechtigung verlieren, denn sie hatten keine Nachkommen, so weit war es zwischen ihnen nie gekommen. Noch nicht einmal eine Hochzeitsnacht hatten sie gehabt. Sigrid war ein gutes katholisches Mädchen, deshalb hatte sie ihn vor der Ehe auch nicht an sich herangelassen. Und nachdem sie in aller Eile in St. Marien getraut worden waren, war er umgehend an die Front geschickt worden. Aber ein paar süße Erinnerungen an Küsse auf dem Tanzboden der Lichtburg hatte er doch, und an feuchte Hände im Kinosaal, wenn sie sich zusammen einen Film angesehen hatten. Sie waren schon lange umeinander herumscharwenzelt.

»Ich zeig dir was«, hatte er eines Tages gesagt und sie die Wendeltreppe in der Stadtkirche St. Georg hinaufgezogen, in den geheimen Raum hinter der Orgel. Als sie sich an den Blasebalg gelehnt hatten, hatte er ihr, obwohl sie sich zunächst zierte, unter den Rock fassen dürfen. Köstliche Sekunden. Das war das Gefühl, das in ihm aufkam, als sie jetzt hinter ihm die Treppe zum Dachboden der Wohnung hinaufstieg.

Er zog die Uniform aus, fand die Arbeitskleidung seines Vaters, zog sie an und richtete sich in dem Raum zwischen den fast endlosen Regalreihen mit den Fotoalben seines Vaters ein. 1940–41 stand auf dem letzten. Der Krieg und der Mangel an Fotomaterial hatten seinem Hobby ein Ende bereitet.

In der ersten Nacht auf dem Dachboden hörte er das Dröhnen der Bomben, die auf Dortmund fielen, aber er betete nicht zu Gott. An der Ostfront hatte er zu viele vergebliche Gebete gehört. Nein, es gab keinen Gott mehr. Nicht für sie. Und die Bomben fielen und der Lärm schien ewig.

 

In den Monaten danach, wenn Sigrid ihm das Essen brachte, sah sie ihn aus kalten Augen an, fast so, als hätten sie sich nie geliebt. Die Erinnerung an schwere Arbeit saß ihr noch in den Knochen, Feldarbeit, draußen bei den Zechen. Der Husten ihres Vaters, als er mit fünfundvierzig aufgab. Die schwarzen Mundwinkel ihres Bruders, wenn er aus dem Pütt kam. Dorthin wollte sie auf keinen Fall zurück. Jetzt wohnte sie in einem der feinsten Häuser Lünens, und dort wollte sie auch bleiben. Deshalb musste sie sich mit dem abfinden, was sie war: die Frau eines Deserteurs.

Ein paarmal versuchte er es bei ihr. Umfasste ihre Taille und berührte sanft ihre Brust, aber sie schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt. Wer sollte denn der Vater des Kindes sein, falls sie schwanger würde? Wie sollte sie das erklären? Aber das war es nicht allein. Die Liebe war tot. So tot wie die Leidenschaft.

Zum ersten Mal sah Uwe sie lächeln, da war ein Jahr vergangen und sie kam mit seinem Vetter zu ihm hinauf auf den Dachboden. Da hatte er die Luftschutzsirenen schon seit ein paar Tagen nicht mehr gehört, dafür aber das Rumpeln von Panzern, und er glaubte schon, dass er jetzt bald den Dachboden würde verlassen können.

»Sind das die Engländer, Herbert?«, fragte er. Und da lächelte Sigrid, als sie den Kopf schüttelte. Nein, die deutschen Truppen seien zurückgekehrt, sagte sie. Das Schwein Churchill war bei einem Attentat getötet worden. Stalin, Mussolini und Hitler hatten sich verbrüdert und der Rest der Welt hatte die Waffen fallen lassen. Hitlers Drittes Reich war Wirklichkeit.

Der Schock nahm Uwe fast den Atem.

»Du kannst nicht runterkommen«, sagte sie. »Sie erschießen dich auf der Straße der SA. Und du hast es auch nicht besser verdient«, fügte sie mit Abscheu im Blick hinzu. Sein Vetter erzählte ihm, dass alle die Uniform abgelegt hätten und nun zum Wohl ihres Vaterlandes arbeiteten, des stolzen nationalsozialistischen Dritten Reichs.

 

In den Jahren danach sah er nicht mehr viel von seiner Sigrid. Zwei Mal am Tag kam sie zu ihm, nie mehr als fünf Minuten. Ab und zu besuchte ihn sein Vetter. Als er sich darüber beklagte, wie lang ihm die Zeit wurde, brachten sie ihm hin und wieder ein paar Bücher, die er immer wieder las. Mit der Zeit waren es über fünfhundert, und die Stapel wurden immer höher.

Als er nach Zeitungen fragte, sah sie ihn kalt an. »Zeitungen? Die sind seit dem Ende des Krieges verboten. Was sollen wir auch damit? Die haben ja eh immer nur schlechte Nachrichten gebracht. Der Führer weiß, was wir brauchen. Jetzt haben wir Frieden und es geht uns gut!«

Keine Zeitungen, war es wirklich so weit gekommen? »Dann gib mir ein Radio, die gibt es doch bestimmt noch.«

»Wieso glaubst du das?«, fragte sie. Er führte sie zu der Stelle in der Gaube zur Borker Straße, wo man durch einen Spalt zwischen den Zeitungen das Tageslicht sehen konnte.

»Hier«, sagte er. »Hier kannst du durch den Spalt die Häuser gegenüber sehen. Sind das auf den Dächern etwa keine Radioantennen?«

Erschrocken sah sie durch den Spalt hindurch. »Wenn hier jemand Licht herausscheinen sieht, ist alles vorbei! Du weißt ja nicht, was die mit Leuten machen, die sich im Krieg verkrochen haben und jetzt aus ihren Verstecken kommen! Das wird schlimmer und schlimmer, Uwe. Du musst den Spalt sofort schließen!«

Er wiederholte seine Bitte nach einem Radio, aber sie lehnte ab, weil alle Radiogeräte jetzt mit einem Peilsender ausgerüstet waren. Ein Radio pro Haushalt, mehr war nicht erlaubt. Und ihres kriegte er nicht.

Also bat er sie darum, zu ihr hinunterkommen zu dürfen. Nur eine halbe Stunde, wenn Nachrichten kämen, aber auch das lehnte sie ab. Das Risiko wäre zu groß. Man könnte unten in der Sparkasse seine Schritte hören.

»Und was ist mit Herbert? Unsere Schritte klingen doch gleich. Ich könnte er sein.«

»Die wissen doch, wann er hier ist. Die sehen sein Motorrad auf der Straße«, sagte sie. »Du kannst nicht runterkommen. Wir müssen auf bessere Zeiten warten.«

Aber Uwe verschloss den Spalt nicht. Ganz im Gegenteil, er schob die Dachziegel ein wenig weiter auseinander und vergrößerte damit sein Blickfeld. Wenn er durch den Spalt nach draußen sah, kehrte er für einen Augenblick zurück in die Welt. Ein Streifen Himmel, der Turm von St. Marien, ein paar Dächer und einige Fenster. Ein zu Tränen rührender, schöner Blick über Lünen. Diese Dächer, die Bücher und die Fotos seines Vaters wurden sein Leben, und das Mansardenfenster gegenüber sein Sehnsuchtsort. Das Licht am Abend, die Frau, die sich morgens die Haare machte und so sacht vorbeiglitt, nährten Uwes Träume.

Die Zeit verging und bald waren es tausend Bücher, die sich in seiner Kammer türmten.

»Warum gebt ihr mir nur alte Romane, die vor dem Krieg geschrieben wurden?«, fragte er eines Tages.

»Kannst du dich denn nicht mehr an die Bücherverbrennung erinnern?«, antwortete Sigrid. »Heutzutage drucken sie nur noch Sachbücher, die man gratis ausleihen kann, wenn man studiert.«

Uwe sackte zusammen. So weit war es gekommen!

Die ersten Jahre hatte es ihn noch irritiert, dass er kaum Geräusche aus der Wohnung unter sich hörte, aber nach und nach empfand er die Stille und den Tagesrhythmus, der nur von den Mahlzeiten bestimmt wurde, als angenehm. So konnte er in aller Ruhe durch den Spalt spähen oder sich in die alten Fotos vertiefen. Sich das Wiehern und den Hufschlag der Pferde auf dem Kopfsteinpflaster vor der Molkerei Lünen in der Gartenstraße vorstellen, sich an das Schnattern der Enten am See beim Spieker erinnern. Irgendwann wurde Sigrid dann immer schwerfälliger und wirkte aufgedunsen, und eines Tages zog der Vetter zu ihr in die Wohnung unten und übernahm es, ihn mit Essen zu versorgen. Er sagte, dass es ernst sei. Dass Sigrid schon lange krank sei und jetzt im Marienkrankenhaus liege. »Etwas mit dem Darm«, sagte er.

Als sie schließlich wieder nach Hause zurückkehrte, strahlten ihre Augen eine Ruhe aus, als habe sie ihr Schicksal in die Hände des Herrn gelegt. Sie sagte nicht, weshalb, aber ein paar Tage später hörte Uwe zum ersten Mal Kinderweinen aus dem Wohnzimmer unten. Als er Sigrid danach fragte, antwortete sie, dass sie im Marienkrankenhaus in einem Zimmer mit einer jungen, alleinstehenden Frau gelegen habe, die bei der Geburt ihres Kindes gestorben sei, und dass sie in Dankbarkeit über ihre eigene Genesung das Baby zu sich genommen habe. Dass sie von nun an für dieses Kind leben wolle, da Uwe ihr unter diesen unglücklichen Umständen ja keines schenken könne. »Du musst von nun an besonders vorsichtig sein«, sagte sie. »Kinderohren sind empfindlich. Von jetzt an kommen wir nur noch hoch, wenn das Kind schläft.« Sie ergriff seinen Arm, damit er ihren Ernst spürte. »Du musst Herbert dankbar sein. Wir leben von dem, was dein Vetter bei den Hüttenwerken Kayser verdient«, sagte sie. »Verstehst du?«

Danach erzählte sie kurz, wie es in der Welt aussah. Nicht mehr viel Arbeit in der Stadt. Hitler war tot, und sein Nachfolger hatte nicht das gleiche Kaliber. Von der Vision des Führers war nur noch die Ideologie übrig geblieben, das Feuer der Begeisterung sei erloschen. Das war die Wirklichkeit für Deutschland und die Bürger von Lünen.

 

Es kam die Zeit, in der Uwe sich mit seinem Schicksal abfand. Auf dem Dachboden hatte er seine Ruhe, die hübsche Frau aus der Mansardenwohnung gegenüber war schon lange gestorben. Das Haus weiter unten in der Straße war dem Erdboden gleichgemacht worden. Er sah Lastwagen mit Ziegeln, die wegfuhren, und neue, die ankamen. Er hörte den Lärm in den Straßen um sich herum.

»Was passiert da in der Stadt?«, fragte er manchmal. Und Sigrid erzählte von einer Kaserne, die gebaut wurde, von der Polizeiwache, die jetzt direkt hinter ihrem Haus lag, nachdem das Rathaus abgerissen worden war. Und tatsächlich sah er durch den Spalt hindurch die Streifenwagen hin- und herfahren, deren Martinshörner ganz anders klangen als früher. Er sah Autos, die plötzlich hinten spitzer wurden. Und wie die spitzen Hecks im Lauf der Jahre wieder rund wurden.

Uwe sah über die Dächer und fragte sich, warum das Böse, das ihm seine Freiheit genommen hatte, so lange in dieser Stadt hatte weilen können. Ein paarmal fragte er Sigrid, ob es nicht bald eine Möglichkeit gäbe, wegzukommen. Und jedes Mal antwortete sie, dass alle Ausfallstraßen aus der Stadt heraus kontrolliert würden.

»Du hast keine Papiere. Das überlebst du höchstens einen Tag.«

Und er sah, wie ihr Haar grau wurde und ihre Weiblichkeit langsam verschwand. Ja, selbst sein Vetter verlor den jugendlichen Funken in seinem Blick, Jahre vergingen, in denen die Geräusche lachender Menschen aus der Wohnung unter ihm vorbeigezogen waren.

»Mein kleines Mädchen ist Mutter geworden«, erklärte ihm Sigrid eines Tages.

»Dann bin ich eine Art Großvater«, sagte er und lächelte bei dem Gedanken. Darauf erwiderte sie nichts. Der Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, als er vor vielen Jahren von der Front gekommen war, war nicht wärmer geworden.

Und auf einmal lag das Leben hinter ihm. An einem Frühwintertag spürte er einen gewaltigen Stich im Herzen, den er nicht länger ignorieren konnte. Ihm war schwindelig, sein linker Arm zog bleischwer nach unten. Er rang nach Luft, und kurz bevor er in Ohnmacht fiel, warf er einen Blick auf seinen selbst gebastelten Kalender: der 2. November 2009.

Nach einem ganzen Leben auf dem Dachboden bin ich jetzt am Ende angekommen, dachte er.

 

Als er wenig später wieder zu sich kam, sah er sich verwirrt um. Taumelte zur Luke im Boden, hob sie an und versuchte, mit schwacher Stimme um Hilfe zu rufen. Unten lehnte die schmale Leiter an der Wand, unerreichbar für ihn. Daher musste er sich mit äußerster Kraftanstrengung durch die Luke zwängen, die Beine baumelten in der Luft. Als die Klappe über ihm zufiel, musste er loslassen, es waren circa anderthalb Meter bis zum Boden. Ein Sessel dämpfte seinen Fall, aber der Druck in der Brust war immer noch da. »Helft mir«, flüsterte er. Aber niemand kam.

Er erhob sich schwerfällig, stolperte aus der Dunkelheit in die Wohnung und sah sich verwundert um. Nichts war wie früher. Neue Farben, neue Tapeten an den Wänden, neue Möbel. Er glitt wie ein Schatten ins Wohnzimmer und erwartete eine gebrechliche Sigrid. Stattdessen sah er sie und den Vetter auf dem Sofa sitzen und auf ein Bild starren, das sich in einem großen schwarzen Kasten bewegte. Sie starrten ihn erschrocken an, während er den Blick durchs Zimmer schweifen ließ. Er sah das Foto von Sigrid im Brautkleid mit einem strahlenden Vetter an ihrer Seite. Und das Bild eines Mädchens, das seinem Vetter zum Verwechseln ähnlich sah. Ein unschuldiges Porträt, das ihn mit einem Schlag die Wahrheit sehen ließ.

Sie versuchten, ihn mit Drohungen auf den Dachboden zurückzuscheuchen, aber Uwe ließ sich auf einen Stuhl fallen, seine Hand landete schwer auf dem Beistelltisch. Der messerscharfe Brieföffner war noch immer der, den sein Vater ihm, Uwe, aus dem ersten großen Krieg mitgebracht hatte. Uwe nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn einen Augenblick. Dieser Brieföffner war wahrscheinlich das Einzige, was von seinem früheren Leben übrig geblieben war.

Wieder durchzuckte ein harter Schmerz seine Brust. »Ich sterbe bald«, sagte er leise.

Der Vetter flüsterte Sigrid etwas ins Ohr, das so klang, als wüsste er schon, wie man die Leiche entsorgen könnte. Dann stand er schwerfällig auf, sein Körper war der eines alten Mannes, er wollte sich etwas zu trinken holen.

Der Brieföffner lag schwer in Uwes Hand, als der Mann an ihm vorbei in die Küche ging.

Uwe versuchte, das Ausmaß des Betrugs zu erfassen. Dann stand er auf, trotz des Schmerzes, der seinen Körper zerriss.

Sigrid hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit, sich abzuwenden, bevor er ihr den Hals durchschnitt. Als sein Vetter mit einem Glas Wasser zurückkam, gab es auch für ihn kein Entkommen. Danach starrte Uwe auf das Blut am Boden, das zerbrochene Glas und die Gesichter der Toten, er dachte an das fremde Leben, das diese Menschen in dieses Heim gebracht hatten, das einmal das seine gewesen war. An sein Leben, um das man ihn einfach betrogen hatte.

Hier sollen sie nicht mehr sein, dachte er, und kurz bevor die Sonne aufging, schleppte er die Leichen mit letzter Kraft zum Fenster, hievte sie hinauf und ließ sie in die Tiefe fallen. Dann richtete er sich auf, nahm sich einen Mantel von der Garderobe im Flur, zog ihn an, ging die Treppe hinunter und trat an die frische Luft. Ja. Hier draußen wollte er sterben. Weder die Wohnung noch der Dachboden sollten zu seiner Grabkammer werden.

Er ging um die Ecke, stellte fest, dass die Leichen übereinander auf einem Lieferwagen lagen, und ließ seinen Blick an der Fassade entlang nach oben schweifen. Es sah im Großen und Ganzen wie früher aus, aber außen herum war alles anders. Straßen, Autos, Geräusche. Er senkte den Blick. 1918–1945 stand auf der Mauer. Oben, auf dem Denkmal in der Mitte, erkannte er ein verwischtes Hakenkreuz.

War das die Welt, vor der er sich so gefürchtet hatte? Eine Welt, die zuließ, dass jemand ein Hakenkreuz auf ein Denkmal schmierte, und obendrein noch verkehrt herum? Eine Welt, von der nichts von all dem zu erkennen war, was ihm in seiner Jugend einmal eingeredet worden war. Und alle Kraft verließ ihn. Jetzt konnte der finale Stich im Herzen kommen. Nein. Hier wollte er nicht sterben.

Er ging die Straße Richtung Zentrum entlang und sein Blick fiel auf eine Zeitung im Rinnstein. Ruhr Nachrichten. Es gab also doch noch Zeitungen. Auch das war eine Lüge gewesen. Er ging weiter und ließ sich durch eine Stadt treiben, die er nicht mehr kannte. Döner, Pizza stand da. High Society hieß ein Laden, irgendwas mit Händen und Nägeln. Nur die Persil-Uhr und das Hotel dahinter sagten ihm etwas, der Rest war ihm fremd. Hohe Häuser mit glatten Fassaden. Ein Glasturm, der sich über der Stadt erhob. Das Rathaus war nicht mehr an seinem Platz. Fremdartig gekleidete Menschen kamen ihm im Morgenlicht entgegen und sahen ihn lächelnd und leicht besorgt an. Einer fragte, ob er okay sei. Okay? Was für ein Wort war das?

Als die Stadtkirche auftauchte, spürte er wieder einen Stich in der Brust. Ein paar schläfrige Menschen diskutierten in der Vorhalle und bemerkten ihn gar nicht, als er durch die Tür in der Ecke trat und die Wendeltreppe hinaufstieg bis zum geheimen Raum hinter der Orgel. Dort setzte er sich neben den Blasebalg und träumte sich zurück zu dem mit Süße erfüllten Abend, als Sigrid ihn ein einziges Mal hatte näherkommen lassen. Dann schloss er die Augen.

 

Kommissar Bernd Schmidt war wochenlang mit dem Fall befasst. Aber es gab nichts, keinen einzigen Hinweis darauf, was das Rätsel der beiden Leichen hätte lösen können, nichts, was das Blut in der Wohnung erklären konnte, nichts, was ihn über die Fingerabdrücke auf dem Brieföffner zu dem Unbekannten hätte führen können. Eine Zeit lang geriet der Schwiegersohn des Paares in Verdacht, aber sein Alibi war in Ordnung, und so verlief die Sache im Sande. Bis zu dem Tag, an dem man bei einem Gottesdienst in der Stadtkirche von der Empore her einen sonderbar schweren, modrigen Geruch bemerkte. Es dauerte ein paar Tage, bis ein Kirchendiener sich aufraffte und in dem Blasebalgraum hinter der Orgel nachsah. Er fand die mumifizierte Leiche eines Mannes, der dort mit gefalteten Händen saß. Es war ein alter Mann. Niemand wusste, wer er war. Niemand hatte ihn je gesehen. Niemand vermisste ihn. Als ob er nie existiert hätte.

Xavier-Marie Bonnot
Die Femerichter von Ahlen

 

Deutsch von Tobias Scheffel

Im blassen Winterlicht tönten die Schritte von Georg Heinze durch die große Halle der Waschkaue. Er sah auf die Uhr. 10.18. Spät dran. Das machte ihn nervös. Er war müde, noch nicht richtig wach. An diesem Morgen war das Fahrradfahren schwerer gewesen als sonst, die Kette hatte gequietscht, die Schaltung bei jedem neuen Gang geknackt. Der tägliche Weg führte über die Abkürzung zwischen den Häusern mit den roten Dächern der alten Bergarbeitersiedlung hindurch über die lange Allee mit den rostbraunen Buchen zu den düsteren Gebäuden der Zeche.

Jeden Tag stellte Georg seinen Drahtesel neben dem gelben Tunnelbohrer ab, der auf dem Rasen ausgestellt war. Der Anblick des stählernen Ungeheuers mit den abgenutzten Zähnen ließ ihn immer an die Kumpel denken, die in den Eingeweiden der Erde geschuftet hatten. 2002 war die Zeche geschlossen worden, dem Jahr, in dem Georg Kulturreferent im Rathaus von Ahlen geworden war.

»Guten Tag, Georg«, sagte Beatrix, die Leiterin der Sammlungen.

Beatrix hatte einen knielangen beigefarbenen Rock und eine purpurrote Hemdbluse an. Sie trug ihr braunes Haar offen, und ihre haselnussbraunen Augen wurden durch dünne Kajalstriche zur Geltung gebracht.

Georg wich ihrem Blick aus. Er fand sie plötzlich verführerischer als je zuvor. »Guten Tag, Beatrix. Tut mir leid, aber bei dem Regen …«

»Nicht schlimm. Trinken wir einen Kaffee.«

An ihrem rechten Handgelenk funkelte ein Armband. Rote und grüne Edelsteine, in altes Gold gefasst. Es erinnerte an mittelalterlichen Schmuck von Bischöfen und Adligen.

»Ich habe dich noch nie mit diesem Schmuck gesehen«, sagte Georg. »Er ist sehr schön.«

»Es ist sehr alt«, antwortete sie und ließ das Armband über ihren Unterarm gleiten. »Ein Erinnerungsstück, das in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird.«

In seinen Jeans und der zu weiten Jacke fühlte Georg sich plötzlich zu groß, zu schmal, unrasiert und ungekämmt. Ohne es sich wirklich einzugestehen, empfand er sehr intensive Gefühle für Beatrix. Allein ihre Anwesenheit ließ ihn seinen tristen Alltag vergessen.

Seit Kurzem war sie Single, und er sagte sich, jetzt sei sicher ein guter Moment, sein Glück zu wagen. Er zögerte. Beatrix war seine Vorgesetzte.

Die nächste Ausstellung hatte die Wassernutzung an der Ruhr und in Westfalen zum Thema. Das letzte Modell, das gerade hergestellt wurde, zeigte die verschiedenen Etappen der Stadtentwicklung Ahlens entlang der Werse. Es zog sich durch die Waschkaue und die große Eingangshalle der ehemaligen Zeche. Auf der rechten Seite befanden sich das Lohnbüro und die ehemalige Buchhaltung, deren Architektur der Dreißigerjahre bewahrt worden war.

»Wie findest du es?«, fragte Beatrix, die Georg einen Kaffeebecher hinhielt.

»Nicht schlecht.«

»Der Teil, der sich mit der Gegenwart beschäftigt, ist noch nicht fertig, aber das Mittelalter finde ich sehr gelungen.«

Die Stadtmauern umschlossen die Hauptachsen, die ein nach Osten ausgerichtetes Kreuz bildeten. Zwei Kirchen prägten die Silhouette: St. Bartholomäus, die schöne, heruntergekommene ältere, und St. Marien, die strengere. Auf dem Marktplatz entdeckte Georg einen ungewöhnlichen Gegenstand.

»Was ist das denn?«, fragte er und hob den Blick zur Ausstellungsleiterin.

Doch Beatrix hatte sich schon abgewandt und war auf dem Weg in ihr Büro. Georg beugte sich über das Modell und streckte vorsichtig die Hand zur Mitte des Platzes aus.

»Eine schwarz-rote Anemone«, sagte er mit einem dunklen Schleier über der Stimme. »Die Hexenblume.«

Jahrelang hatte er keine mehr gesehen.

Rasch steckte er die Blume ein, als er Beatrix’ Absätze auf dem kalten Fliesenboden der Waschkaue klackern hörte.

 

Kommissar Manfred Burst von der Polizeiwache Ahlen hatte seine Jacke aufgeknöpft, als würde er trotz der Kälte ersticken. Er hatte alle seine Männer mobilisiert, um die Menge der Schaulustigen zurückzuhalten, die sich vor der Absperrung der Polizei versammelt hatte.

»Wir müssen Münster anrufen«, sagte er mit kalter Stimme zu Brocken, dem Beamten in Zivil, der neben ihm stand.

»Schon erledigt. Sie kommen.«

Die Leiche hing an der alten Linde, an einem armdicken unteren Ast, mit dem Gesicht zum Eingang von St. Bartholomäus. Ein Mann, etwa vierzig Jahre alt, von gewöhnlichem Äußeren, blond, blaue Augen, die noch von einem schwachen Lebensfunken beseelt schienen. Er trug eine Tweedjacke und eine granatfarbene Cordhose mit Bundfalten.

Der Brustkorb unter dem offenen, blutverschmierten Hemd wies acht Löcher auf, vier auf jeder Seite in zwei senkrechten, vollkommen symmetrischen Linien.

»Solche Verletzungen habe ich noch nie gesehen!«, sagte Burst.

Er hatte ein für sein Alter erstaunlich junges Gesicht, die Figur eines Sprinters und einen sauber gestutzten Schnurrbart. Seine Augen, die unaufhörlich in Bewegung waren, verrieten seine Nervosität. Tötungsdelikte kamen in Ahlen höchst selten vor; das letzte war unaufgeklärt. Ein abgetrennter Kopf im Sandkasten eines Spielplatzes im türkischen Viertel. Burst fürchtete um den guten Rang seiner Stadt in der Kriminalstatistik.

Das Team der Spurensicherung und Kommissar Kleinberg von der Kripo Münster trafen eine halbe Stunde später ein. Zwei Männer der Spurensicherung holten die Leiche herunter.

»Was ist das?«, fragte Kleinberg.

Am Revers der Jacke hing ein kleiner Zettel. Ein paar Sätze in gotischer Schrift.

 

Die Heilige Feme hat Klaus Hellerman gerichtet.
Die Femerichter haben ihn der Vergewaltigung schuldig befunden.
Das Todesurteil wurde auf der Stelle vollstreckt.

 

»Die Heilige Feme!«, sagte Kleinberg. »Kannst du damit was anfangen?«

»Nie gehört«, erwiderte Burst.

Kleinberg kniff die Lippen zusammen. »Sagt dir das Gesicht etwas?«, fragte er.

»Nein«, antwortete Burst. »Keiner kennt ihn, weder die beiden Zeugen, die ihn gefunden haben, noch die Leute, die wir befragt haben.« Er beugte sich über die Leiche. »Seltsam.«

»Was ist seltsam?«, fragte Kleinberg.

»Dieser Zettel.«

Kleinberg rieb sich das Kinn. »Natürlich. Wir schicken das ins Labor«, sagte er. »Damit beschäftigen wir uns später.«

»Mmm-ja«, murmelte Burst. »Klingt wie eine Sekte.«

»Ja und?«

Manfred Burst versuchte, ruhig zu bleiben. Kleinbergs Fragen hatten etwas Herablassendes, ja Verächtliches.

»Ich weiß nicht, vielleicht ist es ein Zeichen. Wie eine Serie, die sich ankündigt.«

Der Münsteraner Kommissar sah seinen Kollegen durchdringend an. »Ab sofort betrifft dieser Fall nur noch die Kripo Münster. Danke für eure Hilfe.«

 

Georg wartete, bis es Abend wurde. Jetzt, im Spätherbst, mischte sich der triste Himmel mit dem flachen Land, das sich zwischen Ahlen und Vorhelm erstreckte, einem Ahlener Vorort. An den krallenbewehrten Ästen der großen Bäume hier und da auf den Feldern bewegten sich ein paar trockene Blätter im Wind. Am Ende der Senke der Dorffelder Straße ließ Georg das Rad rollen und kam ein wenig zu Atem. Die Luft roch nach fetter Erde. Ein paar Krähen stritten sich um unsichtbare Beute. Hinter einem Wäldchen tauchten die ersten roten Backsteinhäuser auf. Georg schaltete und trat in die Pedale. Er wollte sich nicht von der Nacht überraschen lassen.

Er durchquerte das bereits in der Dämmerung liegende Vorhelm, fuhr weiter auf der Ennigerstraße Richtung Enniger und bog links in einen kleinen Weg zwischen flachen Weiden ein. Hinter zwei großen Eichen, deren Äste bis zum Boden reichten, lag versteckt der Ruland-Hof. Georg lehnte das Fahrrad an das immer offen stehende wurmstichige Tor und ging den Kiesweg zum Haus.

Mark Lang erwartete ihn an der Tür. Er trug einen dicken Pulli, an dem Heu hing und den er nur anzog, um das Vieh zu füttern. Georg und er hatten an derselben Uni Geschichte studiert und dieselben Examen abgelegt. Mark hatte sich entschieden, den Hof der Familie zu übernehmen, damit er »nicht in fremde Hände fällt«, wie sein Vater erklärt hatte.

»Guten Abend, Mark.«

Lang starrte Georg mit seinen großen, kalten blauen Augen an. Er hatte einen Dreitagebart, der sein asketisches Gesicht noch markanter machte.

»Du wirkst, als wärst du nicht ganz auf der Höhe. Genauso hast du immer ausgesehen, wenn dir eine Französischklausur bevorstand. Stimmt was nicht?«

Georg holte Luft und ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Zwei hohe, vom Alter dunkel gewordene barocke Schränke standen rechts und links von einem verschlissenen Sofa.

»Wir sind allein«, sagte Mark, der die Verwirrung seines Freundes bemerkt hatte.

»Man hat einen Erhängten gefunden …«, begann Georg.

»Das kam im Radio, bevor du gekommen bist.«

Georg legte die schwarz-rote Anemone auf den groben Holztisch, der in der Mitte des Zimmers thronte.

Mark warf einen Blick darauf und ging dann zum Fenster. Die Eschen neben dem Bach wirkten wie schwarze Schildwachen. Der Himmel war nur noch ein unbestimmter Schimmer.

»Die Hexenblume«, murmelte Mark. »Die Walpurgisnacht, der Hexenberg …« Sein Gesicht spiegelte sich in seltsamen Wellen auf den Fensterscheiben. Er schwieg lange. Auf der Landstraße fuhr ein Auto vorbei, die Lichtbündel der Scheinwerfer strichen über die weite kalte Erde.

»Wo hast du die Blume gefunden?«, fragte Mark.

»Auf dem Modell, an dem wir arbeiten. Sie lag exakt an der Stelle, an der man die Leiche entdeckt hat.«

»Du weißt, was das bedeutet, nicht?«

Georg senkte den Kopf. »Ja …«

 

»Klaus Hellerman«, sagte Burst und hielt seinem Assistenten Brocken das Blatt hin.

»Kommt das aus Münster?«, fragte Brocken und machte große Augen hinter seinen eckigen Brillengläsern.

»Ja, das ist alles, was sie gefunden haben.«

»Ist ja schon mal nicht schlecht.«

Burst las die Informationen: »Mehrfach verurteilt. Sechs Jahre Haft wegen Vergewaltigung. Wiederholungstäter. Letztes Ermittlungsverfahren vor ein paar Monaten, eingestellt.«

»Kein Grund für die Todesstrafe.«

»Sicher, aber es gibt viele Leute, die denken, das sei die einzige Lösung und die Justiz sei zu lax.« Bursts Blick wanderte lange über den Stadtplan von Ahlen, der ihm gegenüber an der Wand hing. »Es ist jemand von hier – einer oder mehrere. Er trägt eine Signatur.«

»Woher weißt du das?«

»Ich spüre es … jemand, der wissen konnte, dass Hellerman aus der Haft entlassen worden war.«

»Wo wohnte er?«, fragte Brocken.

»Bei seiner Mutter, in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Wir fahren da hin!«

»Und Kleinberg? Und die Kripo Münster?«, fragte Brocken.

»Wir werden ihnen zeigen, dass wir keine Hilfspolizisten sind.«

Sie fuhren zur alten Bergarbeitersiedlung. Frau Hellerman wohnte am Ende eines von reifüberzogenen Rosen gesäumten Weges. Man musste durch ein bogenförmiges Portal und an einem kleinen Rasenstück vorbeigehen, bevor man zu ihrer Tür kam, an der noch Weihnachtsschmuck hing.

Burst klingelte. Nach einer Minute öffnete die alte Hellerman, noch im Schlafrock, eine Zigarette zwischen den toten Lippen. Sie hatte kleine grüne Augen, die kaum aus ihrem grauen Gesicht hervortraten.

»Ihr Sohn wurde ermordet«, sagte Manfred Burst, nachdem er sich vorgestellt hatte.

Linda Hellerman erstarrte für ein paar Sekunden. »Das musste ja so kommen!«, schimpfte sie dann und trat zur Seite, um die Polizisten eintreten zu lassen. »Er war ein Nichtsnutz!«

Burst ging nicht darauf ein und hustete in die Faust, während er seinem Kollegen einen betretenen Blick zuwarf.

»Könnten wir einen Blick auf seine Sachen werfen?«

»Kein Problem. Sie können sogar alles mitnehmen, soll ihn doch der Teufel holen. Da wird er übrigens schon sein, während ich mit Ihnen rede.«

»Haben Sie schon einmal etwas von der Heiligen Feme gehört?«

Die Mutter von Hellerman schüttelte den Kopf.

»Oder von Femegerichten?«

»Nicht das Geringste.« Sie deutete mit einer Kinnbewegung in den dunklen Flur. »Wenn Sie sein Zimmer sehen wollen …«

Das Haus stank nach kaltem Rauch. Die Tapeten waren dreckig. Burst öffnete die Tür. Schweißgeruch überfiel ihn. Fenster und Läden waren geschlossen. Ein kleiner wackliger Schreibtisch stand gegenüber einem Einzelbett, auf dem ein nicht ganz sauberes himmelblaues Federbett lag. An den Wänden Poster von nackten Frauen, die mit obszönen Zeichnungen übermalt waren.

»Sieh mal im Schreibtisch nach«, sagte Burst zu Brocken. »Ich kümmere mich um den Schrank.«

In den Schreibtischschubladen befand sich nur Uninteressantes: ein alter Strafzettel, ein Kalender der Ahlener Feuerwehr und Pornomagazine.

»Nicht gerade ein Intellektueller!«, bemerkte Brocken.

Burst richtete sich auf, einen blutbefleckten Schlüpfer in der Hand. »Himmel, Arsch und Zwirn«, fluchte er.

Brocken verzog angewidert das Gesicht.

»Das muss ins Labor geschickt werden.«

 

»Die Justiz der Femegerichte ist erbarmungslos«, knurrte Mark und sah auf das alte Buch auf dem Tisch. Die Bindung aus groben Fäden war brüchig, der Rücken wurmstichig.

»Woher stammt das?«, fragte Georg.

»Aus den Archiven des Erzbistums Münster. Die Heilige Schrift! Eine Inkunabel aus dem 15. Jahrhundert!«

Georg musterte das Buch eine ganze Weile. Ihm war, als würde sein Geist endlich etwas klarer sehen.

»Was machst du damit?«

»Oh … Ich belebe meine alte Liebe neu! Das Bistum hat mich um eine Arbeit über das Neue Testament gebeten. Ein paar Kommentare zur Übersetzung der Offenbarung des Johannes.«

Mark hatte sein Studium mit einer Dissertation über die Religion in den Hansestädten des Spätmittelalters abgeschlossen. Er war sehr gläubig geblieben. Georg fand ihn manchmal fundamentalistisch. Religion war ein Thema, das er nie anschnitt.

»Nach dem, was sie heute im Radio gesagt haben«, bemerkte Georg, »muss bei der Hinrichtung von diesem Hellerman eine Eiserne Jungfrau verwendet worden sein.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich habe mir die acht Löcher nicht ausgedacht.«

Mark sah ihn intensiv an.

»Ich versteh das nicht«, sagte Georg. »Die Heilige Feme ist vor Jahrhunderten verschwunden!«

Mark schlug die alte Bibel auf und beobachtete ihn unbestimmt. »Vielleicht, aber Ungerechtigkeit gibt es noch immer. Erinnere dich an unser Studium. Wenn in Westfalen die Autorität der Mächtigen ins Schwanken geriet, mussten doch andere die Justiz übernehmen. Du weißt, wo sie sich hier getroffen haben?«

»Ja, am Heimann-See.« Georg spürte, wie ihn eine gewaltige Welle der Verzweiflung hinwegschwemmte. Er erinnerte sich des Schwurs, den die Femerichter leisteten, die Hand auf die Heilige Schrift gelegt. Ein Schwur, der es ihm kalt den Rücken hinunterlaufen ließ.

 

»Die Frage ist einfach«, knurrte Burst. »Der- oder diejenigen, die Hellerman getötet haben, kannten seine Verbrechen.«

Brocken schwieg nachdenklich. Es hatte zu regnen begonnen. Ein Streifenwagen stand auf dem kleinen Parkplatz der Polizeidienststelle.

»Ich habe über die Heilige Feme nachgeforscht. Das waren Parallelgerichte gegen Ende des Mittelalters. In Unruhezeiten ersetzten sie die offiziellen Gerichtshöfe.«

Burst zögerte. Er interessierte sich mehr für objektive Tatsachen als für eine Signatur, die nur der Wahn eines Verrückten sein konnte.

»Ist Hellermans Handy gefunden worden?«, fragte er.

»Nein.«

»Dann sollten wir eine Ortung beantragen.«

»Ich kümmere mich drum«, sagte Brocken. »Seine Mutter hat mir die Nummer gegeben.«

 

Am Spätnachmittag wurde Hellermans Handy geortet.

»In der Zeche!«, rief Burst. »Wir fahren hin und nehmen mein GPS.«

Der Regen war stärker geworden und fiel in langen schrägen Strichen. Die beiden Polizisten durchquerten die ehemalige Bergarbeitersiedlung, die im ersterbenden Tag wegdämmerte. Burst hielt an einem türkischen Imbiss an, um sich einen Döner zu kaufen. Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen.

»Wir werden da ganz sachte rangehen«, sagte er, als er wieder ins Auto stieg. »Vielleicht wurde das Handy von einem Angestellten des Museums gefunden. Von jemandem, der möglicherweise überhaupt nichts mit dem Verbrechen zu tun hat.« Er biss herzhaft in seinen Döner, aus dem die weiße Soße tropfte.

Die Buchenallee, die zur Zeche führte, lag bereits in Dunkelheit. Aus der großen Fensterfront der Waschkaue fiel grelles Licht auf den Parkplatz. Die Angestellten waren bereits gegangen. Nur noch eine Putzfrau war da, die ihren Wagen mit Besen und Eimern in Richtung Lohnbüro und Buchhaltung schob.

»Das GPS sagt, ein bisschen weiter östlich«, sagte Brocken.

»Hast du Vertrauen in dein Ding da?«

»Absolut.«

Brocken begab sich geradewegs auf die gläsernen Trennwände zu, die die Büros der Ausstellungsleiter voneinander abteilten.

»Auf einen Meter genau befindet sich Hellermans Handy hier, in diesem Büro.«

Die Glastür war verschlossen, über der Klinke war ein kleines Messingschild angebracht.

 

Beatrix Völler
Direktorin

 

»Ich frage die Putzfrau nach dem Generalschlüssel«, sagte Brocken.

Zwei Minuten später kam er mit einem Schlüssel zurück.

»Gleich haben wir Gewissheit«, bemerkte er, als er die Tür öffnete.

Das Büro war perfekt aufgeräumt, der Stuhl gegen den Schreibtisch geschoben. An den Wänden hingen Fotos von Modellen für eine Ausstellung, die Beatrix in der Ahlener Innenstadt organisiert hatte.

Brocken zog eine Schublade auf. »Bingo!«, rief er, streifte seine Latexhandschuhe über und legte das Handy behutsam auf die Schreibunterlage.

 

Georg lehnte sein Fahrrad gegen eine große Esche am Ufer des Heimann-Sees und näherte sich im Schutz einer Hecke so gebückt wie möglich, um nicht gesehen zu werden, dem Hof, der sich rechts befand.

Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes erhellte schwaches gelbliches Licht die Fensterscheiben. Georg lauschte lange. Er hörte nur unverständliches Gemurmel. Auf der Warendorfer Straße hielt ein Auto. Zwei große, maskierte Männer stiegen aus. Die Haustür ging auf, ein Mann mit Kapuze und in einer langen Kutte wie die eines Mönchs empfing die beiden Besucher. Keine Worte, nur ein Händedruck, dann schloss die Tür sich wieder.

Georg setzte sich auf die kalte Erde und dachte einige Minuten nach.

Im ausgehenden Mittelalter hatten sich in diesem unauffälligen Gebäude abseits von Ahlen die Femerichter versammelt. Als Student hatte er mehrere Todesurteile entziffert, die hier vom Gericht der Heiligen Feme ausgesprochen worden waren. Die Urteile waren danach vor St. Bartholomäus veröffentlicht worden. Die Geheimrichter tagten um einen Steintisch mit dem kaiserlichen Adler unter der großen Linde, der Femelinde, von der ein Schössling gewachsen war. Die Strafen waren niemals geringer als die Todesstrafe.