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© 2010 by GRAFIT Verlag GmbH
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Alle Rechte vorbehalten.
eISBN 978-3-89425-812-2

Inhalt

Die Personen

Schock im Schloss

Bildungsurlaub

Alles paletti in der Backstube

Krank im Inselurlaub

Mailbox und Migräne

Theater um ein schreckliches Video

Die Kämmerin hängt auf der Insel

Ein gewolltes Feuer und ein ungewolltes Haushaltsloch

Eine praktische Amnesie

Ein nagelneuer Kandidat

Der Gesang der Lerche

Ein Kommissar muss auch mal schlafen

Rettungswagen und ein pfiffiger Hausmeister

Naschkatzen leben gefährlich

Ausgetretene Pfade

Pendeln hilft nicht immer

Briefe voll Liebe und Hass

Allerhand lebende Haustiere

Eine Poularde und ein Vögelheim

Liebe Grüße zum Geburtstag

Epilog

Die Autorin

Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitet als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Seitdem stellte sie neunzehn Mal ihre Schlagfertigkeit unter Beweis.

Zwischendurch wagte die Autorin einen Ausflug in die Historie: Leichentuch und Lumpengeld spielt im Vormärz und steht den Grappa-Krimis in Sachen Witz und Ironie in nichts nach.

www.gabriella-wollenhaupt.de

Zitat

Im großen Pflanzenwuchsgetriebe
Des Lebensackers ist kein Kraut,
Das so viel Gift zusammenbraut,
Als langsam abgedorrte Liebe.

Wilhelm Jensen (1837–1911)

Die Personen

Anton Brinkhoff − ist handwerklich begabt

Caroline von Fuchs − hat ein Herz für Tiere

Maria Grappa − zweifelt bis zuletzt

Simon Harras − ist ganz der Alte

Peter Jansen − will sich verändern

Friedemann Kleist − hat es schwer

Wolfgang Lerchenmüller − mag süße Sachen

Lara Lindenthal − hat keine Gewissensbisse

Wayne Pöppelbaum − schießt immer noch scharf

Abel Ritter − macht Dienst nach Vorschrift

Sarah, Susi, Stella − sind die Seelen vom Ganzen

Anneliese Schmitz − bekommt ungebetenen Besuch

Patrick Sello − spielt gern Theater

Richard Sello − versteht zu spät

Margarete Wurbel-Simonis − sucht die Lebensmitte

 

Die Chatter

− Keusche-Braut

− LostHope

− Nimmmich16

− Paranoia

− RichterAdam

− Tussi-de-Luxe

− Venus

− Viper

− Wurstbrot

Schock im Schloss

Ich erinnere mich noch genau. Es war der Montag nach einem wunderbaren Wochenende, das wir ganz entspannt verbracht hatten. Mein Frühstücksgast mochte sein Spiegelei von zwei Seiten gebraten. Gerade als ich es auf dem Bratenwender balancierte, schlug mein Handy Alarm. Der Klingelton signalisierte, dass der Anrufer auf meiner Freundesliste stand.

»Gehst du mal bitte dran?«, sagte ich.

Friedemann Kleist griff nach dem Apparat, der auf dem Küchenschrank lag. »Hier bei Maria Grappa«, hörte ich ihn sagen. Inzwischen war es mir gelungen, das Ei zu wenden.

»Pöppelbaum!« Kleist reichte mir das Mobiltelefon.

Ich stellte die Kochplatte aus.

»Na? Mal wieder ganz mit Privatleben beschäftigt?«, fragte der Bluthund.

»Geht dich das etwas an?«, erkundigte ich mich zuckersüß. »Was gibt es? Ich hab heute frei.«

»Na dann, einen schönen Tag.«

»Nun sag schon!«

»Geiselnahme. Im Schloss Waldenstein.«

Ich warf einen kurzen Blick auf Kleist. Er hatte sich hinter dem Bierstädter Tageblatt versteckt.

»Erzähl mehr!«, bat ich. Nur nicht zu viel fragen, dachte ich, sonst verwandelt sich mein Gast gleich wieder in den Kommissar.

»Genaues weiß man nicht«, sagte Pöppelbaum. »Die Bullen sperren gerade alles ab. Das Spezialkommando ist angefordert und es wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Das haben wir bestimmt mal wieder diesem verdammten Kleist zu verdanken!«

Ich schluckte. Warum wusste der gerade Verdammte nichts von der Sache? Dann erinnerte ich mich. Er hatte sein Handy gestern Abend abgestellt, denn wir wollten es uns gemütlich machen. Auch er hatte ein paar freie Tage.

»Wo treffen wir uns?«, fragte ich.

Kleist ließ die Zeitung sinken und fixierte mich mit leisem Amüsement. Ich wusste genau, was er dachte. Dass wir beide nicht wirklich in der Lage waren, unsere Arbeit zu vergessen.

Pöppelbaum schlug den Parkplatz einer Gaststätte vor, eines Ausflugslokals, das sich in der Nähe des Internates befand. Ich versprach, so schnell wie möglich dorthin zu kommen.

»Tut mir leid«, seufzte ich. »Du solltest dein Handy einschalten. Es müssten einige Anrufe drauf sein. Es gibt eine – wie nennt ihr das? – Bedrohungslage.«

»Wir beide haben aber doch frei«, lächelte er. »Hast du mir gestern Abend nicht erzählt, dass jeder Mensch ersetzbar ist und man die eigene Bedeutung überschätzt?«

»Stimmt. Aber diese Geschichte kann ich nicht auslassen.«

»Dann viel Vergnügen.« Der leitende Hauptkommissar der Bierstädter Kripo machte keine Anstalten, sich vom Frühstückstisch zu entfernen.

»Ich bin dann mal weg«, kündigte ich an. »Man sieht sich. Du kannst mein Spiegelei haben. Aber dreh es erst auf die andere Seite. Du magst doch keine Weicheier.«

»Ich werde den Kampf mit den Eiern mannhaft bestehen, liebe Maria.«

Irgendwie wirkte er aufmüpfig.

 

Ich schenkte mir das Make-up, setzte eine Sonnenbrille mit großen Gläsern auf und stieg in mein Cabrio. Mühsam sprang der Motor des alten Wagens an – bald war wohl ein neueres Modell fällig. Der Gedanke, mich von dem Schwarzen zu trennen, tat weh – ich liebte jede Macke im Lack und störte mich nicht im Geringsten daran, dass der elektrische Dachheber immer lahmer wurde. Der Wagen begleitete mich seit zehn Jahren und hatte inzwischen – genau wie ich – einige Wehwehchen und Blessuren.

Während der Fahrt wählte ich Pöppelbaums Handynummer.

»Ich konnte eben nicht reden«, sagte ich. »Wer hat wen als Geisel genommen?«

»Ein Schüler seine Klasse. Mehr ist noch nicht bekannt.«

»Wie nah kommst du an das Gebäude ran?«

»Vergiss es. Mit einem Zoom kannst du gerade mal ein bisschen Gemäuer sehen. Die Kamerateams fluchen wie die Teufel. RTL wollte einen Heli chartern, doch der kriegt keine Flugerlaubnis.«

»Und was knattert da im Hintergrund?«

»Die Polizeihubschrauber«, antwortete der Bluthund. »Übrigens ist eine Pressekonferenz vor Ort angekündigt. In einer halben Stunde.«

»Dann bin ich da«, kündigte ich an. »Fotografier alles, was sich bewegt, und …«

»… alles, was sich nicht mehr bewegt«, vervollständigte Pöppelbaum meinen Satz. »Wer war denn eben der Mann in deiner Hütte?«

Ich beendete das Gespräch.

Was wusste ich über Schloss Waldenstein? Eigentlich nur, dass es ein Internat war, in das reiche Eltern ihre Kinder schickten, damit sie das Abitur bestanden. Ein Gymnasium mit Hotelbetrieb, Restaurant, Sportanlagen und Reitstall. Altes Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert, umgeben von einem Park. Das Ganze mitten in einem Wald. Die Waldensteiner waren bislang publizistisch unauffällig geblieben – wenn man von einem Schwelbrand, der alljährlichen Theateraufführung zu Weihnachten und einem Reitturnier absah. Irgendwann hatte ich mal gelesen, dass eine Schülerin einen bundesweiten Wettbewerb gewonnen hatte. Sie hatte auf die Fragen, wann zum ersten Mal ein Herz transplantiert und der Gummireifen erfunden worden war, die richtigen Antworten gegeben.

Mehr wusste ich nicht. In diesen Zeiten, in denen sechzigtausend Menschen in Bierstadt von Hartz IV lebten, interessierte ein knappes Hundert Sprösslinge gut betuchter Eltern erst einmal niemanden.

Blaulicht blitzende Polizeiwagen überholten mich aufgeregt. Hubschrauber dröhnten in der Luft. Noch drei Kilometer bis zu dem Parkplatz, auf dem ich mit Pöppelbaum verabredet war.

Ob Kleist wirklich seelenruhig die Spiegeleier verputzte, die Zeitung zu Ende las und sein Handy standhaft ignorierte?

Die Zufahrt zu der Gaststätte war frei zugänglich. Ich hatte mein Auto gerade erst auf den Parkplatz gelenkt, als Pöppelbaum schon auf mich zukam.

»Ich hab da eine Idee«, überfiel er mich.

»Lass mich erst mal aussteigen!« Ich blickte mich um. Von hier aus war das Schloss nicht zu sehen – hohe Bäume versperrten die Sicht.

»Ich hatte früher mal ein Mädel hier. Katharina. Tochter von so einem Brauereifritzen aus dem Sauerland. Die lebte im Schloss.«

»Und? Die muss doch inzwischen fünfunddreißig sein«, meinte ich. »Oder versucht sie noch immer, das Abi zu schaffen?«

Der Bluthund grinste. Neuerdings trug er das Haar kurz und gegelt und warf sich gern in einen Wildhüter-Look mit kakifarbenen Hosen.

»Um zehn Uhr abends mussten die Insassen im Schloss sein«, berichtete er weiter. »Aber Kathy und ich wollten uns in der Nacht zum Knutschen treffen. Also suchten wir einen Weg, wie ich heimlich ins Schloss gelangen konnte. Es ist nie was aufgefallen und wir hatten auf unserer Parkbank manch heiße, romantische Stunde.«

»Wayne! Das hört sich nach Endzeitgesabbel eines Kerls an, der in die Midlife-Crisis stolpert«, stellte ich fest. »Verschone mich bitte mit weiteren Details.«

»Warum musst du immer so grob sein?«, klagte er. »Vielleicht gibt es den Weg von damals noch. Wir könnten versuchen, ihn zu finden. Dazu müssen wir durch den Wald. Und wenn die Lücke in der Mauer noch besteht, sind wir ruck, zuck am Schloss.«

»Zuerst hören wir uns mal an, was der Einsatzleiter zu verkünden hat.« Ich schaute auf die Uhr. »Die Pressekonferenz beginnt gleich. Los.«

Den Weg bis zum Schloss gingen wir zu Fuß. Während wir liefen, rief ich Peter Jansen an und teilte ihm mit, dass ich an der Sache dran sei.

»Der freie Tag verfällt nicht, Grappa«, versprach er. »Und danke, dass du uns nicht hängen lässt. Ich selbst muss jetzt ins Rathaus. Es ist eine Haushaltssperre verhängt worden, weil im Etat ein Loch klafft. Hundert Millionen. Und keiner will es gewusst haben.«

 

Die Polizei hatte Zäune aufgestellt und Sperrbänder gezogen. Sie ließ nur Journalisten auf das Gelände. Presseausweis war Pflicht.

»Ich will rein!«, schrie eine Frau. »Meine Tochter ist da drin. Lassen Sie mich los!«

Sie trat einen der Beamten gegen das Schienbein. Der Mann packte sie an den Armen, erstickte so ihre Bewegungen. Die Mutter schluchzte zum Erbarmen und wurde weggeführt. Pöppelbaum fotografierte die Sache. Bestens. Verzweifelte Angehörige machen sich immer gut in der Zeitung.

Nun wurden wir kontrolliert. »Der Pressewagen steht fünfzig Meter weiter auf der rechten Seite.«

Ich nickte. Die mobile Pressestelle der Bierstädter Kripo war mir bekannt. Über uns machte ein Polizeihubschrauber Anstalten zu landen. Der Wind fuhr mir in die Frisur und unter die Jacke.

Pöppelbaum hielt drauf. Mit der Fotokamera und der Sony. Die Fotos für das Tageblatt und die bewegten Bilder für den WDR.

Der Heli hatte nun auf dem Schulhof aufgesetzt und die Tür öffnete sich. Friedemann Kleist sprang heraus, begleitet von zwei weiteren Beamten. Ich grinste. So viel zum Thema ›Jeder Mensch ist ersetzbar‹, dachte ich.

Der Leiter der Polizeipressestelle hatte bereits einige Kollegen um sich versammelt – Kameras und Aufnahmegeräte waren in Position gebracht.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, begann der Sprecher. »Wir haben es mit einer außergewöhnlichen Situation zu tun.«

In diesem Augenblick trat Friedemann Kleist hinzu. Der Pressestellenleiter stutzte, doch Kleist deutete mit einem Kopfnicken an, dass er weitermachen sollte.

»In der Schule gibt es eine Geiselnahme. Es handelt sich um einen Deutschkurs der Klasse 11. Vermutlich hält seit Beginn der ersten Stunde einer der Schüler die Lehrerin und seine fünfzehn Klassenkameraden mit Waffengewalt fest.«

»Haben Sie Kontakt zu dem Geiselnehmer?«, fragte ein TV-Kollege.

»Die Lage ist unübersichtlich«, wich der Pressemann aus. »Aber wir sind zuversichtlich, bald einen Kontakt herstellen zu können.«

»Haben die Schüler denn keine Handys?«, wollte ich wissen.

»Natürlich. Aber die müssen sie vor Unterrichtsbeginn abgeben«, sagte ein junger Mann mit braun gebranntem Gesicht, der sichtlich erschüttert war.

»Das ist Friedrich Schubert, der Vertrauenslehrer des Internates«, erläuterte der Pressepolizist.

»Wer hat die Polizei gerufen?«

»Der Direktor hat uns alarmiert, nachdem ihm die Lehrerin das Codewort für die Geiselnahme durchgegeben hatte.«

»Die Lehrerin hat telefoniert?«, fragte ich ungläubig.

»Wie sie die Warnung durchgegeben hat, weiß ich nicht.«

»Gibt es irgendwelche Forderungen?«, fragte ein Kollege.

»Ich sagte schon: Wir haben noch keinen Kontakt.«

»Wie wollen Sie vorgehen? Wie sieht Ihre Taktik aus?« Der Radioreporter hielt dem Sprecher das Mikrofon unter die Nase.

»Es handelt sich hier um eine erste Information. Über die Taktik werden wir jetzt beraten.« Er schaute zu Friedemann Kleist. Der nickte kaum merklich.

»Wir bitten Sie um Zurückhaltung. Versuchen Sie nicht, an das Gebäude heranzukommen. Die Schüler und Lehrer, die nicht von der Geiselnahme betroffen sind, haben das Schulgelände verlassen. Danke für Ihr Verständnis.«

Die Beamten zogen sich in den VW Bulli zurück. Ich fing einen Blick des Hauptkommissars auf. Er lächelte. Ja, wir waren beide Rennpferde, die losgaloppieren müssen, wenn sie die Bahn vor sich sehen.

 

»Okay, wir versuchen es«, raunte ich Pöppelbaum zu. »Mehr als zurückschicken können sie uns ja nicht.«

»Das Schloss hat auf der Rückseite den Park und daran grenzt der Wald«, erklärte Pöppelbaum. »Zumindest war das damals so. Der Park ist eingezäunt, doch gibt es einige Stellen, an denen man durchschlüpfen kann.«

Durchschlüpfen? Ich sah an mir herab. Müsste gehen, dachte ich. Gut, dass ich mich nicht aufgebrezelt hatte. Flache Schuhe, ein mutiges Herz und ein kleiner Rest von Beweglichkeit würden zum Erfolg führen.

»Was ist denn los, Grappa? Du kommst schon noch durch eine Lücke im Zaun. Oder hast du Rücken?«

»Rücken hab ich fast immer«, gab ich zu. »Aber es wird gehen. Warum schwinden im Alter die Kräfte und die Lust, sich zu bewegen?«

»Erzähl nichts! Du warst schon immer ein faules Stück«, grinste Pöppelbaum.

Über unseren Köpfen kreiste wieder ein Polizeihubschrauber.

»Der passt auf«, stellte der Bluthund mit Blick nach oben fest. »Wir müssen ihm ein Schnippchen schlagen.«

»Und wie?«

»Ein Stück weiter die Straße hoch gibt es einen Feldweg, der in den Wald führt und von oben nicht einsehbar ist. Am Ende lassen wir den Wagen stehen und schleichen uns dann ran. Hast du irgendwas für deinen Kopf? Deine roten Haare sieht man ja vom Weltraum aus.«

»Nun übertreib mal nicht.«

Wir nahmen mein Auto, aber der Knipser fuhr, weil er die Gegend kannte.

Er musste warten, bevor er den Parkplatz verlassen konnte. Ein roter Reisebus fuhr vorbei, gefolgt von einem Sattelschlepper mit einem roten Absetzcontainer.

»Die Feuerwehr bereitet sich auf einen Großeinsatz vor, wie man sieht«, bemerkte Pöppelbaum trocken.

»Hoffentlich werden die Sachen nicht gebraucht«, kommentierte ich.

Der Heli kreiste weiter über uns. Nun kamen uns drei dunkle Kleinbusse mit getönten Scheiben entgegen. Sie hatten Blaulicht gesetzt, fuhren aber ohne Martinshorn.

»Das ist das SEK, wird auch Zeit – schade, dass wir deren Ankunft nicht ablichten können. Macht sich immer gut, so schön martialisch.« Pöppelbaum war mal wieder ganz das professionelle Auge.

Er reduzierte die Geschwindigkeit und bog scharf rechts ab – in einen Weg, der nur für landwirtschaftliche Fahrzeuge zugelassen war. Beherzt lenkte er den Wagen über die Schlaglöcher.

»Bisschen sanfter bitte! Du ruinierst mein Baby«, maulte ich.

»Irgendwie hat sich hier alles verändert«, meinte der Bluthund. »Der Wald kommt mir ganz anders vor.«

»Pflanzen haben die Angewohnheit zu wachsen«, entgegnete ich.

»Hier müsste es sein.« Der Weg wurde immer schmaler. Irgendwann war er zu schmal. Der Wagen blieb stehen.

»Dann mal los.«

Pöppelbaum packte seine Gerätschaften und wir marschierten los. Ich versuchte, mir die Strecke zu merken. Ein krumm gewachsener Baum auf der rechten Seite des Pfades, die Schneise auf der linken Seite und der gefällte Baumstamm, der über und über mit Moos bedeckt war.

»Wir werden uns verlaufen«, prophezeite ich. »Und irgendwann finden sie unsere Leichen – von Rehen angefressen. Oder von Wildschweinen.«

»Du spinnst, Grappa!« Pöppelbaum drückte einen breit gewachsenen Busch auseinander. »Wusste ich es doch. Hier ist es!«

Wir standen vor einer Mauer. Sie schien bröckelig. Wo Steine fehlten, war mit Maschendraht geflickt worden.

»Alles zu«, stellte ich fest. »Und zu hoch, um drüberzuklettern. Jedenfalls für mich.«

»Warte mal.« Pöppelbaum rüttelte an den Steinen. Und tatsächlich – sie bewegten sich. Er zog einige heraus und ließ sie auf den Boden fallen. Nach zehn Minuten war die Lücke in der Mauer groß genug, um uns beide durchzulassen. Den Maschendraht schob der Knipser beiseite.

»Und jetzt hier lang.«

Ich folgte.

»Schon wieder ein Zaun«, murrte ich kurz darauf.

Ein mannshoher grüner Maschendraht versperrte uns den Weg.

»Der ist neu. Aber leicht zu überwinden.« Der Fotograf zog ein Werkzeug aus der Tasche – eine Kombination aus Zange, Seitenschneider, Schere, Säge, Messer und Korkenzieher. Pöppelbaum fackelte nicht lange. Er knipste einen Draht an der Oberkante durch und zog ihn dann Reihe für Reihe nach unten aus dem Geflecht heraus. Es entstand ein Spalt.

»Das machst du ja wie ein geübter Gartenschreck«, bewunderte ich ihn.

»Auf diese Weise kann man den Zaun leicht wieder zumachen, Grappa.«

»Das ist trotzdem Hausfriedensbruch«, meinte ich und zwängte mich durch die Zaunlücke. »Oder Schlossfriedensbruch.«

»Seit wann bist du so zimperlich?«, griente er. »So, jetzt sind wir schon im Park. Wir laufen ein Stück geradeaus und dann rechts über den Rasen. Für einige Momente sind wir dann von oben und vom Haus aus zu sehen, also müssen wir rennen. Schaffst du das?«

»Am besten, du trägst mich«, schlug ich vor.

Er schnaubte verächtlich.

Eine Lautsprecherstimme übertönte alles: »Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei. Bitte bewahren Sie Ruhe. Bitte nennen Sie Ihre Forderungen.«

Wir blieben zunächst im Schatten der Büsche, erreichten dann den Rasen. Die hellgrüne Fläche wurde von Rhododendren gesäumt und war so eben, wie mit der Nagelschere geschnitten. Vor uns befand sich die Rückseite des Schlosses. Ich musterte die Fenster. Keine Bewegungen, keine Schatten oder gar Gestalten.

»Das Klassenzimmer, in dem die Geiselnahme stattfindet, ist vielleicht auf der anderen Seite«, überlegte ich. »Das erhöht unsere Chance, nicht bemerkt zu werden.«

Pöppelbaum filmte, tauschte den Chip der Kamera aus und versteckte ihn im Saum seiner Jacke.

»Sicher ist sicher. Siehst du den Schuppen da?« Er deutete auf ein kleines, steinernes Häuschen, das einer zu groß geratenen Hundehütte ähnelte. »Darin verkriechen wir uns erst mal. Und jetzt los!« Er stürmte über den Rasen, ich hinterher – nicht nach rechts, links oder gar nach oben schauend. Als ich unser Ziel erreicht hatte, schnappte ich nach Luft und musste feststellen, dass das Häuschen schon belegt war.

»Hallo, Maria.« Friedemann Kleist schaute mich strafend an. Er war in Begleitung eines Kollegen. Beide trugen schusssichere Westen und Helme.

»Du hier?«, stotterte ich. »So ein Zufall.«

Pöppelbaum blieben die Worte im Hals stecken.

»Könntet ihr zwei bitte mal aus der Schusslinie gehen?«, fragte der Hauptkommissar.

»Da oben ist doch nichts«, entgegnete ich.

»Doch, da ist was. Eine Geiselnahme. Genau auf der Etage, die von hier aus zu sehen ist.«

Die Lautsprecherdurchsage ertönte wieder. Eine Reaktion aus dem Gebäude erfolgte nicht.

»Verstehe. Hat sich denn schon was getan? Habt ihr Kontakt zu dem Geiselnehmer? Oder zu der Lehrerin?«

»Nein. Es gibt nach wie vor keinerlei Informationen darüber, was sich da oben abspielt. Umso mehr kann eure Aktion die Befreiung der Geiseln gefährden. Aber das wirst du dir ja denken.«

»Tut mir leid.« Ich versuchte einen zerknirschten Gesichtsausdruck. »Immerhin machen wir auch nur unseren Job.«

Kleist reagierte nicht. Ich bemerkte, dass sich mehrere Männer der Spezialeinheit – mit Sturmhauben und kugelsicheren Westen ausgestattet – an der Wand des Schlosses entlangdrückten. Lautlos wie Raubkatzen.

Kleist griff nach seinem Funkgerät. »Nein, das SEK bleibt vorerst draußen. Wir müssen den oder die Täter in Sicherheit wiegen. Wir wissen doch gar nicht, wie viele Täter es sind und was sie von unseren Aktionen mitbekommen. Und ob sie Sprengstoff haben.«

Die Luft vibrierte vor Spannung. Doch gleichzeitig war es für einen Moment unheimlich ruhig – weder aufgeregte Polizeisirenen noch knatternde Hubschrauberrotoren waren zu hören.

»Die Stille ist gespenstisch«, flüsterte ich.

Genau am Ende meines Satzes fielen Schüsse. Unzählbar viele Schüsse. Ein akustisches Inferno.

Pöppelbaum hielt die Kamera Richtung Fensterfront. Glas splitterte. Schreie, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Arme und Gesichter hinter den Scheiben. Und immer weiter Schüsse. Ich schloss die Augen.

Dann war es wieder still. Totenstill. Bis noch ein Schuss fiel. Dann noch einer. Und dann setzte wieder eine Ruhe ein, die entsetzlich war.

Die Sache war schiefgelaufen. Richtig schief.

»Zugriff!«, brüllte Kleist ins Funkgerät und sprintete mit seinen Mitarbeitern durch den Park.

 

Zehn Minuten später trat eine Gruppe von Männern aus dem Haupteingang des Schlosses. Sanitäter und Polizisten. Ich erkannte den Amtsarzt Dr. Benthien. Die Männer gingen langsam, wie in Zeitlupe. Sie schwiegen und hielten Kopf und Blick gesenkt.

»Um Gottes willen«, flüsterte ich.

Einer der Sanitäter löste sich von der Gruppe, machte wenige schnelle Schritte zu einem Baum und übergab sich.

Die Feuerwehr hatte ein großes Zelt aufgebaut. Dr. Benthien sprach den Einsatzleiter an. Der schüttelte mit dem Kopf und deutete auf die Tragen.

Männer griffen danach und gingen ins Gebäude.

Vielleicht am schlimmsten war, dass es keine Schmerzensschreie gab.

Es folgte eine furchtbare Prozession, mit Tüchern bedeckte, leblose Körper wurden an mir vorbeigetragen.

Pöppelbaum und ich versuchten, unsichtbar zu bleiben.

Langsam wurde ich meiner Erschütterung Herr und sah mich um. Friedemann Kleist stand neben einem älteren, grau wirkenden Mann vor einer Trage, auf der eine Frau lag. Sie immerhin lebte, ihr Körper war nicht vollkommen abgedeckt.

»Wer ist das?«, fragte ich einen der Beamten.

»Das ist Hauptkommissar Dr. Kleist«, kam es zurück.

»Ich meine den anderen Herrn«, fasste ich nach.

»Das ist der Direktor von der Anlage hier«, antwortete der Polizist brav. »Er heißt Lerchenmüller.«

Lerchenmüller hielt die Hand der Frau in seiner und redete auf sie ein.

»Das muss die Lehrerin sein«, flüsterte ich Pöppelbaum zu. »Sie scheint ansprechbar. Kriegst du sie aufs Foto?«

»Wenn die beiden Herren mal aus dem Bild gehen, schon«, murmelte Pöppelbaum, das Auge am Sucher.

Nun schoben die Sanitäter die Frau in den Wagen. Pöppelbaum kam zwar zum Schuss, doch zufrieden war er nicht. »Vielleicht kann ich mit dem Bearbeitungsprogramm noch was rausholen«, meinte er.

»Ich brauche Infos«, stellte ich fest. »Lass uns zum Pressemobil gehen.«

»Was ist mit dir, Grappa? Du bist weiß wie ein Betttuch!«

»Ich bin doch kein Automat.«

»Wie meinst du das?«, fragte der Bluthund ungläubig.

»Ich erklär’s dir später.«

Nur keine Schwäche zeigen, dachte ich. Der Kopf muss klar bleiben, damit ich die richtigen Fragen stellen kann, um einen guten Artikel schreiben zu können.

Um den Pressewagen auf dem Schulhof drängten sich die Kollegen. Auch war es ungewöhnlich ruhig, keine der üblichen Frotzeleien war zu hören.

»Wann können wir mit mehr Informationen rechnen?«, fragte ich.

Der Pressemensch vertröstete uns auf den Nachmittag. Die Lage sei noch zu unübersichtlich. »Die Staatsanwaltschaft übernimmt den Fall. Der zuständige Dezernent ist gerade eingetroffen.«

Einige Kollegen murrten.

»Lassen Sie uns unsere Arbeit tun«, bat der Polizist. »Je schneller wir hier fertig sind, desto früher bekommen Sie die Informationen, die Sie brauchen.«

Eine Gruppe Spurensicherer in weißen Overalls bewegte sich aufs Schloss zu. Sie hatten Plastiktüten und die üblichen Gerätschaften dabei.

 

Auf dem Weg in die Redaktion verspürte ich eine gewisse Erschöpfung. Ich fühlte mich wie ein alter Cowboy, der aus dem Sattel zu kippen droht. Warum hatte ich damals nur das hektische Polizeiressort gewählt und nicht die bürgerliche Kultur? Ich beschäftigte mich mit Blut und anderen Körpersäften, während die Kulturdamen der Redaktion es sich gut gehen ließen – in Museen auf Häppchenorgien und nach Theaterpremieren bei Stehempfängen.

Apropos Häppchen. Mir knurrte der Magen. Die Erschöpfung war vielleicht auch die Folge einer Unterzuckerung. Bluthund Pöppelbaum hatte mich zu meinem Cabrio gebracht und war dann umstandslos verschwunden.

Ich hielt an einem Schnellimbiss, den ich kannte. Er wurde von zwei netten Omas in Kittelschürzen geführt und war stets sauber und ordentlich. Ich bestellte eine Diätcola und Reibekuchen. Die lagerten kalt unter Glas, wurden dann nicht frittiert, sondern ordentlich in der Pfanne erhitzt. Köstlich! Fabrikteig war das nicht.

Anschließend ging es mir wesentlich besser.

»Wo warst du denn so lange«, begrüßte mich Peter Jansen, als ich sein Büro betrat. »Wayne ist schon eine ganze Weile wieder da.«

»Ich musste mich stärken.« Dezent hauchte ich ihn an. »Was dagegen?«

»Kartoffelpuffer«, schnüffelte er.

»Ja, und leckere«, bestätigte ich und setzte mich. »Ich brauchte das. Das ist eine Sache, die selbst mir unter die Haut geht.«

»Was weißt du bisher?«, erkundigte sich Jansen.

»Fast nichts. Erst hieß es, es gäbe eine Geiselnahme. Dann fielen plötzlich Schüsse. Und dann wurden lauter Tote aus dem Haus getragen. Immerhin hat die Lehrerin überlebt.«

»Jetzt haben auch wir unser Winnenden«, stellte Jansen fest. »Was ist nur mit den Kindern los?«

»Auch Erwachsene töten wahllos Menschen.«

»Stimmt leider. Wie viele Zeilen brauchst du?«

»Es kommt drauf an, was die Bullen heute noch rauslassen. Krieg ich eine halbe Seite?«, fragte ich. »Zur Not haben wir wenigstens Fotos. Pöppelbaum und ich waren die Einzigen, die wirklich nah an das Schloss herangekommen sind.«

Ich berichtete ihm von unserer Pirsch durch den Wald und der kaputten Mauer.

»Und ich dachte schon, dein gelegentlicher Liebhaber hätte dir zuliebe eine Ausnahme gemacht.« Der Schalk blitzte in Jansens Augen.

»Ach was. Kleist ist ein guter deutscher Beamter. Noch Fragen?«

»Nö. Und jetzt raus hier. Ich muss was über das neue Haushaltsloch im Etat der Stadt schreiben.«

»Ein neues? Oder die alten Löcher, die wir schon kennen?«

»Insgesamt fehlen in diesem Jahr hundert Millionen. Die Stadtkämmerin hat eine Haushaltssperre erlassen. Bierstadt muss eisern sparen.«

»Auweia«, meinte ich. »Und das so kurz nach der Kommunalwahl. Klingt irgendwie nach Beschiss. Warum haben die das den Leuten nicht erzählt, bevor die ihre Stimmen abgegeben haben?«

»Na hör mal«, knurrte Jansen. »Politiker sind zwar schlicht gestrickt, aber so blöd, dem Stimmvieh die grausame Wahrheit vor der Wahl zu stecken, nun doch nicht.«

»Das gibt Ärger«, tippte ich. »Ein gefundenes Fressen für die Opposition.«

»Die Kämmerin hat sich auch prompt krankgemeldet und ist auf Tauchstation gegangen. Keiner weiß, wo sie sich befindet.«

 

Im Großraumbüro begab ich mich zu Pöppelbaum und schaute ihm über die Schulter. Er präsentierte seine Fotokollektion. Die Bilder von der Rückfront des Schlosses brachten nichts, das Splittern der Scheiben war kaum zu erkennen. Anders die Tragen. Er hatte ganz nah an die Opfer herangezoomt. Die Bilder zeigten, dass einige Tote nur notdürftig abgedeckt waren. So hatte ich das gar nicht wahrgenommen. Ich sah viel Blut und manchmal ein Gesicht.

»Mein Gott«, murmelte ich.

»Mein stärkstes Objektiv«, erklärte Pöppelbaum.

»Solche Bilder können wir nicht bringen«, entschied ich. »Kein Gesicht darf erkannt werden. Wir sind ja nicht die BILD-Zeitung.«

»Und warum mache ich mir dann die Arbeit?« Pöppelbaum war fassungslos. »Wenn das so abgelaufen ist wie üblich, ist einer von den Schülern, die da liegen, der Täter! Wenn wir wüssten, wer, hätten wir ein Foto des Amokläufers exklusiv.«

»Vergiss es! Wir zeigen die Rettungswagen, meinetwegen auch, wie die Sanitäter eine Trage reinschieben – mehr aber nicht.«

»Was ist denn in dich gefahren?«

Die zunehmende Lautstärke unseres Disputes hatte die Kollegen angelockt. Einige schauten gebannt auf den Monitor.

»Ich hab einen Sohn in dem Alter«, verriet Kulturredakteurin Margarete Wurbel-Simonis Altbekanntes. »Wenn ich mir vorstelle, dass er unter den Toten sein könnte. Schrecklich!«

»Ihr Sohn geht auf dieses Internat?«, verstand der Bluthund Bahnhof.

»Nein! Ich hatte nie so viel Geld, dass ich ihn auf ein Internat hätte schicken können«, schniefte Wurbelchen.

»Dann haben unsere knappen Gehälter ja doch ihren tieferen Sinn«, meinte ich.

Sekretärin Susi hatte Tränen in den Augen. »Wer macht denn so was Schreckliches?«, schniefte sie. »Die armen Kinder.«

»Meist ist es ja ein Kamerad, also auch ein armes Kind«, entgegnete ich. »Hat es eigentlich noch kein Fax oder eine Mail gegeben, Susi? Es soll eine Pressekonferenz stattfinden – langsam müssen Zeit und Ort doch bekannt sein.«

»Ich schau mal eben nach.«

Kurze Zeit später kehrte sie zurück. »In zehn Minuten. Das schaffst du, Grappa.«

 

Immer derselbe Raum im Polizeipräsidium. Immerhin hatte er einen neuen Anstrich bekommen – ein aufregendes helles Grau. Wie oft hatte ich hier schon die Äußerungen der Exekutive über mich ergehen lassen? Hatte gehört, wie über qualvoll zu Tode gekommene Menschen bürokratisch verlautbart wurde. Geschädigte – das war das Lieblingswort der Pressestaatsanwälte, wenn es um die Opfer ging.

Der Bluthund folgte in meinem Schlepptau. Auch wie immer. Wir setzten uns auf unsere angestammten Plätze. Die Kollegen vom Radio ebenfalls. Nur die Fernsehleute machten mal wieder viel Wind. Der Kameramann fummelte an den Jalousetten der Fenster, um mehr Licht zu bekommen. Sein Tonassistent verhedderte sich im Kabel und verlor dann noch den Mikroaufstecker, an dem der Name des Senders prangte. Der TV-Reporter kämmte sich die Haare, er wollte wohl später einen geschniegelten Eindruck machen.

Pöppelbaum waren meine Studien nicht verborgen geblieben. »Tja, Grappa«, grinste er. »Wir sind beim falschen Medium. Für die Leute geht Fernsehen immer vor. Wirst du gleich wieder erleben, wenn die Oberbullen und Oberstaatsanwalt Ritter hier auflaufen.«

»Dr. Kleist ist anders. Der behandelt alle Journalisten gleich.«

»Genau«, nickte der Fotograf. »Gleich schlecht.«

»Heute früh konnten wir uns doch nicht beklagen.«

»Das liegt dann wohl doch an deinem Charme.«

Die Tür öffnete sich und zwei Frauen brachten Thermoskannen und Kaltgetränke.

»Früher gab’s auch mal Schnittchen«, merkte Pöppelbaum an.

»So prickelnd waren die nicht. Cervelatwurst und Fabrikkäse aus der Polizeikantine«, erinnerte ich mich. »Aha, es geht los.«

Der Polizeipräsident rauschte ins Pressezimmer, begleitet von Kleist, Oberstaatsanwalt Ritter, dem Leiter der Pressestelle und zwei weiteren Herren, die ich nicht kannte.

»Wie Sie ja bereits wissen, hat es heute früh eine Geiselnahme im Schlossinternat Waldenstein gegeben«, begann der Polizeipräsident. »Nach ersten Ermittlungen hat ein achtzehnjähriger Schüler zu Beginn der ersten Schulstunde eine Maschinenpistole auf seine Klassenkameraden und die Lehrerin gerichtet. Was genau danach geschah, ist noch unklar. Drei Stunden nach Bekanntwerden der Bedrohungslage hat der Schüler das Feuer eröffnet und alle fünfzehn anwesenden Mitschülerinnen und Mitschüler seines Deutschkurses erschossen oder tödlich verletzt. Keiner der Jugendlichen hat überlebt. Danach hat der Junge die Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich ebenfalls getötet. Nur die Lehrerin ist mit dem Leben davongekommen.«

Geraune. Sechzehn tote Jugendliche! Das war selbst für die Hartgesottensten unter uns zu viel.

»Haben Sie bitte Verständnis, dass noch vieles im Unklaren ist«, machte Kleist weiter. »Die einzige Zeugin, die Lehrerin, hat einen Schulterdurchschuss, steht unter einem schweren Schock und ist nicht vernehmungsfähig. Sie konnte uns lediglich den Namen des Täters nennen.«

»Wie heißt der Junge?«, fragte der BILD-Reporter.

»Der will die Eltern schütteln«, kommentierte Pöppelbaum.

»Wir halten uns aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes in dieser Frage zurück«, zeigte sich Kleist verschlossen.

»Welche Persönlichkeiten wollen Sie denn schützen?«, ereiferte sich der BILD-Mann. »Die der toten Kinder?«

»Halten Sie sich doch bitte an die Spielregeln«, mahnte der Polizeipräsident.

»Wie haben Sie erfahren, dass es eine Geiselnahme gibt?«, kam die nächste Frage.

»Die Lehrerin konnte den Direktor der Schule informieren«, antwortete der Oberstaatsanwalt.

»Und die Schüler? Was ist mit Handys?«

»Die Schülerinnen und Schüler dürfen ihre Mobiltelefone nicht mit in den Unterricht nehmen. Das ist Vorschrift auf Schloss Waldenstein. Aber wenigstens Frau Lindenthal gelang es, einen Notruf abzusetzen.«

Aha. Lindenthal. Die Kollegen horchten auf. Endlich war ein Name gefallen, ein Ende zum Anpacken.

»Notruf?«, fragte ich. »An den Direktor? Warum nicht an die Polizei?«

Kleist ergriff erneut das Wort. »Es gibt in jeder Schule Notfallpläne für den Fall einer Bedrohung. Darin ist auch geregelt, was im Fall einer Geiselnahme zu tun ist. Seit Erfurt sind alle Bildungseinrichtungen für dieses Thema sensibilisiert. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Kinder, die noch außerhalb der Gefahrenzone sind, so schnell wie möglich das Schulgebäude verlassen. Deshalb hat jede Schule ein Codewort, das die anderen warnen soll. Frau Lindenthal konnte dieses Wort per SMS an das Handy des Direktors schicken. Herr Lerchenmüller hat dann sofort über die Lautsprecheranlage eine Durchsage gemacht und dabei dieses vereinbarte Wort benutzt. So konnten die anderen Lehrer die Schülerinnen und Schüler unverzüglich nach draußen führen.«

»Wie lautete dieses Codewort?«, fragte jemand aus der Runde.

Kleist zögerte, doch dann sagte er: »Keusche Braut!«

Erstauntes Raunen.