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© 2010 by GRAFIT Verlag GmbH
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eISBN 978-3-89425-802-3

Inhalt

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

Kapitel 43.

Kapitel 44.

Kapitel 45.

Ein Dankeschön an …

Die Autorin

Lucie Flebbe (vormals Klassen) kam 1977 in Hameln zur Welt. Sie ist Physiotherapeutin und lebt mit Mann und vier Kindern in Bad Pyrmont.

Mit dem Roman Der 13. Brief mischte sie 2008 die deutsche Krimiszene auf. Folgerichtig wurde sie mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ als die beste Newcomerin in der Sparte Romandebüt ausgezeichnet.

1.

Bochum bei Nacht von oben zu betrachten ist irritierend. Als würde man in einem Raumschiff über einem fremden Planeten hängen. Und dabei überlegen, ob es nicht das Klügste wäre, einfach weiterzufliegen.

Klingt depressiv, ich weiß.

Soll es auch.

Mein Name ist Lila. Ich bin zwanzig Jahre alt und mein Leben ist eine Katastrophe.

 

Ich blickte auf das blinkende Meer bunter Lichter, das den Advent ankündigte. Der beleuchtete Förderturm des Bergwerkmuseums ragte hinter den Häusern hervor wie ein außerirdisches Insekt und in der Ferne hörte ich das Brummen der Autobahn, das selbst nach Mitternacht nicht verstummte.

Mein Blick glitt über die Schaufenster im Erdgeschoss des Hauses gegenüber, die auch nachts beleuchtet waren. Neben einem Tattoo-Studio, das mit Bildern von tätowierten Hintern warb, zeigte ein Fotoshop Hochzeitsaufnahmen.

Zwischen den unzähligen Satellitenschüsseln, die an den Stockwerken darüber klebten, war es hinter vereinzelten Fenstern noch hell. Ich konnte in die Wohnungen sehen. Ein Mann im Unterhemd schlief mit einer Bierflasche in der Hand vor dem Fernseher. Hinter einer mit Sternen geschmückten Scheibe stritt sich ein Paar seit einer halben Stunde, was in absehbarer Zeit mit einem Totschlag im Affekt enden musste. Und eine Hausfrau mit Schlafstörungen hatte soeben einen vorweihnachtlichen Großputz begonnen. Weiter unten starrte eine Oma aus dem Fenster.

Ich hatte das Gefühl, von ihr beobachtet zu werden, obwohl das unmöglich war, denn ich saß draußen im Dunkeln und in ihrer Wohnung brannte Licht. Trotzdem zog ich mich in den Schatten eines blechernen Belüftungsschachtes zurück.

Mir war kalt.

Kein Wunder: Es war Anfang Dezember, drei Uhr früh und zwei Grad unter null und ich hockte fünf Stockwerke hoch auf einem Dach, neben einer aus öffentlich-rechtlichen Zeiten übrig gebliebenen Fernsehantenne.

Das war das Ende.

Eindeutig.

Und es geschah mir so was von recht!

Wie arrogant war ich gewesen, mir als gerade Zwanzigjährige einzubilden, schon alles zu wissen, alles gesehen zu haben und auf alles, was noch kam, vorbereitet zu sein!

Wie war ich darauf gekommen?

Weil ich es fertiggebracht hatte, mit drei Dutzend Männern zu schlafen, bevor ich volljährig war? Oder weil ich bereits aufgehört hatte zu kiffen, als meine Klassenkameraden erst bemerkten, dass man mit Hanf keine Kaninchen fütterte? Oder weil ich mein Bestes getan hatte, um mir die jahrelangen Prügel meines Vaters auch zu verdienen?

Wirklich alles Meisterleistungen.

Nur auf Ben Danner war ich nicht vorbereitet gewesen.

Ich hatte mich verliebt. Zum allerersten Mal war mir das passiert und gleich schlimmer als einer Viertklässlerin mit den Milchgesichtern von Tokio Hotel. Es hatte mich erwischt wie eine rechte Gerade. Kompletter Knock-out, anders konnte man das nicht nennen.

Jedem, der einigermaßen bei Verstand war, wäre sofort klar gewesen, dass die Geschichte niemals gut gehen konnte. Der Altersunterschied war dabei noch das allerkleinste Problem. Aber in dem seit seiner geplatzten Hochzeit vergangenen Jahrzehnt hatte der Kerl regelmäßig sogar Frauen mit Hochschulabschluss und D-Körbchen vor die Tür gesetzt. Was sollter er da mit einer verhaltensauffälligen Gewohnheitslügnerin wie mir anfangen? Wieso hätte ausgerechnet unsere Beziehung Danners bewährte Drei-Monats-Grenze überstehen sollen?

Ich hatte alle Alarmsignale konsequent ignoriert. Zu sehr hatte ich mir gewünscht, mich in diesem rosaroten Luftschloss einmieten zu können, in dem Danner mit mir schlief, Molle uns in seiner Kneipe leckeres Essen kochte, Kriminalkommissar Lennart Staschek die Ermittlungen unserer Detektei unterstützte und dessen Tochter Lena sowie deren beide beste Freundinnen Karo und Franzi zu meiner Clique mutierten, die ich noch nie vorher gehabt hatte. Von Danner hatte ich mich ernst genommen, vielleicht sogar zum ersten Mal ein bisschen verstanden gefühlt.

Ich hatte ein Zuhause gewollt und mit Gewalt verdrängt, was ich schon lange wusste: dass es so etwas nicht gab. Da mein rosarotes Luftschloss vom Boden der Tatsachen schon ein ganzes Stück abgehoben hatte, war der Absturz umso schmerzhafter gewesen.

Ich rieb mir mit vor Kälte steifen Fingern die Augen, weil die blinkenden Lichter Bochums vor mir verschwammen.

Meine Finger zitterten und daran waren nicht nur die Minusgrade schuld. Rasch verbarg ich die Hände in den Taschen, doch die Kälte wanderte meine Arme hinauf, ließ mich am ganzen Körper schlottern.

Ich versuchte, mich abzulenken, mich zu erinnern, was genau eigentlich geschehen war, aber es kam mir vor, als lähmte die Kälte nicht nur meine Finger, sondern auch mein Gehirn.

Ich kann ihn spüren, neben mir. Seine heiße, raue Hand, die schwer auf meinem Bauch liegt, dicht unter meinem Nabel und noch über den ersten Haaren. Seine Wärme lässt meine Haut sanft kribbeln.

Es ist dunkel draußen und ich überlege, ob er noch mal mit mir schläft, wenn ich ihn jetzt küsse …

Es kam mir vor, als hätte ich Danner erst vor ein paar Stunden so dicht neben mir gespürt.

Wie lange war es wirklich her? Eine Woche? Zwei? Drei?

Ich zuckte zusammen. Irgendein Geräusch hatte mich in die kalte Nacht auf das Hausdach zurückgeholt. Was war das gewesen?

Ich drückte mich mit dem Rücken gegen das eiskalte Blech des Lüftungsschachtes und hob automatisch die Hände, bereit, mich zu verteidigen. Bewegungslos lauschte ich in die Finsternis, bildete mir ein, schleichende Schritte zu hören. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.

War da wirklich jemand?

Oder drehte ich gerade durch?

Die alte Antenne wackelte im Wind. Bis auf das entfernte Brummen des Verkehrs auf der A 40 blieb alles ruhig.

Mein Rücken krampfte.

Schließlich zwang ich mich, Luft zu holen.

Ich hatte Halluzinationen. Verfolgungswahn. Wer außer mir sollte mitten in der Nacht auf diesem Dach stehen?

Vorsichtig versuchte ich, meine Schultern zu bewegen. Der Krampf in meinem Rücken löste sich ein wenig. Erschöpft sank ich auf die Knie, blieb an den Lüftungsschacht gelehnt sitzen und wartete darauf, dass sich mein Puls beruhigte. Verdammt, was war ich für eine Memme geworden! Immer öfter erschrak ich grundlos, zuckte zusammen, zitterte.

Ich wurde verrückt.

Und ich wunderte mich nicht einmal darüber.

 

2.

Ich saß hinter dem Steuer des alten VW Bulli. In der Eingangsnische der Kneipe hatte sich der übliche Penner in seinen Parka eingerollt, ein kleiner, schwarzer Hund kauerte auf seinem Schoß. Keine Ahnung, wie spät es war oder wie lange ich schon in dem Wagen saß.

Ich wusste nur eines: Ich würde nicht hineingehen. Nie wieder!

Ich presste beide Hände auf mein Brustbein, krallte die Fingernägel so fest durch den Pulli hindurch in die Haut, dass es möglicherweise blutete.

Wie spät war es wohl?

Wahrscheinlich noch vor Mitternacht, in der Kneipe herrschte noch Betrieb. Warmes Licht fiel durch die Fenster auf das nass glänzende Pflaster der Straße.

Heiße Tränen rannen über mein Gesicht.

War mir egal. Dieses Mal kapitulierte mein Stolz. Ich war einfach nicht gewohnt, dass mir was wehtun konnte. Nicht mir! Ich war doch immer unverwundbar gewesen.

Ich würde nicht hineingehen.

Auch nicht, um meine Sachen zu holen.

Ich musste weg von hier.

Ich ließ den Schlüssel im Zündschloss stecken und stieg aus. Es regnete immer noch. Automatisch tastete ich in den Taschen meiner Jacke. Mein neues Handy war da. Und mein Portemonnaie mit EC-Karte, Papieren und fünfzig Euro.

Ich zog den Reißverschluss meiner alten, blauen Cordjacke zu und lief los.

Keine Ahnung, wohin.

Mal wieder.

 

Aber dieses Mal half es nicht wegzulaufen.

Vor meinem gewalttätigen Vater und meiner lieblosen Mutter hatte ich ausreißen können. Irgendwohin, wo sie mich nicht fanden. Vor meinem Liebeskummer konnte ich nicht davonlaufen, der folgte mir. Das hatte ich nicht gewusst. Schließlich hatte ich bisher sorgfältig vermieden, in so eine Situation zu geraten.

Bis jetzt.

Scheiße.

Ich stand vor einer Disco. Vor dem Eingang tranken ein paar Jugendliche mit Kapuzen über den Köpfen Bier. Das war dieser Gammelladen in der Nähe vom Krankenhaus.

Egal, ich brauchte was zu trinken.

Dumpfe Bässe dröhnten mir entgegen, als ich die Tür öffnete. Bunte Lichter zuckten über Betonwände. Die Typen an der Bar trugen Halsbänder, die eigentlich für Hunde bestimmt waren, und Haare, die ihre Gesichter wie Gardinen verhängten. Eine Menschenmenge bewegte sich im Takt der Bässe auf und ab, als würde sie ein unsichtbarer Magier lenken. Und die Bedienung im Heavy-Metal-T-Shirt wischte Bierpfützen von Tischen und Fußboden.

Beängstigend.

Aber ich musste meinen Schmerz irgendwie betäuben.

Ich drängelte mich zur Theke. Auch der Barkeeper trug ein Stachelhalsband, seine schwarz gefärbten Haare hingen ihm vors Gesicht und über seine rechte Wange zog sich eine auffällige Narbe.

Aufgeschminkt, schätzte ich.

Er streifte mich mit einem Blick, der mir verriet, dass ich verheult aussah: »Was kann ich dir bringen?«

»Bacardi.«

»Mit Red Bull, O-Saft, Bitter Lemon?«

»Bacardi. Was hast du daran nicht verstanden?«, erkundigte ich mich gereizt.

Er musterte mich, diesmal länger. Dann nahm er den Bacardi aus dem Regal, schenkte ein und stellte die Flasche zusammen mit dem Glas vor mir auf die Theke.

Ich schnippte ihm meine fünfzig Euro hin und stürzte den Alkohol hinunter. Ich schmeckte nichts – gar nichts, nicht mal ein wenig Wärme in der Kehle.

Ich füllte mein Glas selbst wieder.

»Schlimm?«, erkundigte sich der gruselige Barkeeper.

»Seh ich so scheiße aus oder was?«

Er nickte.

Und das musste ich mir von Ozzy Osbournes kleinem Bruder sagen lassen.

»Stress mit deinem Typen?«, versuchte Ozzy weiter, mir ein Gespräch aufzudrängen.

»Halt einfach die Fresse, ja?«

Er zuckte mit den Schultern und gesellte sich ein paar Meter weiter zu ein paar fröhlichen Vollstrammen.

Ich wartete darauf, dass der Alkohol endlich Wirkung zeigte. Doch er tat es einfach nicht. Frustriert packte ich die Flasche und setzte sie an den Mund.

 

Ich wachte auf, weil sich das Bett, in dem ich lag, drehte.

Verdammt, war mir schlecht.

Ich öffnete die Augen. Eine weiße Zimmerdecke stürzte auf mich zu. Ich schloss die Augen wieder und musste würgen. Stöhnend drehte ich mich auf die Seite und mein Blick fiel auf den Typ neben mir. Er trug einen Slip mit Totenkopfaufdruck und seine schwarzen Haare verdeckten sein Gesicht. Ich erkannte Ozzy an seinem Hundehalsband.

Ich stöhnte noch einmal. Sekundenlang fühlte ich mich zurückversetzt in eine abgekaute Wiederholung meines früheren Lebens. Dann dämmerte mir langsam, dass ich mich nicht im Schlafzimmer meiner Eltern befand, um ihnen mit dieser grandiosen Horrorversion eines Schwiegersohnes eine Freude zu bereiten.

Als ich mich im nächsten Moment erinnerte, was tatsächlich passiert war, konnte ich den Brechreiz nicht mehr bremsen. Ich versuchte aufzuspringen, wusste nicht, wo das Badezimmer war, und griff deshalb nach dem Mülleimer unter dem Schreibtisch.

Von dem Geruch nach Erbrochenem wurde mir gleich wieder übel. Den Mülleimer in der Hand ließ ich mich gegen die Wand kippen, rutschte in die Hocke und blieb sitzen.

 

Das Nächste, was ich spürte, war Ozzys Hand in meinem Gesicht. Er strich meine Haare zur Seite und drehte meinen Kopf am Kinn in seine Richtung. Ich registrierte, dass die Furcht einflößende Narbe auf seiner Wange verschwunden war.

»Lebst du noch? Hast dich ja ordentlich abgeschossen, Süße.«

Ich fragte mich, ob ich ihm irgendeinen Anlass zu solcher Vertraulichkeit gegeben hatte.

Er verschwand mit dem Müllbeutel aus dem Papierkorb in der Küche. Er war groß, schlaksig und er schwankte ein wenig beim Gehen, was mir sagte, dass auch er nicht nüchtern geblieben war.

Als er wieder auftauchte, hatte er zwei Gläser in der Hand. Das eine war ein Schnapsglas, das andere füllte er mit Wasser und warf zwei Kopfschmerztabletten hinein, die sich sprudelnd auflösten.

»Hier!« Er hielt mir das Schnapsglas hin. »Bekämpfe Feuer mit Feuer.«

Ich roch an der klaren Flüssigkeit.

Alkohol.

»Du musst immer mit dem Zeug weitermachen, das dir den Rest gegeben hat«, belehrte mich Ozzy mit einer Oberlehrermiene, die nicht recht zu seiner Totenkopfunterhose passen wollte.

Erstaunlicherweise musste ich mich bei dem Gedanken an Alkohol nicht gleich wieder übergeben. Hauptsache, es half. Ich stürzte erst den Schnaps und dann die aufgelösten Aspirin hinunter.

Ozzy nickte anerkennend: »Und jetzt lass uns noch mal ins Bett gehen, Süße, es ist noch nicht mal acht.«

Schlagartig wurde mir heiß. Ich hatte keine Ahnung, was heute Nacht passiert war.

Ozzy zog mich auf die Füße, griff mein Gesicht mit beiden Händen und steckte mir seine dicke, nasse Zunge in den Mund. Mit beinahe wissenschaftlichem Interesse beobachtete ich, was er mit mir anstellte, ohne zu begreifen, dass es mir passierte.

Als Ozzy kurz darauf das Kondom auf den Nachtschrank schnippte, drehte ich mich auf die Seite und schlief wieder ein.

 

»Biste fit?«, weckte mich Ozzy später.

Auch diesmal brauchte ich ein paar Sekunden, um mich zu erinnern. Ich sah mich um und entdeckte das Kondom auf dem Nachtschrank.

Mir wurde schon wieder übel.

Draußen war es dunkel. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Neun Uhr. Abends? Hatte ich den ganzen Tag verschlafen?

Ozzy wurschtelte sich bereits in seine Hose.

Ich zog mir die Decke über den Kopf. Ich wollte liegen bleiben. Einfach liegen bleiben, nie wieder aufstehen müssen.

Ozzy betrachtete mich einen Augenblick. Dann riss er mir die Decke weg: »Lass uns losziehen, dann geht es dir besser.«

Ich starrte an die Wand. Meine Arme und Beine fühlten sich leblos an, mein Kopf war bleischwer. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich nicht bewegen können.

Aber ich wollte auch nicht.

Ozzy kramte in seiner Hosentasche. »Hier. Das bringt dich auf die Beine.« Er hielt mir eine Hand hin.

In seiner großen Handfläche lagen drei kleine, weiße Tabletten, von denen Ozzy noch ein paar Fusseln heruntersammelte. »Das gibt Strom für die ganze Nacht.«

Ich musterte ihn misstrauisch: »Was ist das?«

»Depri-Killer.«

Aufputschmittel. Ecstasy oder so was. Ich hatte nie was Härteres als Hasch probiert.

Ich zögerte eine Sekunde, bevor ich zugriff.

 

3.

Mein Herz pochte immer noch panisch.

Ich musste endlich was tun. Egal was, aber es musste bald geschehen. Ich konnte nicht ewig auf diesem Dach sitzen bleiben. Nicht nur weil ich in absehbarer Zeit festfrieren würde, sondern auch weil die Dämmerung den Nachthimmel im Osten allmählich grau färbte.

Ich wollte nicht darüber nachdenken. Ich versuchte, mich wieder an meine Gedanken zu klammern, mich zu erinnern, was passiert war, nachdem ich die Drogen genommen hatte. Seitdem glich mein Leben einem kunterbunten Albtraum: Ich erinnerte mich an bunte Discolichter, bunte Cocktails und bunte Tabletten.

Und ich erinnerte mich an Sex.

Auf Ozzy, dessen richtigen Namen ich bis heute nicht kannte, war ein griechischer Türsteher mit Pferdeschwanz gefolgt, dann ein farbiger DJ, dann einer, der auf den lustigen Namen ›Mörtel‹ hörte, und sicher noch andere, die mein Gehirn gar nicht erst gespeichert hatte.

Ich hatte keine Ahnung, in wie vielen fremden Betten ich aufgewacht war und in wie viele fremde Toiletten ich gekotzt hatte. Ich konnte nicht einmal annähernd sagen, wie viele Wochen ich mithilfe von Alkohol, Drogen und Sex aus meinem Gedächtnis gelöscht hatte.

Ich hatte versucht, mich zu betäuben. Mit allen Mitteln.

Doch heute war ich unsanft aus meinem kunterbunten Albtraum geweckt worden.

 

Der Typ war übergewichtig und stank nach altem Schweiß und dem Leder seiner Jacke. Mit einem fettigen, grauen Pferdeschwanz im Nacken wirkte er wie ein in die Jahre gekommener Rocker. Er kramte einen durchsichtigen Plastikbeutel aus der Hosentasche und schüttelte die Pillen darin hin und her.

Ich hielt ihm ein paar Fünfeuroscheine hin.

Seine flinken, kleinen Schweineaugen blieben an meinem Busen kleben: »Alles wird teurer, Schätzchen!«

Ich blinzelte.

»Kannst es abarbeiten. Geh mit mir aufs Klo und schon hast du deinen Kick.« Mit einem Nicken deutete er auf die Türreihe hinter mir. Wir standen in der Damentoilette.

»Vergiss es«, knurrte ich. »Hol dir selbst einen runter!«

Ich steckte die Scheine wieder ein und wollte gehen. Als er mich an der Schulter packte, wirbelte ich reflexartig herum.

»Stell dich nicht so an! Du brauchst das Zeug. Ich bin doch nicht blind. Also zick nicht rum!« Er packte mich an den Oberarmen und schob mich rückwärts auf die nächste Toilettentür zu.

Ich riss mein Knie hoch. Durch jahrelanges Karatetraining traf ich blitzschnell und punktgenau. Jaulend griff er sich zwischen die Beine und sackte zusammen.

Wie benommen blieb ich stehen. Mein Blick fiel in den schmutzigen Spiegel und ich begriff, dass der Dealer recht hatte. Ich sah aus wie ein Junkie. Mein Gesicht war leichenbleich, eingefallen, mein Kinn spitz und an meinem Hals traten die Schlüsselbeinknochen hervor. Die Ringe unter meinen blauen Augen waren tiefschwarz, meine ursprünglich blonden Haare nur noch verfilzte Strähnen. Und bei dem Gedanken, dass ich die Drogen nicht bekommen würde, lief mir ein Schauer über den Rücken.

Ich betrachtete den wimmernden Rocker und dachte daran, ihm das Tütchen mit den Tabletten zu klauen. Wann genau hatte ich mein letztes bisschen Würde verloren?

Ich flüchtete aus der Disco, lief die Straße entlang, überquerte eine Kreuzung, ohne auf die roten Ampeln zu achten, rüttelte an den Türen der Häuser, drückte wahllos Klingeln, bis eine Tür aufging, und stieg auf das Dach des Gebäudes.

 

Und dort saß ich immer noch.

Das war also das Ende.

Ich sah wieder zu den beleuchteten Fenstern im Haus gegenüber.

Der Biertrinker schlief immer noch vorm Fernseher. Die putzwütige Hausfrau tanzte mit dem Staubsauger Tango. Und das streitende Pärchen wälzte sich beim Versöhnungssex im Bett.

Ich holte mein Hightechhandy aus der Tasche. Nagelneu mit Internetzugang, Foto- und Videokamera und Diktierfunktion. Alles sehr nützlich für die Arbeit einer Privatdetektivin, der ich nie wieder nachgehen würde.

Ich kontrollierte das Display. Doch er hatte schon lange aufgehört, mich anzurufen. Hätte ich seine Nummer erkannt, wäre ich sowieso nicht drangegangen.

Ich steckte das Handy ein und stand auf.

Der Lüftungsschacht knarrte. Wieder schrak ich zusammen. Die Aufputschmittel ließen meinen Herzschlag in die Höhe schnellen.

Ich trat an die Dachkante und sah in den Abgrund.

Im Licht der Straßenlaternen glänzten tief unten der Asphalt des Nordrings und die nassen Dächer der parkenden Autos.

Der Wind wehte mir ins Gesicht, kalt, mit Regen vermischt. Die Füße dicht nebeneinanderstellen, die Zehenspitzen auf der Betonkante des Daches. Noch ein Mal einatmen. Augen schließen, die Luft im Gesicht spüren, im Haar, zwischen den Fingern …

Eine Sekunde lang stand ich bewegungslos.

Da! Wieder ein Knacken – ich war nicht allein!

Ich zuckte zurück in den Schatten, presste mich an den Lüftungsschacht und lauschte atemlos.

Das bildete ich mir doch nicht ein!

Doch wieder blieb alles ruhig.

Mein Herzflattern ließ etwas nach. Ich starrte auf die Stelle an der Dachkante, an der ich eben noch gestanden hatte. Dann drehte ich mich um und ging zu der Tür zurück, hinter der eine schmale Treppe nach unten führte.

 

4.

»Mein Name ist Lila Ziegler, ich habe mindestens zwei verschiedene Aufputschmittel und eine drei viertel Flasche Schnaps zu mir genommen und glaube, das könnte eine Vergiftung bewirken«, erklärte ich knapp zehn Minuten später der Dame hinter der Glasscheibe am Empfang des Otto-Ruer-Klinikums.

»Ach, wirklich?« Sie blinzelte mich ungläubig über den auffälligen, schwarzen Rahmen ihrer Brille hinweg an. »Ist Ihnen schlecht? Schwindelig?«

»Beides.« Ich vermutete, dass ich mir weder eine Alkoholvergiftung noch eine Überdosis eingehandelt hatte, doch wenn ich als Notfall im Krankenhaus aufgenommen werden wollte, dann musste ich die Sache ein bisschen dringend machen. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich sonst hinsollte.

Ich wusste nur, dass ich nicht allein sein wollte, wenn die betäubende Wirkung der Drogen nachließ.

Die Frau griff nach dem Telefon: »Hoffmann, Empfang. Schicken Sie mir mal eine Schwester runter.«

Um acht Uhr zwölf an diesem Morgen hakte sich eine kleine, dünne und merkwürdig haarlose Krankenschwester namens Gundel bei mir ein und begleitete mich erst zur Untersuchung in die Notaufnahme und dann in Zimmer 443 der Station für innere Medizin und Gastroenterologie.

 

Das Krankenhaus war riesig und nicht mehr neu. Jedenfalls der Teil des Gebäudes, in dem sich mein Zimmer befand.

Einen modernen, ebenso gewaltigen Gebäudetrakt konnte ich aus meinem Fenster in der vierten Etage sehen. Der Neubau stand rechtwinklig zum Altbau und war mehr aus Glas als aus Stein, sodass sich die Patienten im Sommer wie Tomaten im Treibhaus fühlen mussten. Die acht Etagen der beiden Gebäude waren durch gläserne Gänge miteinander verbunden. Darin sausten Ärzte, Schwestern und Pfleger wie Laborratten in einem Versuchslabyrinth hin und her.

Unterhalb der Glasgänge fuhren unablässig Krankenwagen heran. Fahrbare Tragen, auf denen neue Kunden angeliefert wurden, schob man durch einen Nebeneingang mit der Überschrift Notaufnahme. Ein Stück entfernt, auf einem riesigen, auf den Asphalt aufgemalten Kreuz, stand ein Rettungshubschrauber zwischen kahlen Bäumen und blattlosen Büschen, die dem Platz das Flair der sibirischen Tundra verliehen. Ein Wunder, dass dort unten im ewigen Schatten der Gebäude überhaupt irgendeine Art von Vegetation überleben konnte.

Ich merkte erst, dass die Kaffeetasse in meiner Hand bedenklich wackelte, als die lauwarme Flüssigkeit über meine Finger lief.

Ärgerlich stellte ich das Gefäß auf das Fensterbrett. Der Kaffee war dünn und ungenießbar. Und ich trank sowieso lieber Tee. Hatte ich jedenfalls früher mal. Doch um nicht völlig ohne Rauschmittel auskommen zu müssen, hatte ich mir mit suchtartiger Gier Kaffee zum Frühstück bestellt.

Ohne anzuklopfen, kam Schwester Gundel herein. Sie streifte mich mit einem prüfenden Blick, während sie auf das zweite Bett im Zimmer zumarschierte. Meine Bettnachbarin, eine dicke Oma mit Dauerwelle und hochroten Pausbacken, trug ein rosa Rüschennachthemd und stopfte sich eilig den Rest eines Käsebrötchens in den Mund.

Schwester Gundel schnitt eine verzerrte Grimasse. Vermutlich hätte das ein missbilligendes Augenbrauenzusammenziehen werden sollen, aber sie hatte keine Augenbrauen. Die kahle Stirn ließ ihr Gesicht rund wirken. Überhaupt schien ihr kugeliger Kopf nicht auf ihren mageren, kleinen Körper zu passen. Sie sah aus wie eine falsch zusammengesetzte Puppe.

»Hat Frau Busch Ihnen das Frühstück abgeschwatzt, Frau Ziegler?«

Ich zuckte gleichgültig die Schultern.

Schwester Gundel stemmte die Hände auf das knochige Becken und blickte die dicke Oma Busch strafend an: »Eine der Ursachen für Ihren Hinterwandinfarkt ist Ihr Übergewicht, Frau Busch. Ich dachte, das hätten Sie mittlerweile begriffen.«

Oma Busch schluckte das nur halb zerkaute Brötchen hastig hinunter, als fürchtete sie, Schwester Gundel könnte ihr im nächsten Moment einen Daumen in den Mund stecken und den Speisebrei wieder herauspulen.

Ich betrachtete den kurzen Pferdeschwanz, zu dem die Krankenschwester ihre grauen Haarbüschel zusammengebunden hatte.

Als hätte sie meinen Blick gespürt, drehte sie sich zu mir herum: »Haben Sie überhaupt was gegessen?«

»Ich hatte einen Kaffee.«

Sie war so klein, dass selbst ich auf sie hinabsehen konnte. Sie schüttelte den Kopf, während sie einen Blick auf den Infusionsbeutel mit der Kochsalzlösung warf, die durch einen durchsichtigen Schlauch in meinen Arm lief. »Wie geht es Ihnen?«

Ich zuckte die Schultern.

»Schwindel?«

»Bisschen.«

Schwester Gundel klemmte die Infusion ab und klebte einen Pflasterstreifen über die Nadel, die in meiner Armbeuge stecken blieb.

»Können Sie sich allein waschen? Duschen?«

Ich nickte.

»Dann wird es höchste Zeit, dass Sie das mal machen.«

 

5.

Es gab nur ein Waschbecken im Zimmer, zur Dusche musste ich über den Flur laufen.

Der Flur war mintgrün gestrichen. Und lang. Auf dem unempfindlichen, grauen PVC-Boden zog sich mittig ein handbreiter Klebestreifen entlang, farblich passend zu den knallroten, elektrischen Kerzen des Adventskranzes, der an der Flurdecke vor dem Schwesternzimmer schwebte. Mein Zimmer lag ziemlich am Ende des Ganges. Neben einer Sitzgruppe unter dem Fenster in der Ecke bemerkte ich einen meterhohen Weihnachtsbaum und einen Kaffeeautomaten. Ich nahm mir vor, herauszufinden, ob das Ding was Genießbareres ausspuckte als die braune Frühstücksbrühe.

Einige Augenblicke lang beobachtete ich, wie die Schwestern und Serviererinnen in grünen Schürzen die Frühstückstabletts aus den Zimmern einsammelten, um sie in einem Wagen auf dem Flur zu verstauen. Dann setzte sich der Geschirrwagen von allein in Bewegung und verschwand durch die sich selbst öffnende Tür am Ende des Flures. Während ich weiter zur Dusche schlurfte, überlegte ich, ob das eine drogenbedingte Halluzination gewesen sein könnte.

Humpelnde Gestalten schoben Infusionshalter oder andere Apparate an mir vorbei. Alle waren sehr viel älter als ich.

Die Dusche war heute bereits benutzt worden. Mehrmals. Die Wände waren feucht und der Fußboden voller Haare. Ich warf ein Handtuch auf die Fliesen. Aber wahrscheinlich waren die meisten der über den Flur Humpelnden auch nicht begeistert davon, die Dusche mit mir teilen zu müssen.

Minutenlang ließ ich dampfend heißes Wasser auf meinen Rücken prasseln. Ich genoss, wie mit der Kälte auch die Angst aus meinem Körper gespült wurde.

Langsam kam ich zu mir.

Gespannt wartete ich auf den bohrenden Schmerz in meiner Brust, auf die nächste Angstattacke, die signalisierte, dass die Wirkung der Drogen nachließ.

Eine Sekunde verging. Zwei.

Nicht passierte.

Ich entspannte mich etwas, spürte das kochend heiße Prasseln auf meiner Haut, fühlte mich sicher, warm, geborgen. Das Beste war, ich würde das Wasser einfach nie wieder abstellen.

Das war natürlich genauso verrückt wie mein Verfolgungswahn. Ich konnte nicht ewig unter der Dusche bleiben, meine Haut war bereits feuerrot. Ich würde schrumpelig werden wie eine zwei Jahre alte Pflaume in einer vergessenen Tupperdose.

Trotzdem blieb ich eine Dreiviertelstunde unter dem heißen Wasserstrahl stehen. Der Raum war neblig vor Dampf.

Schließlich stellte ich die Dusche ab und rubbelte meinen heißen Körper trocken. Erstaunt bemerkte ich die deutlich fühlbaren Rippen und meine hervorstehenden Beckenknochen. Ich hatte abgenommen. Logisch, ich hatte viel gekotzt und kaum gegessen in den letzten Wochen.

Ich nahm mir vor, auf das Herz der dicken Oma Busch Rücksicht zu nehmen und ihr nichts von meiner Mittagsmahlzeit abzugeben.

 

Ich machte mir nicht die Mühe, meine Haare zu föhnen oder wenigstens zu kämmen, sondern schlurfte zurück in mein Zimmer.

Einer dieser selbstständigen Servierwagen kam mir entgegen. Surrend hielt das Gerät auf mich zu. Ich wusste nicht, ob ich nach rechts oder nach links ausweichen sollte. Sah aus, als wollte mich das Ding rammen.

Doch der Wagen hielt an und motzte mit unfreundlicher Computerstimme: »Achtung, Achtung! Dies ist ein automatischer Transport!«

Aha.

Ich trat zur Seite und das Gerät setzte sich wieder in Bewegung.

Zurück im Zimmer kroch ich ins Bett und zog mir die Decke bis ans Kinn.

Dann wartete ich.

Nach einer Weile begannen meine Hände zu zittern. Ich rollte mich fest in die Bettdecke ein und wartete weiter.

Schwester Gundel wuchtete meine Zimmergenossin in einen Rollstuhl, wobei die winzige Krankenschwester beinahe unter Oma Buschs Speckbergen begraben worden wäre. Gundel schob die Dicke ächzend hinaus und brachte sie nach einer Weile frisch geduscht zurück.

Gegen neun huschte eine spitzmausgesichtige Ärztin mit dunklem Dutt herein – unschwer zu identifizieren am obligatorischen Kittel und einem auffälligen, vergoldeten Stethoskop, das wie eine Medaille auf ihrem unsichtbaren Busen blinkte. Verfolgt wurde sie von Schwester Gundel und einem höchstens sechzehnjährigen Krankenpflegeschüler mit Pubertätspickeln und einer blond gesträhnten, haargelverkleisterten Igelfrisur. Der Junge schob einen Aktenwagen vor sich her, aus dem Schwester Gundel der Ärztin die Akten anreichen durfte.

Ich überlegte, was die Ärztin wohl daran hinderte, selbst zu schieben und die richtige Akte herauszusuchen.

Zumindest mischte sich dieser Wagen nicht in das Gespräch ein.

Die drei bauten sich vor dem Bett von Oma Busch auf.

»Ah, Frau Busch! Wie es gehen heute?«, kauderwelschte die Ärztin mit starkem russischem Akzent drauflos.

Frau Busch hangelte nach dem über dem Bett baumelnden Galgen und kämpfte ein paar Sekunden mit ihren Fettfalten, bevor sie sich hochgewuchtet hatte. Die Anstrengung färbte ihr Gesicht dunkelrot.

»Ich schon sehen«, nickte die Ärztin. »Wie die Blutdruck, Schwester?«

»Hundertsiebzig zu hundertzehn in Ruhe, Ruhepuls hundert«, informierte Gundel sofort.

»Ah, wir müssen die Medikamente mehr geben. Mehr von die Digitalis und die Betadrenol.«

»Mehr Digitalis?«, vergewisserte sich Gundel.

»Die Puls ist noch immer nicht niedrig.«

Schwester Gundel notierte die Anweisung mit ihrer Würde-die-Augenbrauen-zusammenziehen-wenn-ich-welche-hätte-Miene.

»Und wir gehen von die Heparin zu Markurin.«

»Markumar«, korrigierte Gundel, ohne von ihren Notizen aufzusehen.

»Ah, Markumar«, papageite die Ärztin. »Auf Wiedersehen, Frau Busch.«

Im nächsten Moment stand sie vor meinem Bett.

»Ah, Frau … !« Die Ärztin stockte und nahm Gundel die Akte aus der Hand.

Ich runzelte die Stirn.

Die Ärztin blätterte eine Weile.

Ziegler, dachte ich mit einem Blick auf den Pappdeckel des Ordners, auf dem mein Name in Großbuchstaben zu lesen war.

»Ziegler«, half Gundel der Russin weiter und deutete mit einem Kopfnicken auf das Plastikschild am Fußende meines Bettes, wo mein Name ebenfalls stand.

»Ah, Frau Ziegler, ja ja.«

Ich ahnte allmählich, warum die Ärztin die Visite nur unter Aufsicht einer Krankenschwester machen durfte. »Sie hier wegen Alkoholabusus und Drogenmissbrauch. Die einzige Grund, warum Leute unter fünfzig sind auf diese Station.«

Ich schwieg.

Oma Busch im Nebenbett blinzelte über ihren rosa Rüschenkragen hinweg. Ihre Begeisterung, mit einem Junkie das Zimmer zu teilen, hielt sich in Grenzen.

»Blutwerte gut?«

»Jawoll!« Gundel salutierte zackig.

»Wir noch mal geben die NaCl«, beschloss die Ärztin, deren Namen ich noch immer nicht kannte und die offensichtlich auch gar nicht mit mir reden wollte. Vielleicht hätte sich das geändert, wenn sie gewusst hätte, dass ich kapierte, was sie sagte. Dank meines großen Latinums und der unzähligen Krankenhausaufenthalte, die mir mein Vater verschafft hatte, verstand ich nicht nur das Kürzel der in Infusionen verwendeten Kochsalzlösung, sondern auch die meisten anderen Begriffe der Medizinersprache.

»In zwei, drei Tagen sie kann nach Hause«, informierte die Ärztin alle Personen im Zimmer, klappte meine Akte zu und hielt sie Gundel hin, während sie sich schon abwandte.

In dem Moment flammte ohne jede Vorwarnung der Schmerz wieder auf.

Die Ärztin bemerkte nicht, dass ich zusammenzuckte, sie wieselte bereits auf die Tür zu. Der Pfleger mit der Igelfrisur und Gundel mussten sich beeilen, um nicht zurückzubleiben.

Verkrampft hielt ich den Atem an, krallte die Fingernägel meiner rechten Hand in die Innenseite meines linken Unterarms, wo sie blaurote, sichelförmige Abdrücke hinterließen.

Ich hatte ein offensichtliches Drogenproblem, ich neigte dazu, mich selbst blutig zu kratzen, und ich hatte die Nacht auf dem Dach eines Hochhauses verbracht – und die wollten mich ernsthaft nach Hause schicken?

Ich hatte kein Zuhause, verdammt!

Eine junge Putzfrau mit hellblond gebleichten Haaren, Nasenpiercing und für eine Kloreinigung übertriebenem Make-up tauchte auf, wischte den Fußboden, die Nachttische und das Waschbecken und war nach gefühlten drei Minuten wieder verschwunden.

Als das Mittagessen gebracht wurde, schob ich das Tablett weg, ohne unter die Warmhaltehaube gesehen zu haben.

Am Nachmittag war das Beben meiner Hände so stark, dass mir Schwester Inez von der Spätschicht die verordnete Infusion verabreichte.

 

In der Nacht wälzte ich mich im Bett hin und her. Ich war schweißgebadet, hatte Magenkrämpfe und die Übelkeit ließ mich ununterbrochen würgen.

Daran änderte auch die Magentablette, die man mir in einem Plastikbecher zusammen mit dem Essen hingestellt hatte, nichts. Auf meinen Hinweis, dass meine Beschwerden nichts mit meinem Magen zu tun hätten, dass dieses Organ vollkommen gesund sei, hatte die Schwester geantwortet: »Die kriegt jeder. Ist Standard.«

Oma Busch schnarchte, in einem der Nebenzimmer klingelte ein Schwerhöriger mit Blasenschwäche alle halbe Stunde nach der Nachtschwester, um sie anzubrüllen, und um halb drei landete der Rettungshubschrauber.

Mein überreiztes Nervensystem ließ mich beim kleinsten Geräusch hochschrecken und atemlos lauschen. Mein Herz klopfte und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn, während ich schon wieder am ganzen Körper zitterte. Ich rollte mich unter der Decke zusammen, zog sie mir über den Kopf und wartete darauf, dass es endlich Morgen wurde.

 

6.

Irgendwann musste ich doch in einen kurzen Schlaf gefallen sein, denn ich wachte davon auf, dass Schwester Gundel die Gardinen zur Seite schob.

»Na, wie geht’s uns heute Morgen?«, flötete sie provozierend gut gelaunt.

Wütend wurschtelte ich mich unter der Decke hervor.

Gundel musterte mich und wieder irritierten mich ihre fehlenden Augenbrauen. »Sie kriegen besser noch eine Infusion.«

Ich antwortete nicht.

Meine Gedanken hämmerten auf mein Gehirn ein.

Ich hatte ein Drogenproblem. Ich verletzte mich selbst. Ich hatte keine Freunde, keine Familie, kein Zuhause. Ich war am Ende. Schon wieder bohrte ich die Fingernägel in meine Haut.

Nach dem Frühstück kam die Infusion und nach der Infusion kam die Putzfrau und lenkte mich ab.

Ich blickte auf die Uhr, als sie das Zimmer betrat. Während sie, ohne aufzusehen, den Boden wischte, betrachtete ich ihr Nasenpiercing. Und als sie zum Bett von Frau Busch hinüberging, hatte ich freie Sicht auf ihre Rückseite, die nicht von der grünen Putzfrauenschürze verhüllt wurde. Dank ihrer Hüftjeans und des knappen, türkisfarbenen Shirts blieben mir nicht mal ihr schwarzer String und das darunter tätowierte Arschgeweih verborgen. Ich versuchte zu schätzen, wie alt sie war. Älter als ich in jedem Fall. Unter der dicken Schicht Make-up entdeckte ich die ersten Fältchen in ihren Augenwinkeln. Mindestens fünfundzwanzig, vielleicht auch schon dreißig. Trotzdem noch reichlich jung, um schon als Putze am Ende der Karriereleiter angekommen zu sein.

Meine Wertschätzung für Frauen, die sich zum Toilettenschrubben aufbrezelten, als wollten sie die Nacht durchfeiern, war nicht besonders hoch. Wahrscheinlich verwandelte sich Blondie nach Dienstschluss in eine billige Discobraut, die sich jede Nacht von einem anderen abschleppen ließ.

So wie ich.

Autsch.

Sie wischte hastig und ließ den Bereich unter den Betten aus. Ich zweifelte daran, dass das den Hygienevorschriften einer medizinischen Einrichtung entsprach.

Sie stieß mit dem Rücken gegen den Nachtschrank von Oma Busch. Prompt raschelte ein ganzer Stapel Klatschzeitschriften zu Boden.

»Fuck!«, fluchte die Putzfrau leise und fing an, alles wieder einzusammeln. Sie bückte sich nach einer BILD-Zeitung, die neben meine Turnschuhe geflattert war. Dabei rutschte der Ärmel ihres türkisfarbenen Shirts nach oben und mein Blick fiel auf einen dunkelblauen Bluterguss, der ihren ganzen Unterarm verfärbt hatte.