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Impressum

Der Autor

Inhalt

Prolog

Teil I – Partner

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Teil II – Verrat

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

Teil III – Sonderermittlung

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

Teil IV – White Boy, White Lady

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

54.

55.

56.

57.

58.

59.

60.

Teil V – Puma

61.

62.

63.

64.

65.

66.

67.

68.

69.

70.

71.

72.

73.

74.

Epilog

Danksagung

 

E-Book © 2014 by GRAFIT Verlag GmbH

Originalausgabe © 2002 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str. 31, D-44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de/

E-Mail: info@grafit.de

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: Ulrike Roßmann, Agentur Lüders

eISBN 978-3-89425-171-0

Horst Eckert

 

 

 

Ausgezählt

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

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Der Autor

 

Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt als hauptberuflicher Autor in Düsseldorf. Wie kaum ein Zweiter versteht er es, Spannung mit Tiefgang zu erzeugen, indem er Seelen in all ihren Schattierungen auslotet. Dabei erweist er sich als schonungsloser Chronist unserer Zeit. Davon zeugen zahlreiche Auszeichnungen. Eckerts Romane sind ins Tschechische, Französische und Niederländische übersetzt.

www.horsteckert.de

 

 

 

Die Welt ist tief,

und tiefer, als der Tag gedacht.

 

Friedrich Nietzsche

 

 

 

Für Kathie und Klaus

Prolog

 

Ob er unter Räuber gefallen sei, fragte die Frau und spielte auf seine Blessuren an. Er schaffte es, darüber zu lächeln, und wusste, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, sich ans Ende der Welt zurückzuziehen.

Sie setzten sich an die lange Tafel des Bayon Restaurant und studierten die zweisprachige Karte. Er spürte fast keine Schmerzen mehr. Er war hungrig. Der Abstand zu seinem bisherigen Leben betrug vier Tage und knapp zehntausend Kilometer.

Sie hörten den Geschichten der Einheimischen zu. Seine Begleiterin mokierte sich über deren schlechtes Englisch. Ihm gefiel es, wenn die Leute etwas erzählten. Es half ihm auszublenden, was zu Hause geschehen war.

 

Am Tag hatte er sich ein Fahrrad geliehen, um in die Tempelzone zu gelangen. Er genoss es, durch den Wald zu streifen und Ruinen zu besteigen. Er fand den Ort, den er vor zwölf Jahren schon einmal betreten hatte, damals mit dem Hubschrauber einschwebend. Ta Prohm Kel: Nun eine Großbaustelle – mitten zwischen den Tempeln zog ein koreanischer Konzern einen Hotelkomplex hoch. Planierraupen qualmten, Betonmischer rumpelten. Ein Schild kündigte Fünf-Sterne-Luxus an.

Die Verkäufer an den Souvenirständen fragten: »Col' drink, Mista?«

Die Kinder bettelten: »Wandalla, Wandalla!«

Er begriff, dass sie einen Dollar verlangten, und verteilte Banknoten, bis er einsah, dass es zu viele Kinder waren.

Als er in die Stadt zurückkehrte, erkannte er, dass er schon wieder auf der Suche war – er studierte die Gesichter der Einheimischen und schätzte ihr Alter ein.

Vielleicht lebte Sok San hier, angelockt vom Geld der Touristen. Sok San: Guerilla-Offizier, Schmuggler und Mörder. Er fragte sich, wie er reagieren würde, wenn er dem Kerl begegnen würde, dem einzigen Menschen in diesem Land, dessen Namen er buchstabieren konnte.

Vom Hotel aus rief er seine Mutter an. Er stellte sich vor, dass sein Name in den Zeitungen stand und Mutter sich fragte, wie es ihm ging. Bei ihr zu Hause war es jetzt später Vormittag.

»Was willst du in diesem Land?«, wollte sie wissen.

Er antwortete: »Mach dir keine Sorgen. Es ist schön hier. Es ist nicht mehr gefährlich.«

Mutter hoffte, dass er bald zurückkehrte. Doch er hatte Angst davor.

In seinem bisherigen Leben hatte er Menschen zerstört und beinahe sich selbst.

 

Nach dem Abendessen schlenderte er mit seiner Begleiterin durch die Stadt. Es boten sich nicht viele Alternativen: Tiger Beer in der Ivy Lounge, Tomb Raider Cocktails in der Red Piano Bar. Ab und zu eine Vorführung traditioneller Tänze im Saal gegenüber, das Diner im Preis inbegriffen.

Vor einem Plakat blieb seine Begleiterin stehen: ein Thai-Boxkampf.

Die Erinnerung wurde gegenwärtig: Auch sein Name hatte auf einem Plakat gestanden. Er war bereits als Sieger gefeiert worden.

Er dachte an Leute, die er hinter sich gelassen hatte. Freunde und Kollegen, die Verräter waren. Frauen, die ihn getäuscht hatten, und Frauen, denen er wehgetan hatte.

Sein altes Leben. Vor vier Tagen war es explodiert – buchstäblich.

Die Begleiterin wollte tatsächlich den Boxkampf sehen. Er willigte ein, weil er hoffte, dass ihn etwas davon an gute Zeiten erinnern würde. Glanzpunkte unter dem Schutt der Vergangenheit – zu ihnen würde er nicht mehr zurückkehren können.

Teil I

 

 

 

Partner

1.

 

Gerd Janssen konnte nicht verstehen, warum sein bester Kämpfer auf diese Art seine Laufbahn beenden wollte. In achtzehn Jahren hatte er den Jungen nicht so erlebt. Bruno tänzelte, wie Janssen es ihm geraten hatte. Aber er jagte den Gegner nicht. Er wich nur aus.

Der Duisburger, ein bulliger Türke namens Ekinci, marschierte auf Bruno zu, der ihn mit einer linken Geraden empfing, nichts folgen ließ und zurückwich. Ekinci duckte sich, ging nach vorn und landete einen Haken gegen Brunos Rippen, einen zweiten ließ Janssens Schützling durch eine rasche Drehung ins Leere gehen.

Der Junge tanzte durch den Ring – eine fast perfekte Vorstellung. Auf den Zehen, im Uhrzeigersinn um den Türken kreisend. Mit ein paar linken Geraden spielte er seine Reichweite aus, ohne wirklich anzugreifen. Ekinci versuchte unter den Schlägen wegzutauchen, in die Nahdistanz zu gehen, seine Schlagkraft auszuspielen. Doch Bruno war immer woanders. Warum, zum Teufel, konterte er nicht?

Janssen spürte, dass auch das Publikum unruhig wurde.

Vor dem Gong deutete der Junge kurz an, was in ihm steckte. Links-links-rechts, zwei Schläge krachten in das Gesicht des Gegners, der zu spät die Fäuste hochriss. Bruno wich zurück, Ekinci ging nach vorn und kassierte eine weitere Kombination, die ihn wie ein Trommelwirbel an Körper und Kinn traf.

Ja! Das war es, was Janssen dem Jungen gepredigt hatte, seit er ihn als Dreizehnjährigen unter die Fittiche genommen hatte. Dominanz ausüben. Dem anderen den Rhythmus aufzwingen und ihn demoralisieren. Sobald der Gegner innerlich aufgibt, hast du gewonnen.

Die erste Runde im Kampf um die Niederrheinmeisterschaft im Halbschwergewicht der Amateure war vorbei. Wenn der Junge Glück hatte, würden die Kampfrichter sie unentschieden werten.

Janssen kletterte in den Ring und nahm Bruno den Mundschutz heraus. Wilfried, der Co-Trainer, hievte den Eimer auf das Podest und drückte den Schwamm auf Brunos Stirn aus.

»Dem Türken hab ich was zu denken gegeben«, sagte Bruno ohne Feuer in der Stimme. Als sei er mit den Gedanken woanders.

Bei seiner neuen Freundin, vermutete Janssen.

»Du hast die Runde ordentlich abgeschlossen, das war alles«, sagte er.

»Ich tanze. Das macht Eindruck auf die Richter.«

»Ach was.«

Jeden anderen Kämpfer hätte Janssen angebrüllt. Aber bei Bruno wirkte die übliche Anfeuerung nicht. Janssen spürte seine Grenzen als Trainer. Er hatte zwar die Lizenz, aber er war nicht mehr als ein sechsundfünfzigjähriger Maschinenschlosser und Exboxer, der ehrenamtlich die Aktiven des TuS Gerresheim betreute.

Er schob Bruno den Mundschutz zurück auf die Zähne, tätschelte ihm den Nacken und blickte ihm streng in die Augen, hoffend, dass er ihn damit aufrütteln würde.

»Ring frei, Runde zwei«, rief der Zeitnehmer.

Ekinci schlug die Fäuste unternehmungslustig gegeneinander. Bruno umkreiste ihn. Ein kurzer Schlagabtausch, dann hatte der Türke den Gerresheimer in der Ecke. Bruno blockte die wuchtigen Hiebe ab, so gut er konnte. Janssen fragte sich, wer da wem etwas zu denken gab.

Der Junge rettete sich in den Clinch. Der Ringrichter trennte. Bruno tanzte wieder, wich aus und griff gerade oft genug an, um nicht wegen Untätigkeit verwarnt zu werden. Janssen hielt es kaum auf der Bank. Als Sekundant musste er still bleiben – der Ringrichter war als scharfer Hund bekannt und eine Disqualifizierung war das Letzte, was Janssen für seinen Liebling riskieren wollte. Er schraubte den Flachmann auf und genehmigte sich einen Schluck zur Beruhigung.

Tänzeln und Finten. Der Gong. Ein verächtliches Abwinken des Duisburgers: Du hast nichts außer deinen flinken Beinen.

Bruno wehrte den Schwamm ab. Er wirkte frisch, keine Schramme im Gesicht. Nur seinem Atem war anzumerken, dass er in einem Finalkampf stand. Wilfried hielt ihm den Becher hin. Der Junge trank, spülte den Mund aus und spuckte in den Eimer. Janssen knetete ihm den Nacken. Der Trainer folgte Brunos Blick und entdeckte zwei leere Stühle in der zweiten Reihe – der Junge hatte sie für seine neue Freundin und einen Kollegen reserviert.

»Ist das der Grund, warum du nicht kämpfst?«, fragte Janssen.

Bruno schwieg. Er hatte die Dienststelle gewechselt und arbeitete seit kurzem meist abends oder nachts. Er konnte nicht mehr regelmäßig trainieren und für Wettkämpfe wie heute musste er sich freinehmen. Nach der Niederrheinmeisterschaft sei Schluss, hatte er Janssen erklärt. Der Trainer wusste, dass die Entscheidung nicht allein wegen Brunos Job gefallen war.

Wie so oft. Die besten Sportler hingen die Handschuhe an den Nagel, wenn die Freundin nichts für das Boxen übrig hatte. Janssen fand es schade, dass seine eigene Tochter zu jung für Bruno war. Hannah würde dem Jungen den Sport nicht verbieten.

»Mensch, zeig endlich, was du draufhast!«, quengelte Wilfried.

Bruno schielte auf die Uhr an Janssens Handgelenk.

Karen hieß seine Neue. Eine Fernsehjournalistin. In diesen Kreisen spielte man Tennis oder Golf, vermutete der Trainer. Vor Jahren hatte sich Bruno schon einmal überreden lassen, das Boxen aufzugeben. Falsche Freunde, Flausen im Kopf. Diesmal schien es endgültig zu sein. Janssen wünschte ihm Glück. Der Junge war einunddreißig. Eigentlich schien sein neues Mädel ja auch ganz nett zu sein. Aber Bruno sollte verdammt noch mal nicht auf diese Art abtreten!

Der Zeitnehmer kündigte die nächste Runde an, Janssen und sein Helfer räumten die Ecke.

Der Tanz ging weiter. Ekinci griff an, drängte Bruno gegen die Seile, wollte den entscheidenden Schlag landen. Der Junge deckte das Gesicht ab, der Türke trommelte gegen Arme und Schultern. Die Duisburger Fans feuerten ihren Kämpfer an, jetzt auch unterstützt vom Rest des Publikums, das froh war, dass etwas geschah. Bruno stieß Ekinci zurück, tänzelte durch den Ring, verfolgt von vereinzelten Pfiffen und einem bulligen Gegner, der einen Haken nach dem anderen in die Luft schlug. Janssen sah, dass der Türke müde wurde. Warum nutzte Bruno das nicht aus?

Die letzte Pause. Janssen wollte nach dem Mundschutz greifen, doch der Junge drehte den Kopf weg, nahm ihm den Schwamm ab, schob das Trikot hoch und ließ das Wasser über die roten Flecken auf seinen Rippen laufen.

Ein schlanker Blonder mit Oberlippenbart schlich durch die Zuschauerreihen und setzte sich auf einen der freien Plätze. Offenbar der Kollege aus Brunos neuer Dienststelle. Sein neuer Partner.

Janssen sagte: »Wenn du Wert darauf legst, ein schönes Gesicht zu behalten, solltest du erst gar nicht in den Ring steigen. Lass uns das Theater abbrechen. Alle sind wegen der Boxkämpfe hergekommen. Nur du anscheinend nicht.«

Bruno sah ihn finster an, als sei es die Schuld des Trainers, dass seine Karen nicht erschienen war.

Janssen versuchte es mit einer Standpauke: »Du hast einen Job, der dir Spaß macht. Du hast eine neue Freundin. Wunderbar. Sie redet dir ein, dass Boxkampf nur dummes Geklopfe sei. Okay, viele denken so. Aber ich hab dich nicht all die Jahre ausgebildet, damit du mich hier blamierst. Es ist nur die Scheißniederrheinmeisterschaft, aber da drin tut's weh.« Er hieb sich gegen die eigene Brust. »Zweihundert Leute in dieser Halle halten dich in diesem Moment für einen Waschlappen. Wenn du schon nicht für deinen alten Trainer kämpfen willst, dann tu es für dich!«

Janssen und der Co-Trainer zogen sich auf ihre Plätze zurück. Sie beobachteten, wie Bruno seinem Kollegen zuwinkte. Der Neuankömmling hielt eine Papiertüte hoch, die er auf dem Sitz neben sich abstellte.

Wilfried raunte Janssen zu: »Die Punkte, die Bruno in drei Runden verloren hat, kann er jetzt nicht mehr wettmachen.«

Der Junge wich aus, Ekinci marschierte und landete Körpertreffer. Die Leute johlten. Sie wollten den Tänzer am Boden sehen. Bruno floh in die andere Ecke. Als er zu dem leeren Stuhl hinübersah, kassierte er eine fürchterliche Rechte des Türken, die seinen Kopf in den Nacken knallen ließ. Der Ringrichter umkreiste ihn mit hektischen Schritten, doch Bruno schwankte nur einen Moment.

Ekinci holte wieder aus und fing einen Konter mit Brunos Führungshand am Kopf, eine zweite Gerade mit rechts, wehrte mit Mühe den dritten Schlag ab, taumelte, ging in den Clinch. Der Ringrichter trennte. Bruno wich zurück und das Spiel wiederholte sich: Ekinci marschierte, Bruno tanzte zur Seite, schlug zwei Linke, eine Rechte, hatte den Gegner in den Seilen, der überrascht wirkte, als hätte er mit Gegenwehr nicht mehr gerechnet.

Jetzt, dachte Janssen. Deck ihn mit Schlägen ein. Dominanz.

Doch wieder wich der Junge zurück. Ekinci verfolgte ihn, holte aus und schlug einen langen Haken in die Luft. Bruno konterte endlich und traf. Brust, Magen, Kinn. Ein kurzes Schlaggewitter. Ekincis nächster Haken ging weit daneben, der Schwung riss den Türken an Bruno vorbei, fast fiel er in die Seile. Bruno über ihm. Zwei linke Haken, ein rechter. Schnell und hart. Ekinci fuchtelte unkoordiniert mit den Fäusten. Brunos Rechte traf ihn mitten ins Gesicht, ein verheerender linker Haken schleuderte den Kopf des Duisburgers zur Seite. Knochen knirschten, Blut sickerte aus einem Riss unter dem Auge.

Das ist der Bruno, den ich kenne, dachte Janssen – umkreisen, lauern, vernichtend schlagen.

Ekinci taumelte auf den Gerresheimer zu, begann zu fallen, mit den Fäusten vergeblich Halt suchend, an Bruno vorbei, der noch immer schlagbereit der Bewegung folgte und zusah, wie der Duisburger auf den Boden prallte und liegen blieb.

Die Zuschauermeute tobte, als sei sie von Beginn an auf Brunos Seite gewesen. Die Saalanlage kam gegen den Jubel kaum an, die Stimme des Sprechers ging unter. Der Mann in Weiß hob Brunos rechten Arm.

Jeder wollte dem Niederrhein-Champion auf die Schulter klopfen. Der silberne Umhang mit dem Logo des TuS Gerresheim stand seinem Schützling gut, fand Janssen.

»Du bist in der Form deines Lebens, Bruno. Bielefeld in drei Wochen. Den Landesmeister schaffst du spielend.«

»Hör auf.«

»Und danach fahren wir zur deutschen Meisterschaft nach Potsdam.«

»Vergiss es, Janssen. Es ist vorbei.«

Der blonde Polizist wühlte sich durch die Gratulanten und umarmte den Sieger. »Die einen werden ausgezählt, die anderen steigen auf. Bravo, Bruno!« Er schüttelte Janssen die Hand. »Haben Sie ihm das beigebracht? Er tanzt wie Ali und schlägt zu wie Ali. Alle Achtung.«

Bruno stellte den Polizeikollegen vor. Thomas Eberhard, sein Partner in der Kriminalwache. Sein Trainer in Sachen Kripoarbeit. Der Kollege zog eine Flasche Schampus aus der Papiertüte. Eberhard scherzte: »Im Dienst wirkt der Junge ganz harmlos.«

Der Coach taxierte den Blonden: durchschnittlich muskulös, Zigarettenpackung in der Hemdtasche, knapp zu alt, um an Kämpfen teilzunehmen – die Grenze bei den Amateuren lag bei 37 Jahren.

Die Pulle hatte ein gelbes Etikett – echter Champagner, das richtig teure Zeug.

»Jedenfalls können Sie sich mit ihm an Ihrer Seite sicher fühlen«, antwortete Janssen.

»Solange er nicht auf mich losgeht!«

Alle lachten. In Ermangelung der Gläser tranken sie das Sprudelzeug aus der Flasche. Janssen bekniete Bruno erneut. Er bot Einzeltraining an. Am frühen Morgen, bevor er selbst in die Fabrik musste. Oder am Abend, bevor Brunos Nachtschicht begann.

Bruno ließ sich nicht umstimmen.

Der Sprecher kündigte die Entscheidung im Schwergewicht an. Die Leute im Saal beruhigten sich. Der eine Finalist war ebenfalls Polizist. Er trat für den Boxclub Kamp-Lintfort an.

Bruno blieb – aus reiner Höflichkeit.

Der letzte Kampf des Tages endete mit einem K.-o.-Sieg des Kerls aus Kamp-Lintfort. Noch während der Ringrichter zählte, verdrückte sich Bruno.

Es scheint wirklich etwas Ernstes zwischen ihm und der neuen Freundin zu sein, stellte Janssen fest.

 

 

2.

 

Mahé–Düsseldorf. Schlappe fünfundzwanzig Grad Temperaturunterschied. Als Bruno und Karen Wegmann in den deutschen November zurückkehrten, war die Wohnung ungeheizt.

Am nächsten Tag spürte Bruno ein Kratzen im Hals. Leichte Kopfschmerzen, Schnupfen im Anmarsch. Der Alltag hatte ihn wieder.

Als Bruno sich zum Dienst verabschiedete, machte sich Karen ans Formulieren der Danksagungen für all die Glückwünsche und Geschenke, die sie erhalten hatten – sie hielt sich für die bessere Texterin.

Seine erste Schicht nach drei Wochen Urlaub: ein kalter Nachmittag, dämmrig und regnerisch.

Er parkte im Innenhof vor den abweisenden Mauern der Festung, quittierte die grüßende Geste von Jupp, dem Pförtner, mit einem Niesen und durchquerte das Foyer. Selbst der öde Flur, der zu seiner Dienststelle führte, konnte seine Stimmung nicht trüben. Er öffnete die Tür zum Funkraum der Kriminalwache und stand sofort im Mittelpunkt.

Das Ritual, das Bruno erwartet hatte: Die Kollegen machten sich über seine Sonnenbräune lustig – als sei es ein Zeichen von Impotenz, die Flitterwochen nicht ausschließlich im Bett zu verbringen. Sie mokierten sich über die angebliche Extravaganz eines Seychellenurlaubs und Bruno gönnte sich den Spaß, ihren Neid noch weiter anzustacheln. Er zeigte Schnappschüsse, frisch vom Express-Service: Karen beim Tauchgang zwischen Korallen, Karen beim Paragliding am Strand, Karen und er an der Bar – die Kokosnüsse enthielten Pina Colada und waren mit Früchten und Blüten dekoriert.

Schichtleiter Ritter klopfte Bruno die Schulter. »Na, ist sie schon schwanger?«

»Dafür haben wir noch Zeit.«

»Man muss ihnen ein Kind machen, sonst laufen sie einem davon!«

Bruno fiel keine schlagfertige Antwort ein. Karen war es, die mit dem Nachwuchs warten wollte. Er verstand selbst nicht recht, worauf.

»Dir laufen sie davon, aber nicht unserem Champion«, warf Marietta ein, das Huhn der Schicht, die einzige Frau. Nun lachten alle über Ritter.

»Wenn man bedenkt, dass alles in diesem Zimmer angefangen hat«, bemerkte Thomas Eberhard. »Das hübsche Mädel vom Fernsehen und Bruno, gerade drei Tage bei uns. In dem Beitrag hast du smarter als jeder Tatort-Kommissar gewirkt. Der Gruppenleiter tut immer noch so, als hätte er euch beide verkuppelt.«

Sein Partner wusste, dass Bruno die Reporterin schon gekannt hatte, bevor sie hier aufgekreuzt war, um ihren Film über die Kriminalwache zu drehen. Bereits in der Schulzeit hatten er und Karen viel miteinander unternommen, gemeinsam mit Fred, seinem besten Kumpel, der gleichzeitig Karens damaliger Freund gewesen war. Nach dem Abitur hatten sich die Wege getrennt.

Marietta warf ein: »Apropos Gruppenleiter. Was kann ein Zitronenfalter nicht?«

»Zitronen falten«, antwortete Bruno. Er ahnte, welche Frage sich anschließen würde. Ihm lief die Nase. Er schnorrte Tempos.

Geißler, dem Chef der Kriminalgruppe vier, unterstanden Fahndung, Erkennungsdienst und Kriminalwache. Es hieß, er sei so lange befördert worden, bis er eine Karrierestufe erreicht hatte, die ihn restlos überforderte. Und die Führungsetage sei voll mit solchen Leuten.

»Wohnungseinbruch in der Heinrichstraße«, meldete Onkel Jürgen, der am Monitor Platz genommen hatte. Keiner nannte ihn beim richtigen Namen. Der Spitzname rührte daher, dass er mit seiner Mähne dem Schlagersänger Jürgen Drews ähnelte.

Eberhard riss die Adresse ab, die der Drucker ausspie. »Schluss mit dem siebten Himmel, Bruno. Du bist wieder in Düsseldorf.«

Sobald die Sachbearbeiter der einzelnen Kommissariate Feierabend machten, waren die Beamten der Kriminalwache in Spät- und Nachtschicht zuständig für jeden Kriminalfall, der im Stadtgebiet gemeldet wurde. In erster Linie leisteten sie Tatortarbeit – die notwendigen und unaufschiebbaren Maßnahmen. Am nächsten Morgen übernahmen dann die Sachbearbeiter der einzelnen Kommissariate die Fälle. Die K-Wache genoss keine große Wertschätzung. Bewaffnete Verwaltung, lästerten die Kripokollegen aus anderen Dienststellen. Bruno scherte sich nicht darum.

Der Job war abwechslungsreich und die Zweierteams arbeiteten selbstständig. Bruno war froh, keine Kutte mehr tragen zu müssen wie noch vor einem Dreivierteljahr in der Polizeiinspektion Südwest. Dass ihm die Arbeit Spaß machte, lag auch an Eberhard.

Privat pflegte Bruno kaum Kontakt mit seinem Partner, aber er verehrte ihn – es hatte gedauert, bis er ihn Ebi nannte, wie die anderen in der Dienststelle es taten. Bruno lernte von ihm. Wie Ebi mit Leuten umsprang, das erinnerte Bruno an seinen alten Boxtrainer: Dominanz ausüben.

Sie bepackten den Omega mit ihren Taschen und rollten vom Hof. Das Fahren war Brunos Job.

In der Lorettostraße brannte bereits die Weihnachtsbeleuchtung. Bruno lutschte Halspastillen.

Vor zwei Tagen waren er und Karen noch im Meer geschnorchelt. Auf der Rückfahrt zum Strand hatten sie sich auf dem Bug in die Sonne gelegt und vom Auswandern geträumt. Delfine hatten das Boot begleitet. Sie hatten das Versprechen wiederholt: In guten wie in schlechten Tagen.

Nach seinen Kambodscha-Erfahrungen vor zwölf Jahren hätte Bruno nicht gedacht, dass ihm die Tropen gut gefallen würden – Karen hatte ihn jedoch überredet, dorthin zu fahren.

Ebis Handy klingelte. Der Kollege verhandelte mit seinem Broker. Bruno war froh, dass er sich nicht vom Aktienfieber hatte anstecken lassen. Die meisten Werte waren abgestürzt. Sein Partner zockte weiter. Schlechte Zahlen nannte Ebi Einstiegskurse.

Der Blonde steckte das Handy weg. »Gut, dass du zurück bist.«

»Wer ist in den letzten Wochen mit dir rausgefahren?«

»Fast jeden Tag ein anderer. Manchmal musste ich sogar allein raus.«

»Allein?« Das war unüblich. Sie fuhren stets zu zweit. Damit der eine den anderen schützte. Damit beide sich gegenseitig kontrollierten.

»Ritter war 'ne Zeit lang krank. Dann ging Schröder auf seinen Lehrgang und sie haben mich mit Marietta zusammengesteckt. Nichts gegen Marietta. Aber meine Frau ist eifersüchtig.« Ebi machte die Scheibenwischerbewegung. »Lara glaubt, ich hätte was mit unserem Huhn.«

Schon vor Brunos Urlaub hatte es in Ebis Ehe gekriselt. Bruno hatte gehofft, es würde sich wieder einrenken. Er konnte Lara gut leiden. Die beiden passten zueinander. Sie hatten ein Baby.

»Wie steht's mit dir und Lara?«

»Besser«, antwortete Ebi und machte eine Kunstpause. »Besser, du fragst nicht.« Er lachte matt über den eigenen Scherz.

Sie erreichten den Tatort. Heinrichstraße, ein Mietshaus aus den Fünfzigern. Der übliche Einbruchsfall, einer von rund dreizehnhundert im Jahr. Der Schließzylinder der Wohnungstür war geknackt, die Schubladen im Schlafzimmer standen auf, Bargeld fehlte. Die Mieter wunderten sich, dass ihr Fernseher noch da stand – als wäre die Glotze das wichtigste Gut.

 

Zurück zur K-Wache. Im Aufenthaltsraum stand eine Polstergarnitur, die Bruno noch nicht kannte. Tabakbraunes Leder.

»Onkel Jürgen hat sich was Neues gekauft«, erklärte Marietta. Die ausrangierten Teile des Onkels waren ein Fortschritt gegenüber den Sesseln vom Sperrmüll, die vorher hier gestanden hatten. Keine Sprungfedern mehr, die in den Hintern stachen.

Im Fernseher flimmerte n-tv. Ebi studierte die Börsenkurse. Zwei Kollegen brachten Pizza von ihrer Tour mit. Bruno griff zu und ließ sich berichten, was er in den letzten Wochen verpasst hatte.

Marietta kaute und sprach: »Einmal wurden wir zu 'ner Leiche gerufen. Der Schupo, der uns empfing, war ganz aus dem Häuschen. So 'n Typ wie Müller-Kaiserswerth, der Bissmarken für was zum Sammeln hält. Dachte gleich an Mord. Wir also rein. Die typische Siff-Bude, wo du vor lauter Gestank das Atmen einstellst. Auf dem Flokati eine ältere Frau, splitternackt bis auf selbst gestrickte Wollsocken. Kein Lebenszeichen.«

Ebi genehmigte sich das letzte Pizzateil und ergänzte: »Neben der Alten eine Flasche Mazola-Keimöl.«

»Wohnungsinhaber war ein Alki, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Behauptete, er hätte die Frau zu Tode gevögelt.«

»Und?«, fragte Bruno.

»Eine Wohnungslose, Stammkundin in der Trinkhalle gegenüber. Der Alki hatte sie dort aufgegabelt. Bei ihm zu Hause haben sie weitergesoffen. Für sie ging's über das Komasaufen hinaus. Fünf Komma zwo Promille, laut Gerichtsmedizin. Sanft entschlummert, während der Tünnes an ihr rummachte. Mit Mazola als Gleitmittel. Dass er ihn reinkriegte, halte ich trotzdem für unwahrscheinlich, so hackeblau wie der war.«

»Sie wurde obduziert?«, fragte Bruno.

Ebi erklärte: »Wir sind auf Nummer sicher gegangen und haben die Mordbereitschaft verständigt. Die Kollegen haben die Obduktion veranlasst.«

Marietta spuckte Olivenkerne aus. »Die ganze Zeit schrie dieser Tünnes, wörtliches Zitat: ›Ich hab sie totgefickt.‹ Zwei Tage später machen wir zufällig Halt an besagter Trinkhalle. Da steht der Alki, natürlich stockbesoffen, und tönt immer noch rum. Prahlt von seinem Schwengel, als hätte er die Potenz von 'nem ganzen Reitstall. Erkannt hat er uns nicht mehr.«

Ebis Schwager Max Pommer streckte seinen Kopf zur Tür herein. Er trug langes, grau meliertes Haar, zum Pferdeschwanz gebändigt. Pommer leitete das KK 33, die Dienststelle für Glücksspiel und Falschgeld – ein sympathischer Bursche, der auch außerhalb seines Kommissariats hohes Ansehen besaß.

Der Grauschopf nickte grüßend in die Runde und raunte Ebi zu: »Kann ich dich mal kurz sprechen?«

Brunos Partner schlurfte aus dem Aufenthaltsraum, nicht ohne noch einen Blick auf die Börsennotierungen zu werfen, die über die Mattscheibe zogen.

Marietta wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. »Jetzt mischt sich schon der Schwager ein.«

»Wie schlimm steht's denn um die Ehe?«

»Mir sagt Ebi doch nichts. Mir macht er höchstens schöne Augen.«

 

Gegen halb sechs erreichte die Kriminalwache ein Anruf, der nicht von der Leitstelle kam. Alle Teams waren unterwegs, nur Bruno und Ebi leisteten Onkel Jürgen im Wachraum Gesellschaft.

Der Onkel hielt die Sprechmuschel zu und flüsterte: »Kaiserswerth.« Er verdrehte die Augen und brummte ins Telefon: »In zehn Minuten sind wir da. Ich schick dir unsere besten Leute.« Er legte auf. »Müller-Kaiserswerth dreht mal wieder am Rädchen. Hat keine Peilung, wie er reagieren soll.«

»Der wird noch mal Zitronenfalter«, bemerkte Ebi.

»Um was geht's denn?«

»Eigentlich nur um Ruhestörung«, erklärte der Onkel. »Und um zwei Mädels aus Weißrussland, die keinen Pass dabeihaben. Müller glaubt an ein ganz großes Ding. Illegaler Aufenthalt, Menschenhandel, die ganze Palette.«

Ebi seufzte: »Was wären wir ohne Müller.«

Auf dem Fürstenwall staute sich der Feierabendverkehr. Erste Schneeflocken taumelten im Scheinwerferlicht.

Rote Ampel. Ebi wühlte in Papieren, die auf dem Rücksitz lagen. Er zeigte Bruno einen Prospekt. Sweatshirts und Anoraks. Ebi handelte mit Sportklamotten eines italienischen Herstellers. Sein Nebenverdienst, um die Aktienverluste abzufedern.

Bruno winkte ab. Sein Schrank war voller Sportsachen, die er nur noch selten trug.

»Wie war das, allein rauszufahren in der letzten Zeit?«

»Nicht besonders prickelnd.«

»Unsicher?«

»Ach was. Zum Sterben langweilig ohne dich.«

Kaiserswerth. Alte Landstraße – Bruno parkte in zweiter Reihe vor einem Wohnkasten aus den Sechzigern.

Schon im Treppenhaus hörten sie lautes Gekeife. Ein halbes Dutzend Uniformierter, mittendrin Oberkommissar Müller, der die Frauen anblaffte, die kein Wort Deutsch sprachen. Drei Kerle lungerten verlegen rum, auf den Treppenabsätzen verfolgten die Nachbarn die Diskussion.

»Wer ist der Wohnungsinhaber?«, mischte Ebi sich ein.

»Man wird doch noch seinen Geburtstag feiern dürfen«, meldete sich ein hagerer Mittvierziger in schwarzem Anzug und weißem T-Shirt, Goldkettchen um den Hals.

Müller-Kaiserswerth wedelte mit einem Personalausweis.

Ebi nahm das Kärtchen an sich. »Herbert Kasimir. Sieh einer an. Bringt die anderen ins Polizeigewahrsam. Vergesst nicht, euren Bericht zu schreiben. Wir kümmern uns um den Tünnes.«

Müller war erleichtert. Er und seine Schupos zogen mit den Partygästen ab.

Brunos Partner gab den Ausweis an den Hageren zurück: »Nachträglich alles Gute zum Geburtstag, Herr Kasimir. Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir uns mal bei Ihnen umsehen?«

»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«

Ebi zückte sein Handy. »Kriegen wir in weniger als einer Stunde. Wollen Sie, dass ich den Staatsanwalt anrufe? Dass Ihnen die Spurensicherung den Teppichboden rausfetzt?«

»Hab nur Keramikfliesen.«

Ebi schritt durch die offene Wohnungstür.

Bruno und Kasimir folgten. Der Hagere schimpfte über Polizeischikane.

»Wer hat das Klo zuletzt benutzt?«, rief Ebi aus dem Badezimmer.

»Weiß nicht«, antwortete der Mann mit dem Goldkettchen. »Geht Sie nichts an!«

Brunos Partner kam heraus und wischte seine Finger am Hemd ab. »Weißes Pulver auf der Spiegelablage und auf der Klobrille. Da hat jemand Koks fortgeschafft, als die Kollegen klingelten.«

Während Ebi die Spuren mit Klebefolien sicherte und die weiteren Räume durchsuchte, hielt Bruno den Hageren im Wohnzimmer in Schach. Überall lagen Kippen und Bierdosen verstreut. Schampus und Chivas Regal standen auf dem Tisch, eine Schale mit Knabberzeug, eine zweite mit Präsern. Halb volle Sektgläser. Pornokassetten auf dem Fernseher, ein Damenslip auf dem Teppich. Nicht die Art von Geburtstagsparty, wie Bruno sie zu feiern pflegte.

Kasimir zeterte immer heftiger über Polizeistaatsmethoden. Seit wann es verboten sei, Spaß zu haben.

Die Wohnung war überheizt. Trockene, verqualmte Luft malträtierte Brunos Bronchien. Er fragte sich, ob er besser seine Waffe ziehen sollte, wenn Kasimir sich weiter aufregte.

Endlich kam Ebi zurück. Mit spitzen Fingern hielt er in der einen Hand einen kleinkalibrigen Revolver, in der anderen eine Tüte, die zu einem Viertel mit weißem Stoff gefüllt war. »Als Eigenbedarf geht die Menge nicht mehr durch.«

Bruno machte die Handschellen vom Gürtel los. Kasimir schimpfte. Ebi legte die Fundstücke ab, verdrehte dem Hageren den Arm, trat ihm die Füße weg und ließ ihn zu Boden fallen. Er kniete sich auf ihn und drückte das Gesicht des Koksers gegen die Fliesen. Dominanz.

»Es ist jedes Mal dasselbe mit euch«, sagte Ebi. »Ihr haltet euch für furchtbar schlau. Aber die Verstecke sind immer die gleichen.«

 

Bruno befürchtete, dass sie den Rest der Schicht mit Kasimir und seinen Geburtstagsgästen verbringen würden. Fingerabdrücke nehmen, Befragungen, für Ruhe sorgen.

Aber sie lieferten den Hageren nur im Gewahrsam ab und schrieben ihren Bericht.

Die Kokser sollten bis morgen früh schmoren. Dann würden sich die ›Süchtler‹ um sie kümmern – die für Drogen zuständigen Kollegen vom KK 34.

Brunos Partner wollte wieder auf die Straße. Er nannte den Bilker S-Bahnhof als nächstes Ziel. Vandalen hatten dort vor einer Woche die Scheiben eines italienischen Restaurants mit Farbe besprüht. Dann waren Steine geflogen. Als vorgestern der Lancia des Besitzers in Flammen aufgegangen war, hatte die Polizeiinspektion Mitte beschlossen, die Sache ernst zu nehmen.

»Schutzgelderpressung?«, fragte Bruno.

»Möglich.« Ebi sah auf die Uhr. »Jedenfalls schmeckt der Kaffee bei den Spaghettis besser als die Brühe aus Mariettas verkalkter Mühle.«

Bruno ließ den Omega auf der Elisabethstraße ausrollen und bog auf den Platz vor dem S-Bahn-Gelände. Die Scheibenwischer schabten. Die Schneeflocken wirbelten dichter.

Die Lage peilen: ringsum Gewerbehallen. Ein Getränkemarkt, der noch geöffnet hatte. Das Restaurant. Leuchtreklamen und Laternen spiegelten sich auf dem feuchten Pflaster. Bruno brachte den Dienstwagen zum Stehen.

Am Ende des Platzes stand ein dunkler 3er-BMW schräg vor einer Einfahrt. Das Kennzeichen war aus der Entfernung nicht zu erkennen. Der Fahrer trug trotz der Dunkelheit eine Sonnenbrille und spähte herüber. Ein Lieferwagen wurde hinter dem Zaun sichtbar und hupte. Der BMW schob sich nach vorn, gerade so weit, dass der Transporter passieren konnte.

»Ich schau mir den Tünnes mal an«, sagte Ebi.

Bruno öffnete die Fahrertür. Sein Partner legte ihm die Hand auf den Arm.

»Mit dem Kerl komm ich allein klar. Geh schon mal rein und bestell den Kaffee.«

Die Scheibenwischer schrammten immer noch. Bruno zögerte. Er blieb sitzen und beobachtete, wie Ebi auf den BMW zuging.

Der Kerl mit der schwarzen Brille ließ die Scheibe herunterfahren. Ebi sprach ihn an.

Bruno schnappte sich einen Prospekt. Trainingshosen, Kapuzenjacken, Funktionswäsche. Er beschloss, wieder Sport zu treiben. Ein bisschen zumindest, um fit zu bleiben. Er spürte, wie die Kälte in den Dienstwagen kroch. Zeit für den Espresso – Bruno stieg hinaus in das Schneetreiben und schloss den Omega ab.

Ebi stand noch immer an der Fahrerseite des BMW, die Hände auf den Fensterrahmen gestützt.

Ein Knall zerriss die Novemberluft.

Tauben flatterten hoch. Ein Kunde des Getränkemarkts rannte zurück in die Halle. Poltern und ein spitzer Schrei aus dem Restaurant. Dann war es völlig still.

Ebi fiel neben dem BMW auf die Knie.

Bruno suchte Deckung hinter dem Dienstwagen. Sein Puls raste. Er riss den Klettverschluss seines Holsters auf.

Der Kerl mit der Sonnenbrille legte noch einmal an.

Ein zweiter Schuss – Brunos Partner zuckte und sank zur Seite.

Der Motor des dunklen Wagens wurde gestartet. Die Lichter flammten auf. Bruno zielte auf den Fahrer. Der BMW raste auf ihn zu und machte einen Schlenker. Bruno drückte ab und verfehlte. Der Fahrer schoss zurück, zweimal, rasch hintereinander. Querschläger surrten.

Bruno presste sich gegen den Omega. Die Hauswand reflektierte Scheinwerferlicht. Brunos Kopf dröhnte.

Todesangst – ein Gefühl, das er verdrängt hatte. Er kannte es aus einem anderen Erdteil. Hubschrauberdröhnen über Dschungel und Reisfeldern. Schreie in fremder Sprache und ein achtarmiger Gott.

Die Scheinwerfer blendeten ihn. Bruno schoss und warf sich wieder hinter das Wagenheck. Damals war er davongekommen. Das vermeintliche Abenteuer hatte trotzdem im Desaster geendet – zwei Tote auf der Spitze eines Tempels.

Unmittelbar vor dem Omega drehte der BMW mit quietschenden Reifen ab. Der Kerl feuerte noch einmal. Die Kugel zerfetzte Autoblech, Bruno spürte einen Schlag gegen den rechten Schenkel.

Meine Strafe, dachte Bruno. Es kommt alles wieder.

Der dunkle Wagen schlitterte in die Elisabethstraße. Die Stadt verschluckte ihn.

Brunos Bein brannte, Nässe sickerte in die Hose, warm und klebrig. Der Lärm in seinen Ohren hielt an. Ein Dröhnen, das ihn verrückt machte. Ihm wurde bewusst, dass er kurz davor stand, zu hyperventilieren. Er hielt den Atem an, um nicht umzukippen.

Er humpelte über den Platz, das verletzte Bein nachziehend.

Vor seinem Partner ließ er sich aufs Pflaster sinken. Ebis Augen waren geöffnet. Bruno sah die Einschusswunde auf der Stirn seines Partners. Schneeflocken, die im Gesicht schmolzen.

Bruno schrie: »WARUM MUSSTEST DU IDIOT DAS ALLEIN MACHEN?!«

Er tastete nach dem Puls. Sein alter Boxtrainer fiel ihm ein: Mit Bruno an Ihrer Seite können Sie sich sicher fühlen.

Er griff unter Ebis Nacken. Er hob ihn an und umarmte den Toten. Bruno beschwor ihn, wieder aufzuwachen. Er dachte an Lara und den Sohn der beiden – im April war der Kleine zur Welt gekommen.

Bruno fror. Der Schmerz im Schenkel pochte. Er schleppte sich zurück zum Omega. Seine eigene Blutspur schimmerte dunkel auf dem Pflaster. Er zog sich auf den Fahrersitz und schrieb das Kennzeichen des Täterfahrzeugs auf.

Martinshornlärm kam aus verschiedenen Richtungen näher. Bruno griff nach dem Mikro des Funkgeräts. Er drückte die Sprechtaste.

Ihm war so kalt. Das Mikro entglitt seiner Hand. Die Lichter der Laternen und Neonreklamen wurden schwächer. Bruno sank ins Dunkel.

 

 

3.

 

Blitz, Dienstag, 27.11.2001

 

POLIZISTENKILLER MICHAEL HELMER

NACH 3 STUNDEN JAGD BLUTÜBERSTRÖMT IM EIGENEN AUTO

DIE LETZTE KUGEL GAB ER SICH SELBST

 

Von Alex Vogel

Dieser unfassbare Amoklauf. So sinnlos, so brutal. Michael Helmer – Deutschlands kaltblütigster Polizistenmörder. Er zielte auf ihre Köpfe. Schoss ohne Vorwarnung, ohne Gnade.

Drei Beamte starben im Kugelhagel. Ein grauenhafter Tod. Im Dienst für uns alle. Wo man hinsah: Tränen, Entsetzen. Und bei allen die Frage: WARUM?

Nach stundenlanger Jagd wurde Helmer endlich gefunden. Polizistenmörder Michael Helmer – er starb mit einer Kugel im Kopf. Genau wie die Polizeibeamten, denen er das Leben nahm.

Das Protokoll des unfassbaren Verbrechens, das uns alle erschüttert – und die betroffenen Familien in ein Meer von Trauer gestürzt hat.

18.49 Uhr: Ein Parkplatz am S-Bahnhof Bilk zwischen Getränkemarkt und In-Italiener. Die Kommissare Thomas Eberhard (40) und Bruno Wegmann (32) überprüfen einen tiefergelegten dunkelgrauen BMW 325i. Eberhard will die Papiere des Fahrers sehen. Später stellt sich heraus: Er heißt Michael Helmer, 28 Jahre alt, wohnhaft in Neuss. Seinen Führerschein hat er im April verloren – wegen Unfallflucht. Wurde schon einmal beim Fahren ohne Pappe erwischt. Vorbestraft. Er weiß: Wenn er jetzt geschnappt wird, sieht er den Führerschein auf Jahre nicht mehr.

Ohne jede Vorwarnung feuert Helmer. Ein Projektil zerfetzt Eberhards Brust, ein zweites dringt in seinen Kopf. Der Beamte (verheiratet, ein Kind) ist sofort tot.

Eine Zeugin berichtet: »Der jüngere Polizist ließ sich aus dem Wagen fallen, wollte sich aus der Schusslinie bringen.« Der Mörder nahm auch ihn ins Visier. Drei weitere Schüsse aus seiner 9-mm-Pistole – einer von ihnen trifft Wegmanns Oberschenkel.

Helmer gibt Gas. Der verletzte Beamte kann das Kennzeichen notieren. Der BMW verschwindet im Großstadtverkehr. Ringfahndung.

20.08 Uhr: Jetzt wird der Polizisten-Killer zum dreifachen Mörder. Im 18 km entfernten Grevenbroich (Kreis Neuss) – ein Kontrollpunkt im Rahmen der Fahndung. Polizeimeister Matthias G. (35) und Obermeisterin Ivonne L. (33) sitzen in ihrem Streifenwagen. Auf dem Bürgersteig vor dem Gasthof »Haus Dreikönig«. Der BMW nähert sich. Als er auf gleicher Höhe mit den Beamten ist, feuert Helmer aus dem Seitenfenster. Drei Schüsse, im Vorbeifahren. Die Polizeibeamten völlig überrascht – beide sterben durch Kopfschüsse.

Gegen 21.30 Uhr: Da weiß die Ehefrau des ersten Opfers schon, dass ihr Mann nie mehr nach Hause kommen und ihr kleines Kind für immer ohne Vater sein wird – der BMW wird gefunden. Am Waldrand auf einem Parkplatz der Rennbahn von Düsseldorf-Grafenberg.

Der Polizistenmörder mit einem Projektil im Kopf. Tot – die letzte Kugel gab er sich selbst.

 

 

Morgenpost, Donnerstag, 29.11.2001

 

ZEHNTAUSENDE POLIZISTEN ZU TRAUERMARSCH ERWARTET

STAATSANWALT: MOTIV DES SCHÜTZEN BLEIBT LETZTLICH UNGEKLÄRT

 

Düsseldorf/Grevenbroich. Der mutmaßliche Amokschütze vom Montag verübte nach den tödlichen Schüssen auf drei Polizisten Selbstmord. Das sei das Ergebnis der Obduktion, teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf mit.

Bei der Fahndung nach dem Mörder hatte die Polizei den Verdächtigen leblos in seinem Fahrzeug gefunden. Die Beamten hätten sich mit größter Vorsicht dem Wagen am Rand des Grafenberger Stadtwalds genähert. Spezialisten suchten Auto und Parkplatz nach Sprengstofffallen ab, die der Waffennarr und ausgebildete Bundeswehrschütze hätte hinterlassen haben können. Eine Wohnungsdurchsuchung hatte zuvor ergeben, dass der Arbeitslose im Besitz mehrerer Waffen und einer Handgranate gewesen war. Einen Waffenschein besaß er nicht.

Helmer war zeitweise in psychiatrischer Behandlung. Medienberichte, wonach Polizisten für ihn Feindbilder gewesen seien, weil seine Freundin ihn mit einem Beamten betrogen habe, dementierte die Frau. Sie attestierte Helmer einen Hang zur Gewalttätigkeit. »Michael war äußerst wankelmütig. Erst völlig normal, dann plötzlich durchgeknallt«, so die Freundin des mutmaßlichen Amokschützen in einem Fernsehinterview.

Am Montagabend hatte Helmer in der Nähe des Düsseldorfer S-Bahnhofs Bilk bei einer Routinekontrolle auf zwei Polizisten geschossen. Dabei starb ein 40-jähriger Hauptkommissar, zwei weitere Beamte hat Helmer auf seiner Flucht ermordet. Ein 32-jähriger Kollege, der einen Beinschuss erlitten hat, schwebt nach Auskunft der Ärzte nicht mehr in Lebensgefahr.

»Die Tat sucht in ihrer Art und Brutalität Vergleichbares«, so die Staatsanwaltschaft. Das »letztendlich ausschlaggebende Motiv« der Mordtat werde möglicherweise für immer im Verborgenen bleiben.

An den öffentlichen Gebäuden in Nordrhein-Westfalen wehen seit gestern die Fahnen auf halbmast. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) will am Freitag mit einem Schweigemarsch durch die Düsseldorfer Innenstadt der ermordeten Kollegen gedenken. Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet werden erwartet. Der Westdeutsche Rundfunk wird die zentrale Trauerfeier in der Johanniskirche live übertragen.

Der GdP-Vorsitzende Norbert Spinrath beklagte in der »Tagesschau« eine Zunahme der Angriffe auf Polizisten, wobei die Täter »mit gesteigerter Brutalität« vorgingen. Er appellierte an die Politik, den Polizisten nicht länger die lebensnotwendige Ausrüstung zu verweigern. Lediglich in Sachsen und Hessen gehöre die leichte Unterziehschutzweste zur persönlichen Ausstattung bei Einsatzbeamten.

Anfang nächster Woche wird die Innenministerkonferenz über Konsequenzen beraten. Das teilte der nordrhein-westfälische Innenminister Dr. Axel Lemke in Düsseldorf mit. Er zeigte sich erschüttert über die Bluttat. »Diese Menschenverachtung und dieser Hass gegen Polizeibeamte sind für mich absolut unfassbar«, erklärte Lemke.

 

 

4.

 

»So einen wünsche ich mir zu Weihnachten«, sagte Brunos Mutter und wühlte im Karton. Sie fand den Zeitungsausschnitt und schob ihn über die Kaffeetafel. Ein weißes Bündel blickte Bruno entgegen. Wie die Kohlen eines Schneemanns wirkten Augen und Schnauze, darunter baumelte die kleine rote Zunge.

Süß, dachte Bruno. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Er schwitzte und ihm war flau. Er hatte Novalgin-Tropfen gegen die Schmerzen genommen. Seine Temperatur war noch immer leicht erhöht.

Mutter erklärte: »Ich weiß auch schon, wie er heißen soll. Felix.«

»Das geht nicht«, widersprach Karen. »So heißt schon der Hund aus der Werbung.«

Die Sechzigjährige antwortete nicht. Was ihr gegen den Strich ging, nahm sie einfach nicht zur Kenntnis. Sie bot ein weiteres Stück des selbst gebackenen Käsekuchens an, aber Karen und Bruno waren satt.

Seine Mutter stellte eine zweite Schachtel auf den Tisch. Seit einiger Zeit war das ihr Hobby: Artikel zu archivieren, die ihr interessant erschienen. Wenn sie so weitermachte, würde sie bald ein ganzes Zimmer mit ihren Schuhkartons füllen. Genügend Platz hatte sie. Seit dem Tod ihres zweiten Mannes bewohnte sie das Häuschen allein.

»Der Stern hat ein Foto von dir gedruckt, Bruno«, sagte sie. »Dass du immer diese alten Sachen anhast! Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Frau. Karen ist immer wie aus dem Ei gepellt.«

Julia Wegmann-Winterscheidt fand die Seiten, die sie aus der Illustrierten geschnitten hatte. Sie beklagte sich über die Brutalität der Welt. Wie gefährlich die Arbeit im Polizeidienst sei.

Sie erzählte, dass Bruno schon als Neunjähriger Polizist hatte werden wollen – Karen musste sich bestimmt schon zum zehnten Mal die alte Geschichte anhören: Klein-Bruno, dem sein Lieblingsspielzeug geraubt worden war. Ein Modellflugzeug mit Benzinmotor, das er mit Hilfe seines Vaters zusammengebaut hatte. Auf den Rheinwiesen hatte Klein-Bruno gelernt, Loopings zu steuern. Der Flieger war sein ganzer Stolz gewesen, bis ihm eines Tages eine Bande Jugendlicher das Flugzeug aus den Händen gerissen hatte. Seine Mutter verständigte die Polizei und zwei Kommissare in Zivil hatten Bruno ausgefragt. Die Bande war nie erwischt worden.

Zwar konnte sich Bruno dunkel an ein Büro im Präsidium erinnern, aber nicht daran, dass er schon damals Polizist hatte werden wollen. Doch die Geschichte war zum Bestandteil der Familienlegende geworden.

Eine wacklige Legende, eine zerbrochene Familie. Wegmann-Winterscheidt – der Nachname seiner Mutter stand für zwei Ehen, die nicht lange gehalten hatten.

Karen ermahnte Bruno, dass er sein Antibiotikum nehmen musste.

Er schluckte die Amoxipen-Kapseln mit dem Rest Kaffee aus seiner Tasse.

Julia Wegmann-Winterscheidt sagte: »Herr Farthmann weiß, wie in den USA solche Verkehrskontrollen durchgeführt werden. Der Sheriff nähert sich von hinten und zieht seine Waffe. Dann fasst er den Kofferraum an, um Fingerabdrücke zu hinterlassen. Als Beweismittel, falls der Fahrer den Sheriff erschießt und wegfährt. In den Staaten rechnen sie ständig mit so was.«

Bruno reagierte allergisch auf den Namen Farthmann. Ein allein lebender Nachbar in Mutters Alter, der ihr neuerdings den Hof machte und sich dennoch zu hoch für gelegentliche Gärtnerarbeiten entlohnen ließ – zumindest sah Bruno das so.

»Außerdem ist so ein Sheriff nie allein. Herr Farthmann meint, normalerweise machen Polizisten auch in Deutschland solche Kontrollen immer zu zweit.«

»Julia, ich glaub, wir müssen jetzt los«, warf Karen ein und stand auf. »Für Bruno ist das hier viel zu anstrengend. Eigentlich hätte er das Krankenhaus noch gar nicht verlassen dürfen.«

Sie wollte ihm aus dem Stuhl helfen. Bruno packte seine Krücken und wehrte seine Frau ab. Er schaffte das allein. Nach der Operation der großen Vene oberhalb der Kniekehle war ein Hämatom zurückgeblieben, das auf die Nervenbahn drückte. Die Gefühllosigkeit unterhalb des Knies machte Bruno verrückt. Die Ärzte hatten ihm versichert, es würde sich mit der Zeit geben.

Seine Mutter kam mit zur Haustür. »Herr Farthmann glaubt, es sei ein Fehler gewesen, dass du im Dienstwagen sitzen geblieben bist.«

Bruno brüllte: »SCHEISS AUF DEINEN HERRN FARTHMANN!«

Er humpelte nach draußen. Schneegestöber, wie an besagtem Abend. Der Matsch auf dem Gehsteig machte Bruno zu schaffen. Auf dem alten Saab blieb der Schnee als dünne Schicht liegen. Bruno schloss auf und schob sich auf den Beifahrersitz.

Immer die gleichen Fragen. Seit Bruno in der Klinik aus der Bewusstlosigkeit erwacht war, suchte er nach Antworten. Und alle Leute bohrten in derselben Wunde. Sein Bettnachbar, nachdem sie den ARD-Brennpunkt verfolgt hatten. Die Schwestern, die ihn mit Zeitungen versorgt hatten. Die Kollegen vom Kommissariat für Tötungsdelikte, die den Fall bearbeiteten – insgeheim hielt ihn jeder für schuldig.

Dabei hatte Ebi es so gewollt. Mit dem Kerl komm ich allein klar.

Bruno erzählte es den Mordermittlern nicht. Es wäre schäbig gewesen, sich auf den toten Partner rauszureden. Er hätte nicht auf ihn hören dürfen.

»Sie kann nichts dafür«, sagte Karen und fegte die Scheibe frei.

Seine Frau hatte Recht. Er hatte zu oft seine Wut an Mutter ausgelassen. Schon als kleiner Junge, nachdem ihre Ehe mit Vater in die Brüche gegangen war.

Karen war so besonnen und klug. Sie schirmte die Pressefritzen ab. Sie hielt die Ermittler hin, die ihn ein drittes und ein viertes Mal vernehmen wollten. Karen beschwichtigte den Zorn, der ihn überfiel, wenn er an die Heuchelei der Leute dachte – alle gaben sich freundlich, aber hinter seinem Rücken tuschelten sie.

Karen versuchte, Bruno aufzumuntern und ihm die Selbstvorwürfe auszureden. Sie hielt nicht viel von seinem Job, aber sie war eine wundervolle Partnerin. Eigentlich viel zu klug für einen wie ihn.

 

 

5.

 

Mitte Dezember besuchten ihn die Schnüffler zum zweiten Mal.

Der eine zeigte auf Brunos Bein. »Wird das wieder?«

»Der Arzt sagt, ja.«

Bruno hinkte zurück ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Die beiden Kollegen vom Inneren Dienst folgten ihm.

Er verknotete den Gürtel des Bademantels neu und bettete sein Bein auf den Beistelltisch. Es war dünn geworden. Er bewegte es zu wenig. Die Wundheilung schritt voran, nur der Nerv hatte sich noch nicht erholt. Ein Rest des Blutergusses drückte noch immer.

Bruno bot keinen Kaffee an. Nichts von den Plätzchen, die seine Mutter gebacken hatte. Er wollte seine Ruhe.

Es ging ihm besser. Die Krücken halfen. Die Beruhigungsmittel hatte er abgesetzt und bezahlte mit schlechtem Schlaf dafür – in seinen Alpträumen knatterten Hubschrauber. Er durchlebte die Schüsse auf ihn und seinen Partner. Er bekam keinen mehr hoch, wenn Karen mit ihm schlafen wollte. Die Stiche im Bein, das taube Gefühl im rechten Fuß. Die Narbe des Wundkraters und die lange Naht, die von der Venenoperation geblieben war – alles erinnerte ihn ständig an die Schießerei.

Er schämte sich vor Karen. Sie hatte Geduld. Sie studierte Psychoratgeber und cremte die Narben zweimal am Tag mit Bepanthen ein. Jeden Abend nahm sie ihn in den Arm.

Die Mordermittler hatten den Fall zu den Akten gelegt. Die Schnüffler vom Inneren Dienst hatten ihn übernommen. Sie belästigten Bruno mit Fragen, auf die er keine Antwort wusste.

Weshalb führte Thomas Eberhard die Kontrolle des BMW im Alleingang durch?

Warum trug Ihr Partner siebenundzwanzigtausend Mark bei sich, als er starb?

Woher hatte Eberhard die Kohle?

»Haben Sie nachgedacht?«, fragte Karl Thann, der Chef des Inneren Dienstes.

So ziemlich jeder in der Festung hasste die Schnüffler. Sie witterten den Gegner in den eigenen Reihen. Sie hängten Kollegen üble Dinge an und drängten Beamte aus dem Job. Keiner war perfekt, und daraus drehten Thann und Konsorten einen Strick.

Bruno war dazu verdonnert, ihnen Rede und Antwort zu stehen. »Ich tu die ganze Zeit nichts anderes als nachzudenken.«

»Und?«

»Ich weiß es einfach nicht.«