Umschlag

Thomas Schweres

Die Abräumer

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

Der Autor

Thomas Schweres ist gebürtig aus Essen und hat Jura, Germanistik und Anglistik studiert. Leider vergeblich. Zur zeitweisen Beruhigung seiner Eltern hat er wenigstens das Volontariat bei Axel Springer abgeschlossen. Seitdem treibt er sich auf dem Boulevard herum. Erst einige Jahre für die große Zeitung und jetzt für den großen Fernsehsender, beschreibt und verfilmt er Sachen, die bei anderen schiefgegangen sind. Sein Insiderwissen aus Polizei- und Pressearbeit bietet Stoff für jede Menge Kriminalromane – nachzulesen auch in dem ersten Fall für Schüppe und Balzack: Die Abtaucher.

Für die drei Musketiere Nikos, Joannis und Kostas.
Einer für alle …

1999

Die drei Männer trugen blaue Overalls mit Aufdrucken einer Sicherheitsfirma. Über ihre Gesichter hatten sie schwarze Sturmhauben gezogen. Zwei verfügte über die für Wachmänner übliche Bewaffnung am Gürtel, Revolver der Marke Smith & Wesson. Der Dritte bedrohte die Geisel mit einer Maschinenpistole. In den Metallkoffern, die auf dem Fußboden standen, befanden sich 3,6 Millionen Deutsche Mark, die für die Vernichtung bestimmt waren. Und Druckplatten für die neuen Fünfzig- und Einhunderteuroscheine. Auf dem Tisch lag die Empfangsquittung dafür.

Der kleinste der drei Männer trat ans Fenster. Vorsichtig schob er mit seiner behandschuhten Linken ein paar Lamellen des Vorhanges zur Seite und blickte hinaus. »Draußen wimmelt es von Bullen. Nur die Seite zu den Bahngleisen scheint frei zu sein, wie du es prophezeit hast, Roger«, dabei blickte er den Mann mit der MPi an. Zu dem anderen sagte er: »Aber es wird gleich hell, wir müssen uns beeilen.«

»Ich beeile mich doch schon«, meinte sein Komplize keuchend, der auf einer Trittleiter stand und an einer Ecke des Büros die Deckenverkleidung über seinem Kopf abschraubte.

Der Mann mit der Maschinenpistole wirkte wie vom Blitz getroffen. Er wandte sich dem am Fenster zu. Mit Grabesstimme sprach er den Satz, den er aus einem Film kannte: »Du sollst nicht meinen Namen nennen.«

Dann erschoss er die vierunddreißigjährige Bankmitarbeiterin, die bis dahin noch gehofft hatte, heil aus der Sache herauszukommen, weil der Kleine am Fenster ihr vor zwei Stunden beim Gang zur Toilette versprochen hatte, sie zu beschützen, während er sie mit seinen behandschuhten Krallen am ganzen Körper begrapscht hatte. Die Uzi legte der Mann anschließend auf den Tisch.

Die Frau sank zu Boden, auf der weißen Bluse über dem schwarzen Rock bildete sich ein roter Blutfleck. Die Männer achteten nicht darauf. Es gab ein knirschendes Geräusch, als einer von ihnen auf die Brille trat, die ihr im Fallen vom Gesicht gerutscht war. Der Anführer mit dem Namen Roger und der Kleine kletterten in den Schacht der Klimaanlage über dem abgehängten Teil der Zwischendecke. Der dritte Mann wuchtete die schweren Koffer hoch und gab sie ihnen an. Er sah sich noch einmal im Raum um und bemerkte die Uzi, die noch auf dem Tisch lag.

Er kletterte von der Leiter und nahm die Waffe. Als er versuchte, sich mitsamt der Maschinenpistole in den schmalen Schacht zu zwängen, erhellte ein Blitz den abgedunkelten Raum, es ertönte der unglaublich laute Knall einer Blendschockgranate. Nahezu gleichzeitig hechteten fünf Mitglieder einer SEK-Einheit durch die mit einer Ramme aufgebrochene Tür und richteten ihre Waffen auf den Mann auf der Leiter. Weil der die Uzi, die sein Kollege zurückgelassen hatte, noch in der Hand hielt, gab einer der Polizisten in putativer Notwehr einen Schuss ab, der den Bankräuber in die Schulter traf.

Donnerstag

1.

Manchmal wundert man sich schon, aber zu wenig. Das kann fatale Folgen haben.

Nehmen wir einmal Klaus Drabinski. Der dreiundvierzigjährige Stadtinspektor stand in der Nebeneingangstür des Bürogebäudes an der Harkortstraße und blies den Rauch seiner Zigarette nach draußen. Gerade noch hatte er seine Kollegin Ingrid Lodz aus den Räumen des Bürgerdienstes in der zweiten Etage durch das Treppenhaus nach unten begleitet. Eigentlich sollte er jetzt im Schalterraum der Sparbank, die sich im Erdgeschoss des Gebäudes befand, neben ihr stehen und die Einzahlung der städtischen Einnahmen auf das Konto der Stadtkasse beobachten.

Vier-Augen-Prinzip nannten sie das in der Verwaltung. War aber Quatsch, denn Ingrid war schon groß und machte das seit dreiundzwanzig Jahren, drei Mal die Woche. Meist allein, weil fast alle Kollegen, die sie jeweils begleiten sollten, in dieser Zeit lieber an der Tür warteten und eine Raucherpause einlegten.

Also blickte Klaus Drabinski nach draußen und hing seinen Gedanken nach. Er dachte an die alte Originalaufnahme auf Vinyl vom ersten Genesis-Album mit Phil Collins, die er sich heute nach dem Dienst noch kaufen würde. Nursery Cryme von 1971, seinem Geburtsjahr. Dass man so ein mehr als vierzig Jahre altes Sammlerstück ungespielt für unter dreißig Euro kaufen konnte, wunderte den Stadtangestellten. Ebenso wunderte sich Drabinski leicht über den etwa fünfunddreißig Jahre alten Mann mit dem Allerweltsgesicht, weil der mit seinem Hoodie und den Baggy Jeans wie ein Jugendlicher gekleidet war und immer wieder ein paar Schritte nach vorn in den Nieselregen Richtung Sparbank-Eingang machte, dann unvermittelt stoppte, sich wieder unter das Vordach der Spielhalle zurückzog.

Drabinski maß diesem Verhalten keine weitere Bedeutung zu. Wahrscheinlich ein Alt-Junkie, dachte er, zappelt rum, weil er einen Schuss braucht. Irgendwie kam dieser Mensch ihm bekannt vor, aber dann wieder auch nicht. Kein Wunder, mit solchen Typen hatte er in seinem letzten Job beim Gesundheitsamt dauernd zu tun gehabt. Vielleicht, dachte Drabinski, kommt der mir auch bekannt vor, weil sein Gesicht an einen Schauspieler erinnert.

Er wunderte sich ein wenig, wie lange das Einzahlen der städtischen Gelder heute wieder dauerte, inzwischen hatte er schon die zweite Zigarette angezündet und blies den Rauch nach draußen. Er beobachtete die Leute, die durch den Regen eilten, und auch immer wieder mal diesen merkwürdigen Junkie-Typen. Immer noch besser, als oben im Großraumbüro mit Kundenverkehr zu sitzen.

René Hampel wiederum wunderte sich über die tiefe Stimme der Frau, die gerade am Tresen der Sparbank Geld einzahlte. In ihrer ganzen maskulinen Erscheinung erinnerte sie ihn sehr an die Schauspielerin, die die Staatsanwältin im Münsteraner Tatort spielte, den er gestern Abend in einem dritten Programm als Wiederholung gesehen hatte. Fast könnte man denken, eine Transe vor sich zu haben. Dass sie die Geldscheine aus einer Plastiktüte holte, wunderte ihn dagegen nicht. Er hatte die Frau gerade ohne Mantel aus dem Hausflur kommen und die Glastür des Nebeneinganges aufschließen sehen. Deshalb ging Hampel davon aus, dass es sich um eine Verwaltungsangestellte aus dem Bezirksamt über der Sparbank handelte, die gerade die städtischen Tageseinnahmen einzahlte. Wenn dieser Mensch, den er hier erwartete, doch noch kommen sollte, sollte er es jetzt tun. Jetzt würde ein Überfall sich noch richtig lohnen. In zwanzig Minuten würde ein Geldtransporter vorfahren und den Kassenbestand abholen. Wenn bis dahin nichts passierte, konnte auch er endlich nach fast vier Stunden unnützer Herumlungerei als scheinbarer Kunde, der auf einen Berater wartete, seinen Beobachtungsposten verlassen und sich die Beine vertreten. Was er allerdings tun sollte, falls etwas passierte, das hatte ihm niemand gesagt. Darüber wiederum wunderte sich René Hampel zu diesem Zeitpunkt am wenigsten.

Michaela Schmidt hatte gerade an einem der Beratungstresen nach Herrn Drucks gefragt, der aber, leider, gerade eben aushäusig war und erst nach seiner Mittagspause um vierzehn Uhr zurück sein würde. Das wunderte sie nicht, denn fast immer, wenn man ihn brauchte, hatte dieser Drucks Pause, Feierabend oder Urlaub. Und dieses Mal brauchte sie ihn besonders dringend.

Jetzt stand Michaela an der Kasse an, hinter dieser riesigen Frau von den Bürgerdiensten, der sie vor einer halben Stunde noch ihr Leid geklagt hatte. Unter Michaelas Motorradstiefeln bildeten sich Lachen von dem Regenwasser, das in feinen Rinnsalen aus ihren langen blonden Haaren an der gut gefetteten schwarzen Lederkombi hinunterlief und auf den Boden tropfte. Sie war zu Fuß bei der Commerzbank gegenüber gewesen, für die paar Meter lohnte es nicht, die Kiste anzuschmeißen. Aber auch dort hatte sie kein Geld mehr erhalten. Jetzt wollte sie es hier bei ihrer ›Hausbank‹ noch einmal versuchen. Es ging um ihre Existenz.

Michaela Schmidt wunderte sich sehr über die Menge an Scheinen, die die Frau von der Stadt aus der Plastiktüte holte, vor aller Augen. Fast 7.000 Euro wanderten in einem Meter Diskretionsabstand vor ihr über den Kassenteller. Das war genau die Summe, die sie in drei Stunden dringend benötigen würde. 7.000 Euro und ein paar Nettigkeiten, schätzte sie. Michaela fröstelte bei dem Gedanken, unwillkürlich zog die Vierunddreißigjährige den Reißverschluss ihrer Motorradjacke höher und spürte einen Druck auf der rechten Brust. Automatisch griff sie mit der Linken in die Innentasche ihrer Jacke und hatte die Lösung ihrer Probleme in der Hand, wie sie zu diesem Zeitpunkt noch dachte.

Ingrid Lodz hatte sich auch gewundert und sehr geärgert, als sich Michaela Schmidt hinter ihr an der Kasse angestellt hatte. Nicht zum ersten Mal hatte sie sich oben an ihrem Schreibtisch bei den Bürgerdiensten das Gejammere dieser Frau angehört. Seit Wochen erschien die immer wieder, weil sie und ihr Mann mit den Taxis und dem Transportunternehmen kaum noch Geld verdienten, die Sparbank ihnen aus heiterem Himmel den Überziehungskredit gekündigt hatte und ihr Haus versteigern wollte. Jetzt könne sie, mal wieder, keine Lebensmittel für ihre Kinder einkaufen. Angeblich. Oberinspektorin Ingrid Lodz hatte in ihrem Berufsleben als Teamleiterin der Bürgerdienste schon viele dieser Geschichten gehört und war auch gar nicht zuständig. Für Frau Schmidt war das Sozialamt zuständig, und zwar nicht das hier in Hombruch, sondern das im Nachbarbezirk Hörde, wo Familie Schmidt wohnte. Aber gerade wegen ihres Wohnortes, der speziellen Adresse ›Weingartenstraße‹, hörte Ingrid Lodz der Frau doch immer wieder zu und hatte ihr sogar zwei Mal gegen die Vorschriften von den Kollegen im Sozialamt eine kleine Überbrückungshilfe von jeweils 300 Euro auszahlen lassen. Für diese Familie zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, das war der erfahrenen Sachbearbeiterin durchaus klar. Aber das sicherte ihr die Dankbarkeit dieser Frau, mit der sie längst eigene Pläne hatte.

Heute allerdings war sie stur geblieben, hatte ihr stattdessen ein Angebot gemacht, dass diese Frau Schmidt eigentlich nicht abschlagen konnte. Aber sie hatte ihr überhaupt nicht richtig zugehört, angeblich keine Zeit gehabt, etwas von einem lebenswichtigen Termin gefaselt. Deshalb wunderte Ingrid Lodz sich schon sehr darüber, Michaela Schmidt hier an der Kasse zu sehen. Wenn deren Situation so war, wie sie sie ihr beschrieben hatte, gab es für die hier nichts ein- oder auszuzahlen.

Noch mehr wunderte sich Ingrid Lodz, als sie nasses Leder auf ihrer Haut spürte, am Rückenausschnitt ihrer Bluse, und den kalten Stahl einer Messerklinge an ihrem Hals. Ingrid Lodz wusste nicht, ob sie jetzt Angst haben sollte. Sie war überrascht, sie war verwundert, vor allem aber war sie extrem verärgert. Denn so war das hier nicht geplant.

Und die junge, dreiundzwanzigjährige Bankangestellte? Julia dachte nur: Kein Wunder, das musste ja mal so kommen. Von den Kollegen war nur noch dieser Immobilienheini da, irgendwo hinten in seinem Büro. In der Schalterhalle war sie ganz allein. Sie drückte den Knopf unter ihrer Theke. Stiller Alarm.

2.

Georg Schüppe saß in seinem Büro im Dortmunder Polizeipräsidium und starrte auf seine Schalke-Wand. Nach dem elften Spieltag standen die Bayern auf Platz eins, wie immer. Sein Verein auf Platz elf, noch hinter dem Aufsteiger Paderborn. Der BVB auf dem letzten Platz. Das musste man sich mal vorstellen. Es ersparte dem Gelsenkirchener immerhin die hämischen Kommentare der schwarz-gelben Kollegen, erstmals seit Jahren. ›Der Spaten‹, so nannten sie ihn wegen seines Nachnamens Schüppe, »solle doch mal seinen Verein ausmisten«, haha. Oder »eine gescheite Taktik ausgraben«. Obwohl ihn das Fußballgequatsche eigentlich nervte, prophezeite er den schwarz-gelben Kollegen im Gegenzug den Abstiegskampf gegen Paderborn. Dann war Ruhe. Wobei im Zusammenhang mit Fußball derzeit sowieso kaum über Spiele geredet wurde. Sondern fast nur über die Verwerfungen beim FC Bayern. Ausgelöst durch die Ermittlungen gegen Uli Hoeneß saß mittlerweile der gesamte Vorstand wegen ›schwarzer‹ Transferzahlungen über Schweizer Konten und versuchter Schiedsrichterbestechung mit unverzollten Rolex-Uhren in Haft. In der Presse war von der ›Betriebssportsgruppe Stadelheim‹ die Rede.

Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen die Akten zum Fall ›Maske‹, im Papierkorb neben Schüppe die Reste des Abschiedsgeschenks von Kroko. Ursprünglich war das ein Plakat mit der Ankündigung eines Atze-Schröder-Auftrittes in der Westfalenhalle gewesen. Die Mitarbeiter des KK 11 hatten den Kopf des Comedian durch den von Holger Krokowski ersetzt, weil der mit seinem Outfit dem Komiker so ähnlich sah. Kroko, elf Jahre lang sein Assistent und Stellvertreter, hatte das Plakat seinem Chef weitergeschenkt. Ein Jahr lang hatte es in der Ecke gelegen, hatten sie ihn mit der Frage genervt: »Wann willst du denn endlich den Kroko aufhängen?«

»Wartet mal ab, der hängt sich irgendwann von selbst auf«, hatte Schüppe stets geantwortet. Neid auf Krokowskis Karriere bei der Sicherheitsgruppe hatten sie ihm unterstellt, natürlich unausgesprochen. Mit Krokos spektakulärer Enttarnung und der Festnahme des ›Replacement Killer‹, wie die von der Sicherheitsgruppe ihn großspurig nannten, hatte sich das Thema ›Neid auf Kroko‹ ja glücklicherweise erledigt. Und der komische Kauz Schüppe hatte mit seiner Einschätzung mal wieder recht behalten, was zu seiner Beliebtheit im KK 11 nicht eben beitrug.

Was kümmerte ihn das. Dem Kommissariat für Gewaltdelikte gehörte er nur noch pro forma an. Nach den Ereignissen des letzten Jahres hatten alle, die an der Vereitelung des ersten offiziell gewordenen Attentates auf einen Spitzenpolitiker nach zwanzig Jahren beteiligt waren, ein paar Wünsche frei gehabt. Und Polizeipräsident Ritterswürden hatte ihn auf sein Bitten von der Kommissariatsleitung entbunden, Schüppe war jetzt eine Art Sonderermittler. In dieser im Dienstrecht nicht vorgesehenen Position war er direkt dem Präsidenten unterstellt, hatte, natürlich in Absprache mit dem Chef der Kriminalpolizei, Zugriff auf Unterstützungskräfte aus allen Kommissariaten. Er hatte auch nichts mehr mit den lästigen Verwaltungsaufgaben eines KK-Leiters am Hut, das machte jetzt Schumacher. Schüppe konnte sich die Fälle aussuchen, die ihn interessierten. Theoretisch. Praktisch wusste er, dass diese Konstellation nur möglich war, weil sein oberster Chef ihn deckte. Deshalb musste er dem bei der Auswahl seiner Fälle auch ein paar Gefallen tun. Ritterswürdens Interesse galt vornehmlich der Einbruchsbekämpfung und den lästigen Neonazis. Die Allzweckwaffe Schüppe sollte es jetzt richten, denn sein Chef brauchte in diesen Bereichen positive Ergebnisse.

Das Telefon klingelte. Wenn man vom Teufel spricht.

»Schüppe, ganz kurz. Sie müssen sofort nach Hombruch. Da läuft uns gerade ein Banküberfall aus dem Ruder.«

»Aha?«

»Ja, klingt erst mal komisch, ich weiß. Wir haben einen Mann in der Bank, weil wir einen männlichen Serientäter erwartet haben. Stattdessen hält eine Kundin einer anderen ein Messer an den Hals. Mit unserem Mann vor Ort haben wir seit drei, nein jetzt schon vier Minuten keinen Kontakt mehr. Und ich dachte, weil Sie doch aus Ihrer SEK-Zeit Erfahrung mit Geiselnahmen haben …«

»Okay, Herr Ritterswürden. Bin schon unterwegs. Ich nehme einen von den Bankräubern mit.«

›Bankräuber‹ nannten sie intern die Kollegen des Kriminalkommissariats, das für dieses Delikt zuständig war. Während Schüppe sich mit der einen Hand die Dienstwaffe aus der Schreibtischschublade griff und ins Halfter steckte, wählte er mit der anderen die Nummer des KK 13.

»Schüppe hier, ist euer Gültekin im Dienst? Okay, ich brauche den … Umso besser, wenn er da sowieso hinwill. Soll auf dem Parkplatz auf mich warten.«

Während des Gesprächs hatte sich Schüppe seinen alten Trenchcoat geschnappt und war aus dem Büro gestürmt. Auf dem Gang drückte er einem verdutzten Kollegen das schnurlose Telefon in die Hand, zog sich im Gehen den Mantel über. Gut, dass das mit dem Laufen wieder besser funktionierte. Seit der OP vor sechs Monaten spürte er das kaputte Knie kaum noch. Dabei fiel ihm ein, dass er die Voltaren in der Schreibtischschublade vergessen hatte.

3.

Erst als er zögerlich aufstand, bemerkte Michaela den unscheinbaren Typen, der wohl schon die ganze Zeit über in der Ecke gesessen hatte. Sie sah, dass er unter seiner Lederjacke eine Pistole im Hosenbund trug. Instinktiv vollführte sie mit ihrer Geisel eine Neunzig-Grad-Drehung in seine Richtung. Wenn der Mann jetzt ziehen und schießen würde, konnte er sie hinter der massigen Frau nicht treffen. Doch der Mann wirkte weder angriffslustig noch ängstlich, er schien überrascht und unschlüssig zu sein, wie er sich verhalten sollte. Michaela konzentrierte sich ganz auf ihn. Die Bankangestellte, die rechts neben ihr hinter dem Banktresen zitternd den Kasseninhalt und das Geld aus der Plastiktüte der Stadt in den Rucksack packte, stellte nach ihrer Einschätzung für sie keine Gefahr dar.

Der Mann hob die Hände zur Seite, in einer beschwichtigenden Geste. »Ich bin von der Polizei Dortmund. Bitte lassen Sie das. Wir können immer noch …«

»Ich weiß nicht, was wir können, Schimanski. Aber du kannst jetzt mal deine Wumme aus der Buxe ziehen, sie auf den Boden legen und zu mir rüberschieben. Gaaanz langsam, in Zeitlupe bitte!«

Michaela wunderte sich über ihren aggressiven Tonfall und ihre vulgäre Wortwahl. Jetzt klang sie ja fast wie ihr früherer Freund Julius, als der die Videothek in Scharnhorst überfallen hatte. Sie war damals scheinbar unbeteiligte Kundin und sollte aufpassen, dass draußen niemand merkte, was drinnen vorging. Sie hatte sich von den 260 Mark damals einen Hunderter abgeben lassen und sich anschließend von Julius getrennt. Weil sie nicht Teil einer kriminellen Karriere werden wollte. Und weil sie beim Verhör den zwölf Jahre älteren Polizisten Uwe Trigges kennengelernt hatte, der dem jungen, unerfahrenen Mädchen später auf dem weitläufigen Übungsgelände der Spezialkräfte so einiges beigebracht hatte, wenn seine Kollegen dort gerade nicht trainierten. Auch das Schießen. Und jetzt stand sie hier als Bankräuberin. Verdammte Scheiße! Mit ihrem Messer, dass sie aus Angst vor Überfällen immer in der Jacke trug. Und in diesem Moment auch mit einer funktionsfähigen Walther P99 in der Hand.

4.

Nur einige hundert Meter weiter verließ Tom mit Charly den Salon von Gerda Krüger. Dort hatte seine Freundin das Beschneiden des Eichhörnchens überwacht. »Dieses tote Eichhörnchen auf deinem Kopf«, so hatte sein Kameramann Harry mal Toms Frisur bezeichnet. Seitdem hieß das wirr sprießende Gebilde auf seinem Haupt eben so. Auch noch mit Mitte fünfzig, so stand es in seinem Pass, trug Tom die Haare lieber etwas länger. Früher waren es seine Eltern gewesen, heute waren es die Jüngeren, die über seine Haarlänge nörgelten. Aber die Generationen vor und nach ihm trugen ja auch freiwillig Krawatten. Beide.

Charly war eine der wenigen, denen die Länge und Dichtheit seiner Haare gefiel, aber nur im Prinzip. Deshalb zerrte sie ihn jedes Vierteljahr in den Damen- und Herrensalon von Gerda Krüger, um das Schlachten des Eichhörnchens persönlich zu überwachen. Mit dieser Zeitverschwendung hatte Tom heute einen Teil seines freien Tages verbracht.

Seitdem seine finanzielle Situation nicht mehr ganz so angespannt war, hatte seine Freundin ihm diesen freien Donnerstag abgerungen. Einmal in der Woche könne die neue Dortmunder Filiale der Fernsehproduktionsfirma Broadcast.TV doch auch geschlossen bleiben, hatte sie argumentiert. Wenn es hier Arbeit gäbe, müssten an diesem Tag eben Harry und Lydia, das zweite Team von Broadcast.TV, aus der Essener Redaktion der Firma zum Drehen herüberkommen.

Tom sah im Prinzip auch ein, dass es reichte, wenn er in seinem Alter nur noch fünf Tage in der Woche arbeitete, nach dreißig Jahren in der Knochenmühle des aktuellen Journalismus. Trotzdem kam der Reporter sich wie ein Frührentner und Verräter vor, als sie sich mitten in der Woche mitten am Tag und im Regen auf ihre Bikes schwangen und Richtung Bolmke losradelten. Tom hatte eine GoPro an den Lenker montiert, vielleicht könnte er ja Aufnahmen von ein paar Sprüngen oder Geländefahrten machen, die irgendwann mal für einen Fernsehbeitrag zu gebrauchen wären. So versuchte er, das schlechte Gewissen über seine urlaubsähnlichen Tätigkeiten zu beruhigen. Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, dass bei seinem Fitnessstand und einem Gewicht von fast einhundert Kilo bei 181 Zentimeter Höhe auf dem Rad keine großen Sprünge mehr möglich waren.

Bis zu dem Moment, an dem sie an der Ampel der Stockumer Straße warteten, um auf den Weg in Richtung Waldgelände einzubiegen, funktionierte diese Zwangsberuhigung auch. Dann hörte Tom Martinshörner. Ein-, zwei-, dreimal Polizei, zählte er, einmal Feuerwehr. Wahrscheinlich Rettungswagen. Die unterschiedlichen Sirenentöne akustisch zu unterscheiden, hatte er bereits vor Jahrzehnten gelernt. Das waren eindeutig zu viele für eine bewusstlose Oma in der Einkaufsstraße oder einen harmlosen Blechschaden mit leichter Körperverletzung.

»Tohommm! Wahrscheinlich nur ein Scheißunfall! Jetzt entspann dich doch mal!«, meckerte Charly und hielt an der Kreuzung an. Seine Freundin kannte ihn ganz gut. Jetzt rasten die Autos an ihnen vorbei, bogen Richtung Fußgängerzone ab. Die Sparbank dort war in den letzten Wochen schon zwei Mal überfallen worden, wusste Tom aus den Polizeimeldungen. Er radelte gemächlich weiter, zog dabei das 6310i aus der Hosentasche, das er beim Sport immer dabeihatte. Dieses Handy war kleiner, handlicher und ausdauernder als die modernen Smartphones, deren Akkus nach wenigen Stunden den Geist aufgaben. Er wählte die Nummer der Polizei Dortmund. Null, zwo, drei, eins, eins, drei, zwei – scheiße, er hatte die Durchwahl von Flawes vergessen. Das passierte ihm in letzter Zeit häufiger, dass er Telefonnummern vergaß, und es machte ihm Sorgen. Charly fand das blödsinnig, sie kannte keinen anderen Reporter, der so viele Durchwahlen von Polizeipressesprechern auswendig wusste wie er. Aber Tom musste immer an seine Großmutter denken, bei der er groß geworden war. Mit so kleinen Vergesslichkeiten hatte das damals bei ihr auch angefangen.

5.

Ingrid Lodz fasste unwillkürlich an die Stelle ihres Halses, an der sich in der Scheibe des Glaskastens um die Kasse ein schmaler roter Streifen spiegelte. Blut. Diese Wahnsinnige hat mich wahrhaftig angeritzt, dachte sie ärgerlich.

Wegen dieser Handbewegung schwenkte Michaela Schmidt die Pistole, die noch immer auf den Polizisten Hampel gerichtet war, an die Schläfe ihrer Geisel, zischte warnend: »Gaaaanz vorsichtig, Frollein!«

Die Bankräuberin legte das Messer weg und schloss mit der jetzt freien Hand den Reißverschluss ihres Rucksacks. Dabei blickte sie bedauernd auf die vielen Geldbündel. Wahrscheinlich sogar mehr Kohle, als sie benötigte. Aber diese Geschichte hier würde für sie nicht gut ausgehen, das hatte sie im Gefühl. Wenn sie jetzt alles richtig machte, konnte sie vielleicht wenigstens ihre Familie retten. Und das Haus.

Nachdenken.

Ein Polizist kommt niemals allein, hatte Uwe immer gesagt, während er ihre Muschi streichelte, bis sie feucht wurde und ihr Begehren fast unerträglich war. Also hatte der Vogel hier noch mindestens einen Kollegen draußen.

Michaela ging, Ingrid Lodz als Deckung vor sich herschiebend, ein paar Schritte Richtung Schaufensterscheibe. Die großen Plakate, mit denen die Sparbank für ihre günstigen Kredite für Kauf und Modernisierung von Eigenheimen warb, gaben ihr Sichtschutz. Gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, stand in etwa dreißig Meter Entfernung ein unscheinbarer weißer Opel Astra Caravan. Hinter dem Steuer sah sie eine aufgefaltete BILD-Zeitung. Hinter der Zeitung saß wahrscheinlich der Kollege ihres Bullen hier und hatte von nichts was mitbekommen. Die nächste Polizeiwache war etwa zwei Kilometer entfernt, die wären nach einem Alarm in vier bis fünf Minuten hier. Und sie weg. Ja, so könnte es gehen.

Michaela dirigierte ihre Geisel zurück zur Theke, wandte sich an die bibbernde Angestellte: »So, Fräulein, du gibst mir jetzt mal so einen kleinen Kartoffelsack an, in dem ihr Hartgeld transportiert. Danke. Und du, Schimanski«, sie deutete mit der Waffe auf René Hampel, den Polizisten, »du kommst jetzt mal brav zur Tante. Stopp. Umdrehen. Jetzt nimmst du mit der linken Hand dein Handy und suchst die Nummer deines Kollegen raus, der da draußen im Auto sitzt. Aber noch nicht wählen. Zeig mal her. Ach, Lewandowski heißt der? Passt ja. Ein ganz fixer. Jetzt hältst du dir das Handy ans Ohr. Wenn du aber dabei schon den grünen Knopf drückst, bist du tot! Die rechte Hand an den Hinterkopf. Und du, Frau Stadtverwaltung«, sie ließ Ingrid Lodz los, hielt sie aber mit der P99 weiter in Schach, »… nimmst jetzt die Acht aus seinem Gürtel und bringst sie an seinen Handgelenken an. Bisschen strammer, bitte, das mögen die. So. Und jetzt stülpst du ihm den Sack über den Kopf und die Hände.«

Michaela trat einen Schritt zurück, um alle drei im Blick behalten zu können.

»Und jetzt, mein Freund, drehst du dich im Kreis. So lange, bis ich stopp sage«, wies sie Hampel an.

Während der Polizist begann, sich wie ein Tanzbär zu drehen, nahm die Bankräuberin der Stadtangestellten den Schlüssel aus der Tasche.

»Welcher ist der für die Tür da?« Sie wies auf den Nebeneingang der Sparbank. Ingrid Lodz zeigte ihn ihr. Wieder zu dem Beamten: »Stopp!«

Kommissar Hampel, erst seit Kurzem und, wie ihm langsam dämmerte, wohl nicht mehr lange beim MEK, stand mit gefesselten Händen, in der Rechten das Handy am Ohr, das alles verborgen durch den über seinen Kopf gezogenen Leinensack, jetzt völlig orientierungslos im Raum, mit dem Gesicht zur Eingangstür, etwa vier Schritte entfernt.

»Du drückst jetzt den Wählknopf an deinem Telefon und gehst geradeaus los. Ganz langsam. Direkt vor dir ist die Eingangstür, keine Bange, die öffnet sich automatisch. Wenn dein Kollege das Gespräch annimmt, lässt du dich zu seinem Auto lotsen. Ich habe dich im Visier, vergiss das nicht. Sobald du rennst oder er das Auto verlässt, bevor du an der Beifahrertür angekommen bist, werde ich dich mit deiner eigenen Waffe von hinten erschießen. Hast du das verstanden?«

Eine Bewegung unter dem Geldsack schien Zustimmung zu signalisieren.

Vor dem Beamten teilte sich die elektrische Glastür des Eingangs. So, der Mann war beschäftigt, sein Kollege auch.

»Fräulein, jetzt darfst du deinen Notfallknopf unter der Theke endlich drücken. Da wartest du doch die ganze Zeit drauf. Los, mach schon!«, rief Michaela der jungen Bankangestellten zu.

Wenn sie das nicht längst heimlich gemacht hat, dachte Michaela, und ging schnellen Schrittes zur Nebeneingangstür. Währenddessen steckte sie die Waffe in den Hosenbund. Das Messer hatte sie auf der Theke liegen lassen, fiel ihr ein, aber die beiden Frauen in der Sparbank würden ihr damit jetzt wohl nicht mehr gefährlich werden. Die Polizei erst mal auch nicht, die beiden MEK-Kasper waren beschäftigt, und die Grünen würden erst mal hierher zur Sparbank kommen, das gab ihr einen kleinen Vorsprung bei der Flucht. Sie schloss die Tür zum Treppenhaus mit Ingrids Schlüssel auf, nickte dem verdutzten Pausenraucher Drabinski, der gerade zu seinem Arbeitsplatz zurückgehen wollte, weil die Ingrid heute wieder so lange brauchte, freundlich zu und verließ das Gebäude durch die Seitentür.

Von gar nicht so weit weg hörte sie Martinshörner. Entweder sind die Bullen heute besonders fix oder das kleine Mädchen hat den Knopf tatsächlich schon vorher gedrückt, überlegte Michaela, während sie ihren schwarzen Integralhelm aufsetzte. Mit einem kräftigen Tritt auf den Anlasser startete sie ihr Motorrad. Sie zügelte ihre Hand, der Einzylinder tuckerte gemächlich los. Erst als sie an den Streifenwagen vorbei war, die ihr entgegenkamen, drehte sie den Gasgriff ihrer Enduro voll auf.

Um die Ecke, auf dem Platz vor der Kirche, waren ein paar Passanten stehengeblieben und starrten den Mann an, der mit einem Sack über dem Kopf offensichtlich orientierungslos und ganz langsam über den Platz auf ein Auto zutorkelte. Darin saß ein anderer Mann. Der hatte die Seitenscheiben heruntergefahren und gab lautstark Anweisungen. Dabei hielt er ein Telefon ans Ohr, dessen es nicht bedurft hätte: »Mehr nach links, sonst läufst du gegen den Brunnen. So ist gut, jetzt geradeaus. Etwas mehr rechts, jetzt noch zwanzig Meter geradeaus.«

Wurde hier gerade ein Film gedreht? Die Jüngeren tippten auf ein neues Format von Stefan Raab, die Älteren suchten nach dem blondierten Karnevalssänger, der die Nachfolge von Kurt Felix bei Späßen mit der versteckten Kamera angetreten hatte.

Der Mann mittleren Alters in der Kleidung eines Teenagers, der sich unter das Vordach der Spielhalle gegenüber zurückgezogen hatte, erhielt einen Anruf. Er hörte kurz zu und verschwand in einer der Seitenstraßen.

6.

Tom stand schwer atmend auf dem Feldweg, der zu dem Waldgebiet führte. Charly war etwa zweihundert Meter vor ihm stehen geblieben. Tom hielt mit einer Hand das Bike fest, wählte mit der anderen die Nummer der Zentrale der Polizei und ließ sich durchstellen.

»Tag, Herr Flawes, Balzack hier. Was ist denn in Hombruch los?«

»Was soll denn da los sein?«

Wie immer stellte der Pressesprecher sich erst mal ahnungslos. Wollte wohl wissen, was Tom schon wusste. Also blieb ihm nur der Bluff: »Na, da wird doch gerade mal wieder die Sparbank überfallen!«

»Ach so, ja. Gerade erst passiert, Kollegen sind unterwegs. Genaues weiß ich noch nicht. Aber nix Spektakuläres. Keine Verletzten, keine Toten, also nix für Sie, haha.«

»Und über die Höhe der Beute …«

»… können wir jetzt noch nichts sagen und würden es auch nicht, um keine Nachahmer anzulocken. Das wissen Sie doch.«

»Aber vielleicht können Sie mir ja wenigstens eines sagen: Ist das nicht die Filiale, die in den letzten Wochen schon mal überfallen wurde?«

»Zwei Mal sogar. Am 7. und am 21. War aber ein anderer Täter.«

»Woher wissen Sie denn das schon so genau? Ihre Leute sind gerade erst auf dem Weg zum Tatort und Sie wissen schon, wer es war?«

»Das habe ich nicht gesagt. Wir wissen nur, wer es nicht war!«

Tom schwieg einen Moment. Weil er genervt war von diesem Katz- und Maus-Spiel, aber auch, weil Florian Flawes ihn sowieso nicht verstanden hätte. Akustisch. Denn in diesem Moment wurde ein helles, kreischendes Motorengeräusch immer lauter. Es stammte von einem weißen Geländemotorrad mit schwarzer und roter Aufschrift, das aus Richtung Fußgängerzone angerast kam und, ohne auf die Ampeln zu achten, die viel befahrene Durchgangsstraße querte. Die Fahrerin raste auf ihrer Enduro an Charly und Tom vorbei in den holprigen Feldweg, der an einer Kleingartenanlage vorbei in ein Waldgebiet führte, die Bolmke. Die hat es aber eilig, dachte Tom. Yamaha XT 500, registrierte er automatisch, eines der frühen Baujahre, Anfang der Achtziger. Er verstand nicht viel von Motorrädern, aber dieses Modell war damals sein Jugendtraum gewesen. Bis auf die Felgen.

»Was ist denn das für ein Krach, Balzack? Stehen Sie im Sägewerk?«

»Nee, ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Hier raste nur gerade so eine Bekloppte mit einer Yamaha XT 500 vorbei.«

»Das Modell mit den goldenen Felgen?«, fragte Flawes. Er klang sehr interessiert.

Vielleicht ist das ja früher auch sein Traummotorrad gewesen, wir sind ja ungefähr gleich alt, dachte Tom. »Sie kennen sich aber aus. Genau richtig, Baujahr 81 bis 86. Davor und danach waren die Felgen silbern.«

»Mensch, Balzack, das ist unsere Täterin! Flüchtig auf einem weißen Geländemotorrad mit goldenen Rädern, sagen Zeugen. Machen Sie jetzt keinen Quatsch, die hat eine Neun-Millimeter! Sagen Sie mal schnell, in welche Richtung die fährt, dann kann ich das den Kollegen durchgeben. Und rühren Sie sich nicht vom Fleck!«

»Was, echt?« Tom war sofort elektrisiert, gab Charly hektische Handzeichen, sich in die Richtung zu bewegen, in die das Motorrad verschwunden war. Charly guckte ihn an, als ob er sie geschlagen hätte, mit einem gequälten, tief verletzten Blick, und rührte sich nicht. Die sollte sich nicht so anstellen, nur wegen des freien Tages.

Tom setzte sich auf sein Bike und fuhr in Charlys Richtung, während er Flawes antwortete: »Die Frau ist in den Weg zum Kleingarten reingefahren, da wo das Hinweisschild Zur Quelle steht. Wenn die einmal quer durch die Bolmke fährt, und mit der Enduro geht das ja …«

»… kann sie auf der anderen Seite sofort auf die B 1 auffahren, ich weiß. Tschüss, Balzack.«

Tom steckte sein Telefon weg und trat in die Pedale. Schnell hatte er Charly erreicht, die ihn immer noch unglücklich anstarrte. Jetzt fiel es ihm ein. Es ging um die Bolmke. Hier war sie früher immer mit ihrem geliebten Hund Max spazieren gegangen, hatte sie ihm erzählt, und hier war sie seit dessen Tod nie mehr gewesen. Zu viele Erinnerungen.

»Pass auf, die Frau auf der XT gerade, das war eine Bankräuberin. Wenn du nicht in den Wald willst, kannst du ja hier warten und die Polizisten einweisen, wenn die irgendwann mal eintreffen. Und sag Harry und Lydia Bescheid, die sollen kommen, das wird ’ne große Geschichte. Ich fahre mit dem Bike hinterher, um zu sehen, wo die genau hinwill. Vielleicht bekomme ich sie noch ins Bild. Obwohl das mit der GoPro scheiße ist, viel zu weitwinklig.«

»Im Leben nicht!«, protestierte Charly. »Ich habe nur gesagt, dass ich hier privat nicht mehr hinwill. Aber jetzt sind wir ja wohl im Dienst, oder? Allzeit bereit!«

Triumphierend zückte Charly einen Camcorder aus der Satteltasche, hing sich das Ding am Trageband um den Hals. Sie tippte kurz eine WhatsApp an Lydia und fuhr ebenfalls los, Tom und dem schwächer werdenden Motorengeräusch hinterher.

Wenn uns einer sieht, dachte Tom. Wie zwei Kinder, die auf ihren Fahrrädern Räuber und Gendarm spielen. Manchmal liebte er seinen Job. Und er liebte Charly, weil es ihr nicht anders zu gehen schien.

Sie strampelten mit ihren Mountainbikes – zum Glück waren es Mountainbikes, bei diesen Schlaglöchern hier – über den Feldweg vorbei an den Kleingärten, über den Parkplatz der Gaststätte Zur Quelle, hinunter in das sumpfige Tal, durch das die Emscher mäanderte. Die steilen Hänge waren nach dem letzten Krieg mit meist schnell wachsenden Bäumen aufgeforstet worden und durchzogen von Wanderwegen, um deren angemessene Benutzung sich Jogger, Mountainbiker und Hundehalter stritten. Jetzt wurde das gequälte Jaulen des Yamaha-Motors wieder lauter, sehen konnten sie nichts. Es ging steil bergab, Charly blieb zurück. Tom raste weiter, ohne Rücksicht auf Verluste. Und wenn er später Achten im Vorderrad hätte, weil er ständig gegen Baumwurzeln knallte, in diesem Moment war es ihm egal. Und wenn er sich langlegen würde, das Bike komplett kaputt wäre, würde er eben rennen. Und wenn er sich bei einem Sturz das Bein bräche, eben humpelnd weiterrennen. Oder kriechen.

Da vorne zwischen den Bäumen, irgendwo, da gab es ein Bild, das wollte er haben. Als Erster. Als Einziger. Exklusiv.

Die Motorengeräusche veränderten ihre Lautstärke jetzt nicht mehr, der Abstand schien gleich zu bleiben. Wahrscheinlich kam die Motorradfahrerin wegen der Spaziergänger nicht richtig voran. Tom dagegen hatte freie Bahn, weil die verschreckten Menschen, die mit ihren Hunden auch bei diesem Wetter vor die Tür mussten, bereits wegen des Motorrades zur Seite gestoben waren, der Enduro mit offenen Mündern hinterherstarrend.

Hinter dem Steg über den Emscherbach ging es wieder steil bergauf, sehr steil, vorbei an ein paar Schrebergärten, oberhalb derer diese hässliche Fußballschüssel thronte. Dort würde der Vorsprung der Motorradfahrerin wieder wachsen. Deshalb musste Tom sie bis zum Steg eingeholt haben, sie irgendwie ins Bild bekommen. Noch sah er sie nicht einmal.

Plötzlich hörte er ein Aufheulen des Motors, dann nichts mehr. Die Dame scheint sich auf die Fresse gelegt zu haben, dachte Tom, verlangsamte seine Geschwindigkeit etwas. Bis man eine abgesoffene XT 500 wieder angetreten hatte, das dauerte, wusste er. Tom dachte an Flawes Warnung wegen der Waffe, die die Täterin dabeihatte. Der Weg machte eine Kurve, er fuhr jetzt auf den Steg zu, dort sah er sie liegen, die Maschine, halb im Wasser. Und die Frau, ihr schmerzverzerrtes Gesicht, während sie versuchte, sich aufzurappeln. Und er sah …

Tom spürte einen Schlag gegen die Brust, der ihm den Atem nahm, ihn nach hinten vom Bike riss. Noch bevor er mit dem Hinterkopf auf einen Stein aufprallte, sah er die schweren, grauen Wolken und Zweige mit Blättern, von denen sich einige bereits von einem trockenen Grün ins Rötliche und Braune zu verfärben begannen. Er hörte den Nachhall eines Schusses, der direkt vor ihm abgegeben wurde, und dann den Schrei von Charly, wohl noch in der Kurve hinter ihm. Dann hörte er nichts mehr.

7.

Schüppe und Gültekin wollten gerade in die Harkortstraße einbiegen, als sie über Funk von den Ereignissen in der Bolmke erfuhren. Schüppe dachte nur kurz nach, gab dann kurz und knapp seine Anweisungen, während Gültekin auf der Kreuzung mit rubbelnden Pneus einen filmreifen U-Turn hinlegte und zurückraste in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Dieser Gültekin war auch eine ehemalige SE-Kraft, das merkte man. Nicht nur an der gleichzeitig spektakulären und doch sicheren Fahrweise. Mit ehemaligen Spezialkräften arbeitete Schüppe am liebsten, die blieben auch unter Druck ruhig, darauf konnte man sich verlassen, nicht nur als Beifahrer. Bei Amin Gültekin kam noch der kurdische Migrationshintergrund hinzu. Schüppe wusste gar nicht genau, ob die Eltern des Kollegen Türken, Iraker, Syrer oder Libanesen waren. Jedenfalls konnte Gültekin sich mit all diesen Menschen verständigen, anscheinend perfekt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil heutzutage im Ruhrgebiet.

Die Tatortaufnahme in der Bank, das Feststellen der Personalien aller anwesenden Personen und die Spurensicherung, da brauchte er nicht dabei zu sein. Zumal sowieso zwei Kollegen vor Ort gewesen waren und die Täterin freundlicherweise mit einer Dienstwaffe ausgestattet hatten.

Während Gültekin den alten Dienst-Golf mit Fackel und Musik über die Stockumer Straße prügelte, blickte Schüppe in den Fußraum des Autos. Zum Glück hatte er seine stabilen Wanderschuhe an.

Als sie an dem Waldparkplatz vor der Quelle ankamen, parkte dort bereits ein RTW. Quer vor dem Weg hinab in das Tal stand ein Streifenwagen. Zwei junge Kolleginnen waren dabei, den Zugang mit rot-weißem Flatterband abzusperren. Die eine trug einen blonden Pferdeschwanz, der keck unter der Dienstmütze herausbaumelte. Ihre dunkelhaarige Kollegin hatte bei dem Versuch versagt, ihre Mähne unter der Kappe zu bändigen. Die langen Locken wehten im leichten Wind. Schüppe würde sich da nie dran gewöhnen: Frauen bei der Schutzpolizei. Um wie hier einen Tatort abzusperren, Schaulustige und Presse abzuhalten, dazu mochte es ja reichen. Aber im Wach- und Wechseldienst, wo man mitten in der Nacht auch gern mal einer Horde betrunkener Randalierer entgegentreten musste, bezweifelte er den Nutzen des »weiblichen Einfühlungsvermögens« und der »deeskalierenden Wirkung« von Frauen in Uniform, die von den Theoretikern in der Politik immer so gerühmt wurden. Wie ihm männliche Kollegen wiederholt berichteten, war das in der Praxis eher umgekehrt: Besonders Halbstarke fühlten sich eher zum Widerstand angestachelt, vor Frauen wollte man das Gesicht nicht verlieren. Männliche Migranten nahmen die weiblichen Kolleginnen erst recht nicht ernst, fühlten sich durch Anweisungen von Frauen sogar zusätzlich provoziert. Und bei Großeinsätzen wie Demos oder Fußball wurden die Damen von fürsorglichen Kollegen zum Selbstschutz in der dritten Reihe versteckt, da war dann nichts mehr mit Gleichberechtigung.

Vorsichtig stieg Schüppe über den matschigen Weg ins Tal hinab, hinter Gültekin her. So ganz traute er dem neuen Knie noch nicht. Gewohnheitsmäßig griff er in seine Jacke, aber die Voltaren hatte er ja im Schreibtisch vergessen.

Unten bot sich ihm ein bizarres Bild: Auf dem Steg, der über die Emscher führte, lag, mit der Vordergabel im Wasser, ein altes Enduro Motorrad mit verbeultem Tank. Davor, am Anfang des Steges zwischen zwei Bäumen, ein Mountainbike. Noch ein paar Meter davor, wo der Morast in eine Schicht trockener Blätter überging, saß auf einer Trage ein Mann, der heftig gestikulierend mit zwei Sanitätern in leuchtend roten Warnjacken diskutierte, die versuchten, seinen Oberkörper auf die Trage zu drücken und ihm dabei eine Beruhigungsspritze zu verpassen. Der Rücken des Mannes war nass, an dem T-Shirt klebten Schlamm und verfaulte Blätter. Um den Kopf trug er einen turbanartigen weißen Verband. Als Schüppe den Mann erkannte, verspürte er neben Zorn auch eine ungeheure Erleichterung, die er aber niemals gezeigt oder zugegeben hätte. Der Doch-nicht-Tote war also Tom Balzack, wie er leibte und lebte. Keine Anweisungen befolgend und mit denen schimpfend, die es gut mit ihm meinten.

Zwischen diesem Trio und den beiden Zweirädern lag eine Frau in einer schwarzen Motorradkombi. Mit einer Waffe in der rechten Hand. Wahrscheinlich tot, weil sich um sie fast niemand kümmerte. Bis auf eine andere Frau mit wallend roter Mähne, die etwas in der Hand hielt, das auf die blutige Wunde an der rechten Schläfe der Motorradfahrerin gerichtet war. Die Rothaarige erkannte Schüppe sofort. Was sie in der Hand hatte, erst nach ein paar weiteren Schritten in ihre Richtung. Charly, ausgerechnet. Statt sich um ihren verletzten Freund zu kümmern, filmte sie wahrhaftig die Tote mit einer Videokamera ab. Und mit dieser Frau war er drei Jahre lang zusammen gewesen.

Schüppe ging auf Balzack zu, sprach ihn an. Doch in diesem Moment sackte der Reporter auf der Trage zusammen.

1999

Ich, Tom Balzack