Umschlag

Gabriella Wollenhaupt

Grappa und die stille Glut

Kriminalroman

 
 

 

Die Autorin

Gabriella Wollenhaupt, Jahrgang 1952, arbeitete viele Jahre als Fernsehredakteurin in Dortmund. Ihre freche Polizeireporterin Maria Grappa hatte 1993 ihren ersten Auftritt. Mit Grappa und die stille Glut stellt sie zum fünfundzwanzigsten Mal ihre Schlagfertigkeit unter Beweis.

Zudem hat sich die Autorin gemeinsam mit ihrem Ehemann Friedemann Grenz mit Blutiger Sommer auf einen Ausflug in den Vormärz und mit Schöner Schlaf in die Kunstszene begeben.

www.gabriella-wollenhaupt.de

Die Personen

Carsten »Bärchen« Biberkommt nicht weiter
Erika Blomehütet ein Geheimnis
Iphigenie Falkenbergtanzt gern, aber nicht gut
Maria Grappawill Antworten
Simon Harrasmag keine Flugobjekte
Werner Hoppenköttermacht ordentliche Fotos
Bernd Hummelendet unschön
Guido Kaschmag keine Schleier
Friedemann Kleisthat anderswo zu tun
Horst Kunze ist immer klamm
Dominique Lavantkocht gut und gern
Marlène Lavantist eine gute Ehefrau
Anja Neuhausist mehr als attraktiv
Wayne Pöppelbaumsucht immer noch das Glück
Eva Przygodeschätzt seriösen Journalismus
Sarah, Susi, Stellasorgen für Bodenhaftung
Anneliese Schmitzwill keine Blümchen streicheln
Berthold Schnackkommt langsam in Fahrt
Clarissa Schreinerüberrascht alle
Irene Steinversteht was von Seelen
Margarete Wurbel-Simonismag es exotisch

 

»Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt.«

Mark Twain (1835  1910)

 

 

»Erinnerung, du Wächter des Gehirns …«

 

William Shakespeare (1564  1616) aus Macbeth

Lachnummer oder mehr?

Ihr Hüftkreisen liegt zwischen Befruchtungsgymnastik und Rehasport, die Arme bewegt sie auf und ab wie ein flügellahmes Huhn. Ihre Haare sind so steif und blond wie die der Jacob Sisters. Neckisches Lächeln, geschürzte Lippen, die Brüste quellen aus dem Korsett. Musik aus dem Gettoblaster. Ravels Boléro, das langweiligste Stück der modernen Klassik.

 

»Schön ist anders«, sagte ich.

»Jo!«, bestätigte er und beendete die Vorführung auf seinem Tablet.

»Macht die das oft?«

»Ja. Etwa zwei Mal die Woche. Am helllichten Tag. Genau vor meinem Arbeitszimmer. Ich nehme das jetzt immer auf. Damit die Polizei mir auch glaubt. Vor drei Wochen hatte sie ein Bunnykostüm an.«

»Kennen Sie die Dame?«

»Natürlich. Sie verfolgt mich seit einem Jahr, führt mir diese lächerlichen Tänze vor, schickt mir Blumen, schreibt Liebesbriefe und stopft mir ihre benutzte Unterwäsche in den Briefkasten.«

»Was sagt die Polizei?«, fragte ich.

»Die sagen, sie können nichts machen.« Guido Kasch unterdrückte ein Aufstoßen. »Wahrscheinlich muss ich erst vergewaltigt werden und tot überm Gartenzaun hängen …«

Bei dieser Vorstellung musste ich grinsen. »Es gibt doch den Stalkingparagrafen«, erinnerte ich. »Danach ist das wiederholte Verfolgen und Belästigen eines Menschen, sodass seine Sicherheit bedroht und er in seiner Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt wird, verboten.«

»Ich kenne das Gesetz. Aber sie bedroht ja meine Sicherheit nicht und, ob mein Lebensglück durch sie beeinträchtigt wird, ist Auslegungssache. Unterlassungserklärungen interessieren die Frau nicht – davon gehe ich fest aus. Ich weiß nicht weiter.«

Ich musterte ihn. Groß, Mitte fünfzig, sehr gut im Futter, dichtes Haar. Rentnerbeige Cordhose und Gesundheitsschuhe mit Lüftungsschlitzen. Seine Haut und die Fingerkuppen verrieten den Kettenraucher. Nicht wirklich ein Objekt weiblicher sexueller Begierde.

»Und was soll ich jetzt tun?«

»Sie haben doch dazu aufgerufen, dass sich Stalkingopfer bei Ihnen melden sollen«, antwortete er. »Schreiben Sie einen Artikel und veröffentlichen Sie das Video auf der Internetseite Ihrer Zeitung. Vielleicht ist ihr das peinlich und sie hört endlich damit auf.«

»Stalker sind psychisch krank, denen ist egal, was in der Zeitung über sie steht. Vielleicht fühlt sich die Frau sogar geschmeichelt, wenn wir den Erotiktanz online stellen. Außerdem dürfen wir ihr Gesicht nicht zeigen.«

»Warum das denn nicht?«, fragte er perplex.

»Sie haben die Aufnahmen ohne Genehmigung der Dame gemacht, richtig?«

»Natürlich! Um Beweise zu haben.«

»Das Recht am eigenen Bild gilt auch für psychisch Gestörte. Wir stellen keine kranken Menschen bloß. Aber Ihre Geschichte interessiert mich schon. Meistens werden Frauen gestalkt, Sie sind der erste Mann, der sich auf unsere Aktion hin gemeldet hat. Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin Pfarrer.«

Ups. Jetzt wurde die Story rund.

Auch Stella und Susi, die Sekretärinnen, horchten auf. Die beiden waren ein sicherer Seismograf für Themen, die gesprächswertig, aber intellektuell nicht zu anstrengend waren. Und ein Geistlicher, der von einer älteren Frau mit erotischen Tänzen verfolgt wurde, erfüllte diese Voraussetzungen.

»Lassen Sie uns in die Kantine gehen«, schlug ich vor, um den neugierigen Ohren der Kolleginnen zu entgehen. »Da gibt es Kaffee und Schnittchen. Und dann erzählen Sie mir die Geschichte von Anfang an.«

Wir suchten uns dort eine ruhige Ecke und ich fuhr fort mit meinen Fragen: »Wie haben Sie die Frau kennengelernt?«

»Vor zwei Jahren habe ich ein Wohnprojekt seelsorgerisch betreut. Gemeinsames Wohnen, Jung und Alt.«

»Das Haus der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft?«

Er nickte.

Ich kannte das Projekt, das Tageblatt hatte mehrfach darüber berichtet. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hatte ein sogenanntes Ekelhaus im Norden gekauft und grundsaniert. So waren aus vermüllten und baufälligen Wohnungen, die in den letzten Jahren von osteuropäischen Armutsflüchtlingen besetzt worden waren, propere kleine Wohneinheiten entstanden. Ein soziales Vorzeigeprojekt der Kommune.

»Eines Tages zog sie dort ein. Sie behauptete, mich in einem Blumengeschäft gesehen zu haben, doch ich erinnerte mich nicht. Ich wunderte mich, denn sie schien gut situiert zu sein und hatte es bestimmt nicht nötig, in diese Gegend zu ziehen. Anfangs benahm sie sich völlig normal.«

»Was heißt ›normal‹?«

»Sie beteiligte sich an den Gemeinschaftsarbeiten, pflegte den Garten, passte auf die Kinder anderer Mieter auf und so weiter. Und dann kam der Tag, an dem sie mich sprechen wollte. Sie erzählte mir ihr Leben und ich hörte zu. Das ist ja meine Aufgabe. Sie bestand darauf, dass ich sie Iffi nannte. Das kommt von Iphigenie, französisch Iffi-dsche-nie.«

»Iffi.« Ich nahm einen Schluck Kaffee. Seine langsame Art zu sprechen, ging mir auf die Nerven. »Wann schlug die Sache dann um?«

»Sie machte mir Geschenke. Kleine Puppen aus Strick, eine umhäkelte Klopapierrolle fürs Auto, Pralinen, Nussecken und Marmorkuchen. Sie backte süße Plätzchen wie eine Geisteskranke. Ich bat sie, damit aufzuhören. Die anderen machten sich nämlich schon lustig. Dann verbreitete sie Lügen – bis hin zu der Behauptung, wir hätten Sex gehabt.«

Pause.

»Und? Hatten Sie Sex?«

»Natürlich nicht. Sie rief bei meinem Arbeitgeber an und erzählte, ich habe sie verführt. Die Kirche zog mich sofort aus dem Mehrgenerationenhaus ab und gab mir eine neue Aufgabe in einem Seniorenheim. Ich versuchte, mit ihr zu reden und ihr endgültig klarzumachen, dass ich nichts von ihr will. Doch leider hörte Iffi mit ihrem Stalking nicht auf. Es wurde immer schlimmer. Sie legte mir weiter Geschenke vor die Haustür, rief mich zigmal am Tag an und erzählte in den Geschäften, in denen ich einkaufe, dass wir ein Paar seien. Und dann kamen diese schrecklichen leicht bekleideten Auftritte vor meiner Tür. Ich ging zur Polizei und erstattete Anzeige gegen Iffi. Mit Nachnamen heißt sie übrigens Falkenberg. Den Rest kennen Sie.«

»Ich werde über Ihren Fall berichten«, versprach ich. »Aber ich brauche Fotos. Von Ihnen, Ihrem Heim und Ihrem jetzigen Arbeitsplatz.« Ich reichte ihm meine Karte: »Meine Handynummer. Rufen Sie mich an, wenn etwas passiert.«

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Das Sommerloch wird gefüllt

In der Redaktionskonferenz blieben einige Stühle leer. Eine Erkältungswelle, ausgelöst durch die Klimaanlage im Großraumbüro, hatte ein paar Kollegen außer Gefecht gesetzt. Berthold Schnack allerdings hatte sich trotz offensichtlichen Unwohlseins in die Redaktion geschleppt und thronte am Kopf des Tisches – vor sich eine Tasse Kamillentee und vier Packungen Papiertaschentücher.

Er verteilte die Termine des Tages. Viel war nicht los. Es war Saure-Gurken-Zeit, weil die halbe Stadt in Urlaub war. In meinem Spezialgebiet, den Berichten über allerhand Verbrechen, gab es nichts zu tun: die Bierstädter Spitzbuben chillten am Ballermann oder sonst wo. Kulturell war tote Hose, nur die Naturbühne nervte mit ihren Laienvorführungen.

»Unser Stehsatz geht zur Neige«, schniefte der Chef. »Was macht die Serie über Stalking, Frau Grappa?«

»Die läuft langsam an. Ich habe einen evangelischen Pfarrer, der von einer älteren Frau mit Geschenken bombardiert und mit erotischen Tänzen verfolgt wird.«

»Erotische Tänze?«, vergewisserte sich Schnack. »Wie muss ich mir das vorstellen?«

»Leicht bekleidet in seinem Vorgarten.«

»Das lebt vom Bild«, grinste Wayne Pöppelbaum.

»Deshalb sollst du morgen mitkommen«, meinte ich. »Es gibt ein Video, auf dem die Frau den Tanz der sieben Schleier zum Besten gibt. Hardcore! Wenn es nicht so traurig wäre.«

»Hört sich interessant an«, urteilte Schnack.

»Der Pfarrer hat das Gehopse heimlich aufgenommen, um Beweise für einen Prozess zu haben. Vielleicht könnten wir den Streifen auf unsere Homepage stellen, wenn wir ihr Gesicht unkenntlich machen?«

»Ich werde mit unserem Justiziariat Kontakt aufnehmen und das klären«, versprach Schnack. »Hat sonst noch jemand einen Vorschlag, wie wir die geneigten Leser erfreuen können?«

»Die Selbsthilfegruppe der Schwerbrandverletzten hat mich zu ihrer alljährlichen Grillfete eingeladen«, verkündete Carsten ›Bärchen‹ Biber.

Spontanes Gekicher.

»Ich finde das nicht lustig«, wies uns Bärchen zurecht. »Diese armen Menschen versuchen, durch Kontakt mit Feuer ihre Traumata zu überwinden. Deshalb grillen sie heute Nachmittag. Um den Geruch von verbranntem Fleisch nicht mehr als Bedrohung zu empfinden.«

Bratwurstduft zog in meine Nase. Ich krabbelte in meiner Tasche nach einem starken Pfefferminzbonbon.

»Gut, dann kümmere dich darum, Carsten«, entschied Schnack. »Eine solche Reportage verlangt Fingerspitzengefühl, aber das hast du ja. Im Gegensatz zu einigen Kollegen hier am Tisch.«

»Danke, Chef! Ich mache die Fotos übrigens selbst.« Bärchen warf einen Blick auf Wayne Pöppelbaum. »Ich möchte zu diesen armen Menschen Vertrauen aufbauen, ihnen nahekommen.«

Wayne zeigte ihm für Millisekunden einen Stinkefinger. Der Schnack-Liebling lächelte süffisant. Er ließ sich neuerdings einen Bart wachsen – obwohl der Begriff ›wachsen‹ ziemlich übertrieben war: Einzelne mehrfarbige Härchen quälten sich aus seinem Kinn. So musste ein Vogelküken aussehen, das versehentlich in einer Mikrowelle gelandet war.

»Du nimmst Frau Schreiner mit«, befahl Schnack. Die Angesprochene schreckte auf.

Sommerpraktikantin Clarissa Schreiner war seit einer Woche bei uns. »Mal reinriechen hier« – so bezeichnete sie ihren Plan am ersten Tag. Aber wir sollten uns keine Hoffnungen auf langfristiges Engagement ihrerseits machen. »Ich will später einmal vor der Kamera arbeiten wie die …« Sie hatte sich ihr blondes Haar zurückgestrichen und die Namen einer Reihe von TV-Moderatorinnen der Privatsender genannt. »Die Zeitung ist ja irgendwie ein sterbendes Medium«, stellte sie abschließend fest.

Mit solchen Sätzen hatte man sich in unserer Redaktion immer schon enorm beliebt machen können. Unsere Herzen waren ihr nur so zugeflogen.

»Ich soll zu einer Grillfete?«, fragte Schreiner. »Zu Leuten, die womöglich vollkommen entstellt sind? Ich glaube nicht, dass ich das möchte.«

»Sie machen das, was ich sage«, sagte Schnack gefährlich leise. »Oder das war Ihr letzter Tag in dieser Redaktion.«

Das herzförmige Mündchen zeigte einen Flunsch und auf der makellosen Stirn erschien eine Zornesfalte.

»Wird schon nicht so schlimm werden«, beschwichtigte Bärchen Biber.

»Dann wäre das ja geklärt«, stellte der Chef fest. »Und jetzt wünsche ich Ihnen allen einen erfolgreichen Arbeitstag.«

Eifersucht und Kontrolle

Am Nachmittag stellte ich meine Unterlagen über Stalking zusammen und sah die Mails durch, die dem Tageblatt zu diesem Thema geschickt worden waren. Die meisten Absender waren Frauen, die von ihren Expartnern verfolgt wurden – sozusagen der Klassiker in dieser Branche. Aber auch Nachbarn oder Arbeitskollegen wurden oft zu Stalkern.

Ich suchte mir die Telefonnummer einer Selbsthilfegruppe aus dem Internet und rief dort an. Man war bereit, mir ein kurzes telefonisches Interview zu geben.

Stalking: Wenn Nähe zur Bedrohung wird – so die Überschrift des Artikels, den ich anschließend schrieb.

 

Stalker können ihren Opfern das Leben zur Hölle machen. Im Extremfall werden sie zu Mördern – wie 1989 in Los Angeles. Robert John Bardo ist ein Fan der 21-jährigen Schauspielerin Rebecca Schaeffer. Er schreibt ihr Briefe, auf einen antwortet sie. Doch das genügt dem Mann nicht. Er ermittelt Schaeffers Adresse, klingelt und, als sie die Tür öffnet, tötet er sie mit einem Schuss in die Brust. Seit diesem Mord in den USA wird das Thema ernst genommen.

Irene Stein leitet eine Selbsthilfegruppe für Stalkingopfer. Auch sie hat Erfahrungen mit einem Mann machen müssen, der sie verfolgt, kontrolliert und bedroht hat.

Wie haben Sie den Mann kennengelernt?

In einer Online-Partnerbörse. Ich hatte gerade eine schwierige Trennung hinter mir.

Wie verlief Ihr erstes Treffen?

Eigentlich ganz okay. Doch danach ging’s los. Er wollte jede Minute wissen, wo ich war und was ich machte. Er war eifersüchtig auf jeden, mit dem ich zu tun hatte. Da wollte ich die Beziehung beenden.

Wie hat er reagiert?

Er hat mich überraschend besucht und machte einen ganz normalen Eindruck. Angeblich wollte er nur reden. In der Nacht stand er plötzlich mit meinem Handy neben meinem Bett und war außer sich vor Wut. Ich hatte eine SMS bekommen. Ich bekam Todesangst und flüchtete ins Bad.

Wie sind Sie ihn losgeworden?

Am Morgen ging ich zur Polizei und erzählte, was ich in den vergangenen Monaten durchgemacht hatte. Die Polizisten rieten mir, Anzeige zu erstatten. Das hat mir das Leben gerettet.

Ist es zu einem Prozess gekommen?

Ja, es war der blanke Horror. Der Typ hatte ein langes Vorstrafenregister, weil er zigmal gegen einstweilige Verfügungen verstoßen hatte. Und dann der Hammer: Er bekam zwölf Monate auf Bewährung. Das hat mich krank gemacht.

Wie geht es Ihnen heute?

Wieder gut. Durch die Arbeit in der Selbsthilfegruppe habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Aber bei jeder SMS, bei jedem Türklingeln und bei jedem Päckchen, das an mich adressiert ist, muss ich wieder an den Mann denken, der mir das Leben zur Hölle gemacht hat.

Fortsetzung folgt:
Lesen Sie morgen die Geschichte eines Mannes, der von einer liebestollen Frau verfolgt wird.

 

Ich reicherte den Artikel mit einigen symbolischen Fotos an, die ich im Bilderpool des Verlages fand. Eine Frau, hinter der sich ein drohender Männerschatten aufbaut, ein Mann, der in der Dunkelheit vor einem Haus lauert.

Schnack las den Artikel gegen und gab sein Okay.

Feierabend. Auf dem Weg zum Parkplatz traf ich Bärchen Biber und Clarissa Schreiner. Sie kehrten von der Grillfete der Schwerbrandverletzten zurück und waren bester Laune.

»Na, wie waren die Würstchen?«, fragte ich.

»Lecker. Und die Leute waren ganz nett. Und so schlimm sahen sie gar nicht aus, jedenfalls nicht im Gesicht«, erzählte die Sommerpraktikantin. »Es war nicht so schrecklich, wie ich dachte. Diese Leute stehen trotz ihres Schicksals mitten im Leben und jammern keineswegs nur rum.«

»Clarissa hat sich tapfer geschlagen«, sagte Bärchen Biber gönnerhaft. »Und jetzt guten Abend, die Damen, ich habe noch was vor.«

»Erzähl doch mal, Bärchen!«, forderte ich. »Vielleicht haben wir ja Lust, dich zu begleiten.«

»Bestimmt nicht, Grappa. Es hat was mit Sport zu tun. Hart am Mann.«

Ich grinste. »Dann gutes Gelingen.«

Er verbeugte sich und verschwand.

»Warum wird er ›Bärchen‹ genannt?«, fragte Clarissa.

»Wegen des Teddybären in seinem Betroffenheitskoffer«, erklärte ich. »Er schleppte früher immer einen kleinen Teddy, ein Grablicht und ein Pappschild mit der Aufschrift Warum? mit sich rum, wenn er auf Reportage war. Bei tödlichen Unfällen, Verbrechen oder Amokläufen holte er den Krempel raus, platzierte ihn am Ort des Geschehens und fotografierte das Ganze.«

»Solche Fotos hab ich tatsächlich schon gesehen«, ging unserem Nachwuchs ein Licht auf. »Neulich noch, als ein Kind aus dem dritten Stock gefallen war. Ich dachte immer, da trauern Nachbarn mit den Hinterbliebenen. Jetzt weiß ich es besser!«

»Na, bitte!« Ich lachte. »Langsam kommst du dahinter, wie es im wirklichen Leben zugeht!«

Stumm und einbeinig

Es war schon Abend, doch die Hitze wollte nicht aus den Straßen weichen. Zu Hause öffnete ich alle Fenster und Türen zum Garten. Die Pflanzen ließen Blätter und Blütenköpfe hängen, sehnten sich nach Wasser. Ich rollte den Gartenschlauch ab und besprühte das Grün großzügig.

Seit einigen Wochen verbrachte ich meine Abende allein. Ich hatte die Bücher rausgeholt, die ich schon immer hatte lesen wollen, spielte sogar mit dem Gedanken, mein Haus gründlich zu putzen – doch heute nicht. Ich griff mir die Flasche Vinho Verde aus dem Kühlschrank, richtete mir Tomaten mit Mozzarella vom Büffel, Basilikum und einer Balsamico-Vinaigrette an und setzte mich auf die Terrasse unter den Kirschbaum. Hier ließ es sich aushalten.

Ich wandte mich meinem Buch zu – einem Roman über einen Serienkiller, der es auf junge blonde Frauen abgesehen hatte. Geiler Plot. Noch nie dagewesen. Das Interessanteste an der Vorliebe des Killers war, dass die Damen stumm und einbeinig sein mussten. Deshalb wuchs die Liste seiner Opfer nur höchst langsam an. Das Buch war wohl nicht ohne Grund achthundert Seiten lang.

Ich griff zum nächsten. Die Historie der Kriminalistik. Mit vielen Fotos. Herausgerissene Därme, weggeschossene Gesichter und abgetrennte Gliedmaßen. Ich klappte auch dieses Buch zu.

Aus dem Haus drang das Klingeln des Handys an meine Ohren. Nein, keine Lust dranzugehen. Ich leerte die Flasche Wein, sah den Mücken beim Tanz im Licht der Gartenlaterne zu und begab mich irgendwann in mein Bett.

 

Am Morgen prüfte ich die eingegangenen Nachrichten auf meinem Handy. Jemand hatte mir auf die Mailbox gesprochen.

Es war Pfarrer Guido Kasch: »Frau Grappa, sie ist wieder da. Direkt vor dem Haus in meinem Vorgarten. Wenn Sie Fotos machen wollen, dann kommen Sie bitte sofort.«

Die Nachricht war gegen dreiundzwanzig Uhr eingegangen. Das war der Anruf, den ich gestern Abend nicht mehr entgegengenommen hatte. Mist! Ich hatte Kasch gebeten, sich zu melden, und genau das hatte er getan.

Ich rief ihn zurück, aber niemand ging ans Telefon.

Ich machte mich arbeitsfertig und fuhr zur Bäckerei. Anneliese Schmitz schaufelte gerade Brötchen vom Blech in die Auslage. Es duftete göttlich.

»Frau Grappa, wie isses?«

»Muss. Und selbst?«

»Muss. Heiß isses.« Ihr Gesicht war rötlich gefärbt. »Frühstück wie imma?«

»Nur Kaffee und Brötchen. Kein Rührei.«

»Gut. Geh schomma rein, Frau Grappa.«

Im Bistro bediente Donka gerade eine Truppe von Bauarbeitern, die nebenan ein Bürogebäude hochzogen. Merkwürdig, wie sich Männer benehmen, sobald sie eine hübsche junge Frau sehen. Peinliches Gebalze, Scherze der Marke Doof und anzügliche Bemerkungen über Donkas Hüftschwung. Die Miene der Bulgarin blieb kühl distanziert.

»Hast du schon bestellt?«, fragte sie mich.

»Ja, bei der Chefin. Kleines Frühstück. Sag mal, stört dich das gar nicht, wenn sich Kerle so aufführen?« Ich deutete mit dem Kinn Richtung Männergruppe.

»Die tun doch nichts, die wollen nur spielen«, bemühte sie den Standardsatz der Besitzer aggressiver Hunde. »Ich hol mal eben deine Sachen.«

Doch Frau Schmitz war schon im Anmarsch. Auf dem Tablett lag auch das Bierstädter Tageblatt.

»Dolles Thema, dieses Stalking«, tat sie kund. »Ich kannte mal eine, die wurde von einem Kollegen verfolgt. Keiner hat ihr geglaubt und sie war so fertig, dass sie die Arbeit hingeschmissen hat und in eine andere Stadt gezogen ist.«

»Heute schreib ich eine Story über einen Pfarrer, der von einer alten Frau mit erotischen Tänzen verfolgt wird«, kündigte ich an. »Der arme Mann ist völlig verzweifelt und …«

Mein Handy klingelte. Pöppelbaum.

»Sag mal, Grappa, heißt dein Pfarrer Guido K.?«, fragte er.

»Ja, Guido Kasch. Warum?«

»Der ist jetzt tot.«

Ein regennasses Gespräch

Bis zum Mittag hielten sich Staatsanwaltschaft und Polizei bedeckt. Mehr als die Tatsache, dass ein sechsundfünfzigjähriger Pfarrer namens Guido K. in seinem Haus tot aufgefunden worden war, rückten sie nicht heraus. Eine Mordkommission wurde eingerichtet. Also Fremdverschulden. Bevor ich die Ermittler über Kaschs gestrigen Anruf bei mir unterrichtete, wollte ich weitere Informationen abwarten.

Hinter den Kulissen liefen allerdings die Leitungen heiß. Der volle Name des Pfarrers kursierte bereits, nur über die Umstände seines Todes war nichts herauszubekommen.

»Wir fahren zu Kaschs Wohnung und schütteln die Nachbarn«, schlug ich Wayne vor. »Mehr als schiefgehen kann es nicht.«

Ich bat Susi, auf die Mails zu achten und mich sofort zu informieren, falls es Neuigkeiten zu dem Mordfall gab.

Wir starteten.

Kaschs Domizil war ein schmalbrüstiges Reihenhaus aus den Siebzigerjahren mit schachbrettgroßem Vorgarten, in dem verblühte Rosen ihr verstaubtes Dasein fristeten. Rote Hagebutten leuchteten wie kleine Laternen zwischen den Stacheln. Hier also hatte Iffi Falkenberg den Pfarrer mit erotischen Tänzen gepeinigt.

»Er hat mich letzte Nacht angerufen«, erzählte ich Wayne.

»Wer?«

»Kasch. Du kannst es hören.« Ich aktivierte meine Mailbox, stellte den Ton laut und hielt Wayne das Handy hin.

Frau Grappa, sie ist wieder da. Direkt vor dem Haus in meinem Vorgarten. Wenn Sie Fotos machen wollen, dann kommen Sie bitte sofort.

»Das ist der Hammer!«, entfuhr es meinem Kollegen. »Und jetzt sagst du mir bestimmt auch, warum wir nicht hingefahren sind.«

»Ich hab die Nachricht erst heute Morgen abgehört«, antwortete ich. »Gestern bin ich nicht mehr ans Telefon gegangen.«

»Warum das denn nicht?«

»Wayne! Weil ich Feierabend hatte und einfach meine Ruhe haben wollte.«

»Du wirst alt, Grappa-Baby. Früher wäre dir das nicht passiert!«

»Früher gab es keine Handys, die einen Tag und Nacht nerven.«

 

Die Eingangstür von Kaschs Haus war versiegelt, die Rollläden heruntergelassen.

»Nehmen wir das rechte oder das linke Haus?«, fragte ich.

»Links«, entgegnete Bluthund Pöppelbaum. »Das sieht freundlicher aus.«

Er hatte recht. Das Gebäude war gelb angestrichen, die Fensterrahmen hoben sich in einem schönen Blau davon ab und hinter den Scheiben waren Blumen zu erkennen.

Ich schellte bei Hansen. Es dauerte nicht lang, dann öffnete eine junge Frau. Wir stellten uns vor.

»Ihr Nachbar, der Pfarrer, ist tot. Wahrscheinlich ermordet.«

»Ich weiß. Furchtbare Sache. Kommen Sie rein.«

Wir folgten ihr in eine Küche mit hellen Möbeln.

»Wollen Sie einen Kaffee? Ich hab grad welchen gemacht.«

Wayne musterte die junge Frau mit Wohlwollen. Sie war auf eine bäuerliche Art attraktiv: rote Bäckchen, draller Busen und ausgeprägte Hüften. Ihr dichtes Haar trug sie zum Pferdeschwanz gebunden.

»Sie sind Frau Hansen?«, fragte ich.

»Nein, ich heiße Anja Neuhaus. Hansen war mein Lebensgefährte«, enthüllte sie. »Es klappte aber nicht mit uns. Ich hab das Haus übernommen. Den Namen auf dem Schild muss ich unbedingt noch ändern.«

Wenn sie bei anderen Themen auch so mitteilsam war, würde sie eine gute Quelle sein.

»Kannten Sie Pfarrer Kasch?«

»Ja, sicher. Er wohnte schon da, als wir hier einzogen. Das war vor vier Jahren. Netter Mann. Seit einem Jahr machte ihm allerdings diese alte Frau Stress. Die Stalkerin. Iffi Soundso. Kasch war einige Male hier und hat sich ausgeweint. Und jetzt ist er tot. Hat sie ihn umgebracht?«

»Das wissen wir nicht. Haben Sie die Stalkerin selbst gesehen?«

»Aber ja.« Anja Neuhaus lachte. »Irgendwie tat sie mir leid. Sie arbeitete sich echt ab bei diesem Tanz. Zum Fremdschämen. Einmal war der Pfarrer gar nicht zu Hause und sie stand im Garten. Es regnete in Strömen und ich hab sie reingebeten.«

»Sie haben mit ihr gesprochen?«, fragte ich ungläubig.

»Klar. Wir haben zusammen Tee getrunken. Ich wollte natürlich wissen, warum sie diesen Blödsinn veranstaltet. Sie meinte, dass sie nicht anders könne und dass Pfarrer Kasch ihr Lebensinhalt sei. Liebe und so. Ich hab es dann dabei belassen. Ich hab mal als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet, verstehen Sie?«

Ja, wir verstanden.

»Was war vergangene Nacht?«, fragte Wayne. »Die Frau war wieder da, oder?«

»Letzte Nacht?« Anja Neuhaus schüttelte den Kopf. »Ich hab nichts bemerkt. Allerdings bin ich erst um Mitternacht nach Hause gekommen, ich war mit einer Freundin im sweetSixteen und danach haben wir noch einen gezischt.«

»Und da ist Ihnen nichts aufgefallen? Brannte Licht im Haus nebenan?«

Sie kicherte. »Nö, nix. Ich war allerdings nicht mehr ganz nüchtern und wollte nur noch pennen.«

»Kasch hat mich um elf Uhr abends angerufen und mir gesagt, dass Iffi Falkenberg wieder vor seinem Haus tanzt. Ich hab den Anruf leider verpasst. Und gegen Mitternacht war hier alles ruhig? Überlegen Sie doch noch mal!«

»Da muss ich nicht überlegen. Ich weiß nichts«, antwortete sie. »Wie ist er eigentlich getötet worden?«

»Darüber hat die Polizei noch nichts bekannt gegeben. Wissen Sie, wo Frau Falkenberg wohnt?«

Anja Neuhaus mischte sich ein: »Sie wohnt im Norden der Stadt, hat sie mir erzählt. Nähe Fredenbaumpark, bei den Städtischen Kliniken. Immermannstraße. Ich hab das deshalb behalten, weil fast gegenüber mein Lieblingskino sweetSixteen liegt. Die Nummer weiß ich allerdings nicht.«

»Patente Person, diese Anja Neuhaus«, stellte ich fest, als wir wieder im Auto saßen.

»Finde ich auch«, meinte Pöppelbaum. »Nicht jeder hat den Mut, so eine Verrückte zum Tee zu bitten.«

Mein Handy klingelte. Susi teilte mit, dass Staatsanwaltschaft und Polizei eine Pressekonferenz angesetzt hatten. In einer Stunde.

Wir nahmen einen schnellen Kaffee in der Polizeikantine. Dieselbe Idee hatten auch einige Fernsehteams, die mit vollem Personal angerückt waren. Auch der freie Kasper von der Blöd-Zeitung mümmelte sein Brötchen.

»Na, Grappa«, sprach er mich an. »Wusste gar nicht, dass du noch im Job bist. Ich wähnte dich schon in Rente.«

»Ich krieg wenigstens eine«, gab ich zurück. »Du dagegen wirst in der Grundsicherung landen.«

»Bis ich soweit bin, gibt es eh nur noch die Einheitsrente.«

»Abwarten.«

»Seid ihr auch wegen des Pfarrers hier?«, wollte der Kollege wissen. »Der soll ja auf eine ganz jämmerliche Weise den Löffel abgegeben haben – hörte ich.«

Hörte ich. Seitdem Hauptkommissar Friedemann Kleist nicht mehr mein Informant war, bekam ich kaum noch etwas mit. Ich muss mir ein neues Netzwerk aufbauen, dachte ich, aber wie? Je länger ich in diesem Beruf war, desto weniger hatte ich Lust, mir immer wieder neue Informanten zu suchen, sie zu hegen und zu pflegen und ihnen manchmal einen Gefallen zu tun.

Männerträume und eine Grillvariante

»Hast du das mitbekommen?«, fragte ich Wayne, als wir auf dem Weg zum Konferenzraum waren. »›Jämmerliche Weise‹. Was das wohl zu bedeuten hat?«

»Vielleicht hat die Stalkerin den Pfarrer zu Tode gevögelt«, mutmaßte Wayne.

»Der Typ von der Blöd sagte jämmerlich. Das, was du meinst, ist ja eher ein Männertraum.«

»Nicht mit einer Frau um die siebzig«, grinste der Fotograf.

Wir ließen uns auf unseren Plätzen nieder. Der neue Polizeipräsident, der Staatsanwalt für Kapitalverbrechen und der Pressesprecher erschienen und setzten sich ebenfalls.

Die Radioleute stöpselten ihre Mikros ein, die Kameraleute prüften Licht und machten den Weißabgleich.