Umschlag

Ria Klug

Die Vollpfosten­masche

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

Die Autorin

Ria Klug kam 1955, als unsere Kanzlerin noch Adenauer hieß, in Mittelhessen zur Welt.

Ihr Wille zum kreativen Schaffen zeigte sich früh, als sie zur Freude ihrer Klasse und zum Schrecken ihrer Grundschullehrerin kleine, fiese Geschichten verfasste. Die Vorliebe zu Satire und Spott brachte ihr später sogar einmal eine Sechs in einer Klassenarbeit ein, in der eine Personenbeschreibung gefordert war.

Mit einem Vordiplom in Geisteswissenschaften versuchte sie einen anderen Lebensweg, den sie aber für eine Tischlerlehre aufgab. Zwanzig Jahre Selbstständigkeit, unterbrochen von einem Aufbaustudium an der Kasseler Werkakademie für Gestaltung, folgten.

Seit 2008 versucht sie sich am Schreiben von Krimis, weil sie irgendwann in jungen Jahren durch die Lektüre von Dashiell Hammetts Rote Ernte für dieses Genre entbrannte. Seit 2013 verfasst und spricht sie auch Kolumnen über Genderthemen für ein Freies Berliner Radio.

Ria Klug lebt mit Frau und Kind in Berlin.

www.riaklug.de

 

»Wo genau ist das Ding her?« Stirnrunzelnd schüttelte der stoppelbärtige Gnom den Feuerlöscher. Das dumpfe Tschack-tschack klang merkwürdig, so als ob feuchter Sand darin wäre.

Hantsch dachte an seinen allmorgendlichen Spaziergang und wie er seinen Fund trotz des nicht unerheblichen Gewichts freudig mitgenommen hatte.

»Heute Morgen am Kniepsand. Da lag allerhand herum nach dem Sturm gestern. Der sieht doch noch wie neu aus, ich könnte ihn zu Hause gut gebrauchen. Den soll ich nämlich vor dem Heizungskeller stationieren. Aber vielleicht ist Wasser oder Sand drin. Wenn Sie den in Ordnung bringen können, kommt mich das doch sicher viel günstiger, als einen neuen zu kaufen, oder?«

»Das kommt darauf an, mal kieken. Prüfen macht 45, neu kostet der 179. Aber wenn was drinnen ist, ist er vielleicht in Dutt. Kann auch sein, das Pulver ist nur verklumpt«, brummelte der Gnom und rümpfte seine grobporige Nase, die fast so rot leuchtete wie sein Arbeitsanzug. Er wendete Hantsch die Rückenaufschrift Dietrichsen – wir geben Feuerschutz zu und hievte den Löscher auf die Werkbank.

Hantsch schaute sich mäßig interessiert im Lieferwagen mit all den Werkzeugen und Geräten um. Er hatte den feuerroten Caddy der Brandschutzfirma gerade noch rechtzeitig erreicht, bevor der Gnom die Arbeit im Tonnenhafen beendet hatte.

Wenn der Löscher sich noch machen lässt, bringe ich ihn ins Hotel, dann gehe ich ins Strandpirat mittagessen, überlegte er. Da würde er einen schönen Blick über das Meer haben, das sich ruppig und blaugrau unter den wild dahinjagenden Wolkenfetzen sträubte.

Hantsch liebte diese Tage im Herbst auf Amrum, wenn der Himmel nach Stürmen wie blank gewaschen wirkte und nur noch eine energische Brise übrig geblieben war, in der die Möwen segelten.

Später zum Mittagsschläfchen oder weiter die DVD schauen, die ihm ein Arbeitskollege in die Hand gedrückt hatte.

»Hier, für den Urlaub. Könnte dir gefallen«, hatte der grinsend dazu gesagt. Irgendwie hatte Hantsch das Gefühl, dass der Kollege ihn verulken wollte.

Trotzdem hatte er das Laptop mitgenommen und sich ein Stück von dem Quatsch angesehen. The Big Lebowski hieß der Film und es handelte sich um eine völlig unrealistische Geschichte von ein paar ziemlich merkwürdigen Männern, die sich idiotisch benahmen.

Der Arbeitskollege hielt ihn, Hantsch, offenbar für einen tumben Trottel, der an so etwas Spaß finden konnte.

Vielleicht sollte er sich den neuesten Thriller von Bran Down, oder wie der hieß, kaufen. Fiasko war der Titel, wenn er sich richtig erinnerte.

Vielleicht doch lieber einen Spaziergang und Kaffee. Oder umgekehrt … Noch fünf Tage Urlaub, ab jetzt war mehr denn je konsequentes Genießen angesagt. Im Büro wartete sicher eine Menge Arbeit.

Hantsch war alleinstehend. Deswegen konnte und musste er seinen Tagesablauf stets gründlich planen. Ein unbeweibter Einzelgänger war er weniger aus Neigung, denn vielmehr aus Menschenscheu, die sich – besonders dem anderen Geschlecht gegenüber – in unbeholfener Verlegenheit niederschlug, wie ihm wohl bewusst war.

Er blickte hinaus in den Tonnenhafen, wo die Masten der Boote wackelten, sodass Schnüre und Ösen blinkernd anschlugen. Vom Fähranleger, drüben in Wittdün, bruddelte das Motorgeräusch der ablegenden Fähre über das Wasser der lang gestreckten Bucht herüber.

Hinter ihm klapperte Werkzeug.

»Nee, oder? Das glaub ich nich«, schnaufte der Gnom. Er hatte den Löscher mittlerweile geöffnet und den Inhalt auf die Werkbank geschüttet, wo sich etliche Plastikbeutel mit hellem Inhalt häuften.

»Ist das Löschmittel? Warum ist das in Päckchen?« Hantsch spähte über die rot gewandete Schulter und wunderte sich.

»Nee du, das is was anners. Da hast du 'nen dicken Fisch an Land gezogen«, erwiderte er und musterte Hantsch von schräg unten.

Den störte die duzende Vertraulichkeit des Eingeborenen. »Und, was, meinen Sie, ist es dann?«

Der Gnom überhörte die indignierte Betonung der Anrede. »Das, mein Guter, ist Koks, da wette ich mit dir. Bestimmt sechs Kilo, so viel Löschpulver gehört nämlich da rein.«

»Äh, Koks? Aber das da ist doch weiß, also …«

»Na Koks, Schnee, Stoff! Mann, bist du doof?« Der Gnom musterte Hantsch mit hochgezogenen Brauen.

»Also, hören Sie mal, Herr … Jensen«, las Hantsch vom Namensschild der Brusttasche, »ich verbitte mir diesen Ton. Mit solchen Dingen kenne ich mich nicht aus. Es handelt sich also um Rauschgift, richtig? Dann werden wir die Polizei bemühen.« Er kramte nach seinem Telefon.

Jensens Blick wanderte von Hantsch zu den Päckchen auf der Werkbank und wieder zurück. Sein Mund arbeitete lautlos und seine Stirnfalten vermehrten sich rapide.

»Nich so schnell, tööv doch mal«, sagte er dann hastig, »du weißt wohl nicht, wie viel das wert ist. Das sind mindestens, tööv mal, das sind … ähm …«

Hantsch hob abwehrend eine Hand. »Woher wissen Sie denn eigentlich, was das wert ist? Na, ist auch egal, es interessiert mich gar nicht. Das können Sie der Polizei erzählen. Und das Du verbitte ich mir auch.« Hantsch hatte sein Telefon gefunden. Umständlich schaltete er es ein.

Jensen kam kopfwackelnd ein Stückchen näher.

»Aber tööv doch mal. Das sind bestimmt 'ne gute Viertelmillion. Dafür muss unsereins bannig lang Krabben pulen.«

Hantsch zögerte, aber nur kurz. Dann gab er den Pincode ein.

Das Telefon piepte und meldete einen schwachen Akku, darauf schaltete es sich sofort wieder aus. Seufzend steckte Hantsch es wieder ein. Wie so oft hatte er das Aufladen vergessen. Wofür auch? Seit seine Mutter gestorben war, gab es niemanden, der ihn zu jeder Zeit erreichen wollte.

»Rufen Sie die Polizei oder geben Sie mir Ihr Telefon!«, sagte er mit allem Nachdruck, den er als versierter und langjähriger Sachbearbeiter der Kurverwaltung von Bad Gruntz aufbringen konnte.

Jensen hob beschwörend die Hände. »Nee! Auf keinen Fall … eh, ich hab kein Handy dabei.«

»Dann muss ich das Zeug zur Polizei bringen«, antwortete Hantsch. »Wo finde ich die?«

Jensen klappte den Mund auf. Dann schlich sich jedoch ein Grinsen um seine Lippen, das Hantsch als leicht verschlagen empfand. »Das kann ich doch machen. Ich fahr hin, dann musst du das schwere Ding nich nach Nebel schleppen, dat deit ja nich nödig.« Schon stopfte er die Beutel zurück in den Behälter.

Hantsch gefiel diese Wendung nicht, er konnte aber sein Unbehagen in diesem Moment nicht in Worte fassen. Erst als alles eingepackt war und Jensen den roten Stahlbehälter in einem leeren Karton verstaute und ins Regal zu den anderen Löschern schob, regte sich sein Widerstand.

»Ich komme am besten mit. Schließlich habe ich das Objekt gefunden und mitgebracht. Die Polizei wird meine Zeugenaussage benötigen.«

Jensen wand sich. Er hob bedauernd die Schultern und zeigte Hantsch die offenen Hände zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit. »Das tut mich traurich, aber ich darf keinen mitnehmen, das hat mein Scheff verboten. Wenn Sie mir sagen, wo Sie wohnen, kann ich das auf der Wache erzählen. Die Polizei kommt dann schon, wenn die was will. Ehrlich, Herr Doktor, ich mach das schon. Können Sie mir glauben. Ich will das auch nicht behalten, da haben Sie recht, ist tau gefährlich, nich?«

»Aber …«

Hantsch wollte gerne einhaken, nur Jensen ließ ihn nicht.

»Verboten ist das ja auch. Und wenn die Kinners das in die Finger kriegen, nee.«

Fast hätte Hantsch vor Unwillen mit dem Fuß aufgestampft. Auf keinen Fall wollte er Jensen mit dem Rauschgift abziehen lassen. Er suchte krampfhaft nach brauchbaren Argumenten. »Dann … dann nehme ich den Bus. Wo befindet sich die Polizeistation, zu der Sie fahren?«

Von der Notwendigkeit einer Erwiderung blieb Jensen jedoch verschont. Schnelle Schritte näherten sich und eine Frauenstimme ertönte. »Herr Jensen, hallo, Herr Jensen, bist du da drin?«

Eine schlanke, mittelblonde Frau tauchte am Wagenheck auf. Sie pustete einige verirrte Haarsträhnen aus ihrem vom Segeln gebräunten Gesicht, stemmte die Fäuste in die Hüften und sagte mit einem Schlangenlächeln: »Hallo, Herr Jensen. Störe ich? Oh, wen haben wir da? Du hast Besuch. Wer ist denn dein Freund?«

»Ich bin nicht …«, murmelte Hantsch.

»Kundschaft!« Jensen übertönte ihn.

Hantsch spürte, wie er noch weiter in sich zusammensackte, als ohnehin schon beim Anblick der Frau. Er war zwar groß, über eins neunzig, aber er ließ seit eh und je Kopf und Schultern hängen. An niedrigen Durchgängen stieß er sich selten.

»Sitz gerade, Junge«, hatte seine Mutter ständig gesagt. Inzwischen fühlte er sich obendrein zusammengefaltet von der Last der Verantwortung für mehrere Hundert Hinweisschilder für Kurgäste, die Außenwerbung der Geschäfte und Gastwirtschaften sowie die Pflege der Bestuhlung des Konzertpavillons im Kurpark.

Aber wenn ihm Frauen gegenübertraten, hatte er immer noch Kompressionsreserven. Obwohl er gerne endlich eine näher kennenlernen wollte, waren sie ihm unheimlich. Dauernd hatte er das Gefühl, sie wollten etwas von ihm oder er müsste etwas Besonderes tun oder sagen. Und nie hatte er eine Idee, was das sein könnte, obwohl er es schon manchmal probiert hatte. In der Regel spürte er schnell, wie wenig Interesse die Damenwelt an den Fragen der wirksamen Platzierung von Hinweisschildern hatte. Um seine Kolleginnen auf dem Amt schlug er deshalb nach Möglichkeit einen großen Bogen. Besonders, wenn sie in Grüppchen zusammenstanden, tuschelten und gackerten.

Zu seiner Erleichterung wandte sich die Blonde nun an Jensen. »Das war schrecklich gestern. Wir haben es nicht mehr rechtzeitig zurückgeschafft. Ein paar Brecher sind übers Deck. Es hat einiges Kleinholz an Bord gegeben.«

»Jo«, brummelte Jensen, »aber was treibt ihr euch auch bei so einem Schietwetter draußen rum?«

»Das Geschäft, Termine, es musste sein. Ich dachte, wir schaffen das noch. Aber was ich dich fragen wollte: Unser Löscher ist über Bord gegangen. Wenn den jemand findet und hier abgibt, sagst du mir Bescheid?« Sie klapperte bettelnd mit den Augendeckeln. »Es ist ein Mulciber P6JC Doppelplus. Vielleicht findet der sich noch, dann müssten wir keinen neuen kaufen. Wird schon teuer genug mit den Reparaturen. Vom Wind her könnte der gut auf Amrum angeschwemmt worden sein, wir waren nur eine halbe Meile vor dem Kniepsand. Wenn er natürlich südlich vorbeigetrieben wurde, finden wir ihn kaum wieder. Drück uns mal die Daumen.«

»Ich habe heute … Au!« Hantsch verstummte und rieb sich das Schienbein.

»Tschulligung«, grummelte Jensen. »Was für ein Heckmeck wegen so einem ollen Löscher. Ich hab doch jede Menge und mach dir auch einen guten Preis.«

»Auch ein guter Preis ist noch Geldausgabe. Ach, es wär schön, wenn wir den wiederbekämen.« In ihrer Stimme lag so viel Sehnsucht, als ginge es um ein Paar neue Schuhe.

»Komm, Madeleine, ihr habt doch wirklich Zaster genug. Aber ich bin ja nicht so. Hier hab ich einen P6JC Doppelplus. Der hat zwar 'ne Schramme, ist aber neu. Schenk ich dir. Und dann muss ich los, is schon spät.«

Jensen zerrte einen Karton hervor und stellte ihn der Frau vor die Füße. Die Verpackung war noch originalverschlossen und unbeschädigt.

Sie verzog unwillig den Mund.

Hantsch nahm all seinen Mut zusammen. »Aber ich habe doch heute Morg… Aua!«

Wieder brummte Jensen eine Entschuldigung.

Die Frau betrachtete erst ihn, dann Hantsch. »Was macht ihr da? Sie wollen mir doch irgendwas erzählen, nicht wahr?«

Unter ihrer direkten Ansprache sackte Hantsch noch ein Stückchen in sich zusammen. Er spürte an der Wärme, wie Röte aus seinem Hemdkragen aufstieg. Er stotterte. »Heute Morgen, da war … da war, also ich spazierte, ganz früh, war ich wach, da am … am …«

»Hat er mir alles schon erzählt …«, sagte Jensen laut.

»Du bist mal still.« Die Blonde brachte Jensen mit einem messerscharfen Blick zum Verstummen.

Seidenweich fragte sie Hantsch: »Nun erzähl mal. Wie heißt du eigentlich?«

»Ich? Also, ja, Hantsch. Da war ein Feuerlöscher, also der lag da, und ich, also, der liegt jetzt da im Regal. Aber da … da … da ist was drin.«

Ihre Augen versengten ihn. Hantsch spürte, wie alles an ihm schrumpelte. Wirklich alles.

»Ach, was du nicht sagst, Hantsch: Da ist was drin. Ja, was denn?« Ihre Stimme umschlich Hantsch wie ein Rudel Wölfe kurz vorm Zuschnappen.

»Rauschgift. Das hat Herr Jensen …«

Die Rechte der Blonden fuhr in ihre sportive Umhängetasche und förderte eine Pistole ans Licht. »Ihr habt es also beide gesehen. Gut. Nein, nicht gut. Was mache ich jetzt mit euch? Am besten fragen wir Katelbeck. Wir fahren nach Wittdün. Jetzt sofort.«

»Nee, nimm den ollen Löscher mit und gut. Wir vergessen das und ich muss …«

»Halt die Klappe, Jensen, dir trau ich nicht. Du bleibst hier hinten drin. Hantsch, du fährst. Du hast doch einen Führerschein, oder? Jensen, mach deine Taschen leer und gib Hantsch deine Jacke, dann fallen wir nicht so auf. Jensen, Schlüssel und Jacke. Den Löscher her und keine Zicken, sonst knallt's.«

Hantsch wagte keinen Widerspruch. Er zwängte sich in die Jacke, während die Blonde den zeternden Jensen einschloss, der immer wieder betonte, dass er so etwas von Maddelehne nicht gedacht hätte.

Da Hantsch nicht wusste, wie der Fahrersitz zurückgeschoben wurde, fummelten sie zu zweit daran herum, aber der Sitz ließ sich nicht bewegen. Er wurde von zwei aufgeschnittenen Feuerlöschern blockiert, die zwischen Lehne und Trennwand als Flaschenhalter dienten.

»Rein mit dir«, zischte Madeleine, »ziehst du eben die Beine an. Für den kurzen Weg geht das.«

Hantsch faltete sich ächzend zusammen. Die Knie musste er weit öffnen, damit das Lenkrad dazwischenpasste. Madeleine warf die Tür hinter ihm zu und stieg auf der anderen Seite ein. Den Feuerlöscher mit dem abgepackten Pulver stellte sie sich zwischen die Beine in den Fußraum.

Mit der Handtasche im Schoß und der Pistole, deren Mündung ziemlich genau auf die Brusttasche von Jensens Dienstkleidung zielte, befahl sie »Abfahren!«

Hantsch hatte seit der Fahrprüfung nicht mehr am Steuer gesessen, und das war kurz vor dem Wehrdienst gewesen. Außerdem war ihm die rote Jacke so eng und kurz, dass er beim Anschnallen Hilfe brauchte. Er konnte die Arme nicht richtig bewegen und fühlte sich wie eine Playmobilfigur. Zudem kniffen die Nähte ihn bei jeder Bewegung in den Achseln.

»Ich bin nicht so geschult … Vielleicht sollte Herr Jensen lieber …«, stotterte er, wobei er seinen Blick konsequent an Madeleine vorbeirichtete.

»Muss ich dir erst Beine machen, du Dummkopf? Los jetzt, bevor ich wirklich sauer werde.« Ihre Stimme erreichte die knirschende Schärfe eines Glasschneiders.

Hantschs große Füße suchten die richtigen Pedale, während er mit klatschnassen Händen zum Zündschlüssel griff.

Zweimal würgte er den Wagen ab, dann erst setzte er ihn in Bewegung, aber so holperig, als wären die Räder oval.

Madeleine stieß ihm die Pistole in die Rippen. »Was machst du denn? Kannst du nicht fahren? Reiß dich zusammen! Erst rechts, dann links um die Ecke, Richtung Wittdün. Gib Gas.«

Hantsch zuckte zusammen und gehorchte. Der Lieferwagen machte einen Satz, vor Schreck suchte sein Fuß die Bremse, landete jedoch auf dem Gaspedal. Mit brüllendem Motor und jammernden Reifen raste der Lieferwagen auf das Hafenbecken zu.

»Idiot, bremsen!«, schrie Madeleine mit sich überschlagender Stimme.

Hantschs Schuhsohle trampelte im Fußraum herum. Nach einer kurzen Verzögerung gab es einen aufheulenden Sprung und eine quietschend-knirschende Vollbremsung. Es knallte noch scharf und schmerzhaft, bevor es still wurde.

Vor der Motorhaube sah Hantsch kein Pflaster mehr. Links und rechts ragte je ein Schiffsrumpf auf, aber dazwischen glitzerte freies Wasser.

»Tut mir leid, das wollte ich nicht … Ich kann halt nicht so gut …«

Madeleine antwortete nicht. Vorsichtig sah Hantsch zu ihr rüber. Sie hatte sich über ihre Handtasche gebeugt, die Haare verdeckten ihr Gesicht.

»Ist was?«, flüsterte Hantsch, obwohl ihm das Reden schwerfiel.

Da keine Antwort kam, griff er zögernd rüber und schüttelte die Frau leicht an der Schulter. Ihr Oberkörper sackte zur Seite, das Gesicht wurde ein Stück entblößt. Ein dunkler Fleck auf der Stirn, von dem ein dünnes Rinnsal rot herablief, zeigte an, mit welchem Körperteil sie abgebremst worden war.

»Ich kann nichts dafür. Wenn Sie sich bloß angeschnallt hätten … Sind Sie etwa tot?«, flüsterte Hantsch.

Während er hilflos nach links und rechts über die menschenleere Mole spähte, fiel ihm wieder die Pistole ein.

Ihre Hände waren leer. Im Dunkel zwischen ihren Füßen konnte er, so sehr er sich auch bemühte, ebenfalls nichts erspähen.

Noch mal berühren wollte er sie keinesfalls. Fremde Frauen berührte er nur im alleräußersten Notfall und seit seine Mutter nicht mehr lebte, waren ihm alle Frauen fremd. Das galt selbst für tote Frauen, oder sogar erst recht.

Allmählich machte er sich seine Lage klar. Vielleicht war dieser durchtriebene Gnom, dieser Jensen, der es auf das Rauschgift abgesehen hatte, auch tot. Im Laderaum rührte sich jedenfalls nichts.

Hantsch atmete langsam fünfzehn Mal tief ein und aus. Dazu streckte er die Arme, so gut es ging. Vom Jackenrücken ertönte ein reißendes Geräusch. Danach konnte er sich etwas besser bewegen.

»Zur Polizeistation«, sagte Hantsch laut. »Ich fahre jetzt sofort zur Polizeistation. Ich habe nichts Unrechtes getan und alles wird sich aufklären. Vom Rauschgift wusste ich nichts und die beiden Toten sind ein bedauerlicher Unfall, an dem ich keine Schuld trage.«

Er wiederholte die Atemübung noch zwei Mal, bevor er den abgewürgten Wagen startete. Er fand den Rückwärtsgang nicht und musste probieren.

Dann ließ er die Kupplung vorsichtig kommen, der Lieferwagen ruckte, bewegte sich aber nicht. Er gab ein wenig Gas, die Motorhaube hob sich und die Reifen drehten durch.

Er sah nach der Handbremse. Sie war nicht angezogen.

Noch mal Gas, wieder hob sich die Motorhaube, Gummi schrie und ein vernehmliches Kratzen und Knirschen war zu hören.

»Den Poller kannst du nicht umfahren. Wenn du die Karre im Hafenbecken versenken willst, musst du dir eine andere Stelle suchen.« Mit den Worten drang eine Note von Teer, Tabak und ungewaschenen Lumpen durch das offene Seitenfenster herein.

Hantsch fuhr herum, wobei er einen Schreckensschrei nicht unterdrücken konnte. Ein schmutziger Kerl im Blaumann duckte seinen Kopf in Fensterhöhe.

»Nein, ich wollte nicht … Hab den Rückwärtsgang gesucht …«, stammelte Hantsch.

»Ist das nicht Petters Karre? Wo steckt der alte Fischkopp?«, meinte der Kerl.

»Ich … ich vertrete ihn heute …«

»Ach so? Ich hab dich noch nie gesehen.« Der Mann beugte sich tiefer ins Fenster. Auf Hantsch wirkte er wie Jensens Bruder im Geiste.

»Besoffen?« Der Mann nickte zu Madeleine rüber, die wieder so zusammengesunken war, dass ihr blutiges Gesicht verborgen blieb.

»Ähm, ich weiß nicht …«

»Wieso weißt du nicht? Was … Autsch.« Der Mann betrachtete verdutzt seine Hand, mit der er sich eben noch in der Fensteröffnung abgestützt hatte.

»Verdammich, die Scheibe ist ja in Dutt!«

Jetzt erst bemerkte Hantsch die Glasbrösel. Sie waren überall verstreut und knirschten auf der Fußmatte.

»Hier ist doch was faul«, knurrte der Mann und starrte Hantsch durchdringend an. »Düwel ook, wer bist denn du und warum hast du Petters Jacke an?«

Hantsch öffnete den Mund als Vorbereitung für die nun dringend erforderliche Ausrede. Ein Poltern aus dem Laderaum, gepaart mit Schlägen gegen das Wagenblech und Rufen, brachte ihn aus der Spur.

»Ich muss los!«, schrie Hantsch in höchster Panik. Seine Rechte zerrte am Schaltknüppel, seine Füße stemmten sich auf die Pedale.

Der Lieferwagen hoppelte rückwärts, gerade als der Mann seinen Arm auf der Suche nach dem Zündschlüssel weit zum Fenster reingestreckt hatte. Er wurde mitgerissen, ein Schmerzensschrei gellte, dann verschwand der Arm aus Hantschs Sichtfeld.

Das Wagenheck kollidierte mit einer der Bojen, die hinter ihnen, möhrenfarben und weiß, überall aufgereiht lagen.

Hantsch wühlte in der Schaltung, bis er einen Vorwärtsgang fand. Das Fahrzeug brauste los, die Richtung gerade noch gebändigt durch wildes Kurbeln am Lenkrad.

Von der Mole bog Hantsch scharf nach links entlang des Ufers ein. Ganz kurz konnte er noch einen Blick auf den Mann erhaschen, der, die Wollmütze in der Hand, schwerfällig auf die Beine kam.

Wenigstens habe ich den nicht auch noch überfahren, überlegte Hantsch. Jensen im Laderaum war offenbar ebenfalls noch am Leben. Also stellte die Tote neben ihm das einzige größere Problem dar, für das er sich irgendwie verantwortlich fühlte. Gemildert jedoch durch ihre Zugehörigkeit zu Verbrecherkreisen.

Hantsch ließ den Wagen nun gemächlich Richtung Hauptstraße rollen.

Sagte Jensen nicht, die Polizeistation befände sich in Nebel? Also würde er nun dorthin fahren, überlegte er.

Hinter dem Waldstück bog er in die Inselstraße ein und Jensen hämmerte wieder gegen die Trennwand zum Führerhaus. Dazu brüllte er, aber wegen des Fahrtwindrauschens durch das fehlende Seitenfenster konnte Hantsch kein Wort verstehen.

Nach ein paar Hundert Metern wurde es Hantsch zu viel, nervös wie er war. Bei einer Bushaltestelle lenkte er aufs Bankett und würgte den Motor ab, weil er das Auskuppeln vergaß.

Er meinte, es schadete nichts, wenn er Jensen aus dem Laderaum rausließe. Der konnte ihm helfen, die Tote, deren Anblick ihn ängstigte, zwischen die Feuerlöscher zu betten. Sie war schließlich ziemlich versessen auf einen davon gewesen.

Außerdem könnte ihm Jensen den Weg zur Polizei zeigen. Ans Steuer würde er ihn nicht lassen, da würde Jensen sicher nur Mätzchen probieren, und die Jacke könnte er auch loswerden.

Während all dieser Überlegungen schwoll der Radau weiter an. Es klang nun, als würde Jensen die Hecktüren traktieren, mit was auch immer.

Hantsch entfaltete sich aus dem Führerhaus. Zuerst streckte er sich noch ausgiebig, das erschien ihm dringend nötig. Außerdem wollte er diesen halbseidenen Gnom noch ein wenig büßen lassen.

Neben der Straße verlief ein breiter Radweg, der aussah, als sei er auf der Trasse einer alten Inselhauptstraße angelegt worden. An einem Tag wie heute, mit der steifen Brise aus Nordwest, lag er ziemlich verlassen. Der Autoverkehr zeigte sich ebenfalls spärlich. Hantsch war das alles nur recht, zum Beantworten neugieriger Fragen verspürte er wenig Neigung.

Mit dem Wagenschlüssel näherte er sich den Hecktüren.

»Sie können mit dem Getöse aufhören, ich lasse Sie raus«, rief Hantsch.

Jensen hielt wirklich inne, während Hantsch aufschloss.

Kaum war die Tür entriegelt, wurde sie aufgestoßen und knallte gegen seine Stirn. Hantsch torkelte zurück, gefolgt von Jensen, der ihn mit einem gezielten Schwinger zu Boden schickte.

Einige Minuten, in denen Jensen an ihm herumzerrte, fummelte und dabei fluchte, brauchte Hantsch, bis er wieder vollen Kontakt mit der Welt aufnehmen konnte. Oder vielmehr die Welt mit ihm, indem sie sich unangenehm feucht unter ihm bemerkbar machte.

Verwirrt stellte er fest, dass Jensen ihm die rote Dienstjacke vom Körper gezogen hatte und er im Hemd in einer regenfeuchten Sandkuhle lag. Hantsch setzte sich schwerfällig auf. Sein Kinn befühlend, hielt er vorsichtig Ausschau nach Jensen. Wer wusste schon, was sich dieser unberechenbare Wüstling noch alles herausnehmen würde, da wollte er lieber gewappnet sein.

»Komm her und hilf mir«, rief Jensen von der geöffneten Beifahrertür her, aus der er Madeleine ein Stück herausgezogen hatte.

Auf etwas unsicheren Beinen näherte sich Hantsch. »Musste das sein? Ich kann nichts für den Schlamassel.«

»Wer hat die Beulen ins Auto gemacht?«, schrie Jensen. »Und meine Jacke? Da ist hinten die halbe Naht auf. Warum musst du Riesenhornochse dich in meine Jacke zwängen?«

»Aber die Frau hat mich gezwungen …« Hantsch verstand die Vorwürfe nicht, er fühlte sich unschuldig. Eigentlich.

»Die hat ihren Teil wegbekommen. Wir müssen sie beiseiteschaffen. Nimm die Beine, wir legen sie hinten rein«, knurrte Jensen.

»Aber dürfen wir das wirklich?«, stammelte Hantsch.

»Die muss zack, zack verschwinden, pack an!«

Weil Hantsch es mit der Angst bekam, fügte er sich. Er hob die Frau an den Knöcheln an, während Jensen seine Arme unter ihren Achseln durchschob und vor ihrer Brust überkreuzte.

Hantsch bekam Herzrasen, ausgelöst durch den Hautkontakt, der durch ihre dünne Hose kaum gemindert wurde.

»Stell dich nicht so an, so schwer ist die nicht«, kommentierte Jensen Hantschs exaltiertes Geschnaufe.

Er wuchtete Madeleines Oberkörper grob zwischen die Regale und Werkzeuge. Der blonde Kopf schlug noch mal so kräftig auf das Bodenblech, dass Hantsch ein Schreckenslaut entfuhr und er die Beine fallen ließ.

»Pack an, Dösbaddel«, knurrte ihn Jensen an, griff gleich selber zu und schob die Tote weiter, während er leise vor sich hin fluchte.

Hantsch dagegen war wie gelähmt. Er starrte die Straße entlang, doch hauptsächlich ins Leere.

»Da kommt endlich die Polizei«, seufzte er, als ein blau-grauer Wagen in Sicht kam.

»Schaapschiet!«, brüllte Jensen. In äußerster Hektik drückte er noch Madeleines Füße in den Laderaum, riss Kartons mit Löschern aus den Regalen, die er über ihre Leiche warf, und schmiss noch die rote Arbeitsjacke darüber. Gerade als der Streifenwagen an ihnen vorbeirollte, knallte Jensen die Hecktüren zu.

Der Streifenwagen bremste scharf ab, drehte in einem ruppigen U-Turn um und rollte heran. Ein Polizist mit kurzem Blondhaar stieg aus.

»Moin, Jensen«, sagte er, »ist alles in Ordnung?«

»Moin, Michi, alles klar. Ich muss gleich weiter«, erwiderte Jensen.

Hantsch beobachtete die beiden mit offen stehendem Mund.

»Wir haben einen Anruf bekommen, dass du im Tonnenhafen einen Poller und eine Boje gerammt hast«, brummte der Polizist halb amtlich und halb amüsiert. »Stimmt doch, oder?« Er kam näher und inspizierte das Wagenheck.

»Nur ein paar Kratzer, nix Schlimmes«, nuschelte Jensen.

»Die Seitenscheibe wäre auch kaputt, hat es geheißen. Wie ist denn das gekommen?«

Der Polizist äugte die Wagenseite entlang.

»Ich war das, Herr Wachtmeister«, sagte Hantsch, »nur für die Scheibe kann ich nichts, das ist, weil die Frau …«

»Mein Kumpel hier ist gefahren, aber er kennt sich nicht so gut aus«, krähte Jensen hastig dazwischen.

»Gut, das ist eure Sache. In der Meldung hieß es aber auch, eine betrunkene oder bewusstlose Frau säße im Auto«, sagte der Beamte. »Wo ist die?«